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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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47. Kapitel

Zum Mittagessen erschien Mathilde nicht. Abends kam sie einen Augenblick in den Salon, hatte aber keine Augen für Julian. Das dünkte ihn sonderbar; doch sagte er sich: »Ich kenne ihre Gewohnheiten nicht. Sie wird mir ihr Verhalten gelegentlich erklären.« Immerhin war er äußerst neugierig und musterte ihre Mienen mit prüfenden Blicken. Sie sah unverkennbar hart und bös aus. Sichtlich war sie nicht mehr das Weib, das in der vergangenen Nacht die seligsten Wonnen empfunden oder zu empfinden geheuchelt hatte. Ihre Ekstase kam ihm hinterher als zu ungeheuer vor, um wahr zu sein.

Am nächsten und am übernächsten Tage sah er sich der nämlichen Kälte gegenüber. Sie blickte ihn keinmal an und nahm von seiner Anwesenheit keine Notiz. Julian wurde von brennender Ungewißheit verzehrt. Das Siegergefühl, das ihn am ersten Tage beseelt hatte, verflog gründlich. »Sollte sie zur Tugend zurückgekehrt sein?« fragte er sich. »Nein, die stolze Mathilde ist keine Spießbürgerin! Im Grunde ist sie nicht fromm. Sie sieht in der Kirche eine nützliche Einrichtung zur Erhaltung des Adels. Aber könnte sie die begangene Sünde nicht einfach aus Schamgefühl bereuen?« Julian war überzeugt, ihr erster Liebhaber zu sein.

Dann wiederum sagte er sich: »Es ist nicht im geringsten Naives, Schlichtes, Zärtliches in ihrem Benehmen. Sie ist hochmütiger denn je. Verachtet sie mich? Es sollte mich nicht wundern, wenn sie voll Reue wäre, nur weil ich ein Plebejer bin.«

Er verlor sich in literarische Reminiszenzen und in Erinnerungen an Verrières. Während er der Vision einer zärtlichen Geliebten nachhing, die von der Stunde an, da sie den Erkorenen beglückt hat, ihre eigene Existenz vergißt, grollte ihm Mathilde aus Eigenliebe.

Da sie sich seit acht Wochen kaum mehr langweilte, hatte sie auch keine Furcht mehr vor der Langenweile. Dadurch hatte Julian völlig ahnungslos seinen größten Vorteil verloren.

»Ich habe einen Herrn über mich gesetzt!« sagte sie sich in düsterster Melancholie. »Er ist zwar voll Ehrgefühl, – gut! – aber wenn ich seine Eitelkeit aufs äußerste reize, wird er aus Rache die Art unseres Verhältnisses ausplaudern ...«

Sie hatte noch nie einen Geliebten gehabt. Aber gerade an dem Punkte des Lebens, wo selbst die dürrsten Seelen holde Illusionen hegen, war sie den qualvollsten Gedanken preisgegeben.

»Er hat Riesengewalt über mich, weil er mich durch Schreck und Angst regiert und mich furchtbar strafen kann, wenn ich ihn tödlich verletze.«

Der Gedanke reizte sie; sofort nahm sie sich vor, ihm Schimpf anzutun. Der Grundzug ihres Charakters war Tollkühnheit. Mit ihrer Existenz wagehalsig zu spielen machte sie rege und vertrieb ihr die Langeweile, die sie manchmal wieder verspürte.

Als sich Julian auch am dritten Tage keines Blickes von ihr gewürdigt sah, folgte er ihr nach der Mittagstafel in das Billardzimmer, obgleich er wohl merkte, daß sie es nicht wünschte.

Mit unverhohlenem Zorn fuhr sie ihn an: »Herr Sorel, Sie bilden sich wohl ein, wunder welche Rechte über mich zu haben? Sie wollen mich sprechen, obgleich ich es Ihnen deutlich genug zeige, daß ich es nicht will. Wissen Sie, daß sich das mir gegenüber noch niemand herausgenommen hat!«

Die darauf folgende Aussprache des Liebespaares war spaßhaft anzusehen. Ohne es zu ahnen, waren sie von starkem Haß gegeneinander erfüllt. Da keines geduldigen Gemüts war und sie beide obendrein an den herkömmlichen Gewohnheiten der guten Gesellschaft hafteten, so dauerte es nicht lange, bis sie sich klipp und klar erklärten, daß sie für immerdar miteinander gebrochen hätten.

»Ich schwöre Ihnen ewige Verschwiegenheit«, beteuerte Julian. »Am liebsten möchte ich Ihnen sogar schwören, nie wieder mit Ihnen zu sprechen. Aber ein so auffälliges verändertes Benehmen von mir müßte Sie bloßstellen.«

Er verneigte sich ehrerbietig und verschwand.

Damit vollzog er ohne besondre Selbstüberwindung, was er für seine Pflicht erachtete. Er dachte nicht im geringsten daran, daß er in Mathilde verliebt sein könnte. Unzweifelhaft hatte er sie vor drei Tagen, als er im Mahagonischrank stak, nicht geliebt. Aber sein Seelenzustand änderte sich mit einem Schlage, wie er sich von Mathilde für allezeit geschieden sah.

Zu seiner Qual führte ihm sein Gedächtnis bis in die winzigsten Kleinigkeiten jene Liebesnacht wieder vor, die ihn während der Wirklichkeit so kalt gelassen hatte. Schon in der ersten Nacht nach ihrer Entzweiung glaubte Julian verrückt zu werden. Er mußte sich eingestehen, daß er Fräulein von La Mole liebte. Dieser Entdeckung folgten furchtbare seelische Kämpfe. Sein Innenleben war gründlichst aus dem Gleichgewicht.

Am dritten Tage konnte er sich kaum davon zurückhalten, Herrn von Croisenois unter Aufgabe allen Stolzes weinend um den Hals zu fallen.

Im weiteren Laufe seines Herzeleids fiel ein Strahl von Vernunft in seine Seele. Er entschloß sich, nach dem Languedoc zu reisen, packte seinen Koffer und ging zur Posthalterei. Als er dort vernahm, daß ganz zufälligerweise ein Platz in der Post nach Toulouse für den nächsten Tag frei war, brach er beinahe zusammen. Er bestellte ihn und begab sich wieder nach dem Hotel de La Mole, um dem Marquis seine Abreise zu vermelden.

Herr von La Mole war ausgegangen. Mehr tot als lebendig begab sich Julian nach der Bibliothek, um dort zu warten. Er verlor seine Sinne, als er daselbst Mathilde fand.

Als sie ihn eintreten sah, zog sie eine niederträchtige Miene, die nicht mißzuverstehen war. Verleitet durch sein Unglück und durch die Überraschung bestürzt, war Julian so schwach, sie im zärtlichsten, innigsten Tone zu fragen: »Sie lieben mich also nicht mehr?«

»Ich ekle mich vor mir, weil ich mich dem ersten besten hingegeben habe!« erwiderte Mathilde. In der Wut über sich selbst traten ihr Tränen in die Augen.

»Dem ersten besten!« schrie Julian und riß einen alten Degen von der Wand, der dort als mittelalterliche Antiquität hing. Er wähnte Tränen der Scham zu sehen. Das verhundertfachte seinen Schmerz, der ihm im Augenblicke, wo er Mathilden ansprach, schon grenzenlos erschienen war. Imstande zu sein, sie zu töten, wäre ihm das höchste Erdenglück gewesen. Der Degen ließ sich nur mit Mühe aus der Scheide ziehen.

Hoheitsvoll trat Mathilde ihm entgegen. Die Neuheit des Erlebnisses entzückte sie. Ihre Tränen waren versiegt.

Mit einem Male fiel ihm ein, daß er die Tochter seines Wohltäters vor sich hatte. »Ich seine Tochter töten? Grauenhaft!« rief er sich im Geiste zu und war eben im Begriffe, den Degen in die Ecke zu werfen. »Nur keine Operettengeste! Sie würde mich auslachen!«

Wieder voll bei Verstande, betrachtete er die Klinge sorgsam, als suche er Rostflecke darauf. Dann steckte er sie in die Scheide und hängte die Waffe mit der größten Ruhe an den vergoldeten Haken an der Wand.

Die ganze, gegen Ende langsame Szene hatte keine Minute gedauert. Mathilde sah Julian erstaunt an.

»Um ein Haar wäre ich also von meinem Liebhaber ermordet worden!« jubelte sie sich zu. Der Gedanke versetzte sie in die schönsten Zeiten Karls IX. und Heinrichs III. Unbeweglich stand sie vor Julian. Es lag nicht der geringste Haß mehr in ihrem Blicke. In diesem Augenblick sah sie verführerisch aus, ganz und gar nicht wie eine Pariser Puppe. (Das war der größte Vorwurf, den Julian den Pariserinnen machte.)

»Ich werde mich von neuem schwach gegen ihn zeigen«, befürchtete Mathilde. »Dann wird er sich erst recht für meinen Herrn und Gebieter halten.«

Sie entfloh.

»Bei Gott, sie ist wunderschön!« dachte Julian, als er sie enteilen sah. »Und dieses Geschöpf hat vor noch nicht acht Tagen liebestoll in meinen Armen gelegen! Ach, diese Stunden werden niemals wiederkehren! Und ich bin selber schuld daran! Im Augenblicke eines so großen seltsamen Erlebnisses war ich dafür unempfänglich... Ich muß gestehen: ich bin ein unseliger Alltagsmensch!«

Der Marquis erschien. Julian beeilte sich, ihm seine Abreise zu melden.

»Wohin?« fragte Herr von La Mole.

»Nach dem Languedoc.«

»Lassen Sie das, wenn ich bitten darf! Ich habe eine andre wichtigere Mission für Sie. Wenn es soweit ist, sollen Sie nach Norden gehen. Ja, militärisch ausgedrückt, erteile ich Ihnen sogar Stubenarrest. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie das Haus nie länger als zwei bis drei Stunden verlassen wollten. Ich kann Ihrer in jedem Augenblick bedürfen.«

Julian verbeugte sich und zog sich, ohne ein Wort zu sagen, zurück. Der Marquis sah ihm verwundert nach.

Julian war nicht imstande zu reden. Er schloß sich in sein Zimmer ein. Dort grübelte er fassungslos über sein bitteres Schicksal nach.

»Großer Gott!« klagte er. »Nicht einmal fort kann ich. Wer weiß, wie lange ich noch hier in Paris bleiben muß. Und ich habe keinen Freund, den ich um Rat fragen könnte!

Ich werde verrückt! Ich fühle es, ich werde verrückt. Wer steht mir bei? Was soll aus mir werden?«

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