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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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33. Kapitel

Am nächsten Morgen in der Frühe fertigte Julian in der Bibliothek Reinschriften von Briefen an, als Fräulein von La Mole durch eine kleine, geschickt durch Bücherrücken verdeckte Geheimtür eintrat. Während Julian diese Einrichtung bewunderte, war Fräulein Mathilde sichtlich überrascht und recht unangenehm berührt, ihn hier zu finden. Mit ihren Lockenwickeln machte sie einen harten, hochmütigen, fast männlichen Eindruck. Sie hatte die heimliche Angewohnheit, aus der Bibliothek ihres Vaters Bücher zu entwenden, ohne daß es jemand merkte. Julians Anwesenheit vereitelte ihr Vorhaben an diesem Morgen, und das verdroß sie um so mehr, als sie sich den zweiten Band von Voltaires »Prinzessin von Babylon« holen wollte, eine würdige Ergänzung zu ihrer außerordentlich monarchischen und frommen Erziehung, eine Meisterleistung des Sacré-Cœur! Das gute Kind verlangte schon mit neunzehn Jahren von einem Romane, wenn er ihr gefallen sollte: Esprit.

Gegen drei Uhr erschien Graf Norbert in der Bibliothek. Er wollte eine Zeitung lesen, um abends über Politik reden zu können, und war sehr zufrieden, Julian zu treffen, dessen Vorhandensein er schon vergessen hatte. Er benahm sich tadellos gegen ihn und forderte ihn auf, mit auszureiten.

»Mein Vater gibt uns Urlaub bis zu Tisch«, sagte er.

Julian hatte Verständnis für dieses uns und fand es reizend.

»Ich muß allerdings gestehen, Herr Graf«, sagte er, »wenn es darauf ankäme, einen zwanzig Meter hohen Baum zu fällen, abzuschälen und zu Brettern zu zersägen, so würde ich das leidlich machen, wie ich wohl sagen darf; aber ich habe in meinem Leben vielleicht sechsmal zu Pferde gesessen.«

»So, dann wird dies das siebente Mal sein!« meinte Norbert.

Insgeheim dachte Julian an den Einzug des Königs in Verrières und bildete sich ein, ein brillanter Reiter zu sein. Aber beim Zurückreiten aus dem Bois de Boulogne fiel er mitten in der Rue du Bac vom Pferde, als er einem Kabriolett kurz ausbiegen wollte. Schmutzbedeckt kam er heim. Zum Glück hatte er zwei Anzüge. Beim Diner wollte der Marquis ihn durch eine Anrede auszeichnen und fragte ihn, wie der Spazierritt verlaufen sei. Norbert antwortete rasch für ihn mit einer allgemeinen Redensart.

»Der Herr Graf ist überaus gütig«, fügte Julian hinzu. »Ich bin ihm dafür sehr verbunden und weiß es zu schätzen. Er war so liebenswürdig, mir das frömmste und hübscheste Pferd geben zu lassen. Aber schließlich konnte er mich nicht darauf festbinden, und so bin ich mitten auf der Straße dicht an der Brücke heruntergefallen.«

Fräulein Mathilde versuchte vergeblich, einen Lachanfall zu unterdrücken, und erkundigte sich schließlich rücksichtslos nach den Einzelheiten. Julian zog sich mit großer Natürlichkeit aus der Geschichte. Es lag Anmut in seinem Benehmen, ohne daß er es wußte. Er erzählte ihr den Unfall in der spaßigsten Weise..

»Ich prophezeie dem kleinen Priester alles mögliche«, sagte der Marquis zum Akademiker. »Ein Provinzler, der sich in solcher Lage natürlich benimmt! Das ist noch nie dagewesen und wird auch nie wieder vorkommen. Obendrein erzählt er sein Mißgeschick vor den Damen!«

Am nächsten Tage hörte Julian zwei theologische Vorlesungen und kehrte danach heim, um einige zwanzig Briefe abzuschreiben. Er fand in der Bibliothek neben seinem Platze einen sehr sorgfältig gekleideten jungen Herrn, der aber unvornehme Bewegungen hatte und ihn mißgünstig anglotzte.

Der Marquis erschien. »Was suchen Sie hier, Herr Tanbeau?« fragte er den jungen Herrn in strengem Tone.

»Ich dachte...«, antwortete der Gefragte mit untertänigem Lächeln.

»Nein, Herr Tanbeau, Sie haben nicht gedacht. Es war nur ein Versuch, und er ist mißglückt.«

Der junge Tanbeau stand wütend auf und verschwand. Er war ein Neffe des Akademikers, des Freundes der Marquise, angehender Literat. Der Akademiker hatte es beim Marquis durchgesetzt, daß dieser ihn zum Sekretär genommen hatte. Tanbeau arbeitete in einem abgelegenen Stübchen. Als er von der Gunst hörte, die Julian genoß, wollte er ihrer teilhaftig werden, und so hatte er sich am Morgen mit seinem Schreibzeug in der Bibliothek niedergelassen.

Um vier Uhr wagte Julian, sich nach kurzem Bedenken beim Grafen Norbert zu melden. Der war gerade im Begriff auszureiten und geriet infolgedessen in Verlegenheit, denn er war ein durch und durch höflicher Mensch.

»Ich meine«, sagte er zu Julian, »Sie werden erst einmal in der Bahn reiten. In ein paar Wochen wird es mir ein Vergnügen sein, mit Ihnen auszureiten.«

»Ich wollte mir die Ehre geben«, antwortete Julian, »Ihnen für die mir gestern bewiesene Güte zu danken. Seien Sie überzeugt, Herr Graf«, setzte er mit ernster Miene hinzu, »daß ich sehr wohl weiß, was ich Ihnen schuldig bin. Wenn das Pferd durch mein gestriges Ungeschick nicht verletzt worden ist und nicht anderweitig gebraucht wird, möchte ich es gern heute wieder reiten –«

»Also gut, lieber Sorel, aber auf Ihre Gefahr hin! Nehmen Sie an, ich hätte Ihnen die nötigen Vorhaltungen gemacht. Es ist schon vier Uhr. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Sobald Julian im Sattel saß, fragte er den Grafen: »Was muß man tun, um oben zu bleiben?«

»Allerhand!« entgegnete Norbert laut auflachend. »Zum Beispiel nicht vornüber sitzen!«

Julian begann in flottem Tempo zu traben.

»Sie junger Tollkopf!« sagte Norbert. Sie ritten über die Place Louis XVI. »Hier fahren zu viele Wagen, noch dazu solche, die unvorsichtig kutschiert werden. Wenn Sie in den Dreck fliegen, werden Ihnen die Dogcarts über den Bauch fahren. Es fällt den Leuten nicht ein, ihre Gäule am Maule zu reißen, um sie auf dem Flecke zu parieren.«

Zwanzigmal sah Norbert seinen Begleiter nahe am Herunterfallen; aber schließlich verlief der Spazierritt ohne Katastrophe. Als sie wieder zu Hause waren, sagte Norbert zu seiner Schwester: »Hier stelle ich dir einen der größten Draufgänger vor!«

Bei Tisch erzählte er seinem Vater über die ganze Tafel weg von Julians Schneid. Das war allerdings das einzige, was an seiner Reitkunst zu loben war. Der junge Graf hatte am Morgen im Hofe gehört, wie sich die Stallknechte beim Pferdeputzen über Julians Sturz lustig machten und böse Witze darüber rissen.

Trotz so vielen Wohlwollens fühlte sich Julian inmitten der Familie La Mole doch bald völlig vereinsamt. Alle ihre Gewohnheiten schienen ihm sonderbar, und in keine konnte er sich finden. Seine Verstöße erregten die Heiterkeit der Diener.

Der Abbé Pirard war nach seiner Pfarre abgereist. »Ist Julian ein schwankendes Rohr, so mag er zerbrechen. Ist er ein beherzter Mensch, so wird er sich selber helfen«, dachte er.

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