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Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889

Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889 - Kapitel 13
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authorFerdinand Gregorovius
booktitleRömische Tagebücher 1852-1874
titleRömische Tagebücher. Auszüge 1852 - 1889
publisherVerlag C. H. Beck
editorHanno-Walter Kruft und Markus Völkel
isbn3406348939
year1991
correctorreuters@abc.de
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1863

Rom, 1. Februar

Das Jahr hat mit Verstimmung angefangen; das Wetter, schlecht und regnerisch, machte mich krank, so daß ich meine Arbeiten aussetzen mußte. Erst seit vorgestern bin ich wieder wacker dabei.

Hiesige Verhältnisse; das Papsttum hat eine Frist gewonnen durch die Politik Napoleons. Das beste Einvernehmen herrscht zwischen Rom und Paris. Als Pius am Neujahrstage die französischen Offiziere empfing, sprach er sehr warm seinen Dank für Frankreichs Schutz aus. Die Kirche, oder eitler Weise sich selbst, verglich er mit dem Engel, gegen welchen Jakob rang, bis er ihn am Morgenlicht erkannte. Reformen sollen im Rest des Kirchenstaats eingeführt werden: die Vorstellungen Frankreichs, wie sie das »gelbe Buch« enthält, haben den Papst zu diesen Zugeständnissen vermocht. Aber sie werden sich nur auf die Gemeinden erstrecken, in denen die Wahl der Munizipalräte fortan freigegeben werden soll.

Der Brigantaggio in Neapel nimmt kein Ende, in Sizilien herrscht Anarchie. Eine neue Sekte von Pugnalatori ist in Palermo entdeckt worden.

Willisen, Bruder des hier kranken Generals, kommt als preußischer Gesandter nach Rom. Der pfäffische Theiner hat wieder die Buchhandlung Spithöver vor dem Verkauf meiner ›Geschichte der Stadt Rom‹ gewarnt. Ich fürchte sehr, man wird sie verbieten. Ich arbeite noch im Archiv Colonna.

 

Rom, 22. Februar

Am 1. Februar starb plötzlich der Baron v. Cotta zu Stuttgart im 67. Jahre seines Lebens. Eine persönliche Beziehung von großem Wert ist mir verlorengegangen. In Cotta lebte auch die Tradition der großen Literatur-Epoche des Vaterlandes; dies war von Bedeutung. Ich habe gestern nach Stuttgart geschrieben.

Willisen ist angekommen; er sieht nicht militärisch aus, sondern hat ein bureaukratisches Hohenzollern-Gesicht: scheint human und aufgeklärt.

Alertz kam zurück von Genf, noch leidend.

Vorigen Sonntag brannte das Theater Alibert bis auf die Fundamente ab, was vom Pincio schön anzusehen war.

 

Rom, 8. März

Großes Aufsehen macht die Verhaftung des Cavaliere Fausti, des Vertrauten Antonellis, Beamten der Dataria, Ritters der Ehrenlegion, Spediteurs Frankreichs für die geistlichen Angelegenheiten. Das Tribunal der Consulta ließ diesen Mann plötzlich im Corso aufgreifen, als er aus der Messe kam; dies auf Grund von Briefen, welche man unter den Papieren jenes Venanzi fand, der im vorigen Jahre als eins der Häupter des National-Comités festgenommen worden ist. In Folge dessen reichte Antonelli seine Entlassung ein; aber der Papst weinte, beschwichtigte ihn, und beschwor seinen kleinen Richelieu, ihn nicht zu verlassen. Fausti sitzt noch in S. Michele; zu einer Genugtuung Antonellis soll der Minister des Innern, Monsignore Pila, entlassen werden. Den Schritt des Staatssekretärs veranlaßten noch andere Ursachen: so die Angelegenheit Odo Russells in Betreff der Anfrage des Papsts, ob er in England ein Asyl finden könne, welche darauf der schwache Pius gestellt zu haben leugnete, endlich die Spannung zu Merode.

Die Kurie ist gespalten in die Faktion jenes anmaßenden Belgiers, der von den Jesuiten (namentlich dem Kardinal Altieri) gehalten wird, und in die Partei Antonellis, welcher unter den Kardinälen wenig Freunde zählt, aber auf alle diejenigen rechnen darf, die den Einfluß de Merodes hassen.

Man nennt als liberaler gesinnte Kardinäle nur Grassellini, Mertel, di Pietro und Andrea.

Die Jesuiten haben einen ersten Ausfall gegen mich gemacht, auf dessen Folgen ich gefaßt sein muß. In der ›Civiltà Cattolica‹ vom 21. Februar 1863, p. 398 steht Folgendes:

»Incredibili sono le tragedie che contra questa lettera di Stefano III sono state mosse dai nemici della S. Chiesa, cominciando dai Centuriaiori di Magdeburgo, i quali primi la stampanno, infino a questi di che il protestante Gregorovius, degno alunno dei Centuriatori, l'ha qualificata per un capolavoro di barbarie grottesca, e violenta, degna dei più tenebrosi tempi dell' umana società.«

 

Rom, 5. April, Ostertag

Die Stadt ist von Fremden überfüllt. Ich habe die Ostervespern besucht in Gesellschaft der beiden schottischen Frauen Grant Duff, bei denen ich viel verkehre.

Eine andere neue Bekanntschaft ist die Fürstin Carolath-Beuthen aus Schlesien, zu welcher mich Reumont einführte.

Ein Korse Costa besuchte mich, mir für ›Korsika‹ zu danken; in derselben Absicht kam ein Herr Rivinus aus Philadelphia.

Der Papst, völlig wohl, hat allen Funktionen beigewohnt. Fausti ist noch im Gefängnis; die Stimme der Stadt bezeichnet ihn als wirklichen Verräter. Solcher mag es im Vatikan mehrere geben.

Vor etwa 14 Tagen flüchtete sich die Bande Tristany aus dem Neapolitanischen in die pontinischen Sümpfe nach Campomorto, welcher Ort seit Alters das Asylrecht hat. Sie begingen dort greuliche Exzesse. Hierauf hat die päpstliche Regierung jenes Asylrecht aufgehoben, Gendarmen abgeschickt, und etwa 40 Briganten festgenommen. Der berüchtigte Pilone vom Vesuv, und sogar ein Neffe des Generals Bosco, ist darunter; zu gleicher Zeit wurde der Brigantenchef Cipriano la Gala bei Bracciano festgenommen. Diese Menschen sitzen jetzt in den Carceri nuove fest, von wo man sie wohl mit gutem Wind wieder wird absegeln lassen. Wo der spanische Donquixote Tristany geblieben, ist unbekannt.

Die Kirche hat Glück, wenigstens fehlt es ihr nicht an Stoff zu satirischen Ausfällen. Cavour starb, Garibaldi ist ein sentimentaler Romantiker geworden, der von Caprera phantastische Briefe in die Welt ausstreut, und der Chef des italienischen Ministeriums Farini ist verrückt geworden. Man brachte ihn in das Kloster Novalesa, welches er selbst zuvor aufgehoben hatte. Im übrigen geht der Kampf des Staats gegen die Kirche vorwärts; viele Klöster werden aufgehoben und das Dekret vom 5. März unterwirft alle Bullen und Breven geistlicher Behörden dem Exequatur der Regierung.

Es kamen nach Rom die jungen Töchter Alexander Herzens mit Fräulein Meysenburg.

 

Rom, 20. April

Von Fremden kamen zu mir Franz Löher aus München, welcher nach Sizilien geht; Ulrich von Hutten, aus dem alten Huttenschen Geschlecht, geschickt vom Colonel Rüstow; Arthur Russell und der Übersetzer des ›Korsika‹, Russell Martineau. Derselbe erzählte mir, daß Longman 3000 Exemplare abgezogen habe, wovon im ersten Jahr 1500 abgesetzt wurden, die übrigen seien in einem Brande verunglückt.

Am 11. nahm Frau Grunelius mit nach Deutschland die Revision der ›Figuren‹ für die zweite Auflage. Ich rüste zum Druck den zweiten Band der ›Wanderjahre‹, unter welchem Titel nun das Ganze erscheinen soll.

Am 12. große Demonstration für den Papst; die Stadt war prachtvoll illuminiert.

Pilone ist freigelassen und treibt sein Wesen weiter auf dem Vesuv.

Viel Aufsehen erregt hier die plötzliche Entwendung aller politischen Prozeßakten (Venanzi und Fausti); der von Turin erkaufte Dieb hat sich damit davongemacht.

Am 18. kam Munch aus Christiania, seine Familie abzuholen. Er bleibt noch zwei Monate hier. Er hat sich verjüngt; sieht stark und blühend aus und ist kindlich heiter.

 

Rom, 26. April

Am 20. wurde bei Prima Porta, wo man die Ruinen einer Villa der Cäsaren ausgräbt, eine schöne Statue des Augustus gefunden. Herrlicher Frühling. Die Exkönigin Maria kam zurück; sie wohnt im Palast Farnese.

 

Rom, 10. Mai

Antonelli hatte wiederum seine Demission gegeben. Die Partei der Legitimisten und Sanfedisten, an deren Spitze Merode steht, ist jedoch nicht mächtig genug, den Kardinal zu verdrängen, auf dessen Bleiben der Papst besteht. Er hat die Gegner zu einer offiziellen Versöhnung gezwungen.

Der Papst wollte am 6. in die Campagna und Marittima gehen. Diese Reise, welcher sich Antonelli widersetzte, ist das Werk de Merodes. Man will einen päpstlichen Triumphzug durch Latium veranstalten; zugleich soll die Annäherung des heiligen Vaters an die neapolitanische Grenze die dortige Reaktion neu beleben.

Provisorisch ward die Eisenbahnstrecke von Rom nach Monterotondo, doch nur für drei Tage, eröffnet.

Sobald das Eisenbahnsystem fertig ist, wird Rom der wahre Mittelpunkt Italiens sein.

Gestern kamen die schottischen Frauen aus Neapel zurück.

 

Rom, 17. Mai

Der Papst fuhr am 11. ab. Er besuchte Velletri, Norma, Sermoneta, Frosinone, Veroli. Er ist heute in Alatri. Er wird bis Ceprano gehen, aber in seinem Wagen, um die neapolitanische Grenzstation zu vermeiden. Diese finstern lateinischen Städte haben lange keinen Papst gesehen.

Im Mittelalter lebten die Päpste dort im Exil.

In Anagni wird er den neuen Aquädukt einweihen. Das Landvolk hat ihn überall mit Enthusiasmus aufgenommen. Vielleicht ist es die letzte Reise, die ein Papst als weltlicher Fürst in der schönen Domäne St. Peters macht.

Ich bin jetzt wieder sehr tätig, versenkt in die lateinischen Schriften des Petrarca.

Plötzliche Erkrankung Munchs, da die Familie eben im Abreisen war. Es scheint ein Sonnenstich; er kam aus dem Vatikan erhitzt und ließ sich an einer Fontaine des St. Peter den Kopf begießen. Zu Hause fiel er in Ohnmacht. Alle Glieder schmerzen.

 

Rom, 28. Mai

Am 25. war Munch so weit hergestellt, daß er zum erstenmal ausfahren wollte. Die endliche Abreise nach Norwegen war festgestellt. Am Abend ging ich zu Frau Lindemann. Ich fand das Haus leer; die Dienerin sagte, alle seien zu Munch hinüber, welcher plötzlich in Ohnmacht gefallen sei. Ich eilte dort hin und holte Alertz. Der Kranke lag bewußtlos; Alertz verschrieb ein Medikament und ging fort. Nach einer halben Stunde war Munchs Zustand schlimmer. Ich holte Alertz von neuem.

Wie wir kamen, war Munch schon tot.

Welche Nacht in dem Hause! Die vier Töchter um die geisteskranke, auf dem Boden kauernde Mutter her – alles von einem einzigen Schlag zerschmettert, nach der Freude des Wiedersehens, im Begriff der Abreise. – Seither zwei schreckliche Tage.

Wir begruben Munch gestern um 5 Uhr nachmittags an der Pyramide des Cestius. Dietrichson von Upsala hielt die Grabrede; dann sprach ich ein paar Worte und legte im Namen der deutschen Wissenschaft einen Lorbeerkranz auf den Sarg.

Norwegen wird Munchs Kinder adoptieren; ein Telegramm kam gestern von der Regierung. Lindemann hat an den König von Schweden telegraphiert. Der einzige Sohn, Offizier in seinem Dienst, wird kommen.

Munch wurde 52 Jahre alt. Seine ›Geschichte Norwegens‹ blieb unvollendet. Es sind von ihr innerhalb der Jahre 1852 und 1862 sieben starke Bände erschienen, reichend bis 1371. Dieser riesige Torso sichert ihm den Nachruhm in seinem Lande. Er war ein stattlicher und schöner Mann, lebhaft, fast unruhig, immer erregt. Sein Gedächtnis unglaublich stark; sein Wissen ungewöhnlich. Sein Naturell harmlos bis zur Kindlichkeit.

 

Rom, 7. Juni

Munchs sind gefaßt. Der Sohn kommt in diesen Tagen. Der König von Schweden hat an die Witwe telegraphiert. Das Gras fängt an, auch über diesem Grab zu wachsen. Ich habe meine Arbeiten in der Vaticana wieder aufgenommen.

 

Rom, 17. Juni

Am 13. kam Eduard Munch, Offizier in der Garde, vom König von Schweden abgeschickt, die Familie heimzuholen. Nur Julie war in der Stadt, die übrigen waren nach Frascati gefahren, wo sie der Konsul Marstaller in die Villa Piccolomini genommen hatte. Ich fuhr mit Lindemann am 14. des Morgens nach Frascati, den Bruder anzumelden, welcher nach ein paar Stunden kam. Sie reisen zu St. Johann.

Ich habe meine Bibliothekarbeiten geschlossen, – die Hitze wird groß. Ich sehe jetzt alles durch, was ich an Material gesammelt habe, um eine Übersicht zu gewinnen.

Vor einigen Tagen war ich nach Prima Porta gefahren, die Ausgrabungen zu sehen. Es ist das Lokal der Maxentiusschlacht. Dort auf dem Hügel über dem Fluß stand die Villa der Livia (ad Gallinas); im Mittelalter hieß der Ort Lubra. Man hat die Villa nur teilweise aufgefunden; ein Zimmer, blau gemalt, mit Landschaftsbildern, ist wohlerhalten. Die Statue des Augustus war schon nach Rom gebracht, wo ich sie im Atelier Teneranis sah, der mit ihrer Restauration beauftragt ist. Sie ist wahrhaft schön; die Reliefs auf dem Panzer von der feinsten Arbeit. Der Kopf herrlich, doch offenbar in den Rumpf eingesetzt, von dem er übrigens sich getrennt fand.

 

Rom, St. Johann

Noch einige Tage verlebte ich mit Munchs. Die Anwesenheit des Bruders hatte Kraft gegeben, der Schmerz war milder geworden; der Sinn wurde durch die Zurüstungen zur Reise beschäftigt.

Heute um 6 Uhr morgens fuhren wir alle hinaus auf die Station nach Civitavecchia. Sie reisten ab um 7 Uhr. Es waren merkwürdige und originelle Menschen; sie hatten alle etwas Harmloses und Kindliches im höchsten Grade, wie auch der Vater selbst. Ihr Wesen steckte noch in den Elementen, als hätten sie sich von den Naturmächten noch nicht losgemacht.

Norwegen hat ein reiches Legat für Munchs Kinder gestiftet. Er konnte nicht schöner sterben als hier in Rom, auf der Höhe des Ruhms, geliebt von seiner Heimat, die er doch nur eben verlassen hatte.

Die italienische Regierung geht energisch gegen den Klerus vor. Am 11. Juni wurde Arnaldi, Erzbischof von Spoleto, festgesetzt. Täglich werden Klöster aufgehoben.

Am verwichenen Sonnabend erhielt ich Zutritt in das geheime Archiv des Kapitols. Der Sekretär ist Pompili Olivieri, Verfasser einer Geschichte des römischen Senats im Mittelalter; der Archivar ist der Advokat Vitte. Ich durchsah die Kataloge; ich fand wenig für meine Zwecke. Das meiste datiert vom Beginn des Saeculum XVI. Der Sacco di Roma hat dort aufgeräumt.

 

Rom, 7. Juli

Ich reise morgen mit dem Schiff »Aunis« nach Genua. Im vorigen Jahre verließ ich Rom mit Widerwillen fast um dieselbe Zeit; diesmal bedrückt mich Gleichgültigkeit. Ich hoffe indeß den Moschusgeruch loszuwerden drüben in den Alpen. In München will ich einige Wochen arbeiten.

 

Brunnen am Vierwaldstätter See, 14. Juli

Am 8. Juli des Morgens reiste ich von Rom ab; ich schiffte mich in Civitavecchia ein. Auf dem Schiff fand ich die Fürstin Carolath, die von Neapel kam. Ich brachte sie in Livorno ans Land. Hier besuchte ich die mir bekannten Familien. Das Haus des Predigers D. scheint ein Asyl für romantische Ehen, die er einsegnet, wie der Schmied von Gretna Green; ich fand dort eine junge Hamburgerin, eben verheiratet an einen schleswig-holsteinischen Abenteurer, welcher die Garibaldi-Expedition in Sizilien mitgemacht hatte, und von ihm betrogen und verlassen.

Über Genua, wo ich von Morgen bis Mittag blieb, fuhr ich nach Turin, wo ich am 10. anlangte. Ich suchte Amari auf, fand ihn aber weder im Ministerium des öffentlichen Unterrichts noch im Parlamentsgebäude. Ich wohnte einer Sitzung der Kammer bei; am Ministertisch nur Venosta und Minghetti. Es handelte sich um die Besteuerung des mobilen Vermögens; der Finanzminister machte eine Kabinettsfrage daraus. Die Diskussion war ohne Lebhaftigkeit.

Am Morgen des 11. kam Amari ins Hotel; leider konnte ich ihn nur einige Minuten sprechen, da ich schon im Begriff war, den Omnibus zu besteigen.

Über Novara nach Arona, an den Lago Maggiore. Weiter bis Mogadino.

Von Bellinzona um Mitternacht abgefahren. Morgens am 12. Ankunft in Airolo, dem letzten italienischen Ort, am Fuß des S. Gotthard, dann über den Berg.

In Amsteg eine Probe von der Erziehung des Schweizervolks: ein Passagier und der Postillon prügelten sich sitzend, im Wagen, mit furchtbarem Barbarengeschrei in der schönen Landessprache.

Am 13. des Morgens auf dem Dampfschiff nach Brunnen. Hier nahm ich Logis im Hôtel l'Aigle d'or. Etwa 50 Menschen speisten daselbst an einer langen Tafel, wo man eng zusammengepreßt sitzen muß. Es dünkte mich ein Gefängnis; ich ließ die letzten Gänge im Stich. Der Blick auf den See ist schön, aber beengt. Die Berge sind wüst und formlos. Die Gesellschaft (viele Berliner) ohne Reiz. Gestern ging ich nach Schwyz. Dieser ländliche Ort liegt schön im Grün zu Füßen des Mythensteins.

Wandernde Trupps von Schülern mit ihren Lehrern; einer trägt die rote Kantonsfahne vorauf. Auch auf dem Lago Maggiore nahm das Schiff eine solche Schar auf; sie war aus Granson, der Führer ein alter Pedant, mit einem dicken Alpenstock, immer heiter und vergnügt.

Ich sehe alles mit Gleichgültigkeit und bewege mich nur, weil die Bewegung gut ist. Auch sind es nur neun Monate, daß ich die Schweiz verlassen habe.

 

Hotel Witrig, Dachsen, am Rheinfall, 23. Juli

Am 16. von Luzern nach Basel. Von Olten ab waren die Bahnhöfe wegen des Schützenfests in La Chauxdefonds mit Emblemen und Nationalfahnen verziert. Ich sah auch den deutschen Reichsadler und die deutschen Farben an jeder Station, zur Begrüßung der deutschen Schützen. Eine Inschrift sagte irgendwo: Freiheit den Völkern und ihrem Verkehr, Keine Despoten und Zollschranken mehr. Abends in Basel. Ich ging zum Münster hinauf, welches noch einige Teile romanischen Stils besitzt. Das Museum daselbst bewahrt Andenken an Erasmus, Überreste von Holbeins Totentanz, Fresken aus der ehemaligen Franziskanerkirche. Die Schweizer haben einen besonderen Sinn für diese tristen Gegenstände.

In mehreren Kirchen hier zu Lande sah ich die Heiligen als Gerippe über den Altären sitzen, in prachtvolle goldgestickte Gewänder gehüllt.

Nichts Sehenswertes sonst in dieser grauen, monotonen Stadt.

Am 17. auf der neuen badischen Eisenbahn, über Waldshut, nach dem Rheinfall beim Schloß Lauffen.

Ich wollte weiter nach Konstanz; aber die Einsamkeit der Station Dachsen reizte mich. Ich blieb diese Tage über hier, zehn Minuten vom Rheinfall, eine halbe Stunde von Schaffhausen entfernt. Nach dieser Stadt gehe ich in der Regel morgens. Sie liegt sehr schön am Rhein, in Laub und Weinreben. Die Statue Johannes von Müllers ist oben auf dem Spaziergang aufgestellt, in einer parkartigen Anlage. Sehenswert ist der Munoth, ein Kastell aus Saeculum XVI, ein Rundturm, wie jener der Caecilia Metella und vielleicht nach ihrem Muster gebaut.

Gestern ging ich über den Rhein in das Badische, nach Rheinau, ein altes, von den ersten Welfen gegründetes Benediktinerkloster, welches die Züricher Regierung im vorigen Jahr aufgehoben hat. Nur zehn Mönche sind hier übrig geblieben, Elentiere oder Elendtiere einer aussterbenden Zivilisation.

Die Schweiz bietet im Sommer den Anblick eines ewigen Festes dar; alle Welt ist auf Vergnügungsreisen. Hierher kommen täglich Hunderte, den Rheinfall zu sehen; ganze Schulen reisen; vorgestern hielt eine wandernde Schule, 380 Mädchen und Knaben, ein Fest. Sie singen nicht, sie johlen oder brüllen; sie schmausen nicht, sie verschlingen. Gestern kamen die Züricher Eisenbahnbeamten und Arbeiter, 400 Mann stark, anjubiliert.

Täglich brausen an mein Fenster zehn Bahnzüge heran.

Ich habe hier acht Tage schöner Ruhe verlebt. Acht lyrische Gedichte sind die Frucht davon. Der Rhein, die Rebenberge, die friedlichen Dörfer und ihre freundlichen Menschen, all dies versetzte mein Gemüt in eine dichterische Stimmung.

 

Konstanz, 25. Juli

Gestern nach Konstanz. Ich stieg ab in Hohentwiel, um jenen isolierten Berg nebst Burg zu sehen. Der schlechte Bau der Feste ist vielleicht aus Huttens Zeit, der hier im Exil lebte. Der Berg, ein häßlich unförmlicher Kegel von Basalt, bietet eine weite und schöne Aussicht dar. Alles Land ist hier katholisch.

Im Regen weiter nach Konstanz, wo ich um 4 Uhr nachmittags eintraf. Die Stadt liegt schön am See, der eine große und träumerische Fläche darbietet. Pappeln und andere Bäume umher; altdeutsche Bauart, oft häßlich; dann Häuser wie aus Papier. Ich sah den Konziliensaal, wo Martin V. gewählt wurde. Der Saal ganz modern, von Holz, zeigte noch seine Zurüstung zum Einweihungsfest der badischen Seebahn. Wappen badischer und schweizerischer Städte an den Wänden. Oben bewahrt das Museum einige auf Huß und noch ältere Epochen bezügliche Antiquitäten. Zwei kindische Wachspuppen stellen Huß und Hieronymus dar. Alte Schilde von Kreuzfahrern, sehenswert; einige historische Porträts; römische Altertümer, Bronzen, Münzen; heidnische Idole der Konstanzer Vorzeit. Einige alte Drucke; das Meßbuch Martins V.; der Sessel, in dem beim Konzil der Kaiser Sigismund gesessen.

Im Brühl vor der Stadt bezeichnet ein im Jahr 1862 gesetzter Stein die Ruhestätte des Huß. Das Denkmal ist gut und passend; zuerst ein Steinhaufen, umschlungen von Efeu, darüber ein kolossaler Block, worauf nur der Name Johannes Huß, gestorben 6. (14.) Juli 1415; auf der andern Seite in gleicher Weise die Erinnerung an Hieronymus von Prag.

 

München (Max Josephstraße Nr. 1), den 7. August

Am 26. Juli von Konstanz nach Lindau; von dort nach München, wo ich im strömenden Regen abends eintraf. Da man ein Schützenfest hielt, konnte ich schwer unterkommen. Man nahm mich im Bayerischen Hof auf, sodann mietete ich am 29. ein Privatlogis, nicht weit von den Propyläen.

Ich besuchte Giesebrecht, mit dem ich in den ersten Tagen sehr angenehme Stunden zubrachte. Er sagte mir, daß der König mich in München plazieren wolle, und ich erklärte, daß ich nichts annehme und in keinem Fall mich in den Dienst einer privaten Gnade begeben wolle. Da nun der König gewünscht hatte, mich zu sehen, so zeigte ich seinem Generaladjutanten, dem Herrn von Spruner, meine Anwesenheit an.

Am 3. August wurde ich ins Schloß Nymphenburg beschieden. Der liebenswürdige König empfing mich allein. Er sieht nervös und leidend aus, hat etwas Timides. Wir hatten nur ein wissenschaftliches Gespräch, zumal über die Stadt Rom. Er sagte mir, daß er im Winter nach Rom kommen werde, und beim Abschied, daß er wünsche, mit mir sehr nahe bekannt zu werden.

Ich war nie in irgendeinem Dienst. Meine Natur erträgt das nicht. Ich verdanke alles mir selbst, und ich will frei bleiben; diese Unabhängigkeit ist mein einziges Gut.

Schack sah ich nur flüchtig, er reiste nach Genf ab; Giesebrecht nach Reichenhall.

Auf der Bibliothek arbeite ich alle Tage von 9–12 Uhr.

Konstantin Höfler von Prag suchte mich dort auf.

Ich besuchte Döllinger; er ist ein feiner, kalter, trockner Mann, der sich mit Klugheit ausspricht. Er anerkannte die vorurteilsfreie Stellung meiner ›Geschichte der Stadt Rom‹.

Im Theater sah ich ›Donna Diana‹ von Moreto.

 

München, 17. August

Einsame Tage, da fast alles draußen ist, auch Döllinger, bei welchem ich zu Tische war, nebst den zünftigen Historikern Höfler, Professor Ficker aus Innsbruck, Professor Cornelius von hier. Höfler machte Invektiven gegen Preußen, welches er zu hassen scheint. Es war eben die Einladung des Kaisers von Österreich zum Fürstentag ausgegangen, welche auch München aufregte.

Ich traf bei Charles Boner Julius Fröbel, den ich noch nie gesehen hatte. Fröbel ging, vom Fürstentag begeistert, nach demselben Frankfurt, wo er vor 15 Jahren den Umsturz der Fürsten gepredigt hatte. Er sprach sich voll Unwillen über die nationalen Bestrebungen der Polen und selbst der Italiener aus. Fröbel! – Ich stellte gegen seine Politik die Hoffnung hin, daß Italien doch einmal in den Besitz Venedigs kommen werde, welches ihm gehöre. Fröbel hat in Österreich eine offiziöse Stellung. Man will ihm in Wien sehr wohl, obgleich er dort der K.K. Hofdemokrat heißt. Er sieht, wie es scheint, aufrichtig in Österreich das Heil und den Anker Deutschlands. Welcher Irrtum in einem sonst so klaren und durch das Leben gebildeten Geist! Seine Persönlichkeit ist männlich und schön.

Am 14. kam der Kaiser Franz Joseph auf seiner Fahrt zum Fürstentage hier durch. Das Volk akklamierte, wenn auch ohne Begeisterung.

Gestern kam der König von Preußen, nach Baden-Baden durchfahrend – man empfing ihn mit tiefstem Stillschweigen – er fuhr entblößten Hauptes eine Zeitlang. Die Junkerwirtschaft hat Preußen noch verhaßter gemacht – es steht auch in Deutschland allein.

 

Reichenhall 1. September

Am 30. August schloß ich meine Arbeiten auf der Münchner Bibliothek. Ich sah im National-Theater die Oper ›Faust‹ von Gounod. Gretchen, Fräulein Stehle, vollendet und hinreißend. Mephistopheles, Kindermann, nicht minder ausgezeichnet. Faust, mittelmäßig. Die Oper, deren Musik nicht genial ist, zeigt, was ein bedeutendes Sujet wirkt. Die Dekorationen, besonders in der Gartenszene bei Mondschein, von feenhafter Schönheit.

Bei Cornelius, dem Professor der Geschichte, gewesen. Die Münchner Professoren scheinen noch immer stark päpstlich gesinnt; sie wollen von dem Sturz des Dominium Temporale nichts wissen.

Gestern fuhr ich nach Reichenhall; zufällig traf ich auf der Eisenbahn mit Professor Unger aus Wien zusammen, und wir plauderten bis Teisendorf, wo wir uns trennten. Ich traf Giesebrecht und seine Frau zu Hause. Wir machten einen Spaziergang nach dem Thumsee. Abends prachtvolles Gewitter, dann strömender Regen.

 

Salzburg, 4. September

Am 3. September fuhr ich nach Berchtesgaden. Dieser Ort ist entzückend durch seine Lage in einem reichen und schönen Bergtal unter dem Watzmann. Tiefdunkle Berge, tiefes, saftiges Grün, schwermütige und ernste Farben, alles groß, fest und heldenmäßig. Ich ging nach dem Königssee, und fuhr auf ihm bis S. Bartolomä. Mittags nach Berchtesgaden zurückgekehrt, suchte ich Carl Hegel auf, den Sohn des Philosophen, Professor in Erlangen, und bekannt durch sein treffliches Werk über die Verfassung der Städte Italiens. Er ist ein Fünfziger, schon ergraut, ein feiner und ruhiger Mann, schöner und bedeutender Kopf; er soll seinem Vater gleichsehen.

Ich verlebte mit Hegel lebhafte Stunden, da wir miteinander Berührungspunkte genug haben. Er zeigte sich freisinnig, sowohl in der deutschen wie italienischen Sache. Er verdammte die an Unfreiheit streifende Farblosigkeit Giesebrechts, welcher gleich von vornherein in München sich auf die Seite der Ultramontanen geneigt habe.

Gestern fuhr ich mit Giesebrecht und seiner Frau hieher. Giesebrecht zeigte mir den mythischen Birnbaum auf dem Walserfelde, unter dem Untersberge.

Salzburg ist so ganz italienisch gebaut, daß ich mich in Spoleto zu befinden glaubte. Die alten Fürstbischöfe standen in lebhaftem Verkehr mit Rom; eine italienische Welle schlug von dort herüber. Es ist Jesuiten-Stil vom Anfang Saeculum XVII. Der berühmteste Architekt in Salzburg war ein Italiener, Solaro.

Die Lage ist unvergleichlich. Ich sah nichts Schöneres in Deutschland. Dies ist der einzige Fleck deutscher Erde, welcher ideale südliche Formen hat.

In dem nur ¼ Stunde entfernten Schloß Leopoldskron wohnt jetzt der König Ludwig und der vom Thron gestürzte Otto von Griechenland.

Mozarts Bildsäule von Schwanthaler ist einfach und schön. In der Franziskanerkirche liegt Haydn begraben und hat Neukomm eine Gedenktafel; in der Stephanskirche ist das Grabmal des Paracelsus.

Es liegen 400 Mann ungarischer Husaren und Kroaten hier. Die Stadt ist erfüllt von den Frankfurter Ereignissen. Man schwärmt für die »Große Tat« des Kaisers, welcher heute in Wien ankam und einen prachtvollen Triumph des Empfangs feierte.

München, 9. September

Am 5. September kam ich hierher zurück. Die Stadt war ausgeflaggt, weil man tags zuvor den von Frankfurt zurückkehrenden König festlich empfangen hatte. Ich arbeitete noch auf der Bibliothek, wo ich heute abschloß.

Gestern zum Abendessen bei Professor Cornelius, wo auch Balzer aus Breslau war, mir von Rom her bekannt; vorher zu Mittag bei Charles Boner. Der Major von Wirsing kam aus Gastein zurück. Ich gehe morgen nach Heyden in die Schweiz. Ungern verlasse ich das Vaterland.

 

Heyden, 12. September

Am 10. früh nach Augsburg.

Gisela von Arnim hatte mich in München auf ein Bild Leonardos aufmerksam gemacht, das in Augsburg sei. Ich besuchte daher die städtische Galerie. Der Direktor Eigner führte mich darin umher – schöne Bilder aus der altdeutschen Schule, obwohl stark restauriert. Das Bild von Leonardo (?), ein Frauenkopf, wunderbar dämonisch, wie eine Medusa Rondanini – plastisch, wie gemeißelt.

Ich nächtigte in Lindau. Gestern kam ich hier an und wurde mit gewohnter Herzlichkeit empfangen. Gräfe ist auch hier.

Es war mir belehrend, aus dem Munde Thiles, des jetzigen Unterstaatssekretärs, manches über die Zustände in Preußen zu vernehmen. Auch er schildert die Lage als trostlos; er ist keineswegs ein völliger Anhänger der Bismarckischen Politik, dessen junkerhaften Hochmut er tadelt, wie die Fehler seiner Regierung. Er meint, die Kammer würde ganz liberal ausfallen. Die Pietät gegen die Dynastie sei geschwunden; das monarchische Prinzip, wie überall, in Gefahr; das Zerwürfnis zwischen König und Kronprinz ein Faktum; die von dem letzteren geschriebenen Briefe an seinen Vater, welche indiskreterweise veröffentlicht wurden, seien authentisch, wenn auch nicht dem Wortlaut gemäß wiedergegeben. Der Kaiser von Österreich habe den König Wilhelm in Gastein wirklich überrumpelt, und der König sei nahe daran gewesen, nach Frankfurt zu gehen.

 

Mailand, 16. September

Am 14. nach Chur. Auf der Station Sargans machte ich die Bekanntschaft Berthold Auerbachs, welcher mit der Fürstin von Hohenzollern und einem Schwarm von anderen Leuten nach Ragaz fuhr. Auerbach ist ein kleiner, dicker Mann von auffallend jüdischen Manieren. Seine Augen sind groß und klug, sein Benehmen von gesuchter Natürlichkeit. Wir sprachen 25 Minuten miteinander, während er eine Unmasse von Pflaumen aus der Tasche aß.

In Chur blieb ich die Nacht.

Am 15. morgens auf der Via Mala. Die Nacht durchgefahren über Chiavenna und den Comersee.

In Colico, schlaftrunken auf das Schiff steigend, sah ich die Brücke nicht, sondern taumelte gerade nach dem Wasser hin; ich hätte den Tod des Fiesco gefunden, wenn mich nicht ein großer Offizier plötzlich mit den Armen umschlungen hätte. Mille grazie! – Niente, Signor. – Ich sah meinen Retter nicht wieder. Es war wie ein Zustand im Traum. Angekommen in Mailand um 8 Uhr morgens am heutigen Tag. Das große Leben dieser prächtigen Stadt faßte mich gleich wieder, wie die italienischen Laute und die edle Schönheit der Rasse.

Ich eilte nach der Ambrosiana, wo ich Henzen an Inschriften sitzen fand; ich sah mit Entzücken die Galerie und die Brera, wo eine Bilder-Ausstellung war. Ich beschloß den Tag in S. Ambrosio.

 

Bologna, 20. September

Am 17. fuhr ich nach Parma, um die Bildergalerie wiederzusehen. Parma macht den Eindruck tiefster Verrottung. Auf der Bibliothek war Odorici abwesend, welcher jetzt in die Stelle des Angelo Pezzana getreten ist.

Nachmittags weiter nach Bologna. Ich fand Briefe Amaris auf der Post, die mich an den Grafen Carlo Pepoli empfahlen, den Syndikus Bolognas, Vetter des jetzigen Gesandten in Petersburg. Ich stellte mich ihm vor im Palast der Kommune und wurde von ihm freundlich aufgenommen. Der Graf ließ den Bibliothekar Frati vom Arciginnasio rufen, der mich in das Archivio publico im Palazzo del Podestà einführte, wo einst König Enzius gefangen saß. Aldini ist dort Konservator. Man gab mir unumschränkte Freiheit, und ich arbeite dort seit vorgestern. In einem großen Saal sind Berge von Dokumenten aufgehäuft, ungeordnet und dem Staub überlassen. Dagegen sind die Notariats-Akten der späteren Epoche, wie überall in Italien, trefflich gehalten. Unter dem Regiment der Päpste hätte man mir nimmer diese Freiheit gestattet; jetzt ist alles der Forschung zugänglich.

Trefflich ist die Einrichtung des Arciginnasio, wo die öffentliche Bibliothek der Stadt in schönen Räumen aufgestellt ist. Man vergrößert dies Institut und will dort Archive und Museen vereinigen. Was Bologna für ein Vermögen besaß ersieht man aus den alten Gebäuden und den Kirchen. Rom hat keine Paläste früher Jahrhunderte, die den hiesigen gleichkommen. Die Häuser der bolognesischen Nobili waren förmliche Kastelle, so der Palast Pepoli, ein riesiger Bau; noch sind viele kreneliert. Ein ernstes, großes, gediegenes Wesen überall; mannhaftester Geist des Bürgerstandes, geadelt durch das Wissen, den wahren Grund der Libertas!

Der Papst hat keine Aussicht, diese Perle seines Dominiums wieder zu erhalten. Bologna ist stark befestigt. Als Zentrum dreier großer Eisenbahnlinien hat es eine Zukunft vor sich. Monteremolo ist hier Präfekt und Cialdini Kommandant der Division.

Ich lernte Michelangelo Gualandi kennen, einen namhaften Antiquar. Heute nachmittag fahre ich zum Grafen Gozzadini zu Tisch nach einer Villa in Sasso.

 

Bologna, 21. September

Auf der Fahrt nach Sasso traf ich mit Graf Gamba zusammen, welcher auch zu Gozzadini fuhr. Dieser empfing uns auf der Station; wir fuhren nach dem Landhaus. Ich verlebte zwei herrliche Stunden mit diesen ausgezeichneten Menschen aus dem berühmten bologneser Geschlecht. Die Gräfin sieht geistreich aus, spricht viel und lebhaft. Wir sprachen von Perez, und die ganze Liebe zu diesem Verlorenen wurde wieder in mir wach.

Ich arbeite im Archiv – viele Pergamente, elendiglich gehalten, Mottenbeute. Ich habe noch nie so viel in Staub gewühlt; ich war von ihm bedeckt wie ein Maurer. Mich ekelte; die Muse sträubte sich in mir. »Verfluchtes, dumpfes Mauerloch!« –

Das Volk hier ist voll Verachtung gegen das alte Pfaffenregiment. Doch die hiesigen Priester halten wie eine Kette zusammen und intrigieren, wo immer sie können. Man richtet viele Primärschulen ein. Die Konskription geht besser vonstatten.

 

22. September

Ich habe im Archiv merkwürdige Sachen durchgesehen. Dabei dachte ich in jenen Räumen an König Enzius, und mir war es, als wenn sein Geist vor mir stand und mir mit trauriger Ironie zusah. Was muß er gefühlt haben, als zu ihm nach und nach die Kunde vom Tode des Vaters, von dem Konrads IV., vom Fall Manfreds und Konradins in seinen Kerker drang!

Es ist unglaublich, in welchem Zustand man das köstliche Material hier den Motten preisgibt. Ich schreibe dieserhalb an den Minister nach Turin.

Mich suchte heute Herr Vital auf, ein reicher hier ansässiger Schweizer, um mir für ›Korsika‹ zu danken, was er herzlich und warm tat.

Dieser Mann sagte mir manches über die hiesigen kirchlichen Verhältnisse. Die Schweizer in Bologna, Reggio und Modena haben eine protestantische Gemeinde gestiftet, deren Zentrum Bologna ist. Sie versammeln sich zum Gottesdienst im Palast Bentivoglio. Sie unterhalten ihren Prediger und setzen ihn ab, wenn er mißfällt, wie in der Schweiz. Die reformierte Kirche in Italien suchten die Waldenser, die ihren Hauptsitz in Turin haben, zu beherrschen; sie schickten auch den ersten reformierten Prediger nach Bologna, welchen Detroit von Livorno hier einführte. Hinter den Waldensern steht die evangelische Mission in England, welche Geld und Bibeln hergibt. Die Schweizer in Bologna, Modena und Reggio wollen sich von den Waldensern frei machen, um nicht in Turin einen Ober-Episkopat aufkommen zu lassen. Außerdem gibt es hier eine akatholische Gemeinde, aus National-Italienern bestehend; sie nennt sich evangelisch und ist eine späte Fortsetzung der häretischen Kirche Italiens, wie sie schon im 12. Jahrhundert entstand. Die Waldenser sind auch hier das Mittelglied. Von höheren Ständen ist niemand übergetreten. Nur in den bürgerlichen Schichten gibt es Konvertiten. Man zählt deren 300–400; stärker ist die Gemeinde in Livorno und Florenz. Den Armen lockte das Evangelium, welches ihm neu ist; außerdem die Befreiung vom Beichtzwang, von häuslichen Visitationen und Abgaben mancherlei Art. Andere treibt der Priesterhaß in das reformierte Lager. Große Eroberungen wird der Protestantismus trotzdem hier nicht machen.

 

24. September

Gestern zu Tisch bei Herrn Vital vor der Porta. S. Isaya auf seinem Landhaus. Er sprach vortrefflich über den Charakter der Italiener. Er führte mich in den Campo Santo, eine herrliche Anlage, welche der Stadt Ehre macht.

Ich verabschiedete mich heute vom Grafen Pepoli im Palast des Senats. Er erzählte mir von seiner Gefangenschaft in Venedig, von seinem Exil in London, wo er Bunsen kennengelernt hatte, von seiner Tätigkeit zur Hebung der Stadt. Er ist voll Hoffnung, und überhaupt ist es eine Freude, das Streben aller zu sehen, aus Bologna so viel sie vermögen herauszubilden.

Ich habe hier großes Wohlwollen erfahren und verlasse diese berühmte Stadt mit warmen Wünschen. Auf ihren Mauern steht das schönste Wort des Altertums: Libertas! Libertas!

 

Ravenna, 25., 26. September Spada d'Oro

Kleine, moderne Häuser, tote Straßen – überall Kirchen, äußerlich unscheinbar, innen reich an Monumenten byzantinischer und gotischer Zeit. Für Geschichte und Kunst sind hier staunenswerte Schätze.

Graf Pepoli hatte mich an den Conte Alessandro Cappi empfohlen, Direktor des hiesigen Museums und Bibliothekar der Stadt. Der schöne, ältliche Herr führte mich in das Archiv des Erzbistums. Hier ist noch viel zu gewinnen, für später. Alles ist mir zugänglich.

Florenz, 28. September Fontana Am 27. nächtigte ich noch in Bologna und fuhr gestern früh nach Vergato, denn bis dorthin ist die Bahn fertig. Bis Pistoia sechs Stunden mit der Post, sanfte Steigung am Reno entlang; die Höhe heißt Collina; von hier herrlicher Blick auf Toscana.

In Florenz angelangt gestern um 4 Uhr. Sabatiers sind hier.

Ich lernte bei ihnen Tommaso Gar kennen, den Freund Manins; er geht nach Neapel als Bibliothekar. Ich war nur einmal auf der Villa und blieb dort die Nacht von Montag auf Dienstag. Alle Bekannte gesehen, bis auf den armen Bonaini, welcher im Irrenhaus zu Perugia geheilt werden soll.

Siena, Albergo della Scala, 4. Oktober Am 30. September fuhr ich von Florenz hierher. Folgenden Tags begann ich meine Arbeiten auf dem Archiv in der Präfektur. Amari hatte mich von Turin aus empfohlen. Große Ausbeute. Hier ist Archivar Polidori und unter ihm Banchi. Ich arbeite von 9–3 Uhr. Die Abende sind lang, die Stadt tot, und ohne Kultur.

Die herrlichen Sodomas gesehen in S. Domenico und im Stadthaus, wo auch schöne Fresken von Taddeo di Bartolo und von Simon Martini. Heute im Dom die Fresken Pinturicchios, welche die Geschichte Pius' II. darstellen.

Siena enttäuschte mich; ich hielt die Stadt für graziös. Sie ist eng und finster gebaut wie Bologna. Kein Lebensprinzip hier. Alle Mittelstädte Italiens verrotten; die Eisenbahn schafft nur große Zentren; sie erwürgt die kleineren Städte.

Bald sind es drei volle Monate, daß ich dies zerstückte und kostspielige Wanderleben führe. Ich sehne mich nach Ruhe.

 

Siena, 7. Oktober

Ich habe hier viele Ausbeute gehabt. Einige angenehme Stunden mit Filippo Polidori, einem Mann noch aus Perticaris und Montis Schule. Sonst furchtbare Öde des Lebens. Morgen gehe ich nach Orvieto.

 

Orvieto, 9. Oktober

Gestern über Chiusi nach Ficulle; von dort mit Post vier Stunden lang nach Orvieto, wo ich um 6 Uhr abends eintraf. Gaetano Milanesi von Florenz hatte mich an einen hiesigen Edelmann Leandro Mazzochi empfohlen. Derselbe kam heute zu mir und führte mich zum Syndikus der Stadt, Herrn Razza; aber dessen Ausflüchte zeigten mir, daß mir das Archiv würde verschlossen bleiben. Ich habe darauf verzichtet, und fahre noch des Abends nach Rom, wenn ich einen Platz finde.

Orvieto hat heute nur 9000 Einwohner. Mazzochi führte mich in das Theater, welches jetzt gebaut wird. Dies ist das einzige Lebenszeichen der Gegenwart, welches die Stadt aufweist. 40 Aktionäre haben jeder 1000 Scudi hergegeben, das Munizipium 10 000. Das Theater soll Anno 1865 eröffnet werden.

Orvieto ist voll von Gebäuden aus dem höchsten Mittelalter. Ich sah heute deren um S. Domenico, welche mindestens 6–700 Jahre alt sein müssen. Alles aus kleinen rötlichen Kalksteinquadern gebaut; alles verrottet, Kirchen, Paläste, Türme, so besonders der alte Palast des Podestà.

Man will hier nichts mehr vom Papst wissen. Auf dem alten Gefängnisturm prangt jedoch eine Tafel, welche der ersten Amnestie Pius' IX. vom Jahre 1846 gewidmet ist.

Die Stadt hat keine Industrie. Sie zieht nur den berühmten weißen Wein. Sie scheint sehr arm.

Wie bedaure ich, daß ich mir nicht Briefe von Turin geben ließ. Ein Befehl des Ministers des Innern hätte den Herrn Syndikus beweglich gemacht.

 

Orvieto, 10. Oktober

Der Syndikus öffnete mir heute das Archiv des Stadthauses. Er hatte sich geschämt, es mir zu zeigen, weil es in unbeschreiblicher Verwirrung sich befindet. Ich habe nie ein ähnliches Chaos gesehen. Das kostbarste Material, Regesten aus der Zeit des Albornoz, Bullen, hunderte von Pergamenten verfaulen hier; ebenso die libri condemnationum et absolutionum mehrerer Podestà aus Saeculum XIII. Nur eine Reihe von Bullen und glücklicherweise die vielen Bände der Deliberationes cosilii (von 1295 bis in's XVI. Saeculum) hat vor etwa 20 Jahren der Marchese Gualterio geordnet.

Ich habe einiges kopiert (zwei Briefe des Königs Ladislaus und der Königin Johanna II.); am Ende dankte ich dem Syndikus herzlich, beschwor ihn aber, dies Archiv zu retten, was er versprach.

Ich habe an den Minister Amari einen energischen Brief nach Turin abgehen lassen, betreffend die Mißhandlung des Gemeindearchivs von Bologna und den Ruin des Grabmals Theoderichs in Ravenna. Vielleicht fruchtet dies.

Hierher müßte ich zurückkehren; die grenzenlose Verwirrung läßt jetzt nur ein Hineingreifen auf gut Glück zu.

Ich fand heute eine Römerin, welche vor zwei Monaten der Polizei Merodes entflohen war und zu Fuß den Weg bis hierher machte. Sie hatte einen Liberalen in ihrem Hause beherbergt.

 

Rom, 14. Oktober

Am 11. fuhr ich auf einem kleinen Wagen von Orvieto über Montefiascone nach Viterbo. Ich nächtigte dort in der Aquila nera. Am 12. weiter über Vetralla und Monte Romano nach Civitavecchia. Strömender Regen, wie Sintflut. Wir konnten nicht über den Mignone, welcher ausgetreten war. Wir kehrten um, nach Corneto, welches wir um 5 Uhr erreichten. So führte mich der Zufall in diese Stadt, die ich immer zu besuchen wünschte. Ich stieg ab im großen Palast des Kardinal Vitelleschi, worin jetzt eine Locanda eingerichtet ist. Viel französisches Volk lag darin. Ich suchte den Grafen Falzacappa auf, den Freund Ballantis und Sernys, und traf ihn beim Apotheker, wo die Reunion der Cornetaner Gesellschaft zu sein scheint, wie in ›Hermann und Dorothea‹. Er versprach mir den Codex der Margherita Cornetana zum Kopieren zu geben, sobald er nach Rom komme. Damit würde ich einen großen Erfolg erzielen und so den Zufall preisen können, welcher mich nach Corneto verschlug.

Am Morgen des 13. fuhr ich nach Civitavecchia ab; eben waren Wagen des Königs von Bayern in Corneto angelangt, denn dieser war durch Seesturm an jene Küsten verschlagen worden. Der Fluß hatte sich verlaufen, wir kamen schon um 9 Uhr nach Civitavecchia. Die Kanonen donnerten im Kastell, den König zu salutieren, welcher eben sich ausschiffte. Der Zufall fügte es, daß ich mit ihm in demselben Bahnzug nach Rom einfuhr. Als ich an der Pyramide des Cestius vorüberkam, gedachte ich Munchs – wenige Monate sind verflossen, seit ich dort an seinem Sarge stand. Die Seinigen sind schon in Norwegen eingewohnt, und ich selbst sauste mit dem Dampfzug vorbei.

Der König wurde beim Aussteigen von den Bourbons begrüßt. Er eilte auf die unglückliche Königin Maria zu; sie sieht bleich und schön aus und hustet wie eine Schwindsüchtige. Er führte sie am Arm an ihren Wagen. Ich beobachtete ihn aus der Ferne; vor wenig Wochen sah ich ihn im Schloß Nymphenburg und zuletzt neben dem Kaiser von Österreich in München, als dieser zum Fürstentage fuhr.

Ich erreichte Rom gestern um 12 ½ Uhr. Ich habe jetzt schon alles wieder geordnet, meine Manuskripte (welche im Archiv der Gesandtschaft lagen und ganz feucht geworden sind) über die Zimmer zum Trocknen ausgebreitet und fange morgen die ewige Mühe in der ewigen Stadt wieder an.

 

Rom, 1. November

Ich habe die Arbeiten im Kapitolinischen Archiv wieder aufgenommen und einen schönen Fund gemacht. Olivieri Pompilio gab mir Kunde von der Existenz eines alten Codex der Statuten der Kaufleute Roms. Mit Hilfe Ballantis glückte es mir dahinterzukommen. Der Sekretär des Archivs jener Zunft, Giovanni Rigacci, war bereit, mir diesen Schatz zur Benützung zu geben. Dies einzige alte Statut römischer Zünfte, welches erhalten ist, beginnt mit 1319 und reicht bis 1717. In den Morgenstunden arbeite ich im Hause Rigaccis mit großer Leidenschaft.

Morgen beginne ich den fünften Band niederzuschreiben.

Es kamen hier schon viele Fremde an. Auch Herr von Fahrenheid und von Salpius.

Alle Gewalt ist jetzt in den Händen des Fanatikers Merode. Antonelli hat nur die diplomatischen Geschäfte behalten. Der französische Gesandte Latour d'Auvergne verläßt Rom; seine Stelle nimmt Sartiges ein, vordem Minister in Turin.

Es sind wundertätige Marienbilder, welche die Augen verdrehen, aufgetaucht. So in Vicovaro, in Rom selbst in S. Maria di Monticelli. Man wagte es indeß nicht, hier dieses Mirakelstück in Szene zu setzen; vielleicht aus Scham vor dem König von Bayern, dessen Anwesenheit übrigens heilsam sein könnte. Der König ist krank; er hält sich ganz zurückgezogen.

 

Rom, 22. November

Angestrengt und gut am Bande V gearbeitet; fast zwei Kapitel niedergeschrieben. Die Tage schön und sonnig. Gestern kam Frau Grunelius. Mittwochs Soireen beim Gesandten. Dort lernte ich den General von der Tann kennen.

Die Aufforderung Napoleons zum Kongreß hat großes Mißfallen im Vatikan erregt. Man wird einen Kongreß nicht beschicken, welchen Napoleon mit der Erklärung einleitet, daß die Verträge von 1815 aufgehört haben. Als eben ein erlogenes Telegramm die Nachricht brachte, daß Napoleon dem Papst die Präsidentschaft angetragen habe, bewies der ›Osservatore Romano‹, daß der Papst der von Gott berufene Schiedsrichter der Könige und Völker und alles Unheil über die Welt nur dadurch gekommen sei, daß man sein Tribunal verleugnet habe.

Ich sah heute an der Eisenbahnbrücke die Trümmer der Waggons aus dem Fluß heben, welche dort (10 an der Zahl) vor kurzem hinabstürzten. Die Fahrt für Schiffe ist noch gehemmt. Auch die neuen Tabaksfabriken in Trastevere besuchte ich. Sie haben drei Höfe mit doppelten Hallen; Durchmesser von 480 Fuß. Der Papst hat Geld vollauf.

 

Rom, 20. Dezember

Ich habe das vierte Kapitel des Bandes V beendigt. Die schleswig-holsteinischen Aufregungen hatten auch mich ergriffen, doch mit wenig Hoffnung blickte ich auf das verworrene Vaterland. Es wäre jetzt der günstigte Augenblick für Deutschland, sich zur Macht zu gestalten – geht er vorüber, so sinken wir für lange Zeit in den politischen Tod zurück. Der König Max wurde von seinem Lande zur Rückkehr aufgefordert und verließ Rom sofort, vor 14 Tagen. Kurz vor seiner Abreise war ich bei ihm in der Villa Malta zu Tisch; auch Reumont war dort und Wendtland aus Paris. Der König sagte mir viel Schönes über die ›Geschichte der Stadt Rom‹. Er bedauerte, Rom verlassen zu müssen, wo er sich für den ganzen Winter eingerichtet hatte.

Der Papst hat die Aufforderung zum Kongreß angenommen. Sein Brief wird von der klerikalen Presse als ein Meisterstück gepriesen. Die Kirche erinnert sich daran, daß sie einst das hohe Tribunal und Schiedsgericht der streitenden Menschheit war. Sie möchte wieder der Schwerpunkt in ihr sein, indeß diese Epoche ist abgelaufen.

Aus diesen verrottenden Zuständen wird sich die Welt wohl nur durch einen Krieg befreien.

Man hat den Plan, im vatikanischen Feld des Nero eine neue Stadt zu bauen. Er geht von neapolitanischen Emigranten, dem Grafen Trani und dem Prinzen della Rocca, einem Abenteurer, aus. Das mittelalterliche Rom verschwindet mehr und mehr. San Lorenzo wird von Grund aus hergestellt.

 

Rom, 31. Dezember

Vor einigen Tagen haben die Franzosen in Albano 24 päpstliche Carabinieri, Belgier, die Exzesse begingen, nach Castelgandolfo verfolgt, 2 totgeschossen und 7 verwundet. Der dortige Colonel hat den Kapitän dafür belobt. Merode ist nach Castelgandolfo gefahren, den Exequien dieser Elenden beizuwohnen, als seien sie auf dem Feld der Ehre gefallen. Merode ist noch mächtig; er beherrscht das Zentrum der Legitimisten und macht die Geldquellen nach Rom fließen. Deshalb hat er beide Schlüssel zum Herzen Pius' IX. Die wahren Freunde des Papsttums haben Antonelli gebeten, seine Entlassung nicht einzureichen, weil dann alles kopfüber ginge.

Der Papst hat 5 Bischofstühle in den ehemaligen Provinzen des Kirchenstaats besetzt, darunter Bologna, wozu er den Dominikaner-General Guidi ernannte – alles in partibus infidelium oder rebellantium.

Es kam zu mir Herr Plattnauer, Flüchtling aus London, mit zwei jungen Lords Downshire. Heute, am Schluß des Jahres, bin ich bis Anno 1243 der ›Geschichte‹ vorgerückt.

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