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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 134
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Sol Invictus und die persischen Mithrasmysterien.

Es ist ein Lieblingsgedanke dieses Zeitalters daß es eine höchste göttliche Macht der natürlichen, geistigen und sittlichen Ordnung der Dinge gebe, welche sich sinnlich in der Erscheinung der Sonne darstelle. Daher die Deutung der Götter fast von allen Nationen auf den Sonnengott, des Serapis, des Adonis, des Attis, des syrischen Zeus, des persischen Mithras, des griechischen Apollo u. s. w. Zugleich bekam dieser Glaube eine eigenthümliche politische Wendung dadurch daß die römischen Kaiser ihn sich zu eigen machten, als ob der Kaiser die höchste Macht auf Erden sei wie der Sonnengott am Himmel: ein Glaube welcher in den alten orientalischen Reichen Aegyptens, Mediens und Persiens von jeher geherrscht hatte, in dem römischen Reiche aber, vermuthlich nach dem Vorbilde des damaligen Perserreichs, zuerst durch Aurelian einen bestimmteren Ausdruck bekam. Aurelian war aus Sirmium in der Gegend von Belgrad gebürtig und geringer Herkunft, einer von jenen glücklichen und tüchtigen Generalen, denen das römische Reich zuletzt anheimfiel. Seine Mutter soll Priesterin bei einem Tempel des Sonnengottes in 755 jener Gegend gewesen sein; Aurelian gefiel sich später darin für einen Sohn eben dieses Gottes zu gelten, welcher seine Zukunft früh verkündigt und ihn in allen Gefahren väterlich behütet habe. Sein Bild glaubte er in dem des Sonnengottes einer Schale wiederzuerkennen, die man ihm bei einer Gesandtschaft in Persien überreichte, dergleichen sonst nur von dem Könige der Perser an die römischen Kaiser überreicht zu werden pflegten. Hernach in der entscheidenden Schlacht gegen die Zenobia, welche in der Nähe von Emesa geliefert wurde, soll der Sieg durch eine göttliche Erscheinung gewonnen sein, deren Bild dem Aurelian gleich darauf in dem Tempel des Elagabal zu Emesa begegneteFlav. Vopisc. Aurelian 5. 25.. Daher seine große und freigebige Fürsorge sowohl für diesen Tempel, den er von neuem baute und mit kostbaren Weihgeschenken überhäufte, als für den Sonnentempel in Palmyra; daher die Stiftung eines neuen Sonnencultus in Rom. Auch hier war der Tempel ein sehr großer und prächtiger; wahrscheinlich haben sich die zu dieser Anlage gehörigen Gebäude vom Garten Colonna am Quirinal bis zu der darunter gelegenen Piazza S. S. Apostoli hinuntergezogen. Er war nach orientalischem Geschmack decorirt und in seinem Innern mit vielen Bildern, Gemälden, Teppichen, kostbaren Gewändern, namentlich aber mit den Spolien Palmyras verziert; das Bild des Sonnengottes scheint ein doppeltes gewesen zu sein, sowohl das des syrischen Baal, wie es ihm bei Emesa erschienen war, als das des gewöhnlichen Helios oder SolZosimus I, 61 ‛Ηλίου τε καὶ Βήλου καθιδρύσας αγάλματα. Ueber die Lage des T. s. Becker Handb. I S. 587 ff., meine Regionen S. 137. Es wurden von Aurelian für diesen Dienst eigne Pontifices Solis eingesetzt, im Gegensatze zu welchen sich die älteren Pontifices maiores oder Pontifices Vestae nannten, s. Marquardt IV S. 92 und 195. d. h. des Wagenlenkers mit dem strahlenden Haupte, wie er auf den Münzen der römischen Kaiser von Commodus bis ConstantinS. bei F. Lajard introd. à l'étude du culte etc. de Mithra pl. CII. Von den Münzen Aurelians s. Eckhel D. N. VII p. 482 sqq. als Sinnbild der höchsten Weltmacht und Schutzgott des Kaisers sehr oft erscheint. Auch die Münzen Aurelians sind reich an Beziehungen zu diesem Gotte; sie nennen ihn bald mit seinem gewöhnlichen Namen Sol Invictus bald Dominus Imperii Romani d. h. den eigentlichen und göttlichen Herrn und Vorsteher des römischen Reichs, während Aurelian selbst sich auf denselben Münzen nennt Deus et Dominus natus Aurelianus Augustus oder Restitutor Orbis, Restitutor Orientis u. s. w., also gleichsam für 756 den incarnirten Sonnengott, der auf Erden Ordnung schafft, gehalten wissen wollteNoch ehe er Kaiser wurde, soll Aurelian, als Valerian ihn wegen seiner Dienste gegen die Gothen auszeichnete, gesagt haben: Dii faciant et deus certus Sol ut et Senatus de me sic iudicet. Flav. Vopisc. 14.. Sol Invictus heißt er als der unbesiegbare, immer von neuem über Nacht und Winter triumphirende Held und König der himmlischen Heerschaaren, den man nach dem Vorbilde der Phönicier und Perser um die Zeit des kürzesten Tages, in Rom am 25. Dec. feierteNach dem Kal. Constant. z. 25. Dec. N(atalis) Invicti. Vgl. Iulian Or. IV p. 156 πρὸ τη̃ς νεομηνίας ευθέως μετὰ τὸν τελευται̃ον του̃ Κρόνου μη̃να ποιου̃μεν ‛Ηλίω τὸν περιφανέστατον αγω̃να, τὴν εορτὴν ‛Ηλίω καταφημίσαντες ’Ανικήτω. Nach Julian folgte dieses Fest (τὰ ‛Ήλια) unmittelbar auf die Saturnalien. Derselbe spricht ib. p. 155 von tetraeterischen Spielen, άγομεν ‛Ηλίω τετραετηρικοὺς αγω̃νας. Nach dem Chronogr. v. J. 354 und Hieronymus stiftete Aurelian den ersten agon Solis in Rom. Der Zeit nach entspricht jenem Feste des Sol Invictus das Fest des Mithras bei den Persern und das der έγερσισ ‛Ηρακλέους in Tyrus.. Unter Diocletian erlebte diese abstracte Reichs-Sonnenreligion ihre höchste Blüthe und selbst Constantin scheint trotz seines Anflugs von christlichem Glauben im Wesentlichen diesem politisch wohlberechneten Glauben an den Sol Invictus, den Gott der Götter, den König der Könige anhängig geblieben zu sein, bis Julian ihm noch einmal in seiner merkwürdigen Rede auf den Sonnenkönig, wo er sich selbst den stellvertretenden Diener dieses höchsten Königs nenntOr. IV p. 130 ed. Spanh. καὶ γάρ ειμι του̃ βασιλέως οπαδὸς ‛Ηλίου. In Dresden sah man am 19. Mai 1812, ehe Napoleon nach Rußland aufbrach, im Theater einen Sonnentempel mit der Inschrift: »Weniger groß und glänzend als Er ist die Sonne«., zu empfehlen wagte.

Neben diesem kaiserlichen und abstracteren Sonnencultus fehlte es nicht an populären Formen desselben Glaubens, welche auf dem Wege des Aberglaubens und einer geheimen Weihe demselben Zuge des Zeitalters entgegenkamen; in welcher Hinsicht die weit verbreiteten Mithrasmysterien von besonderm Interesse sind. Sie sind altpersischen Ursprungs, hatten sich aber im Laufe der Zeit, wie alle diese Gottesdienste, durch Synkretismus und Ueberhäufung mit Symbolik und Ascetik sehr verändert. Mitra oder Mithra ist ein altarischer Gott des Lichts, den auch die Hymnen der Veda's kennen. In dem an ihn gerichteten Hymnus der Zendavesta ist er die höchste Macht des geschaffenen Lichtes, welche zugleich eine physikalische und eine moralische Bedeutung hat, die des allsehenden, allgegenwärtigen, Alles 757 durchdringenden Geistes, und die der personificirten Wahrheit und Treue, des Wahrers von allem Verkehr unter den Menschen, des Schutzes aller Armen und Unterdrückten. Zugleich ist er ein König über alle Geister, die er durch Nacht und Tod zur Unsterblichkeit führt, auch ein streitender Held und Gegner aller finstern Dämonen, daher er als Krieger auf gewaltigem Schlachtwagen, mit goldenem Helm und silbernen Panzer, mit einem Gefolge von verwandten Genien des Lichtes und der Wahrheit einherfahrend gedacht wurdeF. Windischmann, Mithra, ein Beitrag zur Mythengesch. des Orients, Lpz. 1857 (Abh. der D. Morgenl. Ges.). Aus andern Quellen des persischen Alterthums wissen wir daß auf Erden speciell die Könige ein Bild und eifrige Verehrer des Mithras waren, wie sie denn auch gewöhnlich bei ihm schwurenXenoph. Cyrop. VII, 5, 53, Oecon. IV, 24, Plutarch Artax. 4 und die wichtige Stelle bei Plut. Alex. 30, wo Darius zu einem Eunuchen sagt, ει μὴ καὶ σὺ μετὰ τη̃ς Περσω̃ν τύχης μακεδονίζεις, αλλ' έτι δεσπότης εγὼ Δαρει̃ος, ειπέ μοι σεβόμενος Μίθρου τε φω̃ς μέγα καὶ δεξιάν βασίλειον., ferner daß um die Zeit des kürzesten Tags, wo auch wir das neue Jahr feiern, ein Mithrasfest begangen wurde, bei welchem wieder die Könige besonders hervortratenAthen. X p. 434 D, Strabo XI p. 530. und welches sich noch jetzt bei den Persern in dem sechstägigen Feste Mihragân behauptet hat. Es lag also sehr nahe ihn mit dem über Nacht und Winter triumphirenden Sonnengotte zu identificiren, wie dieses später wirklich geschahStrabo XV p. 732, Plut. Is. et Os. 46, vgl. Hesych. Μίθρας ο ήλιος παρὰ Πέρσαις und Μίθρας ο πρω̃τος εν Πέρσαις θεός., wo man ihn deshalb auch den Mittler nannte d. h. den Mittler zwischen Licht und Finsterniß, Ormuzd und Ariman. In der allgemeinen Gährung und Vermischung der Religionssysteme, zu welcher erst das Persische Reich, dann das Alexanders d. Gr. und der Diadochen Veranlassung gab, mag sich aus solchen Anfängen der mystische Dienst und Bilderkreis des Mithras ergeben haben, wie wir ihn aus den späteren Schriftstellern und Denkmälern kennen. In der hellenistischen Culturperiode läßt sich sein Name von Syrien bis nach Athen und der Insel Thera nachweisenS. meine Abh. über Oropos, Leipz. Berichte 1852 S. 186., während die Könige von persischer Abkunft, die des Pontus und später die der Parther, sich oft nach ihm benennen und die indisch griechischen und indisch scythischen Münzen des bactrischen Reichs unter andern Göttern auch den Mithras als Sonnengott zeigen, eine 758 Gestalt in orientalischen Gewändern, die nun schon sehr an den Mithras der gewöhnlichen Denkmäler erinnertO. Müller in den Gött. Gel. Anz. 1838 n. 24 S. 229 ff. und danach Creuzer z. Archäol. 2 S. 295 ff. Die buddhistische Toleranz hat diesen nach Indien verpflanzten Mithrascultus auch später begünstigt, s. A. Weber indische Skizzen S. 103 ff. Auch der Deus Lunus auf dem zu Boden gestreckten Stiere auf einem Votivrelief aus Koula in Phrygien bei Texier Asie Mineure I. 51. 52 ist eine dem Mithras verwandte Gestalt.. Ist der Höhlencultus des Mithras wirklich in Persien entstanden, wie alte Schriftsteller versichernEubulus b. Porphyr. de antr. Nymph. 6, vgl. Celsus bei Orig. c. Cels. VI p. 290 Spencer. Eubulus wird als ein Schriftsteller, welcher »die Geschichte des Mithras« in mehreren Büchern beschrieben habe, auch bei Porphyr. de Abstin. IV, 16 und bei Hieronym. adv. Iovin. II, 14 citirt. Außer ihm hatte Pallas über die Mithrasmysterien geschrieben, jedenfalls vor Hadrian, s. Porphyr. de abstin. II, 56., so würde auch die Weihe des Mithras ein Product des dortigen Priesterthums sein, denn beide, diese Weihe und jene Höhle, hängen aufs engste zusammen. In der römischen Welt wurde dieser neue Gottesdienst zuerst zur Zeit des Pompejus bei den Seeräubern bemerkt, welche ihre Plünderungen über das ganze mittelländische Meer ausgebreitet hatten. Sie sollen von Cilicien her, wo ihre Heimath war und Tarsos auch später ein Mittelpunkt des Mithrasdienstes blieb, diesen Cultus zuerst dem Abendlande mitgetheilt habenPlut. Pompei. 24 und die M. des Gordian aus Tarsos bei Lajard t. CII n. 13.. Daß er sich zwischen dem ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. bereits in Rom festgesetzt hatte, beweisen die römischen Mithrasdenkmäler, unter welchen verschiedene von recht guter Arbeit sindUnter den Dichtern spielt zuerst Statius unter Domitian auf den Mithrasdienst an, Theb. I, 716 ff.. Unter Hadrian und den Antoninen scheint er vollends in Schwung gekommen zu sein, obgleich diese Weihe unter den zahlreichen Geheimdiensten der Art wegen ihres barbarischen Ursprungs und ihrer rohen und überladenen Symbolik eine der am wenigsten geachteten warOrigines c. Cels. VI p. 290 macht es seinem Gegner zum Vorwurf daß er nicht die Eleusinien oder sonst bei den Griechen angesehene Mysterien mit dem Christenthum verglichen habe, sondern die persischen Mithrasmysterien, eine αίρεσις ασημοτάτη. Bis Hadrian scheinen in diesen Mysterien sogar Menschenopfer herkömmlich gewesen zu sein, s. Porphyr. de abstin. II, 56, Ael. Lamprid. Commod. 9.. Erst unter der Militärdespotie des Septimius Severus und seiner Söhne gehörte dieser Cultus zu denen der Domus AugustaS. die Inschr. bei Marini Atti Arv. p. 529 u. Or. n. 2350. und immer scheinen nach den 759 erhaltenen Denkmälern zu urtheilen die römischen Legionen eine besondre Vorliebe für ihn gehabt zu haben. Ueberdies brachte es der letzte und schon verzweifelte Kampf des Heidenthums mit dem Christenthume mit sich daß die Anhänger von jenem sich vorzüglich solchen Mysterien anschlossen, welche mit dem Christenthum eine gewisse äußere Aehnlichkeit und auch wohl manche Gebräuche, z. B. die Taufe, eine Art Abendmahl, das Bild der AuferstehungIustin. M. Apol. I, 66, Tertull. d. Baptism. 5, De praescr. Haeret. 40., von dort entlehnt hatten. Gewiß ist daß »die schwarzen Mithrashöhlen«, deren noch der christliche Dichter Paulinus von Nola zu Anfang des 5. Jahrh. gedenkt, sich in Rom, Constantinopel und Alexandrien unter den letzten Agonieen des Heidenthums behauptet hatten.

Eben jene zahlreichen Denkmäler der Mithrasmysterien, welche entweder in solchen Höhlen wirklich gefunden sind oder eine gleiche Cultusstätte voraussetzen lassen, sind zugleich die wichtigsten Quellen unsrer Kenntniß von denselben. Sie haben sich sowohl im südlichen Italien gefundenMommsen I. N. n. 3574. 5705. 5706. 5941. als in Rom, wo es wenigstens zwei Mithrashöhlen gab, und in Ostia, ferner im nördlichen Italien, in Tyrol, in der Gegend von Wien, in Siebenbürgen, hin und wieder am Neckar und am Rhein, auch im südlichen Frankreich in der Gegend von Vienne und Lyon, endlich in England und in Numidien: so daß wir also hier noch einmal einem durch den ganzen romanischen Occident verbreiteten Gottesdienste begegnenEine Uebersicht über sämmtliche Denkmäler giebt Zoëga Abhandlungen S. 146 ff., 394 ff., vgl. Bassir. t. 58 T. II p. 14–31, eine Sammlung der Bilder F. Lajard introduction à l'étude du culte public et des mystères de Mithra P. 1847 pl. LXXIV sqq. Außerdem sind zu vergleichen Mémoire sur le culte de Mithra par Jos. de Hammer publié par I. Spencer Smith P. 1833 und Creuzer über das Mithreum von Neuenheim bei Heidelberg 1838. D. Schrr. II, 2, 279 ff. Die wichtigsten Inschriften bei Orelli-Henzen n. 1908 ff., 2340 ff., 5844 ff., 6038 ff.. Fassen wir die wichtigsten Thatsachen dieser Bildwerke und Denkmäler zusammen, so ist Mithras immer die Hauptfigur, eine jugendliche Erscheinung in dem nationalen Anzuge der Meder, Perser und ArmenierLucian Göttervers. 9 ο Μίθρης εκει̃νος ο Μη̃δος, ο τὸν κάνδυν καὶ τὴν τιάραν, ουδὲ ελληνίζων τη̃ φωνη̃. Vgl. Iup. Tragoed. 8, Zoëga a. a. O. S. 152, Creuzer z. Archäol. 2 S. 314.. Seine Bedeutung ist die des Sonnengottes, speciell des Sol Invictus d. h. des streitenden, aus dem Kampfe mit den Mächten der Finsterniß immer von neuem 760 siegreich hervorgehendenBald heißt es in diesen Dedicationen Soli Invicto, bald Soli Invicto Mithrae, bald schlechthin Invicto, auch Deo Soli oder Numini Invicto Soli Mithrae. Vgl. C. I. Gr. n. 6008 ff. aus Rom, wo u. a. ‛Ηλίω Μίθρα.. Eben deshalb ist er als ein Kämpfender und Ueberwindender dargestellt, nehmlich in dem Augenblicke wo er mit seinem Dolch einen Stier niederbohrt, welcher nach seiner äußerlichen Auffassung und Gruppirung genau dem Opferstiere der Siegesgöttin (Νίκη βουθυτου̃σα), einer beliebten Gruppe der älteren griechischen Kunst entspricht. Ueber die Bedeutung dieses Stieropfers ist eben so wenig ins Klare zu kommen wie über die der phrygischen Taurobolien, welche sich mit den Mithrasmysterien mannichfach berühren, und die jener alten symbolischen Darstellung des den Stier überwindenden Löwen, von welcher Gruppe die orientalische Symbolik so oft Gebrauch macht, u. a. an der Treppe des Palastes von Persepolis. Höchst wahrscheinlich bedeutet der Löwe so gut wie Mithras die SonneMithras erscheint hin und wieder selbst als Löwe oder mit einem Löwenkopf, s. Welcker z. Zoëga S. 412, Creuzer a. a. O. S. 296 Anm., der Stier vermuthlich die der himmlischen Natur der Sonne und des Lichtes entgegengesetzte und widerstrebende irdische Natur mit ihrer fruchttragenden KraftDaher der Schwanz des Mithrasstiers auf den Denkmälern in einen Büschel Aehren ausgeht, was an den kosmischen Urstier des Bundehesch erinnert, der aber doch sonst nicht gemeint sein kann, vgl. Zoëga S. 123. Mithras selbst wird hin und wieder βουκλόπος und abactor boum genannt, Porphyr d. antr. nymph. 18, Iul. Finn. 5 p. 6 B., was an den Raub der Sonnenrinder und den Kampf um dieselben erinnert und zu einer andern Deutung führen könnte, vgl. Windischmann a. a. O. S. 65., aber auch mit ihrem wilden Stürmen und Fluthen, welches von dem Sonnengotte, dem Vater und Schöpfer aller Dinge, erst überwunden werden muß, ehe Ordnung und Erlösung in die Welt kommt. Daher der Kampf in der Höhle, welche so wesentlich der Schauplatz dieses Kampfes und der Mithrasweihe ist, daß auch sein Heiligthum immer eine Höhle (σπήλαιον, spelaeum) sein mußte, doch wohl als Sinnbild des Dunkels aus welchem er immer von neuem hervortritt um der Welt zu leuchten und sie zu beherrschen. Daher Mithras in diesen Diensten selbst als ο εκ πέτρας, der aus dem Felsen, aus der tiefen Bergschlucht Geborne angerufenIustin. M. dial. c. Tryph. 70 όταν δὲ οι τὰ του̃ Μίθρου μυστήρια παραδιδόντες λέγωσιν εκ πέτρας γεγενη̃σθαι αυτὸν καὶ σπήλαιον καλω̃σι τὸν τόπον, ένθα μυει̃ν τοὺς πειθομένους αυτω̃ παραδιδου̃σιν etc. Daher der θεὸς εκ πέτρας b. Iul. Firm. 20 u. A. In einer zu Carnuntum entdeckten Mithrashöhle fanden sich sechs Altäre, von denen die meisten Deo Invicto oder D. I. Mithrae, einer aber Petrae Genitrici dedicirt war. und auch der Zeit nach sein Triumph in die 761 Jahresepoche verlegt wurde, wo das Licht den Sieg über die Finsterniß gewinnt, entweder in die des neuen Jahres oder in die der Frühlings-Tag- und NachtgleichePorphyr. d. antr. Nymph. 24 τω̃ μὲν ου̃ν Μίθρα οικείαν καθέδραν τὴν μετὰ τὰς ισημερίας υπέταξαν κτλ., wo die Perser ihr Newruz d. h. den neuen Tag (den älteren Jahresanfang im März) feiern; wie denn auch die Einweihung in die Mithrasmysterien den vorhandnen Denkmälern zufolge gewöhnlich in dieser Jahreszeit vorgenommen wurde, entweder im März oder im April. Auch passen zu dieser Auffassung die übrigen Figuren, mit welchen die Hauptgruppe auf den Mithrasdenkmälern umgeben ist, namentlich die beiden kleineren, wie Mithras gekleideten Gestalten mit gehobener und gesenkter Fackel, welche Auf- und Untergang bedeuten, wie oben in den Ecken die Brustbilder von Sol und Luna. Dagegen sind andere Gleichnisse wieder schwer verständlich, besonders die vielen Thiere, zahme und wilde, reine und unreine, welche bei dem Stieropfer zugegen sind und zum Theil von seinem Blute kosten; vielleicht sollen sie die verschiedenen Arten und Geschlechter der irdischen Natur ausdrücken, welche wie diese vergänglich, sündhaft und der Erlösung bedürftig sind. Jedenfalls hatte sowohl das Stieropfer der Mithrasmysterien als das der Taurobolien die Bedeutung eines Sühnopfers, wie dieses auch hin und wieder durch eine Inschrift ausdrücklich angedeutet wirdSo liest man auf einem dieser Bildwerke, welches aus dem Capitolinischen Mithreum mit der Borghesischen Sammlung in den Louvre gekommen ist, bei Lajard pl. LXXV, an der Stelle wo Mithras sein Messer in den Leib des Stiers stößt und das Blut hervordringt, nach welchem der Hund begierig leckt, die Worte NAMA SEBESIO d. i. να̃μα σεβήσιον für σεβάσμιον, vgl. Zoëga a. a. O. S. 142. 157. 402, Welcker S. 399 ff. Eine andre Dedicationsinschrift endigt mit den Worten: Nama cunctis d. i. das für Alle vergossene Blut.. Andre Bilder, welche bei einigen Mithrasdenkmälern die innere Tafel mit dem Stieropfer wie eine Einfassung umgebenSo besonders die Mithrasdenkmäler von Neuenheim bei Heidelberg und Heddernheim im Nassauischen b. Lajard pl. XC–XCII., scheinen die Geschichte des Mithras und des Stieres weiter auszuführen, hin und wieder auch die verschiedenen Grade der Einweihung anzudeuten. Wieder andre zeigen den Mithras auf dem niedergeworfenen Stiere stehendLajard pl. LXXIV.. Noch andre fügen der gewöhnlichen Vorstellung die 762 Figur des Aeon hinzu, welche in einigen Mithreen auch als besondre Statue gefunden wurde und jedenfalls mit zu ihrem Bilderkreise gehörte: eine abenteuerliche, aus thierischen und menschlichen Gliedern zusammengesetzte und mit vielen Attributen beladene Figur, welche schon ganz im Geschmack des spätesten Heidenthums eine Anschauung von der ewigen Zeit, dem persischen Uranfange der Dinge geben sollteZoëga S. 185 ff., Bassir. s. T. II t. 59 p. 32–40, Lajard pl. LXX–LXXIII..

Was wir sonst noch von diesen Mysterien erfahren, theils durch die vorhandnen Inschriften theils aus andern Quellen, betrifft meist die Prüfungen und ascetischen Uebungen, welche der Weihe überhaupt oder den verschiedenen Graden derselben vorhergingen, oder diese Grade selbst oder endlich die Bedeutung derselben. Der Prüfungen, welche vor der Einweihung zu bestehen waren, sollen achtzig gewesen sein, eine Stufenfolge von leichteren zu immer schwereren Uebungen, in denen der Einzuweihende Muth und Seelenstärke beweisen und sich durch Buße zur heiligen Handlung vorbereiten sollte. So die Aufgabe durchs Feuer zu gehn, starken Frost, Hunger und Durst auszuhalten, mehrere Tage zu wandern oder zu schwimmen, in der Wüste zu fasten u. dgl. m.Suid. v. Μίθρον, Gregor Naz. in Iulian I p. 37 ed. Montagu, Eton 1610 und Nonnus z. dems. ib. p. 132, Eudocia p. 291.. Endlich folgte die Weihe in verschiedenen Graden, von denen wir meist nur die Namen kennen, welche bald an die symbolischen Thiere der Mithrasbilder erinnern bald zur Voraussetzung andrer Symbole anleitenPorphyr. de Abstin. IV, 16, Hieronym. ad Laetam ep. 7: Zerstört sei die Mithrashöhle et omnia portentuosa simulacra, quibus corax, niphus (l. cryphius), miles, leo, Perses, Helios Bromius (l. Heliodromus), Pater initiantur. Vgl. die Inschriften b. Or. n. 2343. 2345. 2346 und die im Bullet. dell' Inst. Archeol. 1854 p. XXII sq. zusammengestellten.. So hieß der erste Grad der der Raben (κόρακες, die Weihe κορακικά), dann folgte ein Grad der κρύφιοι d. i. der Geheimen, welchen wie es scheint gewisse Bilder geheimer Gottheiten (τω̃ν θεω̃ν κρυφίων) gezeigt wurden, dann der der Streiter (milites), welche in der Mithrashöhle ein Schwerdt und mit demselben einen Kranz bekamen, den sie erst aufs Haupt setzen, dann wieder von demselben herunterstoßen mußten mit den Worten, Mithras sei ihr einziger KranzDaher der Mithrasdiener daran zu erkennen war, daß er nie bekränzt erschien, Tertull. de corona 15.. Weiter folgte die Stufe der Löwen oder 763 Löwinnen (leones, λέαιναι, λεοντικά), denn auch in diese Mysterien konnten sowohl Männer als Frauen eingeweiht werden: bei welcher Weihe namentlich auf Reinheit und Heiligung gedrungen wurde, immer in symbolischen HandlungenTertull. adv. Marcion. I, 13, Porphyr de antr. Nymph. 15. 17.. Von diesem Grade gelangte man weiter zu dem des Persers oder Perseus (Persei, Persica, Gradus Persicus), darauf zu dem eines Sonnenläufers (‛Ηλιοδρόμος, ‛Ηλιακά), endlich zu dem höchsten und letzten eines Vaters (Pater, Πατρικά), welcher Name vermuthlich dem des Vater Mithras entsprichtDie Väter wurden auch Adler und Falken genannt, αετοὶ καὶ ιέρακες, Porphyr de Abstin. IV, 16, wohl in der Bedeutung solcher Thiere, welche mit scharfem Blick und kühnem Fluge der Sonne am nächsten kommen.. Jedem Grade scheint überdies eine eigne corporative Verfassung entsprochen zu haben und die untern Stufen den obern dergestalt untergeben gewesen zu sein, daß das Ganze dadurch eine in sich zusammenhängende hierarchische Verfassung bekamJeder Grad hatte seinen Obern oder Pater, daher gelegentlich in einer Inschrift (Bullet. d. Inst. l. c, Henzen z. Or. n. 6042 h) ein pater leonum erwähnt wird und in einer andern (Or. n. 2335) ein hierocorax. Alle standen unter dem Pater Patrum Dei Solis Invicti Mithrae, Or. n. 2352. Ein Vater des Mithras mußte eidlich geloben sich in keine andre Mysterien einweihen zu lassen, welches Gelübde aber in den letzten Zeiten des Heidenthums nicht selten unbeachtet blieb, s. Eunap. Vit. Philos. p. 52 ed. Boisson., Or. n. 2351–2353.. Mochte dieses in einer so zerrissenen Zeit für Viele eine Anziehung sein, so ließen sich Andre durch die Verheißung höherer Aufschlüsse, oder eines besondern Trostes für dieses und jenes Leben, oder endlich durch abergläubische Hülfs- und Heilmittel des Leibes und der Seele anlocken, welche diese und andre Mysterien ihren Eingeweiheten zu überliefern pflegten. Wenigstens deuten die späteren Schriftsteller, wenn sie von dieser Weihe sprechen, auf einen verschiedenartigen Inhalt, einige auf die Lehre von der SeelenwanderungPorphyr de Abstin. l. c., andre auf eine Erkenntniß des kosmischen und siderischen WeltzusammenhangsPorphyr de antr. Nymph. 6, Celsus b. Orig. c. Cels. VI p. 290. Nach Iul. Firm. 5 war Mithras nicht sowohl der Gott der Sonne als des Feuers, nach der Lehre der Magier der höchsten kosmischen Elementarkraft. Auch wurde nach dems. neben Mithras vorzüglich Hekate als weibliche Feuer d. h. als Mondgöttin in diesen Mysterien gefeiert., noch andre auf allgemeine religiöse Beruhigung für das Leben und den TodIulian Caesares p. 336 Spanh.. 764 Mithras selbst aber wird in verschiednen Inschriften mit besondrer Betonung der Unbegreifliche (indeprehensibilis), der Allmächtige (omnipotens), der Große (magnus) genanntVgl. die Reliefs b. Lajard pl. LXXX, LXXXIII, LXXXVIII., während die Schriftsteller ihn als Herrn und Schöpfer aller Dinge, als Vater und Anfang alles Lebens, alles Heils preisenPorphyr. d. antr. N. 24 δημιουργὸς ών ο Μίθρας καὶ γενέσεως δεσπότης. Nicht selten sind aber auch die Einweihungen pro salute Augusti oder andrer Personen, auch die nach wiederhergestellter Gesundheit, s. Or. n. 2341. 2344.2348. Allerlei abwendende Mittel, Hülfe gegen den bösen Blick u. s. w. s. O. Jahn t. III S. 96., so daß wir auch in ihm eine jener pantheistischen Göttergestalten des absterbenden Heidenthums erkennen dürfen. Auch wurde mit der Zeit nicht allein die Weihe der Taurobolien und die des Mithras oft verbundenOr. n. 2351–2353, Henzen n. 6040. 6041., sondern auch der Begriff des Mithras mit dem der verwandten Götter andrer Religionskreise, des alexandrinischen Serapis, des syrischen und babylonischen Baal, des griechischen Apollo verschmolzenNonnus Dionys. XL, 399 ff., Claudian de laude Stilic. I, 59, Serv. V. A. I, 343. 642. Auf eine nahe Verwandtschaft der babylonischen Superstition mit der der Mithrasmysterien deutet auch Lucian Menipp. 6..

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