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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 119
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
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9. Dea Roma.

Von den Griechen hatten sich die Römer auch eine personificirte Dea Roma aufreden lassen, welche indessen von den Griechen selbst, namentlich den kleinasiatischen, und in Rom keineswegs in derselben Gestalt verehrt wurde, sondern dort mehr unter dem Bilde einer personificirten Tyche von Rom, hier unter dem einer kriegerischen Heroine. In Kleinasien, wo man nach dem Beispiele der Pergamenischen Könige und der Insel Rhodus seine Augen früh nach Rom richtete, rühmte sich Smyrna den ersten Tempel der Stadt Rom erbaut zu haben, schon im J. 195 v. Chr., als Karthago noch gestanden und mächtige Könige (Antiochus) noch in Asien geherrscht hättenTacit. Ann. IV, 56 vgl. Liv. XLIII, 6.. Bei einer andern Veranlassung, als im J. 170 während des Krieges gegen Perseus von vielen Städten zugleich, griechischen und asiatischen, eine Gesandtschaft nach Rom geschickt wird, rühmt sich Alabanda, eine durch Handel und Industrie blühende Stadt in Karien, einen Tempel und jährliche Spiele zu Ehren der Stadt Rom gestiftet zu haben, diese ohne Zweifel unter dem Namen ‛Ρώμαια. Seitdem wurde eine Vergötterung Roms, des Römischen Volks, des Römischen Senats in Asien immer gewöhnlicher, wie dazu namentlich die Münzen dieser Städte die entsprechenden Bilder geben, unter denen die der Dea Roma gewöhnlich nach Art der in den meisten Städten als Schutzgöttinnen verehrten Tychen mit der Mauerkrone versehen, und dazu mit dem Füllhorn, mit andern Attributen des Heils und Segens, mit der Lanze u. s. w. ausgestattet sind. Später ließen sich auch die römischen Proconsuln in diesen in Adulation und Servilismus lange geübten Gegenden recht gerne Tempel und Altäre gefallen, bis Augustus, nachdem man ihn längere Zeit um die Erlaubniß eines ähnlichen Cultus seiner eignen Person gebeten hatte, zuletzt die Entscheidung traf daß gewisse Städte seinen Adoptivvater, den Divus Iulius, andre ihn selbst göttlich verehren dürfen sollten, aber beide nur in der Form einer Vereinigung der Dea Roma mit diesem neuen Cultus. Ephesus und Nicäa sollten Tempel des Divus Iulius und der Dea Roma errichten, und zwar sollten diese Culte speciell für die unter ihnen angesiedelten Römer bestimmt sein, Pergamum und Nicomedien Tempel des Augustus und der Dea Roma und zwar speciell für die Hellenen, so nannte er in seinem Schreiben alle 706 Nicht-RömerSueton Octav. 52, Dio LI, 20. Pergamum hatte den Anstoß zu dieser Entscheidung gegeben, s. Tacit. Ann. IV, 37. Vgl. über diese Καισάρεια und Αυγούστεια in Kleinasien A. W. Zumpt Mon. Ancyr. p. 4 sqq.. So schmückten sich also fortan diese und andre Städte in Asien mit solchen Tempeln und Bildern, von denen wieder die Münzen in sehr verschiedenen Gegenden eine Ansicht gebenS. M. Pinder über die Cistophoren und über die kaiserlichen Silbermedaillons der Rö. Provinz Asia, B. 1856 T. IV. Auch Herodes erbaute in verschiednen Städten seines Gebietes solche Καισάρεια, u. a. in dem neuen Hafen Caesarea Palaestina einen T. mit zwei Colossen, den des Cäsar in der Gestalt des Olympischen Jupiter, den der Roma in der der Argivischen Juno, Ioseph. d. bello Iud. I, 21, 7, Antiq. Iud. XV, 9, 6. Das gewöhnliche Bild der Roma war aber das einer matronalen Glücksgöttin und Herrscherin über viele Städte nach Art der Magna Mater, s. Virg. Aen. VI, 782 ff.. Auch jährliche Spiele und Feste wurden zu Ehre dieser Paare viel gestiftet und begangen, auch in Italien z. B. in Neapel, wo unter andern Spielen ‛Ρώμαια Σέβαστα d. h. ludi Romae et Augusti erwähnt werdenEin T. und Priester Romae et Augusti in Ostia b. Henzen z. Or. n. 7172. 7174. Auch in den westlichen und nördlichen Provinzen verbreitete sich dieser Cultus, Or. n. 155. 488. 606. 732. 1800. 5211.. Dagegen erscheint Roma in Rom selbst, namentlich auf den Münzen, immer kriegerisch, bald mehr der Minerva bald einer Amazone ähnlichA. Senckler in den Jbb.d. V. v. A. F. im Rheinl. XIV (1849) S.  74 ff., übrigens in den verschiedensten Stellungen, stehend auf ein Schild gestützt, auf Waffen sitzend, die Siegesgöttin auf ihrer Rechten oder in Begleitung der Siegesgöttin, ein Tropäon aufzurichten beschäftigt u. s. w. Es ist dieses die alte ‛Ρώμη der griechischen Stadtsage, die personificirte Heroine der Stadt, welche man nun gerne in Valentia übersetzte, dieselbe welche in einem griechischen Gedichte aus den Zeiten der Republik, aber schon der entschiedenen Weltherrschaft, eine Tochter des Ares genannt wirdBei Stob. Flor. VII, 13. Das Gedicht wird gewöhnlich der Erinna, besser der Melinno von Lesbos zugeschrieben, s. Welcker kl. Schr. 2, 160 ff.. Da die Silbermünzen der italischen Bundesgenossen mit offenbarer Nachahmung der römischen Denare auf dem Av. den ähnlich bewaffneten Kopf der Italia zeigenI. Friedländer die Osk. Münzen t. IX. X S. 75 ff. Roma Victrix auf den M. des M. Porcius Cato Utic. b. Riccio t. 39, 5, Roma ein Tropäon errichtend auf denen der Furia, R. auf Schilden sitzend, zwischen fliegenden Vögeln (das augurium Romuli), vor ihr die Wölfin mit den Zwillingen, Riccio t. 71, 5 p. 261. Auf den M. der Fufia und Mucia, wo die Versöhnung zwischen Rom und Italien gefeiert wird, ist Roma als die kriegerische, Italia blos als die fruchtbare characterisirt, ib. t. 20 und 33., so sind die römischen 707 Münzen mit dem entsprechenden Kopf der Roma jedenfalls älter als dieser Krieg, vollends diejenigen wo die Züge der Roma Minerva noch sehr strenge sind und eine ältere Kunstbildung verrathen. Den Andeutungen dieser Münzen gemäß können entsprechende Bilder auch in Rom selbst nicht selten gewesen sein, und namentlich mag es auf dem Capitol ein altes Vorbild dieser Dea Roma gegeben habenVgl. das Anathem der Lycier in Rom b. Or. n. 3674.. Scheint doch selbst in dem von Catulus dedicirten Tempel des Capitolinischen Jupiter (S. 211) das Tempelbild auf seiner Rechten ein Bild der Dea Roma getragen zu habenSueton Octav. 94, wo das signum reipublicae bei Dio XLV, 1 ausdrücklich ein Bild der Roma genannt wird. Augustus neben der Dea Roma thronend auf dem großen Wiener Cameo bei v. Köhler gesammelte Schr. t. III S. 26 ff., Müller D. A. K. I t. LXIX, 377. Ein andrer Cameo mit derselben Vorstellung b. Eckhel Choix des Pierr. grav. pl. II p. 14..

Unter Hadrian entstand nun auch in Rom der große und prächtige Doppeltempel Romae et Veneris, dessen letzte Trümmer in der Nähe des Titusbogens noch zu sehen sind. Dieser Tempel war von Hadrian an den Palilien d. h. am 21. April eingeweiht worden, daher dieser Tag fortan nicht blos als Geburtstag der Stadt, sondern auch als Stiftungstag dieses Templum Urbis, wie man ihn später zu nennen pflegte, unter dem Namen eines Festes der Roma (‛Ρώμαια) mit lärmenden Umzügen und circensischen Spielen gefeiert wurdeAthen. VIII p. 361F έτυχε δὲ ου̃σα εορτὴ τὰ Παρίλια μὲν πάλαι καλούμενα, νυ̃ν δὲ ‛Ρώμαια, τη̃ τη̃ς πόλεως Τύχη ναου̃ καθιδρυμένου υπὸ του̃ πανταρίστου καὶ μουσικωτάτου βασιλέως ’Αδριανου̃. Vgl. Eckhel D. N. VI p. 501 und oben S. 368, 875.. In dem Tempel waren beide Göttinnen thronend abgebildet, Venus als Genitrix und Victrix, Roma in derselben kriegerischen und amazonenartigen Kleidung und Haltung, wie sie die meisten Münzen und noch erhaltnen Kunstdenkmäler aus den Zeiten der Kaiser zeigenSo besonders die Statue im Mus. P. Cl. b. Visconti P. Cl. II, 15 vgl. Zoëga Bassiril. t. 31, Clarac. 767. 768. Auf den Münzen Hadrians mit der Inschrift VRBS ROMA AETERNA ist Roma abgebildet sedens in templo d. globum s. hastam, Eckhel VI p. 510 sq. Andre M. desselben Kaisers sind der Venus Genitrix und Venus Felix gewidmet, welche beide als V. Victrix abgebildet sind. Vgl. oben S. 391 und 394.. Die weitere Ausstattung und Decoration des Tempels scheint in Gemälden und Gruppen auf die mythische Geschichte der Stadt Rom von der Zerstörung Trojas bis zur Gründung des Romulus hingewiesen zu habenVgl. Serv. V. A. II, 227, welche Nachricht mir auf ein Gemälde oder ein Relief der Zerstörung von Troja im Tempel zu deuten scheint. Die Vorderansicht des T. mit der Geschichte des Romulus im Giebel s. auf dem Relief b. R. Rochette Mon. Ined. I pl. 8. Auch einige Münzen Hadrians feiern den Romulus conditor., in welchem Sinne auch durch Antoninus 708 Pius, den Nachfolger Hadrians, dieselben Erinnerungen durch öffentliche Denkmäler und das Gepräge seiner Münzen gepflegt wurdenS. oben S. 41. Schönes Bild der Roma neben der Pax auf Veranlassung eines Congiarium des Antoninus Pius s. oben S. 615, 1663.. Die vereinzelte Spur einer friedlicheren Auffassung findet sich in dem Bruchstücke eines sonst unbekannten Dichters, wo Roma die Tochter des Aesculap genannt, also als Salus gedacht wurdeServ. und Philarg. V. Ecl. I, 20..

Aus der Zeit Hadrians stammt auch der Name Roma aeterna, unter welchem die Schutzgöttin der Stadt, je mehr das römische Reich und mit ihm die alte Hauptstadt dem Verfall entgegeneilte, desto sehnsüchtiger gefeiert und angerufen wurde. Commodus hatte als der letzte Antonine von ächtem Stamm wenigstens noch den Stolz eines Römers auf die ewige Stadt, deren Namen er mit dem seinigen zu verschmelzen suchteRoma Commodiana, Dio LXXII, 15. Iovi Opt. Max. Dis Deabusque immortalibus et Romae Aeternae Locrenses, Inschr. aus Locri b. Mommsen I. X. n. 8. Genio Loci, Fortunae Reduci, Rornae Aeternae et Fato Bono Or. n. 1776.. Und aus dieser Zeit mögen auch die jüngeren Bilder der Dea Roma stammen, welche sie noch immer kriegerisch und thronend, aber vollständig und sehr prächtig bekleidet darstellen, namentlich ein Frescogemälde im Palast Barberini in Rom, wo sie auf einem goldnen Throne in gestickter Toga und purpurnem Kriegsmantel dasitzt, eine Victoria mit dem Vexillum auf der Rechten, das Scepter in der Linken, das Schild seitwärts angelehnt, die ewige d. h. die immer blühende und unbestrittene WeltherrscherinSickler und Reinhart Almanach a. Rom Jahrg. I. Leipz. 1810, Titelkupfer und S. 1–11. Vgl. Böttiger kl. Schr. 2, 236 ff. Das von Gerhard Arch. Zeit. 1847 n. 4, t. IV S. 49 ff. edirte, wo Roma neben der Fortuna thront, folgt dem gewöhnlichen Typus der Amazone.. Aber von Septimius Severus an, dem Afrikaner und Militärdespoten, dem das alte römische Wesen zuwider war, bemächtigte sich das instinctive Gefühl des Verfalls in solchem Grade der Stadt, daß gelegentlich im Circus, in einer Pause der Spiele, wie auf dämonischen Anlaß unter der versammelten Menge ein allgemeines Wehklagen um die kaiserliche, die unsterbliche Roma entstand, welche sich in vielen 709 leidenschaftlichen Worten und Gebehrden Luft machteDio LXXII, 15. Wenn Septimius Sev. sich auf einer M. Sacerdos Urbis nennt, so geschieht dies im Gegensatze zu Elagabal, welcher die IIlusionen des römischen Alterthums vollends zerstört hatte. Das t. Urbis wurde noch unter Maxentius, dem Gegner Constantins, nach einem Brande wiederhergestellt.. Bald sollte es auch an einer gefährlichen Concurrenz nicht fehlen, zumal seitdem die alte Nebenbuhlerin Karthago das stolze Haupt von neuem erhob und mit Alexandrien um den zweiten Rang nach Rom wetteiferteHerodian VII, 6 vgl. Eckhel D. N. VIII p. 11. 26. 95 sqq., und endlich vollends seit der Stiftung von Constantinopel, die sich nicht allein Nova Roma ausdrücklich nannte, sondern auch die städtischen Erinnerungen und Symbole der alten Hauptstadt geflissentlich copirte. Auch hier fehlte es nicht an einer Tyche der Stadt, deren Vernachlässigung durch Constantin sich nach dem Glauben des Volks durch Schiffbrüche rächte, daher Constantin sie neben seinem eignen Bilde anzubeten erlaubte. Sie unterscheidet sich von dem Bilde der alten Roma durch die Mauerkrone und dadurch daß sie den einen Fuß auf das Vordertheil eines Schiffes stellt. 710

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