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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 92
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aesculapius.

Es war im J. 291 v. Chr., nachdem eine schwere Pest, wie sie oft erwähnt werden und gewöhnlich neue Religionen herbeizogen, mehrere Jahre hindurch Stadt und Land verheert hatte, als die sibyllinischen Bücher den Rath gaben, den Aesculap von Epidauros, damals dem angesehensten Cultusorte, nach Rom zu holen. Man hatte in diesem Jahre nur noch die Zeit zu einer allgemeinen Fürbitte an den griechischen Heilgott; aber gleich im nächsten Jahre schritt man zur AusführungLiv. X, 47, Epit. l. XI, Val. Max. I, 8, 2, Ovid Met. XV, 622 ff., Plut. Qu. Ro. 94, Aurel. Vict. v. ill. 22.. Noch hatte Rom kein näheres Verhältniß zu Griechenland, doch durften sich die Legaten auf das Gewicht des römischen Namens verlassen. Man führte sie zu Epidauros in den bekannten Tempel, fünf Millien von der Stadt, und bat sie zu nehmen was ihrer Heimath frommen werde. Da soll sich die heilige Schlange des Aesculap, deren Erscheinung immer Heil und Segen bedeutete, zu den Füßen des Bildes erhoben und friedlich langsam den römischen Gesandten gefolgt sein, durch die Stadt in den Hafen und auf das Schiff, wo sie sich auf dem Hinterdeck in dem Zelte des Führers der Gesandtschaft aufringelte und ruhig liegen blieb. Die Römer ließen sich alsbald in dem Cultus dieser Schlange, in welcher man den Genius des Aesculap erblicktein quo ipsum numen esse constabat, Liv. Epit. l. c., von den Priestern des Ortes unterrichten und eilten heimwärts. Unterwegs als sie in Antium anlegten, schlüpfte die Schlange ans Land und ringelte 607 sich in dem dortigen Haine des Apollo um eine hohe Palme, drei Tage lang, worauf sie auf das Schiff zurückkehrte: daher ein angesehener T. des Aesculap auch zu AntiumVal. Max. l. c, Ovid Met. XV, 722, Liv. XLIII, 4. Bei Oros. Hist. III, 22 ist für horrendumque Epidaurium colubrum cum ipso Aesculapii lapide advexerint zu schreiben cum ipso Aescidapio. Das Wort lapide ist durch Dittographie entstanden, ein beim Orosius nicht seltner Fehler.. Als das Schiff in Rom anlangt, schwimmt die Schlange nach der Tiberinsel und wählt sich dort ihr Heiligthum, worauf die Pest alsbald aufhört. Bei Ovid haben sich auch die Wunder dieser Legende sehr vermehrt. Der Tempel lag ziemlich in der Mitte der Insel in der Gegend der jetzigen Kirche di S. Giovanni, wo man neuerdings verschiedene Anatheme, wie sie in Heilanstalten geweiht zu werden pflegten, unter dem Kreideniederschlag des Flusses gefunden hat, Füße, Beine, Hände, Arme und andre Gliedmaßen von TerracottaCanina Bullet. deli' Inst. Arch. p. XXXVII sq. Vgl. Grimm D. M. 1131.. In seiner Nähe lag ein Tempel des Diiovis oder Vejovis, mit welcher er den Festtag am 1. Januar gemein hatte(S. 237). Der Cultus und die Ausstattung war ganz der griechische, das Bild mit dem Stabe versehen und mit Lorbeer bekränzt, das Opfer das eines Hahns, neben welchem Thiere aus mythologischen Gründen auch die Hunde diesem Gott heilig waren (Paul. p. 110). Die symbolische Bedeutung der Schlange und ihre Heiligkeit leuchtete den Römern um so leichter ein, da auch ihr einheimischer Genienglaube diesem Thiere eine geweihte Bedeutung verlieh. Jedenfalls war eine Heilanstalt mit dem Tempel verbunden, wahrscheinlich wie dieses bei den zahlreichen Asklepieen der Griechen der Fall war, eine Incubation, wo die Leidenden sich zum Schlafe niederlegten, um im Traume eine Offenbarung über das anzuwendende Heilmittel zu erlangenVgl. Sueton Claud. 25 und die meist griechischen Inschriften dieses römischen Aesculapiusdienstes im Corp. I. Gr. III n. 5973c.–5980, wo von allerlei wunderbaren Heilungen und im Traume offenbarten Heilmitteln die Rede ist, vgl. auch die Inschrift eines Erzblechs b. Marini Iscriz. Alb. p. 5 und Or. n. 1573.. Die ganze Tiberinsel wurde darüber zum Heiligthum und zur AesculapiusinselDionys. V, 13 νη̃σος ευμεγέθης ’Ασκληπιου̃ ιερά vgl. Plut. Publ. 8, Sueton l. c. insula Asclepii, Sidon. Apollin. Ep. I, 7 insula serpentis Epidaurii. Der Hain des Aesculap, von welchem Val. Max. I, 1, 19 erzählt, ist der auf der Insel Kos, s. Dio LI, 9.; man hatte ihr zum Andenken an die auch in Bildwerken verewigte Ankunft der SchlangeS. die M. des Antoninus Pius b. Eckhel D. N. VII p. 32. 33 und das Bronzemedaillon aus der Zeit des Commodus bei Wieseler D. A. K. II t. XLI, 778. die Gestalt eines Schiffs 608 gegeben d. h. ihre Ufer in dieser Gestalt aufgemauert, wie davon noch jetzt an der Spitze bei Ponte rotto deutliche Spuren zu sehen sind. Natürlieh zog er auch manche griechische Heilkünstler nach sich, doch war eben dieses der Grund weswegen sich bei der nationalen Partei lange eine entschiedne Opposition gegen alle griechischen Heilanstalten behauptete. Im J. 219 v. Chr., ein Jahr vor dem Ausbruch des zweiten Punischen Kriegs, hatte sich der erste griechische Wundarzt in Rom niedergelassen; er bekam sogar das Bürgerrecht und auf Staatskosten einen Laden in compito Acilio, welche Straße eben daher (von ακέομαι) ihren Namen bekommen hatteDaher auf den Münzen der Acilia der Kopf der Salus und Valetudo, welche hier die griechische Hygieia vertritt.. Allein dieser Arzt wüthete so unbarmherzig mit Messer und Brenneisen, daß der Name eines Chirurgen und der eines Schinders gleichbedeutend wurde und Cato es für seine Pflicht hielt die Römer nachdrücklich vor dieser griechischen Kunst, hinter welcher der Alte sogar eine Verschwörung witterte, zu warnen und auf das alte Herkommen der Hausmittel und Arzneibücher zu verweisen. Jetzt hieß es, eben deshalb habe man den T. des Aesculap nicht in der Stadt, sondern außerhalb derselben gestiftet, und als man lange nach Cato die Griechen überhaupt aus Italien verwies, wurden die Aerzte nicht ausgenommen (Plin. H. N. XXIX, 1. 6–8). So hat auch später die Kunst der Medicin in Rom niemals festen Fuß fassen können; wenigstens haben sich die Römer selbst auf dieses Gewerbe, das ihnen schon als solches anstößig war, nur in seltnen Ausnahmen eingelassen, sondern es immer den Griechen überlassen, unter denen es natürlich viele Quacksalber und Charlatane gab, zumal da sich die Polizei nicht um sie bekümmerteNoch Macrobius S. I, 20, 4 sagt ganz im Sinne der gemeinen Praxis: Apollodorus in libris quibus titulus est περὶ θεω̃ν scribit, quod Aesculapius divinationibus et auguriis praesit. Nec mirum, siquidem medicinae atque divinationum consociatae sunt disciplinae.. Desto mehr hatte auch der Aberglaube freies Spiel, welcher den Aesculapiusdienst zugleich beförderte und bestimmte. Hatte er sich von Griechenland aus über den hellenistischen Orient verbreitet, wo er mit allerlei andern Culten, namentlich dem des Serapis verschmolz, so verbreitete er sich nun von Rom aus durch Italien und die romanischen Länder, immer in derselben herkömmlichen Gestalt, Aesculapius und an 609 seiner Seite Salus oder Hygiea, häufig auch Telesphorus und bisweilen in einer eignen Personification der Gott des Schlafs (Somnus), weil in seinem Tempel gewöhnlich der Schlaf zur Heilung führteVgl. die Inschriften b. Or. n. 1572 ff., Henzen n. 5736–38. Eine Sammlung von Bildern griechischen und römischen Ursprungs bei Wieseler D. A. K. II t. LX. LXI.. Ein außerordentlich weit verbreiteter und sehr heilig gehaltener Gottesdienst, zu welchem Noth und Aberglaube so häufig ihre Zuflucht nahmen, daß Aesculap mit am längsten unter den Göttern des Heidenthums gegen das Christenthum ausgehalten hat. Man nannte ihn den Herrn und König (βασιλεύς), den Heiland (σωτήρ) und den Menschenfreund schlechthin (φιλανθρωπότατον) und pflegte seine Epiphanieen, seine Wunder, seine Orakel den Christen gegenüber mit besonderm Nachdruck geltend zu machenOrig. c. Cels. III p. 124 ed. Spencer..

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