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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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38. Kapitel

Eines Tages kam Julian von dem reizenden Gute Villequier am Ufer der Seine zurück, für das Herr von La Mole allezeit besondere Vorliebe hegte, weil es von allen seinen Besitzungen die einzige war, die dem berühmten Bonifaz von La Mole gehört hatte. Er fand die Marquise und ihre Tochter zu Hause. Sie waren eben aus Hyères zurückgekehrt.

Julian war jetzt Dandy und verstand sich auf die Kunst, in Paris zu leben. Er war gegen Fräulein von La Mole von vollkommener Kühle und schien nicht die geringste Erinnerung an die Zeit bewahrt zu haben, wo sie sich so fröhlich nach den Einzelheiten seines Herunterfalls vom Pferde erkundigte.

Fräulein von La Mole fand ihn größer und blasser geworden. Seine Haltung und sein Benehmen hatten nichts Kleinstädtisches mehr. Anders seine Unterhaltung. Es war noch zu viel Ernst, zu viel Positivismus darin. Trotz dieser schulmeisterlichen Eigenschaften lag nichts Unterwürfiges in seinem Gespräche. Dazu war er zu stolz. Man fühlte nur, daß er noch zu vielerlei als wichtig betrachtete. Aber man sah, daß er ein Mann war, der für seine Meinung einstand.

»Es fehlt ihm an Leichtigkeit, nicht an Geist«, sagte Fräulein von La Mole zu ihrem Vater, als sie mit ihm über den Orden scherzte, den er Julian verschafft hatte. »Mein Bruder hat dich anderthalb Jahre darum bitten müssen: und er ist ein La Mole.«

»Ja, aber Julian hat unerwartete Einfalle. Die hat der La Mole, von dem du sprichst, nicht.«

Der Herzog von Retz wurde gemeldet.

Mathilde fühlte sich von unüberwindlichem Gähnenmüssen befallen, als sie die alten Vergoldungen und die alten Stammgäste des väterlichen Salons wiedersah. Sie machte sich ein trostlos langweiliges Bild von dem Leben, das ihrer in Paris von neuem harrte.

»Und dabei bin ich neunzehn Jahre!« dachte sie. »Das ist das Alter des Glücks, singen alle die Idioten in Goldschnitt!« Sie blätterte in den acht bis zehn neuen Gedichtbänden, die sich während ihrer Reise nach der Provence auf dem Spiegeltische des Salons angesammelt hatten. Es war ihr Unglück, mehr Geist zu besitzen als Croisenois, Caylus, Luz und ihre andern Freunde. Im voraus wußte sie, was sie ihr alles sagen würden: über den schönen Himmel der Provence, die Poesie des Südens usw. Ihre schönen Augen, in denen der gründlichste Überdruß lag, ja, mehr noch, die Hoffnungslosigkeit, je Vergnügen zu finden, blieben auf Julian haften. Er war wenigstens nicht aus demselben Holze wie die andern geschnitzt.

»Herr Sorel«, sagte sie mit dem kurzen, lebhaften und so ganz unweiblichen Tone, dessen sich die jungen Damen der höchsten Gesellschaft zu bedienen pflegen: »Herr Sorel, kommen Sie heute abend auf den Ball beim Herrn von Retz?«

»Gnädiges Fräulein, ich habe nicht die Ehre, bei Seiner Durchlaucht eingeführt zu sein.«

Sie hatte den Eindruck, daß es dem hochmütigen Provinzler schwerfiel, diese Worte und Titulaturen herauszubringen.

»Er hat meinem Bruder aufgetragen, Sie mitzubringen, und wenn Sie mitgehen wollen, könnten Sie mir Näheres über Villequier erzählen. Es ist die Rede davon, daß wir es im Frühjahr aufsuchen. Ich möchte wissen, ob das Schloß wohnlich ist und die Umgegend wirklich so reizend, wie man sagt. Es gibt ja so manchen unverdienten Ruf.«

Julian schwieg.

»Kommen Sie mit meinem Bruder auf den Ball!« schloß sie, in sehr trocknem Tone.

Julian verneigte sich respektvoll. »Also selbst auf dem Balle bin ich jedwedem Familienmitgliede Bericht schuldig. Werde ich doch bezahlt wie ein lumpiger Rechtsanwalt.« Und mißlaunig brummte er weiter: »Wenn ich nur wenigstens wüßte, ob das, was ich der Tochter sagen werde, den Plänen des Vaters, der Mutter oder des Bruders nicht zuwiderläuft. Es geht hier wahrlich wie am Hofe eines regierenden Fürsten zu. Man muß eine vollkommene Null sein, dabei doch ein kleiner Machiavell.«

»Dies große Mädel gefällt mir nicht«, dachte er, wie er Fräulein von La Mole nachsah. Sie war von ihrer Mutter gerufen worden, damit sie sich etlichen Freundinnen der Marquise zeige. »Sie übertreibt alle Moden. Ihr Kleid entgleitet den Schultern. Sie sieht noch blasser aus als vor ihrer Reise. Ihre Haare sind wie farblos, so blond sind sie. Man möchte meinen, daß das Licht hindurchscheint. Welcher Hochmut in ihrer Art zu grüßen und im Blick! Dazu die Gesten einer Königin!«

Fräulein von La Mole rief ihren Bruder, als er gerade den Salon verlassen wollte.

Graf Norbert kam auf Julian zu.

»Mein lieber Sorel«, sagte er, »wo darf ich Sie um Mitternacht zum Balle bei Herrn von Retz abholen? Er hat mir ausdrücklich aufgetragen, Sie mitzubringen.«

»Ich weiß wohl, wem ich so viel Güte verdanke«, antwortete Julian mit einer übertrieben tiefen Verbeugung. Da er an dem Höflichkeit und sogar Anteilnahme bezeigenden Tone Norberts nichts auszusetzen fand, so nörgelte er in seiner üblen Laune an der eignen Antwort, die er auf diese verbindliche Aufforderung gegeben hatte. Er fand ein Körnchen Gemeinheit darin.

Abends, als er auf den Ball kam, war er vom Prunk des Retzschen Hauses wie geblendet. Den Hof vor dem Eingang überspannte ein riesiges purpurrotes Segeltuch mit goldenen Sternen. Ein köstlicher Anblick! Der Hof unter diesem Zeltdache war in einen Hain von Orangen- und Rosen- Lorbeerbäumen verwandelt. Die Töpfe und Kübel waren so tief eingegraben, daß die Bäume aus dem Boden zu wachsen schienen. Die Auffahrt war mit Sand bestreut.

Die ganze Szenerie kam dem Provinzler wie ein Märchenbild vor. Er hatte solche Herrlichkeit noch nie geschaut, und im Nu hatte seine entflammte Einbildungskraft seine vorherige üble Laune verjagt. Im Wagen, als sie zum Ball fuhren, war Norbert fröhlich gewesen; Julian aber sah alles gleichsam durch eine schwarze Brille. Kaum waren sie im Hofe, als sie die Rollen tauschten.

Norbert hatte nur Augen für einige kleine Mängel, die all der Prachtentfaltung untergelaufen waren. Er veranschlagte die Kosten der ganzen Ausschmückung bis ins einzelne, und je höher seine Berechnung stieg, desto schlechter ward seine Laune. Julian bemerkte dies. Es kam ihm vor, als sei Norbert beinahe eifersüchtig. Er hingegen war wie berauscht. Voller Bewunderung und vor Erregung fast befangen trat er in den ersten Saal, in dem getanzt ward. Alles drängte zur Tür nach dem zweiten Raume. Die Menge der Geladenen war so groß, daß es Julian unmöglich war, weiter vorzudringen. Die Ausschmückung des zweiten Saales stellte die Alhambra von Granada vor.

»Sie ist die Ballkönigin! Das muß man ihr lassen!« meinte ein schnurrbärtiger junger Herr, dessen Schulter im Gewühle gegen Julians Brust gedrückt ward.

Sein Nachbar antwortete dem Sprecher: »Fräulein Fourmont, den ganzen Winter die Schönste, begreift offenbar, daß sie auf den zweiten Platz verdrängt ist. Sieh nur ihre sonderbare Miene!«

»Tatsächlich, sie gibt sich die allergrößte Mühe, Eindruck zu machen! Sieh bloß, dies holde Lächeln in dem Augenblick, wo sie im Contre allein tanzt. Auf Ehre, unbezahlbar!«

»Fräulein von La Mole dagegen drückt ihre Freude über ihren unverkennbaren Triumph nach außen nieder. Es macht beinahe den Eindruck, als fürchte sie, dem zu gefallen, mit dem sie spricht.«

»Sehr gut! Das ist die höhere Verführungskunst!«

Julian machte vergebliche Anstrengungen, die Verführerische zu erblicken. Sechs oder acht Herren verdeckten sie ihm.

»Keine üble Koketterie, diese vornehme Zurückhaltung!« sagte der junge Herr mit dem Schnurrbart.

»Und diese großen blauen Augen, die sie so langsam niederschlägt, gerade wenn man glaubt, daß sie sich verraten werden«, erwiderte der Nachbar. »Wahrlich, größere Raffinerie gibt's nicht!«

»Sieh nur, wie gewöhnlich die schöne Fourmont neben ihr aussieht!« bemerkte ein dritter.

»Ihre zurückhaltende Miene bedeutet: Welche Liebenswürdigkeit würde ich entfalten, wenn du der Mann wärest, der meiner würdig ist!«

»Und wer wäre der himmlischen Mathilde würdig?« sagte der erste. »Irgendein souveräner Fürst, schön, geistreich und wohlgestaltet, ein Held im Kriege und höchstens zwanzig Jahre alt.«

»Der natürliche Sohn des russischen Zaren, oder aber – der Graf von Thaler, der Bauer im Frack!«

Die Tür wurde frei; Julian konnte hindurchgehen.

»Da sie in den Augen dieser Laffen für etwas so Besonderes gilt, ist es schon der Mühe wert, daß ich sie mir daraufhin einmal ansehe«, dachte er. »Ich werde dadurch lernen, was in den Augen dieser Leute Vollkommenheit ist.«

Als er Mathilde mit den Augen suchte, sah sie ihn an. »Die Pflicht ruft!« sagte sich Julian, der zwar noch übellaunig aussah, es aber nicht mehr war. Die Neugier trieb ihn, und seine Lebensfreude ward durch Mathildens tief ausgeschnittenes Kleid noch erhöht. Für seine Eigenliebe war das allerdings wenig schmeichelhaft. »Wie jugendlich ist ihre Schönheit«, dachte er. Fünf oder sechs junge Herren, unter denen er die wiedererkannte, die vorhin an der Tür geplaudert hatten, standen zwischen ihm und ihr.

»Sie sind den ganzen Winter hier in Paris gewesen, Herr Sorel. Sie können mir also gewiß sagen, ob dieser Ball der schönste der Saison ist?« fragte sie ihn.

Julian gab keine Antwort. Sie fuhr fort: »Diese Quadrille kommt mir wundervoll vor. Die Damen tanzen sie tadellos.«

Die jungen Herren drehten sich um, um zu sehen, wer der Glückliche sei, von dem Fräulein von La Mole durchaus eine Antwort haben wollte. Sie lautete wenig ermutigend.

»Ich bin kein guter Beurteiler, gnädiges Fräulein. Ich bringe mein Leben am Schreibtisch zu, und dies ist der erste Ball von solcher Pracht, den ich sehe.«

Die eleganten jungen Herren waren starr.

»Sie sind ein Weltweiser, Herr Sorel!« erwiderte Mathilde mit sichtlich stärker werdendem Anteil. »Sie sehen alle Bälle, alle Festlichkeiten an wie ein Philosoph, wie Jean Jacques Rousseau. Die Narretei verwundert Sie, ohne Sie zu verlocken.«

Der eben ausgesprochene Name raubte Julian alle Phantasie und verscheuchte alle Illusion aus seinem Herzen. Sein Mund nahm den Ausdruck stark übertriebener Geringschätzung an.

»Jean Jacques Rousseau«, antwortete er, »ist in meinen Augen ein Tor, wenn er sich erkühnt, die große Welt zu verurteilen. Er hat sie nie verstanden, und er hat das Herz eines emporgekommenen Lakaien in sie getragen.«

»Er hat den Gesellschaftsvertrag geschrieben«, erwiderte Mathilde im Tone der Verehrung.

»Er hat die Republik und den Umsturz aller monarchischen Einrichtungen gepredigt. Und dabei war dieser Emporkömmling toll vor Freude, als ein Herzog das Ziel seiner Nachmittagspromenade änderte, um einen seiner Freunde zu begleiten.«

»Ach ja, der Herzog von Luxemburg begleitete in Montmorency einen simplen Herrn Coindet in der Richtung nach Paris«, ergänzte Fräulein von La Mole mit der ganzen Wonne und Andacht jugendlicher Schulgelehrsamkeit. Sie war glückselig vor Freude über ihr Wissen, ungefähr wie jener Akademiker, der die Existenz des Königs Feretrius entdeckte. Julians Augen blieben streng und undurchdringlich. Mathilde war einen Moment voller Begeisterung gewesen; die Kälte ihres Partners ernüchterte sie beträchtlich. Sie war um so mehr darüber erstaunt, als sie es sonst war, die diese Wirkung auf andre hervorbrachte.

In diesem Augenblick kam der Marquis von Croisenois diensteifrig auf Mathilde zu. Er stand eine kleine Weile drei Schritte vor ihr, ohne durch die Menge dringen zu können, und lächelte ihr über dieses Hindernis hinweg zu. Neben ihm stand die junge Marquise von Rouvroy, eine Base Mathildens, am Arm ihres Gatten, mit dem sie erst seit vierzehn Tagen verheiratet war. Der Marquis, gleichfalls sehr jung, war kindisch verliebt in seine Frau, just wie ein Mann, der eine von Notaren zustande gebrachte Konvenienzheirat eingegangen ist und eine idealschöne Frau findet.

Croisenois blickte Mathilde, da er nicht zu ihr gelangen konnte, lachend an, während sie ihre großen Türkisaugen auf ihm und dem neben ihm stehenden Paare ruhen ließ. »Was gibt es Faderes«, dachte sie, »als diese ganze Gruppe. Da ist Croisenois, der mich heiraten möchte; er ist sanft, höflich und hat die nämlichen tadellosen Manieren wie Rouvroy. Wenn diese Herren nicht so langweilig wären, so wären sie höchst liebenswert. Croisenois würde mit genau derselben beschränkten und zufriedenen Miene auf dem Balle an mir hängen. Ein Jahr nach der Heirat sind meine Equipage, meine Pferde, meine Toiletten, mein Schloß vor der Stadt so elegant wie nur möglich, sind der Inbegriff dessen, was eine Emporgekommene, die Gräfin von Roiville zum Beispiel, vor Neid platzen läßt. Und dann ... ?«

Mathilde langweilte sich in der Aussicht auf ihre Zukunft. Endlich hatte sich der Marquis von Croisenois bis zu ihr durch die Menge gearbeitet und sprach sie an. Aber sie träumte und hörte ihn nicht. Der Klang seiner Stimme verlor sich für sie im Stimmengewirr des Balles. Mechanisch folgte sie Julian mit den Augen. Er hatte sich ehrerbietig, aber stolz und unzufrieden zurückgezogen. In einer Ecke, fern der wirbelnden Menge, erblickte sie den Grafen Altamira. Wie bereits erzählt, war er in seiner Heimat zum Tode verurteilt. Eine seiner Urgroßmütter hatte unter Ludwig XIV. einen Fürsten Conti geheiratet. Dieser Umstand schützte ihn einigermaßen vor den Nachstellungen der Jesuiten.

»Ich sehe, nur ein Todesurteil zeichnet einen Mann wirklich aus«, dachte Mathilde. »Das ist das einzige, was sich nicht kaufen läßt. Übrigens eine gute Bemerkung, die ich mir da eben sage! Schade, daß sie mir nicht in einem Augenblick einfiel, wo ich damit hätte glänzen können!« Mathilde hatte zu viel Geschmack, um ein zurechtgemachtes Bonmot in ihre Plauderei einzuflechten, aber sie war zu eitel, um über ihren Einfall nicht entzückt zu sein. Ihre sichtlich gelangweilten Züge nahmen plötzlich einen glücklichen Ausdruck an. Der Marquis von Croisenois, der immer noch redete, wähnte darin den Erfolg seiner Worte zu erkennen und ließ den Strom seiner Worte noch mehr fluten.

»Was könnte ein Böswilliger an meiner Bemerkung aussetzen?« dachte Mathilde. »Ich würde dem Krittler sagen: der Titel Baron oder Vicomte läßt sich kaufen. Orden sind leicht zu haben. Mein Bruder hat eben einen bekommen. Was hat er geleistet? Avancieren ist Zeitfrage. Zehn Dienstjahre oder den Kriegsminister zum Verwandten – und man ist Eskadronchef wie Norbert, Ein großes Vermögen ... Das ist noch das Schwierigste und folglich auch das Verdienstvollste. Drollig! Die Bücher sagen gerade das Gegenteil. Das heißt, es kann einer auch Millionär werden, wenn er ein Fräulein Rothschild heiratet. Wirklich, mein Witz ist tiefsinnig. Ein Todesurteil ist das einzige, worum sich noch keiner beworben hat.«

»Kennen Sie den Grafen Altamira?« fragte sie Herrn von Croisenois.

Sie machte einen so geistesabwesenden Eindruck, und diese Frage stand dermaßen außer Beziehung zu dem, was der arme Marquis seit fünf Minuten vortrug, daß seine Liebenswürdigkeit in Verblüffung umschlug. Er war doch ein kluger Mann und galt für einen solchen.

»Mathilde hat ihre Eigenheiten«, dachte er. »Das ist unbequem, aber sie sichert ihrem Ehemanne die schönste gesellschaftliche Stellung! Ich weiß nicht, wie es der Marquis von La Mole anfängt: er hat Beziehungen zu den Führern aller Parteien. Er ist ein Mann, der nicht untergehen kann. Überdies kann Mathildens Eigenart für Genie gelten. Bei hoher Geburt und großem Vermögen ist Genie nichts Lächerliches. Dann ist es ein hoher Vorzug! Zudem verfügt sie, wenn sie will, über eine Mischung von Geist, Charakter und Schlagfertigkeit, die ihre Liebenswürdigkeit ideal macht...«

Da es schwer ist, zweierlei auf einmal zu tun, antwortete der Marquis mit leerem Gesichtsausdruck, als ob er eine Lektion hersagte: »Wer kennt den armen Altamira nicht?«

Und er erzählte ihr die Geschichte seiner verfehlten, lächerlichen, unsinnigen Verschwörung.

»Höchst unsinnig!« sagte Mathilde, wie zu sich selber sprechend. »Aber er ist doch ein Tatenmensch. Ich will einen Mann sehen. Bringen Sie ihn mir her!« bat sie den ganz erschrockenen Marquis.

Graf Altamira war einer der erklärten Bewunderer der hochfahrenden und fast anmaßlichen Miene des Fräuleins von La Mole. In seinen Augen war sie eine der größten Schönheiten von Paris.

»Wie schön wäre sie auf einem Throne!« sagte er zu Croisenois und ließ sich ohne Zögern zu ihr führen.

Es fehlt nicht an Leuten in der Gesellschaft, denen nichts für inkorrekter gilt als eine moderne Verschwörung. Das riecht nach Jakobinertum. Und was gibt es Häßlicheres als einen Jakobiner ohne Erfolg?

Mathilde und Croisenois sahen sich an, beide etwas Spott in den Augen. Gleichwohl hörte sie den Grafen, dem er galt, vergnügt an.

»Ein Verschwörer auf dem Ball!« dachte sie. »Das ist ein netter Widerspruch.«

Es kam ihr vor, als habe Altamira mit seinem schwarzen Schnurrbart das Gesicht eines friedlichen Löwen; aber sie merkte bald, daß sein Geist an Einseitigkeit litt: am Kult der Nützlichkeit.

Außer der Bewegung, die seiner Heimat eine Verfassung schaffen wollte, fand der junge Graf nichts seiner Aufmerksamkeit würdig. Und so verließ er Mathilde, die schönste Dame des Balles, mit Freuden, als er einen peruanischen General eintreten sah. Da er an Europa im Metternichschen Zustande verzweifelte, blieb dem armen Altamira nichts als die Hoffnung, daß die südamerikanischen Staaten, sobald sie stark und mächtig geworden, Europa die Freiheit wiederbringen könnten, zu der ihnen Mirabeau verhelfen hat.

Ein Schwarm junger Herren hatte sich Mathilden genähert. Es war ihr nicht entgangen, daß sie Altamira nicht bezaubert hatte, und so war sie über seinen Weggang verstimmt. Jetzt, als er mit dem exotischen General sprach, sah sie seine schwarzen Augen leuchten. Da schaute sie sich die jungen Franzosen mit tiefem Ernst an, wie ihn ihr keine Nebenbuhlerin nachahmen konnte. »Wer unter ihnen«, dachte sie, »möchte sich zum Tode verurteilen lassen, selbst wenn sich ihm die beste Gelegenheit dazu darböte?«

Ihr eigentümlicher Blick schmeichelte solchen, die wenig Geist hatten, und beunruhigte die andern. Sie befürchteten immer irgendeine urplötzliche scharfe Bemerkung, der sie schwerlich gewachsen waren.

»Hohe Geburt bringt hundert Eigenschaften mit sich, deren Nichtvorhandensein mir unerträglich ist. Ich sehe es an Julian«, dachte Mathilde. »Aber hinwiederum verkümmert sie alle die seelischen Eigenschaften, um derentwillen man zum Tode verurteilt werden kann.«

In dem Augenblick sagte jemand neben ihr: »Graf Altamira ist der zweite Sohn des Fürsten von San Nazaro-Pimentel. Ein Pimentel versuchte die Rettung Konradins, der 1268 enthauptet worden ist. Die Pimentels sind eine der vornehmsten Familien Neapels.«

»Schau! schau!« sagte sich Mathilde im stillen. »Ein schöner Beweis für meine Behauptung, hohe Geburt nähme dem Charakter die Energie, ohne die man nicht zum Tode verurteilt werden kann! Offenbar ist es heute abend mein Schicksal, dummes Zeug zu reden... Seien wir Weib und tanzen wir!«

Sie gab der Werbung des Marquis von Croisenois nach, der sie seit einer Stunde um einen Galopp bat. Um sich über ihr Mißglück in der Philosophie zu trösten, nahm sie sich vor, als Weib unwiderstehlich zu sein. Croisenois war entzückt.

Aber weder der Tanz noch der Wunsch, einem der hübschesten Kavaliere zu gefallen, konnte Mathilde zerstreuen. Ihr Triumph war vollkommen: sie war die Königin des Balles. Sie wußte es, aber sie blieb kalt.

»Was für ein schales Leben werde ich mit einem Manne wie Croisenois führen!« sagte sie sich, als er sie eine Stunde später auf ihren Platz zurückgeleitete. »Wo könnte ich nach den sechs Monaten meiner Abwesenheit ein Vergnügen finden«, seufzte sie niedergeschlagen, »wenn nicht auf dem Balle, der den Ehrgeiz aller Pariserinnen reizt! Zudem werde ich von einer Gesellschaft, wie ich sie mir nicht vornehmer wünschen kann, mit Huldigungen überhäuft. Es sind keine Bürgerlichen hier, außer einigen Pairs und ein oder zwei Julians. Und doch«, setzte sie mit wachsender Schwermut hinzu, »alle Vorzüge hat mir das Schicksal gegeben, nur das Glück nicht.

Am zweifelhaftesten sind mir von meinen Vorzügen noch die, von denen man mir den ganzen Abend gesprochen hat. Geist – glaube ich –, den hab' ich, denn ich jage offenbar jedem Manne Furcht ein. Wenn sich einer an ein ernstes Thema wagt, so ist er nach fünf Minuten außer Atem; aber wenn er endlich versteht, was ich ihm eine geschlagene Stunde lang immer wieder vorgepredigt habe, dann tut er, als habe er den Nordpol entdeckt. Ich bin schön; ich besitze diesen Vorzug, für den Frau von Staël alles geopfert hätte, und doch sterbe ich tatsächlich vor Langerweile. Ist Aussicht vorhanden, daß ich mich weniger langweilen werde, wenn ich meinen Namen mit dem des Marquis von Croisenois vertauscht habe?«

»Aber, du mein Gott«, fuhr sie fort, und am liebsten hätte sie geweint, »ist er nicht ein tadelloser Mann? Er ist das Musterstück der Erziehung unsres Jahrhunderts. Man kann ihn nicht ansehen, ohne daß er etwas Liebenswürdiges und sogar Gescheites zu sagen weiß. Und Mut besitzt er auch ... Übrigens: ein sonderbarer Mensch, dieser Sorel...« Ihr Auge verlor seinen matten Ausdruck und funkelte vor Ärger. »Ich habe ihm gesagt, daß ich mit ihm zu sprechen hätte, und er geruht nicht wieder zum Vorschein zu kommen.«

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