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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 114
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4. Castor und Pollux.

Auch der Cultus der Dioskuren hatte sich sehr bald über Sicilien und Italien verbreitet. In Großgriechenland waren Tarent und Locri eifrige Verehrer der reisigen Jünglinge; in Etrurien müssen sie gleichfalls viel verehrt worden sein, da ihre Bilder zu den gewöhnlichsten Verzierungen der etruskischen Spiegel gehören, wo ihre Namen Kastur (ausnahmsweise Kasutru) und Pultuc oder Pultuke, auch Pulutuke lauten. Eines Tempels zu Ardea mit alter griechischer Malerei gedenkt Plin. H. N. XXXV, 3, 6, unter den latinischen Städten scheint ihnen besonders Tusculum seit alter Zeit ergeben gewesen zu seinCic. de Divin. I, 43, 98, Fest p. 313 stroppus. Die Cornelia und Fonteia bezeichnen auf ihren Münzen ihre tusculanische Herkunft durch die Köpfe der Dioskuren. Ueber Ardea und die Küste vgl. Serv. V. A. I, 44, X, 564.. In Rom wurden sie vorzugsweise vom Ritterstande und als ideale Vorbilder der Ritterschaft verehrt, wie dieses auch in jenen bedeutenden, durch ihre Ritterschaft glänzenden Städten in Großgriechenland der Fall war, welche auf den Glauben und die Sitten der höheren Stände in Apulien, Lucanien und Campanien und durch deren Vermittlung auch auf Latium und Rom überhaupt und namentlich in diesem Falle einen nicht geringen Einfluß ausgeübt haben. Von Tarent bezeugen viele schöne Münzen sowohl die hohe Blüthe der ritterlichen Uebungen als eine entsprechende Verehrung der Tyndariden, welche den Tarentinern wie Herakles von ihrer Heimath her angestammt waren. Die Dioskuren von Locri waren durch das Wunder der Schlacht 659 am Flusse Sagra durch Griechenland und Italien berühmt geworden. Bedrängt von der Uebermacht der Krotoniaten hatten die Lokrer in Sparta um Hülfe gebeten, aber nichts weiter erlangen können als eine Hinweisung auf den Schutz der Dioskuren, dem sie sich gläubig anvertrauten. Als es bald darauf zur Schlacht kam, zwischen 15000 Lokrern und 120000 Krotoniaten, siehe da schwebte ein Adler, der Bote des Zeus, über den Reihen der Lokrer und verließ sie nicht eher als nachdem sich der Sieg für sie entschieden hatte. An den beiden Flügeln aber sah man zwei Jünglinge in glänzender Rüstung kämpfen, ragende Gestalten in purpurnen Mänteln und auf schneeweißen Rossen, die gleich nach der Schlacht verschwunden waren. Und Wunder über Wunder, an demselben Tage, wo diese Schlacht geschlagen wurde, erfuhr man davon bei den Olympischen Spielen, welche eben gefeiert wurden, so daß die Botschaft sich schnell durch ganz Griechenland verbreiteteCic. N. D. II, 2, 6, III, 5, 13, Iustin. XX, 3, 4, Diod. Exc. Vat. VII–X, 16, Suid. v. ’Αληθέστερα τω̃ν επὶ Σάγρα.. Münzen der Bruttier, der Lucaner, der Apuler beweisen die Verehrung der Dioskuren auch bei diesen Völkern, und aus der Erzählung bei Liv. VIII, 11, daß die Treue der Campanischen Ritter im latinischen Kriege in Rom durch das Bürgerrecht und eine Gedächtnißtafel im Tempel der Castoren belohnt worden sei, darf man folgern daß derselbe sowohl in Capua als in Rom speciell die Ritterschaft anging. Uebrigens lautet der Bericht von der Veranlassung des Cultus in Rom so ganz ähnlich jenem Berichte von der Schlacht am Flusse Sagra, daß eine unmittelbare Einwirkung kaum abzuweisen sein dürfte. In der Schlacht nehmlich, welche die kaum von den Tyrannen befreiten Römer im J. 258 d. St., 496 v. Chr. gegen die Tusculaner und Tarquinier am See Regillus auf Tusculanischem Gebiete zu bestehn hatten, wo die Römische Ritterschaft den Sieg entschied, soll sich im Wesentlichen dasselbe begeben haben. Auch hier sind die Römer sehr im Gedränge, da erscheinen dem Dictator Postumius zwei jugendliche Ritter von außerordentlicher Größe und Schönheit, setzen sich an die Spitze der römischen Geschwader und jagen die Tusculaner schnell in die Flucht; in einem Felsen an jenem See sah man noch zur Zeit des Cicero die deutliche Spur vom Hufe des Pferdes, auf welchem Castor geritten. Und kaum war der Sieg gewonnen, so verbreitet sich auch hier das Gerücht mit geisterhafter Geschwindigkeit, indem die göttlichen Jünglinge selbst auf dem römischen 660 Markte erschienen, noch in der vollen Aufregung und Rüstung der Schlacht und ihre schweißgebadeten Rosse am Bassin der Juturna waschend, wobei sie dem neugierig andrängenden Volke von der Schlacht und von dem Siege erzählen, Zweifelnde durch ein neues Wunder bekehren und endlich wie dort spurlos verschwindenCic. N. D. II, 2, 6, III, 5, 11, Dionys. VI, 13, Plut. Aemil. Paul. 25, nach welchem der erste Römer, welcher zu ihnen trat, die Nachricht nicht glauben wollte, worauf sie ihm lächelnd den schwarzen Bart mit der Hand berührten, der darauf röthlich wurde. Daher Domitius Aenobarbus. Vgl. auch die Münzen bei Riccio t. 40, 4. 5.. Ja auch die Zeit der Schlacht und der Epiphanie war dieselbe, denn die Iden des Juli, an denen man beide feierte, entsprechen der Zeit der Olympienfeier d. h. beide fielen um die Zeit des Vollmondes nach der Sommersonnenwende und dem längsten Tage, was sich merkwürdiger Weise auch bei späteren Epiphanieen der Dioskuren in der römischen Geschichte wiederholt, so daß hier ein bestimmter Cultusgrund im Spiele sein muß. Denn auch um die Zeit der Schlacht bei Pydna im J. 168 v. Chr. und des Siegs über die Cimbern in der Gegend von Verona im J. 101 v. Chr. erschienen und meldeten die Castoren den Sieg in Rom, in beiden Fällen wieder um die Zeit des Sommeranfangs und der SonnenwendeVon der Schlacht bei Pydna s. Cic. N. D. III, 5, 11, Val. Max. I, 8, 1, Flor. II, 12, 15, von der bei Verona Plut. Mar. 26, Flor. III, 3, 20. Vgl. den interessanten Aufsatz von A. Mommsen im Philol. 1856 S. 706 ff.: weshalb zu vermuthen ist daß die Griechen im Mutterlande wie in Sicilien und Italien seit alter Zeit diese lichten Götter und ihre Epiphanie grade in dieser Jahreszeit feierten und daß dadurch später auch der Glaube und der Cultus der Römer bestimmt wurde. Genug jene Schlacht am See Regillus bewog die Römer zur Erbauung eines Tempels der griechischen Götter auf derselben Stelle des Markts, wo sie dem Volke als Siegesboten erschienen waren; hatte ihnen doch der Dictator Postumius gleich auf dem Schlachtfelde einen eignen Tempel in Rom gelobtLiv. II, 20, Becker Handb. I, 298.. Auch das Bassin der Juturna, welches sich dicht bei diesem Tempel befand, wurde ihnen nun heilig, zum Gedächtnisse aber des Siegs und der Stiftung eine jährliche Feier am 15. Juli angeordnet, welche zu den glänzendsten Festlichkeiten in Rom gehörte und neben einer gleichartigen Feier an den Lupercalien der Ritterschaft eine regelmäßige Gelegenheit bot, sich in dem vollen Glanze und kriegerischen Staate ihres Standes der Stadt zu zeigen. Es ist dieses die sogenannte 661 transvectio equitum, ein Paradezug der römischen Ritter durch die Stadt, welcher in solcher Art und Ausrüstung, wie er in den besten Zeiten der Republik gehalten wurde, freilich erst durch den Censor Q. Fabius Maximus im J. 450 d. St., 304 v. Chr. angeordnet sein sollLiv. IX, 46, Val. Max. II, 2, 9. Ueber die transvectio an den Lupercalien s. Marquardt Handb. IV, 405, 2776.. Er begann vor dem Thore, wo auch damals der Dictator mit seinem Magister Equitum und den tapfern Rittern triumphirend eingezogen war, in älteren Zeiten wie es scheint beim T. des Honos gleich vor der p. Capena (S. 613), in späteren weiter hinaus beim T. Martis (S. 312) d. h. in der Gegend des Thores von S. SebastianoDionys. VI, 13, Aurel. Vict. vir. ill. 32. Mehr bei Becker Handb. II, 1, 260 ff.. Von dort setzten sich die Ritter in Bewegung, abgetheilt nach den alten Stämmen und nach Turmen, kriegerisch gerüstet auf ihren Pferden, als kämen sie direct aus der Schlacht, bekränzt mit den Zweigen des Oelbaums und im vollen Ornate der trabea mit purpurnen Streifen, alle mit ihren kriegerischen Ehrenzeichen geschmückt, in guten Zeiten an die 5000 Mann stark, der höchste Glanz der Stadt und die Blüthe ihrer adligen Jugend. Sie zogen aufs Forum um hier den Castoren die Ehre des Tags zu erweisen, für den ihnen von Seiten des Staates durch ein reichliches Opfer gedankt wurde, und von dort auf das Capitol, um auch dem Jupiter, dem Lenker der Schlachten, dem Vater der Dioskuren und dem Herrn aller Idus ihren Dank darzubringen. Die gewöhnlichen Namen der beiden Heldenjünglinge waren in Rom Castor und Pollux, doch lautete der letztere in der älteren Sprache PollucesPlaut. Bacch. IV, 8, 53, vgl. Varro l. l. V, 73. Auf einem etrusk. Spiegel mit lateinischer Inschrift heißt er Poloces, bei Gerhard t. 171.. Nicht selten gebrauchte man den einen Namen im Plural für beide, am gewöhnlichsten den des Castor; daher der Witz des M. Bibulus, der in der curulischen Aedilität und andern Aemtern Cäsars College war, daß es ihm wie dem Pollux neben seinem Bruder Castor ergeheSueton Caes. 10, Dio XXXVII, 8, Serv. V. Ge. III, 89 ideo Pollucem pro Castore posuit, quia ambo licenter et Polluces et Castores vocantur. Nam et ludi et templum et stellae Castorum appellantur. Vgl. Or. n. 1567.. So hieß auch jener von dem Sohne des Siegers Postumius an den Iden des Juli im J. 270 d. St. geweihte, von Tiberius neu erbaute Tempel gewöhnlich schlechthin der 662 Castortempel, aedes CastorisZ. B. Scipio Africanus, Pauli filius, cum pro aede Castoris dixit, Fest p. 286. Im J 448 d. St., 306 v. Chr. wurde dem Consul Marcius nach einem Triumphe über die Herniker eine Reiterstatue vor dem Castortempel zuerkannt, Liv. IX, 43, was wieder die specielle Beziehung zum ritterlichen Stande ausdrückt. Die Einweihung des neuen Tempels erfolgte am 27. Jan. des J. 6 n. Chr. Ovid F. I, 705.: ein ansehnliches Gebäude welches oft zu Senatssitzungen diente und wegen seiner Lage am Forum häufig erwähnt wird. Auch geschworen wurde viel beim Castor und Pollux, in den bekannten Formeln Edepol und Mecastor, von denen man jene im Munde von Männern und Frauen, diese nur in dem der Frauen fand (S. 653). Der außerordentlich häufige Gebrauch der Castorenbilder auf den älteren Münzen der Republik ist wieder eine Folge ihrer ritterlichen Natur, daher sie auch zu den vornehmsten Göttern des Circus gehörten, sowohl im Circus Maximus als im Circus Flaminius, wo sie an den Iden des August durch eigne Spiele gefeiert wurden und einen eignen Tempel hattenTertull. de Spectac. 8 Singula ornamenta Circi singula templa sunt. Ova honori Castorum adscribunt etc. Vgl. Vitruv. IV, 8, 4 und Kal. Amitern. Id. Aug.. Als Götter der beruhigten See und einer günstigen Schiffahrt wurden sie auch in den Häfen viel verehrt, z. B. in OstiaAmmian M. XIX, 10, 4 und das Epigramm aus Ostia b. Grut. 99, 2, Anthol. lat. n. 600. Vgl. Serv. V. A. III, 12, Or. n. 1565.. Dieses gab Veranlassung zu ihrer Identification mit den Göttern von Samothrake, daher auch sie den von dort verbreiteten Namen der Dii Magni führten.

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