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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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32. Kapitel

Voller Staunen blieb Julian mitten im Hofe stehen.

»Seien Sie doch nicht so kindisch«, ermahnte ihn Pirard. »Erst haben Sie die gräßlichsten Einfalle, und dann stehen Sie da wie die Kuh vorm neuen Tore. Wo bleibt da das Nil admirari (das Nichtsbewundern) des Horaz? Bedenken Sie, daß sich der Schwarm der Lakaien über Sie lustig macht, wenn man Sie so dastehen sieht. Dann haben Sie es von vornherein bei den Leuten verspielt.«

»Ich möchte es keinem raten, mich nicht zu respektieren«, sagte Julian, sich auf die Lippen beißend. All sein Mißtrauen war wieder da.

Um in das Arbeitszimmer des Hausherrn zu gelangen, durchschritten sie die Säle des ersten Stockes, öde, unwohnliche, trübselige Prunkzimmer. Julians Bewunderung ward noch größer. »Wer hier wohnt, kann nie unglücklich sein«, dachte er bei sich.

Endlich erreichten sie den schlichtesten, nicht einmal gut belichteten Raum des prächtigen Palastes. Drin befand sich ein kleiner schmächtiger Herr mit lebhaften Augen und einer blonden Perücke. Der Abbé wandte sich nach Julian um und stellte ihn vor. Es war der Marquis. Julian kannte ihn kaum wieder. Dieser so höfliche Herr war ein ganz andrer als der, den er in seiner Erinnerung hatte. Das war nicht wie damals in der Abtei Hohen-Bray der Grandseigneur mit der hochmütigen Miene. Julian kam es vor, als habe die Perücke des Marquis zu viel Haare. Diese ihn ablenkende Beobachtung hatte die Folge, daß er nicht im geringsten schüchtern war. Der Nachkomme des Freundes von Heinrich dem Dritten machte ihm innerhalb seiner vier Pfähle einen geradezu armseligen Eindruck.

Der überaus hagere Marquis gestikulierte viel. Des weiteren stellte Julian bei sich fest, daß er von einer Urbanität war, die auf den, der mit ihm zu tun hatte, noch verführerischer wirkte als selbst die, die er am Bischof von Besançon so bewundert hatte.

Die Audienz währte keine drei Minuten. Als sie das Zimmer verlassen hatten, sagte der Abbé zu Julian: »Sie haben den Marquis angeschaut, als sollten Sie sein Porträt malen. Ich bin ein Stümper in der sogenannten Kunst des Umganges. Darin werden Sie mir sehr bald über sein. Aber Ihr dreistes Anstarren ist mir doch ein wenig zu unhöflich vorgekommen.«

Sie stiegen wieder in ihre Droschke. Am Boulevard hielt der Kutscher. Der Abbé führte Julian durch eine Flucht von hohen Sälen. Julian fiel es auf, daß keine Möbel darin standen. Er war in die Betrachtung einer prachtvollen vergoldeten Stutzuhr versunken, die etwas seiner Meinung nach recht Anstößiges darstellte, als ein höchst elegant gekleideter Herr mit lächelnder Miene auf ihn zutrat. Julian grüßte leichthin. Der Herr lächelte weiter und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Julian zuckte zusammen und fuhr einen Schritt zurück. Er war vor Zorn rot geworden. Der Abbé vergaß seinen würdesamen Ernst und lachte, daß ihm die Tränen kamen. Der Herr war der Schneider.

Beim Wiedergehen sagte der Abbé zu Julian: »In den nächsten zwei Tagen sind Sie Ihr eigener Herr. Der Frau Marquise werden Sie erst vorgestellt, wenn alles fertig ist. Ich denke nicht daran, Sie bei Ihrem Debüt im Seine-Babel wie ein junges Mädchen zu überwachen. Verlieren Sie Ihre Unschuld nur gleich, wenn Sie sie noch zu verlieren haben! Dann brauche ich keine Angst mehr um Sie zu haben. Übermorgen früh wird Ihnen der Schneider zwei Anzüge schicken. Dem Zuschneider, der sie Ihnen anprobiert, geben Sie fünf Franken Trinkgeld! Übrigens: reden Sie mit diesen Pariser Spottvögeln nicht in Ihrem Provinzfranzösisch. Ein Wort – und Sie sind verraten und verkauft. Darin haben die Leute etwas los. Übermorgen mittag kommen Sie zu mir. So, jetzt gehen Sie ... und sündigen Sie ... Noch eins: besorgen Sie sich Schuhe, Hemden und einen neuen Hut. Hier sind die nötigen Adressen!«

Julian betrachtete die Handschrift des Zettels.

»Eigenhändig geschrieben!« sagte der Abbé. »Der Marquis ist ein tätiger und weitblickender Herr, der lieber selber handelt, statt daß er bloß befiehlt. Er nimmt Sie in seinen Dienst, um sich die kleinen Mühen zu ersparen. Werden Sie Auffassungsgabe genug haben, alles, was dieser lebhafte Mensch kurz andeutet, richtig auszuführen? Die Zukunft wird diese Frage beantworten. Passen Sie gut auf!«

Ohne viel zu reden, suchte Julian die ihm aufgeschriebenen Geschäfte auf. Dabei machte er die Wahrnehmung, daß man ihn überall respektvoll empfing. Der Schuhmacher trug seinen Namen als Herr Julian von Sorel in sein Buch ein.

Unter anderm suchte Julian den Friedhof Père-Lachaise auf. Ein ungemein höflicher und in seinen Reden riesig liberaler Herr hatte die Gefälligkeit, ihn an das Grab des Marschalls Ney zu führen, des Treuesten der Treuen unter Napoleons Generalen. Die hochwohlweise Regierung jener Zeit versagte ihm die Ehre einer Grabschrift. Als sich Julian von dem freundlichen liberalen Herrn getrennt hatte, der ihm, Tranen in den Augen, fast um den Hals gefallen war, hatte er keine Taschenuhr mehr.

Um eine Erfahrung reicher stellte er sich am übernächsten Tage Punkt zwölf Uhr beim Abbé Pirard ein, der ihn einer genauen Besichtigung unterzog.

»Sie haben Anlage, ein Dandy zu werden«, meinte er in strengem Tone.

Julian sah wirklich ganz leidlich aus, wie ein junger Herr in Trauer. Nur war der brave Abbé selber zu sehr Provinzler, als daß er bemerkt hätte, daß sein Schützling die Schultern noch immer in der Art trug, die in der Provinz Eleganz und Würde bedeuten soll. Der Marquis, der ihn gleich darauf musterte, urteilte etwas anders.

»Haben Sie etwas dagegen, Herr Pfarrer, wenn Herr Sorel Tanzstunden nimmt?«

Der Abbé war starr.

»Nein, Euer Exzellenz«, erwiderte er schließlich. »Julian ist nicht Priester.«

Der Marquis betrat eine Geheimtreppe und führte seinen neuen Sekretär, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf in eine freundliche Dachstube, deren Aussicht auf den großen Park des Hauses ging.

Oben fragte er, wieviel Hemden Julian im Wäschegeschäft bestellt habe.

»Zwei Stück, Euer Exzellenz«, gab er zur Antwort, etwas befangen darüber, daß sich ein so hoher Herr um derartige Kleinigkeiten zu kümmern geruhte.

»Schön!« sagte der Marquis mit ernster Miene und in kurzem Befehlstone, der Julian nachdenklich stimmte. »Bestellen Sie noch zweiundzwanzig dazu! Hier haben Sie das Gehalt des ersten Vierteljahres.«

Nachdem sie zusammen wieder hinuntergestiegen waren, rief der Marquis einen älteren Diener. »Arsen«, befahl er ihm, »Sie übernehmen die Bedienung des Herrn Sorel!«

Ein paar Minuten später befand sich Julian allein in der herrlichen Bibliothek. Eine köstliche Augenweide! Um in seiner Erregung nicht etwa überrascht zu werden, setzte er sich in die dunkelste Ecke. Von hier aus betrachtete er voller Entzücken die glänzenden Bücherrücken. »Das darf ich alles lesen!« frohlockte er. »Hier muß es mir ja gefallen! Herr von Rênal hätte sich auf immerdar für entehrt gehalten, wenn er für mich nur den hundertsten Teil dessen getan hätte, was der Marquis tut ... Ah, da liegen die Briefschaften, die ich zu erledigen habe!«

Als Julian mit seiner Arbeit fertig war, wagte er sich an die Bücher. Er ward fast närrisch vor Freude, als er eine Voltaire-Ausgabe entdeckte. Schnell lief er nach der Tür des Bibliothekzimmers und blickte hinaus, ob ihn auch niemand stören werde. Dann machte er sich das Vergnügen, jeden einzelnen der achtzig Bände aufzuschlagen. Die kostbaren Einbände waren die Meisterleistung eines der geschicktesten Londoner Buchbinder. Julians Bewunderung war grenzenlos.

Eine Stunde darauf trat der Marquis ein. Er sah die Reinschriften durch und nahm zu seiner Verblüffung wahr, daß Julian dieses mit »ss« geschrieben hatte. »Sollte mir der Abbé ein Märchen aufgebunden haben, als er mir die Kenntnisse des jungen Mannes rühmte?« dachte er.

Arg enttäuscht fragte er Julian in mildem Tone: »In der Rechtschreibung sind Sie wohl nicht firm?«

»Leider nein, Eure Exzellenz«, gab Julian zu, ohne im geringsten zu bedenken, wie sehr er sich damit schadete. Er war allzu gerührt von der Güte des Marquis, bei der ihm die hochfahrende Art und Weise des Herrn von Rênal deutlich in die Erinnerung trat.

»Dann hat es eigentlich keinen Zweck, es mit diesem kleinen Abbé aus der Freigrafschaft zu versuchen«, dachte der Marquis. »Ich brauche einen in jeder Beziehung zuverlässigen Menschen.« Laut sagte er: »Dieses wird mit einem s geschrieben. Wenn Sie eine Reinschrift anfertigen, müssen Sie die Wörter, über deren Schreibweise Sie sich unklar sind, im Wörterbuche nachschlagen.«

Um sechs Uhr ließ der Marquis Julian rufen. Sein erster – betroffener – Blick fiel auf dessen Schuhe.

»Ich muß mich einer Vergeßlichkeit zeihen«, bemerkte er. »Ich habe Ihnen noch nicht gesagt, daß Sie sich alle Tage einhalb sechs Uhr umkleiden müssen.«

Julian sah ihn verständnislos an.

»Ich meine: Kniehosen und Strümpfe anziehen. Arsen wird Sie immer daran erinnern. Für heute sind Sie entschuldigt.«

Mit diesen Worten ließ der Marquis seinen Sekretär in einen goldschimmernden Saal eintreten. Herr von Rênal hätte bei dieser Gelegenheit nicht versäumt, seinen Gang zu beschleunigen, um den Vortritt zu haben. In Erinnerung der kleinlichen Eitelkeit seines ehemaligen Herrn trat Julian dem Marquis auf die Füße und verursachte dem an Gicht Leidenden großen Schmerz.

»Ein Tölpel ist er also auch!« stöhnte der Marquis.

Er stellte ihn einer stattlichen Dame von imposanter Erscheinung vor. Es war die Marquise. Sie machte Julian einen sehr eingebildeten Eindruck. Sie erinnerte ihn an Frau von Maugiron, die Gattin des Landrates von Bray, wenn sie irgendeiner offiziellen Festlichkeit beiwohnte.

Julian geriet durch die ungemeine Pracht des Saales ein wenig in Verwirrung. Er hörte nicht, was Herr von La Mole sagte. Die Marquise würdigte ihn kaum eines Blickes. Es waren noch einige Herren anwesend, unter denen Julian zu seiner unaussprechlichen Freude den Bischof von ******* erkannte, der vor einigen Monaten bei der Zeremonie von Hohen-Bray so liebenswürdig mit ihm gesprochen hatte. Der junge Prälat war zweifellos erschrocken über die zärtlichen Blicke, die Julian voll Schüchternheit auf ihn warf, ließ sich aber nicht anmerken, daß er den Provinzler wiedererkannte.

Alle im Salon Versammelten schienen Julian etwas Gedrücktes und Gezwungenes an sich zu haben. Man spricht leise in Paris und macht von Kleinigkeiten nicht viel Aufhebens.

Ein hübscher junger Herr mit einem Schnurrbärtchen und sehr blassem Gesicht erschien um halb sieben Uhr als letzter. Er war hoch aufgeschossen und hatte einen auffällig kleinen Kopf.

»Du läßt stets auf dich warten!« bemerkte die Marquise, als ihr der Spätling die Hand küßte.

Julian ward sich klar, daß dies Graf Norbert von La Mole war. Vom ersten Augenblick an fand er ihn entzückend. »Kaum möglich«, sagte er sich, »das soll der Mensch sein, dessen beleidigende Scherze mich aus dem Hause vertreiben könnten?«

Bei näherer Betrachtung bemerkte er, daß der Graf hohe Stiefel und Sporen trug. »Und ich soll Schuhe und Strümpfe tragen wie ein besserer Dienstbote!«

Man ging zu Tische. Julian hörte, wie die Marquise ein paar tadelnde Worte sagte. Dabei sprach sie ziemlich laut. Fast zu gleicher Zeit bemerkte er eine sehr hellblonde und auffällig wohlgestaltete junge Dame, die sich ihm gegenüber setzte. Sie gefiel ihm gar nicht. Aber als er sie genauer anschaute, hatte er die Empfindung, noch nie so schöne Augen gesehen zu haben. Nur verrieten sie große Seelenkälte. In der Folge fand Julian, daß sie einen scharfen und gelangweilten Ausdruck hatten, als wolle die junge Dame damit ihre Überlegenheit andeuten. »Frau von Rênal hatte gewiß wunderschöne Augen«, dachte er bei sich. »Alle Welt machte ihr Komplimente darüber, aber sie waren so ganz anders als diese.« Er besaß nicht Menschenkenntnis genug, um zu merken, daß in den Augen von Fräulein Mathilde – so hörte er sie nennen – hin und wieder Funken von Geist aufblitzten. Wenn Frau von Rênals Augen leuchteten, so war es im Feuer der Leidenschaft oder in edler Entrüstung über eine gemeine Handlung gewesen.

Gegen Ende der Mahlzeit fand Julian eine Bezeichnung für diese Art von Schönheit, die er an Fräulein von La Mole wahrnahm. »Sie hat Blinkfeueraugen!« sagte er bei sich. Übrigens kam es ihm vor, als habe sie eine gräßliche Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, die ihm immer mehr mißfiel. Er hörte auf, Mathilde heimlich zu betrachten. Im Gegensatze zu ihr dünkte ihn Graf Norbert in jeder Hinsicht bewundernswert. Julian war so von ihm bezaubert, daß es ihm nicht in den Sinn kam, ihn zu beneiden oder zu hassen, weil er reicher oder vornehmer war als er selbst.

Es schien ihm, als sähe der Marquis gelangweilt aus. Beim zweiten Gang sagte er zu seinem Sohne: »Norbert, deinem Wohlwollen empfehle ich Herrn Julian Sorel, meinen Adjutanten. Ich werde einen Mann aus ihm machen, wenn dieses möglich ist.«

»Mein Sekretär«, erläuterte er seinem Nachbar. »Er schreibt dieses mit zwei s.«

Alles blickte auf Julian, der sich etwas übertrieben gegen Norbert verbeugte. Im allgemeinen jedoch war der erste Eindruck, den er machte, leidlich.

Der Marquis mußte wohl von Julians Gelehrsamkeit ein Wort haben fallen lassen, denn einer der Tischgäste sprach ihn auf Horaz an. »Gerade meine Horazkenntnisse waren es, mit denen ich beim Bischof von Besançon so viel Glück hatte«, sagte sich Julian im stillen. »Man kennt augenscheinlich keinen andern Autor.« Fortan war er Herr seiner selbst, und zwar um so leichter, als er sich eben darüber klargeworden war, daß Fräulein von La Mole nie und nimmermehr ein Weib nach seinem Geschmack sei. Seit seiner Seminarzeit schätzte er die Menschen sehr gering und ließ sich nicht leicht von ihnen einschüchtern. Er hätte sich seiner Kaltblütigkeit gefreut, wenn die Einrichtung des Speisesaales etwas weniger prunkhaft gewesen wäre. Besonders störten ihn zwei acht Fuß hohe Spiegel, in denen er den Herrn, der von Horaz sprach, von Zeit zu Zeit erblickte. Was er selbst sagte, war für einen Provinzler nicht zu langatmig. Dazu hatte er ein Paar schöne Augen, deren Glanz vor schüchterner Glückseligkeit zunahm, wenn er eine gute Antwort gegeben zu haben vermeinte. Man fand ihn annehmbar. Die klassische Prüfung brachte ein gewisses Leben in die würdevolle Stimmung der Mahlzeit. Der Marquis gab dem Fragesteller ein Zeichen, Julian ordentlich auf den Zahn zu fühlen. »Sollte er am Ende doch einige Kenntnisse haben?« dachte er.

Julian antwortete mit eignen Ideen und verlor seine Schüchternheit fast gänzlich. Er vermochte zwar nicht geistreich zu sein, was ganz unmöglich ist, wenn man die in Paris übliche Redeweise nicht kennt, aber er brachte doch neue Gedanken, freilich ungewandt und nicht immer am rechten Fleck. Vor allem erkannte man, daß er das Latein vollkommen beherrschte.

Julians Gegner war Mitglied der Académie des Inscriptions und konnte zufällig Lateinisch. Da er in Julian einen sattelfesten Humanisten fand, fürchtete er nicht mehr, ihn lächerlich zu machen, und nun versuchte er allen Ernstes, ihn in die Enge zu treiben. In der Hitze des Gefechts vergaß Julian endlich die prunkvolle Umgebung, und es gelang ihm, über die lateinischen Dichter einige Gedanken zu äußern, die sein Partner noch nirgendwo gelesen hatte. Als ehrlicher Mensch erwies er dem jungen Sekretär die gebührende Ehre. Glücklicherweise kam die Unterhaltung auch noch auf die Frage, ob Horaz arm oder reich gewesen sei, ein liebenswürdiger sorgloser Lebenskünstler, der zu seinem Vergnügen schöne Verse machte, wie Chapelle, der Freund von Molière und Lafontaine, oder ein armer Teufel von poeta laureatus, der am Hofe lebte und zu Königs Geburtstag Oden fabrizierte, etwa wie Southey, der Ankläger des Lord Byron. Man sprach sodann von den sozialen Verhältnissen unter Augustus im alten Rom und unter Georg IV. in England. In beiden Epochen war der Adel allmächtig.

Diese Unterhaltung rüttelte den Marquis sichtlich aus dem Geistesschlaf auf, in den ihn die Langeweile bei Beginn der Mahlzeit versenkt hatte.

Julian wußte nicht das geringste von all den modernen Namen wie Southey, Lord Byron, Georg IV. Er hörte sie heute zum ersten Male. Aber es entging niemandem, daß er jedesmal, wenn das Gespräch auf Tatsachen aus der römischen Geschichte kam, die sich aus den Werken des Horaz, Martial, Tacitus usw. schöpfen ließen, eine unzweifelhafte Überlegenheit bewies. Auch benutzte er unbedenklich mehrere Ideen, die er sich aus der denkwürdigen Unterhaltung mit dem Bischof von Besançon angeeignet hatte. Sie wurden nicht am schlechtesten aufgenommen.

Als man der Unterhaltung über die Poeten müde war, geruhte die Marquise, die es sich zum Grundsatz gemacht hatte, alles zu bewundern, was ihrem Gatten Vergnügen bereitete, Julian anzublicken. »Hinter den noch linkischen Manieren dieses jungen Abbé verbirgt sich vielleicht echte Gelehrsamkeit«, meinte der Akademiker, der neben ihr saß. Julian hörte es undeutlich. Fertige Redensarten waren nach dem Geschmack der Hausherrin, und so machte sie sich auch die über Julian zu eigen. Sie freute sich, daß sie den Akademiker eingeladen hatte. »Er amüsiert meinen Mann«, dachte sie bei sich.

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