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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 121
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1. Symptome des Verfalls der älteren römischen Staatsreligion.

a. Die Unterdrückung der Bacchanalien im Jahre 186 v. Chr.

Schon früher hatten sich hin und wieder mystische und fanatische Sacra ausländischen Ursprungs in Rom eingeschlichen. Die Griechen im südlichen Italien, die Etrusker im Norden waren immer reich an solchem Aberglauben: in Zeiten schwerer Bedrängniß, wenn entweder der Staat litt oder eine schwere Pestilenz das Leben von Tausenden fraß, drangen sie wohl auch nach Rom, wo man aber in den älteren Zeiten immer sehr kurzen Proceß mit ihnen machte. So weiß Livius IV, 30 schon im J. 327 d. St., 427 v. Chr., wo der lange Krieg mit Veji begann 715 und außerordentliche Dürre des Jahrs eine schlimme Seuche zur Folge hatte, von einer Invasion ausländischer Sühnungen und Weissagungen, welche durch die ganze Stadt beim gemeinen Mann und zuletzt selbst bei den höheren Ständen Anklang fanden, dann aber vom Senate mit der Weisung unterdrückt wurden, daß keine andern Götter als die römischen verehrt und kein andrer Ritus als der von Alters herkömmliche geduldet werden solle. Ja diese Fälle wiederholten sich im weitern Verlaufe der Stadtgeschichte so oft, daß auf dieselbe Weise häufig eingeschritten werden mußteLiv. XXXIX, 16, 8 Quoties hoc patrum maiorumque aetate negotium est magistratibus datum, ut sacra externa fieri vetarent? sacrificulos vatesque Foro, Circo, Urbe prohiberent? vaticinos libros conquirerent comburerentque? omnem disciplinam sacrificandi praeter quam more Romano abolerent?. Indessen waren es früher nur einzelne Gebräuche und einzelne Winkelpriester dieser lichtscheuen Religionsübung gewesen welche sich bis nach Rom gewagt hatten; jetzt aber, in den Bacchanalien, trat der Aberglaube zum erstenmale als ganzes System eines religiösen Bekenntnisses auf, das auf einem neuen, der Sittlichkeit und dem alten Götterglauben gleich gefährlichen Princip beruhte. Die Form war die der griechischen Mysterien, aber nicht die einfachere und reinere der in Griechenland öffentlich anerkannten z. B. der attischen Eleusinien, welche von jeher auch den Gebildeten und unter ihnen selbst den Edelsten theuer waren, sondern die ausgeartete eines eben so fanatischen als unsittlichen Aberglaubens, wie wir sie in Athen seit der Zeit des peloponnesischen Kriegs durch die Dichter der älteren attischen Komödie, auch durch Plato, Euripides und Theophrast kennen und im Allgemeinen auf die Orphiker und andre separatistische Religionsvereine zurückführen können. Immer hatte sich dieser Aberglaube mit besondrer Vorliebe dem bacchischen Kreise mit seiner doppelsinnigen Allegorie und seinen maaßlos ausschweifenden Gebräuchen angeschlossen. Neben dem einfacheren Dienste des Gottes der Weinberge und der Weinlese gab es nehmlich einen andern, den fanatisch-mystischen Bacchusdienst, welcher sich vorzugsweise mit dem thrakischen und thebanischen Dionysos beschäftigte, dem Sohn der Semele oder der Persephone, dem periodisch unterliegenden und wiederauflebenden Symbole des Naturlebens, dessen Feste und Geheimdienst meist bei Nacht und von Frauen in der höchsten sinnlichen Aufregung des religiösen Gefühls begangen wurden. 716 Allerlei ausländischer Aberglaube und verdorbne Philosophie hatte sich hinzugefunden, bis daraus zuletzt eine eigne Geheimreligion geworden war, welche auch in Italien, sowohl in den gräcisirten Gegenden als in Etrurien, ziemlich früh Aufnahme gefunden hatte. Die Gegend von Tarent, wo die Dionysien mit großer Ausgelassenheit gefeiert wurden und wo die Verfolgung der Bacchanalien am längsten dauert, werden wir für einen alten Heerd dieses Uebels halten dürfen; doch wurde Bacchus, der des populären und der des mystischen Glaubens, ja auch sonst in Italien und Sicilien, Apulien, Campanien, Etrurien viel verehrt, so daß es an localen Anknüpfungspunkten nicht gefehlt haben kann. Selbst in Rom war dieser Gottesdienst bereits seit längerer Zeit und zwar ziemlich öffentlich geübt worden, ehe man gegen ihn einschrittLiv. XXXIX, 15, 6 Bacchanalia tota iam pridem Italia et nunc per Urbem etiam multis locis esse non fama modo accepisse vos, sed crepitibus etiam ululatibusque nocturnis, qui personant tota Urbe, certum habeo.. Freilich war er auch hier zuerst in einer unschuldigeren Gestalt aufgetreten, bis er durch den Einfluß einzelner Personen, einer Priesterin aus Campanien und von zwei Brüdern niedrer Geburt aus Rom und zwei Fremden aus Falerii und Campanien, eine so abscheuliche Wendung genommen hatte, wie man endlich im J. 186 zum allgemeinen Entsetzen der Stadt erfahren mußte, s. Liv. XXXIX, 8–18. Ein junger Römer von guter Familie, P. Aebutius , hatte eine Liebschaft mit einer ihm sehr ergebenen Freigelassenen Hispala Fecenia. Sein Stiefvater suchte den Unbequemen mit Hülfe seiner eignen Mutter bei Seite zu schaffen; die Mutter gab in dieser Absicht ein Gelübde vor, in Folge dessen sich der Jüngling in jene Mysterien einweihen lassen müsse. Er spricht davon mit seinem Mädchen, diese erschrickt heftig und bestürmt ihn mit den dringendsten Vorstellungen, sich auf diese Einweihung nicht einzulassen. Sie hatte noch als Sklavin ihre gnädige Frau bei solchen Gelegenheiten begleiten müssen und darüber diese Conventikel kennen und aufs tiefste verabscheuen gelernt. Der junge Mann läßt sich glücklicher Weise abhalten, überwirft sich darüber mit seiner Mutter, nimmt seine Zuflucht zu seiner Tante, einer Dame von alter Zucht, die ihn bestimmt eine Anzeige zu machen. Der Senat und die Consuln griffen die Sache alsbald mit großem Ernste an; das treue Mädchen wurde glänzend belohnt. Das Ergebniß der Untersuchung war in der Kürze folgendes. Ein 717 griechischer Winkelpriester war nach Etrurien gekommen und hatte den bacchischen Geheimdienst dort zuerst in engeren, dann in weiteren Kreisen verbreitet. So war er bis in die Nähe von Rom vorgedrungen, wo der Hain der Stimula d. h. der Semele an der Tibermündung, also bei OstiaLiv. XXXIX, 12, Ovid F. VI, 497, Schol. Juvenal. II, 3, vgl. oben S. 286. Der Name Stimula scheint älteren Ursprungs zu sein, s. S. 581. Später war auch der griechische Name den Römern geläufig, s. Grut. p. 643, 8 Soliario ab luco Semeles, vgl. Or. n. 1491., wo alles ausländische Wesen bei lebhaftem Handelsverkehr leicht Eingang fand, dieser Weihe eine willkommne Stätte darbot. Die Aufnahme geschah nach zehntägiger Enthaltung vom geschlechtlichen Umgang und entsprechenden Waschungen. Anfangs wurden nur Frauen zugelassen, auch wurde die Einweihung nur dreimal im Jahre und zwar bei Tage vorgenommen, und Matronen bekleideten abwechselnd das Priesterthum. Dann aber hatte jene Priesterin aus Campanien unter dem Vorwande göttlicher Eingebung Alles verändert, Männer zugelassen, die Weihe in die Nacht verlegt, statt der dreimaligen Feier in jedem Jahre eine fünfmalige in jedem Monate angeordnet, auf die religiöse Feier wüste Gelage folgen lassen. Seitdem waren diese Orgien zum Deckmantel der schändlichsten Ausschweifung geworden; wer sich nicht preisgeben wollte, wurde durch den Lärm fanatischer Musik betäubt, überwältigt und auf die Seite geschafft. Die Frauen und entartete Männer waren die eifrigsten; beide tobten berauscht am Tiberufer, in wilder Aufregung der Nacht, die Männer in verzückten Tänzen weissagend, die Frauen in dem phantastischen Aufzuge der Mänaden, mit fliegenden Haaren und mit lodernden Fackeln. Es zeigte sich auch hier wie verführerisch, seuchenartig das Laster ist, wenn es die Maske der Scheinheiligkeit vorlegt. Immer zahlreicher wurde die Schaar der Eingeweiheten, unter denen sich auch Töchter und Söhne aus den besten Familien befanden. Man hatte um vorzüglich die Jugend zu fangen zuletzt bestimmt daß Niemand über zwanzig Jahr alt aufgenommen werden sollte; und nicht blos die Feier der Orgien verband die Theilnehmenden zur Uebung des Lasters, sondern es hatten sich unter ihnen beständige Conspirationen gebildet, durch welche zuletzt der gesammte Sitten und Rechtszustand des Staates gefährdet wurde. Vorzüglich dieses politisch Gefährliche des Geheimbundes war für die Obrigkeit der entscheidende Grund zur rücksichtslosen Strenge. Es sollen über 7000 Männer und 718 Frauen bei der Untersuchung betheiligt gewesen sein, die in Rom ihren Anfang nahm und sich allmälich über ganz Italien ausdehnte, wo sie noch in den Jahren 184 und 181 in der Gegend von Tarent und in Apulien mit den letzten Resten dieser Bacchanalien zu thun hatteLiv. XXXIX, 42, XL, 19.. Die blos um die Weihe Wissenden wurden ins Gefängniß gesteckt, die bei den Ausschweifungen der Conventikel und dem Unfug der geheimen Verbindungen Betheiligten, und dieses war die Mehrzahl, wurden hingerichtet. Endlich wurde das bekannte S. C. de Bacchanalibus erlassen, dessen summarischer Inhalt sich in dem Original einer Erztafel, wie sie den Verbündeten von Rom aus zugesendet wurden, erhalten hat. Alle Bacchanalien d. h. bacchischen Mysterien wurden dadurch ein für allemal in Rom und ganz Italien untersagt, mit alleiniger Ausnahme einzelner Localculte und besondrer GewissensbeschwerungDer Senat beauftragt die Consuln, ut omnia Bacchanalia Romae primum, deinde per totam Italiam diruerent extra quam si qua ibi (in einer Stadt Italiens) vetusta ara aut signum consecratum esset. In dem S. C. wird eine Ausnahme unter den angegebenen Bedingungen zugelassen, si quis tale sacrum solemne et necessarium duceret nec sine religione et piaculo id omittere posse. Den Originaltext des S. C. s. b. Göttling funfzehn röm. Urkunden S. 27., in welchen Fällen aber vorher bei dem Stadt-Prätor Anzeige gemacht und von diesem der Senat befragt werden sollte. Wenn der Senat in einer Sitzung von wenigstens 100 Senatoren seine Einwilligung gegeben habe, so sollten an einem solchen Gottesdienste nur höchstens 5 Personen, 2 Männer und 3 Frauen theilnehmen dürfen; auch dürfe zu solchem Zwecke nie eine gemeinschaftliche Kasse gebildet oder ein eigner Vorsteher oder Priester gewählt werden. So bewies also damals der römische Staat noch die ganze rücksichtslose Strenge seiner altherkömmlichen Grundsätze in Sachen der Religionspolizei; obwohl die einmal vorhandne Tendenz zur Unsittlichkeit und zur politischen Verschwörung sich mit der Zeit auch wohl der einheimischen Sacra zu ihren Zwecken bedienen lernte, z. B. des nächtlichen Opfers der Bona Dea (S. 356) und der städtischen Compitalienfeier (S. 495). Von der mystischen Bacchusfeier aber lassen sich wirklich seitdem nur wenige Spuren in Rom und Italien nachweisenDas Fragment einer Satire Varro's b. Non. Marc. p. 112 Confluit mulierum tota Roma: quae noctu fieri initia solita etiam nunc pinea fax indicat scheint sich doch auf die Feier von Bacchanalien zu beziehn. Aus späterer Zeit vgl. Mommsen I. N. n. 2477 Libero Patri Sacrum – Sacerdotes Orgiophantae aus der Gegend von Neapel und die verdächtige Inschrift aus der von Venusia b. Or. n. 1483. Gegen den Ausgang des Heidenthums wurde auch der mystische Bacchusdienst ein Mittelpunkt des synkretistischen Aberglaubens, s. die Signa Panthea bei O. Jahn üb. d. Abergl. des bösen Blicks S. 50. 51. Auch wird das Sacerdotium Liberi nicht selten unter den cumulirten Priesterthümern dieser letzten Zeiten genannt, s. Or. n. 1901. 2335. C. I. Gr. n. 6206, alle aus Rom. Spuren von Sabaziosmysterien in der Inschrift b. Henzen n. 6042, auch diese aus Rom.. Wohl aber ist mit dem 719 übrigen Apparate der griechischen Bildung und Gewöhnung auch der mythologische Bacchus den Römern immer geläufiger geworden, namentlich der indische Bacchus als Sieger und Weltbezwinger, wie derselbe schon bei den Griechen neben dem Hercules verehrt wurde und nun auch in Rom allen glücklichen Feldherrn und Eroberern als Idealbild vorschwebte. Marius entschuldigte in seinen alten Tagen seine Neigung zum Trunk mit dem Beispiele des indischen Bacchus, Pompejus bediente sich bei seinem Triumphe nach demselben Vorbilde zuerst der ElephantenVal. Max. III, 6, 6, Plin. H. N. VIII, 2, 2, XXXIII, 11, 53. Auch Silius Ital. Pun. XVII, 645 ff. vergleicht nach solchen Vorgängen seinen Helden, den Scipio, mit dem indischen Bacchus und mit Hercules., Cäsar soll sogar einen neuen Gottesdienst des Liber Pater aus Armenien nach Rom verpflanzt habenVirg. Ecl. V, 29 Daphnis et Armenias curru subiungere tigres instituit, Daphnis thiasos inducere Bacchi. Servius: Hoc aperte ad Caesarem pertinet, quem constat primum sacra Liberi Patris transtulisse Romam., und Antonius gefiel sich gleich sehr in der Rolle des triumphirenden Bacchus wie in der des Hercules. Noch Septimius Severus stiftete nach seinem Triumphe dem Hercules und Bacchus, den beiden großen Eroberern, einen neuen Prachttempel in RomDio C. LXXVI, 16 ός γε καὶ τω̃ Διονύσω καὶ τω̃ ‛Ηρακλει̃ νεὼν υπερμεγέθη ωκοδομήσατο. Vgl. LXXVII, 6 und Eckhel D. N. VII p. 170, oben S. 657..

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