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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 117
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7. Sagentrümmer von Alba Longa und den übrigen Latinern.

Die Erinnerungen an Alba sind bei dem frühen Untergange dieser Stadt natürlich sehr unsicher geworden, doch tritt uns das Bild des ersten und ursprünglichen Hauptes des latinischen Bundes auch so noch ziemlich deutlich entgegen, besonders wenn man sich im Geiste auf die schöne Höhe über dem Albaner See versetzt, wo einst seine Mauern standen, und von dort in die Ebne und das Flußthal des Tiber hinabschaut, nach welchem sich einem allgemeinen Gesetze der Geschichte zufolge die spätere Entwicklung der Cultur und des politischen Lebens hinabzog. Rom (S. 496) und Lavinium hatten in jenen Bildern der weißen Sau mit den dreißig Ferkeln ein sprechendes Sinnbild der Zeiten bewahrt, wo dreißig verbündete Städte (wie gewöhnlich eine runde Zahl) in Alba ihre Mutterstadt verehrtenSchon Lycophr. Alex. 1253 ff. weiß von den 30 Colonieen: κτίσει δὲ (Aeneas) χώραν εν τόποις Βορειγόνων (der Aboriginer) υπὲρ Λατίνους Λαυνίους τ' (S. 684) ωκισμένην πύργους τριάκοντ' εξαριθμήσας γονὰς συός etc. Vgl. Dionys III, 31 η τὰς τριάκοντα Λατίνων αποικίσασα πόλεις. 34 εις τὰς αποίκους τε καὶ υπηκόους αυτη̃ς τριάκοντα πόλεις πρέσβεις αποστείλας., und wenn von den Penaten in Lavinium später erzählt wurde, sie seien, als Ascanius sie mit nach Alba genommen habe, freiwillig in die von Aeneas gegründete Stadt zurückgekehrt, worauf man ihnen von Alba 600 Familienväter zur bleibenden Ansiedlung nachgeschickt habeDionys I, 67 καὶ εγένοντο οι πεμφθέντες εξακόσιοι μελεδωνοὶ τω̃ν ιερω̃ν αυτοι̃ς μεταναστάντες εφεστίοις, ηγεμὼν δ' επ' αυτοὺς ετάχθη Αίγεστος. Verehrer der öffentlichen Penaten sind die Bürger einer Stadt, über Aegestus s. S. 670. Die Zahl 600 kehrt in andrer Version bei Cassius Hemina bei Solin 2, 14 wieder, nach welchem Aeneas mit 600 Genossen landete. Offenbar ein Multiplum der 30 Bundesstädte., so braucht man in dieser Erzählung nur das Wunder zu 689 streichen um eine wichtige historische Thatsache wiederherzustellen. Auch die Albanischen Gottesdienste, welche die Stadt überlebten, lassen sich ziemlich vollständig herstellen, Iupiter Latiaris (S. 186) und Juno (S. 508) und Vejovis (S. 236), ferner Mars und die latinische Venus (S. 383), welche in den Sagen und Ueberlieferungen von den römischen Zwillingen und in denen der Julier so bedeutungsvoll hervortreten und von denen namentlich Mars mit seinen Umgebungen des Faunus und der Fauna, des Silvanus u. s. w. auch in dem alten Alba Longa nächst Jupiter der angesehenste Gott gewesen sein wirdVgl. S. 300, 655 und 307, 670, Or. n. 1367 Veneri Gabinae et Albanae, Liv. I, 7 vom Romulus: Sacra diis aliis Albano ritu, graeco Herculi – facit., endlich Vesta und die Penaten, deren Cultus nur hier die volle Bedeutung eines Bundesheiligthums haben konnte (S. 538). Andre Traditionen hatten sich durch die Albanischen Geschlechter in Rom erhalten, worunter die von dem Ursprunge des königlichen Geschlechts der Silvier für besonders alterthümlich gelten darfFest. p. 340 Silvi, Virgil Aen. VI, 760 ff. Servius, Livius I, 3, Dionys. I, 70.. Als ihr Ahnherr wurde Silvius genannt, auch er der Sohn einer Lavinia, welche in der gewöhnlichen Ueberlieferung für die Tochter des Latinus, also für die Gattin des Aeneas galt. Nach der Entrückung desselben sei sie aus Furcht vor ihrem Stiefsohne Ascanius in die Wälder geflohn, zum Tyrrheus, dem treuen Aufseher der Heerden und Weiden des Latinus, dessen idyllisches Leben im Walde Virgil schildertAen. VII, 482 ff. Bei Serv. A. VI, 760, Schol. Veron. VII, 485 heißt er Tyrrhus, bei Dionys l. c. Τυρρηνός.. Bei ihm wird Lavinia von einem Knaben entbunden, den sie nach solchen Umgebungen Silvius d. h. den Waldgebornen nennt. Als er herangewachsen wird er als Sohn der einheimischen Lavinia vom Volke zum ersten Könige von Alba erwählt, nicht ohne Widerstand des Julus, des Sohnes des Ascanius, welcher Alba gegründet hatte. Doch läßt sich Julus statt der königlichen mit der höchsten priesterlichen Würde abfinden, welche sich seitdem in dem Geschlechte der Julier erblich erhalten habeDionys l. c. Ιούλω δὲ αντὶ τη̃ς βασιλείας ιερά τις εξουσία προσετέθη καὶ τιμὴ τω̃ τε ακινδύνω προύχουσα τη̃ς μοναρχικη̃ς καὶ τη̃ ραστώνη του̃ βίου, ὴν έτι καὶ εις εμὲ τὸ εξ αυτου̃ γένος εκαρπου̃το, ’Ιούλιοι κληθέντες απ' εκείνου. Diodor bei Euseb. T. I p. 389 ed. Aucher: Iulius autem imperio cedere coactus Pontifex Maximus constitutus fiat et fere secundus rex habebatur, a quo ortam Iuliam familiam hucusque perdurare aiunt. Nach der gewöhnlichen Tradition, welcher auch Virgil folgt, ist Ascanius der Sohn des Aeneas von Troja her, Silvius sein Posthumus von der latinischen Lavinia. Ascanius heißt auch Euryleon und Ilus, welchen Namen er später in Iulus verändert und auf seinen Sohn übertragen haben soll, s. Schwegler R. G. I, 338., wie dieses Geschlecht 690 denn wirklich auch in Rom und Bovillae durch erblichen Besitz gewisser Sacra, namentlich des Vejovis und der Venus sich auszeichnete. Außer diesen beiden Namen, dem des königlichen Silvius und des priesterlichen Julus, hatten sich endlich in der Volkssage und örtlichen Ueberlieferung noch einige andre alte Namen erhalten, aus denen man weit später in Rom, erst in den jüngeren Zeiten der römischen Litteratur und mit Hülfe der Griechen, eine zusammenhängende Reihe der Albanischen Könige herzustellen versuchte, denn die ältere Zeit hatte sich einfach an den Hauptthatsachen genügen lassen und ohne chronologische Bedenken den Romulus zum Enkel des Aeneas gemacht. So entstand jene aus Virgil, Livius und Dionysius bekannte Reihe, nach welcher auf Silvius zuerst Aeneas Silvius folgte, dann Latinus Silvius, von welchem gewöhnlich die sogenannten Prisci Latini abgeleitet werden, worunter keineswegs alle alten Latinerstädte zu verstehen sind, sondern nur solche welche von dem latinischen Bunde in der früheren Periode der Oberhoheit von Alba Longa gegründet wurden oder zu dem Bunde gehörten, im Gegensatze zu den späteren Colonieen des Bundes unter der Oberhoheit von RomDas Wort hängt zusammen mit prius s. Paul. p. 226 Prisci Latini proprie appellati sunt hi qui priusquam conderetur Roma fuerunt. Daher ib. Priscus Tarquinius est dictus quia prius fuit quam Superbus Tarquinius. Vgl. Fest. p. 241 priscae latinae coloniae und Virgil Aen. VI, 773 Servius.. Dann folgen Alba, Capetus, Capys, Calpetus, Tiberinus, von welchem der früher Albula genannte Tiberstrom seinen Namen bekommen haben soll, Agrippa, Romulus Silvius, welcher mit mährchenhaften Zügen als Frevler und den Göttern verhaßter Tyrann geschildert wirdSo heißt er bei Livius, bei Dionys dagegen ’Αλλάδιος oder ’Αλλώδιος, bei Zonaras VII, 1 Amulius, bei A. Victor O. G. R. 18 Aremulus. Er denkt sich eine Maschine aus um wie Iupiter zu donnern und zu blitzen, bis der Blitz in sein eignes Haus schlägt, was an Tullus Hostilius und den Zauber des Iup. Eliciusaltars erinnert. Zuletzt steigt der Albanische See zu einer solchen Höhe, daß er seinen am Ufer gelegenen Palast erreicht und ihn und sein ganzes Haus verschlingt., darauf Aventinus, dessen Grab dem römischen Hügel seinen Namen gegeben habe, endlich 691 die besser bewährten Namen des Procas und seiner beiden Söhne, des guten Numitor mit seiner Tochter Rhea Silvia und des bösen Amulius, der seinen Bruder entthront und später selbst von seinen Enkeln, den römischen Brüdern entthront wird.

So unsicher und mythisch die Entstehungsgeschichte von Alba Longa ist, eben so mythisch ist auch die von seinem Untergange. Den wirklichen Zusammenhang ahndet man, wenn man außer dem natürlichen Zuge der Geschichte von den Bergen in das Flußthal bedenkt, einmal daß Rom nach der Zuwanderung der Sabiner seinem Albanischen Ursprunge entfremdet war, zweitens daß andre latinische Städte, namentlich die nächsten Nachbarn von Alba, Tusculum und Aricia, nach dem Sturze desselben mächtig und mit Rom verbündet warenS. oben S. 280 und Fest. p. 348, nach welchem der Oppius und Cispius in Rom nach zwei Führern der Tusculaner und der Herniker von Anagnia, welche dem Tullus Hostilius gegen Veji zu Hülfe gekommen, benannt worden wären. Vgl. die Albani Longani Bovillenses oben S. 235, 469. In Alba sollen nach dem Sturze der Silvier nicht mehr Könige, sondern jährliche Praetoren geherrscht haben, Dionys, V, 74, Plut. Rom. 27., endlich daß die Einwohner der zerstörten Stadt nicht blos in Rom, sondern auch sonst in Latium, z. B. in Bovillae am Fuße des Albaner Berges untergebracht zu sein scheinen. Die gewöhnliche Sage begnügt sich die nahe Verwandtschaft, welche zwischen Rom und Alba bestanden, in einem lebendigen Bilde hervorzuheben. Die römischen Drillinge sollten eigentlich wohl die drei Stämme des römischen Patriciats bedeuten. Man stellte ihnen dann Albanische Drillinge gegenüber und wußte nicht gewiß zu sagen, welcher von beiden Städten die Horatier, welcher die Curiatier angehört hätten. Noch dazu war die Schwester der Horatier einem der Curiatier verlobt, ja man erzählte weiter, daß die Mütter dieser beiden Paare von Drillingen Schwestern gewesen und sich zu gleicher Zeit verheirathet, auch ihre Söhne zu gleicher Zeit geboren hättenLiv. I, 22, Dionys. III, 13.. Der bunte Kriegsrock des erschlagenen Curiatiers, mit dem der übrig gebliebne Horatier (gewöhnlich gelten diese für Römer) triumphirend heimkehrt, ist jenem von der eignen Schwester des Siegers, der Braut des Erschlagenen gewebt und geschenkt worden; daher ihr Fluch und ihr Tod von der Hand des Bruders. Die Richter verurtheilten diesen, aber der Vater und das Volk verziehen ihm, während der Leichnam der Schwester, die ihren Bräutigam mehr als das Vaterland liebte, auf der Straße liegen 692 blieb und erst durch das Mitleid der Vorübergehenden mit Steinen und Erde überschüttet wurde. Alte Denkmäler in Rom und vor der Stadt in der Richtung nach Alba Longa dienten zur Bestätigung dieser Sage, in Rom das sogenannte Sororium Tigillum, ein Denkmal des ältesten Beispiels einer durch richterlichen Spruch erkannten BlutsühneBecker Handbuch I, 527 ff., Schwegler R. G. I, 571 ff., 594 ff., vgl. oben S. 152., die pila Horatia, das Grab der Schwester am Thore, die Gräber der erschlagenen Albaner und Römer auf dem Schlachtfelde, der Graben des Cluilius, welcher zuerst die Albaner geführt habe. Als sich diese trotz des feierlich geschlossenen Bündnisses feindlich erweisen, wird der Verräther Mettus Fuffetius zwischen zwei in entgegengesetzter Richtung getriebenen Wagen gespannt und so zerrissen. Dann wird Alba mit Ausnahme der Tempel zerstört und die ganze Bevölkerung, so behauptete man in Rom, nach Rom geführt und auf dem Caelius angesiedelt, wo die Luceres vornehmlich aus diesen Geschlechtern bestanden. Jedenfalls eine sehr bedeutende Verstärkung des latinischen Elements in Rom, daher auch Tullus Hostilius, der Repräsentant dieser Luceres, zwar als Abkömmling eines Königs aus der Fremde, eines Eindringlings, aber immer als Latiner und in manchen Zügen sogar als der zweite Romulus erscheintSchoemann de Tullo Hostilio rege Romanorum, Opusc. Acad. I p. 18–49..

Von den übrigen latinischen Städten sind die wenigen Sagen, welche den Ruin der Zeiten überdauert hatten, größtentheils schon besprochen worden. Als man in Rom auf solche Erinnerungen und alte Urkunden aufmerksam wurde, war es schon zu spät um mehr zu retten. Cato hatte meist ältere Nachrichten gesammelt, die späteren Erdichtungen im griechischen Geschmack Hygin zusammengestellt, aus welchem wieder Solin eine kleine Auswahl solcher mythologischen Aftergeschichten erhalten hat, welche eine nähere Berücksichtigung nicht verdienen. Von Tusculum hatten die Mamilier mit so vielen andern latinischen Geschlechtern ihre Traditionen mit sich nach Rom gebracht (S. 665). In Aricia und Lanuvium bewahrten der Dienst der Diana und der Juno manches Alterthümliche (S. 246. 278), in Tibur die Erinnerungen des alten Faunusorakels an der heilenden Quelle (S. 517). Am meisten Alterthum hatte sich bis zu der blutigen Katastrophe im Kriege der Marianer und Sullaner in Praeneste, der entlegenen und festen Stadt am Saume des AequergebirgsMit dieser Lage scheint der Name zusammenzuhängen vgl. pronus d. i. πρηνής, πρανής und πρών d. i. πρηών. Cato erklärte quia is locus montibus praestet, Serv. V. A. VII, 682, Paul. p. 224. Später leitete man ihn ab απὸ τω̃ν πρίνων i. e. ab ilicibus quae illic abundant, daher sie nach Strabo V p. 238 die Bekränzte, πολυστέφανος benannt wurde. Oder man fabelte von einem Ktistes Praenestus, einem Sohne des Latinus und Enkel des Ulysses, Solin. 2, 9, Steph. B. s. v. erhalten, 693 namentlich in den Erinnerungen an Caeculus, den Sohn des Vulcan (S. 526), den die Schwester der Divi Fratres, das sind die Indigeten von Praeneste, am Heerde sitzend empfängtVirg. Aen. VII, 679 Vulcano genitum pecora inter agrestia regem inventumque focis omnis quem credidit aetas. Serv. 678 Ibi erant Pontifices et Dii Indigetes, sicut etiam Romae. Erant enim duo fratres, qui Divi appellabantur. Horum soror dum ad focum sederet, desiliens scintilla eius uterum percussit etc. Nach den Schol. Veron. p. 99 ed. Keil stammen diese Nachrichten theils aus den Origines des Cato, theils aus Varro, welcher die Hirten, unter denen Caeculus lebte, Depidii nannte, daher er selbst ursprünglich Depidius geheißen habe. Ueber den Namen Caeculus s. S. 647. Vgl. noch Paul. p. 44 und Solin. 2, 9 Praeneste ut Praenestini sonant libri a Caeculo, quem iuxta ignes fortuitos (d. h. einem plötzlich entstandnen, von Vulcan wunderbar erregten Feuer) invenerunt ut fama est Digitorum (Indigitum?) sorores. und welcher nach seiner Geburt von den zur Quelle gehenden Jungfrauen (den Vestalinnen?) in der Nähe des Jupitertempels bei einem Feuer gefunden wird. Dann wächst er wie Romulus und Remus, wie Cyrus und der thebanische Hercules, unter den Heerden und als König der Hirten auf, oder als Räuberhauptmann, wie andre Nachrichten sein Leben beschrieben, bis er endlich jene Burgveste von Praeneste erbaute, die benachbarten Völker wieder wie Romulus durch Spiele an sich zog und durch den Ruhm seiner Thaten und seiner Abkunft an sich fesselte. Soll er doch einst, als das Volk an ihm zweifelte, die versammelte Menge mit Hülfe seines Vaters mit loderndem Feuer umgeben haben. Andre Praenestinische Sagen erzählten von einem Zweikampfe des Evander d. h. des guten Waldgeistes Faunus mit dem Riesen Herilus, dem Sohne der Feronia, die ihm drei Seelen verliehen hatte, so daß er dreimal getödtet werden mußteVirg. Aen. VIII, 563 ff., Io Lydus d. Mens. I, 8, Aelian V. H. IX, 16 Der Name erinnert an Marica und Marsus, auch an Mars, auf den auch die Roßnatur hinweist, s. oben S. 299.. Eine Fabel welche an die leider nur durch Griechen erhaltne von dem Centauren Μάρης erinnert, welcher Name in italischer Sprache einen Roßmann bedeute. Dieser sei der erste von allen Bewohnern Ausoniens gewesen und dreimal gestorben, aber dreimal wieder aufgelebt und 123 Jahre alt geworden. 694

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