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Otto Erich Hartleben: Rosenmontag - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleAusgewählte Werke Band 3
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRosenmontag
pages103
created20120212
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt

Das Offizierkasino im Parterre der Kaserne. In der Mitte des Zimmers großer hufeisenförmiger Tisch, gegen das Publikum zu geöffnet, an dem gegen dreißig Offiziere sitzen. Im Hintergrunde zwei Fenster, zwischen denen das lebensgroße Ölbild des früheren Regimentschefs hängt. Durch die Fenster sieht man auf den Exerzierplatz. – Links – vom Publikum – zwei Türen, von denen die eine in die Küche, die andere in das Spielzimmer führt. Zwischen den Türen steht ein großes Büfett von Eichenholz, darauf Weinkühler, Bowlen usw. Links in der Ecke eine Staffelei mit dem Regimentsalbum. – Rechts vorn eine Doppeltür, die zum Korridor führt; die Wand dahinter ist mit zahllosen eingerahmten Photographien in den verschiedensten Größen bedeckt, von denen einige mit Lorbeerkränzen und Flor geschmückt sind. – Von der Decke herab hängt in der Mitte des Zimmers ein großer Kronleuchter mit Kerzen. Rechts und links vom Büfett zwei Wandarmleuchter mit sechs Kerzen. Die Stühle um den Tisch herum sind handfeste eichene Rohrstühle.

Wenn der Vorhang aufgeht, sitzen die Offiziere an der gemeinschaftlichen Mittagstafel und unterhalten sich lebhaft, in Gruppen ziemlich laut durcheinander sprechend. Es ist kurz vor Ende der Mahlzeit, die Ordonnanzen tragen hier und da ab. In der Mitte der hinteren Tafel sitzt der rangälteste Hauptmann, zwei andere Hauptleute neben ihm. Der Tischvorstand, Oberleutnant von Marschall, sitzt an der hinteren Tafel an der linken Ecke, mit dem Gesicht zum Publikum. Vorn an der rechtsseitigen Tafel sitzen die Fähnriche und die Fahnenjunker. Vorn an der linksseitigen Tafel sind einige Gedecke leer geblieben. Im übrigen gruppieren sich die Offiziere mehr oder weniger der Anciennität nach um die Tafel.

Erste Szene

Der rangälteste Hauptmann (klopft, ohne sich zu erheben, mit dem Messer ans Glas. Die Unterhaltung verstummt sehr schnell.) Meine Herren, Herr Leutnant von Marschall bittet einen Augenblick um Gehör.

von Marschall (erhebt sich, indem er den Klemmer abnimmt:) Ja, meine Herrn . . . also . . . wie Sie wissen, soll auf unserem diesjährigen Fastnachtsball, den wir auf den kommenden Rosenmontag angesetzt haben, ein . . . wie soll ich sagen . . . ein kleines Bühnenweihfestspiel stattfinden. Der »Handschuh« von Schiller! Es haben sich bereits einige Herrn in der liebenswürdigsten 208 Weise bereit erklärt, ihre Kunst in den Dienst der Sache zu stellen. Die Rollen der Tiere sind in den besten Händen – Er liest von einem Zettel. Zwei Leoparden – die beiden Herrn von Ramberg.

( Peter und Paul von Ramberg, die hinten an der rechtsseitigen Tafel sitzen, erheben sich gleichzeitig ein wenig von den Sitzen und verbeugen sich gegen von Marschall. Beifälliges Gelächter.)

von Marschall (fortfahrend:) Das Tigertier – Herr von Grobitzsch.

von Grobitzsch, (der neben ihm sitzt, will sich ebenfalls erheben.)

von Marschall (drückt ihn sanft nieder.) Bitte, bitte! – Der Leu – Herr Hauptmann von Itzenplitz.

Alle. Ah!!

von Marschall (mit gehobener Stimme:) Man hat es seiner Frau Gemahlin und deren Frau Mutter bereits schonend mitgeteilt. Ein Einwand ist seitens der Damen nicht erhoben worden.

Verschiedene. Bravo!

von Marschall. Auch die Jungfrau Kunigund ist bereits in festen Händen.

Moritz Diesterbeg. Oho! Namen nennen!

von Marschall. Der Herr wünscht nicht genannt zu werden. ( Benno von Klewitz rückt sich den Halskragen zurecht. Lächeln.) Das Festkomitee, meine Herrn, befindet sich überhaupt nur noch in Verlegenheit in bezug auf einige bessere »Damen im schönen Kranz«. Und da möchte ich vor allem an die jüngeren Herrn Leutnants, soweit es ihnen ihre Barbierverhältnisse noch gestatten – (Zwischenrufe. Lachen) – die Bitte richten, gütigst mitzutun. Vielleicht sind die Herrn, die dazu bereit sind, so freundlich und melden sich nachher bei mir. (Er setzt sich, steht aber gleich noch mal auf.) Ja, so . . . Ich bemerke noch, daß die Kostüme für die Herren Tiere bereits bestellt sind. Die Kostüme für die Damen müßten allerdings von den Herren selbst besorgt werden. Vielleicht haben Sie irgendwelche Beziehungen, die . . .

(Er wird tumultuarisch unterbrochen. Alle Stimmen durcheinander. Er setzt sich.) 209

Der rangälteste Hauptmann (erhebt sich. Mit kurzer Verbeugung:) Gesegnete Mahlzeit, meine Herrn!

Alles (erhebt sich und verbeugt sich, zuerst gegen den rangältesten Hauptmann, sodann untereinander.)

Die Fähnriche und Fahnenjunker (schnellen von ihren Stühlen auf und stehen stramm.)

Der rangälteste Hauptmann (verläßt in Begleitung mehrerer anderer Offiziere das Kasino. Während die Herren rechts abgehen, setzen sich die übrigen nach und nach wieder. Die Ordonnanzen haben inzwischen brennende Kerzen auf die Tafel gestellt. Mehrere Herren zünden sich Zigarren an. Eine Ordonnanz kommt mit einem Tablett mit Kaffee, eine andere mit einem Tablett Likör. Es wird serviert. Hinter der Ordonnanz mit dem Likör steht eine dritte Ordonnanz mit einem Notizbuch in der Hand und macht sich Notizen.)

Die Fähnriche und Fahnenjunker (gehen zunächst hintereinander in die Mitte des Zimmers, stehen stramm vor den an der hinteren Tafel Sitzengebliebenen, sodann vor denen an der linken und schließlich vor denen an der rechten Tafel. Die Offiziere bleiben sitzen und erwidern den Gruß durch freundliches Kopfnicken. Verschiedene grüßen mit:) Mahlzeit, Fähnrich. –

(Die Fähnriche wenden sich zum Ausgang rechts.)

 

Zweite Szene

Peter von Ramberg (ruft:) Fritz!

Fritz von der Leyen, (der eine Fahnenjunker, der schon in der Nähe der Tür war, macht eine Wendung linksum und geht im Geschwindschritt zu Peter von Ramberg, vor dem er stehen bleibt.)

Peter (legt ihm die Hand auf die Schulter:) Du weißt doch, daß Hans gleich kommt?

Fritz. Nein. – Gleich?

Peter. Jetzt mit dem Zwei-Uhr-Zuge. Hast du Dienst?

Fritz. Von Drei bis Fünf Turnen. Muß mich auch noch umziehn.

Peter. Na, wenn du Lust hast, komm nachher noch. 210 Wir bleiben hier sitzen, haben ein kleines Böwlchen angesetzt – sowas muß doch gefeiert werden.

Fritz (verlegen:) Ja, sehr gern . . . Ist denn . . . ist denn . . .

Peter. Na?

Fritz. Ich meine . . . alles in Ordnung wieder mit ihm? Du kennst ja meine Auffassung.

Peter (mit besonderem Nachdruck:) Alles in Ordnung, mein Sohn. Alles. – Also du kommst! Grünschnabel . . .

Fritz (reserviert:) Wenn ich kann . . .

Peter. Natürlich kannst du. Also auf Wiedersehn!

(Er reicht ihm die Hand.)

( Fritz verabschiedet sich vorschriftsmäßig und geht rechts ab.)

 

Dritte Szene

von Grobitzsch (hat sich während des Vorigen mit der Zigarre am Ende der linken Tafel niedergelassen, wo noch die leeren Kuverts stehen. Laut:) Vorwärts, Ordonnanz, räumen Sie mal hier schleunigst ab! Hier wird Skat gespielt. Marschall! Glahn! Keine Müdigkeit vorschützen. (Er sieht nach der Uhr.) Hab nicht viel Zeit! (Zu einer anderen Ordonnanz:) Also! Karten, Karten, Skatblock. Für zehn Pfennige Bier und noch einen Kurfürstlichen . . . Vorwärts, vorwärts!

Peter (auf der rechten Seite:) Ordonnanz.

Eine Ordonnanz. Jawohl, Herr Leutnant!

Peter. Hierher mit der Bowle!

(Er weist auf das Ende der rechten Tafel.)

Ordonnanz. Bowle?

Peter. Fragen Sie Tiedemann, der weiß Bescheid.

Tiedemann, (die Oberordonnanz, kommt von links.)

Peter. Tiedemann, Menschenskind! Es ist ja höchste Zeit! Hierher!

Tiedemann. Sofort, Herr Leutnant.

(Eilt wieder links ab.)

Währenddem sind die meisten Offiziere teils rechts, teils links vorn abgegangen. Die hintere Tafel wird nach und nach leer. Vorn, an 211 der rechten Tafel haben sich die beiden Brüder Peter und Paul von Ramberg mit Moritz Diesterbeg und Benno von Klewitz zusammengesetzt. Zwei Plätze am Ende der Außenseite bleiben frei, darauf folgt Peter. Diesem gegenüber an der Innenseite Moritz, dann Benno und am Ende Paul. Vorn an der Schmalseite der rechten Tafel nimmt später der Dr. Meitzen Platz, der, einstweilen noch allein, rauchend im Hintergrunde auf und ab geht. – Am Ende der linken Tafel haben sich von Grobitzsch an der Außenseite, von Marschall ihm gegenüber und Franz Glahn an der Schmalseite zum Skat niedergelassen. Ordonnanzen kommen und gehen und bringen im Folgenden alles Nötige.

Peter (zu Paul:) Dieser Fritz mit seiner »Auffassung«. Lachhaft!

Paul (zuckt die Achseln.)

Moritz, (indem er sich setzt:) Na, was werdet ihr denn da wieder für'n Zeug zusammengebraut haben?

Peter. Wirst schon sehn, mein Sohn. Wart's ab.

Moritz. Finde das unerhört, daß man das nicht mir überlassen hat.

Peter. Beruhige dich, Teuerster, sie ist ganz nach deinem berühmten Rezept.

Tiedemann (kommt von links mit einer großen Bowle. Zu den Ordonnanzen eilig:) Gläser, Gläser, Gläser. Von den großen.

Paul (mächtig:) Ha! Sie kommt, sie naht mit Willen.

Peter. . . . ist voller Lieb und Lust!

(Die Bowle wird auf den Tisch gesetzt. Die Skatgesellschaft links sieht sich erstaunt um.)

Glahn. Nanu? Was ist denn da wieder los? Schon wieder ein Fest?

von Marschall. Wissen Sie nicht?

von Grobitzsch, (vieldeutig, mit halbgedämpfter Stimme:) Rudorff!

Glahn (gedehnt:) Ah . . . Was macht der denn? Ich denke: er hatte ein halbes Jahr Urlaub?

von Grobitzsch. Nu ja. Das ist eben um. Nu kann's ja wieder losgehn –

Glahn. Sie meinen: mit dem Harmoniumspielen . . . he?

von Grobitzsch (lacht.) 212

von Marschall. Machen Sie keine Witze, meine Herrn. Sie haben ihn noch nicht spielen hören, Grobitzsch . . . großartig, sag ich Ihnen.

von Grobitzsch. Hätt er eben Organiste werden sollen.

Glahn und von Grobitzsch (lachen laut. Die Herren am Tische rechts sind aufmerksam geworden.)

von Marschall (leise:) Pst! (Laut zum andern Tisch hinüber:) Sagen Sie, Ramberg, wie geht's denn eigentlich Ihrem Herrn Vetter?

Paul. Ausgezeichnet. Danke sehr.

Peter (gleichzeitig:) Vortrefflich! Sie werden's ja gleich sehn, lieber Marschall. Harold muß gleich mit ihm antanzen.

von Grobitzsch. Null!

(Sie spielen weiter.)

von Marschall. Also das verdammte Nervenfieber vollständig überwunden?

Peter. Gott sei Dank.

Benno von Klewitz. Is sonst 'ne böse Sache. Geht an die Nieren. (Zu Meitzen, der sich noch nicht gesetzt hat:) Sie, Doktorchen, sagen Sie mal: wie heißt sowas eigentlich auf lateinisch?

Meitzen, (hinter der Tafel, rechts:) Was denn?

Benno. Na ja, wissen Se: so'ne kleine, klangvolle Sache so . . . die den Vorgesetzten imponiert . . . wo man denn gleich so auf einen Hieb drei Monat Urlaub kriegt? –

Meitzen. Neurasthenia cerebralis.

Benno (das Gesicht verziehend:) Neura . . . sthenia celeb . . .

Meitzen. Cerebralis.

Benno. Gottverdammich!

Paul. Na, aber Doktor, nu kommen Sie mal her! Hier ist Ihr Platz! – Wenn Sie damals nicht gewesen wären! Sie haben ihn doch eigentlich rausgehaun!

Meitzen (schwerfällig, indem er Platz nimmt:) Hm. Na . . . seine gute Natur . . . Also, es geht wirklich wieder? 213

Peter. Wirklich! Er soll sich ganz famos erholt haben! Unsere gute Großmutter schrieb ganz beglückt. –

Paul (hat inzwischen Moritz eingeschenkt:) Na – Moritz? Probier mal! Stimmt die Sache?

Moritz (kostet und schweigt.)

Paul. Na? Äußere dich!

Moritz. Nu ja, ganz schön. Mit dem Sekt seid Ihr nicht grade splendide gewesen. Hm?

Paul. Oho! – Ordonnanz! Dem Manne kann geholfen werden. Noch eine Carte blanche.

Ordonnanz (ab.)

Meitzen. Darf ich fragen, Ramberg, wo war denn Ihr Herr Vetter eigentlich zuletzt? Er kommt doch nicht direkt da, aus der Schweiz da . . .

Benno. Aus dem »Dings da«?

Peter. Nein, nein. Er war eben die letzten vier Wochen in Köln, bei unsrer Großmama . . . zur Nachkur . . .

Meitzen. Ach, so . . .

Moritz. Kinder, ja, ich wollte, ich hätte auch so 'ne Großmama wie Ihr!

von Grobitzsch, (ohne vom Spiel aufzusehen:) Ich nicht.

Ordonnanz (kommt mit dem Sekt und will ihn einschenken.)

Moritz (nimmt ihm die Flasche weg:) Halt, mein Sohn, Finger weg, Beene weg, det andere jeht von alleene weg. (Er schenkt ein.) So!

Paul. Großartig! Moritz, was wären wir ohne dich! (Er reicht Meitzen ein Glas:) Nu probieren Sie mal, Doktor! Vom sanitären Standpunkt aus . . .

Meitzen (kostet.) Nichts dagegen einzuwenden. Truppenfrommes Getränk.

von Grobitzsch, (indem er ausspielt, etwas gedämpft:) Sie bereiten das Bad der Wiedergeburt! – Zur Freude aller Tanten steigt er aus der Flut.

von Marschall (halblaut:) Nicht doch, lieber Grobitzsch, nicht doch . . .

von Grobitzsch (zählt die Karten. Laut:) Sechzig! Rum! – ist kein Arrak. 214

Glahn (hat ebenfalls gezählt:) Rum.

Eine Ordonnanz (kommt von rechts. Zu Peter:) Die Herren sind da.

Peter. Also! Endlich!

(Er steht auf.)

Moritz. Holen wir ihn ein! –

(Er steht ebenfalls auf.)

( Peter, Paul, Benno, Moritz und Meitzen rechts ab.)

 

Vierte Szene

von Grobitzsch, (indem er die Karten auf den Tisch schlägt:) Hä! Skandal. Machen die Kerle ein Aufhebens von diesem . . . ä . . . Sohn seiner Großmutter.

von Marschall. Sie wissen doch . . . im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Reue empfindet, denn . . . Aber lassen Sie doch die alte Frau Generalin zufrieden, was hat denn die damit zu tun?

von Grobitzsch. Die!? Na! Sie sind wohl schlecht informiert? Die hat doch damals den ganzen Krempel aufgerührt. Jawohl! Nur die. Aus einer lächerlichen kleinen Mädelgeschichte hat sie 'ne große Sache gemacht. Ja, ja! – Wissen Sie denn nicht, daß sie dazumal an ihren alten Freund, den Obersten, einen herzzerreißenden Brief geschrieben hat?

von Marschall. Ach, das munkelt man so.

von Grobitzsch. Nein, nein: das ist so! Die Rambergs müssen es doch wissen.

(Er lacht)

Glahn. Meine Meinung ist: Regiments-Kameraden sollten überhaupt niemals eine gemeinschaftliche Großmutter haben.

von Grobitzsch. Sehr richtig! Ne, ne, lieber Marschall, daran ist nu nicht zu tippen! Mit dem Brief fing die Sache an. Hä! Einfach lächerlich! Dieser geknickte Troubadour und Orgelspieler – der sich bei so 'ner Lappalie gleich ein Nervenfieber holt, – – soll er sich bei seiner Großmutter bedanken! Die hat es ihm eingebrockt! 215

von Marschall. Na Grobitzsch, nu sein Sie man friedlich –: so ganz unschuldig sind Sie doch nu auch nicht.

von Grobitzsch (heftig:) Ich?! – Bitte! – Wieso?

von Marschall (sichtlich geniert:) Nun ja . . . ich meine . . . das Mädel, wie Sie sagen, diese Traute, war doch nun mal – sein Mädel.

von Grobitzsch. Weiß ich. – Hm? Und? Bitte, was?

von Marschall. Nun, mein Gott: so ernsthaft, wie er die Sache doch nun mal nahm . . . Und sie war doch auch sonst eine ganz solide Person. Ich für mein Teil hätte da . . . Na, aber streiten wir uns nicht darüber . . .

von Grobitzsch. Nein, nein, bitte sehr, lieber Marschall. . . darauf lege ich Wert! Ich wüßte nichts, was man mir zum Vorwurf machen könnte? Nichts!

von Marschall. Aber wer redet denn von Vorwürfen?

von Grobitzsch (gereizt:) Sie!

von Marschall (höflich kühl:) Na, dann revozier ich und deprezier ich – wollte wirklich gar nichts gesagt haben.

von Grobitzsch. Das möcht ich mir, weiß Gott, auch ausgebeten haben!

(Pause.)

Glahn. Überhaupt, lieber Marschall – wegen so'n Mädel . . . Und wenn sie noch so stolz tut . . .

von Marschall. Ja, gewiß, gewiß – lohnt sich ja gar nicht. –

Glahn. Übrigens, meine Herrn: da habe ich jetzt einen feudalen kleinen Käfer entdeckt – ich kann Ihnen sagen: schick – total anspruchslos – und ohne jeden Gemütsballast – rein sachlich. Ideal!

von Marschall. Hm. Ja . . . Aber, meine Herrn, ich möchte doch den Vorschlag zur Güte machen, daß wir unsern Lachs da drin . . . im Spielzimmer zu Ende spielen. 216

von Grobitzsch. Weshalb?

von Marschall. Na, ich meine, lieber Grobitzsch, sehn Sie mal . . . sein Sie doch nett. Es ist doch nicht grade nötig, daß der gute Rudorff . . .

von Grobitzsch. Hm?

von Marschall. Lassen Sie ihn doch sein erstes Wiedersehn . . . ungetrübt . . . im Kreise seiner Getreuen feiern.

von Grobitzsch. Seine Getreuen . . . ho! Die Rambergs seine Getreuen?

von Marschall. Also seine Vettern! – Kommen Sie!

von Grobitzsch. Fällt mir gar nicht ein. Wie käm ich denn dazu?! Meinetwegen kann er hier seine silberne Hochzeit feiern. – Wer gibt?

Glahn. Ich. –

von Marschall (sieht Hans und die andern eintreten. Schnell:) Aber dann bitte: Schluß der Debatte.

 

Fünfte Szene

Hans Rudorff, junger Leutnant, Mitte der Zwanziger. Abgerundete, fast weiche Bewegungen, in elegantem, modernem Ziviljackettanzug. Seine Gesichtsfarbe ist im Gegensatz zu der seiner Kameraden ein wenig blaß und zart. Er tritt zuerst von rechts ein. Ihm folgen Harold Hofmann, ein großer, ernster Mann mit Ordensband, Peter und Paul, Moritz, Benno und Meitzen.

Die Herren am Skattisch haben sich beim Eintritt erhoben. Hans stutzt einen Moment beim Anblick Grobitzschs. Dann geht er geschwind auf von Marschall zu, der ihm freundlich auf halbem Wege entgegenkommt und ihm die Hand reicht.

von Marschall (die Hand Rudorffs mit beiden Händen fassend und kräftig schüttelnd:) Guten Tag, lieber Rudorff. – Na, glücklich wieder angelangt?

Hans (gibt dem nähergetretenen Glahn die Hand:) Guten Tag, Glahn.

Glahn. Guten Tag, Rudorff.

Hans (geht auf Grobitzsch zu und reicht auch ihm die Hand:) Guten Tag. 217

von Grobitzsch (reserviert, höflich:) Guten Tag. –

Peter (laut:) Ordonnanz! Die Suppe!

Paul. Komm, setzen wir uns!

(Er faßt Hans unterm Arm und führt ihn nach rechts.)

Hans (sich die Hände reibend:) Ja, Kinder, ich habe höllschen Hunger.

Peter. Hier. Hierher! – Alles in Ordnung.

Hans. Ah: sieh da.

Peter. Hier, an meine grüne Seite. Harold, du sitzt da.

(Die Beiden nehmen ihn in die Mitte.

(Gleichzeitig setzen sich die Herren des Skattisches wieder.)

von Grobitzsch. Also Glahn, Sie geben.

Eine Ordonnanz (bringt die Suppe für Harold und Hans, eine andere Ordonnanz auf einem Tablett zwei Glas Portwein.)

Moritz (schenkt die Bowle ein.) Lieber Hans: ich muß zunächst ordnungshalber bemerken, daß diese Bowle in der ursprünglichen Anlage nicht von mir stammt.

Benno. Weeßte, Hans, du siehst aus, wie'n Mächen!

Moritz (gleichzeitig:) Wie'n junger Gott!

Paul. Ja ja – ihm hat jetzt 'ne ganze Weile so die echte, gesunde Kommißluft gefehlt!

Hans. Nu ja, aber wißt ihr: ich war auch verdammt auf dem Hund. –

Peter. Aber fett bist du geworden – bei Großmuttern? – Was?

Benno. Das ist kein Schönheitsfehler!

Moritz (gleichzeitig:) »Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein!«

Ordonnanz (bringt den zweiten Gang.)

Benno (mustert Hans mit dem Monokel:) Bei Gott! Feist wie'n Stabsoff'zier!

Hans (zu Meitzen:) Mein lieber Herr Doktor: wie gefalle ich Ihnen denn?

Meitzen. Gut. Wenn ich denke, wie Sie weggingen . . .

Hans. Sehen Sie! Das ist die Hauptsache! (Er schüttelt ihm die Hand.) 218

Peter. Na, Moritz! Unvorbereitet wie du dich hast – los!

Moritz (steht auf, räuspert sich und klopft ans Glas –:) Meine Herren!

Hans. Nur nicht feierlich, lieber Mohr! Mach's kurz!

Moritz (ernst:) Meine Herrn! Ein halbes Jahr lang war uns unser lieber Rudorff jetzt entrissen. Wir sind eine Zeitlang in banger Sorge um seine Gesundheit gewesen. Hm. Aber auch sonst – wie sehr er uns allen gefehlt hat, brauch ich wohl nicht erst zu betonen. Nun haben wir ihn wieder in unsrer Mitte. Gott sei Dank: gekräftigt an Leib und Seele – bereit, sich wieder ganz in den Dienst des Regiments zu stellen, mit dessen Traditionen der Name Rudorff unauslöschlich verbunden ist. Meine Herren, ergreifen Sie Ihr Glas – (Die Herren erheben sich) – und stimmen Sie mit mir ein in den Ruf: unser lieber Rudorff, der würdige Enkel des ritterlichen Kommandeurs, der bei Mars-la-Tour an der Spitze unseres Regiments gefallen ist. (Er hebt sein Glas gegen das Bild zwischen den Fenstern.) Unser Hans – er lebe hoch! Nochmals: hoch! Und zum dritten Male: hoch!

(Die Herren stimmen in das dreifache Hoch ein und stoßen erst mit ihm, dann untereinander an.

(Die Herren am Skattisch links haben sich während der Rede verschiedentlich angesehen und einander aufmerksam gemacht. Nach dem Hoch legen von Marschall und Glahn die Karten aus der Hand.)

von Marschall (sich halb erhebend:) Prosit, lieber Rudorff!

Glahn. Prosit, Rudorff.

von Grobitzsch (bleibt sitzen.) Prosit.

Hans (erwidert durch Kopfnicken mit dem Glas in der Hand.)

Harold (gleichzeitig, während er mit Moritz anstößt, kopfschüttelnd:) Du kannst es doch nicht lassen, immer das alte Phrasengedresche . . . Aber wir danken dir.

Moritz (dreht sich schmunzelnd den Schnurrbart.)

Peter, (indem er Hans auf die Schulter klopft:) Keine Phrasen, lieber Hans, keine Phrasen! Du und das Regiment! (Er und Paul stoßen nochmals mit ihm an. Alle setzen sich wieder.) 219

Hans (zerstreut, mit einem Seufzer:) Ach ja . . . Das sagt ihr so . . . (Er sitzt einen Augenblick versunken da – reißt sich dann von seinen Gedanken los und sagt forsch:) Na: los! An die Gewehre! (Er sieht sich die Schüssel an:) Was haben wir denn da?

Moritz. Ein gemästet Kalb. Das hat unsere wackere Frau Lubahn extra geschlachtet – für den verlornen Sohn.

Benno. Und in Schnitzel zerlegt. (Lachen.)

Hans (essend:) Nu, mein Benno: Du bist jedenfalls noch der Alte geblieben. Was?

Benno. Hoffentlich! Wozu die Neuerungen! Prost, alter Junge – in diesem Sinne!

Hans. Prosit! Ich habe übrigens neulich auf der Reise dein Bild gesehn.

Benno. Mein Bild? Erlaube mal . . . Wo denn?

Hans. Im Simplicissimus.

Benno. Ha! Rede mir nicht von diesem Schandblatt! Ist mir schon öfter gesagt. Was kann ich dafür? Skandal!

Moritz, (der die Gläser wieder gefüllt hat und in der Folge weiter einschenkt:) G'sundheit! G'sundheit!

(Alle stoßen gemütlich lachend wieder an.)

Benno. Donnerwetter! (Er sieht nach der Uhr.) Zehn Minuten Drei! (Er springt hastig auf.) Ich habe ja um drei Uhr Abmarsch ins Gelände! – Furchtbar leid! Wiedersehn.

(Er gibt Hans herzlich die Hand und eilt rechts ab.)

Paul (nimmt den Platz von Benno ein:) Na, Hans, was hast du uns denn eigentlich mitgebracht?

Hans (essend:) Ich? Nischt. – Aber Großmama – läßt euch herzlich grüßen. Sie hofft, ihr werdet fortfahren » ihr Stolz« zu sein!

von Grobitzsch (laut, im Ausspielen:) Machen wir!

Peter. Da fällt mir ein – trinken wir mal auf das Wohl unserer alten Dame! Die andern Herrn dürfen sich anschließen. 220

Moritz (gleichzeitig:) Causa bibendi!

(Sie stoßen an.)

von Grobitzsch, (indem er seine Karten aufdeckt:) Die Sache will's. Schluß!

von Marschall (streicht das Protokoll:) Lieber Grobitzsch – da dürften Sie wohl der Leidtragende sein.

von Grobitzsch. Natürlich, wie immer. Ordonnanz: die drei Bier bezahl ich.

von Marschall und Glahn (stehen auf und gehen nach rechts.)

Glahn (im Vorbeigehen an dem andern Tisch:) Mahlzeit, meine Herren.

(Verbeugung, ab.)

Die Herrn am rechten Tisch, (ohne sich zu erheben:) Mahlzeit.

von Marschall (geht zu Hans, der sich erhebt:) Na, lieber Rudorff, nu leben Sie sich möglichst bald wieder ein in den . . . Apparat.

Hans. Danke, danke, lieber Marschall, wird sich schon machen.

(Sie schütteln sich die Hände.)

von Marschall (mit Verbeugung zu den andern:) Mahlzeit, meine Herren. Überanstrengen Sie sich nicht!

Die Herrn (lachend:) Besten Dank, Mahlzeit, Mahlzeit!

von Marschall (rechts ab.)

Ordonnanz (hat inzwischen Herrn von Grobitzsch das Parolebuch gebracht und aufgeschlagen vor ihm auf den Tisch gelegt.)

von Grobitzsch (rückt seinen Stuhl schräg und scheint sich im Folgenden in die Lektüre des Parolebuches zu vertiefen:) Bringen Sie mir noch ein kleines Glas Bier!

Eine Ordonnanz (stellt rechts, wo Hans und Harold fertig gegessen haben, zwei Lichter auf den Tisch. Die Herren stecken sich Zigarren an.)

Moritz (gemütlich:) Teurer Freund, nu erzähl mal – was hast du denn nun eigentlich alles erlebt? Wenn einer eine Reise tut . . . Haste viel gedichtet?

Hans. Nee! Gott sei Dank . . .

Moritz. Schade! Sehr schade! 221

Hans. Das überlaß ich von jetzt an dir, alter Bratenbarde. Aber erlebt hab ich manches. Ja, Kinder, ich habe mehr erlebt, als ihr ahnt.

Moritz. Oha! Also los!

Hans. Ja, mehr als ihr ahnt – vor allem – ich habe mich nämlich ver– (Sein Blick begegnet zufällig dem Blicke Grobitzschs. Er stockt.)

Peter. Na?

Hans. Ich habe mich – verdammt nach euch gesehnt.

Moritz. Kleiner Schäker.

(Lachen und Anstoßen.)

Harold (ernst:) Hm. – Du, Hans, was . . . sagst du denn dazu, daß du . . . hm . . . daß du . . . hm . . . daß man dich in die Kaserne getan hat?

Hans. Du lieber Gott! Kaserniert oder nicht kaserniert. Wenn's Kind nur Luft hat.

Moritz. So die echte, garantiert reine Kasernenluft.

Paul. Feine Sache. Übrigens: laß man gut sein, Vetter. Das Wohnen in der Kaserne hat auch seine Vorzüge.

Hans. Ach natürlich, was macht denn das. Wenn's weiter nichts gäbe. Ich glaube übrigens kaum, daß es lange dauern wird. Ich habe dazu meine ganz bestimmten Gründe . . .

Harold. Wieso?

Hans (nach einigem Schweigen:) Wer weiß. Hoffentlich . . . löst mich bald ein jüngerer korrektionsbedürftiger Dachs ab. Macht ja nichts. Macht ja nichts.

Harold. Hm. Ja. – Und was . . . hm . . . Was sagst du denn zu deiner neuen Kompagnie?

Hans (lebhaft:) Was?! Bin ich denn nicht bei meiner alten Kompagnie geblieben?

Harold. Nein. Du bist zur siebenten gekommen.

Hans. Aha! Seiner Majestät schneidigste Kompagnie! Da soll ich wohl ordentlich zugeritten werden. Hm?

Peter. Ach! Was denn! Der Hauptmann Rohde 222 ist ja ein bissel . . . ja . . . er hat seine Eigenheiten. Aber!

Harold. Na? Was denn? Aber?

Peter. Ach was! Ich habe bei dem Mann acht Wochen gestanden und bin ausgezeichnet mit ihm ausgekommen. Man muß ihn eben zu nehmen wissen. Jedenfalls behandelt er einen als Offizier und hat seine Kompagnie großartig im Zug.

von Grobitzsch (erhebt sich mit dem Parolebuch in der Hand:) Beruhigen Sie sich, Rudorff – wie ich hier eben im Parolebuch lese – habe ich zunächst die Ehre . . . vierzehn Tage die siebente Kompagnie zu führen. – Herr Hauptmann Rohde hat Urlaub genommen. (Schweigen.) Also bitte, ersparen Sie sich den Weg zu mir! Ich danke für persönliche Meldung.

Hans (steht auf und verneigt sich stumm.)

von Grobitzsch (an dem Tisch vorbeigehend:) Mahlzeit, meine Herrn.

(Er geht rechts ab. – Schweigen.)

 

Sechste Szene

Harold (steht auf und geht schweigend um die ganze Tafel herum.)

Meitzen (steht gleichzeitig mit Harold auf.) Ja, ich . . . meine Zeit ist jetzt auch herum. Mahlzeit, meine Herrn! Lieber Rudorff . . .

(Er drückt ihm die Hand und geht rechts ab.)

Hans (breitet die Arme aus.) Ha, welche Lust, Soldat zu sein. – – Hm . . . na!

Harold (bleibt stehen. Eindringlich:) Dummheit! Halt die Ohren steif! Bitt mir aus! Wegen solcher Lappalien . . .

Hans. Hast recht, Harold, hast recht . . . Komm! Komm wieder 'ran! Lieber, alter . . .

Harold (rechts hinten:) Nu ja . . . 's is doch lächerlich –

Moritz. Kinder, die Bowle wird alle! Es muß schon jekippt werden!

Peter. Ach, Mohrchen . . . Du stehst grade. Klingle doch mal! 223

Moritz (klingelt an der hinteren Tür links.)

Ordonnanz (kommt.)

Peter. Noch zwei Carte blanche. Und die Ananas.

Paul. Der Sekt erfreut des Menschen Herz!

Hans (sich von seinen Gedanken losreißend:) Ä . . . was soll der Stumpfsinn! Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zuteil.

Die Ordonnanz (bringt den Sekt.)

Hans. Also, Moritz – mische du!

Moritz, (indem er die Flaschen zusammengießt:) Erlaube mal! Wird nicht mehr gemischt! »Der Trank, der Trank, der furchtbare Trank!«

Hans (zu Peter und Paul:) Seid ihr denn immer noch so intim mit ihm?

Peter und Paul (gleichzeitig, schnell:) Mit wem?

Hans. Mit ihm – dem Grobitzsch?

Peter (ein wenig verlegen:) Intim . . . ach Gott, was heißt intim? Das sind wir doch nun eigentlich nie gewesen.

Paul. Nein . . . »intim« . . .?

Hans. Na, ich danke. Vorigen Sommer, in den vier Wochen, wo ich in Erfurt war, auf Gewehrfabrik . . . da schient ihr euch doch heftig angebiedert zu haben. Hm? Ich weiß noch, daß ich ganz erstaunt war, als ich wiederkam und . . .

Paul (verlegen:) Ach, damals . . . das war so . . .

Hans. Na! Ich kann mir nun mal nicht helfen: mir ist der Kerl einfach . . . einfach entsetzlich. (Er schlägt wütend auf den Tisch:) Und daß die Traute gerade auf den Menschen reinfallen mußte, das bleibt mir unerforschlich. (Er faßt sich an die Stirn:) Das war . . . das Schwerste. Das ist immer noch . . .

Paul. Um Gottes willen . . .

Peter (gleichzeitig:) Mein Gott, nun fang bloß davon nicht wieder an! Ich denke, das wär doch nun wohl endlich erledigt.

Hans, (ohne auf sie zu hören:) Und ich Esel hatte sie immer für was Besonderes, für was ganz Apartes 224 gehalten! (Halb für sich:) Ob sie ihn . . . wirklich liebgehabt hat? . . .

Peter (zuckt die Achseln:) »Liebgehabt . . .«

Harold (klopft Hans auf die Schulter:) Hans! Laß doch das! Bitte! Laß doch das! Du quälst dich ja nur.

Moritz (singt gleichzeitig:) »Ach wie veränderlich sind Frauenherzen . . .« Prost, mein Junge: darauf trinken wir!

(Er stößt mit Paul an.)

Hans (halb beruhigt:) Ja, ja . . . Ihr habt ja ganz recht, ganz recht . . . Aber eins – bitte – eins müßt ihr mir noch sagen: verkehrt er noch mit ihr?

Peter (mit einem Blick auf Paul:) Der? Ho! Da kennst du Grobitzsch flach.

Paul ( Peters Blick erwidernd:) Und das Trautchen wohl auch. Wer weiß, wen die jetzt beglückt!

Hans (gedankenlos:) »Das Trautchen?« – Und was . . . sagt mir das noch: was ist aus ihr geworden?

Peter (energisch:) Den Teufel auch: woher sollen wir das wissen?

Paul (gleichzeitig:) Was geht uns das an!

Harold (gewichtig:) Nun reden wir überhaupt mal von was anderm! Ja?! – Mir ist es mit dem Mädchen gegangen, wie dir. Auch ich habe – obgleich ich sie nur ein paarmal mit dir gesehn habe – große Stücke auf sie gehalten. Ich hätte es ihr nie zugetraut. Aber, du lieber Gott, die Sache ist doch nun mal geschehn: sie läßt sich weder wegleugnen, denn die und die haben sie bei Grobitzsch gesehn – noch läßt sie sich beschönigen. – Und nun, zum Donnerwetter: fertig! Schluß!

Moritz. Bei Gott! Ich denke auch . . .

Hans (reicht dem rechts hinter ihm stehenden Harold über die Schulter die Hand. Harold setzt sich wieder an seinen Platz.)

Paul. Großartig! – Ich habe eine Idee! Hast du denn überhaupt schon deine glückliche Ankunft nach Hause gemeldet?

Hans (nimmt sich zusammen:) Nein. – Hast ganz recht, 225 wollen wir gleich machen. Verzeiht mir, daß ich auf die alte Geschichte gekommen bin. Dummheit, aber Grobitzsch . . . na . . . es ist nicht grade nett vom Schicksal, daß ich zu ihm in die Kompagnie komme Habt ihr eine Postkarte?

Moritz. Jawohl! Sensation! Mit Ansicht von der Kaserne – allerneuste Errungenschaft. Drewes! Eine Postkarte!

Ordonnanz (am Büfett stehend:) Eine Postkarte.

(Er nimmt sie aus dem Büfett.)

Hans. Drewes?

Ordonnanz (bringt die Postkarte auf einem Teller.)

Hans. Sie heißen auch Drewes? Sind Sie wohl verwandt mit meinem alten Burschen, dem Wilhelm?

Ordonnanz (stramm stehend:) Jawohl, Herr Leutnant, das war mein Bruder.

Hans. Na, wie so: jetzt nicht mehr?

Ordonnanz. Er ist tot, Herr Leutnant. –

Hans. Tot . . .

(Er schüttelt den Kopf.)

Ordonnanz (geht nach links ab.)

Harold. Wußtest du das nicht? – Der arme Kerl ist im Manöver . . . Typhus . . . Lazarett . . . nach vierzehn Tagen war er tot.

Hans. Hm. – Treue Seele. – Weg. Merkwürdig. Der auch . . . Die ganze Zeit . . .

Paul (schiebt ihm die Karte hin:) Na, los. Schreib mal! Sonst kommt sie nicht mehr mit.

Hans (nimmt die Karte und schreibt.)

Peter (sieht ihm zu, sehr erstaunt:) Was?! »An Fräulein Katharine«?

Hans. Ja, so!

(Er lächelt, klopft ans Glas und erhebt sich.)

Moritz. Aha! –

(Er winkt der Ordonnanz herauszugehen.)

Paul. Endlich!

( Drewes hinten links ab, schließt die Tür.)

Moritz. Der Geist kommt über ihn. 226

Hans. Meine lieben Kerls! Ihr wißt, ich bin nicht so'n geborner Redner, wie unser guter Moritz . . .

Moritz. Oho!

Hans. Aber, nicht wahr? Manchmal kann man nicht umhin. Es hat in dem verflossenen halben Jahre manchen Tag gegeben, an dem ich nicht glaubte – daß ich nochmal so unter euch stehen würde. Und das nicht bloß während meiner Krankheit – auch noch nachher . . . Ein Dolch – wißt ihr? – ein wundervoller, fester, dreikantiger Dolch lag Tag und Nacht . . . (Er wird lebhaft unterbrochen und stutzt, wie aus entfernten Gedanken zurückgerufen.) Wie? Ja, ja – schon gut. Ihr könnt das schwer verstehn, vielleicht . . . ich wünsch es bei Gott keinem von euch, solche Zeiten durchzumachen. – Na aber Gott sei Dank: das ist überwunden . . . in harten Kämpfen, ehrlich, siegreich überwunden . . . für immer!

Peter und Paul. Bravo!

Hans. Ich stehe wieder unter euch! Ich gehöre zu euch!

Alle. Bravo! Bravo!

Hans. Und ihr gehört auch zu mir! Wenn ich daran noch den geringsten Zweifel gehabt hätte, so würd er mir heute genommen sein durch den herzlichen und echt kameradschaftlichen Empfang, den ihr mir bereitet habt. Ich danke euch aus vollem Herzen. – Ich weiß wohl – hab's ja bereits zur Genüge gemerkt, daß mir für die nächste Zeit manches Unangenehme und Bittere bevorsteht. Aber alle Maßregelungen – mag ich sie nun verdient haben oder nicht, können mich nicht mehr wankend machen in der Treue zu meinem Beruf. Ich bin Soldat – wie es mein Vater – wie es mein Großvater war. Ich bin von Herzen glücklich darüber, daß ich im Regiment geblieben bin – in dem Regiment, dem sie beide angehört haben, und ich hoffe, mich ihrer würdig zu zeigen. – Das Regiment! Hurra! Hurra! Hurra! 227

(Alle erheben sich und stoßen mit ihm an, indem sie in das Hurra einstimmen. Sie trinken aus und schütteln ihm die Hand.)

Moritz. Junge, alter Junge! Dabei nennt er mich einen Redner!

Peter (klopft ihm auf die Schulter.) Bravo, lieber Vetter. Siehst du: so gefällst du mir! Sollst mal sehn, nun geht alles wie geschmiert. Einrangiert . . .

Paul. Einrangiert!

Hans (lustig:) Ha, Moritz, was?! Ich rede wie der Vogel singt. Harold, liebster Kerl, mach doch nicht so'n brummiges Gesicht! Einschenken, Moritz, einschenken, dalli, dalli, – ich habe noch was auf dem Herzen!

Peter. Noch nicht zu Ende?

Moritz (gleichzeitig:) Oho – noch 'ne Rede?

Hans. Ne, ne – nur . . . nur 'ne vertrauliche Mitteilung. »Geheim!«

Peter. Hört, hört!

Hans. Ich war schon vorhin nahe dran, es euch zu sagen. Nur der Anblick eines älteren Kameraden hat mich daran gehindert. Aber jetzt – Er sieht nach der linken Tafel hinüber – wo die Luft rein ist . . . wo wir unter uns sind . . . Also – haltet euch fest! Ich, Hans Rudorff, habe mich vor acht Tagen – in Köln am Rhein verlobt – verlobt – und ich – bitte Sie, meine Herrn, ihre Gläser zu ergreifen – und mit mir anzustoßen auf das Wohl meiner Braut: Fräulein Käthe Schmitz – sie lebe hoch! hoch! hoch!

Alle (stimmen ein, trinken aus und schütteln ihm die Hand:) Donnerwetter! Gratuliere! Herzlichen Glückwunsch! Heil! Heil! Ah, daher das Fräulein Katharine . . .

Paul. Das wußt ich! – Pardon!

Hans. Wieso?

Peter (schnell:) Dacht ich's doch! – Die Tochter vom Kommerzienrat? Was?

Hans. Dieselbe! Wenn ihr nichts dagegen habt!

Paul (zu Peter:) Du, Peter: wir und was dagegen haben – 228

Peter (unterbricht ihn.) Still! – Donnerwetter!

Moritz (gleichzeitig:) Unglaublicher Mensch! So'n Glück!

Peter (schreit:) Sekt! Sekt! – Ordonnanz! Sekt, Ordonnanz!!

Die Ordonnanz stürzt herein: Carte Blanche?

Peter. Was?! Pommery!!

Paul. Zwei Flaschen!

Hans (gibt ein Zeichen zum Schweigen:) Das heißt, meine Herrn, nicht wahr? Die Sache ist heute noch geheim – wir sind ja unter uns. Aber! Morgen Vormittag bereits werde ich den Herrn Regimentskommandeur um die Erlaubnis bitten, meine Verlobung veröffentlichen zu dürfen, und am Rosenmontag werdet ihr alle das Vergnügen und die Ehre haben, meine Braut auf dem Kasinoball persönlich kennen zu lernen.

Peter. Hurra! Am Rosenmontag . .

Alle (in großem Tumult durcheinander:) Der Rosenmontag . . . Rosenmontag, es lebe der Rosenmontag!

(Allgemeines Anstoßen. Man hört von draußen Trommeln und Pfeifen – einen Marsch. Zwei Trommeln und zwei Pfeifen.)

Peter (eilt ans Fenster:) Na nu, was ist denn das?

Hans. Ach, mal auf da – die Fenster auf!

(Er geht auch ans Fenster.)

Alle (begeben sich an die Fenster.)

Peter (öffnet das Fenster weit. Man sieht draußen eine Kompagnie im Begriff abzumarschieren.)

Kommandostimme des führenden Hauptmanns (laut, scharf:) Tritt gefaßt!!

Hans (verbeugt sich zum Fenster hinaus.)

Harold (legt Hans gewichtig beide Hände auf die Schultern. Stark:) Hast du verstanden, Hans? » Tritt gefaßt!«

Hans. Ich hab es verstanden, Harold – ich hab es verstanden.

(Er umarmt ihn.) 229

 

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