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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 120
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölfter Abschnitt.
Letzte Anstrengungen des Heidenthums.

Mit der Einholung der Großen Mutter von Pessinus im J. 204 v. Chr. hatte Rom den ersten Schritt nach Asien gethan. Bald darauf folgten die Kriege mit den Königen von Macedonien und Syrien, durch welche auch seine Herrschaft über jene Gegenden ausgebreitet wurde, in denen sich seit Alexander d. Gr. und seinen Nachfolgern durch Vermischung des griechischen Geistes mit dem orientalischen die außerordentlichsten Bewegungen der Zukunft vorbereiteten. Die alten nationalen Formen des Völkerlebens wurden zerschlagen, die griechische Bildung gelangte zur alleinigen Herrschaft, mit ihr die griechische Mythologie und Kunstübung, aber nur noch in ihrer ästhetischen und symbolischen Bedeutung, da der religiöse Inhalt sich aus diesen Formen lange verloren hatte. Die Welt bedurfte einer tieferen religiösen Erregung und sie kam aus dem Orient, wie dieser sich in religiöser Hinsicht immer weit productiver bewiesen hat als der Occident. Freilich konnte zunächst auch er nur Veraltetes bieten, die abgelebten Formen seines Heidenthums wie es sich bis dahin in den einzelnen Ländern, in Aegypten, Phrygien, Syrien, Persien u. s. w. nach einheimischer Weise gestaltet und behauptet hatte, nun aber in der allgemeinen Gährung der hellenistischen Culturperiode ein neues Kleid anlegte und damit aus der engeren Heimath auf die größere Bühne der Weltbewegung hinübertrat. Ein merkwürdiges Schauspiel wie diese alten Götter, die starren Steingestalten Aegyptens, der fanatische Attis, der weichliche Adonis, der Himmelskönig und die Sterngeister von Syrien und Babylon, der persische Mithras sich von neuem beleben, 711 sich wandernd in Bewegung setzen, alle jetzt nach Rom und von dort weiter in die romanische Welt vordringend: begleitet von ihren Priestern und Pfaffen, deren abergläubische Geheimweisheit Gebildete und Ungebildete in Rom und Italien nun bald eben so angelegentlich beschäftigt als in Korinth und Athen, in Ephesus, Antiochien und Alexandrien. Aber auch ein sehr klägliches Schauspiel, denn niemals hat sich der gänzliche Verfall, die völlige Ohnmacht einer überlebten Culturperiode so einleuchtend herausgestellt als in diesen letzten Restaurationsversuchen des antiken Heidenthums. Das Neue was sie bieten konnten war eben nur neue Aufregung, neue Verwirrung, keine Belehrung, keine Beruhigung. Es waren eben nur die geflickten Lappen des alten Kleides, welche bald wieder zerrissen und die garstige Blöße der verfallenen Menschheit nun erst recht sehen ließen.

Um es begreiflich zu finden daß diese Gottesdienste trotzdem eine so weite Verbreitung fanden und sich auch im Occident so lange behaupten konnten, muß man verschiedene Umstände bedenken. Zunächst daß auch die römische Staatsreligion wie alle Particulärformen des damaligen Glaubens ihrem Verfall mit raschen Schritten entgegenging, wie dieses bereits in der Einleitung (S. 22) angedeutet worden. Die beiden Untersuchungen über die Bacchanalien und über die untergeschobenen Bücher des Numa sind die deutlichsten Symptome des Verfalls und zugleich in geschichtlicher Hinsicht sehr merkwürdig, daher wir darauf zurückkommen. Im Uebrigen sei nur noch bemerkt daß trotz aller Restaurationsversuche des August die altherkömmliche Religion nun erst recht zur Larve wurde, zusammengesetzt aus Formeldienst, welcher nur noch ein gelehrtes Interesse hatte, und aus der sinnlichen Lust und Aufregung der circensischen und scenischen Schauspiele, welche immer weichlicher, lüsternerSchon Cicero klagt über die rauschende und weichliche Musik und Mimik, welche die ernsteren und einfacheren Weisen seiner Jugend auf der Bühne verdrängt habe, De leg. II, 15, 39. Aber was war das gegen die Ausgelassenheit des Mimus oder Pantomimus, wie er unter den Kaisern in den Theatern sein Wesen trieb, wobei die alte Götterfabel den Stoff und die Staffage zu jeder Art von Liederlichkeit, ja selbst zur blutigen Grausamkeit des Amphitheaters hergeben mußte, s. Augustin C. D. IV, 26, Arnob. IV, 35. und brutaler wurden. Ein zweiter Umstand sind die ganz veränderten Bevölkerungs- und Culturverhältnisse von Rom und Italien. Je mehr Rom zur Hauptstadt der Welt d. h. der alten Civilisation mit Inbegriff des hellenisirten Ostens wurde, 712 desto mehr drängten natürlich alle Völker, alle Götter dahinOvid F. IV, 270 Dignus Roma locus, quo deus omnis eat. Vgl. oben S. 216, 417 und Plin. H. N. III, 5, 6, wo Italien im Sinne der Kaiserzeit als das Land gepriesen wird, quae sparsa congregaret imperia ritusque molliret et tot populorum discordes ferasque linguas sermonis commercio contraheret – breviterque una cunctarum gentium in toto orbe patria fieret. Ib. XI, 42, 97 Romae, ubi omnium gentium bona cominus iudicantur. XXVII, 1, 1 immensa Romanae pacis maiestate non homines modo diversis inter se terris gentibusque, verum etiam montes – partusque eorum et herbas quoque invicem, ostentante., desto mehr wurde Italien, namentlich das mittlere mit den beiden alten Culturländern Campanien und Etrurien, zur dienenden Umgebung der großen Hauptstadt, wo sich die verschiedensten Cultureinflüsse durchkreuzten und zum letzten Anlauf auf Rom selbst vorbereiteten. Denn noch war die Religionspolizei in der Stadt selbst, wenigstens in der Altstadt sehr strenge; aber unmöglich konnte sie Rom auf die Länge vor der Contagion bewahren, wenn die ganze Umgegend davon ergriffen war, zumal da in Rom selbst wie in Italien die Bevölkerung der untern Klassen durch die vielen Sklaven und Freigelassenen, die zuwandernden Fremden, die angesiedelten Soldaten eine durchaus andre geworden war. Daher die sich immer wiederholende Erscheinung daß jene ausländischen Gottesdienste, einmal in Italien eingeschlepptDabei sind besonders die Hafenplätze, vorzüglich Puteoli und Ostia ins Auge zu fassen, welche beide einen lebendigen Verkehr mit Alexandrien und dem Orient unterhielten, namentlich Puteoli, welches schon Lucilius Klein-Delos nannte, s. Paul. p. 122 Minorem Delum., sich bald in der Nähe Roms und in seinen Vorstädten bemerkbar machen, darauf von dort in die Stadt selbst, wohl gar bis aufs Capitol vordringen, hier in der ältern Zeit von der Obrigkeit zwar barsch zurückgewiesen werden, aber dennoch nicht mehr ganz zu tilgen sind; wie die Isismysterien sich schon unter den Triumvirn eine angewiesene Stätte in der Vorstadt des Marsfeldes eroberten und die Phrygischen Mysterien der Großen Mutter und des Attis seit Claudius so gut in Rom als in Kleinasien gefeiert wurden. Waren es früher nur die untern Stände gewesen, in welchen und durch welche solche Sacra Wurzel schlugen, die Handwerker, der gemeine Mann, der kleine Bürger, darunter vorzüglich die Frauen und Mädchen, die schönen und einflußreichen Libertinen, so wurden sehr bald auch die höheren Stände, selbst der kaiserliche Hof von derselben Ansteckung ergriffen, sei es aus Aberglauben oder aus Lust am Seltsamen und raffinirt Unsittlichen, wodurch diese 713 Geheimdienste so oft reizten, wie z. B. schon Otho sich öffentlich zur Religion der Isis bekannte und Neros Glaube der Aberglaube der gemeinsten Hefe des Volkes war, mit welcher er viel verkehrte. Noch später, seit der Zeit der Antonine, bekam die hellenistische Bildung ohnehin die Oberhand über die römische, und endlich gerieth ja auch der kaiserliche Palast in Rom in die Macht einer Reihe von Kaisern, welche alles Andre, nur keine Römer waren, fanatische Afrikaner oder syrische Weichlinge oder rohe Thraker und Illyrier, die von der Pike auf gedient und ihr Gemüth in zarten Jahren mit dem rohen Aberglauben der Legionen genährt hatten, der in diesen letzten Zeiten also natürlich auch im Reiche immer mehr um sich griff.

Endlich ist zu bedenken daß diese Gottesdienste, vorzüglich die künstlicheren Formen, früher die ägyptischen und phrygischen Mysterien, später die Taurobolien und die Mysterien des Mithras, manche Eigenthümlichkeiten besaßen welche grade dem Geiste dieser Zeiten des allgemeinen Verfalls besonders zusagen mußten. Sie waren eine geschickte Vereinigung von exoterischen und esoterischen Elementen, rohem Aberglauben und geheimnißvoller Andeutung und Weihe, daher sie sowohl den gemeinen Mann als die Gebildeten lockten und in der aufsteigenden Folge von einem Grade zum andern auch wohl manchen ernsten Mann spannten und eine Zeitlang hinhielten. Wie ein glänzender, schon durch sein ausländisches Wesen imponirender Cultus die Phantasie beschäftigte, so wurde der Intelligenz das Versprechen einer höheren und reineren Gotteserkenntniß, dem in dieser Zeit überall sehr geschärften Gewissen in vielen Bußübungen die Verheißung des Heils und der Sündenvergebung geboten. Dazu kam der große Reiz einer Symbolik, welche die Bilder der Natur und der Mythologie mit den Bedürfnissen des menschlichen Geistes in anziehender Weise zu verschmelzen wußte, und mit ihr verbunden die scheinbare Hülfe der sogenannten Theokrasie, mit welcher sich der Polytheismus in Griechenland schon längst zu helfen gesucht hatte, bis er in der hellenistischen Culturperiode sogar zum herrschenden Princip aller religiösen Neubildungen geworden war. Es ist die Vermischung und Verschmelzung verschiedener, bis dahin getrennt gewesener Cultusformen und Götterbegriffe, welche sich auf dem Gebiete der Mythologie und der bildenden Kunst als Pantheismus darstellt d. h. als synkretistische Uebertragung verschiedener Götternamen und Beinamen, Eigenschaften, Attribute und Bilder auf eine und dieselbe Göttergestalt, welche dadurch die Bedeutung eines 714 All-Gottes erhielt: eine natürliche Folge sowohl der Auflösung aller nationalen Eigenthümlichkeit als des alten und latitirend in allen polytheistischen Göttersystemen mitwirkenden Triebes, aus der zersplitternden Vielheit des örtlichen Gottesdienstes auf die höhere Einheit eines allgemeinen Gottesbegriffs zurückzugehn und sich auf diesem Wege zugleich zu vertiefen und zu vereinfachen.

Einer besondern Berücksichtigung bedurfte zum Schluß der Cultus der regierenden und verstorbenen Kaiser, wie er, seit August zum herkömmlichen Schmuck des Kaiserthums geworden, doch auch in religiöser und culturgeschichtlicher Hinsicht sehr merkwürdig ist. Die Griechen und die hellenistischen Reiche, namentlich Alexandrien, ja noch früher die despotischen Gewöhnungen der großen Reiche des Orients, hatten auch in dieser Hinsicht die älteren Muster aufgestellt, so daß die Erscheinung als solche keineswegs neu ist. Wohl aber ist sie in diesem Zusammenhange wichtig und der letzte Abschluß des römischen Wesens dieser Zeiten als eine Art von oberster Reichsreligion, welche die verschiedenen Theile und Glaubensformen in der Anbetung der verstorbnen Kaiser und in dem Glauben an den Genius, den Stern, die gebenedeite Majestät des regierenden Kaisers zu einer halb religiösen halb politischen Einheit verknüpfte und darin zugleich dem gemischten Charakter des Kaiserthums selbst entsprach, da auch dieses aus den höchsten Attributen sowohl der geistlichen als der weltlichen Herrschaft zusammengesetzt war.

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