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Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889

Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889 - Kapitel 9
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authorFerdinand Gregorovius
booktitleRömische Tagebücher 1852-1874
titleRömische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889
publisherVerlag C. H. Beck
editorHanno-Walter Kruft und Markus Völkel
isbn3406348939
year1991
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1859

Rom, 2. April

Heute vor sieben Jahren verließ ich das Vaterland; ich diente also schon sieben Jahre um Rahel.

Am 24. März schloß ich den dritten Band der ›Geschichte der Stadt‹, so daß ich ihn zum Herbst vollendet durchführen kann.

Der Winter wurde gut hingebracht, während angenehme Geselligkeit mit angestrengter Arbeit wechselte. Ich war oft im Hause der Frau Salis-Schwabe. Wir machten kleine Ausflüge, so nach dem Grabmal des Nero, nach Grotta Ferrata etc. Von Engländern lernte ich kennen Cartwright, ein Original, von deutscher Erziehung gleich Odo Russell, der hier diplomatischer Agent Englands ist.

Vor einem Monat kam Heinrich Brockhaus aus dem Orient, ein lebenskräftiger und einfacher Mann; desgleichen der Kirchenhistoriker Karl Haase aus Jena.

Ich erhielt Briefe von Lionardo Vigo und von dem Sizilianer Gallo, dem Schüler Melis.

Ampère kam und brachte mir seine dramatischen Szenen ›Cäsar‹, die unpoetisch sind. Oft sah ich ihn diese Verse im Gehen notieren; denn wenn er in Rom wandert, hat er stets Papier und Bleistift in der Hand. Stets kaut er an einer Zigarre, statt sie zu rauchen. Müßig ist er niemals.

Der Karneval war sehr schön. Wegen der Anwesenheit des kranken Königs von Preußen, des Prinzen von Wales und der Herzöge von Leuchtenberg hatte man Masken gestattet. Ich besuchte den Maskenball im Apollo-Theater.

Die drohende Kriegsfurie hat Rom nicht aufgeregt. Auf dem faulsten Fleck Europas lebt man wie im Traume fort. Und doch sind es nur die fremden Mächte, welche diese Mumie verteidigen, die noch Kirchenstaat heißt.

Die Franzosen bleiben weiter in Rom, die Österreicher in den Marken. Ein Kongreß soll in Baden-Baden zusammentreten.

Abgedruckt sind im ›Morgenblatt‹ ›Die römischen Poeten der Gegenwart‹. Sonst schrieb ich nichts Kleineres.

Hier trat Salvini auf, der beste Schauspieler Italiens. Ich sah ihn als Orosman, dann als Othello. Sein Naturell ist größer als das der studierten Ristori.

Der Frühling ist gekommen. Alles blüht. Mir bangt vor dem Sommer.

 

Rom, 2. Mai

Die Aufregung wird groß. Widersprechende Gerüchte gehen hin und her. Am 27. April erklärte Toskana sich für Piemont, der Großherzog floh, eine provisorische Regierung ward eingesetzt. Novus rerum nascitur ordo.

Täglich ziehen Römer zur Freiheitsarmee ab. Weil so viele Schustergesellen fort sind, hat Pasquino gesagt: »Corrono accommodar lo stivale d'Italia; la Trancia vi mette la sola, l'Austria la pelle, i preti lo spago.«

Ich arbeite in der Sessoriana, in der reizendsten Einsamkeit, wohin ich jeden Morgen durch die öden, feldartigen Viertel Roms wandre. Dort benutzte ich die Abschriften Fatterchis von den Urkunden aus Monte Amiata und Subiaco. Die Mönche, die schon im Jahre 1848 entfliehen mußten, fürchten sich. Ich lernte dort Monsignor Liverani kennen, der das Leben Johannes X. schreibt. Mit den Damen war ich einmal in Albano und Nemi, dann in Frascati.

 

Abends, 2. Mai

Die Florentiner provisorische Regierung hat dem König von Sardinien die Ordnung des toskanischen Staats übertragen. Ulloa, einst Verteidiger Venedigs, kommandiert die toskanische Armee.

Heute Gerücht: Parma habe sich pronunciert, Bologna sich erhoben und die Österreicher verjagt. Es wird schwül in Rom, wie als brütete ein Verhängnis in der Luft.

Heute kamen mit der Post acht Aushängebogen vom zweiten Bande der ›Geschichte Roms‹.

Ich ahne, daß ich heimkehren muß – wenn nämlich hier der Sturm losbrechen sollte.

 

Rom, 11. Mai

Die Österreicher haben am 29. April den Ticino überschritten. Giulay kommandiert sie.

Rom ist still und schwül, wie aus der Welt verloren, wie in sich eingesponnen und verzaubert. Der Scirocco weht auch immerdar. Die aufgeregtesten Momente der Zeit fallen hier wie tonlos in die Ewigkeit nieder.

Ich kann nichts arbeiten.

Am 29. April kündigte die ›Allgemeine Zeitung‹ den ersten Band meiner ›Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter‹ an. So fällt ihr Beginn in diese dem Anschein nach alles umwandelnde Revolution Italiens; und in welche Zeit wird wohl ihr nicht abzusehendes Ende fallen? Werde ich überhaupt diese große Aufgabe je vollenden dürfen?

Ich bin aufgeregt: unter mir wanken die kaum mit großer Mühe gelegten Fundamente meines Daseins.

 

Rom, 27. Mai

Tiefe, sonderbare Ruhe hier. Heimlich reisen viele Römer nach Piemont ab. Buoncompagni ist des Königs Kommissar in Toskana. Die Österreicher rückten ganz närrisch hin und her in der Lomellina, statt sich kühn auf Turin zu stürzen. Am 12. Mai kam Napoleon nach Genua; Hauptquartier in Alessandria. Am 20. Niederlage der Österreicher bei Montebello und Corteggio.

Am 21. sonntags starb König Ferdinand von Neapel, und sein junger Sohn Franz II. bestieg den blutbefleckten Thron. Auch dort bricht demnach ein neuer Zustand ein.

Am 24. Mai begann ich meine Arbeiten in der Vaticana. Die gute Aufnahme, die ich dort beim Kustoden San Marzano fand, verdanke ich wohl dem Briefe Reumonts an Kardinal Antonelli.

Ampère kam aus Paris mit der fertig gedruckten französischen Übersetzung meiner ›Grabmäler‹. Er nennt die gerechte Sache Italiens durch den Abenteurer Napoleon vergiftet und ist dadurch in peinlichen Widerspruch mit seiner Vaterlandsliebe oder doch seinem Franzosentum geraten. Ampère ist Orléanist.

 

Rom, 9. Juni

Die Ereignisse sind reißend schnell einander gefolgt. Am 31. Mai wurden die Österreicher bei Palestro, am 4. Juni bei Magenta geschlagen. Gestern hielten Napoleon III. und Viktor Emanuel ihren Einzug in Mailand. Der österreichische Kaiser ist in Verona. Alles verwundert sich über Giulays schlechte Führung.

Die Nachricht von Magenta erweckte hier einen wahren Freudentaumel. Sie kam um 5 Uhr abends an. Das Volk wogte durch den Corso; man pfiff die Gensdarmen aus. Am 6. abends große Illumination. Zuvor hatte der General Goyon eine Proklamation erlassen, worin er die Römer zur Ruhe aufforderte. Der Korso war gedrängt voll, aber alles bewegte sich still vorwärts. Überall Bildnisse Napoleons und seiner Generale, Viktor Emanuels und Garibaldis in seinem phantastischen Kostüm. An allen Fenstern sieht man die Schlachten von Marengo, Roveredo, Arcole, Lodi etc. – Diese Epoche scheint wieder da; der Neffe des Onkels erschöpft die Nachahmung vielleicht bis zu Waterloo.

Der Klerus zittert. Was wird Preußen tun? Prinz Napoleon ist in Florenz eingezogen. Neapel blieb still. In S. Maria Maggiore war Totenmesse für den König Bomba, und abends sah ich die Kirche festlich drapiert und einen großen Katafalk darin aufgerichtet. Ich war mit Alertz da; es war eine sehr schöne Szene.

Die letzten Druckbogen von Band II sind angekommen und zurückgeschickt. Ich arbeite fort in der Vaticana. Abends spaziere ich auf dem Pincio, wo es schön still ist. Rom in tiefstem Schweigen, die Luft warm und klar.

 

Rom, 16. Juni

Gestern kamen Nachrichten, daß die Österreicher Ancona und Bologna geräumt, wo eine Munizipalregierung unter Pepoli eingesetzt ist, und daß in Perugia der Aufstand ausgebrochen sei. Es rückte deshalb das päpstliche Schweizerregiment unter Oberst Schmidt eilig dorthin ab. Baraguay d'Hilliers hat die Österreicher bei Melegnano geschlagen, und sie haben sich vielleicht schon über den Oglio zurückgezogen. Sie haben auch Pavia und Lodi geräumt, das Kastell von Piacenza in die Luft gesprengt – und sie konzentrieren sich an der großen Mincio-Linie. Schlick hat an Stelle Giulays den Oberbefehl.

Heute kam die Nachricht vom Tode Metternichs. Er starb am 11. Juni, 87 Jahre alt. Der letzte Repräsentant der veralteten Zeit erlebte noch den kläglichen Sturz seines habsburgisch-papistischen Lügensystems. Die Lombardei ist für Österreich verloren, und das wird ein Glück sein. Dieser Rest der mittelalterlichen Reichsgewalt hat Deutschland nur Unheil gebracht, da seinetwegen Österreich zum engsten Anschluß an das Papsttum und zum Aufgeben seiner Mission an der Donau genötigt worden ist.

Alle hiesigen Deutschen sind fanatisch für Österreichs Sache, und ich schweige still.

Ich war gestern oben auf Aracoeli, und genoß dort der schönsten Ansicht von Rom, namentlich auf der Seite, wo die Türme delle Milizie, Colonna, del Grillo, Conti, Capocci, kurz das wesentliche Mittelalter sichtbar werden.

Vor drei Monaten wurde Napoleon hier verwünscht, Orsini war ein Heros, Mazzini der um Italien hochverdiente einzige wahre Patriot – heute ist Napoleon ein Gott, Orsini ein Fanatiker, Mazzini nur noch ein Narr. Wenn ich den Italienern in ihrer Begeisterung für diesen Napoleon dessen Vergangenheit vorhalte und aus seiner Stellung und eigenen Notwendigkeit Schlüsse ziehe, so sagen sie mir: Wenn der Teufel selbst uns ein Bündnis anbietet, so verschreiben wir uns ihm, wenn er uns nur Österreich vom Halse schafft.

In dieser ganzen Umwälzung wird mir das Merkwürdigste sein die Gestaltung der Dinge im Kirchenstaat. Roma stat antiquis erroribus.

 

24. Juni

Vorgestern kam die Nachricht, daß das Schweizerregiment Perugia nach einem dreistündigen Kampf genommen habe, wobei acht Mann Tote, von den Perugianern einige siebenzig Tote blieben. Der Papst hat den Oberst Schmidt sogleich zum General gemacht. Fast alle Städte der Romagna haben sich unter die Zentral-Giunta Bolognas gestellt; Ancona hat die päpstlichen Truppen in das Kastell gesperrt und eine Munizipalregierung eingesetzt. Aber der Antrag dieser Städte an Viktor Emanuel, die Regierung in die Hand zu nehmen, ist abgelehnt worden, da dies dem Versprechen, die Neutralität des Kirchenstaats zu achten, zuwiderläuft. Die Romagna ist dadurch in große Verlegenheit geraten; man spricht sogar vom Eintreffen einer bolognesischen Deputation an den Papst.

Die Stimmung in Rom wird düsterer. Die Demonstrationen des Volks vor S. Luigi dei Francesi, wohin der französische General Goyon sonntags zur Messe fährt, unterbleiben nur, weil das Militär sie auseinandertreibt. Auch das Café im Corso, wo die Bulletins geschmiedet werden, wird überwacht. Fast 5000 Römer sind zum Kriege abgegangen und die patriotischen Gaben sehr bedeutend.

Seit zehn Tagen bleibt die lombardische Post aus, daher auch die deutsche. Ich bin ohne Zeitung und ohne Briefe.

Die Prozession zu Corpus Domini war sehr dürftig. Das Volk blieb aus, und von den Kardinälen hatten viele plötzlich Husten, Fieber, Katarrh und lahme Beine.

 

Rom, 26. Juni

Die Einnahme Perugias war blutig. Diese fremden Söldner, der Auswurf von ganz Europa, haben wie in einer türkischen Stadt gehaust, dreizehn Stunden lang geplündert, in den Häusern massakriert, und man sagt selbst Nonnen geschändet. Eine toskanische Deputation ist an Napoleon abgegangen, ihm diese Greuel vorzutragen. Wenn der Papst nur Tage gewartet hätte, so würde Perugia von selbst sich unterworfen haben. Die Lust, wieder einmal den Fürsten zu machen, wird ihn viel kosten. Die Römer sind erbittert. Wären hier nicht 4000 Mann Franzosen, so würde man manchen Priester an die Laternenpfähle hängen.

Gestern kam das Bulletin von der großen Schlacht bei Solferino vom 24. Juni. Die Österreicher haben nach einem Verlust von 30 Kanonen und 6000 Gefangenen die erste Mincio-Linie aufgeben müssen. Die Sache kämpft gegen sie. Preußen hat sechs Armeekorps mobil gemacht!!!

Eine große Zukunft bereitet sich vor. Aber ich fürchte, Deutschland wird eine schreckliche Krisis durchmachen, ehe es sich neu organisiert. In die Hände Preußens ist das Wohl und Wehe des Vaterlandes gelegt.

 

Rom, 2. Juli

Der Papst hat das Konsistorium der Kardinäle versammelt und eine Allokution gehalten, worin er die Unruhestifter im Kirchenstaat mit der Exkommunikation bedroht. Der König von Sardinien ist nicht namentlich erwähnt. Am Schluß tröstet sich der Papst mit dem Gedanken, daß »Unser vielgeliebter Sohn« Napoleon III. erklärt habe, die Unabhängigkeit des Kirchenstaats zu respektieren. Gleichwohl las ich gestern im ›Monitore di Toscana‹, daß Pinelli als Kommissar Sardiniens gekommen ist und der Zentral-Giunta gemeldet habe, es werde Massimo d'Azeglio nächstens eintreffen, um die Romagna militärisch zu organisieren. Demnach scheint Viktor Emanuel dennoch vorgehen zu wollen, und das Prinzip der Neutralität des Kirchenstaats wird umgestoßen. Hier sprengt man das Gerücht aus, daß 18 000 Bolognesen nach Perugia marschieren wollen, diese Stadt zu befreien. Obwohl Ancona und andere Städte der Marken sich wieder unterworfen haben, so ist doch ihr Abfall vorauszusehen. Der Papst zieht Truppen zusammen gegen Bologna. Die Lage Roms wird immer sonderbarer. Ein Funke reichte hin, die Mine zu sprengen und den gesamten Klerus fortzufegen. Aber die Bevölkerung richtet sich nach der Vorschrift Napoleons und Viktor Emanuels. Alles ist still – nur hie und da Gruppen auf den Straßen, namentlich vor den Schaufenstern, wo die Porträts der französischen und piemontesischen Generale und selbst der österreichischen Anführer aushängen, und grelle Bilder von den Schlachten bei Montebello und Palestro zu sehen sind. Die Gesichter der Römer sind lebendige Thermometer der Ereignisse. Wenn Bulletins kommen, sieht man Menschen mit ihnen in der Hand durch die Straßen gehen; in allen Cafés werden sie abgeschrieben. Die Stadt ist in zwei große Parteien geteilt, die klerikale und die nationale – dazu kommen die Franzosen und die Deutschen, welche wieder in zwei Parteien zerfallen, die miteinander hadern. Sechs Tage lang kamen keine Depeschen nach den ersten von Solferino. Die Römer schwebten in großer Pein; es hieß, die Österreicher hätten wieder die Oberhand. Auch heute sind noch keine Nachrichten da, außer daß die Alliierten den Mincio überschritten haben.

Die Mobilmachung Preußens macht alles bestürzt, zumal die Absichten verhüllt sind. Ich fürchte für die Lombardei, daß sie am Ende doch nur eine halbe Freiheit gewinnt. Schon jetzt bemerke ich Zeichen der Uneinigkeit bei den Italienern, denn die Genuesische Zeitung spricht sich in scharfen Artikeln gegen gewisse partikulare Gelüste in Toskana aus. Hier in Rom erlaubt die Polizei keine andren Zeitungen als die Genuesische, die ›Débats‹ und die ›Allgemeine‹. Die Italiener sind wie Kinder; sie glauben, in zwei Monaten frei sein zu können. Wäre dies auch der Fall, so werden sie doch ein Chaos zu ordnen haben. Und was werden schließlich die Absichten Frankreichs sein?

In Venedig haben die Österreicher einen Tumult unterdrückt. Nachrichten aus Sizilien sprechen von großer Gärung im Lande. Der König von Neapel hat eine Amnestie erlassen, Filangieri ins Ministerium genommen. Doch dies reicht nicht hin.

Ich war wieder am Fest S. Peter und Paul in den Grotten des Vatikan, und dachte am Grabe Ottos II. über die Geschicke Italiens und Deutschlands nach. Die Kuppelbeleuchtung war herrlich, das Schauspiel der Girandola durch nichts gestört. Die Abendstunden in der Villa Borghese sind jetzt das reizendste, was ich genieße.

Gestern kamen wieder Aushängebogen der ›Geschichte der Stadt‹ durch die österreichischen Heere durch; ich habe sie teuer bezahlt. Die Cotta'schen Wechsel trafen richtig, wenn auch stark verspätet, ein.

In dieser großen Spannung, im ewigen Widerstreit von Befürchtungen, Hoffnungen, Meinungen, kann ich nichts arbeiten, außer kleinen Verbesserungen am dritten Bande. Ich bereite alles vor, daß ich abreisen kann, wenn es sein muß.

Ich betrachte die Unabhängigkeit Italiens als ein heiliges Nationalrecht; und wenn jeder Österreicher in der Lombardei mein leiblicher Bruder wäre, ich wollte selbst die Italiener antreiben, ihn zu verjagen. Nur kann ich den Gedanken nicht vertragen, daß sich ein Mensch wie Napoleon mit dem Ruhm, ein Volk befreit zu haben, schmücken darf. Deutschland wird sich verjüngen: Preußen ist das Piemont in ihm. Das protestantische Prinzip wird siegen, aber durch die mögliche Zerstörung der weltlichen Gewalt des Papstes wird sich der Katholizismus wieder energisch konzentrieren, und ein religiöser Prinzipienkampf steht bevor.

 

Nettuno, 11. Juli

Die Hitze trieb mich aus Rom. Ich reiste am 7. um 5 Uhr morgens hierher, und logierte mich in der Casa Fiorilli ein.

Gestern ritt ich mit Müller nach Astura, durch den herrlichen Wald. Pasquale ist nicht mehr Lieutenant im Turm; die Besatzung war des Kriegs in den Legationen wegen herausgenommen, bis auf den Marschall.

Hier keine Zeitung – keine Briefe – kein Gerücht – alles wie aus der Welt nur Fische und Fischer, Himmel und Meer. Ich will noch acht Tage lang hier baden und sonst nichts tun.

 

Nettuno, 14. Juli

Am 9. wurde zu Villafranca der Waffenstillstand abgeschlossen und unterzeichnet vom General Heß und Marschall Vaillant.

Gestern fuhren hier fünf große Dampfer in einer Reihe am Kap der Circe vorbei, ein schönes Schauspiel und das letzte Zeichen des Krieges.

Heute kam die Nachricht vom Frieden. Das Bulletin lautet so: der Friede ist geschlossen zwischen den Kaisern. Der Kaiser von Österreich tritt die Lombardei an den Kaiser von Frankreich ab, welcher damit dem König von Sardinien ein Geschenk macht. Österreich reserviert sich II Veneto. Jemand, der aus Rom kam, erzählte mir, daß die Enttäuschung dort groß sei. Man spricht von der Einrichtung eines italienischen Bundes, an dessen Spitze der Papst treten soll – eine Ungeheuerlichkeit. Offenbar will Napoleon die Freiheit Italiens nicht, um seine Hand hier auf dem Lande zu halten.

Neben mir wohnt als Badegast eine Frau aus Marino, vom Mittelstande, welche von dem italienischen Krieg nicht ein Sterbenswort wußte, und von nichts anderm gehört hatte als von der guerra di Perugia. Als ich mich darüber wunderte, meinte sie: nur in den Cafés wüßten die Menschen von dem, was in der Welt vorgeht; denn da seien die Zeitungen, sie aber lebe nur für ihr Haus.

 

Nettuno, 15. Juli

Heute schickte mir Alertz aus Rom das Friedensbulletin, datiert Paris 12. Juli. Venezien, welches Österreich behält, wird gleichwohl zur italienischen Konföderation gehören, deren Ehrenhaupt der Papst sein soll. Dieser Friede ist demnach nur von Stroh.

 

Rom, 22. Juli

Am 20. morgens 4 Uhr fuhr ich mit dem Maler Müller nach Rom zurück.

Der Friede hat hier tiefe Bestürzung hervorgebracht, nur der Klerus jubelt. Seit heute ist ein dreitägiges Dankfest in den Kirchen angeordnet. Kein Mensch weiß sich das plötzliche Nachgeben Napoleons zu erklären. Die Römer sind stumm. Die Stadt, schon wegen der Sommerhitze ausgestorben, bietet das eigentümlichste Schauspiel dar. Noch hängen in den Schaufenstern die Bildnisse der Kriegsfürsten, die Schlachtszenen, aber kaum ein Mensch steht davor. Gestern wurde noch im Café dei Convertiti ein Bulletin angeheftet, welches die Rede Napoleons vor dem gesetzgebenden Körper vom 20. Juli bringt, worin er sagt, daß er im Angesicht des bewaffneten Europas, welches ihn würde zu gleicher Zeit am Rhein wie an der Etsch zum Kriege gezwungen haben, den Frieden habe annehmen müssen; daß die italienischen Fürsten zugesagt hätten, Reformen einzuführen. Heute verbreitet sich das Gerücht, der Papst wolle eine Konstitution erlassen (!).

Massimo d'Azeglio hat Bologna verlassen, wo übrigens alles Volk in Waffen steht, willens, dem Papst zu trotzen. Die Einmischung Viktor Emanuels in der Romagna hat der italienischen Sache geschadet – Napoleon ist deshalb einem Bündnis mit der anwachsenden Revolution aus dem Wege gegangen.

 

Genazzano, 28. August

Dienstag abends am 26. Juli fuhr ich von Rom nach Genazzano, wo ich in der Casa Gionne sehr gut wohne. Hier sind Lindemann und die estländische Familie Mohrenschild. Ich begann sofort am 28. den ersten Akt eines Dramas ›Otto III.‹, den ich beendigt habe. Ich schreibe hier die Abhandlung über die Volkslieder Siziliens. Die Tage gehen still und schön dahin, ich lese viel Virgil. Zwei Ausritte habe ich gemacht, am 23. August nach Palestrina, am 25. nach Pisciano über S. Vito. Die Hitze war auch hier sehr groß. In Rom stieg sie auf 35 Grad. Dann kamen zu Anfang August mehrtägige Regen und ein starkes Gewitter mit Hagel, welches einen Knaben erschlug.

Die letzten Aushängebogen des zweiten Bandes sind angelangt.

Die politische Lage Italiens wird durch die Stärke des Nationalprinzips verändert. Dies dürfte die Pläne Napoleons und die des Papsts doch durchkreuzen.

Bologna und die Romagna stehen in Waffen; Toscana, dessen Großherzog am 21. Juli zu Gunsten seines Sohnes Ferdinand abgedankt hat, erklärte soeben durch Landesversammlung den Anschluß an Piemont. Das Heer kommandiert Garibaldi. Parma und Modena, wo Farini Diktator ist, weigern sich, unter die Herzöge zurückzukehren. Unterdessen ist der Kongreß in Zürich versammelt. England rüstet mit großem Geräusch seine Küstenverteidigung.

 

Rom, 14. September

Am 11. ritt ich mit dem Maler Müller nach Segni, am 13. von Norma nach Cori. Abends um 8 Uhr trafen wir wieder in Rom ein.

 

Rom, 29. September

Die Legationen stehen in Waffen. Überall wird die Vereinigung mit Piemont erklärt. Wie unter einem Zauber bildet sich ein neues Italien. Viktor Emanuel hat die Abgesandten empfangen, zwar die Vereinigung der Länder nicht direkt angenommen, aber diese zum kräftigen Ausharren ermahnt.

Der Papst zieht Truppen bei Pesaro zusammen, aber seine Übereinkunft mit Spanien wegen eines Hilfskorps ist mißglückt.

Völlige Ruhe in Rom.

Ich gehe morgen nach Monte Cassino, wohin mich Calefati eingeladen hat.

 

Sora, am Liris, 4. Oktober

Am 30. September kam ich nach Genazzano. Von dort ritt ich am 2. Oktober mit Francesco Romano über Paliano und Anagni nach Ferentino. Es war hier das Fest der S. Maria del Rosario. Die schöne Tracht der Campagnolen machte ein prächtiges Gemälde, aber der wüste Götzendienst erregte mir Ekel. Wird dies heidnische Wesen noch lange fortdauern? Ist es nicht endlich Zeit, diese Religion der Zauberei abzuschaffen? Ich empfand Sehnsucht nach meinem Vaterlande.

Am 6. Oktober ritt ich nach Veroli, von dort weiter bis Casamari, und so nach Sora am Liris.

 

Arpino, 5 Uhr nachmittags

Ich bin hierhergefahren von Sora, wo ich übernachtet hatte.

 

Monte Cassino, 6.

Oktober Am 5. fuhr ich auf einem Char-à-Banc von Arpino weiter. Überall neapolitanische Truppen, Lanzenreiter und Infanterie. Sie zogen nach den Abruzzen, wohin bereits 40 Kanonen abgegangen sind, da man dort den Einmarsch der Garibaldischen fürchtet.

Hie und da verlassene Burgen. Die Straße biegt vor San Germano um. Man durchzieht einen Eichenhain und sieht die freundliche Stadt vor sich unter einem Felsen liegen, den die schöne Burg Janula krönt. Man kommt an dem Amphitheater vorbei. Rings blaue Berge im Halbkreise. Der Fluß Rapido durchfließt die Ebene, woraus inselartig der Monte Trocchino aufsteigt.

Ich ritt zu Esel den 3 Miglien langen Weg zur Abtei hinauf. Freundlich empfing mich Calefati, und bald darauf der berühmte Tosti, der mir im Refektorium beim Abendessen Gesellschaft leistete.

Ich schlief gut zu Nacht, wanderte am Morgen um die Abtei her, sah die zyklopischen Mauern, die Kirche, die Höfe und arbeitete sodann im Archiv. Das hat 800 Codices und viele tausende von Urkunden.

Heute früh spazierte ein prächtiger Rabe in mein Zimmer. Als ich ihn streicheln wollte, biß er mir den Finger blutig. Wie in Subiaco werden also auch hier diese heiligen Raben ernährt.

 

abends

Vorhin kam Tosti zu mir herein und erzählte, daß Nachricht von Frosinone gekommen sei: die Franzosen rückten gegen die Grenzen Neapels, und in Civitavecchia seien neue Truppen ausgeschifft. Es scheint eine Kombination zwischen Österreich, Rom und Neapel getroffen, eine Gegenbewegung zu veranstalten. Das projektierte neue System in Folge des Friedens von Villafranca soll im Keim erstickt werden.

Hier sind die Polizeimaßregeln sehr streng. Ein Ministerialbefehl kam aus Neapel, welcher verordnet, jeder Mönch von Monte Cassino müsse, wenn er seinen Ort verlassen wolle, in seinem Paß angeben: den Zweck seiner Reise und sein Domizil an dem Bestimmungsort. Seit 1848, wo Tosti exiliert war, hat er sein Kloster nicht mehr verlassen.

Die Dinge in Neapel nehmen eine böse Wendung. In diesen Tagen sind viele Edle in der Stadt eingekerkert worden. Das Regiment ist in den Händen der bigotten Königin-Witwe und des österreichischen Ministers.

Das hiesige Klosterseminar zählt über 120 Schüler, aus allen Teilen des Königreichs. Sie sind jetzt auf Ferien. Nur einige kräftige Jünglinge, aus Aquila und Tagliacozzo, blieben hier. Ich machte heute mit ihnen einen Spaziergang nach dem Berg Cairo. Sie fragten mich, ob es wahr sei, daß in Preußen, welches der Musterstaat überhaupt sei, alle Menschen studieren müßten, selbst auf den Dörfern. Sie wußten alle von Humboldt, und selbst der Doganenbeamte in Isola sprach gleich von ihm, als er hörte, daß ich ein Preuße sei. Derselbe Mann wußte nichts von der Existenz des Horaz.

Ich speise im Refektorium, eine Stunde später als die Mönche, in Gesellschaft eines Neffen von Ernst Moritz Arndt, der hier ehedem zwei Jahre Novize gewesen war, dann aber nach Neapel ging, wo er jetzt Lehrer an einer Militärschule ist. Er erzählte mir von der Rebellion der Schweizer und sagte, sie sei durch französisches Gold angestiftet worden.

Die Mönche haben auch ein Billardzimmer, wo ein Laienbruder nach Wunsch Café einschenkt.

 

Monte Cassino, 7. Oktober

Ich arbeite von 8 bis 1 Uhr im Archiv; dann Mittagstisch; darauf wieder Arbeit bis 4, hierauf Spaziergang. Im Archiv hängt das Bildnis des Polizeiministers del Caretto in voller Uniform, was mich befremdete. Tosti klärte mich über den Grund davon auf. Vor der Revolution von 1848 war es dieser verhaßte Mann, welcher dem Kloster eine eigene Druckerei bewilligte und auf den Plan Tostis und des Abts einging, ein allgemeines Journal, das Athenäum Italiens, zu gründen, an welchem alle italienischen Gelehrten jeder Farbe, selbst die Verbannten, teilnehmen sollten. Es sollte in Monte Cassino erscheinen. Programme, Briefe wurden ausgesendet. Cesare Balbo hatte dafür sein Kompendium italienischer Geschichte zugesagt, Gioberti sein Werk ›del Primato d'Italia‹. Rosmini, Silvio Pellico, Manzoni, Cantù, alle wollten Beiträge liefern; und so begann die unitarische Bewegung Italiens eigentlich in diesem Kloster. Gioberti sprach sich öffentlich mit Entzücken darüber aus; er griff in einem seiner Werke die Jesuiten an und erhob dagegen die Benediktiner als die liberale Schule der Wissenschaft. Dies machte böses Blut; das Projekt wurde angefeindet und Monte Cassino als Zentrum des Unglaubens und der Demokratie denunziert. Bald darauf trat die Reaktion ein. Die Druckerei wurde den Cassinesen entzogen; mehrere wurden verbannt, darunter Tosti, welcher nun eine Zeit lang in Rom und in Toscana lebte. Das Bild del Carettos blieb als Denkmal einer schönen Hoffnung, wozu dieser berüchtigte Minister unwissend beigetragen hatte. Die klugen Benediktiner hatten ihn an seiner Eitelkeit gefaßt. Seit zehn Jahren ist das Verhältnis zwischen der Regierung und dem Kloster nicht mehr hergestellt, und Tosti nennt diese Zeit il decennio plumbeo.

Er erzählte mir, daß er als Knabe von acht Jahren ins Kloster gekommen sei. Er habe damals noch alte Mönche, Gelehrte aus dem vorigen Jahrhundert gefunden, wie Alfonso Federici, de Fraga, ferner einen Urneffen des verdienten Gattula. Diese bestäubten Figuren einer alten Zeit, mit der Patina der Vergangenheit umzogen, wie er sich treffend ausdrückte, weihten ihn in die historische Tradition des Klosters ein, so daß er schon als Jüngling von 18 Jahren seine Geschichte Monte Cassinos begann. Seit Petrus Diaconus, dem Fortsetzer des Leo Marsicanus, so sagte er, habe sich bis auf das Ende des 18. Jahrhunderts die Tradition der Cassinischen Geschichtschreibung erhalten, und er beklagte, daß dieser große Charakter erloschen sei.

Der jedesmalige Archivist (heute Don Sebastiano Calefati) ist beauftragt, das Journal des Klosters und der Zeitereignisse zu führen.

Ich besuchte eben den Abt, welcher gestern von einer Reise zurückkam. Papalettere ist ein stattlicher Mann in den Fünfzigern, groß und korpulent. In seinen einfachen, aber doch eleganten Zimmern kam er mir mit Würde entgegen, das goldne Kreuz an einer Kette auf der Brust. Er macht den Eindruck eines Abtes, der sich auch in der Zeit des Verfalls bewußt ist, daß seine Vorgänger fürstlichen Rang hatten und einen Feudalstaat regierten. Er war ehemals Anhänger der deutschen Philosophie und fing an, deutsch zu lernen, kam aber nicht weit damit, sondern beauftragte für diese Wissenschaft seinen Schüler Nicola d'Orgemont, einen jungen Belgier, der als Kind von 8 Jahren hergekommen war, und nun schon 25 Jahre in Monte Cassino lebt. D'Orgemont zeigte mir in seiner Zelle die Werke von Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Klopstock und vieler unserer Philosophen, sowohl im Original als in französischen Übersetzungen. Eine philosophische Tradition hat sich seit Pythagoras in Süditalien erhalten, welches Thomas von Aquino, Giordano Bruno, Campanelli, Genovesi und zuletzt Galuppi, einen Empiristen mit Anlehnung an die schottische Schule Stewarts, hervorgebracht hat. Galuppi hat das Verdienst, die philosophischen Studien wieder belebt zu haben. D'Orgemont rühmte mir den Scharfsinn und Eifer der Abruzzesen, deren es manche im hiesigen Kollegium gibt, welches etwa 20 Schüler begreift, und im Seminar, wo 120 unterrichtet werden. Die Zahl der Benediktiner beschränkt sich gegenwärtig auf nur 20.

Calefati, der als zehnjähriger Knabe ins Kloster kam, sammelt Dokumente bezüglich auf die byzantinische Epoche Neapels. Dies Unternehmen ist vom Direktorium des Kultus angeordnet.

Heute kam hier die Nachricht von der Erhebung Roms und der Flucht des Papsts; doch dies sind wohl Märchen.

 

Monte Cassino, 12. Oktober

In diesen Tagen war hier Augustin Theiner. Er gleicht einem ergrauten Eremiten. Nichts Freies, Geniales, Menschliches ist in dieser Persönlichkeit zu erkennen. Die Wissenschaft Theiners ist nur geistloser archivalischer Stoff.

Tosti las mir gestern aus seinen Prolegomenen zur Geschichte der Kirche vor.

Das hiesige Archiv ist in musterhafter Ordnung. Die Diplome der Kaiser, Fürsten, Päpste belaufen sich auf circa 3400, die cartae minores auf 30 000.

Für meinen Zweck fand ich wenig, außer einigen Dokumenten im Registrum des Petrus Diaconus, und einigen Diplomen, Campagna-Orte betreffend, wie Ferentino, Babuco, Veroli, Ceccano.

 

Monte Cassino 13. Oktober

Heute habe ich zwölf Stunden gearbeitet.

Die Mondnächte sind jetzt feenhaft schön, – die Berge von Cervara und Rocca d'Evandro in silberne Lichtschleier gehüllt. Auf der Campagna brennen Feuer, Hunde schlagen in fernen Orten an. Dann und wann ein Nebelphantom, welches plötzlich wie ein Vorhang zehn Schritte an meinem Fenster vorüberzieht. Des Morgens ist in der Regel tief unten die Campagna mit weißem Gewölk bedeckt.

Gestern hörten wir deutlich ein Kanonieren in Gaeta. Heute besuchte das Archiv die Familie des Fürsten Pallavicini-Rospigliosi, durchreisend nach Rom. Jeden Tag hospitieren die Mönche Gäste; gestern speisten deren 47 im Refektorium.

Mein Zimmer ist hoch und im Kreuz gewölbt. Es erinnert mich an mein väterliches Schloß Neidenburg.

 

Monte Cassino, 15. Oktober

Heute schenkte mir Tosti seinen ›Bonifazius VIII.‹; Er erzählte mir eine seiner ungedruckten biblischen Poesien in Prosa, unter dem Titel ›Uriel‹, welche voll von dichterischer Phantasie ist. In diesem außerordentlichen Menschen flammt ein tiefer und schöner Geist. Es ist alles Intuition in ihm, er arbeitet oder studiert wenig, er schöpft alles aus sich selbst. Wenn er spricht, lacht er herzlich – es ist das Lachen eines glücklichen Gemüts, das von Ehrgeiz niemals gequält wurde. Trotzdem liegt in seinem Blick etwas von überlegener Klugheit, was plötzlich den Stoff zu einem Kirchenfürsten verrät; es ist der ererbte Geist der Benediktiner-Aristokratie in ihm. Tosti lebt im Zusammenhange mit den Geistern, die von Monte Cassino aus in die Welt gewirkt haben. Er sprach sehr gut über das Zölibat und den genealogischen Menschen im höheren wie niederen Sinne.

Calefati ist still und kränklich. Seine Welt sind seine Diplome. Er erzieht sich seinen Nachfolger an Cesare Wandel. Oft stören ihn die Besuche Neugieriger, die er immer mit Gleichmut befriedigt.

 

Monte Cassino, 16. Oktober

Ich war unten in San Germano, sah das alte Amphitheater, wo jetzt geackert wird, die Hügel, auf denen einst die Villa Varros stand, und mietete ein Fuhrwerk nach Ceprano für übermorgen.

Eben war Tosti bei mir. Er erzählte mir viel aus der Zeit der Verfolgung der Benediktiner im Jahr 1849, wo Papalettere mehrere Monate im Gefängnis saß. Auch Tosti war beschuldigt, der Sekte der Pugnalatori anzugehören, wurde im August jenes Jahres vor die Polizeipräfektur nach Neapel zitiert, und entging nur durch den Einfluß wohlwollender Freunde dem Gefängnis. Lord Temple hatte ihm ein Schiff nach Smyrna zur Flucht angeboten; Gladstone, der damals in Neapel war, enthusiasmierte sich für ihn. Damals war auch der Papst dort. Tosti ging zu diesem und erschütterte ihn durch kühne und energische Reden; denn Pius IX. hieß alles gut, was der König, welcher die Benediktiner, wie jedes literarische Talent, haßte, gegen den Orden im Schilde führte. Er stellte Tosti die Wahl zwischen einem Dekret der Säkularisation und einem Paß für seine Staaten. Das erste verwarf Tosti als unwürdig seiner und des Papsts, das andere nahm er an und lebte eine Zeit lang im Exil zu Rom und Florenz. Damals hatte er seinen ›Abälard‹ geschrieben.

Im letzten Jahre Gregors XVI. war Tosti zum Kardinal vorgeschlagen, und Gregor starb darüber. Es wäre sehr zu wünschen, daß er Kardinal würde.

Papalettere war beschuldigt worden, in seinen Lektionen der Philosophie pantheistische Lehren zu verbreiten. Er ist seit anderthalb Jahren Abt. Jetzt werden die Äbte nur auf sechs Jahre gewählt.

 

Monte Cassino, 17. Oktober, Montag

Es ist die Absicht des Archivars Calefati, ein Regestum sämtlicher Diplome Jahr für Jahr zu edieren, in Weise der Regesten Böhmers und Jaffes. Desgleichen beabsichtigt er ein Corpus legum, in welchem das langobardische Gesetz, das kanonische Recht, die Konstitutionen der Äbte von Monte Cassino, namentlich in Beziehung auf die Kolonial- und Zivilverhältnisse ihrer Besitzungen, die normannischen und die schwäbischen Gesetze usw. nach den Epochen enthalten sein sollen. Diese Sammlung soll mit dem ältesten Gesetzbuch des mittelalterlichen Italiens, mit der Regel Benedikts, beginnen. Das langobardische Recht hat sich in Monte Cassino bis ins 13. Jahrhundert aufrecht erhalten, und Fälle von Anwendung des Justinianischen Codex kommen nicht vor. Der Justinianische Codex Nr. 49, den ich heute sah, ist aus Saeculum X. Bluhme sah ihn im Januar 1822 und hat auf die Aufforderung des Archivars Fraga Frangipane eine Note in den Katalog geschrieben, worin er die große Wichtigkeit desselben beglaubigt.

Ich sah heute Autographe der Vittoria Colonna, mehrere Briefe an das Kloster – auf schlechtem Papier, mit sehr ausgeschriebener, fast männlicher Hand.

Tosti, Calefati und Wandel nahmen mit mir in einem schönen Zimmer ein solennes »historisches« Mittagsmahl ein. Tosti erzählte viel von Carlo Troya, namentlich seiner Häuslichkeit. Darnach scheint er ein zweiter Neander gewesen zu sein.

Zuletzt sah ich noch das Münzkabinett, worin ausgezeichnete Münzen aus Großgriechenland von Calefati gesammelt sind. Eine schöne Goldmünze von Gisulfus von Benevent (Revers Carlus Rex) ist ein historisches Dokument für die Souveränität Karls in jenen Gegenden. Münzen von Metapont mit der Ähre; von Agathokles von Syrakus; von Neapel mit dem Minotaurus – langobardische Schmucksachen aus Bronze, namentlich sehr massive Nadeln oder Hefteln. Ich schenkte Tosti eine römische Münze aus der Zeit Gregors XI. von Limoges: S. Petrus. Urbis Romae; und er gab mir drei kleine langobardische, die in Hernia mit einem ganzen Haufen gefunden wurden.

Ich habe mich beim Abt verabschiedet, den ich nur selten sah, weil er fast immer draußen war. De Vera und d'Orgemont sind in San Germano.

Morgen verlasse ich diesen Berg Benedikts. Viel echte Menschlichkeit habe ich hier unter den Klosterbrüdern gefunden. Wenn auch das Archiv in Bezug auf meine Arbeiten nicht völlig den Erwartungen entsprach, nehme ich doch manches mit, namentlich einige unedierte Urkunden aus dem Diplombuch Gaetas, dessen Herausgabe sehr zu wünschen ist.

Unschätzbar ist mir der Einblick, den ich hier in das Mönchtum des Mittelalters getan habe.

Multum esset scribendum, quod dimitto in calamo.

 

Frosinone, 18. Oktober, Dienstag abends

Um 6 Uhr stieg ich von Monte Cassino herab. Ich besuchte in San Germano im Palast der Abtei flüchtig d'Orgemont, konnte aber de Vera nicht sehen, welcher krank war. Da mein Sensale unverschämt wurde, verließ ich ihn und mietete einen kleinen Wagen nach Ceprano, eine sogenannte Cittadina. Der dichte Nebel lag auf der Campagna, aber Monte Cassino war licht und ätherklar. Als ich aus jener Region der Klarheit in das vernebelte San Germano hinabgestiegen war, überraschte mich dieser Gegensatz, der mir wie die Hälften der Transfiguration Raffaels erschien.

Drei Miglien weiterhin biegt der Weg nach Aquino ab, den ich einschlug. Der Nebel hatte sich unterdeß verzogen. Noch am Wege steht der Turm S. Gregor, wo dieser Papst ein Landhaus soll besessen und dem Kloster geschenkt haben. In einer Viertelstunde erreichte ich Aquino, die Vaterstadt des Juvenal, des Pescennius Niger und die Feudalherrschaft der Grafen, von denen S. Thomas den Namen führt. Aquino hat also wunderlicherweise hervorgebracht einen Satiriker, einen Kaiser und den größten Philosophen mittelalterlicher Scholastik.

Von Aquino fuhr ich auf die Via Latina zurück und bei Melfa über den Melfafluß; dann weiter in das Hügelland von Arce, welches die Wasserscheide zwischen dem Melfa und dem Liris bildet. Überall, bis zur Grenze des Kirchenstaats, standen Vedetten, als wäre Kriegszustand. Der Weg nach Ceprano biegt hinter Arce ab. Bald erreichten wir die Grenzstation, wo mitten auf dem Wege der Militärposten sein Mittagsmahl verzehrte. Da ungestempelte Pferde die Grenze nicht ohne hohen Zoll überschreiten dürfen, so mußte ich dort aussteigen, und ein junges schönes Mädchen ward gerufen, welches meine Bagage auf dem Kopf bis nach Ceprano trug. Sie hieß Angiolina und war aus Arce zu Hause; sie baute, wie sie mir in köstlicher Naivität sagte, einen Palast am Wege, das heißt, sie trug für Tagelohn Steine zum Bau. Sie war 16 Jahre alt; ihre wundervolle Gestalt glich der einer Nymphe, und das Kostüm jener Gegend gab ihr ein reizendes Ansehen. So wanderten meine Diplome auf dem Kopf dieses entzückenden Mädchens fort nach Ceprano, welches wir in einer halben Stunde erreichten.

Ceprano liegt hart am Liris, dessen weidenüberhängtes Wasser hier smaragdgrün aussieht. Eine hölzerne Brücke führt über den Fluß, und dies war die Stelle, wo der König Manfred verraten ward. Der Ort hat keine mittelalterlichen Erinnerungen mehr. Ich fand zum Glück ein Wägelchen reisefertig, das ein römischer Offizier aus Benevent gemietet hatte, um seine Frau in Rom abzuholen. Durch eine schöne Landschaft fuhren wir 13 Miglien weit bis Frosinone, das wir um 5 Uhr nachmittags erreichten. Dieser Ort, seiner Lage wegen Hauptstadt der Provinz, ist unansehnlich und schlecht gebaut. Nur der Palast der Delegation ist ein stattliches Gebäude.

Hier schließt sich mein Sommer. Er war einer der angenehmsten meines Wanderlebens, und seine Blüte Monte Cassino.

Morgen um 6 Uhr fahre ich mit der Post nach Rom.

 

Rom, 13. November

Am 19. Oktober abends langte ich über Valmontone in Rom an. Scirocco und Regen. Die Stadt leer und öde. Fremde kommen nicht wegen der Unruhen, obwohl der Züricher Friede am 18. Oktober abgeschlossen ist. Ich ging gleich an die Abschrift des dritten Bandes.

Am 10. November haben wir die Schillerfeier würdig begangen. Wir waren sechs an Zahl zu einem Festkomitee zusammengetreten: Dr. Brunn, Maler Grosse aus Dresden, Bildhauer Kropp aus Bremen, Maler Tom Dien aus Oldenburg, Architekt Barvitius aus Wien und ich. Die Säle des Künstlervereins im Palast Poli wurden gut ausgeschmückt, im ersten die Büste Schillers aufgestellt, die Wände mit den Namen seiner Zeitgenossen, seiner Werke, mit Lorbeerkränzen verziert. 120 Deutsche versammelten sich. Der österreichische Botschafter Freiherr von Bach, der Gesandtschaftsrat Baron von Ottenfels, der preußische Minister Freiherr von Canitz, sein Sekretär Graf Wesdehlen waren anwesend. Der deutsche Kardinal Reisach, den wir eingeladen hatten, war nicht gekommen. Cornelius lag krank. Dr. Brunn hielt die Festrede an der Schiller-Büste, nach einer einleitenden Musik von Beethoven; hierauf sprach ich das Festgedicht – an seinem Schluß fiel die Musik mit einem Hymnus von Beethoven ein. Dann krönte ich die Büste mit dem Lorbeer Roms. Beide Gesandte legten jeder einen Kranz auf das Postament nieder. Beim Festmahl saß ich neben dem österreichischen Botschafter. Bach ist ein Mann in noch kräftigen Jahren, von materiellem Aussehen, häßlich zu nennen. Er hat das berüchtigte Konkordat abgeschlossen. Man sagt, er sei gelehrt. Brunn brachte den Toast auf Deutschland aus, Dr. Steinheim einen auf die Zeitgenossen Schillers, ich einen auf die Künste, im Auftrage des alten Cornelius. Nadorp improvisierte gut in Versen.

 

Rom, 31. Dezember

Vor kurzem ist die Broschüre von Laguéronnière ›Le Pape et le Congrès‹ erschienen. Sie ist offenbar erlassen, um den Kongreß unmöglich zu machen. Sie stellt als Prinzip auf, daß die Mächte, welche im Jahre 1815 den Kirchenstaat restaurierten, im Jahre 1860 das Recht hätten, ihn aufzulösen. Der Papst soll auf Rom und das Patrimonium beschränkt und in der Ewigen Stadt ein angelischer Zustand hergestellt werden, worin die Römer in seliger Apragmosyne nur den Rosenkranz zu beten und an ihre große Vergangenheit mit Rührung zu denken haben. Die ›Römische Zeitung‹ bringt einen offiziellen Artikel dagegen, den sie mit verzweifeltem Blick auf den »König der Könige« schließt. Die Kirche hat einige schwache Verteidigungsschriften aufgestellt, vom Vicomte La Tour, von Gerbert, Bischof von Perpignan, und einige Artikel der ›Civiltà Cattolica‹ und des ›Univers‹. Der tapferste Kämpfer für Rom ist der Bischof Dupanloup von Orléans. Die Bewegung des Episkopats zu Gunsten Roms dauert noch fort, und täglich laufen Adressen ein.

Buoncompagni ist als Vizeregent für den Prinzen von Carignan nach Florenz abgegangen. Garibaldi hat auf einen Wink Napoleons sein Kommando niedergelegt. Fanti kommandiert in Bologna.

Die Universität Pisa ist wieder eröffnet. Einige meiner Freunde sind dort angestellt.

Ich habe meine Arbeiten in der Vaticana fortgesetzt. Am 22. Dezember beendige ich die Abschrift des dritten Bandes der Geschichte von Rom.

Um die Weihnachtszeit faßte ich den Plan zu dem Gedicht ›Ninfa‹.

Hier schließt das merkwürdige Jahr 1859. In ihm erschienen die zwei ersten Bände der Geschichte von Rom und ward der dritte vollendet. Sonst schrieb ich die Abhandlung ›Die Volkspoesie der Sizilianer‹, anderthalb Akte ›Otto III. › und das Gedicht zur Schillerfeier.

An bedeutenden Menschen lernte ich kennen Theodor Parker, den amerikanischen Theologen, bei der Familie Apthorp, am 28. Dezember. Ich trat in Briefwechsel mit Bunsen.

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