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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6. Maia und Bona Dea.

Der Fauna, von welcher beim Faunus die Rede gewesen, mag sich Bona Dea anreihen, dieselbe Göttin und fast derselbe Name, denn Fauna ist die Gute, die Holde, wie die Hulda unsrer Väter, welche auch Frigga d. i. die Freie, die Schöne und Berhta d. i. die leuchtende, die helle hieß. Auch Maia war ein andrer Name derselben, denn beide, Bona Dea und Maia, wurden am 1. Mai gefeiert, und die Identität von beiden mit der Fauna wird ausdrücklich in der Stelle eines alten Schriftstellers bezeugt, welcher alle diese Namen für verschiedene priesterliche Anrufungen einer und derselben Erdgöttin erklärtMacrob. I, 12, 21 Auctor est Cornelius Labeo huic Maiae i. e. Terrae aedem Kalendis Maiïs dedicatam sub nomine Bonae Deae, et eandem esse Bonam Deam et Terram ex ipso ritu occultiore sacrorum doceri posse confirmat. Hanc eandem Bonam Faunamque et Opem et Fatuam pontificum libris indigitari etc.. Der Beiname Maia, 352 welcher sich im Tusculanischen Dienste des Jupiter in männlicher Form wiederholt (S. 241), ist desselben Stammes wie magis, maior, auch mactus u. s. w., so daß er also eigentlich eine Größe, Vermehrung, Wachsthum verleihende Göttin bedeutet: daher der Monat Maius, wo alle Vegetation im besten Wachsthum begriffen ist. Maia selbst wurde in den alten römischen Gebeten speciell als Maia Volcani angerufen und dessen Frau genanntGellius N. A. XIII, 23, Macrob. I, 12, 18., als eine fördernde und segnende Göttin der Flur, mit welcher sich im Monate Mai die belebende und beseelende Kraft des Feuers verbindet, um alle Blüthe und Frucht des Sommers zu erzeugen. Von der Bona Dea aber werden bei verschiedenen Autoren allerlei Mährchen und Legenden erzählt, welche der bildlichen Darstellung dieser Göttin und den Gebräuchen der nächtlichen Feier im December, wo diese Göttin von den Frauen im Hause des obersten Staatsbeamten um Heil und Segen für das römische Volk beschworen wurde, genau entsprechenAußer Macrob. I, 12, 23 ff. vgl. Plut. Caes. 9, Qu. Ro. 20, Tertull. ad Nat. II, 9, Arnob. I, 36, V, 18, Lactant. I, 22, 9.. Ihr Bild hielt in der linken Hand ein Scepter, daher man ihr eine königliche Gewalt gleich der Juno zuschrieb, mit welcher sie auch die Eigenschaft theilte, daß sie wesentlich eine Göttin der Frauen und der weiblichen Empfängniß warDie Griechen nannten sie deshalb η θεὸς γυναικεία s. Macrob. 1. 12, 27, Plut. Caes. 9. Daher Prop. IV, 9, 25 femineae loca clausa Deae., wie die Erdgöttinnen aller Naturreligionen. Andre verglichen sie mit der Proserpina, weil ihr wie der Ceres und Proserpina bei den Griechen zur Saatzeit Schweine geopfert wurden, Andre mit der chthonischen Hekate und mit der Semele, der Mutter des Dionysos. Auch nannte man sie eine Tochter des Faunus, welche den brünstigen Trieben des Vaters widerstrebend von ihm mit einer Myrtenruthe gezüchtigt worden sei; sie aber habe selbst nachdem der Vater sie mit Wein berauscht hatte, seinem Gelüste nicht nachgegeben. Da habe Faunus sich in eine Schlange verwandelt und in dieser Gestalt der eignen Tochter beigewohnt: eine Erzählung welche nicht wohl anders als von der Befruchtung der Erde durch den männlichen Naturgeist des Waldes und aller Vegetation verstanden werden kann (S. 340), welcher im Winter gewaltsam 353 auftritt, im Frühlinge aber Erde und Wald mit dem süßen Taumel der Lust erfüllt; daher auch Faunus vorzüglich zu Anfang des Winters und des Frühlings gefeiert wurde. In Rom berief man sich bei diesen Erzählungen darauf daß in dem Tempel der Bona Dea kein Myrtenzweig geduldet wurde, wohl aber eine Weinlaube über ihrem Haupte sich wölbte und ein Krug mit Wein bei ihr zu sehen war, nur daß man den den römischen Frauen in ältester Zeit aufs strengste verbotenen Wein euphemistisch Milch und jenen verdeckt hingestellten Weinkrug einen Honigkrug (mellarium) nannte. Auch sah man eine heilige Schlange bei dem Bilde der Göttin, während andre zahme Schlangen von der Art wie sie in Rom sehr häufig waren in ihrem Tempel gehalten wurden und die Frauen ihre Feier unter geflochtenen Weinlauben zu begehen pflegten. Wieder Andre verglichen diese Göttin mit der griechischen Medea, weil in ihrem Tempel allerlei Heilkräuter aufbewahrt wurden, von denen die Priesterinnen den Leidenden verabfolgten, und endlich Varro erzählte, diese Tochter des Faunus sei von solcher Zucht und Keuschheit gewesen, daß sie nie das Frauengemach verlassen und keinen Mann je gesehen habe noch von einem Manne gesehen worden sei, ja man habe niemals ihren Namen öffentlich nennen hören: weshalb auch niemals ein Mann in ihren Tempel gelassen werde. Dagegen galt sie in andern Erzählungen nicht für die Tochter, sondern für die Frau des Faunus und für eine Waldnymphe, in welchem Zusammenhange auch die Geschichte von ihrer Trunkenheit und dem Schlage mit der Myrtenruthe anders lautete: nehmlich weil sie heimlich einen ganzen Krug süßen Weins geschlürft und darüber trunken geworden sei, habe der Gemahl sie mit jener Ruthe gestrichen (Plut. Caes. 9, Qu. Ro. 20). Also eine weibliche Göttin des Erdbodens und der Vegetation wie Fauna, fruchtbar und empfänglich und eine Göttin alles Segens, welchen die Erde spendet, aber zugleich ekstatisch bewegt und verzückt wie Faunus und des Zaubers und der Heilung und allerlei verborgner Wissenschaft kundig wie Circe und Medea und Hekate, daher man auch sie Fatua nannte, wofür man später auch Fantua sagteMartian. Cap. II, 167 und dazu Kopp. Vgl. oben S. 338 und Lactant. l. c. quam Gabius Bassus Fatuam nominatam tradit, quod mulieribus fata canere consuevisset ut Faunum viris. Bei Serv. V. A. VIII, 314 hic Faunus habuisse filiam dicitur omam castita et disciplinis omnibus eruditam, quam quidam quod nomine dici prohibitum fuerat Bonam Deam appellatam volunt, ist zu schreiben omnium castissimam.. Daß sie in Rom für eine streng jungfräuliche Göttin gehalten 354 wurde, hängt zunächst damit zusammen, daß sie wie Juno zugleich ein Bild der matronalen Fruchtbarkeit und der matronalen Würde war, mit welcher es in guten Zeiten überhaupt und namentlich bei religiösen Gelegenheiten d. h. im Dienste weiblicher Göttinnen immer sehr strenge genommen wurde; daher auch bei diesem Gottesdienste eigentlich nur ganz unbescholtene Frauen zugelassen werden sollten und vollends bei dem nächtlichen Opfer alles Männliche mit solcher Aengstlichkeit entfernt wurde, daß selbst solche Bilder, auf denen Männer oder Thiere männlichen Geschlechts zu sehen waren, verhängt wurden. Der tiefere Grund aber ist gewiß auch hier in der Natur der Erde und andrer Erdgöttinnen zu suchen, wie z. B. auch die arkadische Demeter und Demeter Thesmophoros zugleich als jungfräulich widerstrebend und als züchtige Hausfrau und das göttliche Vorbild jeder zugleich fruchtbaren und streng sittlichen Ehe gedacht wurde. Das alte Heiligthum der Bona Dea befand sich in Rom am Abhange des Aventin gegen die Piscina Publica, unter dem Felsen (saxum), auf welchem Remus die Vögel beobachtet hatte, daher die Göttin in diesem Culte den Beinamen Subsaxana führteOvid F. V, 148 ff., meine Regionen d. St. R. S. 196.. Auch dieses war ursprünglich ein schattiger Hain mit einer reichlich fließenden Quelle gewesen, daher die Sage ging, daß Hercules, dessen Heiligthümer an der andern Seite des Aventin lagen, bei seinem Aufenthalte in Rom dürstend nach einem Labetrunk aus der Quelle verlangt habe, aber von den feiernden Frauen und der Priesterin als Mann mit Abscheu zurückgewiesen seiPropert. IV, 9, 23 ff., Macrob. I, 12, 28. Es scheint wohl daß dieser Hain und diese Quelle dieselben sind, wo Picus und Faunus von Numa gefangen werden, s. S. 170. 338., weshalb nun auch seinerseits Hercules befahl, daß keine Frauen bei seinem Gottesdienste zugelassen werden sollten. Der Tempel lag über dem Haine am Abhange des Hügels und war von einer Vestalin Claudia am 1. Mai, dem altherkömmlichen Feiertage der Göttin eingeweiht wordenOvid F. V, 155, Macrob. I, 12, 21, vgl. Cic. pr. domo 53, 136. Es ist bedenklich jene Vestalin Claudia für identisch mit der Matrone Claudia Quinta (S. 447) zu halten.. So hören wir auch im J. 123 v. Chr. von einer frommen Stiftung der Vestalin Licinia in diesem Heiligthume, welches zuletzt durch Livia, die Gemahlin des August, wiederhergestellt worden war, daher die Göttin seitdem officiell Bona Dea Restituta genannt wurdeOvid F. V, 157, vgl. Marini Atti p. 543. Hadrian versetzte den T. an eine andre Stelle, s. Spartian Hadr. 19 aedem Bonae Deae transtulit, doch wohl innerhalb der alten Grenzen des Heiligthums.. Jenes nächtliche Opfer 355 der Frauen galt für eins der ältesten und heiligsten in Rom. Cicero de leg. II, 9, 21 nimmt bei seinem Verbote ähnlicher Sacra dieses Opfer ausdrücklich aus. Der Zeit nach fiel es in den Anfang des DecemberIm J. 63 v. Chr. wo es im Hause des Cicero begangen wurde, in die Nacht vom 3. zum 4. Dec., s. Plut. Cic. 19, Dio XXXVII, 35. Auf dieselbe Zeit, aber einen beweglichen Tag führen die Briefe Ciceros ad Att. I, 12 und XV, 25. Vgl. Drumann Gesch. Roms II, 204. V, 502.: seine Bedeutung war die eines Opfers und Gebetes für das römische Volk (pro populo Romano), daher es in dem Hause des höchsten Staatsbeamten (in ea domo quae est in imperio), entweder des Consuls oder des Prätors, von dessen Frau und zwar unter Mitwirkung der Vestalischen Jungfrauen dargebracht wurde. Ein Weiteres erfahren wir auf Veranlassung des bekannten Frevels des P. ClodiusCic. ad Att. I, 13, 3, de Harusp. resp. 17, 37, Seneca Ep. 97, 2, Plut. Caes. 9, Dio Cass. XXXVII, 45.. Dieser vornehme, reiche, verwegene und ausschweifende junge Mann, einer der mächtigsten Führer der geheimen Verbindungen, die damals den Staat und das Recht beherrschten, liebte Pompeja, die Gemahlin Cäsars und war ihrer Gunst sicher; doch wurde sie von Aurelia, der Mutter Cäsars, einer Dame von alter Zucht und Sitte, strenge bewacht. Da nahm Clodius seine Zuflucht zur List, indem er sich in der Nacht, wo im Hause Cäsars das Opfer der Bona Dea dargebracht wurde und alle Mannspersonen aus demselben entfernt wurden, in der Verkleidung einer Harfenistin einschlich. Die Feier ist wahrscheinlich so zu denken, daß zuerst jenes Opfer, ein Sühnopfer zarter Schweine, welches mit einem griechischen Worte Damium hieß, dargebracht wurdeIuvenal S. II, 86 atque Bonam tenerae placant abdomine porcae et magno cratere Deam. Der große Krug ist jener Weinkrug. Die Opferthiere also waren jene porcae oder porciliae piaculares, wie sie in den Urkunden der Arvalischen Brüder wiederhohlt erwähnt werden und als Sühnopfer an die Götter der Erde und der Fruchtbarkeit herkömmlich waren. Ueber das Wort Damium s. Placid. gl. p. 451 und Paul. p. 68, welcher hinzusetzt: Dea quoquc ipsa Damia et sacerdos eius damiatrix appellabatur. Aus dem Lateinischen wird sich dieses Wort nicht erklären lassen. Vielmehr ist es das griechische δάμιον und mit so manchen andern Gebräuchen und Benennungen aus dem griechischen Ritual, etwa dem des in den ersten Jahren der Republik eingeführten Demeterdienstes herübergenommen., ohne Zweifel mit einem feierlichen Gebete für das öffentliche Wohl, den Segen der Aecker, Fruchtbarkeit der Frauen u. s. w. Darauf begann eine 356 ziemlich ausgelassene Festlichkeit der Frauen, bei welcher sie dem Character der Göttin gemäß, wie er sich in der Legende spiegelt, unter heiterem Scherz und aufregender Musik allerlei sinnbildliche Gebräuche verrichteten, die die Griechen an die Orphischen Mysterien erinnertenPlut. Caes. 9. Auch Cicero ad Att. XV, 25 nennt das Fest mysteria.. Bei dieser Feier schlich Clodius sich ein, im Einverständnisse mit einer Magd, welche vorauslief um der Pompeja einen Wink zu geben. Da verirrt er sich in den Gängen des Hauses und wird von einer Magd der Aurelia erkannt, worauf der Scandal stadtkundig und selbst im Senate und im Collegium der Pontifices besprochen wurde. Pompeja ward von ihrem Gemahle verstoßen, Clodius aber kam mit dem bösen Leumunde davon, so verdorben und bestechlich waren damals die GerichteCic. ad Att. I, 16, 5, Seneca Ep. 97.. Es war dieses eben nur ein Symptom der allgemeinen Sittenverwilderung, welche sich trotz aller Scheinheiligkeit der Regierung des Augustus und der Livia in den vornehmen Familien und der Damenwelt behauptete, bis sie in den Zeiten des Claudius und Nero ihr Aeußerstes erreichte. In diesem Sinne berichtet Juvenal in seinen Sittenschilderungen des Zeitalters der Agrippinen und Messalinen auch von dem Feste der Bona Dea mit so bitterm Spotte und so grimmigem Ernste, den ausgelassenen Tänzen, den wollüstigen Spielen, daß die damalige Feier der römischen Frauen in Wahrheit hinter dem wildesten und sinnlichsten Orgiasmus der griechischen Mänaden und der phrygischen Mysterien nicht zurückgeblieben zu sein scheint (Sat. II, 83 ff., VI, 314 ff.). Indessen darf man sich durch solche Ausartungen der großen Stadt und der höheren Stände nicht gegen den Dienst der Bona Dea überhaupt einnehmen lassen, welcher in den Umgebungen Roms und sonst in Italien wie der des Faunus und Fauna in ländlicher Einfalt fortbestand. Wenigstens läßt sich der Cultus der Bona Dea mit Hülfe der Inschriften sowohl im südlichen Italien als im mittleren und obern, aber auch im innern Italien nachweisen, z. B. zu Corfinium, der Hauptstadt der Peligner, wo sie als die Göttin eines ganzen Pagus erscheintMommsen I. N. n. 5351. Dedicationen an die Bona Dea aus Canusium in Apulien, aus der Umgegend von Neapel, aus Minturnae, aus Aquinum ib. 638. 2588. 4053. 4310. Andre Inschriften aus Rom, Florenz, Verona und andern Gegenden giebt Orelli n. 686 und 1512 ff. Gewöhnlich sind es die Frauen, welche diese Göttin verehren.. In einer andern Inschrift heißt sie ausdrücklich agrestis und wird als Heilsgöttin verehrt, welcher ein Leidender die Heilung 357 seiner Augen verdankte (Or. n. 1518). Auch in der Nähe von Bovillae gab es ein ländliches Heiligthum der Bona Dea, das bekannte bei welchem Clodius sein Leben verlor; man glaubte daß sich die Göttin durch den Mord des Frevlers gerächt habeCic. p. Mil. 31, 86 und dazu Ascon. p. 32 Or. Vgl. die Inschrift aus Bovillae bei Orelli n. 1515.. Ihre große Heiligkeit beweisen auch Beinamen wie Sancta und Sanctissima, während andre, wie Caelestis, der späteren Vermengung gleichartiger Culte zuzuschreiben sind. Denn die Cultusnamen Bonus Deus und Bona Dea hatten mit der Zeit eine sehr allgemeine Bedeutung bekommen, daher auch andre weibliche Göttinnen, namentlich die Magna Mater und die Iuno Caelestis als Bonae Deae verehrt wurdenMommsen I. N. n. 4608, Or. n. 1523. Vgl. Or. n. 1522 Bonae Deae Veneri Cnidiae, n. 1272 Bono Deo Brontonti, n. 1934 ff. Bono Deo puero Phosphoro..

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