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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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46. Kapitel

Julian war im Begriffe, seinen Brief an Fouqué zu widerrufen, da schlug es elf Uhr. Geräuschvoll schloß er seine Türe, als riegele er sich ein. Dann schlich er wie ein Fuchs hinaus, um zu erkunden, was im Hause vor sich ging, besonders im obersten Stock, wo die Dienstboten wohnten. Er fand nichts von Belang. Eine von Mathildens Jungfern gab eine kleine Gesellschaft. Man saß vergnügt beim Punsch. »Wer so lacht«, dachte Julian bei sich, »ist an keinem Anschlag für diese Nacht beteiligt. Da wäre man ernster!«

Schließlich begab er sich hinunter in den Garten und verbarg sich in einem dunklen Winkel. »Wenn meine Gegner die Sache vor den Dienstboten geheimhalten, so müssen die Leute, die mich überrumpeln sollen, über die Gartenmauer kommen!« Er lauerte wie eine Vedette auf ihrem Posten. »Meine Ehre steht auf dem Spiele!« sagte er sich. »Wenn ich eine Dummheit mache, so ist es für mich keine Entschuldigung, wenn ich mir sage: Daran hatte ich nicht gedacht!«

Die Nacht war zum Verzweifeln hell. Gegen elf Uhr war der Mond aufgegangen. Halb eins lag sein Licht voll auf der Gartenfassade des Hauses.

»Mathilde ist toll!« sagte sich Julian, als es ein Uhr schlug. Norberts Fenster waren noch erleuchtet. In seinem ganzen Leben hatte sich Julian noch nie so gefürchtet. Er sah vor sich alle Gefahren seines Vorhabens, ohne daß er die geringste Begeisterung zur Tat in sich spürte. Er nahm die große Leiter zur Hand und wartete so fünf Minuten, um Mathilden Zeit für einen etwaigen Gegenbefehl zu lassen. Fünf Minuten nach eins legte er die Leiter unter ihrem Fenster an. Leise stieg er hinauf, eine Pistole in der Hand und höchst erstaunt, daß kein Angriff auf ihn erfolgte. Als er oben am Fenster anlangte, öffnete es sich geräuschlos.

»Da sind Sie ja, Herr Sorel!« flüsterte Mathilde, von der Seltsamkeit des Augenblicks ergriffen. »Seit einer Stunde beobachte ich Ihre Bewegungen.«

Julian war sehr verlegen. Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte. Er fühlte sich nicht im mindesten verliebt. In seiner Befangenheit glaubte er, dreist sein zu müssen, und so machte er den Versuch, Mathilde zu küssen.

»Pfui!« rief sie und stieß ihn zurück.

Höchlichst zufrieden, eine Abweisung bekommen zu haben, hielt er Umschau. Der Mond schien so grell, daß die Schatten in Mathildens Zimmer tiefschwarz aussahen. »Es kann da sehr wohl jemand versteckt sein, ohne daß ich es sehe!« dachte er.

»Was haben Sie da in Ihrer Rocktasche?« fragte Mathilde, froh, einen Gesprächsstoff gefunden zu haben. Es war ihr sonderbar bang zumute. Die in einem jungen Mädchen aus guter Familie starken Gefühle der Zurückhaltung und Zaghaftigkeit hatten sie wieder gepackt und bereiteten ihr Qual und Pein.

»Ich habe einen Dolch und ein paar Pistolen mitgebracht«, erwiderte Julian, nicht minder zufrieden, etwas sagen zu können.

»Die Leiter muß weg!« erklärte Mathilde.

»Sie ist riesig groß. Daß sie nur nicht die Fenster unten im Salon oder im Zwischenstock einschlägt!«

»Das läßt sich verhindern«, meinte Mathilde, die sich vergeblich Mühe gab, den gewöhnlichen Plauderton zu treffen. »Sie lassen die Leiter am besten hinunter, wenn Sie um die oberste Sprosse einen langen Strick legen. Ich habe immer derlei da.«

»Das will ein verliebtes Weib sein!« dachte Julian. »Sie wagt von Liebe zu reden, während mir ihre Kaltblütigkeit und ihre klugen Vorsichtsmaßregeln deutlich beweisen, daß ich über Croisenois nicht so triumphiere, wie ich Narr mir einbildete! Ich werde ganz einfach sein Nachfolger sein. Aber schließlich, was ficht mich das an? Liebe ich sie denn? Ich schlage den Marquis in einer Weise aus dem Felde, daß er sich wütend ärgern wird, von einem andern verdrängt und gerade von mir verdrängt worden zu sein. Wie hochmütig hat er mich gestern im Café Tortoni angeschaut, sich stellend, als erkenne er mich nicht. Und wie boshaft hat er mich schließlich gegrüßt, als er sich dazu genötigt sah!«

Julian hatte den Strick um die oberste Sprosse gewickelt und ließ die Leiter behutsam zur Erde nieder. Er lehnte sich dabei weit über das Fenstergeländer hinaus. »Wenn in Mathildens Zimmer jemand verborgen wäre, so hätte er jetzt die schönste Gelegenheit, mich hinunterzustürzen!« Aber alles ringsum verharrte im tiefsten Schweigen.

Die Leiter kam zur Erde nieder, und Julian gelang es, sie in ein Beet mit fremdländischen Blumen zu legen, das sich an der Mauer hinzog.

»Meine Mutter wird außer sich sein, wenn sie sieht, daß ihre schönen Blumen niedergetreten sind«, sagte Mathilde, und kaltblütig fügte sie hinzu: »Werfen Sie den Strick nach! Wenn man ihn vom Fenstergeländer herabhängen sieht, wäre das ein rätselhaft Ding!«

»Wie soll ich dann aber wieder hinunterkommen?« fragte Julian in scherzendem Tone, indem er die Sprechweise eines der Dienstmädchen des Hauses nachäffte, einer Kreolin aus Sankt Domingo.

»Durch die Türe!« entgegnete sie belustigt. Insgeheim dachte sie: »Dieser Mann ist meiner ganzen Liebe würdig!«

Julian warf den Strick hinab in den Garten. Da faßte ihn Mathilde am Arm. Er wähnte, es packe ihn ein Feind. Er wandte sich jäh und griff nach seinem Dolche. Mathilde hatte das Geräusch eines sich öffnenden Fensters zu hören vermeint. Unbeweglich, ohne zu atmen, horchten sie beide. Der Mondenschein lag voll auf ihnen. Alles blieb still. Die Besorgnis verflog.

Von neuem verfielen beide in Verlegenheit. Julian vergewisserte sich, daß die Tür ordentlich verriegelt war. Am liebsten hätte er unter das Bett gesehen. Er wagte es nicht. Ob da nicht ein paar Lakaien darunter steckten? Schließlich aber sah er aus Furcht, er könne sich später Selbstvorwürfe hierüber machen, doch nach.

Mathilde war die Beute der größten Zaghaftigkeit. Die Lage, in die sie sich gebracht, war ihr gräßlich.

»Was haben Sie mit meinen Briefen gemacht?« fragte sie, um irgend etwas zu sagen.

»Ich habe sie mit der Post weit weg geschickt...«

Er sagte dies so laut, daß die Personen, die etwa in den beiden großen Mahagonischränken versteckt waren, es hätten hören müssen. Er wagte nicht, auch darin nachzusehen.

»Du mein Gott, wozu alle diese Vorsichtsmaßnahmen?« fragte Mathilde erschrocken.

»Warum soll ich lügen?« dachte er und gestand seinen Verdacht.

»Daher bist du in deinen Briefen so kalt?« rief sie laut aus, mehr im Tone toller Überschwenglichkeit denn zärtlicher Liebe. Der kaum merkliche Unterschied entging Julian. Das Du raubte ihm allen Verstand. Zum mindesten erlosch sein Verdacht. Jetzt wagte er, seinen Respekt zu überwinden und das schöne Mädchen in seine Arme zu schließen. Er fand kaum Widerstand.

Wie damals in Besançon bei Amanda mußte ihm sein Gedächtnis aus der Verlegenheit helfen. Er sagte etliche der schönsten Stellen aus Rousseaus Neuer Heloise her.

Ohne viel auf seine Worte zu hören, sagte ihm Mathilde: »Du bist ein wahrer Mann! Ich wollte deinen Mut auf die Probe stellen. Ich gestehe es ein. Bei solchem Argwohn ist deine Tat noch unerschrockener, als ich glaubte.«

Es fiel ihr nicht leicht, ihn du zu nennen. Dies ihr ungewohnte Du beschäftigte ihre Gedanken mehr als der Sinn dessen, was sie sagte. Da dieses Du alles andre als zärtlich klang, machte es Julian keineswegs Freude. Verwundert, daß er sich nicht glücklich fühlte, und willens, es zu sein, nahm er seine Zuflucht zur Überlegung. Zweifellos durfte er sich von dieser so stolzen jungen Dame, die nie etwas ohne Einschränkung zu loben pflegte, hochgeschätzt sehen. Indem er sich dies klarmachte, empfand er das Glück der Eigenliebe. Das war freilich nicht jene überirdische Wollust, die er bisweilen bei Frau von Rênal empfunden hatte. In den Gefühlen seines jungen Sieges lebte und webte keine Zärtlichkeit. Sein Ehrgeiz war im höchsten Grade befriedigt, und ehrgeizig war Julian vor allem. Von neuem sprach er von seinem Verdacht und seinen Maßregeln, und während er redete, sann er nach, auf welche Weise er seinen Sieg ausnutzen könnte.

Mathilde war noch arg verlegen und noch ganz im Banne des eben Geschehenen. Sichtlich erfreut ging sie auf sein Gespräch ein. Und so erörterten sie, wie und auf welche Weise sie sich wiedersehen könnten. Voll Wonne ließ Julian abermals seine geistige Überlegenheit und seinen hohen Mut aus seinen Worten leuchten. Die Liebenden hatten sich vor scharfsichtigen Leuten zu hüten. Der kleine Tanbeau war sicherlich ein Verräter. Aber Mathilde und Julian waren auch nicht einfältig. Das einfachste war schließlich, sich in der Bibliothek zu treffen und dort alles Weitere zu verabreden.

»Ich kann mich in allen Räumen des Hauses blicken lassen, ohne Verdacht zu erregen«, sagte Julian, »ich glaube sogar im Schlafzimmer deiner Mutter.« Um in Mathildens Schlafgemach, zu gelangen, mußte man nämlich durch das der Marquise. »Aber wenn du es lieber hast, daß ich auf der Leiter komme, so unterziehe ich mich frohgemut dieser kleinen Gefahr.«

Wie ihn Mathilde dies sagen hörte, ward sie durch den triumphierenden Ton unangenehm berührt.

»Ist er denn mein Gebieter?« fragte sie sich. Alsbald war sie eine Beute der Reue. In voller Vernunft schauderte sie vor der unglaublichen Torheit, die sie begangen hatte. Am liebsten hätte sie in diesem Augenblick sich und Julian vernichtet. Als sie ihre Gewissensbisse mit aller Gewalt wieder bezwungen hatte, fühlte sie sich tiefunglücklich, aus Scheu und schmerzlicher Scham.

»Reden muß ich aber doch mit ihm«, sagte sie sich schließlich. »Es gehört sich, daß man mit seinem Geliebten plaudert.«

Nunmehr beichtete sie ihm aus Pflichtgefühl und unter Zärtlichkeiten, die allerdings mehr in den Worten als im Klange ihrer Stimme lagen, die schwankende Stimmung, in der sie in den letzten Tagen gelebt hatte.

Es sei ihr fester Entschluß gewesen, sich ihm ganz zu eigen zu geben, falls er den Mut hätte, auf der Leiter zu ihr zu kommen. Sie gestand ihm dies; aber nie sind vertraute Liebesdinge so kühl und höflich gesagt worden. Immer noch wehte um das Stelldichein Gletscherkälte, in der eher Haß als Liebe gedieh. In dieser Luft mußte die Moral über die jugendliche Unbesonnenheit siegen. Und das sollte der Lohn für eine geopferte Zukunft sein?

Mathilde kämpfte einen langen Kampf mit sich. Der Haß klopfte an die Pforte ihres Herzens. So sehr wehrt sich die Gefühlswelt eines Weibes gegen den eigenen festen Willen. Aber am Ende wurde sie Julians freudige Geliebte.

Und doch war ihre Hingabe immer noch ein wenig gewollt. Ihre Liebesleidenschaft war eine Nachahmung eines phantastischen Vorbildes, keine ganz echte Wirklichkeit. Mathilde glaubte, sich selbst wie ihrem Geliebten gegenüber eine Pflicht erfüllen zu müssen. »Der arme Junge«, sagte sie sich, »hat sich tadellos tapfer gezeigt. Er muß beglückt werden, oder ich habe wenig Charakter!« Trotzdem wäre sie bereit gewesen, sich gegen ewiges Leid aus ihrer Zwangslage loszukaufen.

So gräßliche Gewalt sie sich auch antat: sie blieb Herrin ihrer Worte. Kein Ausdruck der Reue und kein Vorwurf trübte die Nacht, die Julian eher seltsam denn glücklich dünkte. »Wie anders waren die letzten vierundzwanzig Stunden in Verrières!« dachte er. »In so vollendeter Kultur erstirbt also auch die Liebe ...«, wähnte er in seiner grenzenlosen Ungerechtigkeit zu erkennen.

Solchen Betrachtungen überließ er sich, als er in einem der beiden großen Mahagonischränke stak, wo er sich am Morgen verbergen mußte. Mathilde ging mit ihrer Mutter zur Messe.

Sobald die Kammerjungfer das Zimmer auf eine Weile verließ, gelang es Julian ohne Schwierigkeit hinauszuschlüpfen.

Er ließ sich ein Pferd geben und ritt in die einsamsten Waldwinkel, die es um Paris gibt. Er war mehr erstaunt als glücklich. Wenn er es minutenlang war, so war das Glück, das seine Seele durchzog, ähnlich dem Glücke eines jungen Leutnants, der zum Lohne für eine besondere Heldentat mit einem Sprung zum Obersten befördert worden ist. Er kam sich wie auf schwindelnder Höhe vor. Alles, was gestern noch hoch über ihm gestanden hatte, war mit einem Male seinesgleichen oder gar unter ihm.

Je weiter er ritt, um so mehr wuchs langsam sein Glück.

Daß Mathildens Seele aller Zärtlichkeit ledig geblieben war, lag daran, daß sie unter der Zwangsvorstellung litt, Julian gegenüber eine Pflicht zu erfüllen. Was auch in dieser Nacht geschehen war, ihr hatte sie nichts Unvorhergesehenes gebracht, mit Ausnahme des Leids und der Scham, die sie statt der in den Romanen so viel gepriesenen Glückseligkeit gefunden hatte.

»Sollte ich mich getäuscht haben?« fragte sie sich. »Am Ende liebe ich Julian gar nicht?«

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