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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
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3. Juno.

Juno ist Jovino, das Femininum von Jovis, also eine weibliche Macht des Himmels und des himmlischen Lichtes, näher des neuerscheinenden Mondes; daher zugleich Geburtsgöttin und die weibliche Göttin schlechthin, als himmlische Matrone und Königin, in welcher Bedeutung sie neben dem Iupiter Rex als Regina verehrt wurde. Die Geburt des Lichtes aus dem Dunkel ward den Alten immer zur Allegorie der Geburt und der Entbindung überhaupt, daher in Italien auch die Mater Matuta zugleich die Göttin des frühen Tageslichts und eine Geburtsgöttin ist und 242 sowohl in Italien als in Griechenland Diana oder Artemis zugleich Mond- und Geburtsgöttin. Juno aber repräsentirte in Italien so ganz wesentlich die weibliche Natur überhaupt, als gebärende Göttin, Mutter und Matrone, daß sie in dieser Hinsicht ganz dem Genius der Männer entsprach, d. h. wie dieser zeugerisch ist und als solcher in jedem Manne von neuem individualisirt, so ist Juno als das weibliche Wesen schlechthin auch in jedem einzelnen weiblichen Wesen individualisirt. Daher bekanntlich jede Frau und jedes Mädchen so gut ihre Juno hatte wie jeder Mann seinen Genius, ihrer Juno am Geburtstage opferte, bei ihrer Juno schwur u. s. w.S. oben S. 76 und Seneca Ep. 110 singulis aut Genium aut Iunonem dederunt. Tibull. III, 6, 47 etsi perque suos fallax iuravit ocellos Iunonemque suam perque suam Venerem. IV, 6, 1 Natalis Iuno sanctos cape turis acervos. Vgl. Petron. 25 und die Inschriften b. Fabretti Inscr. Antiq. p. 73 sq., Or. n. 1319–1328. Charisius p. 117 ed. Lindem. kennt den Schwur Ejuno, wie Ecastor, Edepol..

Unter den einzelnen Culten ist zunächst der der Iuno Lucina wohl der älteste und durch ganz Italien am allgemeinsten verbreiteteIuno Lucina unter den Göttern des T. Tatius, Varro l. l. V, 74, in Campanien s. die Inschr. aus Cales bei Mommsen I. N. 3953. Eine sehr alterthümliche bei demselben n. 6762 IVNONEI LOVCINA. Nach Apulei. Met. VI, 4 p. 389 nannte der ganze Orient die Juno Ζυγία, der ganze Occident Lucina. Nach Martian. Cap. II, 149 gab es auch eine Iuno Lucetia. Die Griechen übersetzen ‛Ήρα φωσφόρος.. Sie entspricht als solche dem Iup. Lucetius und ist wie dieser zunächst Lichtgott, d. h. wie Jupiter der Gott aller Idus, der Vollmondstage war, so Juno die Göttin aller Kalenden, wo die Mondsichel nach dem Neumonde zuerst wieder erschien, also wie von neuem geboren wurde (S. 140); daher Juno bei den Laurentern den Beinamen Kalendaris führte und in Rom an jedem ersten Monatstage ihr regelmäßiges Opfer bekam. Sobald der Pontifex Minor die Mondsichel wieder am Himmel sah, meldete er es dem Rex Sacrorum, der darauf mit ihm das Capitol bestieg und in der Curia Calabra der Juno opferte, während ihr gleichzeitig in der Regia von seiner Gemahlin, der Regina Sacrorum, ein Lamm oder ein Schwein dargebracht wurde. Dann rief eben jener Subalterne des Collegiums der Pontifices bei derselben Curie, welche deshalb Calabra hieß, vor dem versammelten Volke aus, wie viele Tage in jedem Monate bis zu den Nonen sein würden, ob fünf oder sieben, wie Varro berichtet mit diesen Worten: Dies te quinque calo Iuno Covella, oder Septem dies te calo Iuno Covella, welcher Beiname mit cavus, κοι̃λος und coelum 243 zusammenhängt, also den ausgehöhlten, nehmlich den zunehmenden Mond bedeutet (Macrob. 1, 15, 10, Varro l. l. VI, 27). Zweitens galt dann aber eben diese Mond- und Lichtgöttin Juno in Italien zugleich für die erste und mächtigste aller Geburtsgöttinnen, daher sie als solche von allen Frauen in den heißesten Stunden ihres Lebens angerufenPlaut. Aulul. IV, 7, 11, Tereut. III, 4, 41, Propert. IV, 1, 95, vgl. Ovid F. II, 447 ff., Plut. Qu. Ro. 77, Tertull. d. An. 39, Arnob. III, 21. 23 u. a. und auch sonst in vielen eigenthümlichen und alterthümlichen Gebräuchen verehrt wurde. Varro erzählt daß die Frauen der Iuno Lucina ihre Augenbrauen zu heiligen pflegten, weil die Augen das Licht des Leibes und die Augenbrauen ein Schutz der Augen sindVgl. Paul. p. 304 Supercilia., Tertullian daß die schwangern Frauen ihren Leib mit Binden, die im T. der Lucina geweiht waren, umwickelten und nach ihrer Entbindung derselben eine ganze Woche lang einen Tisch deckten, Andre daß solche Frauen, wenn sie zum Gottesdienste der Lucina gingen, alle Knoten an ihrem Leibe, auch die des Haares auflösten, weil jeder Knoten, selbst die Verschränkung der Hände, als Hinderniß einer leichten Geburt angesehen wurdeServ. V. A. IV, 518, Ovid F. III. 257 ff. Man schenkte deshalb den Frauen Schlüssel, ob significandam partus facilitatem, Paul. p. 56 clavim. Nach Fulgent. p. 389 pflegte die von Zwillingen Entbundne der Juno s. g. oves ambignas zu opfern d. h. ein Mutterlamm mit zwei kleinen zu beiden Seiten angebundenen Lämmern.. In Rom lag ihr Heiligthum, eins der ältesten und angesehensten der Stadt, an den Esquilien, nicht weit von der Subura und den Carinen, umgeben von einem Haine, dessen Ovid. F. II. 427 ff. in einer für diesen Gottesdienst characteristischen Legende gedenkt. Die neuvermählten Sabinerinnen, die Stammmütter des römischen Patriciats, sind unfruchtbar. Männer und Frauen pilgern zum Haine der LucinaDieser Hain galt für älter als die Stadt, man leitete sogar den Namen Lucina davon ab, s. Plin. XVI, 44, 85. Vgl. ib. 31, 57 von einem Haine der Juno in Nuceria. und beten; da ertönt aus den Wipfeln der Bäume plötzlich eine Stimme, der heilige Bock solle den Rücken der Mütter besteigen (Italidas matres sacer hircus inito), eine Mahnung an den Gott der Befruchtung, den Faunus, Lupercus oder Inuus, den römischen Frauen Fruchtbarkeit zu verleihn. Ein Seher schlachtet nun einen Bock, schneidet Riemen aus dem Fell und schlägt mit diesen den Rücken der Frauen, worauf sie mit Lucinas Hülfe schwanger werden: ganz nach dem gewöhnlichen Ritus der Lupercalien im Februar, bei 244 welchen auch Juno betheiligt war. Nach einer angeblichen Bestimmung des Servius Tullius mußte für jede männliche Geburt in den Kasten der Lucina ein Stück Geld gethan werden (S. 233). Das dauernde Ansehn des Cultus zeigt sich auch in verschiedenen Inschriften und Münzen, von denen die letzteren zugleich das Bild der alten Nationalgöttin vergegenwärtigen, wie es verschleiert sitzt oder steht und in der rechten Hand eine Blüthe, das Symbol der Hoffnung, in der linken ein Wickelkind hältVgl. namentlich die auf Veranlassung einer glücklichen Entbindung der Lucilla geschlagenen Münzen mit der Inschrift Iunoni Lucinae b. Eckhel D. N. VII p. 99. Auch wiederholt sich derselbe Typus auf M. der Mammäa und Salonina. Die von H. Brunn Ann. d. Inst. 1848 p. 430 sq. besprochene Darstellung der tav. N., wo die Göttin eine Fackel in der R. hält und mit der linken Brust ein Kind stillt, während hinter ihr ein Baum mit einer Jagdtasche zu sehen ist, scheint die Iuno Lucina im Sinne der späteren Zeit zu sein, wo sie oft mit der Diana identificirt wurde, vgl. Catull. 34, 13 und die auf eine Entbindung der Kaiserin Salonina geschlagene M. mit der Inschr. Iunoni Cons(ervatrici) Aug. und dem Bilde eines Hirsches. Verschiedne Inschriften, welche in der Gegend des alten Heiligthums gefunden sind und sich auf Gelübde und Geschenke glücklich entbundner Frauen, Gebete für das Wohl der kaiserl. Familie u. a. beziehn, b. Or. n. 874. 1297. 1298, Stephani Bullet. Archeol. 1845 p. 65 sq.. Das angesehenste Fest dieser Göttin fiel auf die Kalenden des März, weil diese Kalenden als die ersten des neuen Jahrs nach alter Rechnung auch die Göttin des neuen Lichtes und der Geburt vor allen übrigen in Erinnerung brachten. Es war ganz ein Fest der Matronen d. h. der Mütter von altrömischer AbkunftMater, materfamilias und matrona ist so ziemlich dasselbe, s. Paul. p. 125, Serv. V. A. IX, 216; XI, 474. 581, Gellius N. A. XVIII, 6., daher es auch den Namen der Matronalia führte: wohl das angesehenste und populärste von den verschiedenen Frauenfesten, welche in Rom gefeiert wurden. Nur Jungfrauen oder unbescholtene Ehefrauen durften theilnehmen, dem Kebsweibe (pellex) war es durch ein Gesetz des Numa ausdrücklich untersagt worden, den Altar der Juno zu berühren; hatte sie ihn ja berührt, so mußte sie mit gelöstem Haar der Göttin ein Lamm opfern (Gell. N. A. IV., 3). Uebrigens ein heitres und gemüthliches Fest, welches im Schooße der Familien begangen wurde, daher die Unverheiratheten übel daran waren (Horat. Od. III, 8, 1). Ueberall wurde für das Glück der Ehe geopfert und gebetet, die Männer beschenkten die Frauen, die Frauen aber bewirtheten an diesem Tage die Sklaven, wie die Männer an den Saturnalien; daher der beliebte Atellanendichter L. Pomponius ein Stück unter dem Titel Martiae Kalendae 245 gedichtet hatte. Zugleich eilte an diesen ersten Tagen des März, wo auch der Stiftungstag des bald nach der Zerstörung Roms durch die Gallier erbauten Tempels der Lucina gefeiert wurde, Alles zu diesem alten Heiligthum, Mädchen und Frauen, um fromme Gaben und Gebete darzubringen und Mars und Juno zu feiern, den männlichsten aller Götter und die große Schutzgöttin aller weiblichen Natur, welche den starken Mars, das Urbild aller Manneskraft an diesem Tage geboren und damit das neue Jahr eröffnet hatteOvid F. III, 170 ff., Tibull. III, 1, Plut. Romul. 21, Paul. p. 147 Martias Kalendas und die Stellen bei Marquardt Handb. IV, 446.. Auch gedachte man der Geburt des Romulus und des Raubes der Sabinerinnen, der ersten Ehefrauen und der ersten ehelichen Vermählung der römischen Geschichte: vor allen übrigen Sabinerinnen der Hersilia, der bräutlichen Gemahlin des Romulus-Quirinus, hinter welcher sich vermuthlich eine ältere Liebes- und Ehegöttin verbirgt. Auch die bei Gellius XIII, 23 (22) erwähnte Herie Iunonis scheint in diesen Zusammenhang zu gehören, da beide Namen mit dem umbrischen und oscischen Stamm her oder hers zusammenhängen, welcher ein Verlangen ausdrückt und uns in andern Benennungen der älteren latinischen Mythologie wieder begegnen wird.

Auch verschiedne andre alterthümliche Beinamen der Juno beziehn sich auf Schwangerschaft und Geburt und es ist zu vermuthen, daß vorzugsweise Lucina in öffentlichen Gebeten mit solchen Cultusnamen angerufen wurde. So wird eine Iuno Fluonia oder Fluviona genannt als Göttin der Menstruation, welche diese während der Schwangerschaft hemme und auf die Weise, wie man glaubte, die Leibesfrucht nährePaul. p. 92 Fluoniam Iunonem mulieres colebant, quod eam sanguinis fluorem in conceptu retinere putabant. Vgl. Tertull. ad Nat. II, 1 und Plin. VII, 15, 13 haec est generando homini materia. Augustin C. D. VII, 2 kennt eine eigne Dea Mena, quae menstruis fluoribus praeest, Iovis filia., eine andre welche man Ossipago nannte, weil man ihr die Verdichtung und Befestigung der Knochen des Kindes im Mutterleibe zuschrieb, endlich eine Iuno Opigena, welche im Augenblick der Geburt als Hülfe angerufen wurdeArnob. III, 30 Si aer illa est, – nulla soror et coniunx omnipotentis reperietur Iovis, nulla Fluvionia, nulla Pomana, nulla Ossipagina, nulla Februtis, Populonia, Cinxia, Caprotina. Ib. IV, 7 Nam quae durat et solidat infantibus parvis ossa, Ossilago ipsa memoratur. An jener Stelle ist zu lesen: nulla Lucina, nulla Opigena nulla Februlis, vgl. Martian Cap. II, 149, an dieser Ossipago..

246 Ein andrer sehr alterthümlicher und durch ganz Latium sehr angesehener Cultus war der der Iuno Lanuvina oder Sospita und Sispita (auch Sospes und Sispes), deren alter Hain und Tempel in Lanuvium auch für Rom sehr heilig warLiv. VIII, 14, Fest. p. 343 Sispitem Iunonem, quam vulgo Sospitem appellabant, antiqui usurpabant. Iunone Seispitei Henzen n. 5659a. Auf M. des Antoninus Pius und b. Or. n. 1309 heißt sie Sispita, bei Or. 1292. 1293 Lanumvina.. Auch gab es einen eignen Tempel dieser Göttin in Rom am forum Olitorium und einen zweiten auf dem PalatinLiv. XXXII, 30, XXXIV, 53 wo für I. Matutae mit Sigonius zu schreiben ist Sospitae. Vgl. Ovid. F. II, 55.; obwohl das angesehenste Heiligthum immer jenes alte zu Lanuvium blieb, dessen Tempel und Hain, von Priesterwohnungen umgeben und reich durch seinen Schatz, auf Veranlassung von Prodigien und andrer Umstände oft erwähnt wirdLiv. XXII, 1, Iul. Obseq. 5. 46 u. A. Besonders machte das Gesicht der Caecilia im J. 90 v. Chr. Sensation, nach welchem der Senat sich des vernachlässigten Cultus eifrig annahm, s. Cic. d. Divin. 1, 2. 44, Iul. Obseq. 55. Inschriften erwähnen eine Priesterin der Juno und einen Sacerdos et Pontifex Lanuvinorum immunis, s. Mommsen I. N. n. 5786–89. Im Tempel befanden sich u. a. zwei Bilder der Helena und der Atalante d. h. der hingebenden und der spröden Weiblichkeit, Plin. XXXV, 6, 17. Ueber die Lage des Tempels s. Abeken Mittelitalien S. 215.. Die römischen Consuln mußten hier jährlich zu einer bestimmten Zeit ein Opfer darbringen (Cic. pro Murena 41, 90), und noch Antoninus Pius, welcher auf einer Villa in der Nähe von Lanuvium das Licht der Welt erblickt hatteS. Iul. Capitolin 8. Daher die Münzen dieses Kaisers und des Commodus, welcher gleichfalls dort geboren war, mit dem Namen und dem Bilde der Göttin, s. Eckhel D. N. V p. 293., erbaute einen neuen Tempel dieser Göttin, welche ohne Zweifel auch Geburtsgöttin war. Ihr vollständiger Name ist in Dedicationsinschriften Iuno Sospita Mater ReginaOr. n. 1308. 1309, Henzen n. 5659a, Mommsen I. N. 6763 vgl. Or. 4014. Abgekürzt I. S. M. R., auch auf den Denaren des Thorius Balbus mit dem Stier.. In dem Haine befand sich eine Höhle, in welcher eine Schlange hauste, vermuthlich als Symbol der Iuno Iunonis (S. 74), welcher alljährlich im Frühjahre von einer Jungfrau ein Opferkuchen dargebracht wurde, wobei sie mit verbundenen Augen in die Höhle geführt wurde. Genoß die Schlange von diesem Opfer, so galt dieses für einen Beweis der Reinheit des Mädchens und der Fruchtbarkeit des Jahres, verschmähte sie es, so war das Mädchen nicht rein gewesen (Propert. IV, 8, 3 ff., Aelian H. A. XI, 16). Sehr 247 eigenthümlich war das Bild der Göttin, welches wir theils durch Beschreibungen der Alten theils durch das Gepräge verschiedner Münzen römischer Familien kennenCic. N. D. 1, 29, 83 illam vestram Sospitam, quam tu nunquam ne in somniis quidem vides nisi cum pelle caprina, cum hasta, cum scutulo, cum calceolis repandis. Vgl. die Grabinschrift einer Priesterin dieser Juno b. Or. n. 1308, quae in aede Iunonmis Sospitae Matris Reginae scutulum et clypeum et hastam et calceos rite novavit voto und die Familienmünzen der Cornificii, Mettii, Papii, Procilii, Roscii, Thorii, und die nach den M. der Roscii restaurirte Statue im M. Pio Q. b. Visconti II t. 21. Wichtiger Kopf b. Panofka Terracotten des K. Mus. z. Berlin T. X., welche aus Lanuvium stammten oder sich aus andern Gründen zu diesem Culte bekannten; auf welchen Münzen man hin und wieder auch jenes Wunder der Schlange und des Mädchens abgebildet findet. Angethan mit einem matronalen Gewande ist diese Juno darüber bekleidet mit einem Ziegenfell, welches zugleich als Helm und als Panzer dient, gebogenen Schnabelschuhen alter Sitte und einem ausgeschnittenen Schilde, wozu sie den Jagdspieß schwingt. Also war sie als Sospita zugleich eine wehrhafte Göttin, wie Juno denn auch zu Tibur und bei den Sabinern als solche gedacht wurde, auch in Griechenland und in Rom, wo sie Gewitter erregt und Blitze schleudert so gut wie JupiterVirg. Aen. 1, 42 u. dazu Serv., welcher Stellen aus Attius und Varro citirt, vgl. Liv. XXXII, 1 Iovi donum fulmen aureum pondo L factum, Iunoni Minervaeque ex argento.. Doch war sie auch Mater d. h. eine Muttergöttin der weiblichen Natur, der Ehe, Entbindung und Kinderzucht, wie Lucina; auch wird dahin jenes Ziegenfell zu deuten sein, welches gewiß dasselbe bedeutete wie das Bocksfell im Culte der Lupercalien, nehmlich Reinigung und Befruchtung, daher das Bocksfell der Luperci auch amiculum Iunonis d. h. eine Gürtung der Juno genannt und diese Göttin selbst als Februlis oder Februata an der Feier der Lupercalien betheiligt wurdePaul. p. 85 Februarius mensis quod tum – populus februaretur i. e. lustraretur, vel a Iunone februata, quam alii februalem, Romani februlim vocant, quod ipsi eo mense sacra fiebant eiusque feriae erant Lupercalia, quo die mulieres februabantur a Lupercis amiculo Iunonis i. e. pelle caprina, quam ob causam is quoque dies februatus appellabatur.. Es ist eben deshalb zu vermuthen daß auch das Hauptfest der Juno zu Lanuvium im Februar war und zwar an den Kalenden dieses Monats, zumal da nach Ovid. F. II., 55 in Rom derselbe Tag der Sospita heilig war.

Auch bei den Sabinern wurde Juno unter eigenthümlichen Formen verehrt, namentlich als Curitis oder Quiritis, welcher 248 Cultus durch die Sabiner nach Rom kam und dort mit der Einrichtung der Curien in engem Zusammenhange stand; doch fand sich derselbe Cultus auch zu Tibur und zu FaleriiTertull. Apolog. 24 Faliscorum in honorem Patris Curis et accepit cognomen Iuno. Vgl. die Inschriften b. Or. n. 1304 und Henzen n. 5659 und die aus Tibur b. Or. n. 1303. Die aus Benevent b. Mommsen I. N. n. 1381 halt Henzen Suppl. Or. III p. 135 für unächt., welche letztere Stadt wie Rom und andre Städte dieser Gegend in früher Zeit ein starkes Element sabinischer oder umbrischer Bevölkerung in sich aufgenommen zu haben scheint. Der Name ist wie der des sabinischen Quirinus und der Quirites abzuleiten von dem Worte quiris oder curis, welches Lanze bedeutete, das Symbol des wehrhaften Mannes, hier speciell in seinem ehelichen Verhältniß zur Frau, der Mutter seiner Kinder, welche sich auf Leben und Tod in seine Gewalt gegeben hat, aber dafür auch von ihm vertreten werden muß, rechtlich oder mit Gewalt, daher diese Juno als Schutzgöttin der Matronen die Lanze in der Hand führt. Als Göttin der Ehe und des auf der Ehe beruhenden Familienlebens in seinen engeren und weiteren Kreisen wurde sie vorzüglich in den Curien verehrtDionys. II, 50 von T. Tatius: εν απάσαις ται̃ς κουρίαις ‛Ήρα τραπέζαι έθετο Κυριτία (l. Κυριτίδι) λεγομένη, αὶ καὶ εις τόδε χρόνου κει̃νται. Paul. p. 64 Curiales mensae, in quibus immolabatur Iunoni, quae Curis appellata est. Da die Curie ein weiblicher Begriff ist, konnte ihre Schutzgöttin nur eine Juno sein., die sogar nach ihr benannt zu sein scheinen, wie die einzelnen Curien in Rom ihre Namen von den ersten sabinischen Müttern bekommen haben sollen; ja es scheint wohl daß auch der alte römische Hochzeitsgebrauch, das Haar einer Braut mit einer s. g. hasta celibaris d. h. einer Jungfernlanze zu scheitelnPaul. p. 62 coelibari hasta, vgl. Plut. Qu. Ro. 87, Ovid F. II, 559, Arnob. II, 67. Man nahm dazu gerne eine Lanze, die in dem Körper eines dadurch getödteten Gladiators gesteckt hatte. Vgl. den verwandten Aberglauben b. Plin. H. N. XXVIII, 4, 6., mit dem Culte dieser Juno zusammenhängt, indem dadurch vermuthlich symbolisch ausgedrückt werden sollte, daß die Braut als eheliche Frau sich zwar in der Gewalt des Mannes, aber auch unter dem Schutze der Juno befinden werde. In Tibur, wo es gleichfalls Curien gab (Or. n. 3740), scheint diese Juno zugleich wie die Lanuvinische als kriegerische und als befruchtende Schutzgöttin der Stadt verehrt worden zu sein; daher man zu ihr beteteServ. V. A. 1, 17 in sacris Tiburtibus – sic precantur: Iuno curulis tuo curru clypeoque tuere meos curiae vernulas sane (l. sanos), wo vernulae in demselben Sinne zu verstehen sind wie in dem Gebote Numas für das vereinigte Volk der Römer und Quiriten b. Fest. p. 372 vernae.: »O Juno hoch zu Wagen, erhalte mit 249 deinem Wagen und mit deinem Schilde den jungen Nachwuchs meiner Curie bei guter Gesundheit.« Also eine Göttin die für die Fruchtbarkeit der Mütter und somit zugleich für den Nachwuchs der Bevölkerung sorgt, daher sich hier auch die in verschiedenen Gegenden Italiens verehrte Iuno Populona oder Populonia anschließen mag, eine Göttin welche ohne Jupiter, also als Göttin sowohl der männlichen als der weiblichen Bevölkerung verehrt wurdeArnob. III, 30, Macrob. III, 11, 5, Seneca b. Aug. C. D. VI, 10, der diese Göttin unter den viduae, d. h. ohne einen Gemahl verehrten nennt, Martian Cap. II, 149 und die Inschriften aus Aesernia und Teanum Sidicinum b. Or. n. 1306, Mommsen I. N. n. 3983–3987, vgl. dessen unterit. Dial. S. 143.. Auch die übrigen Beiwörter, mit welchen Juno bei öffentlichen Gelegenheiten als Ehegöttin angerufen wurde, mögen hier wenigstens angeführt werden, da ich auf Veranlassung der Indigitamenta noch einmal auf sie zurückkommen muß, die Iterduca und Domiduca, welche den Hochzeitszug vom Hause der Braut in das des Bräutigams geleitet, die Unxia, welche die Pfosten ihres neuen Hauses zum guten Zeichen salbt, die Cinxia, welche den bräutlichen Gürtel schürzt und löst, endlich die Iuno Pronuba (Virg. A. IV., 166) und Iuga, von welcher letzteren der vicus Iugarius in Rom seinen Namen führte, in welchem sich ein Altar dieser Göttin befand (Paul. p. 104). Wurde doch auch Juno selbst wie die griechische Hera an der Seite ihres Gemahls als Nupta verehrtPlaut. Cas. II, 3, 14 Heia, mea Iuno, non decet te esse tam tristem tuo Iovi. Vgl. Varro b. Serv. V. Ecl. VIII, 30., d. h. als seine bräutliche Gattin, wie Jupiter selbst das Vorbild aller männlichen Jugendblüthe war und eben deshalb wohl auch der Flamen Dialis bei den Hochzeiten nach altem religiösen Brauch zugegen sein mußte.

An der Küste von Picenum gab es eine Göttin Namens Cupra, welche für eine Juno und etruskischen Ursprungs gehalten wurde; noch Hadrian, der sein Geschlecht vom Picentinischen Hatria herleitete, hat den Tempel erneuertStrabo V p. 241, Sil. Ital. VIII, 432, Grut. p. 1016, 2, vgl. Varro l. l. V, 159, Mommsen Unterit. Dial. S. 350.. Doch ist der Name wahrscheinlich durch das sabinische Wort cyprus d. i. gut zu erklären, daher der vicus Cyprius in Rom und ein Mars Cyprius in Umbrien, so daß diese Göttin also eher eine Bona Dea oder eine Feronia gewesen zu sein scheint, welche auch mit der Juno 250 verglichen wurden. Desto bestimmter wird immer die Göttin von Falerii in der Gegend von Civita Castellana und des Soracte für eine Juno erklärt; ja dieser Cult der Juno war einer der berühmtesten, daher Falerii später den Namen der Colonia Iunonia erhielt und ihre Einwohner bei Ovid F. VI, 49 Iunonicolae Falisci heißen. Daß auch diese Göttin eine Iuno Curitis oder Quiritis, also vermuthlich sabinischen oder umbrischen Ursprungs war, ist bereits nachgewiesen; wenn die Griechen sie dessenungeachtet für die argivische Juno und Falerii deshalb für eine Colonie der Argiver und der Pelasger erklärten, so lagen dabei nur äußerliche Aehnlichkeiten des Cultus zu Grunde, die sich theils von selbst erklären theils durch spätere Einwirkung der griechischen Cultur entstanden sein mögen, s. Dionys 1, 21. Das Fest in Falerii beschreibt Ovid Am. III, 13, dessen Frau aus Falerii gebürtig war, leider ohne die Jahreszeit anzugeben. Die ganze Umgegend strömte dann zusammen und der feierlichste Act war die Procession aus dem alterthümlichen und ehrwürdigen Haine der Göttin zur Stadt, wo Opfer und Spiele gefolgt sein mögen. In jenem Haine wurde zuerst gebetet und geopfert, dann gaben Flöten das Zeichen zur Procession, die Ovid sehr lebendig schildert. Zuerst kam der Zug der Opferthiere, schneeweiße Fersen (iuvencae), welche auf den Wiesen von Falerii gezogen wurden, Kälber und Ferkel, ihnen voranschreitend ein auserlesener Stier mit gewundnen Hörnern. Nur die Ziege war der Göttin verhaßt, man erzählte sich daß Juno durch dieses Thier auf einer Flucht ins Gebirge verrathen sei, daher die Knaben bei diesem Feste auf die Ziegen förmlich Jagd machten; obwohl sich hinter solchen Gebräuchen und Legenden gewöhnlich eine speciellere Cultusbeziehung verbirgt, welche der zu Lanuvium entsprochen haben mag. Wo der Zug mit dem Bilde der Göttin durchkam, breiteten Knaben und Mädchen (Camillen) Teppiche über die Straßen, die Mädchen im höchsten Schmuck, Gold und Geschmeide in den Haaren, in langen Kleidern und goldgestickten Schuhen. Andre Mädchen trugen nach Art der griechischen Kanephoren in weißer Kleidung und verschleiert die Heiligthümer auf dem Kopfe. Darauf folgte der Zug der Priesterinnen und die Göttin selbst, ganz wie sie in Argos zu erscheinen pflegte. Nach der Ermordung des Agamemnon, so hieß es, war sein Abkömmling, der fromme Halesus aus Argos entflohn und über Land und Meer bis in diese Gegend verschlagen worden, wo er Falerii gegründet und das Volk in dem Gottesdienste seiner Heimath unterwiesen hatte. Dagegen einheimische Lieder den Halesus 251 oder Falesus, den Stammvater der Falisci und Gründer der Stadt Falerii, als einen Sohn des Neptun und Stammvater eines Geschlechtes priesen, dessen Sprößling Morrius, ein König von Veji, die Salier gestiftet habe, welche jene Lieder sangenServ. V. A. VIII, 285 quidam dicunt Salios a Morrio rege Veientanorum institutos, ut Alesus Neptuni filius eorum carmine laudaretur, qui eiusdem regis familiae auctor ultimus fuit. Veji und Falerii erscheinen in der römischen Geschichte meist eng verbündet; möglich auch daß Veji einmal seinen König von Falerii bekommen hatte. Daß Halesus ein Sohn des Neptun heißt, hängt wahrscheinlich mit ritterlichen Uebungen zusammen, s. Virg. Aen. VII, 723 Hinc Agamemnonius, Troiani nominis hostis, curru iungit equos.. Wie dieser Name Morrius wahrscheinlich mit Mavors zusammenhängt, so kann jener Pater Curis der Falisker, nach welchem ihre Iuno Curitis hieß, nicht wohl ein Andrer gewesen sein als der Stammvater Halesus oder Faliscus, dessen Name gleichfalls auf ein altes italisches Stammwort hinweist. Wahrscheinlich liegt die Wurzel hal oder fal zu Grunde, welche eine befestigte Höhe (altum) bedeutetePaul. p. 91 Faleri oppidum a fale dictum. Ib. p. 88 falarica genus teli missile, quo utuntur ex falis i. e. ex locis exstructis dimicantes, und falae dictae ab altitudine, a falando, quod apud Etruscos significat coelum. Ein kleiner sabinischer Ort in der Nähe von Reate, der Geburtsort Vespasians, hieß Falacrine oder Falacrinum, Sueton Vespas. 2, Anton. Itinerar. Auch Alsium, der Hafen von Caere, hatte nach Sil. Ital. VIII, 476 seinen Namen von Halaesus bekommen., wie denn das alte Falerii in der That eine sehr feste Stadt war; obwohl es auch in Rom einen Divus Pater Falacer mit einem eignen flamen Falacer gab (Varro l. l. V, 84, VII, 45), welcher mit der Zeit gleichfalls unverständlich geworden war. Genug es galt in der gewöhnlichen Ueberlieferung und schon zur Zeit Catos für ausgemacht, daß Halesus wie Evander, Diomedes, welcher nachmals in Lanuvium für den Gründer des dortigen Heiligthums der Juno gehalten wurdeAppian d. bell. civ. II, 20, weil auch Diomedes Argiver und als solcher ein Diener der Juno war. Falisca Argis orta, ut auctor est Cato, Plin. H. N. III, 5, 8. Auch die Picentiner in der Gegend von Salernum verehrten eine Juno, die sie für die argivische und zwar für eine Gründung des Iason hielten, Plin. ib. 9., Odysseus und andre Heroen aus Griechenland nach Italien gekommen sei. Virgil Aen. VII, 723 ff. läßt ihn mit seinen Schaaren aus Campanien heranziehn, wo man also gleichfalls von ihm zu erzählen wußte, vgl. oben S. 16, 6.

Außer den Frühlingsfesten der Juno scheint es ziemlich allgemein auch Sommerfeste gegeben zu haben; wenigstens 252 waren in Rom nicht allein die Kalenden des März, sondern auch die des Juni der Juno vorzugsweise heilig, und ein nach der Juno benannter, dem römischen Junius entsprechender Monat fand sich in den Fasten der Laurenter und in denen von Lanuvium, Aricia, Tibur und PränesteOvid F. VI, 57 ff., Macrob. 1, 12, 30, vgl. Paul. p. 103 Iunium mensem dictum putant a Iunone. Iidem ipsum dicebant Iunonium et Iunonalem. Varro b. Censorin 22.. Namentlich galten in Rom die Kalenden dieses Monats für den Stiftungstag der Iuno Moneta in Arce, welcher Tempel im J. 410 d. St., 344 v. Chr. auf Veranlassung eines Gelübdes des Camill auf derselben Stelle erbaut worden war, wo früher das Haus des Manlius Capitolinus gestanden hatteBecker Handb. 1, 392. Es ist die Höhe der Kirche und des Klosters von S. Maria in Araceli.. Weil die Münze der Republik in der Nähe lag, ist der Name Moneta auf diese übergegangen, obwohl der Name der Göttin a monendo abzuleiten ist, nehmlich von einer Mahnung welche von dieser Juno ergangen war, nach der zuverlässigsten Ueberlieferung bei einem Erdbeben, wo sie das Opfer einer trächtigen Sau forderteS. oben S. 55. Auch auf dem Albaner Berge gab es einen T. der Moneta, Liv.XLV, 15. In Benevent, wo man wie in Rom ein Capitol hatte, eine Regio Exquilina, eine Regio Viae Novae etc., auch den Iup. O. M. und die Iuno Regina verehrte, gab es eine Iuno Veridica s. Mommsen I. N. n. 1384, welche vermuthlich der Moneta entsprach. Den Kopf der römischen I. Moneta sieht man auf den Münzen der gens Carisia. Von ihrem Culte am 1. Juni s. Ovid F. VI, 183, Macrob. l. c, Io Lyd. IV, 57, Kal. Venus. Spätere Erklärungen des Namens b. Suidas v. Μονήτα und Schol. Lucan. 1, 379. Der alte Dichter Livius hatte in seiner Odyssee die griechische Μνημοσύνη durch Moneta übersetzt, die dadurch zur Mutter der Camenen wurde.. Als Höhen- und Burggöttin, wie Juno auch bei den Griechen, den Etruskern und sonst in Italien verehrt wurde, wird sie auch dadurch characterisirt daß die Krähen ihr heilig galten, daher sie jenseits des Tiber in der Umgebung von sogenannten Krähen-Göttinnen, Divae Corniscae verehrt wurdePaul. p. 64 Corniscarum Divarum locus erat trans Tiberim cornicibus dicatus, quod in Iunonis tutela esse putabantur. Vgl. die trans Tiberim gefundne Inschr. b. Or. n. 1850 DEIVAS CORNISCAS SACRVM, wahrscheinlich für den Dativ Deivaïs Corniscaïs, s. Ritschl de fictil. litter. p. 26. Auch zu Lanuvium waren die Krähen der Juno heilig, s. die M. der g. Cornificia bei O. Müller Denkm. A. K I, 45, 341.. Denn die Krähen lieben die Höhen und dienen deshalb auch sonst als Umgebung der Burggöttinnen z. B. der Pallas in Athen. Zugleich sind sie Wettervögel und 253 verkündigen durch ihr Geschrei RegenLucret. V, 1082, Virg. Ge. 1, 388, Horat. Od. III, 17, 12, Ovid Am. II, 6, 34., welches sie gleichfalls zu weissagenden Vögeln speciell der Juno machen konnte.

Endlich ist Iuno Regina d. h. die himmlische Königin, die Gemahlin des Iupiter Rex, daher sie neben diesem oder auch allein auf den herrschenden Burgen und als Schutzgöttin der Städte, namentlich aller Matronen verehrt wurde: ein Cultus welcher vornehmlich bei den Etruskern geblüht zu haben scheintServ. V. A. 1, 422, Appian bell . civ. V, 49 von Perusia, diese Stadt sei eine der 12 Hauptstädte Etruriens gewesen, διὸ καὶ ‛Ήραν έσεβον οι̃α Τυρρηνοί. Vgl. Dio XLVIII, 14 und die Juno Regina in Veji., obwohl er sich auch sonst in Italien nachweisen läßt, z. B. in Ardea, in Lanuvium, zu Pisaurum in Umbrien und an andern OrtenDie Iuno v. Ardea s. Virg. Aen. VII, 419 und die Inschrift des Künstlers, der den Tempel der Göttin, Reginae Iunonis supremi coniugis templum, mit Gemälden verziert hatte, b. Plin. H. N. XXXV, 10, 37. Die Inschrift aus Pisaurum b. Ritschl de fictil. litter. p. 27 IVNONE REg MATRONA PISAVRESE DONO DEDROT d. h. Iunoni Reginae matronae Pisaurenses dona dederunt, eine aus Tereventum b. Mommsen I. N. n. 5164. Auch die Iuno Moneta führte den Titel Regina Or. n. 1299.. In Rom hatte diese Bedeutung zunächst die Capitolinische Juno, welche Ovid deshalb die Matrona Tonantis mit dem goldnen Scepter nennt; auch heißt sie in Inschriften und officiellen Urkunden gewöhnlich ReginaVgl. die Acta fr. Arv. t. XXXII z. A. und Marini p. 160, Ovid F. VI, 34 und 37.. Ihr gewöhnliches Opfer waren Kühe, in dem Tempel selbst aber wurden bekanntlich Gänse unterhalten, welche als Thiere von feiner WitterungLucret. IV, 680 humanum longe praesentit odorem Romulidarum arcis servator, candidus anser. Vgl. Liv. V, 47, Plin. H. N. X, 22, XXIX, 4, Plut. de fort. Ro. 2. Silberne Gans in Capitolio, zum Andenken, Serv. V. A. VIII, 655. in jener verhängnißvollen Nacht die Gallier noch früher als die Hunde merkten, daher sie seitdem von der Republik mit Ehre überhäuft wurden. Die Censoren pflegten die Fütterung der Capitolinischen Gänse unter den ersten Pachtartikeln zu nennen, und auf dem Capitole wurde jährlich zur Erinnerung an jenen Tag eine Gans mit großer Pracht auf einer Sänfte um den Tempel getragen, während ein Hund sich in dessen Nähe lebendig ans Kreuz schlagen lassen mußte. Der Juno aber waren die Gänse aus demselben Grunde heilig, weshalb sie auch bei römischen und griechischen Hausfrauen, selbst der Penelope beliebt 254 waren, weil dieses Thier nehmlich zugleich ein häusliches und ein leicht befruchtetes istPetron Sat. 137 occidisti Priapi delicias, anserem omnibus matroniis acceptissimum. Daher Jupiter bei der Leda nicht selten die Gestalt einer Gans annimmt.. Ein zweiter Cultus dieser Göttin war der auf dem Aventin, wohin er mit dem alten Cultusbilde aus Veji nach der Zerstörung dieser Stadt verpflanzt worden war (Liv. V, 22). Wie viel Gewicht die römischen Matronen auf die Gunst auch dieser Göttin legten, sieht man aus verschiednen Vorfällen während des Hannibalischen Krieges. Gleich im zweiten Jahre desselben (217 v. Chr.) wurde bei der Annäherung Hannibals den drei Capitolinischen Göttern, der Juno Regina auf dem Aventin und der Juno Sospita zu Lanuvium ein größeres Opfer gebracht, und zugleich sammelten die Matronen Geld, um der Juno auf dem Aventin ein Weihgeschenk zu bringen und ein Lectisternium zu bereiten, wie es die Libertinen gleichzeitig ihrer Schutzgöttin Feronia bereiteten. Zehn Jahre später beschloß das Collegium der Pontifices auf Veranlassung einer monströsen Geburt, daß drei Chöre von neun Mädchen nach griechischer Weise durch die Stadt ziehn und ein Lied zu Ehren der Juno Regina singen sollte, welches Livius Andronicus gedichtet hatte und mit den Mädchen im T. des Jup. Stator einübte. Da schlug gar der Blitz in den T. auf dem Aventin, worauf die Matronen der Stadt und der Vorstädte innerhalb des zehnten Meilensteins neue Gaben und neue Opfer darbrachten und nun auch die Decemvirn der sibyllinischen Sprüche einschritten. Auf ihren Betrieb wurde eine feierliche Procession angestellt, die sich beim Tempel des Apoll vor der p. Carmentalis in Bewegung setzte. Voran schritten zwei weiße Kühe, dann folgten zwei Bilder der Iuno Regina von Cypressenholz, darauf die 27 Mädchen in langen Kleidern, ihr Lied auf die Juno singend, endlich die Decemvirn, bekränzt mit Lorbeern und in priesterlichen Gewändern. Vom Thore zogen sie durch den Vicus Iugarius auf das Forum, wo die Mädchen ihr Lied im Reigen umschreitend vortrugen; dann ging der Zug weiter durch den Vicus Tuscus, das Velabrum und das Forum Boarium nach dem Clivus Publicius, der sie hinauf zum Aventin und zu dem T. der Juno führteLiv. XXVII, 37. Die zwei Kühe und zwei Bilder sollten vermuthlich für die Matronen intra et extra urbem gelten. Dieselbe Feierlichkeit wurde nach römischer Weise später bei ähnlichen Veranlassungen unverändert wiederholt, s. Iul. Obseq. 46. 48.. Ein dritter Tempel der Juno Regina wurde im J. 575 (179 v. Chr.) 255 von dem Censor M. Aemilius Lepidus in der Vorstadt des Circus Flaminius gestiftet, vermuthlich für die zahlreich bevölkerten Vorstädte im Norden der Stadt.

Noch ein alterthümlicher Dienst der Juno war der der Iuno Caprotina, doch ist über ihre Bedeutung nicht mehr aufs Klare zu kommen. Am 5. Juli, zwei Tage vor den Nonen, wurden zur Erinnerung an eine alte Gefahr die Poplifugia gefeiert, an den Nonen selbst das Fest der Iuno Caprotina, daher der Tag Nonae Caprotinae hieß. Nach der Gallischen Noth, so heißt es, als Rom sehr geschwächt war, benutzten die eifersüchtigen Nachbarn am obern und untern Tiber den günstigen Augenblick zu einem allgemeinen Angriff, wobei Postumius Livius, der Dictator von Fidenae, das feindliche Heer führte. Er fordert vom Senat die Auslieferung aller römischen Frauen und Jungfrauen. Eine Magd Namens Tutela oder Tutula oder Philotis (ein römischer und ein griechischer Name) erbietet sich mit den übrigen Mägden anstatt der Römerinnen ins feindliche Lager zu gehn. Sie kleiden sich danach, begeben sich ins Lager, wissen die Feinde zu einem lustigen Gelage zu bereden und geben, als jene im tiefen Schlafe liegen, den Römern ein Zeichen von einem wilden Feigenbaume (caprificus) aus, welcher dicht bei dem Lager stand. Der Ueberfall der Römer gelingt und der Senat beschließt die Freilassung aller Mägde, ihre Ausstattung auf Staatskosten und daß sie die Tracht der Matronen, in welcher sie in das feindliche Lager gegangen waren, für immer beibehalten sollten. Der Tag der Poplifugia wurde zur Erinnerung der ersten Bedrängniß, in welche die Römer durch jenen Angriff gerathen waren, jährlich durch eine sinnbildliche Flucht gefeiert, von welcher sich auch später einige Spuren beim Gottesdienste dieses Tages erhalten hattenVarro l. l. VI, 18, Kall. Maff. Amitern., Macrob. 1, 11, 36, III, 2, 14, Plut. Rom. 29, Camill. 33, Auson. Ecl. de fer. Rom. 9. Auch Augustin C. D. II, 6 scheint sich auf dieses Fest zu beziehn: ubi Fugalia celebrarentur effusa omni licentia turpitudinum et vere Fugalia, sed pudoris et honestatis.. Am Tage der Nonen folgte der Auszug der Mägde und am Tage darauf die Siegesfeier mit einer sogenannten vitulatio. An den Nonen zog das Volk haufenweise vors Thor und rief sich unter einander mit allerlei Vornamen, Caius, Marcellus, Lucius u. s. w. Dann erschienen die Mägde im Putz und trieben allerlei Muthwillen mit ihnen. Endlich folgte ein Opfer und ein festliches Mahl bei jenem Feigenbaum, dessen 256 Milch beim Opfer gebraucht wurde und dessen Laub an dem heißen Sommertage einen willkommnen Schatten bot. Andre glaubten daß sich diese Gebräuche auf den Tod des Romulus bezögen, welcher an den Nonen des Julius beim Ziegensumpf (ad caprae paludem) unter plötzlich hereinbrechendem Gewittersturm, vor dem das Volk auseinander floh, verschwunden war. Es scheint wohl daß bei diesen Ueberlieferungen zwei verschiedene Feste combinirt und darüber misverstanden wurden, die Poplifugia mit ähnlichen sinnbildlichen Gebräuchen eines Handgemenges und einer Flucht, wie sie auch sonst bei gewissen Sühnopfern vorkommenLobeck Aglaoph. p. 680, Marquardt Handb. d. R. A. IV, 267. und ein altes Frauenfest der Iuno Caprotina, welches auch sonst in Latium gefeiert wurdeVarro l. l. VI, 18 Nonae Caprotinae quod eo die in Latio Iunoni Caprotinae mulieres sacrificantur et sub caprifico faciunt, e caprifico adhibent virgam.. Auch scheint der Name und die Natur des caprificus auf weibliche Befruchtung zu deuten, da sowohl der Bock (caper) als die Feige (ficus) in dieser sinnbildlichen Bedeutung herkömmlich waren und die sogenannte caprificatio d. h. die künstliche Zeitigung der Feige mit Hülfe der Frucht eines wilden Feigenbaums um dieselbe Jahreszeit vorgenommen zu werden pflegtePlin. H. N. XV, 19, Colum. XI, 2, 59 Pallad. IV, 10, 28; VII, 5, 2. Vgl. Martial IV, 52 Gestari iunctis nisi desinis Hedyle capris, Qui modo ficus eras, iam caprificus eris..

Schon zum griechischen Gebiete von Italien gehört der Cultus der Iuno Lacinia in der Nähe von Kroton, doch war er so angesehn, daß die Verehrung dieser Göttin auf alle benachbarten Völker und somit später auf die Römer überging. Sechs Millien von der Stadt lag der Tempel mit einem Haine, mitten in einem dichten Tannengehölz. In dem Haine befanden sich schöne Weiden für die heiligen Heerden der Göttin, die einen so reichen Ertrag lieferten, daß eine Säule von solidem Golde davon geheiligt werden konnte. Daß die Kunst der Griechen sehr zur Verschönerung des Ortes beigetragen hatte, beweisen die Münzen von Kroton und Pandosia mit dem prächtig geschmückten Kopfe dieser Juno. Pyrrhus und Hannibal ehrten diese Göttin, der letztere, welcher in ihr die Schutzgöttin seiner Vaterstadt wiedererkennen mochte, stellte in dem Haine einen Altar auf, auf welchem er in punischer und griechischer Sprache ein Verzeichniß seiner Thaten eingegraben hatteLiv. XXIV, 3, XXVIII, 46, XXX, 20, Cic. d. Divin. 1, 24, 48.. Als der römische 257 Censor Q. Fulvius Flaccus im J. 174 v. Chr. den Tempel der Hälfte seiner Marmorziegel beraubte und diese Ziegel bei einem Bau in Rom verwenden wollte, wurde er deswegen vom Senate scharf getadelt und mußte die Ziegel wieder an Ort und Stelle schaffen, wo man sie aber leider nicht mehr einzufügen verstandLiv. XLII, 3, vgl. Lactant. II, 7, 16.. Zur Zeit der Seeräuber wurde der Tempel geplündert und zerstört, doch hat der Cultus unter den Kaisern fortbestandenPlut. Pomp. 24, Strabo VI p. 261, vgl. die Inschr. aus Kroton b. Mommsen I. N. n. 72 Herae Laciniae Sacrum pro salute Marcianae Sororis Aug. Oecius Lib. Proc.. Von der Iuno Coelestis, der alten Schutzgöttin Karthagos, wird unten die Rede sein. Schon im zweiten punischen Kriege wurde sie als solche von den Römern feierlich beschworen, im dritten förmlich evocirt (Serv. V. A. XII, 841), daher sie auch bei den Dichtern, zuerst bei Naevius, später bei Virgil eine bedeutende Rolle spielte. Andre Iunones sind die oft in den Inschriften der nördlichen Gegenden erwähnten Iunones Montanae, häufiger Matres und Matronae genannt, segnende Göttinnen der Flur und des Waldgebirges, welche von der celtischen Bevölkerung des nördlichen Italiens und des südlichen Deutschlands bis zur Donau, auch Galliens, Spaniens, so wie am Niederrhein und in Britannien viel verehrt wurden und auf den zahlreich vorhandnen Votivsteinen in der Gestalt von drei neben einander sitzenden Frauen vergegenwärtigt werden, welche gewöhnlich Blumen und Früchte in ihrem Schooß habenBoissieu Inscr. Antiques de Lyon p. 55 sqq., De Wal de Moedergodinnen, Leyden 1846. Sehr oft ist von ihnen in den Jbb. des Vereins d. A. F. in d. Rheinlanden die Rede, da solche Denkmäler besonders häufig am Niederrhein gefunden werden..

Wie Jupiter zuletzt vorzugsweise für einen Schutzgott der Kaiser galt, so Juno der Kaiserinnen, daher sie bei ihren Entbindungen als Lucina, sonst als Augusta und Conservatrix oft angerufen wurdeVgl. Or. n. 849. 1290. 1301 und oben S. 244, 489. Wie in Rom in solchen Fällen der Iuno Lucina, so wurde in Aegypten bei ähnlichen Veranlassungen der Isis Λοχιάς geopfert, s. Letronne Rec. des Inscr. Gr. et Lat. de l'Egypte 1 p. 379.. Eine eigenthümliche Gestalt dieses späteren römischen Junodienstes ist die Iuno Martialis mit dem Attribut der Scheere und einer Lanze, wahrscheinlich auch eine EntbindungsgöttinEckhel D. N. VII p. 358, Welcker kl. Schr. 3, 199.. 258

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