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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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20. Kapitel

Elise, die Jungfer der Frau von Rênal, wanderte öfters nach Verrières, wo sie in ihrer Erbschaftsangelegenheit einen kleinen Prozeß zu führen hatte. Einmal begegnete ihr Valenod, der nach wie vor schlecht auf Julian zu sprechen war. Sie haßte Sorel, und so äußerten sie einander ihren Groll.

»Ich darf Ihnen nicht alles sagen, Herr Valenod«, sagte sie unter anderm, »denn ich weiß, in wichtigen Dingen halten die Herrschaften immer zusammen. Es wäre mein Verderb. Gewisse Eröffnungen verzeiht man uns armen Dienstboten nie.«

Nach solch herkömmlichem Gerede, das Valenod voll Ungeduld und Neugierde rasch beiseite schob, kamen Dinge zutage, die den eitlen Mann empfindlich kränkten. Die weit und breit vornehmste Dame, der er sechs Jahre lang den Hof gemacht hatte, noch dazu dummerweise vor aller Welt, diese stolze Frau, vor deren sichtlicher Verachtung er sich so oft klein vorgekommen war, hatte einen als Hauslehrer verkleideten Bauernburschen zum Liebsten! Noch nicht genug des Hohnes: die Unnahbare betete diesen Menschen an!

Der Armenamtsvorstand geriet in die übelste Laune.

»Ja freilich«, erzählte das Mädchen seufzend weiter, »Herr Julian hat diese Eroberung gemacht ohne jede Mühe. Kalt, wie er ist, war er auch mit ihr.«

Elise war ihrer Sache erst sicher geworden, seit sie auf dem Lande wohnten, aber sie glaubte, das Verhältnis reiche weiter zurück.

»Jetzt weiß ich auch«, schloß sie ärgerlich, »warum er mich nicht hat heiraten wollen. Und ich Schaf habe die Gnädige auch noch um Rat gefragt und sie gebeten, mit ihm zu reden!«

Noch am selben Abend erhielt Herr von Rênal zugleich mit seiner Zeitung einen langen anonymen Brief, der ihn ausführlich davon unterrichtete, was in seinem Hause vorging. Julian beobachtete, wie er beim Lesen blaß wurde und ihm einen bösen Blick zuwarf.

Den ganzen Abend erholte sich der Bürgermeister nicht von seinem Schreck. Vergeblich hofierte ihn Julian, indem er das Gespräch auf die Genealogie der burgundischen Adelsfamilien brachte.

Als man um Mitternacht den Salon verließ, brachte es Julian zuwege, seiner Freundin zuzuraunen: »Wir wollen uns heute nacht nicht besuchen. Dein Mann hat Verdacht geschöpft. Ich möchte darauf schwören: das Schriftstück, das er heute unter Stöhnen gelesen hat, ist ein anonymer Brief!«

Es war beider Glück, daß er sich in sein Zimmer einriegelte. Frau von Rênal bildete sich wahnwitzigerweise ein, Julians Warnung sei nur ein Vorwand, ihren Besuch abzuwehren. Sie verlor vollständig den Kopf und schlich sich zur gewohnten Stunde an seine Tür. Als er Geräusch auf dem Gange hörte, löschte er rasch seine Lampe aus. Er hörte, wie man sich draußen bemühte, die Tür zu öffnen. War das die Geliebte oder ihr eifersüchtig gewordener Gatte?

Am nächsten Morgen ganz zeitig brachte die Köchin, die Julian wohlgesinnt war, ihm ein Buch, auf dessen Deckel ein paar italienische Worte gekritzelt standen:

Guardate alla pagina 130.

Julian bekam einen heftigen Schreck ob dieser Unvorsichtigkeit. Er schlug die Seite 130 auf und fand daselbst einen tränennassen Brief, der mit einer Stecknadel befestigt war. Er wimmelte von Verstößen gegen die Rechtschreibung. Sonst handhabte Frau von Rênal sie tadellos. Diese Nebensache rührte Julian, und er vergaß darüber beinahe den fürchterlichen Leichtsinn der Schreiberin.

Der Brief lautete:

»Warum hast Du mich diese Nacht nicht haben wollen? Manchmal glaube ich, der Grund Deiner Seele sei mir verschlossen. Deine Blicke erschrecken mich. Ich fürchte mich vor Dir. Allmächtiger, am Ende hast Du mich nie geliebt! Dann mag mein Mann unsre Liebesgeschichte nur entdecken und mich auf dem Gute für ewig einsperren, fern von meinen Kindern. Vielleicht will Gott es so. Ich würde bald sterben, und Du wärest ein Unmensch.

Liebst Du mich nicht? Bist Du meiner Torheit, meiner Gewissensbisse überdrüssig? Böser! Willst Du mich zugrunde richten? Ich mache es Dir leicht. Geh, zeige diesen Brief allen Leuten von Verrières oder auch bloß Herrn Valenod! Sage ihm, daß ich Dich liebe. Oder besser – denn das wäre eine Banalität – sag ihm, daß ich Dich anbete, daß das Leben für mich erst mit dem Tage begonnen hat, da ich Dich sah, daß ich mir das Glück, das ich Dir danke, in meinen tollsten Mädchenträumereien nicht herrlicher ausgedacht habe. Sage ihm, daß ich Dir mein Leben geopfert habe, daß ich Dir meine Seele und Seligkeit opfre. Du weißt ja, daß ich Dir noch viel mehr opfre.

Aber versteht dieser Mann denn, was ein Opfer ist? Sage ihm, um ihn zu reizen, daß ich aller Niedertracht der Welt trotze, daß es auf der ganzen Erde für mich nur ein Unglück gibt: die Untreue des einzigen Menschen, dem zuliebe ich überhaupt noch lebe. Das Leben zu verlieren, es als Opfer dahinzugehen, das ist für mich Glück. Dann brauche ich mich nicht mehr um meine Kinder zu bangen.

Zweifle nicht, Geliebtester: wenn es ein anonymer Brief war, so kommt er von diesem erbärmlichen Gesellen, der mich sechs Jahre lang mit seiner Polterstimme, seinen Stallwitzen, seiner Geckenhaftigkeit und der ewigen Aufzählung seiner eigenen Vorzüge verfolgt hat.

Aber ist denn ein solcher Brief wirklich gekommen? Du Schlimmer, das wollte ich vor allem mit Dir erörtern. Doch nein, Du hast ganz recht. Wenn ich Dich heute in meine Arme geschlossen hätte, vielleicht zum letztenmal, so hätte ich nimmermehr so ruhig überlegen können wie jetzt, wo ich einsam und allein bin. Von Stund an wird unser Glück Fesseln tragen. Wird Dir das leid tun? Höchstens an den Tagen, da Dich keines der Bücher Deines Freundes Fouqué in Beschlag nimmt.

Ich bringe das Opfer. Gleichgültig, ob es ein anonymer Brief war oder nicht: morgen werde ich meinem Manne mitteilen, ich hätte einen anonymen Brief bekommen. Es sei unverzüglich nötig, Dich unter irgendeinem anständigen Vorwande zu Deinen Eltern zurückzuschicken.

Ach, Geliebtester, wir werden vierzehn Tage voneinander getrennt sein, vielleicht gar vier Wochen! Aber ich lasse Dir Gerechtigkeit widerfahren: Du wirst ebenso leiden wie ich. Wie dem auch sei, das ist das einzige Mittel, dem anonymen Brief die Spitze abzubrechen. Übrigens ist es nicht der erste, den mein Mann bekommt, insbesondre nicht der erste, der mich verdächtigt. Ehedem, ach, wie habe ich darüber gelacht!

Der Zweck meines Gegenzuges ist der, meinem Mann einzureden, der Brief sei von Valenod. Daß er ihn in der Tat geschrieben hat, ist mir nicht zweifelhaft. Wenn Du unser Haus verlassen hast, richtest Du Dich in Verrières häuslich ein. Ich werde meinen Mann bestimmen, auch auf vierzehn Tage hinzugehen, um den Klatschbasen zu dokumentieren, daß zwischen ihm und mir das beste Einvernehmen besteht. In Verrières verkehre mit aller Welt, auch mit Liberalen! Die Damen werden Dich sicherlich alle in ihr Garn locken wollen.

Überwirf Dich vor allem nicht mit Valenod! Schneide ihm nicht etwa die Ohren ab, wie Du einmal gesagt hast. Im Gegenteil, sei recht nett mit ihm! Du mußt es zuwege bringen, daß alle Welt munkelt, Du würdest nun bei Valenod oder sonstwem Hauslehrer. Das wird mein Mann niemals zugeben. Sollte er sich jedoch trotzdem dazu entschließen, so bleibst Du wenigstens in Verrières, und ich kann Dich hin und wieder sehen. Und meine Kinder, die so an Dir hängen, können Dich besuchen. Weißt Du, ich liebe meine Kinder mehr denn je, weil sie Dich lieben! Ach, ich Ärmste, wie wird das alles wohl enden?

Ich will nicht abschweifen. Mit einem Worte, Du verstehst, wie Du Dich benehmen sollst! Sei liebenswürdig und höflich, ja nicht hochmütig zum Alltagsgesindel! Ich bitte Dich auf den Knien darum. Die Leute haben unser Schicksal in den Händen. Zweifle keinen Augenblick, daß sich mein Mann in seinem Verhalten zu Dir nach der Vorschrift der öffentlichen Meinung richten wird.

Den zweiten anonymen Brief mußt Du mir herrichten. Wappne Dich mit Geduld und einer Schere! Schneide die nötigen Worte aus einem Buche aus und klebe sie mit Gummiarabikum auf den bläulichen Briefbogen, den ich Dir beilege. Er stammt von Valenod. Sei gefaßt auf eine Durchsuchung Deiner Sachen und verbrenne das Buch mit den zerschnittenen Seiten. Solltest Du nicht alle Worte fertig vorfinden, so sei so geduldig und setze sie aus einzelnen Buchstaben zusammen! Um Dir möglichst wenig Mühe zu machen, habe ich den Entwurf kurz gefaßt. Ach, wenn Du mich nicht mehr liebst, wie lang wird Dir dann dieser Brief vorkommen!« Der Entwurf lautete:

Gnädige Frau!
Alle Ihre geheimen Sprünge sind bekannt. Aber auch die Personen, denen daran liegt, daß dem ein Ende gemacht wird, sind benachrichtigt. Mit dem letzten bißchen Zuneigung, das ich für Sie hege, rate ich Ihnen, dem Bauernjungen ein für allemal den Laufpaß zu geben. Wenn Sie klug genug sind, um dies zu tun, wird Ihr Mann glauben, man habe ihn seit der Nachricht, die er erhalten, zum Narren gehabt. Man wird ihn dabei belassen. Denken Sie daran, daß ich Ihr Geheimnis weiß! Zittern Sie, Unglückliche! Sie sollen hinfüro nach meiner Pfeife tanzen!

»Sobald Du mit dem Aufkleben der Wörter dieses Briefes fertig sein wirst (habe ich des biederen Armenamtsvorstandes Redeweise leidlich nachgeahmt?), verlässest Du das Haus. Ich werde Dich schon treffen. Ich werde ins Dorf gehen und mit bestürzter Miene zurückkommen. Dies wird mir nicht schwerfallen. Lieber Gott, was wage ich nicht! Und alles das, weil Du einen anonymen Brief witterst.

Ganz verstört werde ich den Brief meinem Manne einhändigen und ihm erzählen, ein Unbekannter hätte mir ihn gereicht. Du gehst mit den Kindern in den Wald spazieren und kommst erst zur Essenszeit heim. Oben vom Felsenvorsprung kannst Du den Turm mit dem Taubenschlag sehen. Wenn unsere Sache gut geht, hänge ich dort ein weißes Taschentuch auf! Andernfalls nicht.

Undankbarer, wird Dein Herz den Drang verspüren und Mittel und Wege finden, mir zu sagen, daß Du mich liebst, ehe Du den Spaziergang antrittst? Was aber auch geschehen mag, des sei gewiß: den Tag unsrer endgültigen Trennung werde ich nicht überleben, ich Rabenmutter! Ich, Liebster, ich schreibe dieses Wort hin, ohne zu empfinden, wie inhaltsschwer es ist. Ich vermag in dieser Stunde nur an Dich zu denken. Wenn ich nur Dir gefalle! Jetzt, im Augenblick, wo ich Dich vielleicht verliere: wozu sollte ich da heucheln? Dir graut vor meiner Seele. Es sei! Vor dem, den ich über alles in der Welt liebe, will ich nicht lügen. Muß ich doch sonst schon genug Komödie spielen!

Wenn Du mich nicht mehr liebst, verzeihe ich Dir. Ich habe keine Zeit mehr, meinen Brief nochmals durchzulesen. Es soll mir ein leichtes sein, die glückseligen Tage, die ich in Deinen Armen verlebt, mit dem Tode zu büßen. Und Du weißt doch, daß ich auf ewig verdammt bin!«

Mit kindlichem Vergnügen sammelte Julian eine Stunde lang die Wörter. Als er dann aus seinem Zimmer trat, begegnete er seinen Zöglingen und ihrer Mutter. Sie nahm ihm den Brief mit Selbstverständlichkeit und Kaltblütigkeit ab.

»Ist der Klebestoff auch schon trocken?« fragte sie.

Er war verblüfft. »Ist das die Frau, die vor Reue beinahe den Verstand verlieren wollte?« dachte er. »Was hat sie vor?« Er war zu stolz, sie darob zu fragen. Aber nie hatte sie ihm so gut gefallen.

»Wenn die Sache schief geht«, sagte sie in gleichgültigem Tone, »so wäre ich mittellos. Vergraben Sie diese Wertsachen irgendwo in den Bergen! Vielleicht ist das eines Tages meine letzte Rettung.«

Dabei steckte sie ihm ein niedliches Juchtenledertäschchen mit ein paar Goldstücken und Brillanten zu.

»Geh jetzt!« befahl sie, nachdem sie die Kinder geküßt hatte.

Julian rührte sich nicht. Raschen Schrittes verließ sie ihn, ohne ihn noch einmal anzusehen.

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