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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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29. Kapitel

Julian war noch immer wie gelähmt durch die Episode in der Kathedrale, als ihn der gestrenge Abbé Pirard eines Morgens zu sich rufen ließ.

»Der Herr Abbé Chas-Bernard empfiehlt Sie mir durch dieses Schreiben ganz besonders«, begann er. »Ich bin mit Ihrer Führung im ganzen recht zufrieden. Aber Sie sind äußerst unvorsichtig, ja unbesonnen. Mir ist es nicht entgangen. Immerhin, bis jetzt ist Ihr Herz gut, sogar edel. Und Sie besitzen einen überlegenen Geist. Mit einem Worte: es glüht ein Funken in Ihnen, den man nicht ausgehen lassen darf.«

»Nach fünfzehn Jahren voller Arbeit stehe ich im Begriffe, dies Haus zu verlassen. Man beschuldigt mich, den Seminaristen zu viel Freiheit gelassen und nichts für und nichts gegen die geheime Verbindung getan zu haben, von der Sie mir im Beichtstuhl berichtet haben. Ehe ich fortgehe, will ich etwas für Sie tun. Ich hätte es bereits vor acht Wochen gemacht, denn Sie haben es verdient, wenn nicht die Denunziation wegen der Adresse der Amanda Binet dazwischen gekommen wäre. Ich ernenne Sie hiermit zum Repetitor für das Alte und Neue Testament.«

Im Überschwange seiner Dankbarkeit durchzuckte Julian die Idee, er müsse in die Knie sinken und Gott danken. Doch er folgte einem aufrichtigeren Drange. Er ging auf den Abbé zu, ergriff seine Hand und führte sie an die Lippen.

»Was soll das?« rief der Direktor ärgerlich; aber da sah er, daß Julians Augen noch mehr verrieten als das, was er eben getan. Er war tief verwundert, just wie ein Mensch, der es im Laufe der Jahre aufgegeben hat, Herzensregungen zu begegnen. Dieses Erstaunen sah man dem Abbé an, und es lag ein seltsamer Klang in seiner Stimme, als er sagte: »Gewiß, mein Sohn, ich bin dir zugetan. Gott ist mein Zeuge, daß es wider meinen Willen ist, denn ich weiß, daß es meine Pflicht ist, gerecht zu sein, keinem zuliebe, keinem zuleide. Deine Laufbahn wird voller Mühen sein. Denn in dir lebt und webt etwas, das den großen Haufen verletzt. Neid und Verleumdung werden nicht von dir lassen. Wohin die Vorsehung dich auch stellen mag: Deine Gefährten werden dich nie ohne Haß betrachten. Selbst wenn sie tun, als hätten sie dich gern, so geschieht dies nur, um dich desto sicherer zu verraten. Dagegen hilft nur eines: Nimm deine Zuflucht zu Gott! Er ist es, der dir zur Strafe für deinen wissentlichen und unwissentlichen Hochmut den Haß der andern bereitet. Sei lauter in Handel und Wandel. Anders kommst du nimmer zu deinem Frieden. Wenn du unverbrüchlich und unablässig zur Wahrheit hältst, werden deine Widersacher früher oder später ermatten.«

Die Stimme eines Freundes hatte Julian sehr lange nicht vernommen, und so muß man ihm die Schwäche nachsehen, daß er in Tränen ausbrach. Gerührt schloß ihn der Abbé in die Arme. Es war ein Moment, gleich wonnesam für beide.

Julian war toll vor Freude. Das war seine erste Beförderung. Die Vorteile waren beträchtlich. Um sie zu ermessen, muß man dazu verdammt gewesen sein, monatelang, ohne eine Minute des Alleinseins, im engsten Verkehr mit Kameraden zu leben, die zum mindesten lästig, zumeist aber unerträglich sind. Schon ihr Geschrei reichte hin, eine sensible Natur zu verstimmen. Alle diese wohlgenährten und gutgekleideten Bauernjungen empfanden erst dann den vollen Genuß ihrer animalischen Fröhlichkeit, wenn sie recht lärmen konnten.

Fortan bekam Julian seine Mahlzeiten eine Stunde später als die andern Seminaristen, zunächst allein. Er erhielt einen Schlüssel zum Garten, wo er sich ergehen durfte, wenn kein Mensch darin war.

Zu seinem großen Erstaunen nahm er wahr, daß er jetzt weniger gehaßt wurde. Er hatte auf eine Verdoppelung des Hasses gerechnet. Sein geheimer, aber zu leicht erkennbarer Wunsch, von niemandem angeredet zu werden, hatte ihm ehedem manchen zum Feinde gemacht. Jetzt wurde das nicht mehr als Zeichen lächerlichen Hochmuts aufgefaßt. Jetzt war dies den Rohlingen, die ihn umgaben, eine berechtigte Äußerung seiner Würde. Die Feindseligkeit gegen ihn nahm zusehends ab, besonders unter den jüngeren Kameraden, die nun seine Schüler wurden und die er sehr höflich behandelte. Nach und nach gewann er sogar Anhänger, und bald galt es für unmanierlich, ihn Martin Luther zu nennen.

Seit Julian seine neue Würde bekleidete, sprach der Direktor Pirard absichtlich nur noch vor Zeugen mit ihm. Das war klug gehandelt, sowohl in Hinsicht auf den Lehrer wie auf den Schüler. Vor allem aber sollte es eine Prüfung sein. Als strenger Jansenist hatte Pirard folgenden Hauptgrundsatz: »Je mehr Verdienste ein Untergebener in unsern Augen hat, um so mehr muß man ihm all sein Tun und Trachten erschweren. Ist er wirklich etwas wert, so wird er die Schwierigkeiten umgehen oder überwinden.«

Zur Jagdzeit hatte Fouqué den Einfall, dem Seminar als angebliches Geschenk von Julians Eltern einen Hirsch und ein Wildschwein zu schicken. Dies Wildbret hing im Gang zwischen Küche und Refektorium, so daß alle Seminaristen es sehen mußten, wenn sie zum Essen gingen. Das war ein Ereignis, das die allgemeine Neugierde erregte. Acht Tage lang redete man von nichts anderm.

Diese Schenkung machte Julians Eltern zu Respektspersonen und beseitigte den Rest des Hasses gegen Julian. Der Reichtum seiner Familie sanktionierte seine Überlegenheit. Chazel und andre Größen der Seminaristenschaft suchten sichtlich den nähern Verkehr mit ihm. Beinahe hätten sie ihm einen Vorwurf daraus gemacht, daß er sie bisher vom Wohlstande seiner Familie nicht gehörig in Kenntnis gesetzt und sie in die peinliche Lage gebracht hatte, ihm die einem reichen Manne gebührende Hochachtung versagt zu haben.

Um diese Zeit fand eine Rekrutenaushebung in Besançon statt. In seiner Eigenschaft als Priesterschüler kam Julian frei. Dies bewegte ihn tief. »Ich bin zwanzig Jahre zu spät geboren! So habe ich die Zeit verpaßt, in der ich ein Held hätte werden können! Nie kehrt sie wieder!«

Als er an diesem Tage allein im Garten spazierenging, hörte er, wie einer der Arbeiter, die an der Umfassungsmauer zu tun hatten, bemerkte: »Na, nun müssen wir fort! Uns heben sie sicher aus.«

Ein andrer meinte: »Zu des Kaisers Zeit, ja, da wurde unsereiner wenigstens was, Offizier, sogar General. Man hat Beispiele!«

»Das war einmal!« lachte ein dritter. »Wer wird denn heutzutage Soldat? Arme Schlucker! Wer was hat, bleibt daheim!«

»Und wer im Dreck geboren ist, der bleibt im Dreck!«

»Sagt! Ist es denn eigentlich wahr, was man so sagt, daß er tot ist?«

»Die Angstmeier behaupten es.«

»Wie hat sich die Welt geändert! Zu seiner Zeit, das war ein ander Ding! Aber seine Marschälle haben ihn verraten. Die Schufte!«

Dies Gespräch tröstete Julian einigermaßen. Im Weitergehen seufzte er:

»Der einzige, den nie sein Volk vergißt!«

Die Examenszeit kam heran. Die Examinatoren waren von dem berüchtigten Großvikar von Frilair ernannt worden. Julian gab ausgezeichnete Antworten. Er machte die Wahrnehmung, daß selbst Chazel sein Licht nicht unter den Scheffel stellte.

Am ersten Prüfungstage mußten die Examinatoren Julian Sorel, der ihnen als Lieblingsschüler des Abbé Pirard bezeichnet worden war, zu ihrem Leidwesen allenthalben als Besten oder Zweitbesten in ihre i Listen eintragen. Schon wettete man im Seminar, Julian werde in der Schlußliste als Allererster stehen, was die Ehre nach sich zog, zu Seiner Hochwürden dem Bischof zu Tisch befohlen zu werden.

Gegen das Ende der Prüfung kam die Rede auf die Kirchenväter. Nachdem der betreffende gewandte Examinator vom heiligen Hieronymus und dessen Vorliebe für Cicero gesprochen hatte, schwenkte er auf Horaz, Virgil und andre profane Dichter über. Ohne Wissen seiner Mitschüler hatte Julian eine stattliche Anzahl Stellen aus diesen Autoren auswendig gelernt. Von seinen Erfolgen hingerissen, vergaß er den Ort, an dem er stand, und sagte auf wiederholtes Befragen des Prüfenden mehrere Oden des Horaz auf und erläuterte sie voll Begeisterung.

Zwanzig Minuten lang ließ ihn der Examinator sich begeistert aussprechen. Dann zog er plötzlich eine andre Miene auf und tadelte Julian scharf, daß er seine Zeit mit so weltlichen Studien vergeudet und sich den Kopf mit so unnützen und sündhaften Dingen beschwert habe.

»Es war töricht, Euer Hochwürden; ich sehe es ein«, erwiderte Julian bescheiden. Er erkannte, in welche schlau gelegte Falle er gegangen war.

Die Hinterlist des Examinators wurde unter den Seminaristen allgemein verurteilt. Der Abbé von Frilair aber, der Oberexaminator, der die Fäden der geheimen Kongregation zu Besançon in seiner geschickten Hand hielt, ein Intrigant, vor dessen Berichten nach Paris die Regierungsoberbeamten, die Richter, ja sogar hohe Offiziere der Garnison zitterten, setzte, mächtig wie er war, in gewichtigen Zügen die Ziffer 198 neben Julians Namen in die Schlußliste. Es bereitete ihm Vergnügen, seinem Feinde, dem Jansenisten Pirard, wieder einmal eins auszuwischen.

Seit einem Jahrzehnt war es das Ziel seiner Umtriebe, dem Abbé die Seminarleitung zu entreißen. Pirard hatte die Grundsätze, die er Julian vorgeschrieben, in seinem eignen Lebenswandel streng befolgt; er war wahrheitsliebend, fromm, ehrlich und pflichtgetreu. Aber der Himmel in seinem Zorne hatte ihm das Temperament eines Cholerikers gegeben. Gegen Beleidigungen und Gehässigkeit war er überempfindlich. Seine Feuerseele nahm jede Kränkung auf. Hundertmal schon wäre er freiwillig von seinem Posten gegangen, wenn er nicht den Glauben gehabt hätte, daß er auf dem Platze, an den die Vorsehung ihn gestellt, eine Aufgabe zu erfüllen habe. »Ich bin ein Prellstein gegen das Weitervordringen von Jesuitentum und Götzendienerei«, sagte er sich.

Zur Zelt der Examina war es etwa zwei Monate her, daß er mit Julian gesprochen hatte, und doch war er acht Tage lang krank, als er den Prüfungsbericht des Oberexaminators durchlas und neben dem Namen des Schülers, den er für die Leuchte seiner Schule hielt, die Zensur 198 fand. Der strenge Moralist suchte seinen einzigen Trost darin, daß er sein Augenmerk auf Julian verdoppelte. Zu seiner Herzensfreude sah er ihn weder voll Wut noch voll Rachgier und auch nicht mutlos.

Ein paar Wochen später bekam Julian zu seinem Schreck einen Brief aus Paris. »Endlich«, dachte er, als er den Poststempel las, »endlich erinnert sich Luise ihres Versprechens.«

Ein angeblicher Verwandter, als Paul Sorel unterzeichnet, sandte ihm einen Scheck auf fünfhundert Franken und stellte die nämliche Summe alljährlich in Aussicht, wenn sich Julian weiterhin mit Erfolg dem Studium der lateinischen Klassiker widme.

»Das ist sie! Das ist ihre Güte!« sagte sich Julian gerührt. »Sie will mich trösten. Aber warum sagt sie mir kein einziges liebes Wort?«

Julian irrte sich in seiner Vermutung über den Absender des Briefes. Frau von Rênal lebte unter dem Einflusse ihrer Freundin Frau Derville einzig und allein noch ihrer Reue. Zwar mußte sie manchmal des seltsamen Menschen gedenken, dessen Erscheinung ihr ganzes Sein bis in den Grund umgewandelt hatte, aber sie hütete sich, ihm zu schreiben.

Die Zusendung des Geldes war ein wundersamer Zufall, und niemand anders war ahnungslos der Anlaß als der Großvikar von Frilair.

Vor zwölf Jahren war er in Besançon eingezogen, mit einem leichten Ränzlein, von dem die Sage ging, es habe sein gesamtes Hab und Gut geborgen. Jetzt war er einer der reichsten Grundbesitzer im Regierungsbezirk. Unter anderm besaß er ein Gut, dessen andre Hälfte durch Erbschaft an den Marquis von La Mole gefallen war. Hierüber hatte sich ein großer Prozeß zwischen den beiden entsponnen.

Trotz seiner glänzenden Stellung in der Residenz und seiner Hofämter erfuhr der Marquis am eigenen Leibe, wie gefährlich es war, mit einem Besançon Großvikar, der Regierungspräsidenten ein- und absetzte, im Streit zu liegen. Anstatt sich mit einer Vergleichssumme von fünfzigtausend Franken zu begnügen, die sich irgendwie im Budget hätte unterbringen lassen, hatte sich der Marquis in die Sache verbissen. Er glaubte im Recht zu sein. Ein schöner Grund. Wo in der Welt gibt es einen Richter, der nicht einen Sohn oder wenigstens einen Neffen vorwärtsbringen will?

Nachdem der Großvikar in der ersten Instanz ein Urteil zu seinen Gunsten durchgesetzt hatte, genierte er sich durchaus nicht, in der Kutsche des Bischofs bei seinem Rechtsanwalt vorzufahren und ihm eigenhändig das Kreuz der Ehrenlegion zu überbringen. Einem Blinden hätten da die Augen aufgehen müssen! Der Marquis von La Mole war über das Gebaren seines Prozeßgegners ein wenig betroffen. Es kam ihm vor, als erlahmten seine Anwälte. Deshalb wandte er sich an den Abbé Chélan mit der Bitte um seinen Rat. Chélan setzte ihn mit Pirard in Verbindung.

Das war vor mehreren Jahren. Der Abbé Pirard hatte seinen Wahrheitseifer auch auf diese Sache übertragen. In steter Verbindung mit den Anwälten des Marquis hatte er sich in die Akten vertieft, hatte gefunden, daß das Recht auf der Seite des Marquis war, und war vor aller Welt sein Geschäftsträger gegen den allmächtigen Großvikar geworden. Der war über diese Unverschämtheit eines armseligen Jansenisten empört, und höhnisch äußerte er sich im Kreise seiner Vertrauten: »Da sieht man übrigens, wie es mit dem Hofadel, der sich für so mächtig hält, in Wahrheit steht! Dieser Marquis hat seinem Helfershelfer hier in Besançon noch nicht einmal den lumpigsten Orden verschafft. Ja, er sieht ruhig zu, wie er abgehalftert wird. Dabei schreibt man mir, daß der edle Pair keine Woche verstreichen läßt, ohne sich beim Justizminister im Schmucke seiner Orden und Würden sehen zu lassen.«

In der Tat erreichte der Marquis trotz der Rührigkeit des Abbé Pirard und trotz seiner vorzüglichen Beziehungen zu dem Justizminister und den ihm unterstellten Beamten innerhalb von sechs Jahren nichts weiter, als daß er seinen Prozeß nicht endgültig verlor.

Sein ununterbrochener Briefwechsel mit Pirard in einer Sache, die sie beide mit Passion verfochten, war der Anlaß, daß der Marquis von La Mole schließlich persönliches Gefallen an Charakter und Gesinnung des Abbé fand. Trotz des großen Abstandes ihrer gesellschaftlichen Stellung wurde der Ton ihrer Briefe allmählich freundschaftlich. Pirard klagte dem Marquis gelegentlich, daß man ihn durch Schikanen dazu dränge, seinen Abschied einzureichen. In seinem Zorn erzählte er ihm auch die niederträchtige Art und Weise, die man offenbar gegen Julian Sorel angewendet hatte, und dessen ganze Lebensgeschichte.

Der große Herr war bei allem Reichtum durchaus nicht geizig. Er hatte den Abbé niemals dazu bewegen können, sich auch nur seine Auslagen im Prozesse zurückerstatten zu lassen. Darum kam er auf den Gedanken, Pirards Lieblingsschüler fünfhundert Franken zu schicken. Der Marquis machte sich die Mühe, die Begleitzeilen eigenhändig zu schreiben.

Auch den Abbé selber vergaß er nicht. Eines Tages erhielt Pirard die kurze Aufforderung, sich in einer dringlichen Angelegenheit unverzüglich in einem Vorstadtgasthof von Besançon einzufinden. Dort fand er den Intendanten des Marquis von La Mole, der ihm eröffnete: »Seine Exzellenz hat mich beauftragt, Ihnen seinen Reisewagen zur Verfügung zu stellen. Der Herr Marquis hofft, daß Sie sich nach Kenntnisnahme des beiliegenden Briefes bereit erklären, in vier oder fünf Tagen nach Paris zu fahren. Ich werde die Zeit bis zum Tage der Abreise, den Sie gütigst bestimmen wollen, dazu benutzen, den Grundbesitz des Herrn Marquis in der Freigrafschaft zu besichtigen. Danach fahren wir an dem Ihnen passenden Tage zusammen nach Paris.«

Der Brief war kurz. Er lautete:
»Lieber Herr Abbé!
Entrinnen Sie endlich allen Provinzstänkereien und atmen Sie in der Pariser Luft auf. Ich schicke Ihnen meinen Wagen mit dem Auftrage, vier Tage auf Ihren Entschluß zu warten. Ich hoffe, Sie spätestens am Dienstag hier zu sehen. Es bedarf Ihrerseits nur der Zusage, mein Verehrtester, und ich nehme in Ihrem Namen eine der ersten Pfarren in der Umgebung von Paris an. Der Machthaber in Ihrer künftigen Gemeinde hat Sie zwar von Angesicht zu Angesicht noch nie gesehen, ist Ihnen aber ergebener, als Sie ahnen. Es ist Ihr
Marquis von La Mole.«

Trotz aller Widersacher hing der strenge Direktor Pirard an seinem Seminar mehr, als er selber geglaubt hatte. Seit fünfzehn Jahren ging er in seinem Amt auf. Und so stand er dem Briefe seines Gönners gegenüber wie einem Arzte, der zur Ausführung einer schmerzhaften, aber nötigen Operation eingetroffen ist. Seine Amtsenthebung war unabwendbar. Er vereinbarte mit dem Intendanten eine zweite Zusammenkunft in drei Tagen.

Achtundvierzig Stunden lag er im Fieber der Unentschlossenheit. Schließlich setzte er an den Marquis einen Brief auf, sowie ein Schreiben an den Bischof, ein wahres Meisterwerk des pfäffischen Stiles, nur etwas weitschweifig. Trefflichere Ausdrücke voll aufrichtigerer Hochachtung waren unmöglich. Und doch enthüllte die Beschwerdeschrift, die dem Großvikar von Frilair ein hochnotpeinliches Stündlein im Audienzzimmer des Bischofs einbringen sollte, eine lange Reihe von schweren Schädigungen bis hinab zu den kleinsten gemeinsten Schikanen, die der Abbé Pirard in den letzten sechs Jahren geduldig ertragen hatte, bis sie ihn am Ende nötigten, die Diözese zu verlassen. Unter anderm hatte man ihm das Holz aus dem Schuppen gestohlen, ihm seinen Hund vergiftet und dergleichen mehr.

Als dies Schreiben fertig war, ließ Pirard Julian wecken, der, wie im Seminar üblich, bereits um acht Uhr schlafen gegangen war.

»Du weißt, wo der bischöfliche Palast ist«, sagte Pirard im besten Latein. »Bringe diesen Brief zum Bischof. Ich will dir nicht verhehlen, daß ich dich mitten unter die Wölfe schicke. Halte Augen und Ohren offen! Sei in deinen Antworten unbedingt frei von Unwahrheit, doch bedenke immer, daß der Fragesteller vielleicht sein teuflisches Vergnügen daran hat, dir zu schaden. Ich freue mich, mein Sohn, daß ich dir vor meinem Scheiden Gelegenheit geben kann, diese Erfahrung zu machen. Ich will dir offen und ehrlich sagen: Dies Schreiben, das du zum Bischof trägst, ist mein Entlassungsgesuch.«.

Julian stand stumm da. Er liebte den Abbé. Vergebens flüsterte ihm die Klugheit ins Ohr: »Nach dem Weggange dieses Ehrenmannes wird dich die Jesuitenpartei degradieren und vielleicht gar von dannen jagen.« Es war ihm unmöglich, an sich selber zu denken. Seine Verlegenheit hatte ein andres Motiv. Er wollte einen Gedanken in erlesene Worte kleiden; aber der nötige Geist stellte sich nicht ein.

»Sag an, mein lieber Freund, worauf wartest du noch?« fragte Pirard.

Zaghaft erwiderte Julian: »Man sagt, Herr Abbé«, Sie hätten während Ihrer langjährigen Amtszeit keine Ersparnisse gemacht. Ich besitze sechshundert Franken ...«

Tränen hinderten ihn am Weitersprechen.

»Das soll dir nicht vergessen werden!« sagte der Exdirektor kühl. »Gehen Sie jetzt zu Seiner Hochwürden! Es wird sonst zu spät.«

Der Zufall wollte es, daß der Großvikar von Frilair an jenem Abend den Dienst im bischöflichen Palast hatte. Der Bischof selbst war zur Tafel des Regierungspräsidenten geladen. So überreichte Julian das Schreiben dem Großvikar, den er von Person nicht kannte. Zu seinem Erstaunen sah er, wie dieser das an den Bischof gerichtete Schreiben ungeniert öffnete und zu lesen begann. Das bildhübsche Gesicht des Großvikars verriet alsbald den Ausdruck der Überraschung, vermischt mit unverhohlener Freude; sodann ward es doppelt ernst. Julian studierte dieses Mienenspiel mit Muße. Ein frappant schöner Kopf! Das Hoheitsvolle darin wäre mehr zur Geltung gekommen, wenn nicht gewisse Merkmale durchtriebene Schlauheit verraten hätten. Wenn der Besitzer dieses Gesichtes nur einen Moment die Selbstherrschaft verloren hätte, wäre das Kennzeichen der Falschheit zur Dominante geworden. Die weit vorspringende geradlinige Nase verlieh dem sonst vornehmen Profil die unleugbare Ähnlichkeit mit der Physiognomie des Fuchses. Im übrigen war der Abbé, den das Entlassungsgesuch des Seminardirektors sichtlich stark interessierte, überaus elegant gekleidet. Dies fiel Julian um so mehr auf, als er ähnliches noch an keinem Geistlichen bemerkt hatte, mit Ausnahme jenes Kardinals in Hohen-Bray.

Erst später erfuhr Julian, worin das Haupttalent des Großvikars lag: in seinem Geschick nämlich, den Bischof, einen liebenswürdigen alten Herrn, auf das beste zu unterhalten. Der Prälat war für das Pariser Leben geboren und betrachtete Besançon als Exil. Er war sehr kurzsichtig und ein leidenschaftlicher Fischesser. Der Abbé von Frilair entgrätete den Fisch, ehe man ihn Seiner Hochwürden reichte.

Noch war Julian bei seiner stummen Beobachtung des Abbé, der das Gesuch zum zweiten Male studierte, als plötzlich die Eintrittstür geräuschvoll aufging. Ein reichbetreßter Lakei stürzte vorbei. Julian hatte gerade Zeit, Front nach der Tür zu machen. Einen kleinen alten Mann mit dem Bischofskreuz auf der Brust erblickend, sank er in die Knie. Der Kirchenfürst schenkte ihm ein gnädiges Lächeln und schritt vorüber. Der schöne Abbé folgte ihm, und Julian blieb allein im Salon zurück, dessen weihevolle Pracht er nun in Ruhe betrachten konnte.

Der Bischof von Besançon war über fünfundsiebzig Jahre alt. Das große Elend der Emigrantenzeit hatte ihn gebeugt, aber nicht gebrochen. Was in zehn Jahren einmal geschehen sollte, kümmerte ihn unsagbar wenig.

»Wer war der Seminarist mit den klugen Augen, den ich im Vorbeigehen gesehen zu haben glaube?« fragte er den Großvikar. »Sollen die jungen Leute meinem Befehl gemäß um diese Zeit nicht längst im Bette liegen?«

»Euer Hochwürden versichre ich«, erwiderte der Abbé von Frilair, »dieser Seminarist ist ganz gewiß keine Schlafmütze! Er bringt eine große Neuigkeit: das Abschiedsgesuch des einzigen Jansenisten in der Diözese Euer Hochwürden. Der gräßliche Direktor Pirard hat endlich kapiert.«

»So, so!« erwiderte der Bischof lachend. »Aber einen, der so viel taugt wie er, den haben Sie doch nicht! Um Ihnen den Mann in seinem Glanz zu zeigen, bitte ich ihn für morgen zu Tisch.«

Der Großvikar wollte ein paar Worte über die Wahl des Nachfolgers anbringen, aber der Prälat war nicht aufgelegt, über geschäftliche Dinge zu reden. Er meinte: »Ehe wir den Neuen kommen lassen, wollen wir uns ein wenig ansehen, wie der Alte geht. Lassen Sie den Seminaristen ein! Kinder reden die Wahrheit.«

Julian wurde gerufen. »Jetzt werde ich zwischen zwei Inquisitoren stehen«, sagte er sich. Nie hatte er mehr Mut in sich gespürt. Als er eintrat, waren zwei Kammerdiener, die gefälliger angezogen waren als selbst ein Valenod, damit beschäftigt, den Bischof zu entkleiden.

Der Prälat hielt es für angebracht, ehe er auf den Direktor zu sprechen kam, Julian über seine Studien zu befragen. Er berührte die Kirchenlehre und war erstaunt. Alsbald ging er auf die klassischen Profanschriftsteller über, auf Virgil, Horaz und Cicero.

»Diese alten Herren«, dachte Julian bei sich, »haben mir die Nummer 198 eingetragen. Ich habe nichts zu verlieren. Lassen wir also unser Licht leuchten!« Er hatte Glück. Der Prälat, selbst ein vortrefflicher Humanist, war entzückt. Übrigens war er gerade in literarischer Stimmung. Es dauerte nicht lange, so hatte er den Abbé Pirard und alles Dienstliche vergessen, um mit dem Seminaristen zu erörtern, ob Horaz reich oder arm gewesen wäre. Er zitierte einige Oden, aber sein Gedächtnis ließ ihn mehrfach im Stich. In bescheidenem Tone trug Julian jedesmal die betreffende Ode vorzüglich von Anfang bis Ende vor, wobei dem Bischof auffiel, daß er dies im Plaudertone tat. Er sagte lateinische Verse auf, als spräche er von Seminarerlebnissen.

Lange plauderte man von Virgil und Cicero. Schließlich konnte der Bischof nicht umhin, Julian ein Kompliment zu machen.

»Mehr kann ein Seminarist nicht wissen«, erklärte er.

»Euer Hochwürden«, wandte Julian ein, »das Seminar hat einhundertsiebenundneunzig Schüler, die Eurer Hochwürden Lob mehr verdienen als ich.«

»Wieso?« fragte der Prälat erstaunt.

»Was ich vor Eurer Hochwürden die Ehre habe zu behaupten, kann ich dokumentarisch beweisen. Bei der Jahresprüfung bin ich genau über die gleichen Themen befragt worden, die mir eben die Anerkennung Eurer Hochwürden eingetragen haben. Dabei habe ich die Nummer 198 bekommen.«

Der Bischof begann zu lachen und warf dem Großvikar von Frilair einen Bück zu. »Aha! Der Lieblingsschüler des Abbé Pirard! Das hätte ich mir denken können. Im Kriege ist alles erlaubt!« Und zu Julian gewandt, fügte er hinzu: »Man hat Sie zu diesem Botengange aus dem Bett geholt?«

»Jawohl, Euer Hochwürden! Seit meinem Eintritt in das Seminar ist dies das zweite Mal, daß ich herauskomme. Das erste Mal war am Fronleichnamsfest, um dem Herrn Abbé Chas-Bernard bei der Ausschmückung der Kathedrale behilflich zu sein.«

»Optime!« sagte der Prälat. »Sie waren es also, der den Mut gehabt, die Federbüsche auf den Baldachin zu stecken! Wegen dieser Dinger zittre ich alle Jahre. Ich habe immer Angst, sie kosten uns ein Menschenleben. Mein lieber Freund, Sie werden es weit bringen. Zunächst will ich für Ihre glänzende Zukunft insofern sorgen, als ich Sie hier nicht verhungern lasse.«

Auf des Bischofs Befehl wurden Zwieback und Malaga aufgetragen, denen Julian alle Ehre antat, noch mehr aber der Abbé von Frilair, der wohl wußte, daß es der Bischof gern sah, wenn man munter und mit gutem Appetit zulangte.

Der Prälat, den der Verlauf des Abends immer zufriedener stimmte, versuchte es auch einmal mit der Kirchengeschichte. Er sah aber, daß Julian nichts davon verstand. Deshalb ging er auf den Sittenzustand im römischen Kaiserreiche im Jahrhundert Konstantins über. Das Ende des Heidentums hat die nämlichen Kennzeichen wie die nach-napoleonische Zeit des neunzehnten Jahrhunderts: Unrast und Zweifelsucht in trübsinnigen und mißlaunigen Seelen. Der Bischof stellte fest, daß Julian den Tacitus kaum dem Namen nach kannte. Zur Verwunderung des Prälaten erklärte Julian in seinem Freimut, dieser Autor sei in der Seminarbibliothek nicht vorhanden.

»Das freut mich ungemein«, sagte der Bischof vergnügt. »Es hilft mir aus der Verlegenheit. Ich sinne nämlich seit zehn Minuten nach, wie ich mich Ihnen erkenntlich zeigen könnte für den angenehmen Abend, den Sie mir unverhoffterweise bereitet haben. Ich hätte nicht gedacht, in einem Schüler meines Seminars einen Gelehrten zu entdecken. Wenngleich die Gabe nicht besonders kanonisch ist, so will ich Ihnen doch einen Tacitus verehren.«

Er ließ sich acht prächtig gebundene Bände bringen und schrieb eigenhändig auf das Titelblatt von Band I eine lobesvolle lateinische Widmung für Julian Sorel. Er war stolz auf sein gutes Latein.

Zu guter Letzt sagte er zu Julian in einem Tone, dessen Ernst in merklichem Gegensatz zu seinem bisherigen Plaudertone stand: »Junger Mann, wenn Sie klug und weise sind, so werden Sie eines Tages die beste Pfarre meiner Diözese bekommen, in allernächster Nähe meines Bischofssitzes. Aber Sie müssen klug und weise sein!«

In seltsamer Stimmung, seine acht Bände unterm Arme, verließ Julian um Mitternacht den bischöflichen Palast. Der Kirchenfürst hatte in seiner Gegenwart den Abbé Pirard auch nicht mit einer Silbe erwähnt. Vor allem war Julian voller Bewunderung der Urbanität des Bischofs. Eine solche Feinheit der äußeren Formen, gepaart mit so würdesamer Natürlichkeit, war ihm etwas gänzlich Neues. Dies kam ihm noch mehr zum Bewußtsein, als er im Gegensatz hierzu wieder vor dem griesgrämigen Abbé Pirard stand, der ihn ungeduldig erwartet hatte.

» Quid tibi dixerunt? (zu deutsch: Was hat man Ihnen gesagt?)«, rief er ihm laut schon von weitem entgegen.

Julian begann seine Plauderei mit dem Kirchenfürsten in ziemlich konfuses Lateinisch zu übertragen.

»Sprechen Sie französisch und wiederholen Sie mir wörtlich, was Seine Hochwürden alles gesagt hat, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen!« gebot der Exdirektor in rauhem Ton und in seiner Art, die alles andre denn weltmännisch war.

»Eine merkwürdige Dedikation von einem Bischof an einen Seminaristen!« brummte Pirard, indem er die prächtigen Tacitusbände durchblätterte, deren Goldschnitt ihm sichtlich mißfiel.

Es schlug zwei Uhr, als er nach genauer Berichterstattung seinem Lieblingsschüler erlaubte, seine Stube wieder aufzusuchen.

»Das lateinische Lob da von der Hand Seiner Hochwürden wird Ihnen nach meinem Weggang ein Schutzschild sein. Erit tibi, fili mi, succesor meus tanquam leo quaerens quem devoret.« (Das heißt zu deutsch: Denn mein Nachfolger wird für dich, mein Sohn, ein Löwe sein, der da suchet, wen er verschlinge.)

Am nächsten Morgen kam Julian das Benehmen seiner Mitschüler nicht wie sonst vor. Er hielt sich desto mehr zurück. »Pirards Entlassung beginnt zu wirken«, dachte er. »Offenbar ist sie bereits allbekannt, und ich gelte ja für seinen Liebling.« Er vermeinte Kränkungen entgegenzugehen; aber er vermochte keine zu erspüren. Im Gegenteil, in keinem Auge aller derer, denen er auf dem Gang durch die Schlafsäle begegnete, fand er eine Spur von Haß. »Was bedeutet das?« fragte er sich. »Das ist gewiß eine Falle. Also Vorsicht!« Da lachte ihn sein kleiner Landsmann aus Verrières an: » Cornelii Taciti Opera omnia! (Des Tacitus sämtliche Werke!)«

Auf diese lauten Worte hin beglückwünschte man Julian um die Wette zu dem schönen Geschenk Seiner Hochwürden und besonders ob der zweistündigen Unterhaltung, mit der er ausgezeichnet worden war. Man wußte sogar Einzelheiten. Offenbar hatten die Wände Ohren gehabt, als Julian dem Direktor Bericht erstattete.

Fortan war vom Neid nichts mehr zu merken. Julian ward in der niedrigsten Weise hofiert. Der Abbé Castanède, der ihn noch am Tage vorher unglaublich grob behandelt hatte, nahm ihn am Arm und lud ihn zum Frühstück ein.

Es war ein verhängnisvolles Element in Julians Charakter, daß ihm die Unverschämtheit der groben Naturen Qual und Leid bereitet hatte. Vor ihrer gemeinen Kriecherei empfand er Ekel und keinerlei Genuß.

Gegen Mittag nahm Abbé Pirard Abschied von seinen Schülern, nicht ohne eine ernste Ansprache an sie zu halten. »Wollt ihr die Ehren der Welt einheimsen«, predigte er, »wollt ihr alle sozialen Vorteile, den Genuß, zu herrschen und zu gebieten, sich über die Gesetze hinwegzusetzen und gegen jedermann ungestraft zu überheben? Wollt ihr das, oder wollt ihr euer Seelenheil? Auch der Beschränkteste unter euch ist imstande, klar den Scheideweg zu erkennen ...«

Kaum hatte er das Seminar verlassen, als der Frömmlerbund zum Herzen Jesu in der Kapelle ein Tedeum anstimmte. Die Abschiedsworte des ehemaligen Direktors hatte niemand ernst genommen. »Seine Dienstentlassung wurmt ihn tüchtig«, hieß es allgemein. Kein einziger Seminarist glaubte an den freiwilligen Abgang Pirards aus einem Amt, das den Inhaber mit reichen Lieferanten in Beziehung bringt.

Der Abbé Pirard nahm Quartier im besten Gasthofe der Stadt, wo er noch zwei Tage verblieb,, angeblich um Geschäfte zu erledigen. Er hatte keine. Der Bischof lud ihn zum Mittagessen ein. Um den Großvikar zu ärgern, bemühte er sich, seinen Gast in das hellste Licht zu setzen. Als man beim Nachtisch war, lief von Paris die merkwürdige Kunde ein, der Abbé Pirard habe die herrliche Pfarre von N * * *, drei Meilen vor Paris, erhalten. Der gutmütige Bischof beglückwünschte ihn aufrichtig. Er sah in der ganzen Geschichte einen feinen Schachzug, der ihn in die beste Laune brachte und ihm eine hohe Meinung vom Machiavellismus des Abbé einflößte. Er stellte ihm eine vorzügliche lateinische Konduite aus, wobei er dem Großvikar, der Einwände versuchte, Stillschweigen gebot.

Abends, in einem der vornehmen Häuser der Stadt, wo er eingeladen war, verlieh der Kirchenfürst seiner Bewunderung freimütig Ausdruck. Das war eine bedeutsame Neuigkeit. Man erging sich in allen möglichen Vermutungen über eine so außergewöhnliche Hervorhebung. Schon sah man den Abbé Pirard als Bischof, Besondere Schlauköpfe glaubten, der Marquis von La Mole werde demnächst Minister, und gestatteten sich an diesem Abend ein leises Lächeln über die Wichtigtuerei, die der Abbé von Frilair nicht lassen konnte.

Am nächsten Vormittag lief man dem Abbé Pirard förmlich auf der Straße nach. Die Kaufleute traten an ihre Ladentüren. Pirard begab sich auf das Gericht, wo er zum ersten Male, seit er mit dem Prozeß des Marquis zu tun hatte, höflich empfangen wurde. Der strenge Jansenist, dem nichts entging, war empört über alles das.

Nachdem er lange mit den Anwälten des Marquis gearbeitet hatte, fuhr er ab nach Paris. Beim Abschiednehmen von ein paar guten Bekannten hatte er die Schwäche, zu bekennen, daß er sich während der fünfzehnjährigen Leitung des Seminars genau hundertfünfundsiebzig Taler gespart habe. Da umarmten ihn die Freunde unter Tränen. Hinterher sagten sie zueinander: »Diese Flunkerei hätte sich der gute Abbé sparen können. Sie ist wirklich zu lächerlich.«

Die von Geldgier blinden Durchschnittskreaturen vermochten nicht zu begreifen, daß Pirard die Kraft zu dem zehnjährigen Kampfe gegen die jesuitischen Geheimbündler just aus seiner Ehrlichkeit geschöpft hatte.

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