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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 83
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
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1. Fortuna.

Schicksal und Glück sind eigentlich verschiedene Begriffe; auch deutet Manches darauf, daß man sich in Italien dieses Unterschiedes wohl bewußt war. Dennoch mußte für gewöhnlich die Anbetung der Fors oder Fortuna sowohl dem einen als dem andern Bedürfnisse des menschlichen Gemüthes entsprechen, außer und neben den eigentlichen Cultusgöttern eine dämonische Macht von unbestimmter, ja unendlicher Tragweite zu verehren, welche bald in günstigen bald in ungünstigen Fügungen als die Quelle alles Unverhofften und Unberechenbaren im Verlaufe des menschlichen Lebens angesehen werden konnte. Jedenfalls war die Anbetung dieser dämonischen Macht schon im alten Italien eine weit verbreitete. Denn nach Varro l. l. V, 74 verehrten auch die Sabiner eine weibliche Macht der Fors oder Fortuna, obwohl sie sie anders benannten, und in Umbrien gab es eine Stadt des Namens Fanum FortunaeGromat. vet. p. 30. Daher Fanestris Fortuna ib. p. 256., bei welcher ein altes und angesehenes Heiligthum vorausgesetzt werden darf, da nur aus solchen bedeutendere Ortschaften hervorzugehn pflegen. Endlich in Latium waren die Fortunen zu Antium und Präneste seit unvordenklicher Zeit berühmt, außer welchen bei Liv. XXI, 62 noch eine Fortuna in Algido, dem bekannten Waldgebirge der Aequer genannt wird. Ueberall mag Fortuna in älterer Zeit mehr als positive Glücksgöttin, in späterer als indifferentes Geschick gedacht worden sein; wenigstens läßt sich dieses bei dem römischen Culte der Fortuna nachweisen. Hier galt nehmlich Servius Tullius, der Lieblingskönig des Volks, in seinem Munde für das rechte GlückskindDer Ausdruck Fortunae filius findet sich bei Horat. S. II, 6, 49, Petron. 43. Ausnahmsweise nennt Plut. d. fort. Ro. 5 den Ancus Marcius als Stifter des Fortunadienstes. und deshalb auch für den Urheber alles älteren Fortunadienstes: der Sohn des Genius und der vertraute Liebling der Fortuna, welche den Sohn der Sklavin bis zum Könige erhöht hatte, freilich ohne den widernatürlichen Leidenschaften seiner Tochter und dadurch der endlichen Katastrophe seines Geschicks vorbeugen zu 553 können. Man zeigte nehmlich in Rom zwei Tempel der Fortuna, welche man vor allen übrigen für alt und für ächte Stiftungen des Servius hielt; der eine hieß der der Fors Fortuna und lag außerhalb der Stadt am rechten Tiberufer, beim ersten Meilensteine der Via Portuensis, der andre der der Fortuna schlechthin, welcher auf dem Forum Boarium lag. Jene war ganz vorzugsweise die Glücksgöttin des günstigen Zufalls, wie sie am meisten vom gemeinen Manne angebetet wurdeCic. de Leg. II, 11, 28 Fortuna sit vel Huiusce Diei – vel Fors, in quo incerti casus significantur magis. Terent. Phorm. V, 6, 1 O Fortuna, o Fors Fortuna, quantis commoditatibus hunc onerastis diem! Wozu Donat bemerkt, das Fest der trans Tiberim verehrten Fors Fortuna werde vorzüglich von denen gefeiert, qui sine arte aliqua vivunt. Vgl. Ovid F. VI, 772 Plebs colit hanc, quia qui posuit de plebe fuisse fertur et ex humili sceptra tulisse loco. Die Griechen übersetzen aus Misverstand Τύχη ανδρεία, Dionys. IV, 27, Plut. l. c., welcher das Außerordentliche von ihr erwartete und dabei des Servius gedachte; obwohl nach dem Beispiele dieses Königs auch andre Mächtige sie verehrt und ihr in derselben Gegend noch andre Tempel gestiftet hattenNeben dem T. des Servius Tullius baute Sp. Carvilius Max. als Sieger über die Samniter und Etrusker im J. 461 d. St., 293 v. Chr. ein zweites Heiligthum, Liv. X, 46. Einen andern T. der Fors Fortuna stiftete Tiberius beim sechsten Meilensteine der Via Portuensis s. Becker S. 479, meine Regionen S. 216.. Am 24. Juni, unserm Johannistage, war der Stiftungs- und Festtag, wo namentlich alle Gedrückten und Hoffenden, auch die Sklaven, aus der ganzen Stadt zu dieser Fortuna eilten, entweder über die Brücken oder in schaukelnden Kähnen auf dem Fluß, der an diesem Tage viel lustiges und leichtfertiges Volk zu tragen hatte, die Kähne mit Blumen geschmückt, die Rudernden tapfer zechend und in fröhlichen Gesängen des guten Königs und seiner verschämten Geliebten gedenkendOvid F. VI, 765 ff., Varro l. l. VI, 17 und die Kalender z. 24. Juni. Vgl. noch Or. 1770 Numini Fortis Fortunae, die Widmung eines Soldaten, und eine M. des Divus Gal. Val. Maximianus, wo auf dem Rev. FORTI FORTVNAE, das Bild mit dem Steuer, dem Füllhorn und dem Rade. Aus Liv. XXVII, 11 sieht man daß das alte Bild der Fors Fortuna den gewöhnlichen hohen Kopfaufsatz hatte.. Dahingegen die Fortuna des Forum Boarium durch die Erinnerung an den Tod des Servius zu ernsteren Gedanken aufforderte. Wenigstens glaubte man dort neben dem Bilde der Göttin ein Bild des Servius zu besitzen, ein ganz verhülltes Bild, welches Niemand berühren, geschweige denn sehen 554 durfte und von dem man Wunder über Wunder erzählteOvid F. VI, 563 ff., vgl. Dionys. IV, 27 u. 40, Val. Max. I, 8, 11, Becker S. 481, Canina Mon. d. Inst. 1854 p. 60.. Es war ein Bild von Holz und vergoldet, ganz in zwei Togen eines alten und künstlichen Gewebes verhüllt, welche die kunstreiche Tanaquil, die königliche Pflegemutter des Servius, mit eigner Hand für ihn gewebt und welche er als König getragen hattePlin. H. N. VIII, 48, 74, Non. Marc. p. 189 undulatum. Plinius weiß auch von einem mit sehr alten Prätexten bekleideten Bilde der Fortuna, welches Servius Tullius geweiht hatte und später Sejanus besaß, vgl. Dio LVIII, 7.. Warum das Bild so verhüllt war, das wußte Niemand genau zu sagen. Gewöhnlich hieß es, Fortuna habe diesen Mann so heiß wie keinen geliebt, aber als Göttin nur verstohlen und heimlich, daher sie bei nächtlicher Weile durch ein kleines Fensterchen in seine Kammer geschlüpft seiOvid vs. 571 Nocte domum parva solita est intrare fenestra, unde Fenestellae nomina porta tenet. Es war eine Stelle am Palatin, bei der Wohnung des Tarquinius Priscus, dabei ein s. g. thalamus Fortunae.; deshalb halte sie auch jetzt noch sein Bild unter der Toga verborgen. Die Klugen versicherten, die Plebs sei nach dem schmählichen Tode des Königs so aufgeregt gewesen, daß man sein Bild aus Politik verhüllt habe; die Wundergläubigen, daß die schreckliche Tochter gleich nach dem Morde ihres Vaters in diesen von ihm gestifteten Tempel zu gehn und unter die Augen seines Bildes zu treten wagte, worauf dieses die Hand vor seine Augen erhoben und sich für immer verhüllt habe. So spielte auch in Rom die Phantasie des Volkes, während in Wahrheit diese Fortuna gar keine Glücksgöttin im gewöhnlichen Sinne des Worts, sondern eine vornehmlich von den Frauen verehrte Göttin der weiblichen Zucht und Sitte gewesen zu sein scheint, daher auch jenes verhüllte Bild, welches selbst die Frauen nicht berühren durften, von besser Unterrichteten für ein entsprechendes Bild der Schaamhaftigkeit gehalten und Fortuna Virgo genannt wurdeVarro b. Non. Marc. p. 189 a quibusdam dicitur esse Virginis Fortunae ab eo quod duobus undulatis togis opertum. Vgl. Fest. p. 242, wo das Bild der Pudicitia in foro Boario, welches Einige für das der Fortuna hielten, vermuthlich dasselbe Bild ist. Auch Plut. d. Fort. Ro. 10 kennt eine Fortuna Virgo in Rom, desgleichen Arnob. II, 67 puellarum togulas Fortunam defertis ad Virginalem. Togen trugen in alter Zeit nicht blos die Männer, sondern auch die Frauen. Dazu kommt daß der Tag des solennen Opfers dieser Fortuna der der Matralia am 11. Juni war d. h. des matronalen Festes der Mater Matuta, deren T. auch von Servius Tullius gestiftet wurde und vermuthlich neben dem der Fortuna lag (S. 285).. Aber 555 natürlich ließ sich das Volk seinen Glauben nicht nehmen. Vielmehr als der Tempel gelegentlich vom Feuer verzehrt und nur jenes Bild gerettet wurde, erkannte alle Welt in diesem neuen Wunder die Hand des Vulcan, desselben Gottes welcher den Servius im Feuer des Heerdes gezeugt habe.

Plutarch, welcher sich in einer eignen Schrift mit der Fortuna der Römer beschäftigt, hat viele andre Beinamen gesammelt, unter welchen diese Göttin in Rom verehrt wurde, meistens in alterthümlichen Culten, welche die gemeine Ueberlieferung gewöhnlich gleichfalls für Stiftungen des Servius hielt. Sie drücken die verschiedenen praktischen Beziehungen dieser dämonischen Macht aus, deren Begriff in dieser Hinsicht eben so elastisch ist wie der des Genius, bald auf den ganzen Staat bald auf gewisse Stände, Kreise und Klassen der Bürgerschaft, einzelne Corporationen und hervorragende Personen. Oder sie schildern den natürlichen Wankelmuth dieser Göttin, wie sie den Menschen bald ihre Gunst bald ihre Ungunst zeigt, den Einen mit trügerischen Hoffnungen täuscht, dem Andern Wort hält, immer wechselnd, immer flüchtig, immer neuen Glauben findend. Die wichtigste unter diesen verschiedenen Fortunen ist die Fortuna publica oder Fortuna Populi Romani, zwar nicht so alt wie die übrigen, aber oft genug erwähntLiv. I, 46, II, 40, III, 7 Fortuna Urbis, VI, 30, VII, 34, Cic. pr. Mil. 32, 87 u. A. Auf den M. des M. Arrius Secundus bedeutet F. P. R. Fortuna Populi Romani. Ihr Bild ist mit einem reichen Diadem geschmückt.. Plutarch sagt von dieser Göttin, sie habe dem Persischen und Assyrischen Reiche früh den Rücken gekehrt, sei durch Macedonien flüchtig hindurch geeilt, habe in Aegypten und Syrien unter Ptolemäern und Seleuciden eine kurze Blüthe geweckt und den Karthaginiensern hin und wieder gelächelt, bis sie nach Rom gekommen sei und ihre Flügel abgelegt, die Schuhe ausgezogen, von der rollenden Kugel ein für allemal herabgestiegen sei um zu bleiben, von dort aus über alle Welt zu herrschen und über diese ihre wahre und letzte Heimath alle Reichthümer der Erde und des Meeres, aller Flüsse und aller Goldgruben auszuschütten. Also die Tyche der Stadt in dem politischen Sinne des Worts, wie sie in den hellenischen und hellenistischen Städten angebetet zu werden pflegte. Obgleich in Rom nicht sowohl dieser griechische Gottesdienst als vielmehr der berühmte Cultus der Fortuna Primigenia von Präneste das nächste Vorbild gewesen zu sein 556 scheint; wenigstens gab es eine Fortuna Publica Primigenia sowohl auf dem Capitol als auf dem Quirinal. Die Stiftung von jener ward in der gewöhnlichen Tradition wieder dem Servius Tullius zugeschriebenPlut. l. c. 10, Qu. Ro. 106. In der bekannten Inschrift von Präneste, Anthol. I n. 622, können die Worte Tu quae Tarpeio coleris vicina Tonanti doch auch nur die Verehrung der Pränestinischen Fortuna sowohl in Präneste als auf dem römischen Capitol bedeuten. Vgl. Dio Cass. XLII, 26 und Clem. Al. Protr. 4, 51, welchem zufolge sich dieser T. in der Nähe der s. g. porta stercoraria befand., die auf dem Quirinal war im Laufe des Hannibalischen Kriegs im J. 204 v. Chr. gelobt und zehn Jahre darauf am 25. Mai eingeweiht worden, welcher seitdem als Stiftungstag gefeiert wurde; doch gab es außer ihr auf demselben Hügel noch eine andre Fortuna Publica, welche am 5. April gefeiert wurdeOvid F. IV, 375, V, 729 und die Kalender z. 5. April u. 25. Mai, vgl. Liv. XLIII, 13 und Becker S. 579. In der Nahe der p. Collina gab es eine Gegend ad tres Fortunas.. Einen natürlichen Gegensatz zu diesem Begriffe bildet die bei Plutarch erwähnte Fortuna Privata (ιδία) auf dem Palatin, vermuthlich eine collective Glücksgöttin des bürgerlichen Familienlebens, dahingegen andre Fortunen mit Rücksicht auf die einzelnen Stände, Klassen und Geschlechter der Bevölkerung benannt waren. So zunächst die oft erwähnte F. Muliebris, welche zu Ehren der römischen Frauen und zum Andenken an den Abzug des Coriolan gestiftet worden war. Das Heiligthum befand sich beim vierten Meilensteine der Via Latina, an derselben Stelle wo Coriolan sich damals zur Umkehr hatte bewegen lassen; auch wurden die jährlichen Opfer und Gebete für das Wohl der Stadt an demselben Tage von den Frauen dort dargebracht. Valeria, eine Schwester des Valerius Publicola, welche an ihrer Spitze gestanden, war auch die erste Priesterin. Von den Bildern war das eine auf Staatskosten, das andre aus einer Collecte der Frauen gestiftet; mit welchem letzteren sich das Wunder begab daß es nach der Dedication zweimal mit lauter Stimme sein Wohlgefallen ausdrückte, daher es fortan nur von solchen Frauen, die in der ersten Ehe lebten, berührt und bekränzt werden durfteLiv. II, 40, Dionys. VIII, 55 ff., Val. Max. I, 8, 4, V, 2, 1, Plut. Marc. 37, d. Fort. Ro. 5, Fest. p. 242, Serv. V. A. IV, 19, Tertull. Monogam. 17, Augustin. C. D. IV, 19, Lactant. II, 7, 11. Der Ruf des Bildes lautete: Rite me matronae dedistis riteque dedicastis. Vielleicht war es eine Neuerung daß Frauen eine Dedication vollzogen. Das erste Opfer wurde Kal. Decemb. des J. 267 d. St. gebracht, nachdem der Krieg glücklich beendet war. Der T. und das andre Bild wurden im folgenden Jahre vom Consul Proculus Virginius am 6. Juli geweiht, und ohne Zweifel war dieses der Jahrestag des Ereignisses und der regelmäßige Festtag.. Also eins der 557 wichtigsten Denkmäler des hochherzigen und von dem Staate bei mehr als einer Gelegenheit anerkannten Patriotismus der römischen Frauen, während in einer andern Gegend der Stadt ein prächtiger T. der F. Equestris aus späterer Zeit an einen der zahlreichen Erfolge erinnerte, durch welche die römische Ritterschaft so oft das Glück der Schlachten entschied. Diesmal wurde die Schlacht in dem spanischen Kriege vom J. 179 v. Chr. geschlagen, wo der Feldherr Fulvius Flaccus, als er die Feinde in aufgelöster Flucht davon sprengen sah, jenen Tempel der Fortuna und außerordentliche Spiele des Jupiter gelobteLiv. XL, 40. 44, XLII, 3. 10, Iul. Obseq. 53, vgl. Becker Handb. I, S. 618.. Er befand sich in der Nähe des von Pompejus erbauten Theaters, wo ihn noch Vitruv nennt, wo er aber bald darauf durch eine Feuersbrunst zerstört zu sein scheint. Wieder in andrer Hinsicht zu erwähnen sind die F. Barbata, welcher die männliche Jugend die Erstlinge des Bartes zu weihen pflegteTertull. ad Nat. II, 11, Augustin C. D. IV, 11, vgl. oben S. 234, 463., die F. Virilis, welche in den Bädern verehrt und als eine Göttin der Befruchtung von den Frauen neben der Venus angerufen wurdeS. oben S. 395, 961. Inschriften b. Henzen z. Or. n. 5796. 5797 kennen eine eigne Fortuna Balnearis, auch Fortunae Balneares, welche pro salute angerufen werden, also als Heilgöttinnen des Orts gedacht wurden. Vgl. die Fortunae Salutares b. Or. 1767 und Anthol. lat. n. 899 Fausta novum domini condens Fortuna lavacrum Invitat fessos huc properare viros., und die F. Seia, deren Heiligthum sich in der Gegend des Vicus Sandaliarius befandPlin. H. N. XXXVI, 22, 46, Or. n. 18, Becker S. 561. und deren Name wohl wie der der Ops Consivia zu erklären ist (S. 418). Einen noch engeren Begriff haben endlich solche Fortunen, welche durch die Eigennamen von Personen oder von Grundstücken als individuelle Schutzgöttinnen oder als die von Corporationen, von Gebäuden u. s. w. bezeichnet werden, in welchen Fällen die Identität der Fortuna mit der Tutela d. h. dem weiblichen Genius vollends einleuchtet. So wird eine Fortuna Tulliana, Torquatiana, Flavia genannt, desgleichen eine Fortuna Horreorum, eine Fortuna Praetoria und die Fortuna Cohortis I Batavorum, eine Fortuna Municipii in den Municipalstädten u. s. w.Or. n. 1754–56, 1769, 4881, Mommsen I. N. n. 5163 u. a.. Daher neben dem Genius 558 des Kaisers und in gleichem Sinne wie dieser auch eine Fortuna Caesaris oder Fortuna Augusta verehrt und bei derselben geschworen wurdeDio LIX, 4. 15, Mommsen I. N. n. 2219 ff., wie die Kaiser selbst ein eignes Bild der Fortuna in dem seit August zur kaiserlichen Wohnung geweihten Palatium, aber auch auf Reisen bei sich führten, welche Fortuna regia oder aurea hieß und wie eine Schutzgöttin des höchsten Oberhauptes von einem Kaiser auf den andern übergingIul. Capitol. Antonin. Pius 12, Ael. Spartian. Sev. Imp. 23..

Andre Beinamen characterisiren die Fortuna als wechselnde Glücksgöttin, welche unter den verschiedensten Veranlassungen angerufen wird und solche Gebete bald erhörend bald nicht erhörend die Herrin und Herrscherin über allen guten Ausgang der Dinge bleibt. So die F. Respiciens, welche auf dem Palatin und auf den Esquilien verehrt wurde, ein häufiger Beiname der günstigen Glücksgöttin, wie der VenusPlut.d. Fort. Ro. 10, wo zu lesen ist καὶ εν Αισκυλίαις Επιστρεφομένης. Auf dem Palatin gab es einen eignen Vicus Fortunae Respicientis. Auch Dio XLII, 26 meint doch wohl diese Fortuna, indem er einen »nicht übersetzbaren« Namen so umschreibt: ὴν εκ του̃ πάντα τά τε εν τοι̃ς οφθαλμοι̃ς καὶ τὸ κατόπιν καὶ εφορα̃ν καὶ εκλογίζεσθαι χρη̃ναί τινα μηδὲ επιλανθάνεσθαι εξ οίων οι̃ος εγένετο ιδρύσαντο.. Desgleichen die F. Obsequens d. i. die Gnädige, die Gefällige, welche gleichfalls oft erwähnt wird und nach welcher ein Vicus der ersten Region benannt warPlut. l. c, Qu. Ro. 74, Plaut. Asinar. III, 3, 126. Inschriften b. Or. n. 1750. 1751, Henzen n. 5789 und Münzen des Antoninus Pius schreiben F. Opsequens.. Ferner eine Fortuna Huiusce Diei oder wie sie in den Kalendern und auf Inschriften heißt Huiusque Diei d. i. die dem griechischen Kairos entsprechende Glücksgöttin der günstigen Gelegenheit, welche als solche von einem Tage zum andern neu ist. Es scheint einen Tempel von ihr beim Circus Maximus und einen andern im Marsfelde gegeben zu haben; einer davon war von Catulus in der entscheidenden Schlacht mit den Cimbern gelobt worden, wahrscheinlich derselbe welcher wiederholt wegen der in seiner Nähe befindlichen Kunstwerke von ausgezeichnetem Werth erwähnt wird. Ihr Festtag wurde am 30. Juli mit circensischen Spielen begangenS. die Kall. z. 30. Juli. Die Basis Capitolina nennt einen Vicus Huiusque Diei in der 10. Region d. h. in der des Circus Max. Vgl. Plut. Mar. 26, Plin. H. N. XXXIV, 8, 54. 60. Cic. d. Leg. II, 11, 28 setzt erklärend hinzu: nam valet in omnes dies.. 559 Eben so die F. Viscata, eigentlich die mit Vogelleim bestrichene, also dieselbe welche sonst F. Dubia hießEs gab einen Vicus F. Dubiae auf dem Aventin. Vgl. Plut. ll. cc, Lucilius b. Non. Marc. p. 396 Omnia viscatis manibus (d. h. mit solchen an denen Alles hängen bleibt) leget, omnia sumet. Seneca ep. 8 viscata beneficia. Plin. ep. 9, 30 viscatis hamatisque muneribus., die mit eitlen Hoffnungen ködernde und verlockende. Etwas Aehnliches ist die im Vicus Longus verehrte F. εύελπις, welche gewöhnlich durch F. Bonae Spei übersetzt wirdPlut. d. Fort. Ro. 10, Qu. Ro.74, vgl. Becker S. 580 und die Tempel der Spes und Fortuna in den Regionen S. 13 u. 139., auch die F. Brevis d. i. die unstete, eine kurze Zeit dauernde, zu welcher den Gegensatz bildet die von Horaz Od. III, 29, 53 gepriesene und auf Münzen des Commodus erwähnte F. Manens. So gab es ferner eine F. Mala in ungesunder Gegend, dahingegen die Bona Fortuna in vielen Dedicationen gepriesen wirdCic. N. D. III, 25 u. A. b. Becker S. 82, Or. n. 1743. 1744 Fortunae Bonae Domesticae, Henzen n. 5787 Bona Fortuna Domina Regina.. Noch wird in Rom erwähnt eine F. αποτρόπαιος, deren lateinischer Name fehlt und eine F. Mammosa d. h. die abgelebte mit hängender Brust in der Region der Piscina Publica, wo ein Vicus nach ihr benannt warS. meine Regionen S. 20 u. 196 und über die Bedeutung des Adj. mammosa M. Hertz Vindic. Gellianae Greifsw. 1858 p. 7., endlich die sehr häufig von Inschriften und Münzen genannte Fortuna Redux d. i. die Göttin der glücklichen Reise und Heimkehr, welcher seit der Regierung des August bei längerer Abwesenheit der Kaiser Altäre, Tempel und Opfer gestiftet zu werden pflegten. Als Augustus nehmlich im J. 19 v. Chr. am 12. October aus Asien nach Rom zurückkehrte, wurde dieser Tag ein für allemal zu einem Festtage erhoben und ein Altar der F. Redux gestiftet, dessen Dedication am 15. Dec. erfolgteKal. Amitern. z. 12. Oct. u. 16. Dec, auf welchen Tag dieser Kalender die Dedication verlegt, wahrend das Kal. Cumanum den 15. Dec. nennt. Vgl. Kellermann b. O. Jahn Spec. Epigr. p. 15.. Daraus wurde hernach eine schuldige Convenienz z. B. bei der pomphaften Rückkehr Domitians aus Germanien, wo man sogar einen eignen T. der F. Redux im Marsfelde decretirte, während andre Altäre der Art in andern Gegenden der Stadt gelegen haben werden, wie jedesmal die Rückkehr des Kaisers durch diese oder jene Vorstadt erfolgte. Auch fehlte es nicht an Nachahmung in andern Städten, entweder mit Beziehung auf den Kaiser und andre hohe Personen, oder um überhaupt den Heimkehrenden Gelegenheit 560 zu geben, gleich am Thore der Vorsehung ihren Dank auszudrückenMartial VIII, 65, vgl. die Inschriften b. Or. n. 332. 922. 1760 ff. 1776. 3096. 4083, Henzen n. 5791, Mommsen I. N. n. 6756. 6879. F. Dux auf Münzen des Commodus und b. Mommsen n. 4831. Portumno et F. Tranquillae b. Nibby Analisi II p. 649.. So wird hin und wieder auch eine F. Dux als Geleitsgöttin erwähnt, und eine F. Tranquilla der günstigen Meeresfahrt, welche im Hafen von Rom neben Portunus verehrt wurde. Noch andre Namen haben sich aus verschiedenen Gegenden durch Inschriften erhalten, welche meist den Schutz der Fortuna entweder daheim oder im Felde anrufenOr. n. 1736 Deae Fortunae Tutelae. 1737 Fortunae Adiutrici et Tutelae. 1745, Henzen n. 5788 F. Conservatrici. Or. 1748 Genio loci et F. Magnae. 1753 F. Opiferae. Henzen 5792. 93 F. Supera. 5795 F. Victrix cum simulacris Victoriarum. Mommsen I. N. 4311 F. Sanctae., bis endlich Trajan der Fortuna als allgemeiner Weltmacht einen eignen Tempel stiftete, in welchem am Neujahrstage geopfert wurdeIo Lyd. d. Mens. IV, 7, welcher sie τὴν πάντων Τύχην nennt. Plin. H. N. II, 7 Tota quippe mundo et omnibus locis omnibusque horis omnium vocibus Fortuna sola invocatur ac nominatur, una accusatur, una agitur rea, una cogitatur, sola arguitur et cum conviciis colitur, volubilis a plerisque, a plerisque vero et caeca existimata, vaga, inconstans, incerta, varia indignorumque fautrix.. Es ist dieselbe Göttin, von welcher Plinius sagt daß sie vor allen übrigen Göttern angerufen, gescholten und gelobt werde, wie bei Lucian in der Götterversammlung Momus sich beklagt daß Niemand mehr den Göttern opfern wolle, weil ja doch eigentlich nur Fortuna regiere. In der bildlichen Darstellung waren ihre gewöhnliche Attribute das Füllhorn als Inbegriff aller guten Gaben und das Steuerruder als Symbol ihrer unsichtbaren Lenkung aller Dinge, während das Flüchtige und Veränderliche ihres Wesens durch einen Aufsatz von Federn auf ihrem Kopfe, die rollende Kugel unter ihren Füßen und ein hinzugefügtes Rad ausgedrückt wurdeDas Füllhorn und das Steuer erwähnen Petron. 29, Plut. d. Fort. Ro. 4, Arnob. VI, 25, Lactant. III, 29, 7, die übrigen Attribute Fronto orat. p. 125 ed. Nieb. Omnes Fortunas, Antiates, Praenestinas, Respicientes, Balnearum etiam Fortunas omnes cum pennis, cum rotis, cum gubernaculo reperias. Cic. Pis. 10 Fortunae rotam pertimescere. Ovid ex Ponto II, 3, 56 Dea in orbe stans. Pacuvius b. Ribbeck trag. lat. p. 104 Fortunam insanam esse et caecam et brutam perhibent philosophi saxoque instare in globoso praedicant volubili. Vgl. Grimm D. M. 825 ff. Außer den Münzbildern sind viele Bronzen erhalten, unter den Pompeianischen Alterthümern und sonst, s. Monum. d. Inst. 1840 T. XVI. XVII. Eine pantheistische Fortuna omnium gentium et deorum im Bullet. Arch. Nap. 1855 t. VII, 1 p. 182. Mehr b. O. Müller Handb. d. Arch. § 398 und Wieseler D. A. K. II t. 73.. Andre 561 Bilder heben andre Eigenschaften hervor, bis zuletzt auch sie zur pantheistischen Heil- und Segensgöttin geworden ist.

Unter den Culten der Fortuna außerhalb Roms wissen wir von dem der Nortia in Vulsinii nur so viel, daß in ihrem Tempel die Jahresnägel eingeschlagen wurden, wie in Rom in dem des Capitolinischen JupiterS. oben S. 231, Iuvenal. S. X, 74 Schol. Tertull. ad Nat. II, 8, Apolog. 24. Einen T. der Salus oder Fortuna in dem etruskischen Ferentinum erwahnt Tacit. Ann. XV, 53.. Mehr ist bekannt von der Fortuna Primigenia zu Präneste, einer Natur- und Schicksalsgöttin von allgemeiner Bedeutung, welche für die Mutter des Jupiter und der Juno galt und ihren Willen durch Loose offenbarte, die in dem Felsen, auf welchem der Tempel stand, durch ein Wunder zu Tage gekommen waren. Numerius Suffucius, ein edler Pränestiner, war durch viele, zuletzt drohende Traumerscheinungen angetrieben worden auf einer gewissen Stelle in diesem Felsen nachzugraben. Als er dieses endlich trotz des Spottes seiner Mitbürger that, fanden sich jene Loose d. h. Stäbe von Eichenholz, in welche alterthümliche Buchstaben eingegraben waren; man zeigte die wunderbare Stelle später in dem Fortunentempel, dicht bei dem sitzenden Bilde der Fortuna mit den beiden göttlichen Säuglingen in ihrem Schooße. Ein zweites Wunder ließ zu derselben Zeit auf demselben Felsen Honig aus einem Oelbaum fließen, nach dem Ausspruche der Seher ein göttliches Zeugniß für die untrügliche Wahrhaftigkeit jener Loose; daher man aus dem Holze dieses Oelbaums eine Lade machte und sie in derselben verwahrte. Wenn man sie zu befragen wünschte, mußte man sich mit Gebet und Opfer an die Göttin des Tempels wenden, worauf ein Knabe jene Loose zuerst mischte und dann eines zogCic. de Divin. II, 41, 85 vgl. I, 18, 34. Sors in Gestalt eines Knaben mit einer Lade auf den M. des M. Plaetorius Cestianus b. Riccio t. 36, 2. Ueber die Weissagung per sortes s. Marquardt Handb. IV, 103 ff.. Der stehende Beiname dieser Göttin Primigenia, wie sie namentlich auch in den an Ort und Stelle gefundenen Dedicationen heißt, bedeutet die Erstgeborne und AllerzeugendeOr. n. 1756 ff., vgl. Bormann altlatin. Chorogr. S. 212., denn die höchsten Götter des Himmels und der Erde, Jupiter und Juno, galten hier für ihre Kinder und saßen als solche in ihrem Schooße, dem Schooße der säugenden Mutter, welche als solche von allen Müttern mit der größten Andacht verehrt wurdeCic. l. c. Is est hodie locus septus religiose propter Iovis Pueri, qui lactens cum Iunone Fortunae in gremio sedens, mammam appetens, castissime colitur a Matribus d. h. von den mit Kindern gesegneten Matronen. Das Bild der Fortuna war stark vergoldet, s. Plin. H. N. XXXIII, 3, 19 wo als Name wohl aurea Fortuna zu suppliren ist.. Beide Götter wurden aber 562 auch sonst in diesem Culte neben ihr verehrt, Jupiter als Puer und zwar mit besondrer Beziehung auf die Loose, Juno in einer eignen Abtheilung des Tempels und in einem eignen MonateDes Monates gedenkt Ovid F. VI, 62, eine eigne Abtheilung des Tempels, welche das Iunonarium hieß, ist neuerdings durch eine merkwürdige, im Bezirk des alten Heiligthums gefundene Inschrift bekannt geworden: L. Sarioletius Naevius Fastus Consularis ut Triviam in Iunonario, ut in Pronao Aedis statuam Antonini August. (wahrscheinlich des Caracalla), Apollinis, Isi, Tyches, Spei, ita et hanc Minervam Fortunae Primigeniae dono dedit cum ara: wo also alle diese Bilder von demselben Mann in denselben T. geweiht wurden, s. Monum. d. Inst. 1855 p. 85. Früher war Jupiter auch als Imperator in Präneste verehrt worden, s. oben S. 183.. Der heiligste Festtag war der 11. April, wo der Fortuna Primigenia und dem Iupiter Puer von den Ortsbehörden geopfert und zugleich ein Tag bestimmt wurde, wo das Orakel Allen zugänglich sein sollteVerr. Flacc. Fast. Praenest. III Id. April., wo Foggini liest: festVM MAXIMum Iovis et FORTVNAE PRIMIGeniae VTRO EORVM DIE omnibus (s. matribus) ORACLVM PATET. IIVIRIVITVLVM Immolant. Diese Duumvirn werden auch pr. Non. Mart. bei einem Opfer zu Ehren des August erwähnt. Das Kalb galt jedenfalls dem Iup. Puer. Als orakelnder Gott heißt dieser Jupiter in Inschriften Iup. arkanus, s. Anthol. lat. n. 622, 16, wo neben ihm und der Fortuna auch Apollo als Gott aller Weissagung verehrt wird, vgl. Or. n. 2391. 3045. Wie die »Pränestinischen Schwestern« b. Stat. Silv. I, 3, 79 sich zu diesem Orakel verhalten, ist nicht klar. Vgl. Paul. p. 368 Tenitae credebantur esse sortium deae dictae quod tenendi haberent potestatem.. Das Alterthum dieses Gottesdienstes und Orakels war gewiß ein sehr hohes, doch dauerte es geraume Zeit ehe das letztere auch bei den Römern, welche unter allen Latinern die Pränestiner am längsten zu fürchten hatten, öffentliche Anerkennung fand. Noch im ersten punischen Kriege wurde ein römischer Consul, welcher sich nach Präneste begeben hatte um dort die Loose der Fortuna vor seinem Auszuge selbst zu befragen, durch eilende Boten des Senats und Bedrohung mit Lebensstrafe daran verhindertVal. Max. I, 3, 1 wo etwa zu lesen ist: sortes adire ut ipse consuleret.. Im Hannibalischen Kriege dagegen, wo die Pränestiner sich nach der Schlacht bei Cannae durch ihre tapfre Vertheidigung von Casilinum sehr verdient machtenLiv. XXIII, 19. Der damalige Prätor der Pränestiner M. Anicius hatte das Andenken an diese Waffenthat in mehr als einem Monumente verewigt: Statua eius indicio fuit Praeneste in foro statuta, loricata, amicta toga, cum titulo lamnae aeneae inscripto, M. Anicium pro militibus qui Casilini in praesidio fuerint votum vovisse. Idem titulus tribus signis in aede Fortunae positis fuit subiectus. Die tria signa sind Fortuna mit Jupiter und Juno als herkömmliche Gruppe auch bei Votivbildern. Bald darauf, im J. 204 v. Chr. weihte P. Sempronius Tuditanus einen T. der F. Primigenia zu Rom, welcher auf dem Quirinale lag s. Liv. XXIX, 36, XXXIV, 53, daher die Sempronier mit dem Bilde der Fortuna münzten., scheint auch ihre Fortuna allgemeines 563 Vertrauen erworben zu haben, daher fortan sowohl die obersten Staatsbehörden als selbst fremde Könige in ihrem Tempel zu Präneste opferten und dort wie auf dem römischen Capitole für das Wohl des römischen Volks beteten. Darauf wurde Präneste und wahrscheinlich auch sein Fortunatempel im Kriege zwischen Marius und Sulla von der Hand des letzteren sehr schwer getroffen, dann aber wieder aufgerichtet, da er die verwüstete Stadt neu bevölkerte und auch jenen Tempel verschönertePlin. H. N. XXXVI, 25, 64, vgl. Strabo V, 3 p. 238, Bormann a. a. O. S. 207., wahrscheinlich sogar von neuem aufbaute, so daß er sich seitdem auf mächtigen Substructionen über die ganze Höhe zog und die Stadt in die darunter gelegene Fläche hinabdrückte. Dieses neue Präneste wurde wegen seiner schönen und gesunden Lage immer viel besucht, auch von den Kaisern, unter denen sich Fortuna und ihre Loose in ungeschwächtem Ansehn behauptetenSueton Octav. 72. 82, Tib. 63, Domitian 15, Gell. N. A. XVI, 13, Lamprid. Alex. Sev. 4. Ueber die noch vorhandnen sortes Praenestinae oder Antiates s. Or. n. 2485 und A. Stoll im Philol. 1856 p. 304 sqq.. Ob die sogenannten mystischen Cisten aus Präneste, darunter die Ficoronische, welche in Form und Verzierung einander ähnlich sind und alle Badegeräth und Putzutensilien enthielten, in irgend einer näheren Beziehung zum Dienste der Fortuna gestanden, wie man gewöhnlich annimmt, muß dahin gestellt bleibenAm ersten wäre es denkbar daß solche Laden der Fortuna und den beiden göttlichen Kindern bei bestimmten Veranlassungen des Familienlebens als Anatheme dargebracht wurden. Von neueren Ausgrabungen s. die Monumenti, Annali e Bullet. dell Inst. Arch. 1855 l. c. und den Archäol. Anz. 1856 n. 87.. Endlich hatte auch die alte Hafenstadt Antium an der latinischen Küste eine berühmte Fortuna, welche der Pränestinischen manchen Abbruch gethan haben mag. Horaz hat sie in dem schönen Gedichte Od. 1, 35 verherrlicht, auf Veranlassung einer kriegerischen Unternehmung des August, bei welcher diese Göttin und ihr Orakel wahrscheinlich consultirt wurde. Auch sie 564 galt für eine allgemeine Schicksals- und Heilgöttin, welche über Leben und Tod, zu Lande und zu Wasser gebiete und als Schutzgöttin von Rom und Latium in weiten Kreisen gefürchtet werde. Horaz bittet sie die bestehende Ordnung der Dinge zu wahren und schildert sie wie immer die herbe Nothwendigkeit ihr voranschreite, Klammern und Keile und geschmolzenes Blei in der Hand führend, während die Hoffnung und die Treue an ihrer Seite gehn. Eigentlich waren es zwei Fortunen, welche in diesem Gottesdienste verehrt wurden, daher gewöhnlich im Plural von ihnen die Rede ist; und zwar wurden sie als Schwestern gedacht, die eine, wie die Münzen der gens Rustia lehren, kriegerisch und bewehrt, die andere matronalRiccio t. 41, 2, Wieseler D. A. K. II t. 73, 937–939. Vgl. Sueton Cal. 57, Martial. V, 1, 3, wo sie veredicae sorores heißen, Or. n. 1738 ff., wo n. 1739 sie Fortunae Victrices nennt.. Es scheint daß jene den Beinamen der Fortuna Equestris führte, diese den der F. Felix im Sinne der fruchtbaren und befruchtendenTacit. Ann. III, 71. Fortunae Felici auf einer Inschrift aus Antium b. Fabretti p. 632. Ueber das Orakel s. Macrob. I, 23, 13.. Orakel ertheilten sie durch Bewegung der Bilder, indem dieselben auf einer Bahre getragen wurden, eine Art der Weissagung welche sich auch in Aegypten, Syrien und Karthago nachweisen läßt.

Anhangsweise mag hier auch von den Parcen und von andern Mächten des Schicksals die Rede sein. Die Parcae sind eigentlich Göttinnen der Geburt wie die Carmentes, denn das Wort hängt zusammen mit partus. Ursprünglich hießen sie Parca von der Geburt überhaupt und Nona und Decuma von den beiden entscheidenden Monaten der Geburt, doch scheint man später, um sie den griechischen Mören zu assimiliren, die Parca weggelassen und zur Nona und Decuma eine Morta als Todesgöttin hinzugefügt zu habenVarro b. Gell. N. A. III, 16, Tertull. d. An. 36., so daß sie fortan wie jene das individuelle Lebensschicksal in der Stunde der Geburt und des Todes entschieden. Das sind die drei spinnenden Schwestern, deren Erscheinung und Thätigkeit von den römischen Dichtern und Bildwerken bis auf einige Nebenumstände ganz nach dem Vorbilde der griechischen Mythologie ausgeführt wirdCatull. 64, 306 ff., vgl. Klausen Zeitschr. f. A. W. 1840 n. 27–30. Auch den Etruskern waren die Namen und Bilder der griechischen Mören geläufig, nur daß sie sie mit den ihrer Vorstellung geläufigeren Attributen ausstatteten, s. oben S. 232, 457.. Daneben 565 ist viel die Rede vom fatum und den fatis. Jenes ist eigentlich das gesprochene Wort, der ausgesprochene Wille des Jupiter als höchsten Weltregierers, aber auch der andern Götter, so daß also dieser Begriff ganz der griechischen Αι̃σα oder Διὸς Αι̃σα entsprichtServ. V. A. X, 628 Vox enim Iovis fatum est. Ib. XII, 808 Iuno sciens fatum esse quidquid dixerit Iupiter. Isidor Orig. VIII, 11, 90 fatum dicunt quidquid dii fantur, quidquid Iupiter fatur.. Dagegen kommt der Plural in der doppelten Bedeutung vor sowohl der particulären Schicksale von Menschen, Städten u. s. w. und des darüber durch den Mund von Propheten, Sibyllen u. s. w. verlauteten GötterwillensDaher fata Iovis, fata Iunonis, aber auch fata Troiae, fata Populi Romani, fata mea u. s. w. Speciell wird auch hier immer an den Tod gedacht, daher fato fungi, dies fatalis, fatifer ensis u. dgl. Aber auch die weissagenden Sprüche sind fata, daher libri fatales, fata Sibyllina, fata Pythiae, vgl. Ennius ed. Vahlen p. 7 doctusque Anchisa, Venus quem pulcherrima divum fata docet fari, divinum ut pectus haberet, d. h. Venus hatte ihm die Gabe der Weissagung verliehn. und in der sehr eigenthümlichen Uebertragung auf weissagende Frauen, welche alt zu sein scheint und sehr an die Fatui oder Fatuae d. h. an die Weissagung der Fauna (S. 338) erinnert. So in dem alterthümlichen und volksthümlichen Ausdruck Fata Scribunda für die singenden GeburtsgöttinnenTertullian de An. 39, vgl. Augustin C. D. IV, 11 in deabus illis, quae fata nascentibus canunt et vocantur Carmentes. und in dem seit dem Augusteischen Zeitalter auch in der Litteratur immer weiter um sich greifenden Gebrauch des Wortes Fata für die Parcen, während in der Volkssprache daraus zuletzt der Name und Begriff der Feen entstanden istPropert. IV, 7, 51 Iuro ego Fatorum nulli revolubile carmen. Stat. Silv. V, 1, 259 ubi supplice dextra pro te Fata rogat, Theb. VIII, 26 Fata ferunt animas et eodem pollice damnant. Vgl. Gell. N. A. III, 16, 9, Fulgent. Mythol. I, 7, die Fata Victricia bei Eckhel D. N. VIII p. 6 und die Inschriften aus sehr verschiedenen Gegenden bei Or. n. 1771 ff. Dativ Fatabus b. Henzen n. 5799. In der Volkssprache sagte man auch fatus meus. Petron. 42. 77. Ueber den romanischen Sprachgebrauch Grimm D. M. 382.. Daher die Tria Fata auf dem römischen Forum der späteren Kaiserzeit und eine Straße in tribus fatis, wobei vielleicht auf die drei Sibyllen in der Nähe der Rostra (S. 271, 571) zurückzugehn ist. Die griechische Nemesis wurde unter diesem Namen höchst wahrscheinlich aus Angst vor dem Beschreien und dem Zauber des bösen Blicks u. a. von den Triumphirenden verehrt (S. 205). Man pflegte nehmlich diese Göttin auch sonst in demselben Sinne anzurufen und dabei den Ringfinger der 566 rechten Hand erst mit dem Munde naß zu machen, dann hinter das rechte Ohr zu legen, weil der Speichel und das Ausspucken für ein Mittel gegen den Zauber galt, die Stelle hinter dem rechten Ohre aber in eine besondre Beziehung zur Nemesis gesetzt wurdePlin. H. N. XI, 45, 103, XXVIII, 2, 5. Auch in Capua und Venafrum wurde Nemesis angebetet, s. Mommsen I. N. n. 3584. 4605..

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