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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Die stammverwandten Völker des alten Italiens.

Wie dem nun sei, jedenfalls müssen wir uns auf alle Weise bemühen, unsre Aufgabe nicht blos als eine römische, sondern als eine allgemein italische aufzufassen, d. h. aus den engen Grenzen der Stadt Rom und der römischen Stadtchronik herauszukommen und das freie Feld und jene Berge und Landschaften zu gewinnen, zwischen denen ihre latinischen und sabinischen Altvordern ihre religiösen Vorstellungen empfangen und ausgebildet haben. Freilich ist uns auch dieses viel schwerer gemacht als in Griechenland, wo die vielstimmige Ueberlieferung der verschiedenen Stämme, Städte und Landschaften auch die Darstellung und Belebung der Mythologie außerordentlich erleichtert, ja der Stoff des örtlich Mannichfaltigen sich einem eher zu reichlich als zu spärlich darbietet; dahingegen in Italien Rom nicht allein allen übrigen Völkern und Staaten gegenüber das Feld behauptet hat, sondern auch in ihrer aller Namen und zwar immer auf ächt römische Weise d. h. in der Sprache des Siegers und Beherrschers das Wort führt. Indessen ist es doch auch so, namentlich mit Hülfe der monumentalen Ueberlieferungen und der ausgezeichneten linguistischen und antiquarischen Untersuchungen, zu welchen diese Reste neuerdings Veranlassung gegeben haben, noch immer möglich, von den meisten Göttern des einheimischen römischen Glaubens ihren Ursprung 6 und ihre Ausbreitung bei jenen Stammvölkern nachzuweisen: auf welchem Wege also das Römische aufhört etwas blos Römisches zu sein, vielmehr als der fortlebende Trieb eines älteren Volksthums erscheint, welches wir sogar in vielen Fällen noch weiter, nehmlich bis zu seiner organischen Verzweigung mit dem Glauben und der Sprache der andern verwandten Völker verfolgen können. Um so nothwendiger ist es gleich hier den ganzen geographischen und ethnographischen Complex dieser altitalischen, den Römern näher oder entfernter verwandten Bevölkerung ins Auge zu fassen. Ihre nächsten Verwandten waren bekanntlich die Latiner, von welchen die Römer ihre Sprache bekommen haben und mit denen sie auch die meisten Götter und Sagen gemein hatten, daher wir oft auf sie zurückkommen werden. Hier sei nur bemerkt, daß sie selbst als Volk sich von sogenannten Aboriginern d. h. mythischen Ursprungsmenschen ableiteten, die in der Gegend von Reate ansässig gewesen und von dort durch die Sabiner vertrieben sein sollen; worauf sie sich am Anio abwärts nach Tibur und Latium gezogen und hier die ältere Bevölkerung der Sikeler vertrieben haben wollten, welche letztere von Italien nach Sicilien übersiedelnd dieser Insel den Namen gab. Seitdem bewohnten die Latiner das nach ihnen benannte Latium in vielen meist verbündeten Städten, welche früher in Alba Longa, später in Rom ihre Hauptstadt, im Jupiter Latiar ihren Bundesgott verehrten, und einen eigenthümlichen, von den übrigen italischen Stammsprachen verschiedenen Dialekt redeten, denselben, welcher später durch die Macht und Bildung der Römer zur lateinischen Litteratursprache geworden ist. Die südlichen Nachbarn der Latiner waren die Volsker, die Verwandten und Nachbarn der Aurunker und Ausoner, welche letztere den älteren Griechen am besten bekannt waren. Das eigenthümlichste Kernvolk der Mitte waren dagegen die Sabiner, welche nächst den Latinern am meisten Einfluß auf den Glauben und die Sitte der Römer ausgeübt haben. Für ihren ältesten Wohnsitz galt die Hochebne von Amiternum am obern Laufe des Aternus, wo der göttliche Sancus ihr erster König gewesen war und sein Sohn Sabus, nach welchem sich der Stamm nannte, sie zuerst den Acker bauen und die Rebe pflanzen gelehrt hatte. Viele kleinere Völker sind von derselben Gegend ausgegangen: die Picenter, indem sie über das Hochgebirge an das adriatische Meer von Ancona bis Hadria rückten, die Vestiner und Marruciner, welche sich zu beiden Seiten des untern Aternus an 7 demselben Meere ausgebreitet hatten, die Peligner, welche sich in der schönen Ebne von Corfinium behaupteten, endlich die tapfern Marser, welche sich rings um den Fuciner See angesiedelt hatten. Der alte Hauptstamm der Sabiner aber hatte sich im Laufe der Jahre immer weiter nach Westen bis in die Gegend von Rom hinabgezogen, indem sie von Amiternum aus sich zunächst der Gegend von Reate bemächtigten und darauf den Latinern nachrückend bis an den obern Anio und den Tiber vordrangen, wo sie in Cures, der zweiten Metropole Roms, einen neuen Mittelpunkt ihres Stammlebens gewonnen hatten. Nördlich von den Sabinern war der Apennin und seine Abhänge nach beiden Seiten von den Umbrern bewohnt, deren Gebiet bis nach Ariminum und an den Rubicon reichte und durch den obern Lauf des Tiber bei Perugia und Cortona von Etrurien geschieden wurden. Einst hatten sie auch Cortona und einen großen Theil von Etrurien besessen; ja es waren auch nach ihrem Abzuge aus diesem Lande große Haufen von ihnen als abhängige Bevölkerung zurückgeblieben, so daß von ihnen die häufigen Spuren eines altitalischen Stammlebens abgeleitet werden dürfen, welche sich unter den sonst nicht zu der indigenen Bevölkerung Italiens gehörigen Etruskern nachweisen lassen. Bei den römischen Geschichtsschreibern galten die Umbrer für das älteste Volk von Italien; jedenfalls mögen sie als nördlichstes Glied seiner Kernbevölkerung auch ihre Sitze und die angestammte Art am längsten behauptet haben. Südlich von den Sabinern und jenen kleineren Stämmen sabinischer Abkunft wohnten die ihnen gleichfalls verwandten SamniterSamnites (Σαυνι̃ται) ist = Sabnites oder Sabinites, vgl. Varro l. l. VII, 29, Samnites a Sabinis orti. Da die Samniter oskisch redeten, so muß auch die Sprache der Sabiner der oskischen nahe verwandt gewesen sein, vgl. Varro l. l. VII, 28 cascum significat vetus: eius origo Sabina, quae usque radices in Oscam linguam egit. Die Verwandtschaft der Umbrer mit den Sabinern erhellt aus Dionys. H. II, 49., ein mächtiges Volk, welches in vier Cantone getheilt das centrale Hochland des südlichen Italiens inne hatte und von dort sowohl Apulien als Campanien bedrohte. Von ihnen sind wieder westlich die Campaner, südlich die Lucaner ausgegangen, von diesen zuletzt die Bruttier, die drei südlichsten Zweige dieser italischen Stammbevölkerung, welche die in diesen Gegenden angesiedelten Etrusker und Griechen unterwarfen, aber dafür auch auf die ausländische Sitte und Bildung am meisten eingingen. Daß diese Völker alle, von örtlicher und 8 Stammeszersplitterung abgesehen, in den Grundzügen dieselbe Sprache, denselben Glauben, dieselben Sitten hatten, diese Erkenntniß ist eines der wichtigsten Resultate der neueren Sprach- und Alterthumsforschung, welche die Kunst der Linguistik, eine der anziehendsten Wissenschaften unsrer Zeit, auch auf die Reste der umbrischen und oskischen Sprache mit lohnendem Erfolge angewendet hat. Was den Götterglauben dieser Völker betrifft, so führt auch hier die Forschung zu demselben Resultate, indem man überall denselben mythologischen Grundbegriffen und gewissen Göttern begegnet, welche dem gesammten Italien in demselben Sinne gemein waren, wie Zeus, Hera, Athena, Apollo, Artemis u. s. w. die Götter von ganz Griechenland waren. Namentlich gehören dahin Jupiter, Juno und Minerva, die höchsten himmlischen Götter, der Wald-, Frühlings- und Kriegsgott Mars mit seiner gleichartigen Umgebung der Faune und Silvane und verwandten weiblichen Göttinnen, eine innige Verehrung der Elementarkräfte des Wassers und des Feuers, der Sonne und des Mondes, des nährenden Erdbodens und der Verstorbnen, endlich vieler örtlichen Geister und Genien, auch gewisser Frucht- und Schicksalsgöttinnen, welche sich zugleich durch Zauber, begeisterte Weissagung und Orakel offenbarten. Auch scheint, wie gesagt, das Vorherrschen des ritualen und priesterlichen Elements im Gottesdienste, die Scheu vor der mythologischen Versinnlichung der Götter, der Mangel an poetischer und epischer Anlage allen diesen Völkern angestammt und gleich eigenthümlich gewesen zu sein.

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