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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 87
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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a. Handel und Wandel.

Mercurius.

Schon der Name sagt daß wir es hier lediglich mit einem Handelsgotte zu thun haben, dem Schutzgotte der mercatores und des collegii mercatorum, welches gleichzeitig mit seinem Culte, also unter dem Einflusse griechischer Handelsverbindungen entstand, die wir zunächst in Cumae und Sicilien suchen dürfen, s. Liv. II, 34. Das ältere Rom hatte einen selbständigen Handelsverkehr gewiß nicht gehabt noch gesucht; selbst die Anlage von Ostia unter Ancus Marcius drückt schwerlich etwas Andres aus als das Bestreben, sich die zu allen Zeiten für Rom außerordentlich wichtige Zufuhr auf dem Tiber zu sichern. Wohl aber verdankte Rom hier wie in allen übrigen Dingen den Tarquiniern einen lebhaften und großartigen Aufschwung, wie dieses sehr deutlich durch den ersten Handelstractat zwischen Rom und Karthago bewiesen wird. Daher die Erscheinung daß unter den nationalen Göttern des Römischen Glaubens weder ein eigner See- noch Handelsgott sich befinden, denn Janus ist dieses nur beiläufig wie Neptunus jenes. Wohl aber hatte sich durch die über das ganze mittelländische Meer, namentlich auch über Campanien, das südliche Italien, Sicilien, das südliche Frankreich verbreiteten Colonien der Griechen auf diesem Meere damals ein eben so specifisch griechischer Handelsverkehr gebildet, wie später im 597 Mittelalter und seit demselben durch die Handelsverbindungen der Pisaner, der Genuesen, der Venetianer ein specifisch italienischer; daher sowohl Rom als Etrurien, sobald sie in diesenVerkehr eintraten, mit den Vortheilen desselben auch dessen Hülfsmittel, Terminologie und religiöse Bilder entlehnten, wie z. B. auch die latinische und römische Buchstabenschrift eine Gabe dieses griechischen, zunächst durch Cumae vermittelten Handelsverkehrs ist. In Etrurien hieß der griechische Hermes Turms, welches aus dem griechischen Namen auf ähnliche Weise entstanden ist wie Turan aus Urania. Rom gab ihm, vermuthlich nach dem Vorgange andrer latinischer Städte den Namen MercuriusAuf einem Spiegel bei Gerhard t. 182 wird der Name geschrieben MIRQVRIOS, i für das gewöhnliche e, Vel. Long. p. 2236 P., qu für c, wie im SC de Bacchanalibus OQVOLTOD für occulto u. dgl., vgl. Lachmann Lucret. p. 220. d. h. des Handelsgottes, denn nur dieses bedeutete ihnen der griechische Hermes und nur als solcher ist er lange Zeit in Rom verehrt worden. Den näheren Zusammenhang erkennt man ziemlich deutlich aus Livius. Nach der Vertreibung der Tarquinier litt Rom unter äußern und innern Verwicklungen nicht selten sehr an Kornmangel, daher eben in jener Zeit und zwar in denselben drei Jahren 257–259 d. St. zugleich der einheimische Dienst des Saturnus, des alten Kornspenders, gefördert und die Dienste der Ceres und des Mercurius nach griechischen Mustern eingeführt wurden. Der T. des Mercur wurde im J. 259 an den Iden des Mai gestiftet, ohne Zweifel mit Rücksicht auf seine Abstammung vom Jupiter und der Maia, von denen jener der Gott aller Iden war und diese nun mit der arkadischen Atlantide Μαι̃α, der Mutter des Hermes identificirt wurdeOvid F. V, 81 ff., Macrob. S. I, 12, 19, Plut. Numa 19, Io. Lyd. IV, 52, vgl. oben S. 351.. Mit der Dedication sollte zugleich die annona geregelt und eine eigne Zunft von Kaufleuten eingerichtet werden (Liv. II, 21. 27), ein deutlicher Beweis daß diese Stiftung zunächst im Interesse des durch den Wucher der Patricier arg gedrückten Kornmarktes und einer regelmäßigen Verbindung mit den griechischen Handelsplätzen gemacht wurde. Jene Zunft heißt bald die der mercatores bald die der Mercuriales; also bildete sie, wie ihr Stiftungsfest mit dem des Mercur zusammenfielPaul. p. 148 Maiis Idibus mercatorum dies festus erat, quod eo die Mercurii aedes esset dedicata. Das collegium der Mercuriales erwahnt Cic. ad Qu. fr. II, 5. Aehnliche Collegia fanden sich in vielen andern Städten Italiens., zunächst auch die 598 engere Gemeinde dieses Gottesdienstes, welcher ohne Zweifel, wie der der Ceres und andre fremde Gottesdienste (S. 138, 210), in seiner Symbolik und in seinen liturgischen Einrichtungen vor der Hand ein griechischer blieb. Mit der Zeit ist der römische Mercurius dann zum Gott des Kaufs und Verkaufs überhaupt geworden, auch des Budenverkehrs und aller Krämer, deren es in Rom in allen lebhafteren Straßen und Plätzen eine große Menge gab. So hatten nun auch alle diese Straßen ihre besondern Bilder und Capellen des Mercurius mit besondern BeinamenOvid F. V, 671, Paul. p. 124, Serv. V. A. IV, 638. Fest. p. 161 Malevoli Mercurii signum erat proxime Ianum. Den Namen Malevolus habe er geführt, quod in nullius tabernam spectabat. Paul. p. 296 Sobrium vicum Romae dictum putant vel quod in eo taberna nulla fuerit vel quod in eo Mercurio lacte, non vino supplicabatur. Vgl. Henzen n. 5094 numularius a Mercurio Sobrio. Ueber den T. des Mercur s. Becker S. 470., während der alte Haupttempel an dem südlichen Ende des Circus Maximus lag, wo sich zwischen demselben und dem Aventin einige Reste von ihm gefunden haben. An den Iden des Mai opferten die Kaufleute dem Mercur und seiner Mutter MaiaMacrob. l. c. Kal. Venus. 16. Mai. Doch waren die Iden d. h. 15. Mai der eigentliche Festtag, vgl. noch Martial XII, 67 Maiae Mercurium creastis Idus. Eine Inschrift aus Lyon bei Boissieu p. 606 nennt Tiber und seine Mutter Livia Mercurius Augustus und Maia Augusta., indem sie sich zugleich durch einen abergläubischen Gebrauch der Gunst und des unmittelbaren Beistandes dieses Gottes der List und alles Betruges zu verschaffen suchten, welcher eben so wesentlich zum Kramhandel der Griechen und Römer gehörte, wie es noch jetzt in den Bazars von Smyrna und Constantinopel der Fall ist. Nicht gar weit von jenem Tempel des Mercur, in der Nähe der p. Capena befand sich eine ihm geweihete Quelle, aus welcher der Kaufmann an diesem Tage Wasser schöpfte. In dieses tauchte er einen Lorbeerzweig, besprengte sein Haupt und seine Waaren mit dem Wasser und betete dabei zum Mercur, wie Ovid F. V, 673 ff. erzählt, daß er die Schuld jedes begangenen Betrugs von seinem Haupte und von seinem Kram abwaschen und letzteren trotz alles Betrugs auch für die Zukunft mit Gewinn segnen möge. Auch bei Plautus im Prologe zum Amphitruo ist Mercur noch ganz der Gott des Handels und Wandels und bei Horaz heißt es gelegentlich von einem geschickten Hausmakler, er führe beim Volk den Spitznamen MercurialisHorat. S. II, 3, 24, vgl. Pers. V, 112 nec gluto sorbere salivam Mercurialem d. h. quae lucri cupiditate movetur.. Doch beweist 599 derselbe Dichter, wenn er sich selbst Od. II, 17, 29 einen vir Mercurialis nennt, daß die Gebildeten bereits an den feineren und vielseitigeren Begriff des Hermes gewöhnt waren, wie Horaz diesen so schön Od. I, 10 und zwar mit Andeutung des mythologischen Hintergrundes ausführtOvid F. V, 665 pacis et armorum superis imisque deorum arbiter, – laete lyrae pulsu, nitida quoque laete palaestra, quo didicit culte lingua docente loqui. Den M. ψυχοπομπός setzt das Mährchen bei Ovid F. II, 606 ff. voraus, den νόμιος die Ableitung des Evander von ihm und der arkadischen Nikostrate. Auch erscheint auf römischen und romanischen Bildwerken der Bock neben ihm als Attribut, z. B. auf dem Relief aus Lyon bei Boissieu p. 13. Vgl. das vielsagende Gedicht bei Or. n. 1417, Corp. I. Gr. n. 5953.. Mit Mercur hatte sich auch sein Symbol des friedlichen Verkehrs, das κηρύκειον, über das mittlere Italien verbreitet und zwar recht früh, wie man aus der lateinischen Uebertragung caduceus schließen darfVgl. oben S. 136, 206 und die älteren italischen Bronzemünzen, wo Mercurius und sein Stab zu den ältesten Zeichen gehören. Immer galt der caduceus vorzugsweise als signum pacis, doch führten die Fetialen statt seiner die sagmina, s. Gell. X, 27, Non. Marc. p. 528, Marcianus Dig. I, 8, 8, oben S. 219.; doch haben sich die einheimischen Fetialen dieses Symboles nie bedient. Von Rom aus aber hat sich Mercurius mit dem römischen Handelsverkehre weiter über das ganze Gebiet desselben nach dem Westen und Norden verbreitet, wie davon nicht allein zahlreiche Inschriften Zeugniß ablegenOr. n. 1394 ff., Henzen n. 5690 ff. Den Handelsgott characterisiren folgende Prädicate, Or. n. 1404 Mercurio lucrorum potenti et conservatori, n. 1409 Deo Mercurio Nundinatori, n. 1410 Mercurio Negotiatori. Daneben wird er als Redux und als Genius Pacifer gefeiert b. Or. n. 1411–13., sondern auch viele kleine Bronzestatuen, welche ihn gewöhnlich mit den beiden herkömmlichen Attributen des Schlangenstabes und des Seckels darstellenPers. S. VI, 62, Schol. Pers. V, 112.. Besonders häufig finden sich solche Bilder und andre Denkmäler des Mercuriusdienstes in Lothringen, im Elsaß und in den deutschen Rhein- und Donauländern, wo allerdings auch der römische Handelsverkehr ein sehr lebhafter war. Häufig sind diese Denkmäler aber auch auf die Rechnung des einheimischen d. h. celtischen und germanischen Götterglaubens zu setzen, welcher sich bei den Benennungen und Abbildungen seiner Götter bekanntlich sehr bald durch die römische Mythologie bestimmen ließ. Wissen wir doch daß derselbe griechische Künstler Zenodoros, welcher den Coloß des Nero goß, auch den Arvernern eine Statue ihres Mercurius, ein Werk von großer Kostbarkeit 600 und Schönheit gegossen hattePlin. H. N. XXXIV, 7, 18.. In der römischen Kaiserzeit durchkreuzten sich mit den griechischen Vorstellungen die vom ägyptischen Hermes als priesterlichem Gesetzgeber und Stifter aller religiösen Gebräuche und CulteS. die M. des M. Aurel bei Eckhel D. N. VII p. 60..

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