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Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889

Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889 - Kapitel 6
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authorFerdinand Gregorovius
booktitleRömische Tagebücher 1852-1874
titleRömische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889
publisherVerlag C. H. Beck
editorHanno-Walter Kruft und Markus Völkel
isbn3406348939
year1991
correctorreuters@abc.de
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1856

Rom, 7. Januar

Am 2. Januar begann ich wieder in der Angelica zu arbeiten. Ich nehme die ›Scriptores‹ des Muratori durch, um erst die Übersicht zu gewinnen.

Herr Headly Parish kam zu mir, ehemals Diplomat in Konstantinopel und Verfasser eines Buchs über das moderne Griechenland. Er interessiert sich für meine Beziehungen in England.

Ich besuchte Antonio Coppi, den Fortsetzer der Annalen Muratoris und Verfasser der Geschichte des Hauses Colonna (Rom, 1855). Er wohnt in der Via Magnanopoli, in einem Palast, aber hoch unter dem Dach: ein alter Abbate von schwerfälliger Art – er lallt, statt zu sprechen. Er redigiert das ›Giornale di Roma‹, als Papist vom reinsten Wasser. Zwar beschenkte er mich mit vielen Broschüren und versprach mir seine Dienste für meine Arbeit, aber nur mit Phrasen, und offenbar willens, mir hinderlich zu sein. Vom Archiv Colonna behauptete er, daß es keine Urkunden zur Geschichte der Stadt Rom enthalte; und das ist sicherlich eine Unwahrheit.

Über meine Arbeit sage ich: Fortia agere et pati Romanum.

Der alte Riepenhausen stirbt. Ich fand ihn im Bett, über ihm die Kartons seiner Jugendarbeiten, zu Häupten die Büste Homers. So erwartet er seinen Tod in Verlassenheit. An seinem Lager saß sibyllenhaft seine Haushälterin, die mit ihm gealtert ist. Riepenhausen war eine echte Künstlernatur, von großer Leichtigkeit der Produktion. Dr. Emil Braun, ein absprechender, schnell fertiger Sophist, läßt ihm keine Gerechtigkeit widerfahren. Der Enkel Goethes hat in seinem Zimmer den Stich von Sodomas ›Hochzeit Alexanders mit Roxane‹, und Braun nannte dort Sodoma den Riepenhausen des Altertums. Aber ich finde, daß Sodoma in klarer Sinnlichkeit eine Größe besitzt, die dem Tizian nahe kommt.

Zeichnung: Gregorovius

Rom, Quattro Capi, 17. 7. 1855

Ich lese jetzt wieder Gibbon. Auch ihn, wie Villani, begeisterte Rom zu seinem Werke. Ihm kam der Gedanke dazu auf dem Kapitol; mir kam er auf der Brücke Quattro Capi, oder vielmehr S. Bartolomeo, im Anblick Trasteveres und der Kaiserpaläste. Ich weiß den Tag nicht mehr.

Der Prinz Corsini, Ex-Senator Roms, starb zu Anfang Januar, 90 Jahre alt. Der Tote wurde im offenen Wagen geführt, zwischen kerzenhaltenden Priestern. Sein kolossaler Kopf und seine gewaltige Nase ragten weit hinaus. Es folgten viele Wagen mit Fackeln.

Ich war öfter bei Cornelius. Er zeigte mir die Abbildungen der Skulpturen des Nicola Pisano auf einem Pfeiler des Doms zu Orvieto – sehr graziöse und sinnvolle Dichtungen. Cornelius ist von scharfem Verstande. Diesen bewies er, als ich eines Abends als Rätsel die Frage aus den ›Cento Novelle Antiche‹ aufgab, wo die Weisen von Alexandria darüber streiten, ob und wie der Dampf aus einer Garküche, den ein Armer mit seinem Brot aufgefangen hatte, zu bezahlen sei. Auf der Stelle fand Cornelius das Äquivalent auf.

 

Rom, erster Ostersonntag, 24. März

Am 24. Februar mußte ich in der Bibliothek meine Arbeiten abbrechen, weil ich die Kraft dazu verlor. Ich habe seither einen dumpfen Monat hingebracht. Das sind die Folgen überangestrengter Arbeit.

März und April sind für mich schwarze Monate; da ist mir das Beste hinweggestorben. Am 16. habe ich mein Testament gemacht und alles geordnet. Die Geschichte der Stadt Rom steht in meinen Nächten über mir wie ein fernes Gestirn. Sollte mir das Schicksal doch verstatten, sie zu vollenden, so würde kein Leid in der Welt groß genug sein, daß ich es nicht standhaft ertrüge.

Vor einigen Tagen sah ich eine ganz antike Szene, wie aus den Schutzflehenden des Äschylus. Es hatte sich ein Dieb nach S. Giacomo auf dem Corso geflüchtet, und dort saß er an einem Altar, sein Gesicht mit den Händen bedeckt. Anstarrendes Volk umher, und zwei Häscher vor der Barriere der Kapelle, in Zivil gekleidet, welche auf ihn lauerten, aber ihn nicht angreifen durften. Der Dieb saß so da, wie man mir sagte, bis zum Abend. Nachts haben ihn die Mönche entschlüpfen lassen.

Gestern besuchte ich Frau von Suckow, welche unter dem Namen Emma Niendorf schriftstellert. Sie hat ein bekanntes Buch ›Lenau in Schwaben‹ geschrieben. Sie muß sehr schön gewesen sein und stellte sich liebenswürdig und bescheiden dar. Ihr Vater war der Erbmarschall und Feldzeugmeister Pappenheim. Sie offenbarte sich als Anhängerin Justinus Kerners und seiner kindlichen Dämonenlehre.

 

Rom, 6. April

Vorgestern träumte mir, daß ich den König von Neapel zu Roß hoch am Himmel fliegend an einem Stricke festhielt, und er zog so stark, daß ich ihn nicht anhalten konnte. Ich erinnerte mich nachher, daß ich vor vielen Jahren in Königsberg träumte, ich hielte das mittelländische Meer an einem Strick in der Luft, wobei ich große Angst hatte, es möchte herunterfallen und das Land ersäufen. Ich habe niemals so wunderbare Träume gehabt. Eines Nachts sah ich mich im Theater: statt der Schauspieler traten die Stadtmauern Roms auf die Bühne, wo sie einen großartigen Tanz aufführten. Am Ende erschien Iphigenia und hielt eine Rede an mich, der ich der einzige Zuschauer im Theater war.

Ich erinnere mich, daß ich als junger Mensch einmal einen wirklich prophetischen Traum hatte. Vor dem Abiturientenexamen im Gymnasium zu Gumbinnen träumte mir, daß der Professor die Ode Justum ac tenacem propositi virum mir zu erklären gab. Ich übte sie sofort gut ein. Als ich nun am Tage der Prüfung mit meinen Mitschülern in den Saal ging, sagte ich ihnen, daß und wodurch ich wüßte, welches meine Aufgabe sein werde. Sie lachten mich aus. Der Professor Petrany griff nach dem Horaz und sagte zu mir: Schlagen Sie die Ode auf Justum ac tenacem propositi virum. Die Mitexaminanden sahen mich staunend an, und ich bestand sehr glänzend.

Am vorigen Sonntag, da ich auf der Via Appia ging, läuteten alle Glocken in Rom, und das war der Friede nach dem Krimkriege, welchen die Telegraphen eben verkündigt hatten.

Hier ist die Prinzessin Torlonia wahnsinnig geworden. Sie ist eine schöne Dame vom alten Haus Colonna. Als der Bankier ihre Hand gewann, sagte er: sie ist eine antike Statue, und ich habe das Postament von Gold, sie darauf zu stellen.

Multum esset scribendum, quod dimitto in calamo: Schlußphrase eines Chronisten.

 

Rom, 30. April

Am 14. habe ich in der Angelica meine Folianten wieder vorgenommen. Ich bin im IX. Bande des Baronius und las viele andere Schriften, darunter des Rutilius Itinerarium, welches ich Perez zum Übersetzen empfohlen habe.

Gedruckt sind von mir in diesem Monat im ›Museum‹ von Prutz die drei Gedichte ›Klagegesang der Kinder Juda in Rom‹, der ›Turm von Astura‹ und ›Nettuno‹. In den Hackländer'schen ›Hausblättern‹ ›Die Monumente von Florenz‹. Ferner die Lieder Melis von Palermo, welche Brockhaus gut ausgestattet hat. ›Euphorion‹ habe ich reingeschrieben und nehme ihn mit mir in die Gebirge, im Juni, um ihn druckfertig zu machen.

Ich lernte den Marchese Matteo Ricci aus Macerata kennen, Übersetzer der ›Politik‹ des Aristoteles und Verfasser des ›Saggio sugli ordini politici dell'antica Roma‹. Sein Vater ist, wenigstens der Erscheinung nach, das Musterbild eines feingebildeten Signore; seine Frau, die Tochter des Massimo d'Azeglio und die Enkelin Manzonis, eine junge mädchenhaft schüchterne Dame, was unter Italienerinnen eine Seltenheit ist.

Ich war auf der letzten Abendgesellschaft im Palast Caffarelli. Es kamen dorthin die Kardinäle Antonelli, Altieri und Reisach, Antonelli war nur mit Damen beschäftigt. Man hält ihn für einen sehr geistreichen Mann.

Am 25. April, Tassos Todestage, ging ich mit Emma Niendorf und Perez nach S. Onofrio; dort aber ließen die Mönche unsere Begleiterin nicht ein, worüber sie sehr unglücklich war.

Am 27. war ich mit Perez in der kleinen Villa Torlonia, wo die Akademie der Quiriten das Fest Roms feierte. Der Prinz Giovanni las einen Discorso, worin er sagte, die Florentiner sprächen nur deshalb so schön italienisch, weil Florenz nicht weit von Rom läge. Hierüber lachte Perez herzlich. Auch eine alte und eine junge Dichterin trugen Sonette vor. Dann wurde Musik gemacht: ein schönes Konzert auf der Violine von Ettore Pinelli und dergleichen.

Manchmal läßt sich Rom gar nicht sehen. Es deckt sich vor dem inneren Sinne zu. Ich saß einmal auf dem Monte Mario, da habe ich Rom gesehen.

Rom ist der Dämon, mit welchem ich ringe. Wenn ich siegreich den Kampf bestehe, das heißt, wenn ich dies überwältigende Weltwesen zu einem Objekt der durchdringenden Betrachtung und der künstlerischen Behandlung für mich selbst bezwinge, dann werde ich auch ein Triumphator sein.

Perez hatte einen guten Gedanken. Er wollte einen Aufsatz schreiben über die Bekenntnisse des Augustinus, des Marc Aurel und Rousseaus. Der erste, so sagte er, beichtet vor Gott, der andere vor sich selbst als Stoiker, der eitle Rousseau vor der Welt, um deren Gunst er buhlt.

Heute las mir Perez das erste Kapitel seiner Übersetzung meines ›Korsika‹ vor, welche er der Gräfin Gozzadini widmen will.

 

Rom, am 1. Pfingsttage, 10. Mai

Ich war mit Emma Niendorf und Perez nach S. Pietro ad Vincula gegangen. Darauf verirrten wir uns in eine Vigna, wo wir plötzlich über den Ruinen der Titusthermen standen. Da war es seltsam, in diese wüsten Korridore hinunter zu sehen – Alles ringsum grün, wehendes Gras und Rosen. Um die Trümmer der Sette sale Orangenbäume in Blüten. Dort standen wir unter, weil es regnete. Schön ist der Blick auf den Coelius: im Mittelgrunde die burgartigen Massen der »Vier Gekrönten«, der Rundbau S. Stefano, die zerbrochene Wasserleitung, dann das Kolosseum, hinterwärts die Türme der Capocci aus dem Grün der Gärten aufragend. Hierauf gingen wir in die Thermen. Der Regen floß melancholisch herab, wie in einer Stalaktitenhöhle. In einem Saal trauerte ein verlassenes Mädchen, ein Freskobild an der Decke, wie im Kerker.

Ich habe mit Perez lebhafte Gespräche über das Wesen der italienischen Poesie gehabt, in welcher das germanische Element des Sehnsüchtigen und Mysteriösen ganz fehlt. Auch Dante hat es nicht, obwohl sein Gedicht durchaus ein gotischer Dom ist. Der Herzog von Sermoneta, Don Michele Caetani, hat einen Plan zur Dante'schen Hölle gezeichnet, auch das Planeten- oder Sphärensystem in einer Karte dargestellt. Dieser geistreiche Mann zeichnet vortrefflich.

 

Corpus Domini, 22, Mai

Heute erhielt ich vom Maler Jonas den ersten Brief aus Korsika. Er ist entzückt von der Schönheit der Insel. Das Land habe sich in diesen Jahren verändert, man baue jetzt den Acker, keine Flinte noch Dolch werde gesehen. Napoleon hat Korsika entwaffnet. Ich war also der Letzte, welcher das wilde Antlitz dieser Heldeninsel gesehen hat.

Gestern ging ich nach S. Pancrazio, die Grabinschrift des Crescentius zu suchen, doch die alten Inschriften sind dort verschwunden. Ein Karmeliter dort sagte mir, daß er im Jahre 1850 in Aleppo gewesen sei und den General Josef Bem gekannt habe. Dieser habe kurz vor seinem Tode einen Geistlichen verlangt. Er, der Erzähler, habe sich als Türke verkleidet, um dem Sterbenden die Sakramente zu bringen, aber wie er mit dem Konsul Lesseps an die Wohnung Bems gekommen, sei der General verschieden. Hierauf habe der Pascha ihn als Türken begraben lassen.

28. Mai Seit sechs Tagen war ich elend, in Folge einer Kolik, die sich erst gestern gestillt hat, da mir Freund Alertz Medikamente gab. Ich habe die Arbeiten in der Bibliothek ausgesetzt. Ich ging täglich nach der Villa Medici, dort unter den Taxushecken zu sitzen.

Für den Sommer habe ich eine Wohnung gemietet in Genazzano, hinter Palestrina. Ich kann die Zeit der Abreise kaum erwarten; die Wut des Arbeitens hat mich ganz ermüdet.

Ich lese gern die alte Sprache der Chroniken, sie gleicht der Sprache der Bilder von Giotto, Lippi, Ghirlandaio. Von Inschriften der Grabsteine des Mittelalters habe ich viele gesammelt. Meine ›Grabmäler der Päpste‹ vermehre ich und mache ein Büchlein daraus.

Multum esset scribendum, quod dimitto in calamo.

 

Rom, 24. Juni, S. Johann

In diesen heißen Tagen mußte ich meine Geschichte der Stadt ruhen lassen; doch förderte ich die ›Grabmäler‹ bis zum Saeculum 1300.

Wenig umher gewesen. Gestern war ich mit Perez auf dem Kapitol, wo wir die Statuen der Päpste sahen und die seltsame Figur Karls von Anjou.

Neulich kam der Dichter Salvatore Viale aus Bastia zu mir. Er schenkte mir die neue Ausgabe der ›Canti popolari‹ der Korsen und ich ihm die Edinburgher Übersetzung meines Buchs. Viale ist ein Greis, unverheiratet wie seine Brüder, der Leibarzt des Papsts, und der Kardinal. Sie rechnen im Stillen auf das Papsttum des letzteren, welcher Bischof von Bologna ist.

Abgedruckt sind die ›Fragmente von Agrigent‹ im ›Deutschen Museum‹.

 

Genazzano, 30 Miglien von Rom, 16. August

Am 25. Juni fuhr ich von Rom ab, mit Annunziata Spetta, einer Venetianerin, welche in Genazzano ein Haus und Weinberge besitzt. Sie wird meine Pflegemutter sein, eine Frau von unermüdlicher Redseligkeit und Geschäftigkeit.

Ich habe ein kleines Dachzimmer. Es ist sehr heiß; auf dem Dache sonnen sich Schlangen. Nachts funkelt die Campagna von schwebenden Lichtern. Der Sommerzauber ist entzückend. Was ich suchte, ist hier. Einsamkeit und Frieden.

Perez, der mir nachzufolgen versprochen hatte, ist nicht gekommen, weil er plötzlich nach Ferrara abgerufen wurde.

Ich lese das Trostbuch des Boethius oft in einem Kastanienbusch, bisweilen auf dem Rücken eines Esels. Je älter der Mensch wird, desto mehr tritt die Philosophie an ihn in moralischer Gestalt.

Die ›Papstgräber‹ habe ich vollendet. Am 7. August war ich nach Rom gefahren, das Manuskript auf die Dogana zu bringen. Nachts kehrte ich hierher zurück.

Genazzano, 19. September In dieser sonnigen Stille habe ich das Gedicht ›Euphorion‹ vollendet. Ich habe vieles, was mein Inneres bewegte, darin verwoben.

Darauf schrieb ich das Gedicht ›Ustica‹ nieder.

Hier erhielt ich einen schönen Brief von Humboldt. Er schreibt in unleserlichen Charakteren, wie in Hieroglyphen. Er hat ›Korsika‹ dem Könige vorgelesen.

Perez schrieb endlich aus der Villa Ronzano bei Bologna. Welch ein rätselhafter Mensch! Er wird Rosminianer in Rom. Fata trahunt. Alles war vergebens. Es ist eine tiefsinnige Richtung in ihm, welcher er blindlings folgen muß.

Endlich kam er. Er überraschte mich abends am 14. September. Wir blieben die Nacht zusammen: sie war aufregend und peinvoll. Folgenden Tags am Mittag begleitete ich ihn bis Palestrina, wo ich auf der Stätte des alten Fortuna-Tempels von ihm Abschied nahm. Ich verliere meinen besten, geistvollsten Gefährten in Rom, und für immer. Er ließ mir als Andenken den Giannone, den Casti, den Layard und einen Virgil aus seiner Bibliothek.

Am 23. ritt ich mit dem Campagnolen Francesco Romano, einem Mann von riesiger Gestalt, nach Anagni. Wir rasteten in Pagliano, und erreichten am Abend Anagni. Dort besuchte ich eine der angesehensten Familien, die Ambrosi. Ich logierte gut hinter dem Stadthaus, welches auf mächtigen Arkaden ruht. Am 24. ritt ich nach Pagliano und kehrte abends wieder hierher zurück.

Mein schon dreimonatlicher Aufenthalt in Genazzano ist beendigt. Ich hatte schöne Stunden der Weihe in diesem entzückend gelegenen Ort. Morgen kehre ich zurück nach Rom, wo ich den ersten Band der ›Geschichte der Stadt im Mittelalter‹ beginnen will. Bald wird es sich zeigen, ob mir dieses Werk von Gottes Gnaden bestimmt ist oder nicht.

 

Rom, 2. Oktober

Am Freitag, den 26. September, kehrte ich nach Rom zurück. Mich begrüßte ein schöner Brief von Althaus; er ist ein wahrer Freund.

Ich war traurig um Perez. Am 28. September nahm er das geistliche Gewand. Der Padre Luigi und der Rosminianergeneral Bertetti haben dies Opfer umstrickt. Die Gräfin Gozzadini schrieb mir dies am 25. September, und sie hofft noch, daß mein Einfluß stark genug sein werde, ihn zu befreien.

Gestern sah ich ihn am Piè di Marmo. Er kam mit zwei anderen, seinen Genossen, schon in geistlicher Tracht. Wie er mich erblickte, bewegte er sich und bedeckte das Gesicht. Ich sah ihn an voll Kummer. Wir machten uns stumme Zeichen. So ging er weiter. Er darf niemand sprechen, noch an jemand schreiben; alle seine Freiheit hat er dahingegeben, und zu welchem Ziel und Zweck?

Gestern kam ein Brief von Brockhaus, der die ›Papstgräber‹ angenommen hat.

Am 28. abends traf hier die Kusine Aurora ein, begleitet von einer edeln Landsmännin, Pauline.

Heute sind es vier Jahre, daß ich nach Rom kam. Seither vollendete ich: ›Korsika‹, die ›Figuren‹, den Meli, die ›Grabmäler der Päpste‹, ›Euphorion‹, vieles andere Zerstreute, und ich sammelte viel Material zur ›Geschichte der Stadt Rom‹.

Ich fand hier tot Emil Braun. Er starb am Anfange des September an der Perniciosa. Braun war ein Sophist, doch er hatte Züge von echter Liberalität und Großartigkeit.

Es starben bald nach ihm die beiden berühmten Archäologen Canina und Orioli.

 

Rom, 12. November Mittwoch. Vollmond

Heute um 9 Uhr des Morgens habe ich den ersten Band der ›Geschichte Roms im Mittelalter‹ zu schreiben angefangen, im 5. Jahre meines Aufenthalts in Rom, meines Lebens im 35., im 11. Jahre des Papsts Pius IX.

Nachdem ich nachmittags die Feder weggelegt hatte, ging ich auf das Forum. Es regnete, dann ward es klar. Da sah ich im Kolosseum das herrlichste Wolkenphänomen bei untergehender Sonne. Es ergoß sich ein Purpurstrom über die Ruinen des Palatin, das Amphitheater stand im magischen Brande. Ich hatte eine weihevolle Stunde, und so kam ich heiter zurück.

Don Giovanni Torlonia sagte mir mit Recht, daß die Sonette die Italiener um die Natur in der Poesie gebracht haben.

Pauline, welche ich alle Abende sehe, hat einen tiefen Kummer gehabt. Sie ist edel und klar, und großgesinnt. Hochmut, so sagte sie, ist die Frucht, die am Baum der Erkenntnis wächst, und ich entgegnete ihr, diese Frucht heiße vielmehr Demut.

Perez schrieb zweimal, heimlich, auf meine heimlichen Zettel. Er hat ein rätselhaftes Experiment an sich vollzogen, vielleicht aus innerem Gram sich selbst für immer in Fesseln gelegt.

Das Leben ist ein Strom, worauf einige wie toll und blind auf bunten Schiffen in den Ozean fahren, und andere bleiben nachdenklich am Ufer stehen – und es fließt vorüber. Si passa! Si passa!

 

Rom, letzter Tag des Jahres 1856

Das Jahr war gut, eins der fruchtbarsten meines Lebens.

Ich bin oft bei Caroline Ungher. Sie war einst Braut Lenaus; dann heiratete sie, das Theater verlassend, den geistvollen Franzosen Sabatier, einen um zwanzig Jahre jüngeren Mann. Sie ist eine mächtige Natur von weitverbreitetem Leben. Noch singt sie ausdrucksvoll oder trägt vielmehr ohne Stimme vor. Eines Abends schlug dort der Walliser Thomas schön die Harfe.

Zanth, mit Hittdorf Herausgeber von Zeichnungen sizilianischer Bauwerke, zeigte mir Farbenabdrücke seiner maurischen Wilhelma. Die Namen von Architekten, so behauptete letzthin Cornelius, erhalten sich seltener als die der bildenden Künstler, weil Gebäude nichts Persönliches haben, sondern wie Werke der Natur sind.

Gestern beendigte ich das 5. Kapitel der ›Geschichte der Stadt‹.

Am 18. Dezember wurde die Madonnensäule auf dem spanischen Platz enthüllt. Vom spanischen Gesandtschaftshotel aus sah der Papst diesem Monument seiner mystischen Narrheit und Eitelkeit zu. In Wahrheit, es machte mich recht lachen. Die Welt, so sagt Alertz, ist ein allgemeines Narrenhaus; nur sind die größten Narren nicht eingesperrt.

Der Tod Hammer-Purgstalls wird gemeldet.

Ich schickte die letzten Korrekturen der ›Grabmäler der Päpste‹ nach Leipzig zurück am 22. Dezember.

Eben habe ich Adolf von Schack kennengelernt. Er sieht sehr krank aus. Alertz behandelt ihn – vielleicht ist die Krankheit mehr Einbildung als reell. Kein Medikament kann Schack vertragen. Lachend sagte mir Alertz, er habe ihm letzthin einige Tropfen reinen Wassers verordnet, und Schack habe sich nach dem Gebrauch heftig beklagt, daß diese Arznei ihm Beschwerden mache. Ich ging mit Schack auf dem Pincio spazieren. Er kennt Spanien gründlich, auch viel von der orientalischen Literatur. Das Zusammentreffen mit ihm betrachte ich als ein schönes Geschenk des scheidenden Jahrs.

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