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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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34. Kapitel

Wie Julian alles in dem vornehmen Salon des Hauses La Mole seltsam dünkte, ebenso sonderbar erschien der blasse schwarzgekleidete junge Mann allen, die ihn eines Blickes würdigten. Frau von La Mole schlug ihrem Gatten vor, ihn an den Tagen, wo gewisse Persönlichkeiten zu Tisch da seien, mit irgendwelchem Auftrage fortzuschicken.

»Ich möchte ihn lieber in jeder Lage erproben«, antwortete der Marquis. »Der Abbé Pirard meint, man täte unrecht, die Individualität derer, die man in seinen Kreis zieht, zu brechen. Man stützt sich gerade auf das, was Widerstand leistet. Der junge Mann fällt lediglich auf, weil ihn noch niemand kennt. Im übrigen ist er ja taubstumm.«

»Um mich hier zurechtzufinden«, dachte Julian, »muß ich mir die Namen der Leute, die im Hause verkehren, aufschreiben und mir ihre Charaktere mit ein paar Worten skizzieren.«

Da waren zunächst fünf oder sechs Freunde des Hauses, die dem neuen Sekretär für alle Fälle den Hof machten, denn sie glaubten, der Marquis begünstige ihn aus irgendeiner Laune. Es waren arme Schlucker und mehr oder minder unterwürfige Gesellen. Doch sei zur Ehre dieser Schmarotzer, von denen die aristokratischen Salons wimmelten, gesagt, daß sie sich nicht allen gegenüber in gleicher Weise benahmen. Mancher, der sich vom Marquis alles gefallen ließ, zeigte die Zähne, wenn ihn die Marquise schlecht behandelte. Im Charakter der Familie La Mole lag allzuviel Hochmut und Mißlaune. Man war es allzu gewohnt, andern weh zu tun, um sich zu zerstreuen. So konnten sie nie auf echte Freundschaft rechnen. Höflich aber waren sie allezeit, ausgenommen an Regentagen und in Augenblicken völliger Verstimmung, was selten der Fall war. Ohne den Schwarm der Schmarotzer wäre die Marquise vereinsamt gewesen. Damen von hohem Range empfinden die Einsamkeit als etwas Schreckliches. Sie kommen sich dann wie in Ungnade gefallen vor.

Der Marquis tat für seine Frau alles. So sorgte er auch dafür, daß ihr Salon stets genügend besucht war, wenn auch nicht immer von Pairs, denn er fand manche seiner neuerlichen Kollegen nicht vornehm genug, um sie als Hausfreunde, und nicht unterhaltend genug, um sie als untergeordnete Gäste bei sich zu sehen.

Julian kam erst spät hinter alle diese Geheimnisse. Die Politik, die den Hauptgesprächsstoff in bürgerlichen Familien bildet, kommt in Häusern vom Range des La Moleschen nur in Augenblicken der Not zur Geltung.

Obgleich man im Jahrhundert der Lebensunlust weilte, war die Vergnügungssucht so stark, daß selbst an den Dinertagen alles augenblicklich aufbrach, sobald der Marquis den Salon verließ. In der Unterhaltung bei Tisch galt es, keine Scherze zu machen, die Gott und die Geistlichkeit berührten, oder den König, oder Leute von Rang und Einfluß, oder die am Hofe beliebten Künstler, überhaupt irgend etwas Anerkanntes. Es war unstatthaft, Beranger und die Oppositionsblätter, Voltaire und Rousseau zu erwähnen. Man durfte niemandem, der sich in der Öffentlichkeit eine freiere Sprache herausnahm, Gutes nachsagen. Unbedingt unschicklich war es, von Politik zu sprechen. Sonst konnte man über alles frei reden. Weder hunderttausend Taler Einkommen noch das blaue Ordensband vermochten etwas gegen die Salongesetze. Der geringste lebendige Gedanke wurde als grobe Unmanierlichkeit aufgefaßt. Trotz des guten Tons, der ausgesuchten Höflichkeit und des Wunsches, sich angenehm zu machen, gähnte die Langeweile auf allen Gesichtern. Die jungen Leute, die pflichtmäßig erschienen, schwiegen nach einigen gezierten Redensarten über Rossini oder das Wetter still, denn sie fürchteten, bei weiterem Sprechen einen verpönten Gedanken oder verbotene Lektüre zu verraten.

Es fiel Julian auf, daß die Tischunterhaltung gewöhnlich von zwei Vicomtes und fünf Baronen aufrechterhalten wurde, die der Marquis in der Emigrationszeit kennengelernt hatte. Diese Herren hatten ein Einkommen von höchstens achttausend Franken. Vier von ihnen hielten zur Quotidienne und drei zur Gazette de France. Einer brachte täglich ein paar Anekdoten aus dem Königlichen Schlosse mit, in denen die Bezeichnung großartig tausendmal vorkam. Julian bemerkte, daß er fünf Orden hatte, während die andern durchschnittlich nur drei besaßen.

Im Vorzimmer sah man zehn Lakaien in Livree. Den ganzen Abend über wurde alle Viertelstunden Eis und Tee herumgereicht. Gegen Mitternacht setzte man sich zu einem kleinen Souper mit Champagner.

Aus diesem Grunde hielt Julian manchmal bis zuletzt aus. Im übrigen begriff er kaum, wie man der üblichen Unterhaltung in diesem so prächtig vergoldeten Saale ernstlich Gehör schenken konnte. Zuweilen beobachtete er die Sprecher, um sich zu vergewissern, ob sie sich nicht über ihre eigenen Worte lustig machten. »Mein Maistre, den ich auswendig weiß, hat das hundertmal besser ausgedrückt«, dachte er, »und der ist doch schon reichlich langweilig!«

Julian war nicht der einzige, der diese geistige Öde bemerkte. Die einen setzten sich darüber hinweg, indem sie viel Eis aßen, die andern, indem sie sich schon im voraus darauf freuten, hinterher renommieren zu können: »Ich komme eben aus dem Hause La Mole, wo ich gehört habe, daß Rußland usw....«

Julian erfuhr von einem der Schmarotzer, daß Frau von La Mole vor noch nicht sechs Monaten die mehr als zwanzigjährige Ausdauer eines Getreuen belohnt hatte. Sie hatte nämlich dem armen Baron Le Bourguignon, der seit der Restauration Unterpräfekt war, zur Beförderung zum Präfekten verholfen.

Dieses große Ereignis hatte den Eifer aller andern neu belebt. Hatten sie sich vorher kaum über etwas zu ärgern vermocht, so ärgerten sie sich fortan über gar nichts mehr. Selten verriet sich ein offenbarer Mangel an Rücksicht, aber Julian hatte bei Tisch schon zwei oder drei kurze Gespräche zwischen dem Marquis und seiner Frau mit angehört, die für den oder jenen Tischgenossen peinlich waren. Dieses adelsstolze Ehepaar machte kein Hehl aus seiner aufrichtigen Mißachtung gegen jedermann, dessen Vorfahren nicht bereits zum höchsten Hofadel gehört hatten. Julian machte die Wahrnehmung, daß das Wort »Kreuzzug« das einzige war, was den Ausdruck tiefen Ernstes und echter Hochachtung auf ihre Gesichter lockte. Die gewöhnliche Achtung hatte immer einen Anflug von Herablassung.

Im Bannkreis all dieser Pracht und Langenweile hatte Julian eigentlich nur für Herrn von La Mole Interesse. Mit Vergnügen vernahm er gelegentlich, wie sich der Marquis dagegen verwahrte, irgend etwas zur Beförderung des armen Le Bourguignon getan zu haben. Das war in der Tat nur eine Aufmerksamkeit gegen die Marquise gewesen. Julian wußte die Wahrheit durch den Abbé Pirard.

Es war eines Morgens in der Bibliothek, während der Abbé mit Julian an dem ewigen Prozeß Frilair arbeitete, da fragte Julian plötzlich: »Herr Abbé, ist es eine meiner Pflichten, täglich an der Tafelrunde der Frau Marquise teilzunehmen, oder ist es eine Gnade, die man mir vergönnt?«

»Es ist eine außerordentliche Ehre«, erwiderte der Abbé betroffen. »Herr N***, der Akademiker, der Frau von La Mole seit fünfzehn Jahren treu den Hof macht, hat sie seinem Neffen, Herrn Tanbeau, nicht verschaffen können.«

»Herr Abbé«, für mich ist es die peinlichste Obliegenheit meines Amtes. Im Seminar habe ich mich weniger gelangweilt. Ich sehe alles gähnen, selbst Fräulein von La Mole, die doch an die Liebenswürdigkeit der Hausfreunde gewöhnt sein muß. Ich fürchte immer einzuschlafen. Bitte, erwirken Sie mir doch die Erlaubnis, in irgendeiner obskuren Herberge für zwei Franken essen zu dürfen.«

Der Abbé war als echter Emporkömmling sehr empfänglich für die Ehre, am Tische eines hohen Herrn sitzen zu dürfen. Er bemühte sich lebhaft, dieses Gefühl auch auf Julian zu übertragen, als sich plötzlich ein leichtes Geräusch hinter ihnen vernehmbar machte. Julian drehte sich um und erblickte Fräulein von La Mole, die offenbar gehorcht hatte. Er wurde rot. Sie war gekommen, um ein Buch zu holen, und hatte alles mit angehört. Julian gewann in ihren Augen. »Er ist nicht auf den Knien geboren«, dachte sie, »wie der alte Abbé«. Gott, wie häßlich der ist!«

Bei Tisch wagte Julian kaum, Fräulein von La Mole anzusehen, aber sie geruhte, ihn anzureden. An diesem Tage erwartete man viele Gäste. Sie forderte ihn auf, zu bleiben. Die jungen Pariserinnen lieben Herren eines gewissen Alters durchaus nicht, besonders wenn sie unsorgfältig gekleidet sind. Julian brauchte keinen großen Scharfsinn aufzuwenden, um zu merken, daß die Genossen des Herrn Le Bourguignon, die im Salon zurückgeblieben waren, die Ehre hatten, Fräulein Mathildens Witzen zur Zielscheibe zu dienen. An diesem Abend war sie aus irgendeiner Laune besonders spöttisch gegen die langweilige Gilde.

Fräulein von La Mole war der Mittelpunkt eines kleinen Kreises, der sich fast allabendlich hinter dem mächtigen Lehnstuhl der Marquise bildete. Dort fanden sich ein: der Marquis von Croisenois, der Graf Caylus, der Vicomte de Luz und zwei bis drei andre junge Offiziere und Freunde Norberts oder seiner Schwester. Die Herren saßen allesamt auf einem langen blauen Sofa. An dem einen Ende davon saß Julian schweigsam auf einem kleinen niedrigen Stuhl mit Strohgeflecht. Ihm gegenüber, ebenfalls auf einem Stuhl, thronte die strahlende Mathilde. Um dieses bescheidene Plätzchen wurde Julian von all den Schmeichlern des Hauses beneidet. Norbert hielt den jungen Sekretär seines Vaters in unauffälliger Weise dort fest, indem er hin und wieder das Wort an ihn richtete oder ein- oder zweimal seinen Namen nannte. Im Laufe des Abends erkundigte sich Fräulein von La Mole bei Julian, wie hoch der Berg sei, auf dem die Zitadelle von Besançon liegt. Julian konnte nicht sagen, ob der Berg höher sei als der Montmartre oder nicht, öfters lachte er von ganzem Herzen über das, was man in der kleinen Gruppe plauderte; aber er fühlte sich unfähig ähnlicher eigener Einfälle. Das war ihm wie eine fremde Sprache, die er wohl verstand, aber nicht selber sprechen konnte.

An diesem Tage führten Mathildens Freunde einen fortwährenden Krieg gegen die Leute, die im großen Saale auftauchten. Die Freunde des Hauses kamen zunächst daran, da man sie am besten kannte. Julian war begreiflicherweise ganz Auge und Ohr. Alles das interessierte ihn, sowohl die Opfer der Spöttereien wie die Art, sich zu mokieren.

»Ah, da ist Herr Descoulis!« sagte Mathilde. »Er hat auf die Perücke verzichtet. Wahrscheinlich will er es durch Genialität zum Präsidenten bringen. Der kahle Schädel soll die hohen Gedanken, die angeblich darin sind, anzeigen!«

»Der Mensch kennt alle Welt«, warf der Marquis von Croisenois ein. »Er verkehrt auch bei meinem Onkel, dem Kardinal. Er ist imstande, bei jedem seiner Freunde – und er hat deren zwei- bis dreihundert – jahrelang eine andre Maske zu tragen. Er versteht, sich Freundschaften im Schwung zu halten. Das ist sein Talent. Wie Sie ihn da sehen, hat er schon um sieben Uhr morgens vor der Tür eines seiner Freunde im Schmutz gestanden, und wir haben Winter. Er entzweit sich von Zeit zu Zeit und schreibt dann ein halbes Dutzend Streitbriefe. Dann versöhnt er sich wieder und schreibt abermals ein halbes Dutzend Briefe, diesmal voller Freundschaftsbeteuerungen. Sein Haupttrick aber ist der Herzenserguß des freimütigen Biedermannes, der nichts bei sich behalten kann. Dieses Manöver kommt zur Anwendung, wenn er jemanden um einen Dienst bitten will. Einer der Großvikare meines Onkels ist unübertrefflich in der Schilderung des Lebenslaufes dieses Herrn Descoulis seit der Restauration. Ich muß ihn einmal mitbringen.«

»Du mein Gott, ich glaube nicht an solche Klatscherei! Das ist Brotneid zwischen kleinen Leuten«, behauptete Graf Caylus.

»Herr Descoulis wird dermaleinst eine geschichtliche Größe sein«, fügte Croisenois hinzu. »Er hat zusammen mit dem Abbé de Pradt und den Herren von Talleyrand und Pozzo di Borgo die Restauration inszeniert.«

»Der Mann hat Millionen in den Händen gehabt«, sagte Norbert, »und ich begreife nicht, warum er hierherkommt, um die zuweilen abscheulichen Bemerkungen meines Vaters einzustecken. ›Wie oft haben Sie Ihre Freunde verraten, lieber Descoulis? ‹ hat er ihm neulich über den ganzen Tisch zugerufen.«

»War er denn wirklich ein Verräter?« fragte Fräulein von La Mole. »Ach, wer wäre kein Verräter!«

»Was sehe ich da?« sagte Graf Caylus zu Norbert. »Bei Ihnen verkehrt Sainclair, der berüchtigte Liberale? Zum Teufel, was tut der hier? Ich muß mich an ihn heranmachen, mit ihm reden, ihn zum Sprechen bringen. Man sagt, er wäre ein Genie ...«

»Ich bin nur neugierig, wie ihn deine Mutter empfangen wird«, sagte der Marquis von Croisenois zu Norbert. »Er hat so überspannte, hochherzige, selbständige Ideen ...«

»Aufgepaßt!« unterbrach ihn Fräulein von La Mole. »Dort beugt sich der selbständige Herr von Descoulis bis zur Erde und drückt ihm die Hand. Es sieht beinahe aus, als wolle er sie küssen.«

»Offenbar ist der Descoulis oben besser angeschrieben, als wir glauben«, meinte Croisenois.

»Sainclair kommt hierher, weil er Akademiker werden will«, behauptete Norbert. »Sehen Sie nur, Croisenois, wie er vor dem Baron L*** katzbuckelt!«

»Es wäre doch viel bequemer, wenn er gleich vor ihm niederkniete«, scherzte Herr von Luz.

»Mein lieber Sorel«, bemerkte Norbert zu Julian, »Sie sind ein gescheiter Kerl, aber Sie kommen aus den Bergen. Verfallen Sie nie darauf, jemanden so zu grüßen, wie es der große Dichter da tut, und wäre es der liebe Gott höchstselbst.«

»Ah, da kommt ein Phänomen von Geist und Witz: Herr Baron von Stock«, höhnte Fräulein von La Mole, wobei sie die Stimme des anmeldenden Lakaien ein wenig nachahmte.

»Ich glaube, selbst die Diener machen sich über ihn lustig. Was ist das auch für ein Name: Baron von Stock!« spöttelte Herr von Caylus.

»Was tut der Name? hat er uns neulich erklärt«, fuhr Mathilde fort. »Stellen Sie sich vor, wie der Herzog von Bouillon zum ersten Male gemeldet wurde! Die Welt gewöhnt sich an alles!«

Julian verließ den Kreis des blauen Sofas. Er hatte noch zu wenig Sinn für die entzückenden Feinheiten einer mokanten Unterhaltung, um sich über derartige Spöttereien amüsieren zu können. Er verlangte, daß ein Scherz seinen vernünftigen Kern habe. Aus dem Geplauder dieser jungen Leute hörte er nichts heraus als die Absicht, alles in den Staub zu ziehen. Das empörte ihn. In seiner provinzlerhaften, gleichsam englischen Prüderie ging er sogar so weit, Neid darin zu erblicken, worin er sich sicherlich täuschte.

»Graf Norbert«, dachte er, »den ich beobachtet habe, wie er eine Meldung von zwanzig Zeilen an seinen Oberst dreimal aufgesetzt hat, der könnte froh sein, wenn er in seinem Leben eine einzige Seite so geschrieben hätte wie Sainclair.«

Da keiner auf ihn in seiner Bedeutungslosigkeit achtete, konnte sich Julian einer Gruppe nach der andern nähern. Er blieb in der Nähe des Barons von Stock und wollte ihn sprechen hören. Der geistreiche Mann hatte eine nervöse Miene, und Julian sah ihn erst ruhiger werden, als er vier oder fünf anzügliche Redensarten gemacht hatte. Es schien Julian, als ob diese Art Geist viel Raum beanspruche. Es war dem Baron unmöglich, in Aphorismen zu sprechen. Er brauchte immer ein paar sechszeilige Sätze, um etwas Glänzendes zu sagen.

»Dieser Mensch doziert. Er plaudert nicht«, sagte jemand hinter ihm. Er drehte sich um und errötete vor Freude, als er den Namen des Grafen Chalvet hörte. Das war der klügste Mann seiner Zeit. Julian hatte seinen Namen mehrfach im Memorial von Sankt Helena und in den von Napoleon dem Ersten diktierten Dokumenten gefunden. Graf Chalvet äußerte sich in knappster Form. Seine Worte waren Blitze, grell, wuchtig und gründlich. Wovon er auch sprach, die Unterhaltung kam sofort in Fluß. Er brachte sie auf Tatsachen. Es war ein Vergnügen, ihm zuzuhören. In politischen Dingen war er übrigens der frechste Zyniker.

»Ich bin unabhängig«, sagte er zu einem dreifach dekorierten Herrn, über den er sich offenbar lustig machte. »Warum soll ich heute derselben Meinung sein wie vor sechs Wochen? Dann wäre ich ja der Sklave meiner Meinung!«

Vier ernste junge Leute, die ihn umstanden, zogen dumme Gesichter. Sie liebten die Ironie nicht. Der Graf sah, daß er zu weit gegangen war. Zum Glück bemerkte er Herrn Balland, einen Biedermann und Tartüffe. Er begann sich mit ihm zu unterhalten. Andre traten näher. Man ahnte, daß der arme Balland erledigt werden sollte. Balland hatte aus lauter Moral und Moralität, obgleich er abstoßend häßlich war, nach seinem ersten unerzählbaren Auftreten in der Gesellschaft eine schwerreiche Frau geheiratet, und als diese gestorben, abermals eine schwerreiche Frau, die aber nicht gesellschaftsfähig war. Jetzt erfreute er sich in aller Demut eines Einkommens von sechzigtausend Franken und hatte sogar seine eignen Schmarotzer. Graf Chalvet machte auf dies alles erbarmungslose Anspielungen, und bald hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen um die beiden gebildet. Jedermann lächelte, selbst die ernsten jungen Herren, die Hoffnung des Jahrhunderts.

»Warum kommt er in dieses Haus, wo er doch offenbar nur zum Gespött dient?« dachte Julian. Er gesellte sich zum Abbé Pirard, um sich danach zu erkundigen.

Balland verschwand.

»Bravo!« sagte Norbert. »Einer von meines Vaters Spionen ist fort! Nur der kleine lahme Napier ist noch da!«

»Ist das des Rätsels Lösung?« dachte Julian. »Aber wenn dem so ist, warum empfängt ihn der Marquis?«

Der gestrenge Abbé Pirard stand mürrisch in einer Ecke des Saales und hörte zu, wen die Lakaien anmeldeten.

»Die wahre Räuberhöhle!« brummte er. »Ich sehe nur verrufene Leute kommen!«

Der gestrenge Abbé hatte keine Ahnung, aus welchen Elementen sich die gute Gesellschaft zusammensetzt. Aber durch seine Freunde, die Jansenisten, war er aufmerksam gemacht worden auf etliche Typen des Gesindels, das nur durch die große Geschicklichkeit, mit der es allen Parteien dient, oder durch übel erworbenen Reichtum in die Salons eingedrungen ist. Eine Weile antwortete er Julian auf seine eifrigen Fragen mit übervollem Herzen. Dann hielt er plötzlich inne, trostlos, daß er von jedermann immer nur Böses sagen mußte; er rechnete sich das als Sünde an. Für den galligen Jansenisten, der an die Pflicht der christlichen Nächstenliebe glaubte, war das Leben in der großen Welt ein steter Kampf. – »Was dieser Abbé Pirard für ein Gesicht zieht!« sagte Fräulein von La Mole, als Julian wieder an das Sofa trat.

Er fühlte sich gereizt. Gleichwohl hatte sie recht. Der Pfarrer Pirard war ohne Zweifel der ehrlichste Mann in diesem Salon, aber sein Kupfergesicht sah in diesem Augenblick, wo es von Gewissensskrupeln verzerrt wurde, wirklich abschreckend aus. »Glaube noch einer an Physiognomien!« dachte Julian. »In diesem Moment zeiht sich der Abbé in seinem Zartgefühl einer kleinen Sünde, und sein Gesicht ist finster; während auf der Stirn dieses Napier, den jeder als Halunken kennt, friedsames reines Glück strahlt.« Übrigens hatte der Abbé der sündhaften Welt große Zugeständnisse gemacht. Er hatte sich einen Diener genommen und ging gut gekleidet.

Julian merkte, daß im Salon etwas Besonderes vorging. Aller Augen richteten sich auf die Tür, und plötzlich trat beinahe Stille ein. Der Lakai meldete den berüchtigten Baron von Tolly, auf den sich anläßlich der Wahlen aller Aufmerksamkeit richtete. Julian trat etwas vor und konnte ihn sehr gut sehen. Der Baron hatte als Wahlvorsteher den genialen Einfall gehabt, die in seinem Wahllokal abgegebenen Stimmzettel der einen Partei verschwinden und durch Zettel ersetzen zu lassen, die einen brauchbareren Namen trugen. Dieses entscheidende Manöver war von einigen Wählern bemerkt worden, die sich beeilten, dem Baron von Tolly zu gratulieren. Der Biedermann war noch ganz blaß von dieser Staatsaktion. Böse Menschen hatten das Wort Zuchthaus fallen lassen. Herr von La Mole empfing ihn kalt, und der arme Baron empfahl sich wieder.

»Er hat es eilig. Wer weiß, zu welcher Zaubersoiree er geht!« witzelte Graf Chalvet, und alles lachte.

Unter etlichen stummen Würdenträgern und zumeist anrüchigen, aber durchweg geistreichen Intriganten, die heute abend die Säle des Hauses La Mole füllten (man munkelte, der Marquis bekäme ein Ministerium), machte der kleine Tanbeau seine ersten Versuche. Wenn es seinen Bemerkungen auch noch an Feinheit gebrach, so bot er seinen Zuhörern dafür wuchtige Worte.

»Warum verurteilt man den Kerl nicht zu zehn Jahren Gefängnis?« sagte er im Augenblick, als sich Julian der Gruppe näherte. »In das tiefste Verlies müßten solche Reptile eingesperrt werden. Man sollte sie im Dunkeln krepieren lassen; sonst quillt ihr Gift über, und sie werden gemeingefährlich. Was hat es für einen Zweck, ihn zu tausend Talern Geldstrafe zu verurteilen? Er ist arm. Um so besser. Aber seine Partei wird für ihn zahlen. Viel dienlicher wären fünfhundert Franken Geldstrafe und zehn Jahre Zuchthaus!«

»Du mein Gott, wer ist denn das Scheusal, von dem da die Rede ist?« dachte Julian, verwundert über den heftigen Ton und die ruckweisen Bewegungen seines Kollegen. Das schmale magere verzerrte Gesicht, das der Neffe des Akademikers hatte, sah in diesem Augenblicke geradezu widerlich aus. Julian merkte bald, daß es sich um den größten Dichter der Zeit handelte, um Beranger. »Bestie, du!« rief er halblaut, und Tränen des Edelmuts traten ihm in die Augen. »Warte nur, du Halunke! Dein heutiges Gerede will ich dir heimzahlen! Das sind also die Sturmtrupps der Partei, zu deren Führern der Marquis zählt! Und der berühmte Mann, den er verleumdet! Wie viel Orden und Sinekuren hätte er einheimsen können, wenn er sich verkauft hätte. Nicht gerade dem niedrigen Ministerium des Herrn von Nerval, aber irgendeinem in der Reihe der leidlich anständigen Minister.«

Der Abbé Pirard winkte Julian von weitem. Herr von La Mole hatte eben ein paar Worte mit ihm geredet. Als Julian, der in diesem Augenblick mit niedergeschlagenen Augen der Jeremiade eines Bischofs zuhörte, endlich von ihm loskam und sich seinem Freunde widmen konnte, fand er ihn von dem abscheulichen kleinen Tanbeau mit Beschlag belegt. Dies kleine Scheusal haßte Pirard als den Quell von Julians guter Karriere und machte ihm nun den Hof.

»Wann wird der Tod uns von dieser Pestbeule befreien?« In derlei Ausdrücken von biblischer Kraftfülle wetterte der kleine Literat gerade wider den ehrenwerten Lord Holland. Seine Stärke beruhte darin, daß er in der Lebensgeschichte seiner Zeitgenossen vorzüglich Bescheid wußte. Soeben hatte er alle Persönlichkeiten, die unter dem unlängst in England zur Regierung gekommenen Wilhelm IV. zu einigem Einfluß gelangen konnten, einer flüchtigen Musterung unterzogen.

Der Abbé ging in den angrenzenden Salon, und Julian folgte ihm.

»Der Marquis liebt die Literaten nicht. Ich sage Ihnen dies ausdrücklich. Es ist seine einzige Abneigung. Wenn Sie sich auf Latein oder Griechisch verstehen, wenn Sie in der persischen, ägyptischen und indischen Geschichte bewandert sind, so wird er Sie ob Ihrer Gelehrsamkeit schätzen und fördern. Aber schreiben Sie nie eine Seite Französisch, und besonders nicht über schwierige Dinge, die über Ihre gesellschaftliche Stellung hinausgehen. Dann sind Sie ihm ein Federfuchser, ein Ekel ... Wie? Sie wohnen im Hause eines Grandseigneurs und kennen den Ausspruch des Herzogs von Castries über Dalembert und Rousseau nicht? ›So einer will über alles urteilen und hat keine tausend Taler Rente! ‹«

»Es gibt keine Geheimnisse!« dachte Julian, »hier ebensowenig wie im Seminar.« Er besaß acht oder zehn Seiten eines Herzensergusses, eine Art Nachruf auf den alten Stabsarzt, der ihn, wie er glaubte, zum Manne gemacht hatte. »Und dies kleine Heft«, sagte Julian sich, »ist immer eingeschlossen gewesen.« Er ging auf sein Zimmer, verbrannte das Manuskript und kehrte in den Salon zurück. Die geistreichen Halunken hatten ihn inzwischen verlassen; nur die Leute mit Orden waren noch da.

Eine Tafel ward vollständig gedeckt hereingetragen. Man setzte sich. Zugegen waren unter anderen sieben oder acht sehr adlige, sehr fromme und sehr gezierte Damen im Alter von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Die Marschallin von Fervaques, eine glänzende Erscheinung, kam noch und entschuldigte sich wegen ihres späten Kommens. Es war nach Mitternacht. Sie nahm neben der Marquise Platz. Julian war tief bewegt. Sie hatte dieselben Augen und ganz den Blick wie Frau von Rênal.

Der Kreis um Fräulein von La Mole war noch ziemlich groß. Sie und ihre Freunde vertrieben sich die Zeit mit Witzen über den bedauernswerten Grafen Thaler, den einzigen Sohn eines berüchtigten Juden, der zu allbekanntem Reichtum gekommen war, indem er den Königen Geld lieh, damit sie die Völker in Kriege stürzen konnten. Als der Jude starb, hinterließ er seinem Sohn neben einem nur zu bekannten Namen eine Monatsrente von hunderttausend Talern. Diese heiklen Lebensumstände hätten entweder einen schlichten Charakter oder große Willenskraft erheischt. Aber unglücklicherweise war der Graf ein Alltagsmensch mit allerhand Prätentionen, die ihm seine Schmeichler eingeredet hatten.

Graf Caylus behauptete, man hätte ihn auf die Absicht gebracht, sich um Fräulein von La Mole zu bewerben! (Es sei bemerkt, daß sich um sie schon der Marquis von Croisenois, künftiger Herzog mit hunderttausend Franken Rente, bemühte.)

»Ach, beschuldigen Sie ihn doch nicht, Absichten zu haben!« bemerkte Norbert mitleidig.

Was dem armen Grafen Thaler wohl am meisten fehlte, das war in der Tat die Fähigkeit, etwas zu wollen. Somit wäre er würdig gewesen, auf einem Throne zu sitzen. Indem er von jedermann Rat annahm, hatte er niemals den Mut, irgend etwas durchzuführen.

Allein sein Gesichtsausdruck reiche hin, sie immerfort vergnügt zu machen, meinte Fräulein Mathilde. Es lag ein sonderbares Gemisch von Erwartung und Enttäuschung darin, aber von Zeit zu Zeit konnte man deutliche Spuren seines Dünkels aus dem scharfen Ton heraushören, den der reichste Mann Frankreichs sich leisten konnte, zumal er erst sechsunddreißig Jahre alt und sonst keine unüble Erscheinung war.

»Er ist schüchtern-frech«, meinte Croisenois. Graf Caylus, Norbert und zwei, drei andre junge Dandys verulkten ihn nach Herzenslust, ohne daß er es merkte, und ekelten ihn schließlich weg, als es ein Uhr schlug.

»Lassen Sie Ihre berühmten Araber bei dem Wetter vor der Tür warten?« fragte Norbert.

»Nein, heute holt mich ein neues Gespann ab, das nicht so teuer ist«, antwortete Herr von Thaler. »Das Sattelpferd kostet mich fünftausend Franken. Das Handpferd ist nur zweitausend wert. Natürlich benutze ich diese Pferde nur bei Nacht. Sie traben aber genauso wie meine Araber.«

Norberts Bemerkung erinnerte den semitischen Grafen daran, daß ein Gentleman wie er Pferdefreund sein müsse und daß man seine Tiere im Regen nicht so lange stehenlassen dürfe. Daraufhin brach Thaler auf. Unter Spötteleien über ihn gingen die andern Herren einen Augenblick später.

»So war es mir vergönnt«, dachte Julian, als er sie auf der Treppe lachen hörte, »mein Gegenstück zu sehen. Ich habe keine hundert Taler Zinsen im Jahre und stand eben neben einem Manne, der in jeder Stunde soviel zu verzehren hat. Und doch machte man sich über ihn lustig! Das kuriert einen vom Neid.«

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