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Otto Erich Hartleben: Rosenmontag - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleAusgewählte Werke Band 3
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRosenmontag
pages103
created20120212
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Akt

Die Szene ist dieselbe wie im ersten Akt: das Offizierskasino im Parterre der Kaserne.

Es ist am frühen Morgen des Rosenmontags. Mangelhafte Lampen- und Kerzenbeleuchtung. Die Fenster im Hintergrunde zeigen schon einen blauen Schimmer.

Große Unordnung herrscht in dem Raum, in dem soeben die Generalprobe des Fastnachtsspieles stattgefunden hat. Auf dem hufeisenförmigen Tische stehen eine ganze Anzahl halbgeleerter Rotwein- und Sektflaschen sowie Gläser herum. Dazwischen liegen Masken, Kostüme und alle möglichen Karnevalsabzeichen. Über die Staffelei links in der Ecke und über einige Stühle sind drei Tierfelle gehängt, ein Tiger- und zwei Leopardenfelle.

Wenn der Vorhang aufgeht, sitzt von Marschall in der Mitte auf dem Tisch als König Franz.

Rechts in der Mitte des Hufeisentisches, die als der Löwengarten gedacht ist, sitzen rittlings auf Stühlen – alle der Mitte zugewandt – hinten Moritz als Leu mit einem Löwenfell, das ihm halb von den Schultern gefallen ist, und vorn von Grobitzsch als das Tigertier, die Arme vor sich auf die Lehne des Stuhles gestützt.

Links, ebenfalls in der Mitte des Hufeisentisches, sitzen Peter und Paul als die beiden Leoparden dicht nebeneinander, jenen gegenüber, in derselben Pose.

Inmitten der Vier, von allen beobachtet, liegt auf dem Boden ein mächtiger Paukhandschuh.

Links hinter dem Tisch sitzt Benno als Fräulein Kunigund. Er hat eine Flasche Sekt vor sich stehen und ist eingeschlafen, sein Kopf ruht auf den Händen, die Zigarre ist ihm ausgegangen.

Rechts vorn vor dem Tisch steht Glahn als Ritter Delorges, halb kostümiert, mit Mäntelchen und Degen.

Es wird getrunken und geraucht.

Erste Szene

Glahn (geht »mit festem Schritte« in die Mitte der Bühne und nimmt den Handschuh auf.)

von Marschall (deklamierend:) »Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht«

Glahn (legt den Paukhandschuh zart vor dem schlafenden Benno auf den Tisch. Laut:) »Den Dank, Dame, begehr ich nicht!«

von Marschall. »Und verläßt sie zur selben Stunde.« 295

Glahn (macht stramm kehrt und schreitet wieder mit festem Schritt nach rechts, wo er sich niederläßt.)

Benno (ist aufgewacht und starrt auf den Handschuh:) Kolossal! (Er schläft sofort wieder ein.)

von Marschall (vom Tisch heruntersteigend:) So, meine Herren, ich denke, das genügt!

Alle (mit Ausnahme von Benno und Moritz:) Gott sei Dank!

Moritz. Lieber Marschall, ich muß doch sehr bitten... ich kann Ihnen nur noch einmal versichern: der Leu liegt mir nicht. Er liegt mir absolut nicht! Und wenn der Herr Hauptmann von Itzenplitz sich jetzt noch in letzter Stunde darum drücken will, so find ich das unerhört unerhört.

von Marschall. Diesterbeg, sein Sie doch friedlich! Sie wissen doch: die Damen des Herrn Hauptmanns! Sie haben schließlich die Befürchtung ausgesprochen, daß eine solche Rolle die natürliche Wildheit des Herrn Hauptmanns wecken und

Moritz. Ich bin kein Schmierenschauspieler! Ich kann eine solche wichtige Rolle nicht von heute auf morgen übernehmen. Ich muß Zeit haben, mich hineinzuleben

Peter, (der aufgestanden ist:) Oller Salonlöwe...

Paul (gähnend:) Ach Moritz, laß doch die Witze... es ist am frühen Morgen. Und die Lampen gehen aus.

(Er pustet eine nur noch flackernde Petroleumlampe aus.)

Glahn. Also Schluß.

von Marschall. Halt, meine Herren bitte noch ein paar Worte! Wenn ich auch von einer nochmaligen Wiederholung absehe, möcht ich mir doch noch kurz einige nötige Bemerkungen erlauben. (Er sieht auf einen Zettel.) Also. Der Ritter war korrekt. (Glahn verneigt sich.) Das Fräulein Kunigund wußte die herzlose Koketterie der gefeierten Hofdame elegant zum Ausdruck zu bringen.

Peter. Benno, hast du gehört?

Moritz. Laßt ihn doch schlafen . . . 296

Benno, (ohne sich zu rühren:) Kolossal . . .

von Marschall. Der Leu

Moritz. Wie gesagt . . .

von Marschall. War ausgezeichnet! Gerade die Tenorlage, lieber Diesterbeg, macht ihr wertes Brüllen eindrucksvoll und majestätisch! Glauben Sie mir das!

Moritz. Sie schmeicheln. Aber wenn Ihnen mein bescheidenes Können genügt...

von Marschall. Ebenso war das Tigertier des Herrn von Grobitzsch von größter Wirkung! Schon die ganze Art des Auftretens und die originelle Auffassung, wie Sie mit dem Schweif einen furchtbaren Reif zu schlagen wissen wirklich tadellos: mein Kompliment. ( von Grobitzsch verneigt sich.) Dahingegen ließen die beiden Leoparden so vortrefflich sie sonst herauskamen doch einiges an Kampfbegier vermissen. Es wollte mir scheinen, als ob das Tigertier kaum seiner grimmigen Tatzen benötigt hätte, um sie zu beruhigen. Wenn ich also bitten darf: heute abend etwas ä raubtiermäßiger, nicht wahr? Wilder!

Peter und Paul. Zu Befehl.

von Marschall. So, meine Herren, das wär wohl alles. Was die Damen im schönen Kranz betrifft, die jetzt noch fehlen so werden dieselben heute abend jedenfalls durch Toiletten und stummes Spiel leisten, was zu leisten ist. Ich glaube, wir dürfen uns auf sie verlassen.

Peter. Da geht schon wieder eine Lampe aus. Beleuchtung wird hoffentlich heute abend glänzender sein.

von Marschall. Ja, ich konnte die Ordonnanzen für diesen »Nachtdienst« nicht mobilisieren. Und nun, meine Herren, wolln wir zu Bette gehen, was? (Allgemeines Gelächter.) Hohngelächter der Hölle... ( Er sieht nach der Uhr:) Allerdings schon gleich halb Sechs. Na, immer noch 'ne halbe Stunde. Gute Nacht, meine Herren. 297

Alle (mit Ausnahme Bennos, der weiterschläft.) Guten Morgen... Morgen...

von Marschall (rechts ab.)

 

Zweite Szene

Moritz. Zum Umziehen ist immer noch Zeit trinken wir in Ruhe unsere Reste aus... (Man setzt sich zusammen.) Ach ja! Benno hat das bessere Teil erwählt.

Paul. Moritz, brülle mal!

Moritz. Werde mich hüten! Damit ich heute Abend heiser bin.

Glahn (nach den Fenstern blickend:) Es macht mir, bei Gott, den Eindruck, als ob der Rosenmontag, der Schwerenöter, bereits zu dämmern begönne, he?

Fritz von der Leyen (kommt von rechts herein. Er ist auf dem Ball gewesen und man merkt ihm seine animierte Stimmung deutlich an. Er trägt Zivil, Domino und alle möglichen Abzeichen. Unmotiviert lachend, bleibt er in der Tür stramm stehn:) Morjen! (Er lacht.) Komm ich hier recht in die Instruktionsstunde?

Peter (freundschaftlich grob:) Junge, was willst du denn hier noch? Du tätst auch besser, im Bettchen zu liegen, so'n junger Dachs wie du sollte überhaupt noch nichts vom Karneval wissen.

Fritz. Ho, ho! Grade! Pardon! (Er lacht.)

Paul. Wo kommst du denn her?

Fritz (grinsend:) Wo ich herkomme? Ha! Aus dem Römischen Kaiser komm ich her! Jawohl. Es war sehr feudal im Römischen Kaiser, sehr feudal. Die beste Gesellschaft. Habe euch auch was Feines zu erzählen. Habt ihr noch was zu trinken? Pardon!

Peter. Ne. Du hast auch genug, mein Sohn . . .

Paul. Gieß dir 'n Eimer Wasser übern Kopf.

Fritz. Hihi! Ratet mal, wen ich gesehen habe im Römischen Kaiser? Könnt ihr doch nie raten! 298 Rudorff hab ich gesehen! Jawohl! Euren lieben Vetter Hans! Na, du kennst ja meine Auffassung. Er tanzte wie ein Amalekiter!

Moritz. Erlauben Sie mal, Verehrtester, Benno und ich waren auch im Römischen Kaiser, haben aber Rudorff nicht gesehen.

Fritz. Ist er wohl später gekommen er war verdammt fidel! Ich meinerseits fand das höchst... ä...

Peter (ärgerlich:) So. Mein Lieber, hältst du es für nötig oder geboten, uns das zu erzählen? Es ist freilich wenig taktvoll von Hans, wo heute seine Braut kommt, die Nacht so durchzutoben, aber schließlich, es ist Karneval... Maskenfreiheit...

Fritz. Nix Maske, lieber Ramberg . . . garnix Maske. Weder er noch sie. Denn er hat immer nur mit der einen getanzt, der einen... ihr wißt doch... der von früher...

Paul. Was?! Mit . . . Wie sah sie aus?

Fritz (grinsend:) Sehr gut! Alles was recht ist! Feudal! Zum Anbeißen, wie man so sagt.

Peter. Fritz! Mensch! Doch nicht die . . .

Fritz. Ja, ja, natürlich. Ach, ihr wißt ja ganz genau! Ich habe bloß den Namen vergessen.

Paul. Die Traute?

Fritz (lächelnd:) Die Traute, nu ja, natürlich. Ihr kennt ja meine Anschauung, wie gesagt...

Peter und Paul (sehen sich entsetzt an. Pause.)

Moritz (unterdrückt:) Donnerwetter!

Peter und Paul (wenden sich angstvoll, wie hilfesuchend an von Grobitzsch, der dem Vorigen aufmerksam, scharf beobachtend gefolgt ist:) Grobitzsch!

Peter. Um Gottes willen, lieber Grobitzsch . . .

Paul. Was ist da zu machen?

von Grobitzsch (richtet sich zu seiner vollen Größe auf und mustert die Beiden verächtlich von oben bis unten:) Wie? Was? Was beliebt den Herren? 299

Peter. Aber, lieber Grobitzsch, ich . . .

von Grobitzsch. Herr von Ramberg, ich ersuche Sie, sich mir gegenüber eines möglichst kühlen Tones zu befleißigen. Ich werde desgleichen tun. (Die Rambergs sehen ihn erstaunt und erschrocken an.) Ja, ja, meine Herren! Einmal und nicht wieder. Einmal hab ich allerdings die... Ehre gehabt, mit den Herren unversehens in eine Art... in eine Art Bündnis geraten zu sein. Es wird mir Zeit meines Lebens eine peinliche, eine sehr peinliche Erinnerung bleiben. Denn: um Ihnen das denn doch einmal zu sagen auch hier vor den andern Herrn Sie waren es, Sie ganz allein, die damals die famose Geschichte eingefädelt haben, und ich ich war dabei ebenso der Eingefädelte wie der gute arme Hans. Jawohl! Ich, Ferdinand Grobitzsch, habe mich von diesen Herren düpieren, benutzen lassen: das werde ich mir nie verzeihen. Und das ist mir Ochsen erst klar geworden, als das betreffende Schätzchen am frühen Morgen mein Zimmer verließ und mich dabei anguckte. Wie ich lebe und wie ich es mit den Weibern halte, geht keinen was an, ist meine Sache. Ich fasse das Leben, so wie ich bin ohne viel Skrupel, mit gutem Appetit und gesunden Kinnladen und mich haben Sie dazu ausersehen, Ihnen dienlich zu sein bei einem raffinierten Streich zur höheren Ehre der Moral und der guten Familie! Pfui Deuwel! Nein, meine Herren: es trennt uns doch wohl eine ganz gefährliche Kluft.

Und wenn Ihr Herr Vetter jetzt ein toter Mann ist, und das wußte ich bereits – bevor dieser . . . Jüngling uns seine wichtige Meldung machte. Ich selber hatte die unangenehme Pflicht, dem Herrn Oberst davon Meldung zu machen, daß er sein Ehrenwort gebrochen und seine intimen Beziehungen zu jenem Mädchen wieder aufgenommen hatte – – Wenn Ihr Herr Vetter jetzt als Offizier ein toter Mann ist, so hat er das Ihnen zu verdanken und nicht mir!

300 So! Das wollt ich konstatiert haben. Im übrigen seh ich keine Ursache, den Fall gar so tragisch zu nehmen mein Gott, es brauchen doch nicht alle Menschen Offiziere zu sein es muß auch Versicherungsagenten geben.

Guten Morgen, meine Herrn!

(Er geht rechts ab.)

Peter und Paul (haben sich, niedergeschmettert, einer nach dem andern gesetzt.)

Benno (ist während der Rede von Grobitzsch aufgewacht. Schlaftrunken:) Kolossal!

Moritz (ingrimmig zu Fritz, der mit einem blöden Lächeln dasteht:) Na, Sie... »Jüngling«... adieu!

(Die Rambergs und Glahn werfen ihm verächtliche Blicke zu.)

Fritz (geht sehr betreten ab. Sein Gruß wird nicht erwidert.)

 

Dritte Szene

Moritz (sein Glas leerend:) Hm . . . scheußlich...

Benno. Hm . . . ja . . . sehr bedauerlich . . . Deuwel auch! Was wird nun wohl aus dem Gräflich Baudenschen Grundstück werden?

Moritz. Käthe Schmitz armes Mädchen . . .

Glahn. Besonders hart find ich es für den Schwiegervater. Ein Mann, der so 'ranging...

Peter (steht nach einem tiefen Seufzer auf:) Komm Paul wir wollen gehn.

Paul (sich ebenfalls erhebend:) Ja.

 

Vierte Szene

Hans (von rechts, wie Fritz von der Leyen vom Ball kommend. Er tritt hastig ein, bleibt aber in der Tür stehen. Er ist im offenstehenden Domino, mit allerlei karnevalistischen Abzeichen behängt. Höhnisch und ausgelassen:) Hurra! Da hätt ich euch ja endlich endlich! Ihr habt's mir, weiß Gott, nicht leicht gemacht, die ganze Nacht such ich euch schon. (Zu Moritz und Benno:) Na und ihr beiden munteren Seifensieder? Alleweil fidel was? Aber nein! Ihr 301 schneidet ja ganz possierliche Gesichter: das soll wohl Ernst sein? Und der Herr Glahn?

Glahn (formell zu den andern Herren:) Also, adieu auf Wiedersehn.

(Er vermeidet es, Hans anzusehen, und geht ab.)

Hans (sieht ihm nach. Leise:) Aha . . . also soweit sind wir schon... (Zu den Rambergs. Laut:) So! Und nun zu euch! Endlich bin ich so weit, mit euch noch ein letztes Wort im Vertrauen zu wechseln. Wißt ihr, was ihr seid? Ihr

Peter (mit ernster Haltung:) Hans! Halt! Nicht so. Bedenke, was du tun willst. Bedenke. Du trittst jetzt aus unseren Kreisen heraus. Du hast es nicht anders gewollt. Damit aber bist du für uns nicht mehr... nicht mehr...

Hans (starr:) Satisfaktionsfähig . . . ich verstehe.

Peter. Hans laß lieber mich noch ein Wort sagen ohne Haß. Du siehst in uns beiden jetzt Feinde Leute, die dich um dein Glück, um deine Existenz gebracht haben... und wir, wir haben uns seit unserer gemeinsamen Kindheit immer bemüht, deine besten Freunde zu sein. So gut wie wir's eben verstanden haben...

Hans (höhnisch:) Wie ihr's verstanden habt?

Ja! Und wie auch ich's verstanden habe, solang ich dumpf und blind in eurer Luft dahingelebt habe. Irgend etwas in mir wollte ja immer heraus aus eurer Welt . . . heimlich hab ich ja immer gelitten, gelitten unter all dem kleinen Zwang und dem dummen Drangsalieren, doch – ich fand mich ab, recht und schlecht fand ich mich ab. Aber dann kam ein Tag und eine Stunde . . . ja, da . . . das . . . (Verächtlich:) ...verstandet ihr dann nicht mehr.

Peter. Wir haben's vielleicht schlecht verstanden. Und dennoch tust du unrecht, wenn du die Schuld an deinem Schicksal auf uns abwälzen willst...

Hans. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, mein Junge... 302

Peter. Du hast dich von deiner Leidenschaft beherrschen lassen...

Hans. Und ihr habt gelogen. Gelogen, und daraus ist alles entstanden und geworden... Aber ihr habt recht ihr mit eurem armseligen guten Willen... Ihr habt es ja mit mir nur gut gemeint. Wie sollt ich euch da zum Dank in dieser letzten Stunde eure Vorderzähne... Nein, nein! Ihr habt recht. Telegraphiert eurer Großmutter, daß ihr recht habt! Ihr habt mich entwaffnet. Ich kann euch nicht mehr beleidigen. Und ihr mich auch nicht. (Er sieht sie kalt und fremd an.) Ja. So wollen wir scheiden.

Paul (verlegen:) Ja, wir . . . wollten ja sowieso schon...

Peter und Paul (wechseln noch einen Blick mit Hans und gehen ohne Gruß ab.)

Hans (erwidert ihre Blicke und verfolgt sie mit den Augen, bitter lächelnd.)

Moritz und Benno (sind beide bewegt und drücken ihm jeder noch einmal stumm die Hand. Dann gehen auch sie und Hans bleibt allein zurück.)

 

Fünfte Szene

Hans (sieht sich plötzlich im Raum um, als müsse er sich besinnen, wo er eigentlich sei. – Sein Blick bleibt an dem Bilde seines Großvaters zwischen den Fenstern hängen. Er tritt dem Bilde näher. Er nimmt eine Lampe vom Tisch und beleuchtet das Bild des Obersten. – So steht er eine Weile.) Nein, nein... du: habe keine Angst. Was getan werden kann das das werde ich tun.

Traute (aufgelöst, fast atemlos, tritt ein.)

Hans (hört sie und wendet sich um:) Also doch du (Er fährt sie hart an:) Was willst du? Was willst du hier? Wie kommst du hierher?

Traute. Ich suchte dich! Ich fand dich! Ich sah dich da mit der Lampe in der Hand...

Hans (ohne Mäßigung:) Hab ich dir nicht gesagt Weshalb folgst du mir? Wie? Weshalb läufst du mir nach? 303

Traute (mit aufgehobenen Händen bittend:) Hans!

Hans (aufgeregt:) Ja, ja! . . . Du verfolgst mich! Was hab ich dir gesagt? Immer wieder gesagt? Du sollst gehn... gehn sollst du, gehn!

Traute (verletzt, hart:) Vergiß nicht, mit wem du sprichst!

Hans. Mit dir! Jawohl, mit dir! Ich weiß, wer du bist. Ich habe dir das Leben zerstört, ich habe dich zur Dirne gemacht und jetzt jetzt stoß ich dich von mir jawohl! Wundert dich das? Was willst du? Wird's denn nicht so gemacht? Ich handle nur konsequent. Also geh! Lauf! Und hasse mich ja: hasse mich: du hast das vollste Recht dazu!

(Pause.)

Traute, (nachdem sie den Zorn in sich niedergekämpft hat:) Du kannst mich nicht irre machen, Hans

Hans. Irre machen? Was heißt das? War es nicht unsre feste, heilige Abrede, daß wir stillschweigend ohne Abschied auseinandergehn wollten in dieser Nacht du dorthin und ich hierher? War das nicht dein eigener tapferer Entschluß? Und nun brichst du dein Wort und heftest dich an mich, verfolgst mich wider meinen Willen, trotz meiner Bitten, trotz meines Befehls?! Was soll das? Was heißt das? Schämst du dich nicht?

Traute. Nein, Hans. Ich

Hans. Heute ist Rosenmontag! Heut Abend ist der langersehnte Kasinoball! Willst du mir vielleicht auch dahin nachlaufen? Willst du es darauf ankommen lassen, daß dich die Ordonnanzen schließlich mit Gewalt vor die Tür setzen?

Traute. Rufe nur gleich deine Ordonnanzen und laß mich auf die Straße stoßen denn heute Abend, Hans auf den Ball heut Abend wirst du nicht mehr gehn.

Hans (sehr betroffen:) Wie? Was . . . heißt das? Du weißt doch, um was es sich handelt, was los ist daß meine Braut kommt, mein Schwiegervater... 304

Traute. Deine Braut und dein Schwiegervater werden kommen vielleicht. Aber du wirst nicht kommen.

Hans (schweigt und starrt sie an.)

Traute (hält seinen Blick aus.) Hans. Ich weiß, was du vorhast...

Hans. Was ich . . . vorhabe . . .

Traute. Ja. Was du tun willst, jetzt, in dieser Stunde. Und deshalb verlaß ich dich nicht. Du willst eine große Sünde tun.

Hans. Sünde. Was ist Sünde? Ich weiß von keiner Sünde. Ich tue, was ich tun muß.

Traute (innig, flehend:) Tu's nicht, Hans... tu's nicht!

Hans. Ich weiß nicht, wovon du sprichst.

Traute (zitternd:) Und wenn du's dennoch... tun mußt (Leise:) So nimm mich mit.

Hans, (verwirrt, macht eine abwehrende Bewegung.)

Traute. Nein? Ohne mich? (In sich gekehrt:) Ob es mit mir... auch Sünde wäre? Gott ist so groß!... Aber ohne mich ja: da ist es eine Todsünde! (Wild ausbrechend:) Da ist es gemeiner Verrat! Was hab ich dir getan, du! Ich habe dir mein Leben: meinen Leib und meine Seele hingegeben, hingeworfen, damit du sie nimmst zu dir für dich sie zerstörst, wenn du mußt aber nicht, daß du sie von dir schiebst, kalt und mitleidig du bist feig, Hans, feig bist du!

Hans (richtet sich auf und sieht sie groß an.)

Traute. Ja, Hans! Es ist Feigheit, daß du dich vor mir versteckst, daß du dich wegstehlen möchtest von mir. Nimm mich, nimm mich was starrst du mich so an? Ich gehöre dir willst du es leugnen willst du es noch leugnen vor mir, daß du dich töten willst heute noch in dieser Stunde?

(Pause.)

Hans (ruhiger, tiefernst.) Traute höre mich an! Ich habe schwere unsühnbare Schuld auf mich geladen. Ich habe meine Braut ich habe ihren Vater, 305 eine ehrenwerte Familie betrogen ich habe meinem Oberst das Wort gebrochen. Doch auch ohne das es ist nicht mehr das ein oder andere es ist nicht mehr dies und jenes es ist alles ich kann nicht mehr leben in dieser Welt und eine andre hab ich nicht. Da soll denn wenigstens der Name Rudorff (Nach einem flüchtigen Blick zu dem Bilde seines Großvaters, schwer:) Glaube mir, du Liebe! Ich weiß schon, warum nun ja: warum ich in den Tod gehe. Aber du du

Traute (leidenschaftlich:) Aber ich bin zehnmal schuldiger als du! Ich habe dich, den besten Menschen, von seinen Wegen abgebracht. Ich habe in meiner sündhaften Liebe alles, alles vergessen und nur an das eine gedacht, wie ich dein sein könnte, wie du mir gehören könntest. Was bin ich noch wert? (Sie wirft sich vor ihm in die Knie.) Laß mich nicht allein, Hans! Laß mich nicht allein! Mein Leben hat keinen Sinn mehr ohne dich!

(Sie klammert sich an ihn.)

Hans (hebt sie mit Gewalt auf und sucht die Widerstrebende von sich zu drängen. In heftigem, innerem Kampfe:) Traute... Traute...

Traute. Ich lasse dich nicht . . . (Sie ringt mit ihm.) Ich lasse dich nicht...

Hans. Traute! So höre doch!

Traute. Nichts mehr, nichts mehr! Du selbst hast es ja vorausgefühlt, hast es ja voraus gewußt. Gestern Abend: die Verse, die ich auf deinem Schreibtisch fand: »Am Rosenmontag liegen zwei...«

Hans. Nur gespielt, nur gespielt hab ich mit dem Gedanken.

Traute. Versündige dich nicht nicht gespielt dein Innerstes, dein tiefstes Gewissen hat dir gesagt, daß es so recht sei daß du mich nicht verlassen dürftest. (Zitternd:) Sage mir: was soll aus mir werden, wenn du mich zurücklässest und ich den Mut nicht mehr finde, dir zu folgen? 306

Hans (hält sie mit beiden Händen, schwer atmend:) Du willst mir folgen?

Traute (seinen Blick voll erwidernd:) Ja. Ich muß. Ich will. Gott wird uns verzeihen Gott ist ja so groß. Wie sollte er das nicht verstehn!

Hans (küßt sie auf die Stirn. Pause.)

Traute. Sage mir, Hans, wie hieß das Gedicht weiter, das du gemacht hast? Es waren nur noch ein paar Zeilen, ich hab es gesehen. »Am Rosenmontag liegen zwei die kalten Hände noch verschlungen« wie hieß es weiter? Bitte, sag es mir!

Hans (mit seinen Augen in ihren Augen, mechanisch, zögernd.) »Das Leben... strömte rauh vorbei die beiden... haben's nicht bezwungen.«

Traute (an seinen Lippen hängend:) Weiter! Weiter!

Hans. »Als überwunden . . . grüßen sie den Sieger, dem das Glück begegnet im Tod verbunden, segnen sie all jene, die das Leben segnet.«

Traute. Ja . . . so. Selig, selig . . . Mein Hans.

(Sie schmiegt sich leise weinend in seine Arme.)

(Während die Beiden in schweigender Umarmung dastehen, ertönt draußen das aus dem vierten Akt bekannte Wecksignal. Das erstemal leise, das zweitemal stärker, das drittemal fortissimo.)

Hans (bei den ersten Tönen des Signals zusammenfahrend:) Horch! Hörst du? Das ist es! Das Leben. Das Leben. Komm!

(Er preßt sie an sich und eilt mit ihr links ab.)

 

Sechste Szene

Gleichzeitig mit dem Signal erwacht das Leben in der ganzen Kaserne. Man hört in den ziemlich langen Pausen zwischen den Wiederholungen, wie es überall lebendig wird. Nach der dritten Wiederholung des Signals kommt Heinrich mit einer kleinen Laterne vorn rechts.

Heinrich (suchend, in jammerndem Ton:) Ach Gott, ach Gott... hier waren doch noch...

Joseph, (der ihm gefolgt ist, in der Tür:) Da brennt ja noch 'ne Lampe. Mir haben sie gesagt: hier muß er sein. 307

Heinrich. Aber wo denn? (Er geht zu der einen Tür links und öffnet sie. Hineinleuchtend:) Herr Leutnant?

Joseph. Nichts?

Heinrich. Kein Mensch.

Joseph. Vielleicht da?

Heinrich (will die andere Tür öffnen und findet sie verschlossen. Er klopft:) Herr Leutnant!

(Er horcht. Es bleibt alles still und er klopft noch einmal.)

Joseph. Weshalb soll er sich denn einschließen? Unsinn!

Heinrich. Herr Leutnant! Herr Leutnant, es ist Zeit! Was soll ich machen! Es ist ja die höchste Zeit! (Er rattert an der Tür.) Herr Leutnant, es ist die allerhöchste Zeit...

Harold (kommt eilends herein und bemerkt Heinrich an der Tür.) Was ist? Zu? (Zu Joseph:) Drück dich ( Joseph eilends rechts ab. Zu Heinrich:) Vorwärts, Kerl! Anfassen! (Er stemmt sich mit Heinrich gegen die Tür.) Eins, zwei...

(Die Tür fliegt auf, beide geben hinein.
Die Bühne bleibt einen Moment leer.)

Heinrich (mit den Zeichen des furchtbarsten Entsetzens, kommt wieder heraus und eilt stolpernd ans Fenster, das er aufreißt.) Hilf

(Das Wort bleibt ihm in der Kehle stecken. Er gestikuliert heftig zum Fenster hinaus.
Draußen setzt jetzt die volle Militärmusik mit einem flotten Marsch ein.)

 

(Ende)

 

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