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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 112
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Sabinische Sagentrümmer.

Wir wollen hier gleich die sonst erhaltenen Sagen des sabinischen Stammes anschließen, da sie dem Ideenzusammenhange nach hierher gehören. Dionys H. II, 48 ff. erzählt diese Sagen nach Varro, einem griechischen Schriftsteller Zenodot und Cato, welcher letztere am meisten Glauben verdient. Nach ihm war die Hochebene von Amiternum der eigentliche Stammsitz der Sabiner und ein offner Ort (sie kannten nur solche) Testrina ihre Metropole d. h. der Ort, von welchem sie den Ursprung ihres Namens und den Heroen, welcher denselben zuerst getragen, ableiteten. Er hieß Sabus oder Sabinus, in welchem Worte das b dem äolischen Digamma gleich zu achten ist, da die nahe verwandten Samnites d. i. Sabnites auf griechisch Σαυνι̃ται und auf einer Münze der Italiker Safineis heißen: worüber man auf die Vermuthung kommen könnte daß Sabus verwandt sei mit Saur, in welchem Worte wir oben S. 239 eine provincielle Form für 638 Saul oder Sol erkannt haben. Genealogisch nannte man diesen Sabus einen Sohn des Sancus, welcher nicht allein Nationalgott der Sabiner, sondern auch ihr ältester König gewesen sein sollDionys l. c. Κάτων δὲ Πόρκιος τὸ μὲν όνομα τω̃ Σαβίνων έθνει τεθη̃ναι φησιν επὶ Σαβίνου του̃ Σάγκου, δαίμονος επιχωρίου. Sil. Ital. VIII, 424 Ibant et laeti pars Sanctum voce canebant auctorem gentis, pars laudes ore ferebant Sabe tuas, qui de patrio cognomine primus dixisti populos magna ditione Sabinos. Augustin C. D. XVIII, 19 Sabini etiam regem suum primum Sangum, sive ut alii qui appellant Sanctum, retulerunt in deos., in diesem Zusammenhange aber wohl in der Bedeutung eines himmlischen Urwesens wie Ianus oder Iupiter aufgefaßt werden muß. Die gewöhnliche Sage dachte sich ihn als den ersten WinzerVirg. Aen. VII, 179 Paterque Sabinus vitisator curvam, servans sub imagine falcem. Io Lyd. de Mens. 1, 5 Σαβι̃νος εκ τη̃ς περὶ τὸν οι̃νον γεωργίας φερωνύμως ωνομάσθη· τὸ γὰρ Σαβι̃νος όνομα σπορέα καὶ φυτευτὴν οίνου διασημαίνει. Serv. V. A. I, 532 Oenotria dicta, – ut Varro dicit, ab Oenotro rege Sabinorum. Gewöhnlich leiten die Alten den Namen der Sabiner ab von σέβεσθαι, wegen ihrer strengen Frömmigkeit, s. Varro bei Fest. p. 343, Plin. H. N. III, 17, 108., welcher sein Volk wie Noah den Weinstock pflanzen gelehrt und dadurch die älteste Cultur begründet habe, so daß also in diesen ältesten Erinnerungen noch ganz die friedliche Beschäftigung mit Acker und Weinbau durchschimmert. Von Amiternum drangen die Sabiner erobernd weiter vor in die fruchtbare Gegend von Reate, wo der sabinische Hercules d. h. Semo Sancus als Pater Reatinus, also gleichfalls als Stammvater, Gründer und ältester König der Stadt und Landschaft verehrt wurdeSueton. Vespas. 12 conantes quosdam originem Flavii generis ad conditores Reatinos comitemque Herculis, cuius monumentum exstat via Salaria, referre etc. Vespasians Familie stammte nehmlich aus der Gegend von Reate. Vgl. die Inschriften aus Reate bei Or. n. 1858. 1862 und Ritschl Tit. Mummianus p. IX sq. und p. XVII, und die aus Amiternum bei Mommsen I. N. n. 5756. 5757., wie dasselbe Wesen später auch in Amiternum für einen Hercules galt. Von Reate endlich noch weiter vordringend fanden sie einen neuen Mittelpunkt in Cures, einem später dürftigen und kleinen OrteVirg. Aen. VI, 810 von Numa: primus qui legibus Urbem fundabit, Curibus parvis et paupere terra missus in imperium magnum., von welchem die ältere Ueberlieferung aber sowohl T. Tatius als Numa ableitet. Eine alterthümliche Sage über die Entstehung dieses Orts erzählt Dionys II, 48 nach Varro. In der Gegend von Reate sei eine Jungfrau vornehmen Geschlechts zum gottesdienstlichen Tanze des sabinischen Mars 639 Quirinus geführt worden. Während des Tanzes in dem Haine eilt sie in heiliger Verzückung in das innere Heiligthum und wird dort von dem Gotte schwanger, wie Rhea Silvia in der Höhle bei Alba. Als die Zeit gekommen gebiert sie einen Knaben, welcher zum Helden seines Volks und zum Gründer von Cures bestimmt war. Sein Name sei gewesen Modius Fabidius, wo das erste Wort an den Sabiner Mettus oder Metius Curtius und an den Albaner Mettus oder Metius Fufetius erinnert, was wieder mit dem oskischen medix oder meddix d. i. Fürst, summus magistratus, zusammenhängen mag, das zweite Wort an das uralte römische Geschlecht der Fabii, welches sich vom Hercules abzustammen rühmte und Gentilsacra auf dem Quirinal hatte (Liv. V, 46). Dieser Modius Fabidius also wird als ein wahrer Held beschrieben, übernatürlich groß und stark und unüberwindlicher Sieger in allen Schlachten seines Volks. Doch will er nicht allein kämpfen, sondern auch friedlich herrschen, daher er viel Volks um sich versammelt und in wunderbar kurzer Zeit die Stadt Cures gründet, die er nach seinem Vater, dem kriegerischen Lanzengotte benannte.

Nach einer andern Sage waren die Sabiner Abkömmlinge der Lacedämonier und ihr Stammvater Sabus ein lacedämonischer Flüchtling, der auf wunderbaren Wegen in diese Gegend verschlagen sei. Dionysius II, 49 bezieht sich dabei ausdrücklich auf inländische Ueberlieferungεν ιστορίαις επιχωρίοις λεγόμενος λόγος. Vgl. Serv. V. A. VIII, 638, nach welchem auch Cato die Sabiner a Sabo Lacedaemonio ableitete. Daher es bei Sil. Ital. II, 8 heißt: Poplicola ingentis Volesi Spartana propago, vgl. Dionys II, 46 und Sil. Ital. VIII, 412, XV, 546, wo auch die Claudier von Lacedämon hergeleitet werden., so daß wir dieselbe nicht allzugering achten dürfen. Gewöhnlich denkt man an die strenge Zucht der Spartaner und Sabiner, als ob man wegen dieser Aehnlichkeit der Sitten die letzteren für die Abkömmlinge von jenen gehalten habe; und allerdings gefiel man sich später in Rom in dieser Erklärung des erdichteten Zusammenhangs. Doch fragt es sich ob nicht vielmehr ein genealogisches Spiel der Griechen, namentlich der Tarentiner, den ersten Anlaß gegeben hat. In Tarent nehmlich nannte man nicht blos den Ktisten Phalanthos einen Herakliden, sondern alle Tarentiner ließen sich gerne Phalanthiden, also Herakliden nennenHerculeum Tarentum Virg. Aen. III, 551, vgl. Horat. Od. II, 6, 11 mit dem Comm. Cruq., Strabo VI p. 426, Iustin. III, 4, Steph. B. ’Αθη̃ναι und Callimachus bei Schol. Dionys. Per. 376 πάντες αφ' ‛Ηρακλέους ετήτυμον έστε Λάκωνες, έξοχα δ' εν πεδίοις οὶ πόλιν ’Ιταλω̃ν ωκίσατε., wie die Athenienser sich gerne 640 Thesiden nennen hörten. Da nun dem griechischen Herakles der sabinische Sancus entsprach, so lag es sehr nahe den Stammvater der Nation Sabus gleichfalls für einen Herakliden und Abkömmling von Lakedämon auszugeben, wodurch die Tarentiner und Samniter, welche wie Apulien mit Tarent in lebhafter Verbindung standen und auch die griechische Bildung frühzeitig von dort angenommen hatten, von selbst zu nahen Verwandten wurden. Wird uns doch bei Strabo V p. 250 ausdrücklich von den Samnitern überliefert, daß nach Einigen Lakedämonier sich unter ihnen angesiedelt hätten und darüber das Volk so viel Neigung zur griechischen Sitte und Bildung bekommen habe. Es sei, setzt er hinzu, dieses eben nur eine Erdichtung der Tarentiner, welche ihren mächtigen Nachbarn zu einer Zeit, wo sie von ihrer nationalen Weise schon zu weichen begannen, dadurch hätten schmeicheln und sie ihrem eigenen Interesse dienstbar machen wollen: wodurch man von selbst an die Lage der Dinge zur Zeit der Samniterkriege und des Königs Pyrrhus erinnert wird. Es wird also diese Dichtung wahrscheinlich zunächst die Sabiner von Samnium gemeint haben und von dort erst später auf die andern Sabiner übertragen sein, woraus hernach die abenteuerliche, beim Heiligthum der Feronia von Terracina anknüpfende Erzählung von einer Landung der Spartaner in dortiger Gegend entstanden ist (S. 378).

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