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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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23. Kapitel

Eines Morgens wurde er zu seiner größten Überraschung aus dem Schlummer geweckt, indem sich zwei Hände auf seine Augen legten. Es war Frau von Rênal, die nach der Stadt gefahren war. Vier Treppenstufen auf einmal nehmend, war sie hinaufgeeilt. Die Kinder stiegen mit ihrem Lieblingskaninchen, das die Reise hatte mitmachen müssen, langsamer. So war sie eine Weile vor ihnen in Julians Zimmer. Diese Weile war kurz, aber köstlich.

Als die Knaben mit dem Tiere, das sie ihrem Freunde zeigen wollten, heraufkamen, war die Mutter bereits wieder vor der Tür. Julian nahm die kleine Gesellschaft samt dem Kaninchen freundlichst auf. Es war ihm, als habe er seine Familie wieder um sich. Er fühlte so recht, wie er die Kinder liebte und wie gern er mit ihnen schwatzte. Er war erstaunt über ihre wohlklingende Sprache, über ihr einfaches und vornehmes Benehmen. Das alles wusch ihm die Phantasie wieder rein von den Eindrücken der Kleinstadtwelt, ihren rüden Umgangsformen und ihrem häßlichen, ihm so widerlichen Ideenkreise, der keinen andern Pol hatte als die Furcht vor dem Mißerfolg und nichts weiter war als der uralte Kampf zwischen Elend und Überfluß. Bei ihren Schmausereien offenbarten sie einander Dinge, bei deren Erbärmlichkeit den Zuhörern übel ward.

»Ihr Adligen habt wirklich Grund, hochmütig zu sein«, gestand er Frau von Rênal, als er alles das erzählte, was er in der letzten Zeit erlebt und erduldet hatte.

»Du bist also Mode geworden!« sagte sie belustigt und konnte sich nicht satt lachen über die Schminke, die sich Frau Valenod Julian zu Ehren aufgelegt hatte. »Es scheint mir, sie hat ein Auge auf dich geworfen.«

Das Frühstück war herrlich. Das Dabeisein der Kinder, ein Umstand, der eigentlich lästig war, erhöhte schließlich die glückliche Stimmung. Die kleinen Wichte waren unerschöpflich, Julian ihre Freude über das Wiedersehen immer wieder zu bekunden. Durch die Dienstboten hatten sie natürlich erfahren, daß Julian zweihundert Franken mehr bekommen sollte, wenn er Hauslehrer bei den Valenodschen Kindern würde.

Während Stanislaus-Xaver, der von seiner Krankheit her noch recht blaß aussah, seine Brötchen verzehrte, fragte er plötzlich seine Mutter, wieviel sein silbernes Besteck und der Becher, aus dem er gerade trank, wert seien.

»Warum denn?«

»Ich will es verkaufen und das Geld Herrn Julian geben. Er soll nicht der Dumme sein, wenn er bei uns bleibt.«

Tränen in den Augen, gab ihm Julian einen Kuß. Die Mutter weinte tatsächlich. Da nahm er den Jungen auf den Schoß und erklärte ihm, diesen volkstümlichen Ausdruck dürfe man in dem Sinne hier nicht gebrauchen. Und weil er sah, daß Frau von Rênal ihre Freude daran hafte, versuchte er, den Kindern durch anschauliche Beispiele darzulegen, was es heißt: der Dumme sein.

»Ich verstehe«, meinte Stanislaus. »Der Rabe, der den Käse fallen läßt, den dann der schlaue Fuchs nimmt, der ihm geschmeichelt hat, das ist der Dumme.«

Überglücklich zog Frau von Rênal den Kleinen an sich und küßte ihn, was nicht möglich war, ohne daß sie sich an Julian anschmiegte.

Mit einem Male tat sich die Tür auf, und herein trat Herr von Rênal. Seine strengen mißvergnügten Mienen verscheuchten im Nu die fröhliche Stimmung. Frau von Rênal ward blaß. Sie wäre nicht imstande gewesen, auch nur das geringste zu leugnen. Julian ergriff sofort das Wort und erzählte dem Bürgermeister ungeniert die kleine Geschichte von Stanislaus und seinem Becher. Er wußte genau, daß dies seinen Brotherrn verschnupfte. In der Tat zog Herr von Rênal wie immer die Augenbrauen hoch, als das Wort Geld fiel. Es war seine innerste Überzeugung: »Dies Wörtchen ist immer das Signal zum Angriff auf meinen Geldbeutel.«

Aber hier handelte es sich nicht bloß um Geld. Sein Verdacht wuchs. Die strahlenden Gesichter von Frau und Kindern während seiner Abwesenheit waren nicht angetan, den Argwohn des in seiner Eitelkeit überempfindlichen Mannes zu beseitigen.

Als Frau von Rênal Julians feine und kluge Art lobte, wie er seinen Schülern neue Begriffe beibrachte, brummte er: »Weiß schon. Er verekelt mich meinen Kindern. Natürlich erscheint er ihnen hundertmal liebenswürdiger als ich, der Herr und Gebieter. In unsrer Zeit geht ja alles darauf aus, die legitime Macht zu untergraben.«

Frau von Rênal gab sich keine Mühe, über das mißlaunige Benehmen ihres Mannes lange nachzudenken. Die Gewißheit, einen halben Tag mit Julian zu verleben, genügte ihr. Sie hatte eine Menge Besorgungen in der Stadt zu machen und erklärte, sie wolle im Gasthause zu Mittag essen. Der Bürgermeister mochte einwenden, was er wollte: sie blieb dabei. Das Wort Gasthaus versetzte die Kinder in die höchste Freude.

Am ersten Konfektionsgeschäft trennte sich Herr von Rênal von seiner Frau. Er hatte ein paar Besuche zu machen. Als er zurückkam, war er noch mürrischer als am Morgen. Jetzt war er überzeugt, daß sich die ganze Stadt mit ihm und Julian beschäftigte. Allerdings hatte ihn kein Mensch das Ehrenrührige des Klatsches merken lassen. Mit dem, was man sagte, wollte man lediglich herausbekommen, ob Julian mit sechshundert Franken bei ihm bleiben oder mit achthundert Franken zu Valenod gehen werde.

Der Bürgermeister und der Armenamtsvorstand, ehedem Verbündete, waren mehr und mehr Rivalen geworden. Wenn sie sich gesellschaftlich begegneten, verhielt sich Valenod sehr zugeknöpft vor Herrn von Rênal. Das war nicht ungeschickt. In der Provinz gibt es überhaupt selten unbesonnene Menschen. Man erlebt wenig, aber um so gründlicher.

Valenod war ein sogenannter Schwerenöter, etwas typisch Kleinstädtisches, im Grunde ein unverschämter Patron. Im Jahre 1815 emporgekommen, hatte er seine üblen Eigenschaften mehr und mehr entwickelt. Schon bildete er in Verrières sozusagen die Nebenregierung. Aber er war viel betriebsamer als Herr von Rênal, skrupellos, sich in alles mengend, immer auf den Beinen, redselig und schreibgewandt, dickfellig gegen Demütigungen, ohne persönliche Ansprüche. Schließlich hielt er es gar mit den Pfaffen, um seinem Vorgesetzten das Wasser abzugraben. Es war, gerade als ob Valenod zu den Krämern der Gegend gesagt hätte: Schickt mir eure beiden größten Schafsköpfe – zu den Juristen: Schickt mir eure zwei größten Ignoranten! – zu den Medizinern: Nennt mir eure zwei größten Scharlatane! – Und als er die Unfähigsten von jedem Metier zusammen hatte, hatte er zu ihnen gesagt: Herrschen wir miteinander!

Herrn von Rênal war dieses Treiben stark zuwider. Zudem hatte die Amtsenthebung des alten Pfarrers Chélan Valenod in Abhängigkeit vom Großvikar von Frilair in Besançon gebracht, der ihm geheimnisvolle Aufträge zukommen ließ. Auf dem Gipfel dieser hinterrückigen Politik hatte er sich unterfangen, den anonymen Brief zu schreiben; und um seine Verlegenheit vollzumachen, äußerte Frau Valenod hartnäckig den Wunsch, Julian ins Haus zu nehmen.

Dies und andres erfuhr Julian durch Frau von Rênal, die Valenods feindselige Politik ihrem Manne gegenüber sehr wohl durchschaute, während sie beide, Arm in Arm, von Laden zu Laden schlenderten. Schließlich endeten ihre Besorgungen auf der Stadtpromenade, wo sie ein paar Stunden genauso ungestört verbrachten wie in Vergy.

Währenddem hatten Rênal und Valenod ein kleines Renkontre. Der Bürgermeister sagte Valenod ein paar Grobheiten, die dieser kaltblütig einsteckte. Insgeheim nahm er sich vor, nach Besançon oder nach Paris zu schreiben, um sich sein Armenamt zu erhalten. Eine entscheidende Szene mit seinem ehemaligen Schutzherrn dünkte ihm noch nicht an der Zeit zu sein. Vorläufig riskierte er nur ein paar kleine Unverschämtheiten.

Im höchsten Unmut stellte sich Herr von Rênal bei den Seinen im verabredeten Gasthof ein. Im Gegensatz zu seiner Hundelaune waren seine Kinder noch nie so vergnügt und munter gewesen. Das erbitterte ihn vollends. Gleich beim Eintreten brummte er in einem Tone, der Eindruck machen sollte: »Ich sehe schon, ich bin meiner Familie lästig.«

Als einzige Antwort nahm ihn seine Frau beiseite und erklärte ihm, Julian müsse entlassen werden. Die frohen Stunden, die sie eben verlebt, hatten ihr die Ruhe und Sicherheit wiedergegeben, die nötig waren, ihren seit vierzehn Tagen gefaßten Plan zur Verwirklichung zu bringen.

Sofort nach Tisch fuhr die Familie Rênal nach Vergy zurück. Julian erhielt den Befehl, mitzukommen.

Am Abend saß alles stumm und still am häuslichen Herde. Das Knistern der glimmenden Buchenhölzer im Kamin gab die einzige Unterhaltung. Durch diese trübselige Stimmung, wie sie in den einträchtiglichsten Familien vorkommt, jubelte plötzlich eins der Kinder: »Es klingelt! Es klingelt!«

»Zum Donnerwetter! Gewiß irgendeine geschäftliche Schererei!« schimpfte Herr von Rênal.

Der Diener trat ins Zimmer; hinter ihm ein auffällig schöner Mann mit mächtigem, schwarzem Backenbart.

»Herr Bürgermeister«, begann er, »ich bin Signor Geronimo. Herr Chevalier von Beauvaisis, Attaché an der Gesandtschaft zu Neapel, hat mir diesen Brief an Sie bei meiner Abreise nach Frankreich eingehändigt. Das ist neun Tage her, setzte er vergnügt hinzu und blickte Frau von Rênal an. »Herr von Beauvaisis, Ihr Herr Vetter, gnädige Frau, ein guter Freund von mir, hat mir erzählt, Sie sprächen Italienisch.«

Der heitere Sinn des Neapolitaners machte aus dem tristen Abend den allervergnügtesten. Frau von Rênal lud ihn zum Abendessen ein und setzte das ganze Haus in Bewegung. Es war ihr eine erwünschte Gelegenheit, Julian aufzuheitern.

Signor Geronimo war ein weltberühmter Sänger, ein Mann der besten Gesellschaft, dabei ein sehr lustiger Mensch. Er einte somit Dinge, die in Frankreich unvereinbar sind.

Nach dem Abendessen sang er mit Frau von Rênal ein kleines Duettino. Sodann erzählte er reizende kleine Geschichten. Es schlug ein Uhr, als Julian die Kinder ermahnte, zu Bett zu gehen. Sie wollten durchaus nicht. »Nur noch eine Geschichte!« bat der Älteste.

»Und zwar eine aus meinem Leben, Signorino«, sagte der Italiener und begann:

»Vor acht Jahren war ich Schüler auf dem Conservatorio zu Neapel. War just so alt, wie du bist, nur hatte ich nicht die Ehre, der Sohn des hochwohllöblichen Bürgermeisters einer so hübschen Stadt wie Verrières zu sein.«

Bei diesem Worte entfuhr Herrn von Rênal ein Seufzer, und ein vielsagender Blick irrte zu seiner Frau hinüber.

»Signor Zingarelli«, fuhr der junge Sänger fort, und zwar mit einem karikierenden Akzent, bei dem die Kinder, alle drei, auflachten, »Signor Zingareli war ein riesig strenger Meister. Er war unter den Konservatoristen gar nicht beliebt, aber er hielt darauf, daß man sich immer so betrug, als habe man ihn gern. Ich ging aus, sooft ich nur konnte. Meistens wanderte ich nach dem kleinen Teatro di San Carlino, wo es eine Göttermusik zu hören gab. Aber o Himmel, das schwierigste bei der Sache war, das Eintrittsgeld zu erschwingen. Der Parkettplatz kostete vier Groschen. Eine kolossale Summe, nicht?«

Er blinzelte die Kinder an, die laut lachten.

»Signor Giovannone, der Herr Direktor von San Carlino, hörte mich eines schönen Tages singen. Ich war nun sechzehn Jahre alt. ›Du bist ein Goldkerl! ‹ erklärte er und fragte mich: ›Soll ich dich engagieren, Verehrtester? ‹ – ›Was wollen Sie mir zahlen? ‹ erwiderte ich ihm. – ›Vierzig Dukaten Monatsgage! ‹

Meine Herren, vierzig Dukaten sind einhundertundsechzig Franken! Ich war im siebenten Himmel. ›Sagen Sie mir mal ‹ , entgegnete ich, ›wie komme ich aber von dem gestrengen Signor Zingarelli los? ‹ – › Lascia fare a me! ‹ Wißt ihr, was das heißt?«

»Lassen Sie mich nur machen!« rief der älteste kleine Rênal.

»Richtig, mein Junge! Des weiteren sagte mir Signor Giovannone: ›Caro, erst mal ein Verträgelchen! ‹ Ich unterschreibe das Ding und bekomme drei Dukaten Draufgeld. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich so viel Mammon auf einem Haufen gesehen. Sodann instruierte er mich, wie ich mich verhalten sollte.

Am andern Tage bitte ich um eine Audienz beim schrecklichen Signor Zingarelli. Sein uralter Leibkammerdiener läßt mich eintreten. ›Was willst du von mir, du Galgenstrick? ‹ brüllt mich der Meister an. – ›Maestro ‹, sag ich, ›ich bereue meine Sünden. Ich will nie wieder aus dem Conservatorio ausrücken, über das eiserne Staket weg. Ich will der Allerfleißigste werden. ‹ – ›Wenn ich nicht Angst hätte, den schönsten Baß, den ich je gehört, zu verderben, würde ich dich bei Wasser und Brot vierzehn Tage einsperren, du Schlingel. ‹ – ›Maestro ‹, sage ich wiederum, ›ich will das Musterbild der ganzen Schule werden. Credete a me! Nur um eine Gnade bitte ich ganz gehorsamst: wenn jemand kommt und mich haben will, damit ich draußen singe, – dann geben Sie mich um keinen Preis der Welt her! Ich bitte Sie flehentlichst: sagen Sie, Sie könnten nicht! ‹ – ›Wer zum Teufel sollte denn einen Taugenichts wie dich haben wollen? Übrigens entlasse ich dich noch lange nicht aus dem Conservatorio. Du willst dich wohl über mich lustig machen? Raus! ‹ Er will mir einen Tritt in den Allerwertesten verabreichen. ›Raus! ‹ wiederholt er. ›Oder ich sperr dich ein! ‹

Eine Stunde später kommt mein Signor Giovannone zum Direktor. ›Ich möchte Sie bitten ‹, beginnt er, ›mir zum Millionär zu verhelfen. Geben Sie mir Geronimo! Er soll an meinem Theater singen. Diesen Winter wird meine Tochter heiratsfähig. ‹ – ›Was wollen Sie mit dem Racker? ‹ gröbst ihn Meister Zingarelli an. ›Da wird nichts draus. Ich geb ihn nicht her. Und wenn ichs auch erlaubte: er wird das Conservatorio nie und nimmermehr verlassen wollen. Eben erst hat er mirs hoch und heilig geschworen. ‹ – ›Wenn sichs nur darum handelt, ob er will ‹, meint Giovannone gravitätisch und zieht meinen Kontrakt aus der Tasche. › Carta canta! Hier ist seine Unterschrift! ‹

Zingarelli reißt wütend an der Klingel. Der Hausdiener erscheint und erhält den Befehl zugebrüllt: ›Geronimo fliegt zum Conservatorio hinaus! Auf der Stelle! ‹

So war ich hinausgeflogen und lachte mir ins Fäustchen. Am selben Abend sang ich die Arie del Moltiplico. Polichinell will heiraten und zählt alle Gegenstände, die er in seinem Haushalt braucht, an den Fingern auf, wobei er sich fortwährend verrechnet...«

»Ach, singen Sie uns doch diese Arie!« bat Frau von Rênal.

Geronimo tat es, und alles lachte bis zu Tränen. Erst nachts um zwei Uhr ging man schlafen. Die ganze Familie war von den guten Manieren, der Liebenswürdigkeit und dem Frohsinn des Sängers bezaubert.

Am andern Tage händigten ihm Herr und Frau von Rênal die Briefe ein, die er zur Einführung in die Pariser Hofgesellschaft brauchte.

»Also überall Lug und Trug!« seufzte Julian. »Jetzt geht dieser Signor Geronimo nach London gegen sechzigtausend Franken Honorar. Ohne die Gerissenheit des Direktors von San Carlino wäre seine göttliche Stimme vielleicht erst zehn Jahre später bekannt und berühmt geworden. Beim Teufel, ich wäre lieber ein Geronimo als ein Rênal. Gesellschaftlich gilt ein Rênal ja mehr, dafür hat ein Geronimo weniger Verdruß mit dem großen Haufen, und seine Tage sind voller Sonne.«

Über etwas war Julian sehr erstaunt. Die letzten Wochen, die er für sich allein in Verrières verbracht hatte, waren ihm eine Zeit des Glückes gewesen. Verstimmung und Trübsal hatten ihn nur heimgesucht, wenn er zu den Diners eingeladen war, die seinetwegen gegeben wurden. Aber im einsamen Rênalschen Hause hatte er nach Herzenslust lesen, schreiben und grübeln können, ohne dabei gestört zu werden. Nicht wie sonst wurde er alle Augenblicke aus seinem leuchtenden Traumlande gejagt und in die Notwendigkeit versetzt, das Gangwerk von Alltagsseelen zu ergründen und sich durch Heucheleien in Wort und Tat vor ihnen zu schützen.

»Liegt das Gestade des Glücks so nahe?« fragte er sich. »Das Fahrgeld dorthin ist eigentlich gering. Ich brauchte bloß Elise zu heiraten oder Fouqués Teilhaber zu werden. Ja, der Wandersmann, der das Hochgebirge erklimmt, ist wohl glücklich, wenn er einmal gemütlich rasten darf. Sollte er aber ewig verweilen, so wäre er todunglücklich.«

Frau von Rênal kam auf viel gefährlichere Gedanken. Sie hätte ihrem Manne ohne Besinnen ihr Leben geopfert, wenn sie ihn in Gefahr gesehen hätte, denn sie war eine jener hochherzigen Romantikerinnen, die sich verpaßte Gelegenheiten zu edlen Taten ebenso vorwerfen, als hätten sie ein Verbrechen begangen. Gleichwohl hatte sie düstre Tage, an denen sie sich der glückhaften Vorstellung, plötzlich Witwe werden und Julian heiraten zu können, nicht erwehren konnte.

Julian liebte ihre Söhne weit zärtlicher als der eigene Vater, und trotz seiner strengen Gerechtigkeit waren sie vernarrt in ihn. Sie fand sich damit ab, ihr geliebtes waldumrauschtes Vergy verlassen zu müssen, wenn sie Julians Frau würde. Im Geiste sah sie sich in Paris wohnen, mit der Erziehung ihrer Kinder beschäftigt, von aller Welt darob bewundert. Die Kinder, sie selbst und Julian, alle waren glücklich ...

Die moderne Ehe hat sonderbare Begleiterscheinungen, Ist vor der Heirat Liebe vorhanden, so stirbt sie sicher in der Langweile des ehelichen Beieinanders. Zumal bei Eheleuten, die reich genug sind, um nicht arbeiten zu müssen, stellt sich gründlicher Widerwille gegen das geruhsame Eheglück ein. Und nur die phantasielosen Frauen gehen an Liebschaften und Liebeleien vorbei, anstatt sich kopfüber in sie zu stürzen.

Der Herbst und der Anfang des Winters gingen rasch vorüber. Endlich mußte man den Wäldern von Vergy Lebewohl sagen. Die gute Gesellschaft von Verrières war längst entrüstet, daß ihr Bannspruch so wenig Eindruck auf den Bürgermeister machte. Die ganze Stadt war voll des Klatsches über den Skandal im Rênalschen Hause.

Kaum war Herr von Rênal in Verrières, als sich seine ehrsamsten Mitbürger an die ihren gewohnten Stumpfsinn genußreich unterbrechende Mission machten, ihm in höchst gewichtigen Ausdrücken den schlimmsten Verdacht gegen seine Frau beizubringen. Valenod, der vorsichtige Schlaumeier, hatte Elise in einem angesehenen Hause untergebracht. Von selbst kam sie auf den nützlichen Gedanken, dem alten wie dem neuen Pfarrer bis in alle Einzelheiten zu beichten, was sie über Julians Liebschaft wußte.

Am Tage nach der Ankunft der Familie Rênal in Verrières ließ Chélan Julian bereits früh um sechs Uhr zu sich kommen.

»Ich will nichts Näheres hören«, sagte er zu ihm, »ja, ich wünsche, oder wenn es sein muß, ich befehle Ihnen, daß Sie mir kein Wort sagen. Ich verlange nur, daß Sie binnen drei Tagen entweder nach Besançon in das Seminar oder zu Ihrem Freunde Fouqué gehen. Er ist nach wie vor bereit, Ihnen eine glänzende Zukunft zu schaffen. Ich habe alles vorgesehen und vorbereitet. Sie müssen fort von hier. Und vor einem Jahre lassen Sie sich in Verrières nicht wieder sehen.«

Julian entgegnete nichts. Er überlegte sich, ob er diese starke Bevormundung durch Chélan, der doch schließlich nicht sein Vater war, als Kränkung auffassen solle.

»Morgen um dieselbe Zeit werde ich mir die Ehre nehmen, wiederzukommen«, erklärte er endlich.

Im Wahne, es sei ein leichtes, einen so jungen Menschen zu dirigieren, hielt ihm Chélan eine lange Rede. Mit demütigster Miene und Haltung hörte Julian zu, ohne den Mund aufzutun.

Als er endlich entlassen ward, eilte er zu Frau von Rênal, um sie zu verständigen. Er fand sie in heller Verzweiflung. Ihr Mann hatte eben ein ziemlich offenes Wort mit ihr gesprochen. Infolge seiner kraftlosen Natur und aus Rücksicht auf die Erbtante in Besançon hatte er sich entschlossen, seine Frau als völlig schuldlos zu betrachten. Er hatte ihr erzählt, wie es um ihren Ruf im Munde der Leute stand. Er wisse, es sei unwahr, neidischer Klatsch; immerhin müsse etwas geschehen.

Einen Augenblick lang hatte sich Frau von Rênal eingebildet, Julian könne Valenods Anerbieten annehmen und somit in Verrières verbleiben. Aber sie war nicht mehr die naive scheue Frau wie noch im Jahre vorher. Ihre verhängnisvolle Leidenschaft und die Stürme ihres Gewissens hatten ihr den Blick geschärft. Während ihr Mann noch redete, ward es ihr zu Ihrem Schmerze von selber klar, daß zum mindesten eine vorübergehende Trennung unvermeidlich geworden war. »Fern von mir«, sagte sie sich, »wird ihn der Ehrgeiz von neuem packen. Das ist ganz natürlich bei einem Menschen, der nichts besitzt. Und ich – großer Gott – ich bin so reich! Reich und doch nicht glücklich! Draußen in der Welt wird er mich vergessen. Andre werden ihn lieben. Er wird wieder lieben. Ach, ich Ärmste! Aber darf ich klagen? Der Himmel ist gerecht. Meine Sünde hat mich blind gemacht. Ich hätte Elise durch Geld zum Schweigen verpflichten müssen. Nichts war leichter. Aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, darüber auch nur einen Augenblick nachzudenken. Meine tolle Liebesträumerei nahm alle meine Zeit in Anspruch. Nun bin ich dem Untergang geweiht.«

Über etwas war Julian stark verwundert. Als er der Geliebten die schreckliche Mitteilung machte, daß er scheiden müsse, begegnete er keinem selbstsüchtigen Widerspruch.

»Wir müssen gefaßt sein, mein lieber Freund!« sagte sie und schnitt sich eine Haarlocke ab. »Ich weiß nicht, was aus mir werden wird, aber wenn ich sterben sollte, so versprich mir, meine Kinder niemals zu vergessen. Ihnen fern und nah, mußt du sorgen, daß sie tüchtige Menschen werden. Sollte eine neue Revolution ausbrechen, so macht man allen Adligen den Prozeß. Dann ist ihr Vater am Ende gezwungen, ins Exil zu wandern, wegen des Bauern vielleicht, den man von seinem Dache heruntergeschossen hat. Wache über die Meinen! Gib mir deine Hand! Lebe wohl, mein lieber Freund! Unsre letzte Stunde ist gekommen. Habe ich das überwunden, dann werde ich auch die Kraft haben, den rechten Weg wiederzufinden.«

Julian hatte Verzweiflungsausbrüche erwartet. Die Schlichtheit dieses Abschiedes rührte ihn tief.

»Nein!« rief er aus. »So wollen wir nicht voneinander gehen! Ich verlasse dich. Die Menschen wollen es so. Du selbst willst es. In drei Tagen aber komme ich ein letztes Mal heimlich zu dir.«

Frau von Rênal war wie gewandelt. Julian liebte sie also wirklich! Würde er sonst auf den Gedanken kommen, sie noch einmal zu besuchen? Ihr gräßlicher Schmerz schlug in die höchste Freude um, die sie je in ihrem Leben empfunden hatte. Sie fühlte sich von aller Last befreit. Die Gewißheit, den Geliebten noch einmal zu besitzen, nahm der Trennungsstunde alle Bitternis. Von diesem Moment an war sie in Wesen und Haltung durch und durch edel, fest und vornehm.

Herr von Rênal kam bald zurück; er war außer sich. Zum ersten Male erwähnte er seiner Frau gegenüber jenen anonymen Brief, den er vor acht Wochen erhalten hatte.

»Ich werde den Wisch mit in den Klub nehmen und aller Welt kundtun, daß er von Valenod herrührt, diesem Lumpen, dem ich geholfen habe, vom Habenichts zu einem der reichsten Bürger von Verrières emporzukommen. Ich werde ihm vor Zeugen ins Gesicht sagen, daß er den Brief geschrieben hat, und mich mit ihm schießen. Ich habe die Sache satt.«

»Ich kann Witwe werden! Allmächtiger!« dachte Frau von Rênal. Aber schon im nämlichen Augenblick sagte sie sich: »Wenn ich dieses Duell nicht verhindere – und das kann ich auf jeden Fall –, dann bin ich die Mörderin meines Mannes!«

Noch nie hatte sie ihn so geschickt bei seiner Eitelkeit gefaßt wie jetzt. In kaum zwei Stunden brachte sie es zuwege, daß er durch Gründe, die er selbst zu finden sich einbildete, der Meinung ward, gegen Valenod liebenswürdiger denn je sein zu müssen. Sogar Elise müsse wieder ins Haus genommen werden. (Dies vorzuschlagen fiel ihr sehr schwer; denn das Mädchen trug die Schuld an all ihrem Unglück. Der Gedanke kam von Julian.) Zu guter Letzt gelangte er ohne weitere Nachhilfe zu der ihm allerdings pekuniär wenig erfreulichen Einsicht, daß es angesichts des allgemeinen erbitterten Klatsches das allermißlichste wäre, wenn Julian – etwa als Hauslehrer im Hause Valenods – in Verrières verblieb. Rein wirtschaftlich betrachtet, konnte Julian kaum besseres tun, als das Angebot des Armenamtsvorstandes anzunehmen. Das war klar. Das beste hingegen für Herrn von Rênal war es, wenn Julian Verrières verließ und nach Besançon oder Dijon auf das Priesterseminar ging. Aber wie sollte man den jungen Mann dazu bringen? Und wovon sollte er dort seinen Unterhalt bestreiten?

Als Rênal die Notwendigkeit eines Geldopfers erkannte, verfiel er weit größerer Verzweiflung als vordem seine Frau. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Nach der Unterredung mit ihrem Mann hatte sie den Zustand errungen, in dem sich ein mutiger Mann befindet, der, müde des Lebens, eben Gift genommen hat. Er steht dem Leben neutral gegenüber. Schon schaut er die Welt in der Verklärung. In diesem Sinne hat Ludwig der Vierzehnte in seiner Todesstunde gesagt: »Als ich König war ...« Ein großartiges Wort!

Es war kein leichtes Stück Arbeit, Herr von Rênal von dem Vorsatz, Valenod zu brüskieren, dahin umzustimmen, daß er Julian zunächst für ein Jahr sechshundert Franken Seminarzuschuß auszusetzen bereit war. Tausendfach verwünschte er den Tag, an dem er den so verhängnisvollen Plan gefaßt hatte, einen Hauslehrer zu nehmen.

Sein einziger Trost war ein Gedanke, den er seiner Frau verheimlichte. Durch Geschicklichkeit und mit Hilfe der romantischen Phantasie Julians hoffte er ihn dahin zu bringen, daß er sich schon für eine geringere Summe verpflichtete, Valenods Angebot auszuschlagen.

Noch mehr Mühe hatte Frau von Rênal, als sie Julian beweisen mußte, daß er eine Entschädigung ohne Bedenken annehmen könne, da er ja der Ehre ihres Mannes ein Opfer bringe, wenn er auf die ihm vor Zeugen angebotene Stelle mit achthundert Franken Gehalt im Hause Valenods verzichte.

»Aber ich habe doch nie einen Augenblick daran gedacht, die Stelle anzunehmen«, wandte Julian immer wieder ein. »Du hast mich zu sehr an das aristokratische Leben gewöhnt. Ich würde unter diesen groben Leuten zugrunde gehen.«

Die grausame Notwendigkeit beugte schließlich Julians Eigensinn mit eiserner Faust. Aber in seinem Hochmute gedachte er die vom Bürgermeister gebotene Summe höchstens als Darlehen zu nehmen und ihm dafür einen Schuldschein auszustellen, der samt Zinsen in fünf Jahren fällig sein sollte.

Frau von Rênal erinnerte sich, daß noch einige tausend Franken in der Grotte oben in den Bergen vergraben lagen. Obwohl sie wußte, daß Julian dieses Geld voll Entrüstung ablehnen werde, bot sie es ihm doch zaghaft an.

»Willst du mir die Erinnerung an unsre Liebe vergällen?« fragte er.

So verließ Julian das Städtchen. Herr von Rênal war selig. Im schicksalsreichen Augenblicke des Abschiedes brachte es Julian nicht übers Herz, Geld von ihm zu nehmen. Er wies es kurz und würdig ab. Der Bürgermeister fiel ihm tränenden Auges um den Hals. Julian hatte ihn um ein Zeugnis gebeten. In seiner Begeisterung fand Rênal nicht hochtrabende Worte genug, Julians Fähigkeiten und seine Führung ins rechte Licht zu setzen.

Der Scheidende besaß hundert Franken Ersparnisse. Die gleiche Summe nahm er sich vor, von seinem Freunde Fouqué zu leihen.

Tiefbewegt ging er. Aber kaum war er von Verrières, wo er so viel Liebe zurückließ, eine Wegstunde entfernt, da dachte er nur noch an das Glück, Besançon, die berühmte Stadt und Feste, kennenzulernen.

Drei Tage hielt er sich in den Bergen auf. Währenddem war Frau von Rênal die Beute der grausamsten Liebestäuschung. Wie friedsam dünkte sie das Leben! Und doch stand ihr das höchste Unglück bevor: das letzte Stelldichein mit einem Geliebten. Sie zählte die Stunden und die Minuten, die sie von der letzten Nacht mit Julian trennten.

Endlich in der Nacht vom dritten zum vierten Tage vernahm sie von ferne das verabredete Zeichen. Umgeben von tausend Gefahren erschien Julian.

Von diesem Augenblick an hegte sie nur den einen einzigen Gedanken: »Ich sehe ihn zum allerletzten Male!«

In der heißen Umarmung des Geliebten lag sie wie ein kaum noch lebender Körper. Ein paarmal zwang sie sich, Liebesworte zu flüstern, aber es geschah so linkisch, daß es fast lieblos klang, was sie stammelte. Immer wieder mußte sie dem entsetzlichen Gedanken nachhängen, daß es Abschied sei auf immerdar. Bei seiner mißtrauischen Natur wähnte Julian, sie habe ihn bereits vergessen. Sie vermochte auf seine kränkenden Vorwürfe keine Worte zu erwidern, sondern nur große stille Tränen und fast krampfartige Händedrücke.

»Wie soll ich dir glauben?« entgegnete Julian auf eine ihrer wortarmen Beteuerungen.

Sie war zu Tode getroffen und fand keine Antwort. »Unmöglich kann man noch unglücklicher sein ... Hoffentlich sterbe ich bald ... Ich fühle, mein Herz steht still...«

Das waren die längsten Sätze, die Julian zuteil wurden.

Als der Morgen dämmerte und sie scheiden mußten, konnte sie nicht einmal mehr weinen. Stumm sah sie zu, wie er ein Seil mit Knoten am Fenster befestigte. Seine Worte, seine Küsse vermochte sie nicht zu erwidern.

Vergeblich sagte Julian zu ihr: »Jetzt sind wir endlich an dem Punkte, den du so sehr ersehnt hast. Fortan werden dich keine Gewissensbisse mehr quälen, und wenn eins deiner Kinder einmal ein wenig unwohl ist, wirst du dir nicht gleich einbilden, es müsse meinetwegen sterben!«

»Es tut mir leid, daß dir Stanislaus nicht Lebewohl sagen kann«, flüsterte sie tonlos.

Die kalten Liebkosungen der Halbtoten rührten Julian am Ende doch bis tief in sein Herz. Stundenlang kam er von dem Gedanken daran nicht los. Er war unsagbar traurig.

Auf der Höhe des Kammes drehte er sich wieder und wieder um, bis der Kirchturm von Verrières seinem Blick entschwand.

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