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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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45. Kapitel

»Die Sache wird ernst!« sagte sich Julian und wurde nachdenklich. »Aber ich falle nicht darauf hinein. Das holde Fräulein kann mich in voller Freiheit in der Bibliothek sprechen. Der Marquis kommt nie dahin, aus Angst, ich könne ihm Geschäftsbücher vorlegen. Er und Graf Norbert, die einzigen Menschen, die diesen Raum überhaupt betreten, sind fast den ganzen Tag außer dem Hause. Man kann leicht aufpassen, wann sie heimkehren. Und da verlangt die erhabene Mathilde, der ein regierender Fürst noch zuwenig wäre, ich solle die tollste Unvorsichtigkeit begehen!

Es ist klar, man will mich zum Narren halten oder ins Verderben stürzen. Erst sollten mich meine Briefe zugrunde richten. Ich war zu vorsichtig. Jetzt suchen sie mich zu einer Tat zu verleiten, die niemand mißdeuten kann. Aber diese lieben Leutchen halten mich doch für gar zu dumm oder gar zu eitel. Teufel noch einmal! Bei hellichtem Mondschein auf einer Leiter sieben Meter hoch in den ersten Stock hinaufklettern, damit mich alle Welt, sogar in den Nachbarhäusern, sieht! Das wird ein Schauspiel ohnegleichen!«

Er ging auf sein Zimmer und packte, dabei pfeifend, seinen Koffer. Er war entschlossen abzureisen, ohne überhaupt zu antworten.

Aber dieser weise Entschluß brachte seinem Herzen keinen Frieden. Als sein Koffer zugemacht war, sagte er sich plötzlich: »Wenn Mathilde nun aber kein falsches Spiel treibt, dann bin ich in ihren Augen ein kompletter Feigling! Ich bin kein Aristokrat von Geburt; somit muß ich große Eigenschaften besitzen, und zwar ordentlich und ehrlich, nicht bloß auf einem geschmeichelten Bilde. Und ich muß sie durch eine drastische Tat beweisen ...«

So grübelte er eine Viertelstunde lang. »Warum soll ich mir etwas vorlügen?« sagte er sich endlich. »Ich werde in ihren Augen ein Feigling sein. Damit verliere ich nicht nur den Stern der ersten Gesellschaft – wie man sie neulich auf dem Ballfeste des Herzogs von Retz genannt hat –, sondern auch die Götterfreude, mich dem Marquis von Croisenois vorgezogen zu sehen, dem Sohne eines Herzogs und selber künftigem Herzog, übrigens ist er ein reizender junger Herr, der so manche Eigenschaft besitzt, die mir abgeht, wie hohe Geburt, großes Vermögen, unbedingte gesellschaftliche Gewandtheit. Mein Leben lang wird die Reue an mir nagen, nicht Mathildens wegen ... Es gibt ja Weiber die schwere Menge! Aber es gibt nur eine Ehre! Unleugbar, ich verzage vor der ersten wirklichen Gefahr, die mir in meinem Dasein entgegentritt! Denn das Duell mit Beauvaisis ist nicht der Rede wert. Hier drohen ganz andre Gefahren. Ich kann von einem Diener niedergeknallt werden. Aber selbst das ist nicht das schlimmste. Ich kann meiner Ehre verlustig gehen!«

Er hörte nicht auf nachzudenken, während er nervös im Zimmer auf und ab schritt und von Zeit zu Zeit haltmachte. Es stand da eine prächtige Marmorbüste Richelieus. Unwillkürlich blieb Julians Blick auf ihr haften. Es war ihm, als sähe ihn der Kardinal streng an, als würfe er ihm Mangel an Mut vor, das heißt Mangel an dem, was jedem Franzosen angeboren sein soll.

»Zu deiner Zeit hätte ich kaum gezögert, großer Mann!« rief ihm Julian zu.

Endlich sagte er sich: »Nehmen wir einmal das Schlimmste an: ich stünde hier tatsächlich vor einer Falle, so würde Fräulein von La Mole auf das unerhörteste bloßgestellt. Niemand leistet Gewähr, daß ich meinen Mund halte. Folglich müßte man mich umbringen. Derlei ließ sich Anno 1574, zur Zeit des Bonifaz von La Mole, bequem machen. Heutzutage wagt das niemand. Auch keiner derer von La Mole. Die Menschen sind nicht mehr die von damals. Mathilde hat tausend Neiderinnen und Feinde. Morgen schon verkünden vierhundert Salons ihre Schande – und mit Wonne! Die Dienerschaft klatscht sowieso schon über die mir offenkundig zuteil gewordenen Beweise ihrer Gunst. Ich weiß das. Ich habe es hören müssen...

Ich hätte es mit zwei, drei, vier Männern zu tun. Was weiß ich? Aber wo bekommen sie diese Männer her? Wo gibt es in Paris todzuverlässige Untergebene? Man hat Angst vor der Justiz ... Schließlich handeln sie in Person: Caylus, Croisenois und Luz! Sie wollen sich den Spaß nicht entgehen lassen, mein dummes Gesicht zu sehen, wenn sie mich überrumpeln ... Achtung vor dem Schicksal Abálards, Herr Sekretär! Beim Teufel, ich werde euch heimleuchten! Ich steche ins Gesicht wie Cäsars Soldaten bei Pharsalos!

Und dann habe ich doch Mathildens Briefe! Ich kann sie an einen sicheren Ort bringen –«

Julian siegelte sie ein und adressierte sie an seinen Freund Fouqué. Dann trug er die Sendung selbst zur Post.

Als er zurückkam, war er überrascht und erschrocken. »Das ist ja alles Wahnsinn!« sagte er sich. Er hatte eine Viertelstunde nicht an die kommende Nacht gedacht. »Wenn ich mich um die Sache drücke, werde ich nie wieder Respekt vor mir selber haben! Mein Leben lang werde ich im Zweifel sein, ob ich dieser Tat gewachsen war – Und wie ich mich kenne, wäre solch ein Zweifel mein gräßlichstes Unglück.

Habe ich das nicht in Besançon erfahren, nach dem Vorfall mit Amandas Liebhaber? Ich bin überzeugt, eher würde ich mir ein regelrechtes Verbrechen verzeihen. Wenn ich es mir einmal vorgehalten hätte, dächte ich nie wieder daran. Ich habe einen Rivalen mit einem der glänzendsten Namen Frankreichs, und ich räume ihm von selber das Feld? Ich gestehe ihm leichten Herzens meine Inferiorität ein? Nein, es wäre Feigheit, wenn ich nicht hinginge! Dieses Wort entscheidet alles!

Er sprang auf. »Und dann, wie hübsch ist Mathilde! Wenn es kein Verrat ist, dann begeht sie für mich eine Tollheit. Ist es aber eine Mystifikation, bei Gott, meine Herren, dann steht es bei mir, aus Scherz Ernst zu machen. Dafür werde ich sorgen!«

Er prüfte seine beiden Taschenpistolen und setzte neue Zündhütchen auf, obwohl die alten noch brauchbar waren.

Er hatte noch viele Stunden vor sich. Um sich zu beschäftigen, schrieb Julian folgendes an Fouqué:

»Lieber Freund!
öffne die Anlage zu diesem Briefe nur im Notfalle, wenn Du erfährst, daß mir etwas Ungewöhnliches zugestoßen ist! Sodann streiche die Eigennamen im beiliegenden Manuskript aus und fertige acht Abschriften davon an, die Du an die Zeitungen von Marseille, Bordeaux, Lyon, Brüssel usw. versendest. Zehn Tage später läßt Du das Manuskript drucken und schickst das erste Exemplar an Herrn Marquis von La Mole. Nach weiteren vierzehn Tagen streust Du die übrigen Exemplare nachts in den Straßen von Verrières aus.«

Diese in die Form einer Erzählung gekleidete Rechtfertigungsschrift, die Fouqué nur im Notfalle öffnen sollte, war von Julian so abgefaßt, daß seine Lage unter möglichster Schonung des Fräuleins von La Mole anschaulich geschildert war.

Julian hatte das Paket gerade fertig, als es zu Tisch läutete. Julian bekam Herzklopfen.

Von neuem erfüllten ihn tragische Ahnungen. Schon sah er sich von Lakaien ergriffen, gefesselt und mit einem Knebel im Munde in den Keller geschleppt. Dort wurde er von einem Diener bewacht. Man brachte ihm Gift bei, das keine äußeren Merkmale verursachte, schleppte seine Leiche zurück in sein Zimmer und sprengte aus, er sei an einer Krankheit gestorben.

Von dieser Phantasterei durchdrungen wie ein Dichter von seinem Werk, betrat er das Eßzimmer, geradezu voll Grausen. Er sah den Dienern, die in großer Livree dastanden, genau in die Gesichter und studierte ihre Physiognomien. »Wer unter euch ist zu der nächtlichen Tat ausersehen?« dachte er bei sich. Sodann schaute er Fräulein von La Mole an, um ihr die Anschläge ihrer Familie aus den Augen zu lesen. Sie sah bleich aus und hatte den Ausdruck einer Dame aus dem Quattrocento. Noch nie war sie ihm so groß, so wahrhaft schön und erhaben vorgekommen. Er war fast verliebt in sie. » Pallida morte futura!« sagte er sich.

Nach der Tafel ging er ungewöhnlich lange im Garten spazieren, aber vergebens, denn Fräulein von La Mole erschien nicht. Mit ihr in diesem Zustande sprechen zu können hätte ihm eine Zentnerlast vom Herzen genommen.

»Ich will offen mit mir sein!« sagte er sich. »Ich habe Angst!« Da er fest entschlossen war, sich nicht zu drücken, überließ er sich dem Furchtgefühl ohne Scham. »Es kommt nur darauf an, im Augenblick der Tat den nötigen Mut zu haben. Was für Gefühle ich jetzt habe, ist gleichgültig.«

Er begab sich an Ort und Stelle und erkundete den Ort. Dann prüfte er die Leiter.

»Merkwürdig!« lachte er. »Dies nützliche Instrument scheint ganz besonders meinetwegen erfunden zu sein! In Verrières hat es mir auch dienen müssen.« Er seufzte. »Aber unter welch anderen Umständen! Damals brauchte ich der, für die ich in die Gefahr ging, nicht zu mißtrauen. Und wie ganz anders war auch die Gefahr! Wenn ich im Garten des Herrn von Rênal totgeschossen worden wäre, so hätte das meiner Ehre vor der Welt nichts geschadet. Man hätte meinen Tod leicht irgendwie harmlos erklären können. Hier aber? Was für eine schändliche Geschichte wird man in den Salons und allerorts erzählen. Ich werde der Nachwelt als Ungeheuer erscheinen...«

Er lachte sich selber aus.

»Die Nachwelt? Wer denkt in zwei oder drei Jahren noch an mich?«

Und doch drückte ihn der Gedanke daran tief darnieder. »Wo gibt es für mich eine Rechtfertigung?« fragte er sich. »Selbst wenn Fouqué die Schmähschrift, die ich hinterlasse, drucken läßt, so wird sie nur eine neue Infamie sein. Unerhört! Ich bin hier im Hause aufgenommen worden – und als Dank für die mir gewährte Gastfreundschaft und für all die Güte und Gnade, mit der man mich überhäuft, gebe ich ein Pamphlet in den Druck! Greife die Ehre von Frauen an! Nein! Tausendmal lieber will ich der Genarrte sein!«

Der Abend war ihm schrecklich.

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