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Otto Erich Hartleben: Rosenmontag - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleAusgewählte Werke Band 3
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRosenmontag
pages103
created20120212
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Akt

Die Szene ist dieselbe wie in den vorigen Akten. Es ist einige Tage später, am Karnevalsonntagnachmittag. Die Abendsonne fällt durch das Fenster links und beleuchtet die gegenüberliegende Wand. Über die Staffelei sind zwei dunkelrotseidene Dominos gehängt.

Erste Szene

Hans, (in Zivil, sitzt hinten links am offenen Klavier. Er hat gespielt, beim Aufgehen des Vorhangs hört man noch ein paar verklingende Akkorde. Er legt die linke Hand oben aufs Klavier und stützt den Kopf abgewandt gegen den Arm.)

Harold (tritt rasch ein und sieht sich erstaunt um. Er bemerkt den im Halbdunkel sitzenden Hans und geht auf ihn zu. Lebhaft, aufmunternd:) Hans! Kerl! Du verkriechst dich ja im eigenen Gehäuse. Ich habe dich bei Gott im ersten Augenblick gar nicht bemerkt. (Er klopft ihm auf die Schulter:) Na, was machst du denn? Sag mir mal wenigstens guten Tag!

Hans (dreht sich um, sieht ihn an und reicht ihm, ohne aufzustehen, die Hand.) Guten Tag, Harold.

Harold. Klapp dein Klavier zu und komm an die Sonne! Was ist denn das! An einem solchen Tage! Ich bitte dich! Karnevalsonntag und noch dazu ein so herrlicher Tag. Vorwärts! Komm ans Licht! (Er nötigt ihn ans Fenster.) Schau mal her! Sollte man das für möglich halten? Fenster auf! (Er öffnet das Fenster.) Eine Luft der reine Frühling Ende Februar unerhört!

Hans. Ja . . . schön . . . sehr schön. Der Exerzierplatz.

Harold. Ach was, Exerzierplatz! Alter Kommißhengst! Sieh mal da hinten... über der Mauer... die drei Linden... wie fein und scharf jeder kleinste Zweig auf dem klaren Himmel... famos! Bei Gott: wie das schönste Filigran. (Nach einem forschenden Blick auf Hans:) Na? Du gefällst mir nicht, Hans. Was hast du denn? (Er führt ihn zum Sofatisch.) Dich quält 273 natürlich immer noch die alte Geschichte? Kannst noch nicht drüber wegkommen, was? Na sprich dich lieber aus... es ist besser, als so... Seit drei, vier Tagen bist du nicht mehr ins Kasino gekommen... meinst du, das fällt nicht auf? Sobald du hier bist, hört man dich spielen

Hans (apathisch:) Können sie mir das auch verbieten?

Harold. Wer denkt denn daran. Aber du mußt doch vernünftig sein und dich deinen Stimmungen nicht so hingeben. Reiß dich doch mal zusammen! Ich will dir mal was sagen, lieber Freund irgend so was macht schließlich jeder von uns mal durch irgendein Opfer, das recht schmerzlich sein kann, muß schließlich jeder mal den Unerbittlichkeiten seines Standes bringen vorausgesetzt, daß er überhaupt was zum opfern in sich hatte. Glaubst du, mir wäre das erspart geblieben?

Hans. Dir?

Harold. Jawohl, mir. Oder meinst du, ich wäre damals aus reiner Streberei nach Afrika gegangen?

Hans (erstaunt:) Hm?

Harold. Das sind alte Geschichten, die schon bald nicht mehr wahr sind. Ich erzähl sie dir ein andermal.

Hans. Weshalb ein andermal? Wer weiß, ob wir... so bald wieder daraufkommen.

Harold. Ach, es ist im Grunde nicht der Rede wert. Eine ganz gewöhnliche Geldgeschichte. Solange du mich kennst, hab ich Geld, wie du weißt.

Hans (mit einem Seufzer.) Ja leider ich bin ja...

Harold. Pardon! Nichts hat mir ferner gelegen, als dich zu erinnern... Unsinn! Ich mußte das nur erwähnen, weil es weil es nicht immer so war. Vor zehn Jahren hatt ich nichts außer einer lebenden Tante, der Witwe eines Essigfabrikanten. Und als ich mich mit meiner Jugendliebe verloben wollte, da sagte diese Tante: »Nein, eine arme Professorentochter 274 heiratest du nicht.« Das hätte mir in tausend andern Fällen gleichgültig sein können, aber ich war Offizier, und zwar mit Leib und Seele, wie du und man verlangte von mir den Nachweis des bewußten Kommißvermögens zum Heiraten.

Hans. Ach, und so . . . bist du damals zur Schutztruppe...?

Harold. Ja. Als ich aber zwei Jahre in Afrika gewesen war, starb meine liebe Tante und ich kam in die Heimat zurück. Da erfuhr ich denn, daß sich meine gute Elisabeth inzwischen mit einem Tierarzt verheiratet hatte. Sehr banal, nicht wahr? Na und das ist alles. Aber mir schien's damals grade genug. Siehst du: da heißt es denn bißchen die Zähne zusammenbeißen bis man's verwunden hat. Aber verwunden wird's! Verlaß dich drauf! Hol die Pest alle feigen Memmen!

Hans (sieht ihn nachdenklich an und lacht dann auf.)

Harold (verblüfft:) Was lachst du denn? Das ist doch schließlich zum Donnerwetter nichts zum Lachen.

Hans (stärker lachend:) Doch! Verzeih, lieber Harold aber das ist doch was zum Lachen! Sei doch froh, Mensch! Freuen solltest du dich und deinem Gott danken, daß du auf die Art um deine gute Elisabeth rumgekommen bist. Der Himmel hat es gut mit dir gemeint.

Harold (ärgerlich:) Na, hör mal! Das könnt ich dir denn doch wohl mit größerem Rechte zurufen!

Hans. Wieso? (Wieder apathisch:) Ja, so... du weißt ja nicht... du weißt ja nicht...

Harold (scharf:) Was denn? Aha! Sie ist wohl unschuldig ganz unschuldig? Wie der frischgefallene Schnee? Hm? Sie hat es dir wohl selber gesagt?

Hans (ganz ruhig:) Ja. Sie hat es gesagt. Und es ist so. Aber lassen wir das doch... laß das doch... das ist ja so gleichgültig.

Sage mir, Harold: was machst du mit einem Menschen, mit einem Kameraden, der dich bis ins Innerste, 275 bis ins Mark der Knochen verletzt und beleidigt hat?

Harold. Ich schieße mich mit ihm.

Hans (ironisch:) Nicht wahr! Das dacht ich doch! Es liegt ja nah genug. Nu, also bitte, du bist ja mein Freund... nimm dir noch einen, meinetwegen... Moritz oder Benno, wen du willst... und geh zu meinen Vettern, zu Grobitzsch und...

Harold. Ach Hans du weißt ja, daß das nicht geht.

Hans (losbrechend:) Ha, ha, ha, ha!! Jawohl! Ich weiß es! Das geht nicht. Das geht nicht. Was hat mir der Hauptmann Melchior gesagt? Was würde mir der Ehrenrat sagen? »Wegen so 'n Mädel schießt man sich nicht!« »Wegen so 'n Mädel schießt man sich nicht.« Oh! Wenn das Töchterchen eines Stabsoffiziers nur mal schief angesehen wird es kann die blechernste Gans oder die raffinierteste Canaille sein da schießen sie sich wie die Wilden. Aber so 'n Mädel, so'n Mädel ein Menschenkind wie meine Traute, das so hoch steht über all dem Weiberplunder das darf ich nicht verteidigen das ist wehrlos gegen diese Buben wegen so 'n Mädel schießt man sich nicht. Odiese Jammerseelen! Diese Jammerseelen!

Harold. Hans! Hans! Besinn dich doch! Was ist denn in dich gefahren?

Hans (am Fenster. Leise.) »Das ist deine Welt. Das heißt eine Welt.«

Harold. Was sagst du?

Hans. Nichts. (Er wendet sich zu ihm um. In verändertem Ton:) Nichts, Harold! Reden wir von was anderm! Trinkst du ein Glas Sekt mit mir?

Harold. Wenn es dazu dient, deine Laune zu bessern meinetwegen.

Hans (geht zur Tür:) Heinrich! Heinrich!

Heinrich (in der Tür:) Herr Leutnant befehlen?

Hans. Geh ins Kasino und laß dir 'ne Flasche Pommery geben! Vorwärts! Halt! Was hab ich gesagt? 276

Heinrich. 'ne Flasche Pommery . . .

Hans. Zwei Flaschen! Und Gläser. Drei Gläser! Marsch!

Heinrich (verschwindet.)

Harold. Drei?

Hans (ohne darauf zu hören, munter werdend:) »Meine Laune zu bessern?« Gott, weißt du: im Grunde ist sie gar nicht so schlecht heute, meine Laune... Nur höllisch wankelmütig, noch nicht so recht sicher wir wollen sie mal ein bißchen befestigen. Also, mein lieber Harold: du hast dich wirklich gewundert, daß ich nicht ins Kasino gekommen bin? Du hast wirklich erwartet, daß ich mich meinen lieben Vettern gegenübersetzen würde, daß ich mit ihnen auf das Wohl unserer lieben Großmama trinken würde ja? Wirklich?

Harold. Mein Gott, du kannst sie ja schneiden bis auf weiteres. Aber so geht das doch nicht weiter das mußt du doch einsehn.

Hans. Nein: so geht es nicht weiter da hast du recht.

Harold. Bedenke doch! Morgen ist Rosenmontag! Unser Fest! Deine Leute kommen aus Köln... das ist doch eine verdammte Situation.

Hans (lacht höhnisch auf:) Allerdings. Etwas peinlich.

Harold. Nun ja! Sei ein Mann und sieh den Dingen ins Gesicht!

Hans (nachdrücklich:) Das tu ich, Harold.

Harold. Nein, das tust du nicht, Hans. Du hängst deiner dumpfen Leidenschaft nach, du wühlst dich in deine Wut ein, statt kalt und klar zu überlegen, was der nächste Morgen von dir verlangt.

Hans (lächelnd:) Meinst du? Nun, in einem Sinne hast du wohl recht. Manchmal nämlich, zuzeiten wenn ich allein bin und am Klavier sitze kommt ein merkwürdiger Friede, eine wundervolle, ganz grundlose Versunkenheit über mich so etwas wie gesund und leicht werden als Rekonvaleszent hab 277 ich es auch ein paarmal gefühlt. Wenn du musikalisch wärst, könnt ich es dir vielleicht klarer machen... Das ist dann aber weder Wut noch Leidenschaft, sondern etwas Großes, Schönes, was alles versöhnt...

Heinrich (kommt mit den Flaschen und Gläsern.)

Hans. Na, Kerl? Was bringst du denn? (Er nimmt ihm die Flaschen ab.) Stimmt. Bravo, mein Sohn. Hier hast du einen Daler. Da! Du darfst dich heute Abend besaufen.

Heinrich (grinst.) Danke schön, Herr Leutnant.

(Er geht ab.)

Hans. Da. Siehst du: wieder ein glücklicher Mensch mehr.

(Er macht sich an das Öffnen der Flasche.)

Harold (ist aufgestanden und geht im Zimmer auf und ab. Er kommt vor die Staffelei, über die die Dominos gehängt sind.) Was ist denn das? (Er will die Dominos abnehmen und wirft dabei das Bild herunter.) OPardon! Entschuldige vielmals...

(Er hebt das Bild wieder auf.)

Hans (mit Einschenken beschäftigt:) Laß liegen! Komm!

Harold. Das sind ja zwei Dominos.

Hans. Ist das so was Wunderbares am Karnevalsonntag?

Harold. Ja, du willst doch nicht . . . ?

Hans. Nanu? Das werd ich doch wohl noch können? Natürlich! Ich gehe heut Abend auf den Funkenball im Römischen Kaiser. Da ist ja alle Welt. »Und in dem Strudel will auch ich genesen!« Meine lieben Vettern sind doch sicher auch da... ich hoffe auf eine zwanglose... ä... Aussprache mit ihnen.

Harold. Hm. Und dazu brauchst du zwei Dominos?

Hans (lachend:) Ei freilich: So allein macht es doch keinen Spaß. Aber nu komm mal her! Du bist hier nicht als Untersuchungsrichter, die Rolle liegt dir nicht! Erhebe dein Glas und stoß mit mir an! 278 Worauf wollen wir trinken? Halt! Ich hab es. Auf unserer Herzen Ehre!

Harold. Was ist das?

Hans. Das weißt du nicht? Wirklich? Weißt du das nicht?... Fühlst du denn gar nicht, daß ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann, zu lieben, wo es geliebt wird?... Siehst du: das ist des Herzens Ehre, und die wollen wir uns rein halten und unbefleckt bis in den Tod! Darauf trinke ich. Prost! (Er leert sein Glas.)

Harold (hat angestoßen und ausgetrunken.) Hans! (Er umarmt ihn. Pause.) Sieh mich an, Hans! Willst du auf mich hören?

Hans. Wenn ich kann . . .

Harold. Du mußt dich fassen! Du mußt dich halten! Dein Zustand ist ja furchtbar. Es ist ja ganz wie damals, eh du krank wurdest. Höre mich! Höre mich! In diesem Zustand kannst du morgen unmöglich deinen Leuten entgegentreten. Du mußt abschreiben, mußt dich krank melden. Meitzen muß kommen, muß dir ein Attest schreiben... Ruhe, Ruhe brauchst du... Hörst du mich, Hans?

Hans (wieder ganz apathisch:) Ja, ja . . .

Harold. Willst du das tun?

Hans. Ja, ja . . . meinetwegen . . . was liegt daran

Harold. Gut. Und nun hör weiter! Wenn der Karneval vorüber ist...

Hans (matt lächelnd:) »Wenn der Karneval vorüber ist...«

Harold. Dann gibt es nur eins, Hans. Dann gehst du zum Oberst erzählst ihm deine ganze Geschichte alles alles du weißt, wie er im Grunde ist: nobel durch und durch nobel und bittest ihn um deine Versetzung.

Hans. Versetzung?!

Harold. Jawohl: Versetzung. Das ist das Einzige, was dir noch helfen kann. Schwer genug wird es mir, dir das zu raten, das kannst du mir glauben. Aber du 279 mußt hier heraus es ist das Einzige. (Da Hans schweigt, freundlich:) Lieber Freund: es ist sogar das einzig Mögliche! Denke dir: dann wirst du die ganze Sache nach und nach mit der Zeit los. Du hast keine Rambergs mehr, du hast keinen Grobitzsch mehr und

(Er hält inne.)

Hans (sieht ihn fragend an.)

Harold. Und das Mädchen, die Traute . . .

Hans. Hm?

Harold. Ist auch nicht da. Verzeih aber besser ist besser. Man soll der Verführung, der Versuchung aus dem Wege gehn.

Hans (nach einer Pause, langsam und mit besonderem Nachdruck:) Ich werde nicht zum Oberst gehn. (Er zieht einen Brief aus der Tasche.) Hier, Herr von Grobitzsch teilt mir mit, daß er es unter obwaltenden Umständen zu seinem Bedauern für seine Pflicht gehalten habe, den Herrn Oberst von dem Besuche jenes Mädchens bei mir in Kenntnis zu setzen. Er hoffe indes... und so weiter. Hier. (Er gibt ihm den Brief.)

Harold. Donnerwetter! Seine Pflicht?

Hans. Pflicht. Ja. Ein ganz bekanntes Wort. Du siehst also...

Harold. Donnerwetter! Aber das ist ja ganz einerlei. Im Gegenteil! Jetzt mußt du erst recht gleich morgen mußt du zum Oberst gehen mit vollem Vertraun und ihm alles erklären.

Hans (schüttelt still den Kopf.)

Harold (eifrig:) Aber gewiß! Bei Gott! Da gibt's ja nichts andres mehr. Mensch Hans!

Hans. Es ist zu spät.

Harold. Was?! Nichts ist zu spät. Du sagst dem Oberst, wie du dazu gekommen, wie du dazu getrieben worden bist daß du endlich reinen Wein haben wolltest und daß du deshalb die Traute zu dir kommen ließest. Das kann dir kein Mensch verdenken, und er wird es, wenn er erst alles weiß, am wenigsten tun. Wie? Du hast dir doch nichts 280 vorzuwerfen! Oder – könntest du dem Oberst nicht mehr . . . ?

Hans (schweigt und sieht vor sich nieder.)

Harold. Weshalb schweigst du?

Hans. Es ist zu spät.

Harold (stutzt.) Wie? Hans!!

Hans (nickt. Leise:) Hm.

Harold (fällt ihm mit heftig abwehrender Bewegung ins Wort:) Um Gottes willen: ich habe nichts gehört... (Leise:) Weiß jemand was?

Hans (sieht ihn zunächst streng an:) Was? (Dann, den Kopf aufrichtend, ruhig, aber fest:) Ich heiße Hans Rudorff. Das Bild meines Großvaters hängt in Eurem Kasino. Was kümmert es mich, ob es jemand weiß oder nicht. (Stark:) Aber selbst wenn es keinen Oberst und keinen Ehrenrat und kein Wort mehr auf der Welt gäbe ich würde es dennoch niemals leugnen! Ja! Ich habe Tage hinter mir, Harold, voller Gewissensangst Kampf und Qualen aber auch ganz voll von tiefster, weltvergessener Wonne.

Harold (mit äußerster Härte, fast schreiend:) Teufel auch! So geh denn nach Amerika und werde Kellner!

Hans (ruhig, aber mit Nachdruck:) Nein, Harold das werde ich nicht tun. Schade, daß ich das nicht kann.

Harold. So tu, was du Lust hast – wir sind geschiedene Leute!

Hans (still:) Ich weiß es. Deshalb wollt ich vorher noch ein letztes Glas mit dir trinken und wollte dir noch einmal danken für deine Freundschaft bis zu dieser Stunde.

Ich wußte wohl, daß du mich jetzt fallen lassen mußt – so wie alle andern – wie alle Welt mich – fallen lassen muß.

Ich gehöre nun meinem Schicksal – und will auch kein Mitleid. – Aber es würde mir leichter geworden sein, dem Unvermeidlichen entgegenzugehen, wenn du, Harold – wenn du – nicht so – nicht so von 281 mir gingest. Denn alles, was ich verschuldet habe alles hab ich doch nur tun können, weil ich betrogen und in meinem Heiligsten verraten war. Und du, Harold von dir hatt ich gehofft, daß du das wenigstens mit mir fühlen würdest wenn auch nicht verzeihn.

Harold (hat ihm, halb abgewendet, in der Nähe der Tür stehend, mit mächtiger innerer Erregung zugehört. Er verharrt auch jetzt noch schweigend in dieser Stellung. Dann mühsam, leise:) Komm... komm mit mir! Zieh dich an!

Hans (überrascht, leise:) Mit dir? Was soll ich denn? Wohin denn?

Harold. In meine Wohnung. Ich will dir was geben. Du mußt fort. Je schneller, desto besser. Diese Nacht statt in den Trubel zu gehn und Unglück zu stiften, solltest du...

Hans (versteht.) Ach so . . .

Harold. Ja, und . . . also komm!

Hans (schüttelt den Kopf.) Du willst mir »was geben«?

Harold. Du weißt ja, wie ich lebe . . . ich brauche ja nichts. Früher mal... aber jetzt? Von mir kannst du's ruhig nehmen. Komm! Zieh dich an!

Hans (nach einer Pause:) Nein. Ich danke dir, Harold ich danke dir aus tiefstem Herzen, aber... es ist nicht mehr nötig.

Harold. Darüber reden wir noch . . . komm nur!

Hans (schüttelt den Kopf.)

Harold (eindringlich:) Ich bitte dich! Besinn dich nicht!

Hans. Ich kann auch sonst nicht. Ich muß hierbleiben.

Harold. Mußt! Du erwartest sie?

Hans. Ja.

Harold. Hier?

Hans. Ja.

Harold. Und willst dich mit ihr – zeigen diese Nacht?

Hans. Ja!

Harold (kurz.) Leb wohl.

(Er geht ab.) 282

 

Zweite Szene

Hans (bleibt in der Mitte der Bühne in tiefem Nachsinnen stehen. Er reißt sich los, geht zum Tisch, gießt sich ein Glas ein und leert es auf einen Zug.)

Moritz und Benno (werden draußen am offenen Fenster sichtbar. In Uniform. Sie legen die Arme auf die Fensterbank und blicken ins Zimmer. Beide sind etwas angeheitert. Plötzlich und schrill pfeifen sie die Melodie eines Gassenhauers.)

Hans (schrickt zusammen.)

Moritz und Benno (lachen laut auf.)

Moritz. Morgen!

Benno. Morgen!

Hans (auf ihren Ton eingehend:) Na, ihr... Morgen! Seid wohl grade aufgestanden?

Benno. Wer weise wählt Wolle.

Moritz. Wir haben natürlich 'n bißchen Vorrat geschlafen, denn dieser nächsten Nächte Qual wird groß. Heute abend Römischer Kaiser. Du kommst doch auch?

Hans. Natürlich.

Moritz. Und dann denk dir diesen Marschall an, der muß rein toll geworden sein! Setzt der Kerl auf morgen früh vier Uhr die Generalprobe zum Handschuh von Schiller an! So was ist noch nicht dagewesen! Die Herren bummeln ja doch die Nacht durch dann werden sie um vier Uhr in der richtigen Stimmung sein oder sie schlafen, dann können sie auch zwei Stunden früher aufstehn das ist seine Logik.

Benno. Alle Frösche hüpfen und die Erhabenen freuen sich.

Hans. Was ist das?

Moritz. Benno hat heute seinen Tiefsinnigen. Und denk dir noch Folgendes! Dieser unglaubliche Marschall! Läßt mir sagen, ich müßte eventuell den Leuen spielen. Ich den Leuen! Der Kerl ist verrückt! Von heute auf morgen auf morgen früh vier Uhr soll ich den Leuen lernen, diesen König der Tiere. Unglaubliche Sache! 283

Benno. Karnevale! Karnevale! Du Glückspilz! (Feierlich:) Gratuliere! Dem Gerechten schenkt's der Herr im Schlafe.

Hans. Benno, mein Sohn! Ich danke dir, aber... weswegen und wozu?

Moritz und Benno (pfeifen dieselbe Melodie wie vorhin.)

Hans. Sehr schön. Aber . . .

Benno. Die Baudensche Villa! He? Weißt wohl noch gar nicht? Oder tust nur so? Hm? Glückspilz! Unverschämter!

Moritz. Tatsache, Hans! Dein Schwiegervater hat heute früh telephonisch abgeschlossen. Benno sollte natürlich den Mund halten kann er aber nicht. Also! Gratuliere ebenfalls.

(Sie pfeifen wieder.)

Hans. Ach hört doch mit dem dummen Pfeifen auf! Woher wißt ihr denn das?

Moritz. Von den Rambergs, natürlich. Von wem wohl sonst?

Hans. So? Die meinen's doch herzlich gut mit mir.

Benno. Sie waren vergnügt wie die Nachtigallen.

Moritz. Ja, du: alles was recht ist! Die meinen es wirklich von Herzen gut mit dir. Ist denn euer... ä... kleines Zerwürfnis von neulich wieder beigelegt? Hoffentlich doch!

Hans. Nu selbstverständlich. Die Bagatelle!

Moritz. Ja? Aber weshalb kommst du denn da nicht ins Kasino?

Benno. Er hat sich dem heimlichen Suff ergeben.

Moritz. Ja, sag mal: was hast du denn da eigentlich für 'n Getränke? Vorhin gossest du dir doch grade ein Glas hinter die Binde.

Benno. Moritz, du wirst schwach. Det is doch Sekt.

Moritz. Ha! Siehe, der Sekt lacht in den Saal! Nun, wenn du gestattest, sind wir so freundlich und treten einen Augenblick näher?

Hans. Ne, ne, ne! Danke sehr, aber bemüht euch nicht. 284

Benno. Nanu?

Hans. Im Ernst. Ich habe noch ein paar Briefe zu schreiben. Diese Nacht werden wir des Guten noch genug tun im Römischen Kaiser. Der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich mich da lumpen lasse! Da stoßen wir dann auch auf die Graf Baudensche Villa an! Feines Grundstück, was?

Benno. Protz!

Hans. Also! Adieu! Auf Wiedersehen.

(Er reicht ihnen die Hände.)

Moritz. Na, wehe dir, wenn du dich die Nacht nicht nobler zeigst!

Benno. Wehe dir! Unsern Fluch!

(Beide bewerfen ihn a tempo mit Konfetti und verschwinden lachend und pfeifend.)

Hans. Deuwel auch. (Er lehnt sich zum Fenster hinaus und ruft ihnen nach:) Hört mal! Noch eins! Wißt ihr vielleicht, ob die Rambergs da sein werden diese Nacht?

Moritz (ruft, nicht mehr sichtbar:) Ich denke doch. Weshalb?

Hans. Und Grobitzsch?

Moritz. Weiß nicht.

Hans. Danke.

(Er geht vom Fenster weg.)

 

Dritte Szene

Traute (erscheint lautlos. Sie ist in einem grauen, fußfreien Armensünderkleide, mit kurzem, rundem Halsausschnitt und weiten offenen Ärmeln – ganz ohne Schmuck, vermummt, einen Strick um die Taille. – Beim Auftreten trägt sie einen Radmantel, den sie alsbald abwirft. – – Schweigende, innige Umarmung.)

Hans. Du bist ja wie ein Kätzchen eingeschlichen.

Traute. Ich zittre auf euren scheußlichen Gängen und bin froh, wenn ich hindurch bin. Dein Bursche war nicht da.

Hans. Dem hab ich heute Urlaub gegeben. Damit er auch was hat vom Karneval. Komm. (Er führt sie zum Tisch.) 285

Traute. Bist du zufrieden mit ihm? Ach du, aber so nett wie der Wilhelm ist er doch nicht! Unser Wilhelm... die gute Seele. Wo steckt der denn jetzt?

Hans. Wilhelm . . . ja. Also dessen erinnerst du dich noch?

Traute (lustig:) Aber wie . . . ich bitte dich. Wenn er mir immer deine Briefe brachte... mit so bitter-ernster Miene... das war so komisch. Und du er liebte mich.

Hans. Ach . . .

Traute. Ja, ja . . . unglücklich. Ich hab ja so gelacht es war eigentlich unrecht von mir. Weißt du, er hatte mir schon öfter von seinem väterlichen Gut erzählt, das er übernehmen würde, wenn er freikäme... ich wußte immer nicht, weshalb er soviel davon sprach schließlich, wie du weg warst, plumpste er damit heraus: ob ich nicht seine Frau werden wolle, ich sei doch zu schade, um... (Sie lacht.) Aber du, einen Augenblick hab ich mich vor ihm gefürchtet. Ganz blaurot war der Kopf und dabei die gelben struppigen Haare... Aber wie er dann so hinausging, ohne überhaupt noch was zu sagen da tat er mir wieder leid. Er hatte so gute Augen. Na, nun sitzt er wohl längst auf seinem Bauernhof oder ist er noch beim Regiment?

Hans. Nein.

Traute. Und hat ein liebes, braves Weib aus seinem Dorfe...

Hans. Er ist

(Er stockt.)

Traute (sieht ihn fragend an.)

Hans. Ich weiß nicht. Ich habe nichts mehr von ihm gehört.

Traute. Ha, ha! Mein Hans ist nachträglich eifersüchtig auf den guten Kerl.

Hans. Dummchen! Ich geb ihm ja nur recht. Du warst ja wirklich zu schade. 286

Traute (leidenschaftlich:) Für dich? Nie! Mein Hans!

(Sie küssen sich.)

Hans (streicht ihr übers Haar:) Mein liebes Weib. Schau, hier steht Sekt! Oho! Heut soll's noch mal hoch hergehen! Heut ist alles erlaubt. Komm! Was sagte der Benno vorhin? Alle Frösche hüpfen und die Erhabenen freuen sich. Komm! Lassen wir sie hüpfen! Und freuen wir uns!

(Er gießt ein und reicht ihr das Glas. Sie stoßen an und trinken. Man hört von fern, über den Exerzierplatz her, das Signal »Wecken«.)

(Er setzt das Glas ab und schrickt zusammen.)

Traute. Was hast du?

Hans (beherrscht sich und lächelt.) O nichts... nichts. . .

Traute. Doch. Du zucktest ja zusammen.

(Das Signal wird wiederholt.)

Hans. Hörst du?

Traute. Ja was ist das?

Hans. Kennst du das nicht? Das ist unser Wecksignal... morgens... damit fängt bei uns der Tag an... in der Kaserne. Ha, ha... (Das Signal wird wiederholt. Er singt mit:) »Ihr habt genug lang genug lang genug geschlafen!«

Traute (leise:) Weißt du, Hans : die Augen zumachen und nie... nie wieder erwachen...

Hans (sieht sie an, macht sich los und geht zum Fenster.) Das ist irgend so 'n dummer Kerl, der da am Sonntagnachmittag Signale übt... (Nervös:) Wirklich: ein dummer Kerl. ( Traute ist zu ihm getreten, er legt den linken Arm auf ihre Schulter. Sie sehen hinaus. Die Sonne ist im Untergehen.) Sei nicht bös, mein Liebling. Aber diese letzten Tage frühmorgens, das Signal... es traf mich jedesmal wie ein wie ein Dolchstoß. Weißt du? Es war 287 immer schon früh, wenn ich von dir kam, Süße... dann ein paar kurze Stunden schweren Schlaf und dann dies Signal wieder der Tag wieder dies Leben o... Verstehst du mich, meine Traute?

Traute (den Kopf an seiner Schulter, nickt. Pause.)

Hans (sanft:) Aber komm es wird dunkel und kalt draußen. Wir wollen das Fenster schließen. (Schaut sinnend hinaus:) Harold hat recht. Was war das für ein Tag. Was war das für ein wundervoller, närrisch verfrühter Tag im Jahr man ahnte ahnte schon alles und nun ist er aus. Hä...! Dummheit!

(Er blickt verwirrt um sich.)

Traute. Hans . . .

Hans (reißt sie heftig an sich:) Daß ich dich so festhalten könnte!

Traute. Das kannst du!

Hans. Komm nun wollen wir Licht machen.

Traute. Ja, Hans . . . und wieder tapfer sein und heiter. Was hast du mir versprochen, Hans? Dieser letzte Abend sollte noch mir gehören wir beide wollten noch einmal glücklich und selig beisammen sein und an keine Traurigkeiten denken nicht an das, was morgen sein wird.

Hans. Ja! Und so wollen wir es auch halten. Komm, hilf mir! Auch die Leuchter stecken wir an und dort die Lampe...

(Er weist auf die Lampe auf seinem Schreibtisch. Beide machen Licht. Hans schließt das Rouleau des Fensters.)

Traute (am Schreibtisch:) O, was ist das für ein großer Brief! Mit zwei Siegeln...

Hans. Laß ihn nur liegen . . .

Traute. »Frau Generalin« . . . Ah, an deine Großmutter? Was hast du denn an die so viel zu schreiben?

Hans. Ach es . . . ist eine Art Abrechnung Geschäfte. Leg ihn hin!

Traute. So rüstig ist sie noch, daß sie ihre Geschäfte selber führt.

Hans. O ja. Sie führt ihre Geschäfte. 288

Traute. Und wie alt, sagtest du?

Hans. Achtundachtzig aber sie wird uns alle überleben. Obwohl sie nicht mehr hören und kaum noch sehen kann, geschieht doch nichts in der ganzen Familie, was sie nicht gewollt hat. Eine eiserne Frau, sag ich dir! Alles ist vor ihr gestorben. Der Großvater fiel bei Mars-la-Tour meine Mutter mußte ihr Leben lassen bei meiner Geburt und mein Vater fiel im Duell aber sie lebt lebt und herrscht soweit sie's kann soweit sie's kann.

Traute (am Schreibtisch, entfaltet ein Papier:) Was ist denn das? O!

Hans (schnell:) Nichts laß das!

Traute (freudig:) Ein Gedicht! Ein Gedicht! Hurra! Mein Liebster hat mal wieder ein Gedicht gemacht...

Hans (eilt auf sie zu:) Ich bitte dich gib das her...

Traute (weicht ihm aus:) Nein, nein. (Sie flieht damit und liest schnell:)

»Am Rosenmontag liegen zwei,
Die kalten Hände noch verschlungen . . .

Hans (entreißt ihr das Papier, knittert es zusammen und steckt es in die Tasche.) Laß! Laß den Unsinn!

Traute (ist zusammengeschauert und wiederholt leise:)

»Am Rosenmontag liegen zwei,
Die kalten Hände noch verschlungen . . .

(Pause. Schweigende Umarmung.)

Hans (streichelt sie tröstend und versucht einen leichten Ton anzuschlagen:) Ich bin eben ein Esel. Sag es selber. So dummes Zeug. (Er versucht zu lachen.) Nenne mich Esel! Nein? Ach, dann hast du mich gar nicht mehr so lieb wie früher wie oft hast du mich damals so genannt! Ha! Weißt du noch, wann du zum erstenmal Esel zu mir gesagt hast? Aber ich! Ganz genau! Draußen in Paulis Garten war's noch ganz im Anfang.

Ja, ja! Ich hatte mir ein Herz gefaßt und dir so recht . . . recht spießerhaft auseinandergesetzt, daß 289 ich... na?... daß ich kein... Vermögen hätte. (Er lacht und seufzt dann laut auf:) Ha... ja, ja... das waren noch Zeiten... (Er trinkt aus und schenkt ein:) Trink!

Traute (ihn groß ansehend, still:) Hans was hast du denn vor?

Hans (harmlos tuend:) Hm? Was? Was ich vorhabe? Wieso?

Traute. Was willst du tun?

Hans. Aber Traute! Du weißt doch . . .

Traute. Was?

Hans. Wir haben doch alles miteinander besprochen. Dies soll unsre letzte Festnacht werden unser Karneval und dann morgen früh, wenn der Tag graut... der Rosenmontag, dann wollen wir stumm auseinandergehen wie's sein muß du nach Hause ich in die Kaserne...

Traute. Und dann?

Hans. Ohne Abschied das vergaß ich ohne Abschied. Wir sagen uns nicht Lebewohl... Das können wir nicht... wir trennen uns. Du gehst nach Hause ich in die Kaserne. Hier! In diese Kaserne...

Traute. Und dann?

Hans (lächelnd:) Ha, ha . . . dann? Kleine Neugier... Nun das Leben geht eben weiter. Seinen Lauf.

Traute. Nein, nein . . .

Hans. Doch. Auf das Fest von gestern folgt das Fest von heute. Du weißt doch: großer Fastnachtsball des Regiments. Meine Braut kommt mit ihren Eltern. ( Traute zuckt heftig zusammen.) Die Herrn Leutnants spielen den Handschuh von Schiller als Bühnenweihfestspiel. Herr von Grobitzsch spielt das Tigertier, meine beiden Vettern die Leoparden... das wird sehr lustig werden... Ha, ha, ha...

Traute. Hans, und das willst du, das kannst du Da wirst du so... dazwischen sein?

Hans. Muß ich nicht? 290

Traute (schüttelt den Kopf.) Das kann ich mir nicht denken... Wie kann das nur sein?

Hans laut: Ä . . . sorge dich nicht um morgen... ich tu's auch nicht. Trink. (Sie stoßen an.) Die Tage, die wir zusammen verlebt haben diese seligen, letzten Tage und Nächte nicht wahr, meine Traute: die raubt uns niemand niemand mehr!

Traute (umarmt ihn. Leidenschaftlich:) Nein! Niemand mehr... (Sie trinkt und sieht ihn an. Eindringlich, leise:) Nicht wahr! Nicht wahr, Hans: das das würdest du doch nicht ohne mich tun?

Hans (sieht sie erschrocken an und weicht dann ihrem Blicke aus. Befangen:) Das?... Ich weiß nicht, was du... ich verstehe dich nicht.

Traute. O ja! Hans! (Leidenschaftlich:) Nicht ohne mich! Hörst du? Wenn du mir heute... zu jeder Stunde... wenn du mir jetzt sagtest: komm ich folgte dir. Es wäre nur eine dunkle Pforte... durch die müßten wir hindurch... und dann ewig, ewig vereint...? Hans!

Hans (sucht sie zu beruhigen:) Was denn: was denn, Traute? Torheiten! Einbildungen!

Traute. Nicht wahr: du gehst nicht allein? Das wäre Sünde von dir, Hans.

Hans (zieht sie an sich:) Aber wer spricht denn davon? Wer denkt denn daran! Mein armes Kind! Beruhige dich doch! Mein armes Kind

 

Vierte Szene

Sechs Masken in schwarzen Dominos und mit schwarzen Larven sind fast lautlos eingeschlichen, die eine bleibt an der Tür stehen, die anderen schleichen in einem Art Tanzschritt ins Zimmer.

Traute (bemerkt sie zuerst. Mit einem Aufschrei:) Was ist das?

Hans (steht auf und tritt den Masken entgegen:) Nanu? Was wird denn das?

Die Masken (umringen ihn schweigend, einige winken Traute, die aber hinter dem Tisch bleibt.)

Hans. Nu macht's kurz was wollt ihr?

Die Masken. Pst!

(Auf das Zeichen des Einen singen sie im tiefen Baß mit gleichen Bewegungen nach der Melodie des Gassenhauers, den vorhin Moritz und Benno gepfiffen haben:)

Hans. Haltet eure ungewaschnen Schnauzen!

Die Masken (brechen in ein tolles Gelächter und allgemeines Hallo aus. Alles wirft nach ihm mit Papierschlangen und Konfetti.)

Hans. Macht, daß ihr herauskommt! Hier gehört ihr nicht her... Es hat euch keiner gerufen. (Erneutes Gelächter.)

Traute (hat sich aufs Sofa gesetzt und den Kopf in den Händen verborgen. Sie bleibt in dieser Stellung, bis Hans sie anspricht.) 292

Hans. Auf die Straße mit euch! Vorwärts! Diese Nacht im Römischen Kaiser da will ich euch Rede stehn. Und wenn ihr meine sauberen Vettern seht die tüchtigen Herren von Ramberg so sagt ihnen, daß sie sich hüten sollen und mir nicht unter die Augen treten! Ja, sagt ihnen, daß sie den Schatten meiner Hände meiden sollen die Helden. (Er lacht laut.) Und nun hinaus mit euch Gespenster Spuk!

Die Masken (haben die vorigen Worte von Hans anfänglich ruhig angehört. Einige drängen wieder ins Zimmer, aber die meisten halten sich zurück und drängen dem Ausgange zu. Sie pfeifen die Melodie des Gassenhauers und geben bis auf die eine, die an der Tür stehen geblieben ist, ab.)

Hans. Na und du? was willst du hier noch? Vorwärts! Trolle dich nur auch!

Harold (maskiert, flüsternd:) Hans

Hans (fährt zusammen, ebenfalls leise:) Harold. Was...

Harold. Hans, du mußt weg . . . du mußt fort... noch vor morgen... das weißt du doch, Hans!

Hans (auf Traute blickend:) Pst

Harold. Nimm die Traute und geh in die weite Welt. Da! Hier. (Er will ihm eine Brieftasche geben.) Nimm das! Du weißt: ich brauch's nicht. Nimm es, Hans!

Hans (grinsend:) Eine Brieftasche? Wie ein Leutnant aus Tausend und einer Nacht. (Auf einen Blick Harolds ernst:) Verzeih...

(Er schüttelt den Kopf.)

Harold. Hans!

Hans. Ich danke dir, Harold, aber . . . Fahnenflucht... nein.

Harold (geht stumm ab.)

 

Fünfte Szene

Hans (sieht ihm einen Augenblick nach, schließt dann die Tür ab und geht langsam zu Traute, der er übers Haar streicht.) Nun, 293 Liebste...? Sie sind fort, die Gespenster... der böse Spuk... ja! Die dummen Fratzen!

Traute (aufweinend:) Ach Gott, Hans ich ich habe dich unglücklich gemacht!

Hans (still:) Nein, mein Kind das hast du nicht getan. Du du hast mir die wenigen Stunden Glück gegeben, die mir je beschieden worden sind und die Ahnung einer reineren, zarteren Welt die meine Füße...

Sieh: das wußt ich schon, wie ich noch als Kind unter fremden Leuten herumgestoßen wurde – daß mir kein besonderes Glückslos gefallen war . . . auf dieser Erde. Und so ausgehungert und fast verdurstet nach einem bißchen – einem bißchen Liebe – ist wohl noch nie ein junger Mensch gewesen, wie ich – damals, als ich dich fand . . .

Glück . . . Man muß nicht unbescheiden sein. Dies ist Glück, daß ich dich habe und halte – dich, meine Traute, in dieser Stunde, in dieser Minute. (Heiter, indem er sie aufrichtet:) Komm! So wollen wir denken, so wollen wir es halten, wir beiden... Ha, ja: wie du aussiehst? Ist das ein Büßerhemd? Pfui! (Er führt sie nach vorn.) Aber hier! Er wirft einen Domino um ihre Schultern. (Er setzt sich in den Stuhl vor dem Tisch.) Wie herrlich du bist, meine Traute! Da: hier steht noch eine volle Flasche? Und jetzt jetzt wollen wir uns vorbereiten zu unserem Fest, zu unserem Karneval. Carne vale! Du bist so schön und so gut alle Menschen müßten dir dienen!

(Er schließt sie mit Lachen in die Arme. Das Lachen geht in Schluchzen über. Der Vorhang fällt.) 294

 

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