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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Picus und Picumnus und Pilumnus.

Es ist wieder ein recht deutlicher Beweis von dem mährchenhaften Zuge der älteren italischen und latinischen Volkssage, daß aus dem picus Martius, dem heiligen Waldvogel des Mars, im Laufe der Zeit ein Walddämon und ländlicher Schutzgeist, ja in den Sagen der Laurenter sogar ein König und streitbarer Held werden konnte. Als silenenartiger Dämon des Waldes, der die Quellen liebt und weissagerischen Geistes ist, tritt Picus neben dem gleichartigen Faunus auf in dem Mährchen bei Ovid F. III. 291 ff., wo Numa beide DämonenSie sagen von sich v. 315 di sumus agrestes et qui dominemur in altis montibus. an einer Quelle am Aventin auf dieselbe Weise fängt wie Midas den Silen. In andern Sagen erscheint er als ein Dämon des Ackerbaus, namentlich des Düngens, daher man ihn einen Sohn des Stercutus d. h. des Saturnus und den Stifter eines Altares des Stercutus in Rom nannte, offenbar wegen der sterquilinischen Neigungen des Wiedehopfes, an dem solche Unsauberkeit auch sonst in allerlei unpoetischen 332 Beinamen hervorgehoben wird. Wieder andre Sagen oder Culte nannten ihn Picumnus und neben ihm als seinen Bruder und Doppelgänger den Pilumnus, von denen jener die Düngung der Felder erfunden habe und deshalb Sterculinus genannt worden sei, dieser das Stampfen des Getreides (pinsendi frumenti usum), daher er von den Bäckern (a pistoribus) verehrt werde, deren Mörserkeule (pilum) nach ihm benannt seiServ. V. A. IX, 4, X, 75, Martian. Cap. II, 158 comminuendae frugis farrisque fragmenta Pilumno assignat Italia. Sonst ist pilum der Wurfspieß, daher pilumnoe poploe d. i. Romani im Liede der Salier, Fest. p. 205.: eine volksthümliche Unterscheidung der zwei nahe verwandten, sonst oft verwechselten Vögel, des Stänkers Wiedehopf (upupa, έποψ) und des Stampfers Specht (picus, δρυοκολάπτης), welcher also hier zu einem Schutzpatron der pistores geworden war. Gewiß ist daß Picumnus auch sonst beim Volke für einen ländlichen Dämon galtAemilius Macer (ein Dichter der Augusteischen Zeit, Freund Virgils und Ovids) in theogoniae (lies Ornithogoniae) lib. I b. Non. Marc. p. 518 et nunc agrestis inter Picumnus habetur., daher eine Sage ihn zum Gemahl der Pomona machte, während Pilumnus in der Sage von Ardea für den Ahnherrn des Königs Turnus galt. Ja Picumnus und Pilumnus hatten selbst in den Gebetsurkunden des römischen Volks eine Stätte gefunden, als Schutzgötter der Kindbetterinnen und kleinen Kinder, daher ihnen, wenn auf dem Lande ein Kind geboren war und dessen Lebenskräftigkeit nach altem Brauche dadurch daß man es auf die Erde stellte geprüft wurde, als Göttern des ehelichen Kindersegens im Atrium ein Speiselager bereitet wurdeNon. Marc. p. 518. 528. Varro de vita P. R. lib. II. Natus si erat vitalis ac sublatus ab obstetrice, statuebatur in terra ut auspicaretur rectus esse, diis coniugalibus Pilumno et Picumno in aedibus lectus sternebatur. Serv. V. A. X, 76 Varro Pilumnum et Picumnum infantium deos esse ait eisque pro puerpera lectum in atrio sterni, dum exploretur an vitalis sit qui natus est. Eine andre Sitte war die der Vornehmen, s. Serv. Ecl. IV, 62 proinde nobilibus pueris editis in atrio domus Iunoni lectus, Herculi mensa ponebatur., doch wohl vermöge der gewöhnlichen Uebertragung der Aussaat und des Gewächses der Feldfrucht auf die Frucht des Mutterleibes. Von einem andern ländlichen Gebrauche erzählt Varro bei Augustin C. D. VI. 9, nehmlich daß drei Götter um Schutz für eine Kindbetterin angerufen wurden, damit Silvanus nicht zur Nacht in das Haus schleiche und der Mutter Gewalt anthue, und daß um diesen Schutz sinnbildlich auszudrücken drei Männer in der Nacht 333 um das Haus gingen und beide Schwellen (der Vorder- und der Hinterthüre) zuerst mit einem Beile, dann mit einer Mörserkeule (pilum) schlugen, endlich drittens mit einem Besen abfegten: drei Sinnbilder der menschlichen Cultur (weil die Bäume mit dem Beile behauen, das Getreide mit der Keule gestampft, die Feldfrucht mit dem Besen zusammengefegt werde), welche Silvanus so wenig vertragen konnte als in den deutschen Sagen die Riesen des Gebirgs den Pflüger im Thale. Nach jenen drei Handlungen wurden diese Schutzgottheiten der Wöchnerin genannt Intercidona von dem Einschnitte des Beils (a securis incisione), Pilumnus von der Mörserkeule und Deverra von dem Fegen des Besens. Das Fegen der Schwelle erinnert an den Ausfeger (everriator) im Todtenhause und ähnliche GebräuchePaul. p. 77. Als Reinigungsgebrauch wird dieses Ausfegen auch unter den vorbereitenden Reinigungen der Palilien erwähnt, Ovid F. IV 736 unda prius spargat virgaque verrat humum.. Wenn nehmlich ein Todter in einem Hause war, so wurde dasselbe mit einer eignen Art von Besen ausgefegt, doch wohl auch zum Schutze vor bösen und gewaltthätigen Dämonen. Endlich als König und als streitbarer Held erscheint Picus in der Sage der Laurenter, die ihn einen Sohn des Saturnus und den Vater des Faunus nannte. Virgil Aen. VII, 170 ff., schilderte seinen Palast mit sehr poetischen Farben, wo aber doch eine alterthümliche Ueberlieferung durchschimmert, Waldeinsamkeit und altherkömmlicher Glaube der Väter, so daß diese angebliche regia Pici zu Laurentum wohl eigentlich ein altes nationales Waldheiligthum des Mars und seines heiligen Vogels gewesen sein möchte, wie das der Aboriginerstadt Tiora Matiene. Dort pflegten die Könige des Landes ihre Würde zu empfangen und einzuweihen, dort sich mit ihren Aeltesten zu berathen, dort die Opfermahlzeiten und alle festlichen Schmäuse zu halten. In der Vorhalle sah man die Bilder der Ahnen, des Italus und des Sabinus, des Janus und des Saturnus und andrer alter Könige und Helden, an den Säulen aufgehängt die erbeuteten Waffen, Kriegswagen und Beile, die Riegel gesprengter Thore und Schiffsschnäbel. Picus selbst aber thronte mit aufgegürteter Trabea, mit dem lituus und am linken Arm ein ancile tragend, der reisige Picus, den seine Gattin Circe in einen Specht verwandelte: so daß er also wie alle alten Könige zugleich als Augur und als Krieger gedacht wurdeDoch wird am Picus immer, sowohl an dem Vogel als an dem Aboriginerkönige, vorzugsweise die augurale Thätigkeit und Bedeutung hervorgehoben, s. Fest. p. 197 Oscines, p. 209 Picum avera, Non. Marc. p. 518 Picumnus, Plin. H. N. X, 18, 20, Serv. V. A. VII, 190 hoc ideo fingitur, quia augur fuit et domi habuit picum, per quem futura noscebat, quod pontificales indicant libri.. Das 334 Mährchen von seiner Verwandlung wird ausführlich erzählt von Ovid Metam. XIV, 313–434, welcher dabei eines jugendlichen und reichlich bekränzten Bildes des Picus mit einem Specht auf dem Haupte gedenkt. Immer ist es die Eifersucht und der Zauber der Circe, welche den jungen Ritter in einen Vogel verwandelt, doch nannten Einige Circe als seine Gattin, Andre die Fruchtgöttin Pomona, noch Andre, mit ihnen Ovid, die schöne und gesangreiche Quellnymphe CanensVgl. Plut. Qu. Ro. 21 und Serv. V. A. VII, 190.. Picus war eben so schön als tapfer, in den besten Jahren der Jugend, ein großer Jäger, der Liebling aller Wald- und Quellnymphen von Latium. Er aber liebte nur die eine Canens, die Venilia auf dem Palatium dem Janus geboren hatte (S. 163). Sie war schön, aber noch schöner war ihr Gesang, nach welchem man sie Canens nannte; wie Orpheus vermochte sie Wälder und Steine zu bewegen, wilde Thiere zu zähmen, den Lauf der Ströme und den Flug der Vögel zu hemmen. Einst, während sie sang, ging Picus auf die Jagd auf muthigem Roß, mit zwei Jagdspeeren bewaffnet und mit einem purpurrothen Kragen bekleidet, den vorne eine goldne Spange zusammenhielt. Da sieht ihn Circe, die eben im Walde Kräuter liest, und lockt ihn in Liebe entbrennend in den tiefen Wald. Er aber will von keiner andern Liebe wissen; da verwandelt ihn Circe in den gleichnamigen Vogel, der sich deshalb so scheu in die Wälder zurückzieht und in seiner Wuth mit seinem Schnabel in die harten Stämme und die langen Aeste der Bäume hackt. Von dem Purpur des Kragens und dem Golde der Spange sieht man die Spur an seinem Gefieder. Die treue Canens suchte ihn sechs Tage und sechs Nächte, ohne Speise und ohne Schlaf, durch Thäler und Wälder, bis sie zuletzt am Tiber ermattet hingesunken unter Thränen und süßen Gesängen hinstarb, nur noch ein Hauch, der in der Luft zerfließt. Aber alte Lieder nennen den Ort nach ihrem Namen »zur süßen Stimme«. Es braucht kaum hinzugesetzt zu werden daß diese Canens, die Tochter des Ursprungs und der Welle, die Geliebte des einsamen Waldvogels, nichts weiter ist als eine Personification des Gesanges in seiner ältesten Wirkung und Bedeutung, wie er aus den Stimmen der Natur, aus Wäldern, Flüssen und Quellen in süßen und 335 lockenden Klängen hervortönt als Gesang der Musen und Nymphen, als Orakel oder als Zauber. Im weiteren Verlaufe dieser Untersuchungen werden sich noch manche andre Spuren finden, daß das alte Italien für solche Naturlaute und Naturwirkungen nicht minder empfänglich war als das alte Griechenland und alle Volkssagen und Volksmährchen.

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