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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 46
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7. Carmenta oder Carmentis.

Auch diese Göttin war vermuthlich nur eine Nebenform der Fauna oder Bona Dea. Rom kannte sie in einer doppelten Gestalt, als hülfreiche Mutter und weissagende Begleiterin des Evander d. h. des historischen Faunus und seiner Ansiedlung auf dem Palatin, und als eine vorzugsweise von den Müttern verehrte Geburtsgöttin. Jene palatinische Carmenta galt gewöhnlich für eine arkadische Nymphe und Seherin Namens NikostrateVirg. Aen. VIII, 335 ff. Dionys. 1, 31, Strabo V p. 230, Serv. V. A. VIII, 51. 130. 336., was auf kriegerische Begeisterung deutet: ein wesentlicher Zug der ältesten Weissagung und des dem Mars verwandten Faunusdienstes, wie denn auch Evander in Pränestinischen Sagen als streitbarer Held auftritt, der mit einem Riesen kämpft, und in Rom ein sehr alter Dienst der Victoria auf dem Palatin für seine Stiftung galt. Die Geburtsgöttin Carmenta wurde in der Nähe der porta Carmentalis, welches Thor von ihr seinen Namen hatte, so eifrig verehrt, daß es einen eignen Flamen Carmentalis und zwei Kalendertage für sie gab; nehmlich am 11. und am 15. Januar wurden sogenannte Carmentalia begangen, welche in der älteren Zeit zu den angesehensten Festen der römischen Matronen gehörtenVarro l. l. VI, 12, Macrob. I, 16, 5 vgl. Cic. Brut. 14 und über die Lage der uralten ara Carmentis und ihres fanum Becker Handb. 1, 137. Der Dienst war bei diesem und einigen andern Heiligthümern mit solcher Gewissenhaftigkeit ein unblutiger, daß kein Leder, weder von einem geschlachteten noch von einem gefallenen Vieh in den heiligen Raum kommen durfte, Ovid F. 1, 629, Varro l. l. VII, 84, Serv. V. A. IV, 518.. Der 11. Januar galt der Heil- und 358 Quellengöttin Juturna und der Carmenta gemeinschaftlich, wie die Quellnymphen den Göttinnen der Entbindung immer nahe stehenOvid F. 1, 461 ff., der diesen Tag ein sacrum pontificale nennt. Vgl. Kal. Maff. Praen.. Der zweite Festtag soll nach der Eroberung Fidenäs im J. 328 d. St. (426 v. Chr.) durch den Dictator Mamercus Aemilius gestiftet seinVerr. Fl. Fast. Praenest.. Die gewöhnliche Legende ist wieder einmal ein merkwürdiges Beispiel der Willkür und Confusion solcher Ueberlieferungen, doch ist die specifische Beziehung dieses Gottesdienstes auf Schwangerschaft und Geburt auch darin zu erkennen. Es sei den Frauen vom Senate das Fahren verboten worden. Da hätten sie sich unter einander verschworen, sich nicht eher zu den Pflichten der Ehe zu verstehen, als nachdem ihnen die Wagen (carpenta) erlaubt sein würden. Der Senat muß also nachgeben, und nun habe Carmenta einen so reichen Kindersegen geschenkt, daß die Frauen ihr jenes Heiligthum am Carmentalischen Thore und den zweiten Feiertag stiftetenOvid F. 1, 616 ff., Plut. Qu. Ro. 56. Es liegt dabei theils ein etymologisches Spiel mit den Wörtern Carmenta und carpenta, theils eine dunkle Erinnerung daran zu Grunde, daß die Matronen das Recht der Wagen einer besondern Erlaubniß nach der Eroberung von Veji verdankten, Liv. V, 25.. Beim Gebete hörte man die Namen der Porrima und Postverta, zwei Geburtsgöttinnen welche neben der Carmentis als Carmentes verehrt wurden und eigentlich von der Kopf- und Steißgeburt galten; doch dachte man auch bei ihnen gewöhnlich an die Weissagungen der Mutter des EvanderOvid F. 1, 626 ff., Varro bei Gellius XVI, 16, 4.. Der Name Carmenta ist natürlich abzuleiten von carmen, welches in der älteren Sprache den weissagenden Gesang nach Art des Fatuus und der Fatua d. h. des Faunus und der Fauna ausdrückteVirg. Aen. VIII, 339 ff. Serv: Ideo Carmentis appellata, quod divinatione fata caneret, nam antique vates carmentes dicebantur, unde etiam librarios qui eorum dicta perscriberent carmentarios nuncupatos.. Indessen wird man auch hier speciell den Begriff der weissagerischen Geburtsgöttin festzuhalten haben, wie die griechische Eileithyia und die Mören und die Parcen zugleich der Frucht ans Licht helfen und derselben ihr Geschick im Verlaufe des 359 Lebens anweisenPlut. Rom. 21 τὴν δὲ Καρμένταν οίονται τινες μοι̃ραν ει̃ναι κυρίαν ανθρώπων γενέσεως, διὸ καὶ τιμω̃σιν αυτὴν αι μητέρες.. Auch betrafen die nahe verwandten Camenen, eigentlich Casmenen d. i. Carmenen, und unter ihnen Egeria speciell das weibliche Leben und Entbindung. Ohne Zweifel ist Carmenta aus demselben Grunde in der römischen Stadtsage zur Mutter schlechthin d. h. zur Mutter des Evander, des ersten Ansiedlers von Rom geworden, welchem sie bei Virgil gleich bei dem ersten Ursprunge der Stadt deren ganze Zukunft singt; obwohl sie Einige nicht die Mutter, sondern die Frau des Evander nannten (Plut. Rom. 21), also ganz wie die Fauna zum Faunus stellten.

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