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Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889

Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889 - Kapitel 5
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authorFerdinand Gregorovius
booktitleRömische Tagebücher 1852-1874
titleRömische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889
publisherVerlag C. H. Beck
editorHanno-Walter Kruft und Markus Völkel
isbn3406348939
year1991
correctorreuters@abc.de
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1855

Zeichnung: Gregorovius

Rom, Ponto Rotto

 

Rom, 10. Februar

In das neue Jahr trat ich mit frischer Kraft ein. Ich war sehr tätig.

Zweimal zu Tisch beim Geheimrat Alertz, dem Leibarzt Gregors XVI., einem schönen, gebildeten Manne. Er gleicht in seiner imposanten Gestalt eher einem Staatsmann als einem Arzt. Ich nehme viele Bücher aus seiner Bibliothek.

 

Rom, 30. Mai

Der arme Dietrichs starb am 27. April um 5 Uhr nachmittags. Ich war bei ihm mit David Grimm aus Petersburg. Kurz vor dem Sterben forderte er von mir, ihm etwas aus der Bibel zu lesen. Ich las ihm den 90. Psalm. Er horchte darauf mit Anstrengung, dann verschied er. Ein herrlicher und edler Mensch ist hingegangen, mir ein treuer Freund.

Den ganzen Mai über arbeitete ich an den ›Figuren‹, für Brockhaus, der mich in seinen Verlag ziehen zu wollen scheint. Ich schrieb auch auf seine Aufforderung ›Die letzten zehn Jahre des Königreichs Neapel‹, für die Zeitschrift ›Gegenwart‹.

Ich war beim Enkel Goethes, der hier Legationsrat ist. Er ist im Gespräch gar nicht so verschroben, wie es seine ganz unglaublichen Gedichte sind. Aber auf seiner Stirn steht der Vers seines Großvaters: Weh dir, daß du ein Enkel bist!

Den König Ludwig von Bayern gesehen – eine sonderbar bewegliche Gestalt, fast Karikatur zu nennen.

Am 12. April, 5 Uhr abends, brach der Fußboden im Hause bei S. Agnese unter dem Papst ein. Viele Kardinäle, der französische General, der österreichische Graf Hoyos und mehr als hundert Propagandaschüler stürzten mit ihm ins Untergeschoß. Der Sturz des Papsttums ist dadurch sinnbildlich angezeigt; doch hatte er noch keine Folgen. Ich sah Pius IX. bald darauf vor dem Tor del Popolo fahren; er sah ganz verklärt aus.

Jeden Sonntag mache ich Campagna-Spaziergänge mit den Malern Frey und Müller und dem Bildhauer Mayer.

Die einzige Tochter des Malers Cornelius hat soeben einen Grafen aus Cagli geheiratet. Ich lernte Cornelius in dem Weinhaus neben Trinità dei Monti kennen und treffe jetzt oft mit ihm zusammen. Ein entschiedener Wille spricht aus allem, was er sagt und tut. Eitelkeit und Nichtgeltenlassenwollen der Bestrebungen anderer scheinen seine Fehler. Er hat Adleraugen. Er ist ein Geist.

Thomas Constable in Edinburgh trug mir Übersetzungen meiner Schriften für seinen Verlag an.

Für Hackländers ›Hausblätter‹ schrieb ich die ›Briefe aus Neapel‹.

 

Rom, 27. Juni

So lange Zeit bin ich Sommers noch nicht in Rom geblieben. Mich halten meine Arbeiten und die Erwartung der Cotta'schen Briefe zurück. Ich habe die Übersetzungen aus Meli am 24. Juni ganz beendigt. Den Hexameter beherrsche ich jetzt vollkommen.

Am 10. fuhr ich in heiterer Gesellschaft mit Frey, Mayer und anderen Künstlern nach Castel Fusaro.

Gestern abend kam der junge König von Portugal nach Rom. Er fuhr in einem geschlossenen Sechsspänner.

Ich suchte auf der Minerva die Geschichte Giannones. Da dies Werk auf dem Index steht, so wird mir nur erlaubt, neben dem Bibliothekar darin zu blättern. Welche Absurdität im Jahre 1855!

Theodor Heyse verkauft seine Bibliothek, um nach Florenz zu ziehen. Das freut mich; irgendein gewaltsamer Entschluß kann ihn beleben – er verdumpft in seiner Einsiedelei.

Der alte Maler Rhoden kam noch im vorigen Jahrhundert nach Rom, mit dem Zopf seines Zeitalters. Er ist hier der Veteran der Deutschen.

Ich hasse Louis Napoleon. Er hat keine geniale Tugend – er ist nur ein Erbschleicher.

 

Rom, 7. Juli

Mir träumte, daß ein Pinienbaum auf meinen Schreibtisch fiel, und da lag alles an der Erde durcheinander. Vielleicht ist der Pinienbaum Cotta.

 

Rom, 23. Juli

Meine Pläne sind zerstört und jener Traum ist erfüllt. Am 18. Juli lehnte Cotta ab. Am 19. schrieb ich an Brockhaus und schickte ihm am 21. die Übersetzung des Meli.

Ich bleibe nun hier, in brütender Hitze.

Das dänische Blatt ›Fädrelandet‹ übersetzte meine ›Römischen Figuren‹.

Ich habe mehrere Studien von Bildhauern besucht: Gibson, Tenerani, Achterman, Imhof.

 

Rom, 31. Juli

Eben kamen die zwei englischen Übersetzungen ›Korsikas‹ von Morris und Martineau. Ich schrieb in dieser Zeit mehrere Lieder, auch den ›Klagegesang der Kinder Juda in Rom‹.

 

Rom, 11. August

Ich habe den vierten Gesang des ›Euphorion‹ überarbeitet und mehrere Gedichte geschrieben, auf daß die Muse über den Wassern bleibe.

Eröffnung der Kirche Minerva – prächtige doch bunte Restauration. Unechter Marmor ist eine Schande für Rom. Fünf Tage lang Musik in der Kirche und draußen, wo der Platz schön illuminiert war.

Heute war der alte Bildhauer Martin Wagner sehr liebenswürdig. Er erzählte viel von Parga und Prevesa. Ich glaube, daß er bisweilen Menschen sucht. Er ist von büffelartiger Grobheit. Als der witzige Riedel einmal an den Mauern Roms spazierte und Wagner daherkommen sah, stellte er sich hinter eine jener Verzäunungen, die man zum Schutz der Fußgänger gegen Ochsen hie und da an den Mauern aufgestellt hat, und ließ Wagner vorbeipassieren. Der alte Brummbär mußte über diesen Einfall doch laut lachen.

Ein Priester zwischen dem Menschen und Gott ist nur wie ein schwarzgeräuchertes Glas, wodurch man die Sonne sehen soll.

 

Rom, 13. September

Sorgen und Scirocco. Es kam Dr. Altenhöfer von der Augsburger ›Allgemeinen Zeitung‹. Mit ihm verbrachte ich einige angenehme Tage. Ich traf ihn im Mausoleum des August, wo man die ›Maria Stuart‹ in der Übersetzung Maffeis spielte. Vorgestern fuhr ich mit ihm nach Tivoli.

In Neapel gärt es. Auch hier agitiert Mazzini. Alles ist in Spannung. Die Cholera wütet auf Sardinien.

 

Nettuno, 28. September

Am 19. fuhr ich nach Porto d'Anzio und logierte mich hier ein bei Donna Vittoria, im Palast, der ehemals der Olympia Maldachini gehört hatte. Meereseinsamkeit. Vollmond. Bäder. Ich schrieb hier die Gedichte: ›Nettuno‹, ›Der sterbende Hadrian‹ und ›Astura‹. Ich gehe morgen wieder nach Rom. Die Cholera ist in Porto.

 

Rom, 4. Oktober Hochzeitstag der Schwester

Ich reiste von Nettuno ab am 1. Oktober. Am Tag vorher gab mein Wirt Felice noch ein großes Pranzo. Der Wein in zwei Fuß hohen gläsernen Amphoren.

 

Rom, 24. Oktober

Der alte würdige Platner starb. Er ist bekannt als einer der Mitarbeiter an der römischen Stadtbeschreibung, wofür er die Partien über das Mittelalter und die Geschichte der Kunst bearbeitet hatte. Er war noch Freund Niebuhrs gewesen.

Am 18. feierte Riepenhausen sein 50jähriges Jubiläum in Rom durch ein Gastmahl, welches ihm die deutsche Künstlergesellschaft gab.

Ich lernte eben den Grafen Paul Perez von Verona kennen. Er war ehemals Professor der Literatur in Padua, dann seit 1848 in Graz. Er ist ein großer Kenner Dantes, mit dessen Geschlecht er durch die Serego Alighieri verwandt ist. Er kam nach Rom, um den dreijährigen Kursus der thomistischen Philosophie in der Minerva durchzumachen. Perez hat ein sehr gewinnendes Wesen, voll Sanftmut und schwermütigem Ernst.

 

Rom, 26. November

Neun Druckbogen der ›Figuren‹ kamen von Leipzig.

Abgedruckt ist im ›Morgenblatt‹: das ›Gelübde des Petrus Cyrnäus‹, Übersetzung nach Viale; und im 10. Bande der ›Gegenwart‹: die Geschichte der letzten zehn Jahre Neapels.

Seit dem Oktober habe ich mich an die Vorstudien zur Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter gemacht. Ich arbeite in dem schönen Saal der Angelica von 8 bis 12 Uhr. Erst will ich den Stoff übersehen. Dies sind meine köstlichsten Stunden.

Ich brachte einen Abend angenehm bei Cornelius zu, welcher schöne Räume im Palast Poli bewohnt. Sein Karton für den Campo Santo ließ mich kalt. Diese Allegorien sind schon besser vorhanden. Cornelius ist ein großer Künstler, aber kein Maler. Er besitzt die Kraft, ganz rein auszusprechen, was er will. Bei ihm war Professor Balzer, Anhänger der Günther'schen Philosophie oder Doktrin und in Angelegenheiten von dessen Prozeß als sein Verteidiger hierher gekommen.

 

2. Weihnachtstag

Viel an der Chronik von Rom gearbeitet. Es ist ein Ozean, auf den ich mich wage, so allein auf mich gewiesen, und so mittellos, daß ich mir kaum ein Buch erschwingen kann. Haufenweise schleppe ich geliehene Bücher aus der Bibliothek von Alertz oder der vom Kapitol in meine Wohnung. Wie häßlich ist diese via Purificazione! Gesindel haust darin, Modelle für Künstler. Den Ghetto deutscher Künstler nennt man diese schmutzige Straße.

Ich war beim Empfange des Dominikaner-Kardinals Gaude und bei Villecourt, demselben französischen Bischof, der einst Johannes Voigt zum Katholizismus bekehren wollte, nachdem dieser sein Buch über Gregor VII. geschrieben hatte. Auf einer Soirée beim preußischen Gesandten von Thile lernte ich Bethmann-Hollweg kennen. Er ist eine imponierende Gestalt, groß und stark, von steifen Formen.

Ein Maler Jonas schrieb aus Berlin, daß er, angeregt von meinem Buch, Korsika besuchen wolle, dort Studien zu machen.

Cornelius sagte mir letzthin auf einem Spaziergange, daß niemals die Seele eines Weibes auf sein Wesen und Schaffen Einfluß gehabt habe. Er sprach sich mit Verachtung gegen die Frauen aus; ihre Inferiorität beweise schon dies, daß Gott dem Adam seinen Geist eingeflößt, das Weib aber nur anatomisch aus der Rippe des Mannes genommen habe. Nur die Sinnlichkeit ließ er gelten: der Künstler bedürfe ihrer für seine Schöpfungen, wovon sie ein Element sei.

 

Jahresschluß

Im Jahre 1855 habe ich geschrieben: die letzten zehn Jahre Neapels; manches Lyrische; fast vollendet das Gedicht ›Euphorion‹; abgeschlossen den Band ›Figuren‹. Vollendet Meli; begonnen die Studien zur Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter.

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