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Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889

Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889 - Kapitel 8
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authorFerdinand Gregorovius
booktitleRömische Tagebücher 1852-1874
titleRömische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889
publisherVerlag C. H. Beck
editorHanno-Walter Kruft und Markus Völkel
isbn3406348939
year1991
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1858

Rom, 10. Juni

So weit ist das Jahr vorgerückt, ohne daß ich eine Zeile aufgezeichnet habe.

Ich beendigte die beiden ersten Bände der ›Geschichte Roms‹ gestern, wo ich die letzten Nachträge in der Augustinerbibliothek beschloß.

Am 6. Januar wurde ich der Großfürstin Helene vorgestellt. Sie ist die Witwe Michaels, des Bruders des Kaisers, eine stattliche, schöne Frau von seltener Bildung und lebhaften Interessen für alle Zweige der Kultur, deren Missionärin sie in Rußland ist. An ihrem kleinen Hofe versammelte sich in diesem Winter die beste Gesellschaft Roms. Ihre Hofdamen sind die Fürstin Lwoff, die Baronin von Rhaden und Fräulein von Staël; ihre Kammersängerin ist Fräulein Stubbe aus Berlin.

Die Russen schwärmen für die Emanzipation der Leibeigenen. Sie haben kühne Ideen und halten Rußland noch für jung. Ihre Projekte gehen auf Konstantinopel, Prag und Lemberg, kurz auf die Herstellung des oströmischen Reichs durch den Panslawismus. Aber Rußland ist ein halbmongolisches Wesen, ohne Genie und Tatkraft. Der Deutschenhaß dort fließt aus dem Bewußtsein der geistigen Abhängigkeit vom Germanentum, vielleicht aus der instinktiven Ahnung eines bevorstehenden Zusammenstoßes mit Deutschland, wenn dieses ein einiges Reich geworden sein wird. Solchen Haß zeigte selbst Turgenjew und der Prinz Tscherkeski, selbst Frau Smyrnow.

Turgenjew schenkte mir seine Jäger-Novellen. Ich machte die Bemerkung, daß die Russen kein künstlerisches Formgefühl besitzen. Sie sind noch nicht geistig frei. Sie photographieren, wenn sie schildern, ähnlich den altdeutschen Malern, die jedes einzelne Haar auf einem Kopf zur Darstellung bringen.

Auf den Wunsch der Großfürstin habe ich ihr und ihren Damen zweimal Abschnitte aus meiner ›Geschichte‹ vorgelesen. Nichts macht aufmerksamer auf die Formfehler als eine Vorlesung, welcher achtsam zugehört wird. Die Großfürstin sagte mir, daß mein Stil tendu sei. Sie traf das Rechte: in den ersten Kapiteln bin ich unsicher, und deshalb »angestrengt«. Ich habe mich leichter zu machen. Ich habe auch Ampère ein Kapitel gelesen, wobei Reumont zugegen war. Ampère ist einer der geistreichsten Franzosen, gutmütig, wohlwollend, beweglich und, was selten bei ihnen gefunden wird, ohne Eitelkeit. Er hatte Goethe in Weimar besucht, da er noch jung war und mit Thiers und Guizot an der Redaktion des ›Globe‹ sich beteiligte. Er hat viele Länder gesehen und in vielen Wissenschaften sich umgetan – er weiß von allen Dingen zu reden.

Mit der Großherzogin und dem Prinzen Nikolaus von Nassau fuhr ich nach den Ausgrabungen an der Via Latina. Am 26. April machten wir in größerer Gesellschaft eine schöne Partie nach Tivoli. Dr. Erhardt beleuchtete den Sibyllentempel bengalisch.

Zeichnung: Gregorovius

Nemi, 18. 8. 1854

Im Mai ging ich für einige Tage nach dem Nemi-See, aus Bedürfnis der Sammlung in der Einsamkeit.

Multum esset scribendum quod dimitto in calamo.

Unter den Personen, welche bei der Großfürstin verkehrten, zeichnete sich der alte Baron von Haxthausen aus, ein Westfale, der sich durch ein Werk über Rußland bekannt gemacht hat. Er besitzt eine wunderliche Neigung für das Traumleben. Eines Abends erzählte er vor einem Kreise im Hause der Frau Lindemann stundenlang Gespenstergeschichten, wobei die Lichter bei Seite gestellt waren. Er war unerschöpflich, ja genial.

Frau von Smyrnow teilt diese Neigungen. Bei ihr lernte ich den Engländer Palmer kennen, einen Peregrinus Proteus, welcher endlich im Hafen der katholischen Kirche eingelaufen ist. Er lebte viele Jahre in Asien und kennt die religiösen Zustände der Völker genau.

Im Mai traf Gutzkow hier ein. Ich hatte mir von diesem virtuosen Sophisten unserer Literatur ein Bild gemacht wie von einem dünnen, geistreich aussehenden Menschen, mit scharf zugespitzter Nase, und ich fand einen gedrungenen, sehr kräftigen Mann mittlerer Größe. Seine Gesichtszüge sind derb und verzwickt, seine Augen voll Mißtrauen, und seine Stimme hat einen herben, schneidenden Klang. Er stieß mich ab, ich fand nichts in ihm, was vom Wesen eines Dichters Zeugnis gab. Nur einmal machte ich mit ihm einen kleinen Gang, und dann, auf Haxthausens Aufforderung, eine Fahrt nach den Katakomben von S. Calisto, wobei uns das geistreiche und lebhafte Fräulein S. begleitete.

Gutzkow kam her, um für einen Roman, ›Der Zauberer von Rom‹, Szenen zu suchen. Da ich mit so vollem Ernst die Geschichte Roms schreibe, widerte mich das frivole Hereinstöbern auf diesem tragischen Theater der Stadt heftig an. Gutzkow schimpfte beständig auf Rom; er blieb nur in der niedrigen Luftschichte der Stadt, aus welcher er sich in die höhere nicht erheben konnte. Ich bemerkte ihm einmal, daß man in Rom nur dasjenige finde, was man für dies Weltwesen schon mit sich bringe. Seine ganze Art zu denken und zu sein wirkte auf mich wie eine Dissonanz.

Er reiste ab nach Neapel, sehr unzufrieden, wie ich glaube, mit Rom, wo man keine Notiz von ihm genommen hatte. Denn was bedeuten wir hier? Wir sind nur wie Spreu und Stroh, das durch die Straßen wirbelt.

Im Januar brachte mir eine Dame aus Weimar einen Brief des Großherzogs, worin sich derselbe auf sehr liebenswürdige Art über meine literarischen Bestrebungen aussprach, und mich bat, an ihn zu schreiben. Kaum hatte ich dies getan, so kam ein zweiter Brief von Carl Alexander, veranlaßt durch ›Euphorion‹, welchen er eben gelesen hatte.

Alertz war in diesem Winter gefährlich krank, ja bereits aufgegeben. Er ist genesen. Nun reist er als Kurier nach Berlin. Er nannte die Homöopathie sehr gut eine mystische Medizin.

Der Kapellmeister Landsberg starb am Ende des April. Er war hier der Apostel der deutschen Musik. Er hatte selbst einen Gesangverein gebildet, an dem viele Römerinnen vom höchsten Adel teilnahmen.

Die weltliche Macht des Papsts neigt sich dem Ende zu. Die französischen Truppen halten sie noch als Larve aufrecht, und deshalb dürfen sie Rom nicht verlassen. Man erkennt, daß alle vom Katholizismus beherrschten Länder moralisch und politisch verfallen sind, so Spanien, Österreich und Italien, so vielleicht selbst Frankreich, welches nur ein übertünchtes Grab ist.

 

18. Juni

Am Ende 1857 veranstaltete Fortunati Ausgrabungen an der Via Latina, drei Miglien vor der Stadt, und entdeckte daselbst die Ruinen der von Leo I. erbauten Kirche S. Stefano. Bald darauf kamen zwei wohlerhaltene antike Grabkammern ans Licht, zu denen steinerne Treppen führen. Man sieht darin schöne Stukkaturen und auch Wandmalereien. Mehrere Sarkophage, einer mit der Geschichte der Phädra, sind daselbst gefunden worden.

 

25. Juni

Heute habe ich meine zwei ersten Bände der ›Geschichte der Stadt‹ auf die Dogana gebracht, und sie werden morgen nach Stuttgart abgehen. Von dorther schrieb mir Baron Cotta einen sehr ermunternden Brief.

Der Padre Guglielmotti sagte mir, daß in der Vaticana sich die ältesten Zeitungen Roms befinden, welche ehedem handschriftlich zirkulierten: ›Avvisi di Roma e di Anversa‹. Vom Advokaten Ciampi hörte ich, daß gewisse Statuten der römischen Kaufmannschaft aus der Zeit Colas di Rienzo vorhanden seien.

 

Rom, 30. Juni

In dieser Zeit schrieb ich den Artikel: ›Aus den Bergen der lateinischen Campagna‹ für die ›Allgemeine Zeitung‹. Ampères Artikel über meine Schriften erschien im ›Journal des Debats‹ vom 20. und 22. Juni.

Gestern war ich in den Grotten des Vatikan.

Die Girandola war herrlich, aber der Platz del Popolo blieb leer, aus Furcht vor Tumulten. Viel französisches Militär war dort aufgestellt.

8. Juli Vorgestern fuhr ich mit der Eisenbahn nach Frascati, um Herrn von Thile zu besuchen, dessen einziger Sohn bedenklich erkrankt ist.

Ich traf Ampère in der Villa Muti, wo er bei seinem Freunde Chevreux wohnt. Abends zurück mit Dr. Erhardt. Die Lokomotive, die uns zog, hieß »S. Johann«. Die alten Apostel waren Männer des Fortschritts in ihrer Zeit.

 

Rom, 10. Juli

Von Perez erhielt ich durch die Gräfin Gozzadini ein paar Zeilen. Er geht nach dem Lago Maggiore, wo die Rosminianer ein Haus haben. Seit Weihnachten, da mir diese die Tür verschlossen, sah ich ihn nicht mehr.

Ich bin im Begriff, nach Florenz zu reisen. Ich schmachte nach Bewegung und Erquickung in sicheren Lüften.

 

Florenz, Dienstag 13. Juli Villa Concezione

Am 10. abends bin ich mit der Post in Begleitung des Malers Rudolf Lehmann nach Civitavecchia gefahren, wo wir um 7 Uhr früh eintrafen. Lehmann reiste nach Marseille, ich wartete auf das Schiff »Pompeji«, welches sich wegen stürmischer See verspätete. Ich angelte im Hafen und fing viele kleine Fische.

Um 4 Uhr nachmittags fuhr ich ab. Auf dem Schiff fand ich den Bildhauer Achtermann, der seine große Gruppe in Livorno auf ein holländisches Fahrzeug verladen wollte. Es waren an Bord viele Franzosen und Spanier. Unruhiges Meer. Viele Seekranke.

Korsika tauchte am Horizont auf. Die Sonne sank drüber weg ins Meer. Es sind sechs Jahre vergangen, seit ich auf jenem Eiland wanderte, und viel liegt für mich in diesem Ring von Zeit eingeschlossen, viele Erfahrungen, Freuden, Leiden, Mühen, Neigungen, wie viele Irrtümer und Täuschungen.

Nachts funkelte Venus wie damals über dem Meer, und das Schiff hielt auf den Stern zu. Ich war allein auf dem Deck und saß beim Steuermann an der erleuchteten Bussole. Es mag sein, daß auch der Mensch eine solche in sich trägt, als inneres Gesetz des Lebens; aber sie ist entweder nicht durch das Licht des Verstandes erhellt, oder wir verstehen nicht, danach zu steuern. Es war eine herrliche Nacht – oben fest und klar, von tausend Sternen in ewiger Ordnung funkelnd, unten wildes wüstes Meer, und darauf ein forttaumelndes Schiff.

Um 8 Uhr frühe im Hafen von Livorno. Ich besuchte das Grab Ludwigs, wo ich vor sechs Jahren in denselben Tagen den Oleanderbaum gepflanzt hatte, ehe ich nach Korsika ging.

Abends nach Florenz. Ich kam auf der Villa Sabatier um 9 Uhr an und trat in eine Gesellschaft. Es ist hier schön und still, ein einfacher und gediegener Wohlstand. Von der Terrasse eine herrliche Ansicht der Stadt in ihrer reichen Campagna.

Villa Sabatier, 15. Juli Gestern war ich in Florenz. Die Stadt bezauberte mich wieder. Ich fand Heyse auf der Laurenziana. Reumont war zum kranken König nach Berlin gefahren. Ich ging nach den Uffizien. Eine bildschöne junge Dame sah ich dort die Bella di Tiziano kopieren, was das reizendste Gemälde gab.

Fast jeden Abend ist Gesellschaft auf der Villa. In den Nebenhäusern wohnt die Sängerin T. und die Gräfin Argyropulos. Stimmung zur Produktion findet sich nicht. Caroline Ungher zieht die Traditionen ihres Lebens auf der Bühne noch nach sich, selbst auf dieses Landhaus. Es schwärmt hier von Sängern des Theaters.

 

Ebendaselbst, 31. August

Ich verlebte hier acht Wochen. Am 25. Juli reiste Frau Sabatier nach Karlsbad, ich blieb mit Sabatier allein. Unsre Abendgesellschaft bestand aus den Damen Argyropulos und der Marquise d'Albergo. Manchmal kamen die Maler Dalton und Spangenberg, der Sizilianer Perez und Pasquale Villari, Verfasser einer Biographie Savonarolas. Ich lernte auch Emiliano Giudici und den Geschichtschreiber Vanucci kennen. Auch der korsische Dichter Viale war in Florenz.

Den alten Herrn Vieusseux besuchte ich. Sodann kamen plötzlich Chevreux, Ampère und Aulannier, die sich in der Villa Capponi eingerichtet haben, wo ehemals der Geschichtschreiber Colletta lebte und starb.

Heyse ging nach Elba. Ich las viel französische Literatur aus Sabatiers Bibliothek, schrieb die Abhandlung: ›Die Poeten Roms in der Gegenwart‹, dichtete mehrere lyrische Stücke und übersetzte ›Toskanische Melodien‹ nach Tigri. Sabatier ist ein enzyklopädisch gebildeter Mann. Sein Wesen ist mir zu heftig, aber voll Großmut und Edelsinn.

Morgen verlasse ich dies schöne Haus, da Sabatier auf sein Gut La Tour bei Montpellier geht. Ich gehe nach Florenz und werde in seinem Palast ai Renai wohnen.

 

Florenz, Palast Ungher-Sabatier, 13. September

Ich arbeitete viel in der Magliabecchiana, wo Atto Vannucci mich dem Bibliothekar Piccioli empfahl. Ich las bis jetzt etwa zehn Handschriften durch und belehrte mich über das, was mir für später zu tun bleibt; und davon sehe ich kein Ende ab.

Ampère machte mich bekannt mit Bonaini, dem Archivar des Staats. Ich schrieb an den Minister Baldasserone und erwartete die Erlaubnis zur Benutzung des Archivs. Bei Vieusseux sah ich den alten großartigen Marchese Gino Capponi, den Grafen Conestabile von Perugia, Graf Ugolino von Urbino, und Alberti, den Herausgeber der Gesandtschaftsberichte Venedigs.

In Turin übersetzte Gaetano de' Pasquali meinen ›Euphorion‹ in versi sciolti, wovon der erste Gesang in der ›Rivista Contemporanea‹ erschien. Gleichzeitig schrieb über meine Arbeiten Gustavo Stufforella Feuilletonartikel in der ›Gazzetta Piemontese‹.

Die Italiener wüten über Lamartine, weil er Italien das Land der Toten genannt und Dante sogar die poetische Ader abgesprochen hat. Ferrari hat ihn deshalb in einer Nummer des ›Courrier Franco-Italien‹, welcher in Paris erscheint, zur Rede gestellt.

Am 5. September, dem Jahrestag meiner Rückkehr aus Korsika, unterzeichnete ich in diesem Palast, in meines Freundes Sabatier Wohnzimmer, den Cotta'schen Kontrakt wegen der ›Geschichte Roms im Mittelalter‹, und ich bin von dieser Sorge befreit. Es ist ein wichtiger Tag für mich. Ich feierte ihn in der Villa di Parigi durch ein Mittagsmahl, wozu ich Theodor Heyse einlud.

Viel Freundliches widerfuhr mir in Florenz, und vergleiche ich meine gegenwärtige Lage mit jener, in der ich mich hier vor sechs Jahren befand, so überkommt mich ein frohes Gefühl. Ich habe mich unter heißen Mühen emporgearbeitet, und festes Land bildet sich unter meinen Füßen.

Ein Korse, Francesco Ventura von Cervione, schrieb mir einen lebhaften Dankbrief wegen der Geschichte der Korsen und namentlich des Sampiero, und er bietet mir Gastfreundschaft und seine Dienste.

Die Luft ist hier fein und trocken; vielleicht sind davon die Florentiner so geistreich.

Auf dem Staatsarchiv habe ich für die früheren Epochen nichts gefunden. Bonaini und die Assistenten Milanesi, Passeroni und Guasti erzeigten mir die größte Artigkeit. Ich arbeite jetzt auf der Laurenziana, deren Bibliothekare, Ferrucci und del Furia, nicht minder zuvorkommend sind.

Am 12. machte ich mit Heyse eine kleine Fahrt über Prato nach Pistoia. Dies Städtchen ist reizend gelegen, und seine Kirchen enthalten viele Schätze – so vor allen die Kanzel von Giov. Pisano in S. Andrea, aus dem Jahre 1301. Wir traten in S. Domenico ein und überraschten die Nonnen in der Kirche, wo eine schöne Szene anzusehen war. In der Mitte eine Art dreiseitigen Sarkophags mit abgebildeten Totenschädeln, ringsum Kerzen, die weißgekleideten Nonnen am Altar beschäftigt – feierliche Stille.

Die Kathedrale S. Jacopo enthält das Monument des Poeten Cino (1337): der Dichter und Jurist vortragend, vor ihm auf Bänken Zuhörer. Oben auf dem Monument Cinos sitzende Figur. In der Kapelle S. Jacopo die in Silber getriebenen Altartafeln von verschiedenen Meistern. Schön ist auch die Villa Puccini – die Inschriften auf verschiedenen Monumenten zeigen einen glühenden Patrioten, einen gebildeten Menschenkenner, ein exzentrisches Gemüt. Niccolo Puccini, häßlich, verwachsen, geistreich, starb vor kurzem und hinterließ seinen Besitz, den sein Onkel sich als Chirurg erworben hatte, den Armen. Die Inschrift auf dem Monument für Kolumbus lautet: Cristoforo Colombo quanto facesti quanto patisti quanto amasti quanto docesti disprezzare gli uomini! – Für Tasso am Schluß: perchè gli infelici non disperino esser grandi. Es ist eine der reizendsten Villen, die ich gesehen habe.

An einem andern Tage fuhr ich mit Heyse nach Montelupo – elender Ort, eine einzige Kirche, darin ein toskanisches Bild.

 

Florenz, 19. September

Gestern traf ich den Bibliothekar Calefati von Monte Cassino, der für seine Sammlung byzantinischer Dokumente reist. Seine Bekanntschaft ist für meinen künftigen Aufenthalt in jener Abtei die Einleitung.

Ich sah den Pariser Advokaten Jules Favre, den Verteidiger Orsinis, bei Somigli. Er sieht kräftig, aber plump und banal aus.

Morgen gehe ich nach Rom zurück.

Francesco Marmocchi, mein Freund von Bastia her, starb am 13. September in Genua, in der Blüte seines Lebens, und wohl in Folge der Bekümmernisse des Exils.

 

Rom, 3. Oktober

Am 28. September reiste ich nach Livorno; mein Begleiter war der Korse Ventura. Er führte mich in das Haus der Korsin Verico, wo ich sehr gut logierte. Am 29. schiffte ich mich abends 5 Uhr auf dem Schraubendampfer »Hermus« von der Messagerie Française nach Civitavecchia ein. Das Meer war ruhig, der Himmel klar, noch ein halber Mond, und das prächtige Phänomen des Kometen Donati am nördlichen Himmel. Nach 10 Uhr, da sich das Verdeck von Passagieren leerte, horchte ich noch den Erzählungen eines Neapolitaners von dem Zusammenstoß des »Herculanum« und der »Sicilia«, von dem Ertrinken der Passagiere und seiner eigenen Rettung. Eine halbe Stunde später weckte mich ein entsetzliches Getöse wie eines Donnerschlags. Da ich auf das Deck stürzte, sah ich einen großen Dampfer an unsrer Seite. Der »Hermus« hatte den »Aventin« aufgerannt, ein Schiff derselben Kompanie. Die Szene war unbeschreiblich. Wir wußten nicht, welches Schiff sinken würde – dann sank der »Aventin«. Das große Fahrzeug war mitten durchbrochen, das Vorderteil schon von der Flut überschwemmt. Passagiere und Mannschaft, Spanier, Griechen, Franzosen, Deutsche, Russen, Italiener stürzten sich über schnell gelegte Brücken in unser Schiff. In sechs Minuten war alles vorbei. Der »Aventin« überschlug sich zuletzt, sein Schlot stieß eine Feuersäule aus, brüllte noch einmal auf, und mit einem Donnerschlag sank er in die Tiefe des Meeres. Dies unvergeßliche Schauspiel erschütterte mich gewaltig, aber Todesfurcht verspürte ich nicht. Es war merkwürdig, die Wirkungen des Entsetzens auf die verschiedenen Menschen wahrzunehmen. Keine Klagestimme wurde gehört. Die Spanier waren ruhig und ernst. Ein Franzose lehnte zitternd an mir und hob dann und wann sein blasses Angesicht gen Himmel, Gott ohne Tränen dankend. Ein mailändischer Kapuziner beschrieb mit dem Humor der Verzweiflung seine Rettung und wies lachend auf seine Ledertasche, in der er vier Fetzen alter Predigten geborgen habe. Fliehend hatte er noch einem durch Balken eingeengten Priester die Absolution erteilt. Ein Professor der Medizin aus Berlin, eben dem Tode entronnen, schien sich zu ärgern, daß ich seinen Namen nicht kannte. Er prahlte mit einer Preisaufgabe, die er vor Jahren gelöst, sprach mit Herablassung von Humboldt, erklärte den Menschen für einen Gott, die Planeten für tote Dinger etc. Ich versorgte den Halbgott mit einem Paar Strümpfe. Nichts hatte der Mann von seinen Sachen gerettet; alle seine in Sizilien gemachten Sammlungen lagen auf dem Meeresgrunde. Das Unglück ereignete sich an der Insel Giglio um 11 Uhr nachts. Unser Schiff war stark beschädigt. Wir kehrten nach Livorno zurück um 6 Uhr morgens. Dort sah ich den Dampfer »Pompei« reisefertig nach Neapel, und es schien mir Euphorion zu winken, getrost dieses Fahrzeug zu besteigen.

Der Korse Ventura kam an Bord. Ich nahm Platz auf dem »Pompei« und fuhr um 5 Uhr abends am 30. September ab. Die Nacht war trübe. Auf dem Schiff befand sich der Bildhauer Gibson, der aus England zurückkehrte. Wir erreichten Civitavecchia erst um 9 Uhr morgens. Mittags fuhr ich nach Rom und traf hier ein um 10 Uhr nachts am 1. Oktober. Hier fand ich tot den alten originellen Bildhauer Wagner. Sein Vermögen (man fand große Summen bar, in allerlei Kisten und Ecken versteckt) hat er seiner Vaterstadt Würzburg vermacht. Sonderbarerweise äußerte er während seiner Krankheit den Wunsch, daß ich seine Biographie verfassen möchte. Auch Kyniker sind eitel.

 

Rom, 8. November

Ich habe meine Arbeiten zum dritten Bande kräftig aufgenommen, nachdem ich den Sommer durch das Gedicht ›Hermus‹ abgeschlossen hatte. Die wachsende Menge des Materials macht mir Schrecken, aber die Darstellung der finsteren Jahrhunderte von 800 bis 1000 ist aller Mühe wert.

Am 5. erhielt ich den ersten Korrekturbogen der ›Geschichte der Stadt‹ und feierte dessen Ankunft bei Alertz durch ein würdiges Mahl.

Michael Levy in Paris druckt die Übersetzung der ›Grabmäler der Päpste‹.

Stille, regnerische Tage. Arbeit und Einsamkeit.

 

9. November

Heute starb Don Giovanni Torlonia, Sohn des Herzogs von Poli, in seinem Palast an der Via Condotti. Er erreichte kaum 27 Jahre. Dies ist ein Verlust für Rom. Ich verkehrte mit diesem gebildeten und liebenswürdigen Manne seit einigen Jahren. Seine Witwe, Donna Francesca, vom Haus Ruspoli, gilt für eine der schönsten Frauen Roms.

 

14. November

Um 11 Uhr abends folgte ich Torlonias Leichenzuge vom Palast nach S. Lorenzo in Lucina. Er war die Zierde seiner Familie. An seinem Sarge trauern der Reichtum und die Philosophie, welche sich selten zu einer Handlung vereinigen.

Heute ist der stärkste Scirocco, den ich noch erlebte. Die Häuser triefen, die Luft ist kochend heiß. Sie wirkte in dieser Nacht so stark auf meine Nerven, daß ich im Traum ein Haus vom Erdbeben fallen und viele Menschen erschlagen sah.

Das geraubte Judenkind Mortara befindet sich im Palast der Neophyten im Rione Monti.

700 französische Jäger sind eingerückt. Sie liegen im Palast der Inquisition.

 

15. November

Mein Traumbild war Abspiegelung eines wirklichen Erdbebens. Heute erzählten mir viele Leute, daß sie dasselbe gespürt, und Signora Annunziata sagte mir, daß nachts in ihrem Zimmer die unberührte Glocke geläutet habe.

Man hört von viel Unglück auf dem Meere und vom Austreten der Flüsse.

 

25. November

Stark gearbeitet; zehn Druckbogen der ›Geschichte‹ revidiert. Anhaltender Scirocco.

Im Theater Metastasio sah ich Ferraris ›Prosa‹ von Dilettanten gut aufführen. Der Grundgedanke des Stücks ist der von Hyacinth und Rosenblütchen. Der Dichter, ein Modenese, welcher mehrere Literaturkomödien geschrieben hat, wie Parini und seine Satire, Goldoni etc., wurde oftmals gerufen.

In der Argentina hörte ich die ›Vestalin‹ von Mercadante.

Heute kam zu mir Alessandro Zannini und brachte mir Grüße aus Korsika, nebst Poesien Multados. Er sprach gut deutsch.

Gestern war ich bei Frau Salis-Schwabe, einer reichen Dame aus Manchester, Freundin Bunsens.

Heinrich Hirsch zeigte mir herrliche Münzen von Cellini: seinen achteckigen Taler, den er in der Engelsburg prägte, und jene Münze Clemens VII. mit Christus, der den sinkenden Petrus aus den Wellen zieht, zu ihm fragend: Quare dubitasti? Die päpstlichen Münzen jener Epoche haben schöne Sinnsprüche. Auch am Gelde kann man sehen, wie nüchtern die Welt geworden ist.

 

Rom, 31. Dezember, abends

Am Weihnachtsabend wurde ich mit der Hälfte des dritten Bandes fertig, bis Anno 900.

Vorgestern besuchte ich Frau Ristori, welche mir aus Florenz einige Bücher mitbrachte, darunter den Froissard. Sie ist von einer wahrhaft königlichen Gestalt, noch schön, von imponierender Ruhe.

Den heutigen Tag feierte ich durch einen Spaziergang nach S. Paul, wo ich im Klosterhof merkwürdige Inschriften las. Kurz zuvor war de Rossi zu mir gekommen. Er ist der größte Gelehrte in Rom, in den Katakomben gleichsam aufgewachsen und von staunenswertem Wissen in der christlichen Archäologie.

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