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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 115
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Diomedes, Ulysses, Telephus.

Unter den Helden des troischen Sagenkreises hatte sich durch die Griechen der Ruf des Diomedes und Ulysses auch in Italien weit verbreitet. Sowohl die Colonien als die geschäftige Sage trugen das Ihrige dazu bei, die letztere indem sie bei dem älteren Epos anknüpfend in dem Sinne desselben fortdichtete oder seine Bilder in die neuen Kreise der Länder- und Völkerkunde des Westens übertrug. Unter den späteren epischen Gedichten haben vorzüglich die NostenR. Stiehle Philol. 1853 S. 49 ff., 1855 S. 151 ff. in diesem Sinne gewirkt; die örtliche Anknüpfung boten gewöhnlich die Abenteuer des Ulysses und das Palladion des Diomedes. Neben ihnen wurden auch andre Heroen als älteste Ansiedler von Italien genannt, z. B. 663 Philoktetes und Idomeneus, und wir wissen namentlich von Tarent daß dort nicht blos Diomedes und Ulysses, sondern auch die Atriden und Aeaciden, also der ganze Kreis der griechischen Helden vor Troja, zu gewissen Zeiten mit heroischen Opfern verehrt wurdenVirg. Aen. III, 400 ff., Aristot. Mirab. Auscult. 106.. Doch rühmte sich Italien immer am liebsten jener beiden in der Schlacht und im Abenteuer so oft vereinigten Helden, des kühnen Tydiden und des listigen Laertiaden. Wo sich dieselben auch bei den eingeborenen Stämmen einbürgerten, da haben in den meisten Fällen gewisse einheimische Ueberlieferungen und entsprechende Bilder des örtlichen Glaubens mitgewirkt, welche den griechischen Traditionen sinnverwandt entgegenkamen; doch sind wir selten im Stande diesen Zusammenhang befriedigend nachzuweisen. Bemerkenswerth ist daß das Gebiet der italischen Diomedessage vorzugsweise das Littoral des ionischen und adriatischen Meeres geblieben ist, das der Sage vom Ulysses die Küste des tyrrhenischen Meers. Diomedes soll nehmlich zwar auch von den Griechen in Metapont und Thurii als Gott verehrt worden sein, aber weit mehr als diese wußten von ihm die Daunier in Apulien zu erzählen, welche in ihren Ansiedelungen von Canusium bis Arpi auch viele Denkmäler seiner Gegenwart und Herrschaft zeigtenSchol. Pind. Nem. X, 12, Strabo VI p. 284, Virg. Aen. VII, 9, XI, 243 ff. mit Servius und Heyne Exc. I, zu Aen. XI, Klausen Aeneas S. 1173 ff., Mommsen Unterit. Dial. S. 91. Arpi hieß früher Argyrippa, griechisch ’Άργος ‛Ίππιον. Landeinwärts hatte sich die Sage vom Diomedes bis nach Equus Tuticus, Benevent und Venafrum in Samnium verbreitet, dahingegen die Sage von Lanuvium (S. 251, 511) ganz vereinzelt ist. Einige motivirten seinen Tod auf der Insel durch Einmischung der Illyrier, Paul. p. 69 und 75, Plin. H. N. III, 11, 16, Antonin. Lib. Metam. 31.. Jener Heros soll hier, aus Argos vertrieben, ein neues und mächtiges Reich gegründet und lange als König und reisiger Held geherrscht haben, bis er zuletzt auf einer an der Küste gelegenen, nach ihm benannten Insel verschwand und fortan für einen Gott galt, während seine Gefährten in die Diomedeischen Vögel verwandelt wurden, eine Art von Reihern (ερωδιός, ardea), deren Lebensweise und griechenfreundliches Benehmen fort und fort an die Abkunft aus Argos erinnerteVarro erzählte davon in gutem Glauben s. Augustin C. D. XVIII, 16, vgl. Serv. V. A. XI, 270, Plin. H. N. X, 44.. Von dieser Küste der Daunier hatte sich die Sage und der Cultus des Diomedes dann auch weiter hinauf zu den Umbrern in der Gegend von Ancona und zu 664 den Henetern an der Pomündung verbreitetScylax Peripl. 16, Strabo V p. 214, Plin. III, 16, Steph. v. ’Ατρία. Merkwürdig ist die Coincidenz des Namens Brundusium von βρένδος Hirsch, βρέντιον Hirschkopf, und der Insel Brettia im Adrias, s. Steph. B. v. Βρεττία und Bergk Zeitschr. f. A. W. 1851 n. 2.. Hier also mag der einheimische Cultus eines Gottes der Rossezucht und der Seefahrt zu Grunde gelegen haben, mit denen sich der Name und das Andenken des Diomedes verschmelzen konnte; dahingegen die Fabel vom Ulysses meist durch den Einfluß der Griechen, vorzüglich der Cumaner, bei den eingebornen Stämmen der andern Küste, sowohl den Ausonern als den Latinern verbreitet zu sein scheint. Ulysses oder Ulixes ist nur eine andre griechische Form für das alte epische ’Οδυσσεύς, welche sich vermöge des Sprachgebrauchs der Griechen in Sicilien und Italien über die ganze Halbinsel geltend gemacht hatΟυλίξης sagte man in Sicilien, Plut. Marc, 20. Ulysses oder Ulixes fand der Grammatiker Diomedes beim Ibycus; ja es findet sich dieselbe Form des Namens auch auf gemalten Vasen attischer Herkunft. Etruskisch lautet er Uthuxe, was sich also unmittelbar an Odysseus anschließt. Der Wechsel von λ und δ ist der gewöhnliche, vgl. lacruma und δάκρυ, levir und δαήρ (δαfήρ), oleo von der Wurzel οδ in όζω u. s. w. O. Müller Ann. d. Inst. 1832 p. 378 sq., Schneidewin Ibyc. p. 139 sq., O. Jahn Einl. in die Vasenk. p. CCXLI.. Die Sage von seinen Abenteuern an den fernen Küsten und Inseln des Okeanos hat bekanntlich sehr früh auf die Länder- und Völkerkunde des westlichen Italiens eingewirkt, wo Cumae mit seinem alten Todtendienste, der Sage von der Fahrt in die Unterwelt und von den Kimmeriern zuerst einen örtlichen Anhalt geboten haben mag, worauf sich die Abenteuer bei der Kalypso, bei den Cyclopen, beim Aeolus, den Lästrygonen, der Circe, den Sirenen, endlich der Scylla und Charybdis allmälich von selbst an den übrigen, von so vielen Griechen besuchten und durch so viele Untersuchungen wohlbekannten Punkten der Küste von Italien und Sicilien einrichtetenDie Lästrygonen bei Formiä, wobei vermuthlich Seeraub im Spiele war, s. Horat. Od. III, 16, 34; 17, 5–9, Cic. ad Att. II, 13, Ovid Met.XIV, 233, Plin. H. N. III, 5, 9. Die Inseln der Sirenen bei Sorrent und in den benachbarten Gewässern, s. Strabo I p. 22. 246. 252. 258. Die Insel der Kalypso dachte man sich gewöhnlich beim Vorgebirge Lacinium s. Scylax 13, Plin. III, 10.. Die alte latinische Zaubergöttin und Zauberinsel, welche auf die Circe übertragen ward (S. 363), wurde bald zu einem neuen Mittelpunkt der Sagenbildung, da namentlich die Telegonie des Eugammon, das Gedicht von den späteren Schicksalen des Ulysses und denen des 665 Telegonos, seines Sohnes von der Circe, sich ohne Zweifel näher auf diese Gegenden eingelassen hatte, von denen sich bekanntlich die erste sichre Spur in den jüngeren Anhängen der Hesiodischen Theogonie v. 1011 ff. findet. Es werden nehmlich in diesem Gedichte als Söhne des Ulysses und der Circe genannt: Agrios d. i. wahrscheinlich Faunus und Latinos und Telegonos, mit dem Zusatze daß diese drei Brüder sehr weit nach Sonnenuntergang in einer Inselbucht über alle Tyrrhener geherrscht hätten, welche in dieser Zeit von den Latinern und andern eingebornen Stämmen noch nicht näher unterschieden wurdenDionys. I, 29 η̃ν γὰρ δὴ χρόνος ότε καὶ Λατι̃νοι καὶ ’Ομβρικοὶ καὶ Αύσονες καὶ Συχνοὶ άλλοι Τυρρηνοὶ υφ' ‛Ελλήνων ελέγοντο. Von jenen drei Brüdern ist Τηλέγονος der Ferngeborne, ’Άγριος i. q. ’Αγρεὺς d. i. Pan oder Faunus, wie Circe der Fauna verwandt ist, s. Göttling zu Hesiod. th. v. 1013.. Um so weniger werden wir uns bedenken die verwandten Sagen und Genealogieen dieser Stämme für alt zu halten, namentlich für älter als die Aeneassage, welche nicht durch die Griechen, die den feindlichen Troer wohl nicht verehren konnten, sondern durch Vermittlung der Elymer auf Sicilien nach Latium vorgedrungen zu sein scheint. So die vermuthlich schon zur Zeit der Tarquinier verbreitete Sage der Mamilier, eines edlen Geschlechts von Tusculum, welches Telegonos als den Gründer der Burg von Tusculum und dessen Tochter Mamilia als Stammmutter verehrteLiv. I, 49, Fest. und Paul. p. 150. 151, Dionys. IV, 45, Horat. Od. IV, 29, 8, Epod. I, 29, Ovid F. III, 92, IV, 71. Daher auf den Münzen der Mamilii das Bild des Ulysses als Bettler, wie ihn der Hund erkennt.. Ferner die gleichfalls wohl ziemlich alte Sage, nach welcher Ausonien diesen Namen von Auson, einem Sohne des Ulysses und der Kalypso, Andre nannten auch ihn einen Sohn der Circe, bekommen habe, und zwar zunächst die Gegend von Benevent und Cales, von wo sich der Name allmälich weiter verbreitet hattePaul. p. 18 Ausoniam, Scymn. Ch. v. 226 ff., Schol. Apollon. IV, 553, Eustath. z. Dionys. Perieg. 78, z. Odyss. p. 1379, 20, Serv. V. A. VIII, 328.. Wurden doch in einigen genealogischen Combinationen der Griechen selbst Romos, Antias und Ardeas Söhne des Ulysses und der Circe genanntDionys. I, 72 vgl. Plut. Rom. 2, Steph. B. v. ’Άντεια und ’Αρδέα, Serv. V. A. I, 277 und die Nachweisungen bei Stiehle Philol. 1849 S. 107, 1855 S. 167.; und auch sie müssen ziemlich alt sein, da sie jenen beiden Küstenplätzen, Antium und Ardea, noch so viel Bedeutung beilegen. Endlich wurden 666 Ulysses und seine Söhne auch bei den Etruskern hin und wieder genannt und verehrt, namentlich zu Cortona, wo man den aus andern Sagen bekannten Nanos, das Bild eines heimathlos Umhergetriebenen, auch wohl mit Ulysses identificirte und dessen Grab zeigteLycophr. Alex. 805 und 1242 ff. mit den Scholien und Tzetzes, vgl. O. Müller Etr. 2, 268 ff. Auf eine ganz eigenthümliche Auffassung deutet Plut. de aud. poet. 8. Durch den Verkehr der Etrusker mit dem Norden scheint mit andern Culturelementen die Sage von Ulixes selbst bis nach Deutschland gekommen zu sein, Tacit. Germ. 3., und in Clusium und Caere, wo man mit ähnlichen Combinationen lieber auf seine Söhne Telegonus und Telemachus zurückgingServ. V. A. VIII, 479, X, 167.. Weit einheimischer scheinen indessen in Etrurien die Sagen von dem mysischen Herakliden Telephus gewesen zu sein, welcher nicht selten anstatt des Herakles (S. 641) als Vater des Tyrrhenos oder des Tarchon und Tyrrhenos genannt wurde, von denen man gewöhnlich den Namen der Stadt Tarquinii und den der Nation ableiteteDionys. I, 28, Lycophr. Al. 1245 ff., Tzetz. zu vs. 1249 ‛Ηρακλέους καὶ Αύγης τη̃ς θυγατρὸς ’Αλέου παι̃ς Τήλεφος, Τηλέφου δὲ καὶ ‛Ιερα̃ς Τάρχων καὶ Τυρσηνός. Hiera ist eine Amazone, welche im mysischen Kriege an der Seite des Telephos kämpft, Philostr. Her. p. 691. Bei Plutarch Rom. 2 ist sogar Rome eine T. des Herakliden Telephos, die dem Aeneas vermählt wird.. Auch bei den tyrrhenischen Campanern, wenigstens in Capua, muß man diesen Herakliden als Ktisten verehrt haben, da sein Kopf und die Geschichte seiner Jugend auf den dortigen Münzen zu sehen istJ. Friedländer Osk. Münzen t. III, 19. 20 S. 13, Archäol. Ztg. 1843 S. 152, Bullet. Arch. 1853 p. 124. Gewöhnlicher leitete man Capua ab von dem Dardaniden Capys d. h. aus Troja.. Von Einigen wurde Telephus sogar mit Latinus identificirt, weil auch dieser hin und wieder für einen Sohn des Hercules galtSuid. v. Λατι̃νοι, vgl. Malal. Chron. VI p. 162, 4 Ddf., wo Latinos der Sohn des Telephos heißt.. Die mythologische Anknüpfung ist wie gewöhnlich die Zerstörung von Troja, nach welcher auch dieser Heros nach Italien verschlagen sein soll.

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