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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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31. Kapitel

»Der Herr wartet gewiß auf die Eilpost nach Paris?« fragte die Wirtin des Gasthofes, in dem Julian einkehrte, um zu frühstücken.

»Es eilt nicht«, erwiderte Julian. »Heute oder morgen.«

Während er so den Gleichgültigen spielte, traf die Post gerade ein. Zwei Plätze waren frei.

»Was sehe ich? Meinen lieben alten Falcoz!« rief einer der Insassen, der von Genf her kam, dem zugleich mit Julian Einsteigenden zu.

»Ich glaubte, du hättest dich in der Gegend von Lyon angesiedelt«, erwiderte der Angesprochene, »in einem der lieblichen Seitentäler der Rhone.«

»Schön angesiedelt. Ich mache, daß ich hier fortkomme.«

»Du, Saint-Giraud, der du kein Wässerchen trübst, was hast du denn Schlimmes verbrochen?« lachte der andre.

»Gerade genug. Ich fliehe das schauderhafte Provinzleben. Ich liebe ländliche Ruhe und Waldeskühle. Das weißt du ja. Du hast mir oft vorgeworfen, ich sei Romantiker. Ich habe mein Lebtag nichts von Politik wissen wollen. Und gerade die Politik vertreibt mich.«

»Zu welcher Partei gehörst du denn?«

»Zu keiner. Das ist eben mein Unglück. Meine ganze Politik ist die: Ich bin ein Liebhaber von Musik und Malerei. Ein gutes Buch ist mir ein Erlebnis. Nächstens werde ich vierundvierzig Jahre alt. Wie lange habe ich noch zu leben? Fünfzehn, zwanzig, höchstens dreißig Jahre. Ich will einmal annehmen, die Minister seien in dreißig Jahren ein bißchen gescheitere Kerle als heutzutage. Englands Geschichte flößt mir für unsre Zukunft einige Hoffnung ein. Aber immer wird es Monarchen geben, die ihre Vorrechte vermehren wollen, immer Streber, die Abgeordnete zu werden trachten. Mirabeaus Ruhm und die Hunderttausende von Franken, die er verdient hat, lassen die reichen Provinzler nicht schlafen. Das nennen sie Liberalismus und Liebe zum Volke. Und was die Konservativen anbelangt: Zum Kammerherrn ernannt oder ins Herrenhaus berufen zu werden wird immerdar ihr Ideal bleiben. Jedermann will auf dem Staatsschiffe zu tun haben, denn das wird vorzüglich bezahlt. Für einen schlichten Passagier bleibt nirgends ein armseliges Plätzchen.«

»Man sollte meinen, einem so ruhigen Manne sollte das ein leichtes sein! Was vertreibt dich insbesondre? Die letzten Wahlen?«

»Mein Unglück liegt tiefer. Ich hatte Paris und die ewige Komödie satt, zu der einen die sogenannte Kultur des neunzehnten Jahrhunderts zwingt. Ich hatte wahren Durst nach schlichtem gemütlichem Leben. Und so kaufte ich mir das Gut Montfleury in den Bergen an der Rhone. Einen schöneren Sitz gibt es nicht unter der Sonne.

Ein halbes Jahr lang machten mir der Pfarrer und die Krautjunker der Nachbarschaft den Hof. Ich gab ihnen zu essen und zu trinken. Ich erklärte ihnen: Ich habe Paris verlassen, um den Rest meines Daseins nichts mehr von Politik zu hören und zu reden. Ich halte mir nicht einmal eine Tageszeitung. Je weniger Briefe mir der Briefträger bringt, um so glücklicher bin ich.

Der Pfarrer war andrer Meinung. Sehr bald war ich das Ziel von tausend aufdringlichen Bittgesuchen und Scherereien. Ich hatte die Absicht, jährlich zweihundert bis dreihundert Franken für die Armen zu geben. Man ging mich darüber hinaus für allerlei fromme Gesellschaften an: für die Heiligen-Josephs-Brüder, für die Marien-Schwestern usw. Ich schlug es ab, und von Stund an war ich hundert Unverschämtheiten ausgesetzt. In meiner Dummheit ärgere ich mich darüber. Ich kann morgens nicht mehr Spazierengehen, ohne irgendeinen Verdruß zu erleben, der mich aus meinen Träumereien aufscheucht und mich unsanft an die Alltagswelt und ihre Gemeinheit gemahnt. Bei den Prozessionen zum Beispiel, deren Gesang ich gern höre – wahrscheinlich haben sich in seiner Melodie altgriechische Motive erhalten –, werden meine Felder nicht mehr gesegnet, weil sie einem Gottlosen gehören, wie der Pfarrer zu sagen beliebt. Oder einer alten bigotten Bäuerin stirbt die Kuh. Das kommt natürlich daher, weil das Tier einmal im Teiche des Gutes getränkt worden ist, das dem aus Paris hergezogenen Erzheiden gehört. Acht Tage darauf schwimmen meine Karpfen auf dem Rücken. Man hat sie mir mit Kalk vergiftet. Solche Schikanen umringen mich in jeglicher Gestalt. Der Ortsrichter ist sonst ein ganz anständiger Mensch, aber er hat Angst, abgesetzt zu werden. Er gibt mir immerzu unrecht. So wird mir der ländliche Friede zur Hölle. Sobald es ruchbar ward, daß mich der Pfarrer, das Oberhaupt der Kongregation des Ortes, fallengelassen, und daß mir der Hauptmann a. D., die Seele der Liberalen, wegen meiner politischen Nonchalance nicht mehr die Stange hielt, fiel man allgemein über mich her, selbst der Maurer, dem ich ein Jahr lang das Brot gegeben, und der Stellmacher, der mich unbestraft beim Ausbessern meines Ackergeräts hat beschwindeln dürfen.

Um wenigstens einen Rückhalt zu haben und nicht ganz rechtlos dazustehen, hielt ich zu den Liberalen. Aber, wie du richtig sagst, die Wahlen kamen, und man bat mich um meine Stimme ...«

»Für einen dir Unbekannten?«

»Nein, nein! Für einen, den ich nur zu gut kannte. Ich lehnte ab. Welch große Torheit! Nun habe ich auch die Liberalen auf dem Halse.

Meine Stellung ist unerträglich. Wenn es dem Pfarrer in den Sinn gekommen wäre, mich zu bezichtigen, ich hätte meine Wirtschafterin ermordet, ich glaube, es hätten sich unter den Klerikalen wie unter den Liberalen je ein Dutzend Zeugen gefunden, die vor Gericht beschworen hätten, die verbrecherische Tat mit angesehen zu haben.«

»Du wolltest auf dem Lande leben«, meinte der andre, »ohne am Leben und Treiben deiner Nachbarn Interesse zu zeigen, ja ohne ihr Geschwätz anzuhören, das war ein Riesenfehler!«

»Er soll wieder gutgemacht werden. Schloß Montfleury steht zum Verkauf. Wenn's sein muß, will ich fünfzigtausend Franken dabei fahrenlassen. Ich werde froh sein, wenn ich diese Teufelsecke der Niedertracht und Heuchelei hinter mir habe. Ich will mir Friedsamkeit und Einsiedlertum dort suchen, wo sie einzig und allein in Frankreich gedeihen: im Dachstock eines Hauses von Paris mit dem Blick auf die Champs-Elysees.«

»Unter Bonaparte wäre dir alles das nicht widerfahren!« rief Falcoz. Seine Augen funkelten vor Empörung und Bedauern.

»Mag sein!« sagte Saint-Giraud. »Aber warum hat er sich nicht zu behaupten vermocht, dein Bonaparte? Alles, was ich heute zu leiden habe, hat er verschuldet!«

Jetzt verdoppelte sich Julians Aufmerksamkeit. Seit dem ersten Wort hatte er begriffen, daß der Bonapartist Falcoz der Jugendfreund des Herrn von Rênal war, derselbe, mit dem er im Jahre 1816 gebrochen hatte.

»Ja, an alledem ist dein Bonaparte schuld!« wiederholte Saint-Giraud. »Seine Geistlichen, seine Edelleute vertreiben einen ehrenwerten wohlhabenden Mann gesetzten Alters aus seinem Ruhesitz!«

»Ach, sprich nicht schlecht von ihm!« rief Falcoz. »Zu keiner Zeit hat Frankreich so hoch in der Achtung der Völker gestanden wie in den dreizehn Jahren seiner Herrschaft. Es war Größe in allem, was geschah!«

»Dein Kaiser, den der Teufel holen soll«, widersprach der andre, »war nur groß auf den Schlachtfeldern und damals, als er Frankreichs Finanzen gesund machte, 1802. Doch was soll man zu seiner späteren Aufführung sagen? Sein Hofstaat, sein Prunk, seine Empfänge in den Tuilerien waren eine Neuauflage der monarchischen Maskerade, mit etlichen Verbesserungen, durch die sie sich ein, zwei Jahrhunderte hätte halten können. Aber dem Adel und den Pfaffen war die alte Monarchie lieber ...«

»Du sprichst da so recht wie ein ehemaliger Buchdrucker!«

Der andre ließ sich nicht beirren. »Wer verjagt mich denn von meinem Landgute? Die Pfaffen, die Napoleon durch sein Konkordat zurückgerufen hat, anstatt daß er sie wie der Staat die Ärzte, Advokaten und Sterngucker als Privatleute behandelte, die ein Gewerbe betreiben, das den Staat nichts angeht. Und gäbe es heute freche Adelige, wenn dein Bonaparte nicht Barone und Grafen gemacht hätte? Nein! Sie waren abgeschafft! Neben den Geistlichen waren es die kleinen Landedelleute, die mich am meisten schikaniert und mich den Liberalen in die Arme gejagt haben!«

Diese trübselige Unterhaltung über die politischen Zustände ging ins Endlose weiter. Erstaunt hörte Julian zu. Seine wonnevollen Utopien verflogen. Als die Türme von Paris am Horizont auftauchten, machte dieser Anblick kaum Eindruck auf ihn. Die hohen Erwartungen, die er an seine Zukunft stellte, hatten die frischen Erinnerungen an die letzte Nacht in Verrières noch nicht niedergekämpft. Er gelobte sich, die Kinder seiner Herzensfreundin nie zu vergessen und alles daranzusetzen, sie zu schützen, wenn der Übermut der Pfaffen je wieder eine Revolution und damit eine Verfolgung des Adels heraufbeschwören sollte.

Immer wieder träumte er sich nach Verrières zurück. Was wäre wohl geschehen, wenn er nach dem Einstieg auf der Leiter das Schlafzimmer der Geliebten von einem Fremden oder gar von Herrn von Rênal besetzt gefunden hätte? Ach, die beiden ersten Stunden, da ihn Frau von Rênal ernstlich wegschicken wollte, als er auf ihrem Bett im Finstern neben ihr saß und sich verteidigte: wie köstlich war das doch! Eine Seele wie die seine konnte solche Erinnerungen nimmermehr vergessen. Die übrigen Stunden der Liebesnacht vermischten sich in seinem Gedächtnisse mit den ersten Zeiten ihrer Liebschaft, vierzehn Monate vordem.

Aus diesen tiefen Träumereien wurde Julian gerissen, als die Postkutsche haltmachte. Man war eben in den Posthof in der Rousseaustraße eingefahren.

Er nahm eine Droschke.

»Ich möchte nach Malmaison!« rief er dem Kutscher zu.

»Zu dieser Stunde? «Was wollen Sie dort?«

»Was geht Sie das an? Vorwärts!«

In Malmaison war er außer sich vor Schwärmerei. Er weinte. Nichts störte ihn. Arcole, Malmaison, Sankt Helena, die ganze große Welt Napoleons umrauschte ihn.

Am Abend ging Julian nach langem Zaudern in das Theater. Er hatte sonderbare Ansichten über diesen Ort der Verderbnis. Überhaupt ließ ihn tiefes Mißtrauen zu keiner rechten Bewunderung des zeitgenössischen Zustandes von Paris gelangen. Nur die Denkmäler, die sein Heros hinterlassen, hielten ihn in ihrem Banne.

»Jetzt bin ich also im Mittelpunkt der Kabale und der Heuchelei!« sagte er sich. »Hier herrschen die Gönner des Abbé von Frilair und seiner Geistesbrüder!«

Am Abende des dritten Tages siegte die Neugier über seine ursprüngliche Absicht, sich erst einmal Paris gründlich anzusehen, ehe er sich beim Abbé Pirard meldete. In kühlem Tone setzte ihm sein ehemaliger Seminardirektor auseinander, welche Lebensverhältnisse ihn im Hause des Marquis von La Mole erwarteten.

»Sollten Sie sich dort nach ein paar Monaten nicht als brauchbar erweisen«, sagte er unter anderm, »so gehen Sie ins Seminar zurück, ohne daß Sie dabei einen Nachteil erleiden werden. Sie wohnen fortan im Hause des Marquis, eines der Grandseigneurs des Landes. Sie werden schwarz gehen, indessen nicht wie ein Geistlicher, sondern wie jemand, der Trauer hat. Ich verlange, daß Sie sich dreimal in der Woche in einem Seminar einstellen, wo ich Sie einführen werde. Dort setzen Sie nebenbei Ihre theologischen Studien fort. Täglich um zwölf Uhr haben Sie sich in der Bibliothek des Marquis einzufinden. Er beabsichtigt, seine gesamte Geschäftskorrespondenz durch Sie führen zu lassen. An den Rand jedes einlaufenden Briefes macht er ein paar knappe Notizen über die Beantwortung. Ich habe ihm versichert, in einem Vierteljahre seien Sie imstande, die Antworten so aufzusetzen, daß der Marquis von zwölf ihm zur Unterschrift vorgelegten Schreiben mindestens acht oder neun unterzeichnen könne. Abends um acht Uhr haben Sie seinen Schreibtisch in Ordnung zu bringen. Um zehn Uhr sind Sie frei.

Möglicherweise«, fuhr Pirard fort, »macht Ihnen irgendeine alte Dame oder ein freundlich redender Herr große Versprechungen oder bietet Ihnen einfach Geld, damit Sie die Korrespondenz des Marquis verraten...«

»Herr Abbé!« unterbrach ihn Julian, schamrot geworden.

»Merkwürdig!« murmelte der Abbé mit einem Lächeln voll Bitternis. »So arm wie Sie sind, und obgleich Sie ein volles Jahr im Seminar gelebt haben, können Sie sich noch so ehrbar entrüsten! Sie müssen recht blind gewesen sein!

Sollte das die Macht des Blutes sein?« fuhr er wie mit sich selbst redend fort. »Es ist doch sehr sonderbar, daß der Marquis Sie kennt. Woher, weiß ich nicht...

Für den Anfang bekommen Sie zweitausend Franken Gehalt. Der Marquis ist ein Mann, der ganz nach seiner Laune handelt. Das ist sein Fehler. Er wird sich mit Ihnen um Kindereien streiten. Ist er mit Ihnen zufrieden, so wird Ihr Gehalt nach und nach auf achttausend Franken steigen. Aber eins merken Sie sich: der Marquis gibt Ihnen all dies Geld nicht um Ihrer schönen Augen willen. Sie müssen etwas leisten. An Ihrer Stelle würde ich sehr wenig reden – und vor allem niemals über Dinge, von denen ich nichts verstehe.

Und nun will ich Ihnen noch etwas über die Familie des Herrn von La Mole sagen. Ich habe mich für Sie darüber erkundigt. Er hat zwei Kinder: eine Tochter und einen neunzehnjährigen Sohn, einen Dandy ersten Ranges, eine Art Sonderling, der um zwölf Uhr noch nicht weiß, was er um zwei tun will. Er besitzt Witz und Mut und hat die Expedition nach Spanien Anno 1823 mitgemacht. Aus einem mir unbekannten Grunde erwartet der Marquis, daß sich sein Sohn Norbert kameradschaftlich zu Ihnen stellt. Ich habe ihm erzählt, daß Sie ein guter Lateiner sind. Vielleicht rechnet er damit, daß Sie seinem Sohn ein paar fertige Redensarten über Cicero und Virgil beibringen.

An Ihrer Stelle würde ich dem vornehmen jungen Herrn gegenüber zunächst sehr zurückhaltend sein und seinem wahrscheinlich ausgesucht höflichen, aber doch leise ironischen Entgegenkommen nur zögernd Folge leisten. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß der junge Graf Sie zunächst insgeheim verachten wird, denn Sie sind bloß ein Bürgerlicher. Wohingegen einer seiner Vorfahren eine große Rolle am Hofe gespielt und die Ehre gehabt hat, wegen politischer Umtriebe am 6. April 1574 auf dem Grève-Platz um einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Sie sind der Sohn des Müllers von Verrières, obendrein im Dienste seines Vaters. Machen Sie sich diesen gewaltigen Unterschied möglichst klar und studieren Sie die Geschichte der Familie von La Mole im Werke von Moreri. Die Schmeichler, die im Hause verkehren, machen von Zeit zu Zeit zarte historische Anspielungen.

Seien Sie auch vorsichtig, wenn Sie auf die Scherze des Grafen Norbert antworten. Er ist Rittmeister und Eskadronchef bei den Husaren und dermaleinst Pair von Frankreich. Kommen Sie mir hinterher nicht mit Klagen!«

Julian hatte einen feuerroten Kopf bekommen.

»Ich bin der Meinung«, erwiderte er, »einem Menschen, der einen verächtlich behandelt, antwortet man am besten überhaupt nicht.«

»Da haben Sie nicht die richtige Vorstellung von aristokratischer Verachtung«, wandte Pirard ein. »Sie dürfte sich kaum anders denn in übertriebenen Komplimenten äußern. Ein Dummkopf nimmt das für bare Münze. Einer, der sein Glück machen will, muß so tun.«

»Wird man mich für undankbar halten«, fragte Julian, »wenn ich an dem Tage, da mir dies alles nicht mehr gefällt, in meine kleine Zelle Nummer 103 zurückkehre?«

»Allerdings«, entgegnete der Abbé. »Alle Schmeichler des Hauses werden Sie verleumden. Aber dann werde ich auf dem Posten sein. Adsum, qui feci. Ich werde sagen, ich hätte Sie dazu veranlaßt.«

Julian war verletzt durch den bitteren, beinahe bösen Ton, den Pirard während der ganzen Unterredung anschlug. Das brachte ihn um den Inhalt der letzten Worte des Abbé. In Wirklichkeit machte sich Pirard schwere Vorwürfe ob seiner Vorliebe für Julian. Auch war es ihm contre cœur, sich so unmittelbar in das Geschick eines Mitmenschen zu mischen.

Mit der nämlichen Mißlaune, als entledige er sich einer unangenehmen Pflicht, fuhr er fort: »Sie werden auch die Frau Marquise von La Mole kennenlernen, eine stattliche Blondine, eine fromme, hochmütige, äußerst verbindliche Dame, aber eine Frau ohne die geringste Bedeutung. Sie ist eine Tochter des alten Herzogs von Chaulnes, der wegen seines Adelsstolzes allbekannt ist. Diese Grande-dame ist sozusagen der Extrakt ihrer sämtlichen Ranggenossinnen. Sie macht kein Hehl daraus, daß der einzige Vorzug, den sie anerkennt, der ist, Ahnen zu haben, die die Kreuzzüge mitgemacht haben. Reichtum steht tief unter dem. Das wundert Sie? Ja, mein Lieber, wir sind nicht mehr in der Provinz.

Sie werden in den Salons des Hauses von La Mole manchen hohen Herrn in sonderbar leichtfertigem Tone von unserm Herrscherhause reden hören. Die Frau Marquise hingegen zerfließt in Verehrung des Gottesgnadentums. Ich rate Ihnen nicht, in ihrer Gegenwart zu behaupten, Philipp der Zweite oder Heinrich der Achte seien Unmenschen gewesen. Diese Herren waren Majestäten! Das gibt ihnen ewige Rechte auf die Ehrerbietung sämtlicher Menschen, insbesondere sämtlicher Menschen ohne Ahnen, wie wir welche sind, Sie und ich. Allerdings sind wir beide Priester. Als solcher werden Sie von ihr behandelt werden. Wir sind sozusagen die Kammerdiener ihres Seelenheils.«

»Herr Abbé«, erklärte Julian, »ich glaube, ich werde nicht lange in Paris bleiben.«

»Wir werden ja sehen. Aber vergessen Sie nicht, daß unsereiner nur durch die großen Herren Karriere machen kann. Sie haben, zum mindesten für mich, in Ihrem Wesen etwas Geheimnisvolles und Seltsames. Darum bilde ich mir ein, entweder werden Sie sehr hoch kommen oder sehr viel zu leiden haben. Ein Zwischending gibt es für Sie nicht. Des seien Sie sich immer klar. Die Leute merken, daß Sie am liebsten nicht angeredet sein wollen. In einem sozialen Lande wie Frankreich sind Sie verloren, wenn Sie nicht vor jedermann Respekt zeigen, der Anspruch darauf erhebt. Was wäre in Besançon aus Ihnen geworden, wenn die Laune des Marquis nicht auf Sie geraten wäre? Eines Tages werden Sie begreifen, wie außergewöhnlich das ist, was er für Sie tut, und wenn Sie nicht gerade ein Ungeheuer sind, werden Sie ihm und seiner Familie ewig dankbar sein. Wie viele arme Abbés, gelehrtere Köpfe als Sie, haben lange, lange Jahre ihr Leben in Paris gefristet von den paar Groschen, die einem wissenschaftliche Arbeiten einbringen.

Ich spreche nur deshalb so ausführlich mit Ihnen, um Sie ein wenig vorsichtig zu stimmen. Noch eins: ich bin leider ein jähzorniger Mensch, und so könnte es sich ereignen, daß wir uns eines Tages entzweien. Wenn Ihnen der Hochmut der Marquise oder die schlechten Späße ihres Sohnes den Aufenthalt in diesem Hause ein für allemal verleiden sollten, so gebe ich Ihnen den Rat: beenden Sie Ihre Studien in einem Seminar nicht allzu weit entfernt von Paris, und zwar lieber im Norden denn im Süden. Im Norden herrscht feinere Kultur, und ...«, das Folgende flüsterte er, » ... ich muß sagen, die Nähe der Pariser Zeitungen hält die kleinen Tyrannen im Zaume.

Sollten wir aber, was ich hoffe, weiterhin Freude daran finden, miteinander zu verkehren, und das Haus des Marquis gefällt Ihnen eines Tages nicht mehr, so mache ich Ihnen den Vorschlag, mein Vikar zu werden. Wir teilen dann brüderlich, was mir meine Pfarre einbringt. Mein jetziges Einkommen beschämt mich sowieso. Es steht nicht recht im Verhältnis zu meiner Arbeit. Das bin ich Ihnen schuldig, das und noch mehr ...«

Julian beteuerte, daß er der zum Dank Verpflichtete sei.

»... Erinnern Sie sich des sonderbaren Anerbietens, das Sie mir in Besançon gemacht haben, als ich mein Amt aufgab? Ich besaß einhundertfünfundsiebzig Taler Ersparnisse, keinen roten Heller mehr oder weniger. Hätte ich nicht einmal die gehabt – und nicht Herrn von La Mole, so wären Sie meine Zuflucht gewesen.«

Der harte Ton des Abbés war verflogen. Zu seiner größten Verlegenheit vermochte Julian seine Tränen nicht zurückzuhalten. Am liebsten wäre er seinem Freunde um den Hals gefallen. Er nahm sich jedoch zusammen und begnügte sich, ihm so männlich wie möglich zu antworten: »Mein Vater hat mich bereits gehaßt, als ich noch in der Wiege lag. Damit fing das Unglück meines Lebens an. Fortan aber will ich dem Schicksal nicht mehr grollen, denn ich habe in Ihnen, Herr Abbé, einen wirklichen Vater gefunden ...«

»Schon gut! Schon gut!« unterbrach ihn Pirard verlegen. Just zur rechten Zeit fiel ihm etwas aus seiner Seminardirektorzeit ein. »Übrigens, mein lieber Sohn, dürfen Sie nie sagen: das Schicksal. Sagen Sie immer: die Vorsehung!«

In diesem Augenblick hielt die Droschke. Der Kutscher hob den bronzenen Türklopfer eines mächtigen Tores. Man war vor dem Palais La Mole. Über dem Portal leuchteten auf schwarzem Marmor die Worte: Hôtel de la Mole.

Die auffällige Schrift mißfiel Julian. »Diese Leute haben eine Heidenangst vor den Jakobinern. Hinter jeder Hecke sehen sie einen Robespierre mit seinem Henkerskarren. Das ist zum Totlachen. Und dann wieder hängen sie solche Firmen an ihre Paläste, damit der plündernde Mob bei einem Umsturz nicht erst lange zu suchen braucht.«

Er teilte dem Abbé mit, was er eben gedacht hatte.

»Ärmster«, entgegnete dieser, »Sie werden mein Vikar allzubald sein. Was haben Sie für schauderhafte Einfalle!«

»Der Gedanke liegt aber doch nahe«, meinte Julian.

Das würdevolle Benehmen des Pförtners und mehr noch die peinliche Sauberkeit des Hofes riefen seine Bewunderung hervor. Es war heller Sonnenschein.

»Ein großartiger Bau!« sagte er zu seinem Freunde.

Der Palast war eins jener langweiligen mächtigen Häuser der Vorstadt Saint-Germain, wie sie zur Zeit von Voltaires Tod erbaut wurden.

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