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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 99
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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557 25. Wie viele Truppen damals nach Africa hinübergeschafft sind, darüber sind die Schriftsteller in den Summen weit aus einander. Hier finde ich zehntausend Mann zu Fuß, zweitausend zweihundert zu Pferde; dort sechzehntausend zu Fuß und tausend sechshundert zu Pferde; bei Andern Alles über die Hälfte vergrößert und an Fußvolk und Reuterei fünfunddreißigtausend Mann als eingeschifft angegeben. Einige geben die Summe nicht an, und unter diese möchte ich bei den darüber obwaltenden Zweifeln am liebsten gehören. Cölius, läßt er sich gleich nicht auf die Summe des Ganzen ein, so giebt er ihm doch den Schein einer ungeheuren Menge. Vögel, sagt er, seien vom Geschreie der Soldaten auf die Erde gefallen, und der zu Schiffe Gehenden eine solche Menge gewesen, daß man hätte denken sollen, weder in Italien, noch in Sicilien bleibe irgend ein Sterblicher zurück.

Die Sorge für die ordentliche und ruhige Einschiffung der Soldaten übernahm Scipio selbst. Unterdeß hielt der Befehlshaber der Flotte, Cajus Lälius, die Seeleute, die er früher hatte einsteigen lassen, auf den Schiffen beisammen. Die Einladung der Lebensmittel bekam der Prätor Marcus Pomponius zu besorgen: man lud auf fünfundvierzig Tage Mundvorrath und darunter für funfzehn Tage Gebackenes. Wie Alle eingeschifft waren, ließ Scipio Kähne umhergehen, um von jedem Schiffe den Steuermann, den Schiffshauptmann und zwei Soldaten zum Empfange seiner Befehle auf den Markt zusammenkommen zu lassen. Als sie beisammen waren, that er zuerst die Frage, ob sie für Menschen und Vieh auf eben so viele Tage Wasser eingenommen hätten, als Getreide. Sie antworteten, es sei auf fünfundvierzig Tage Wasser auf den Schiffen; und nun zeigte er den Soldaten an, daß sie gegen die Seeleute mit aller Ruhe, ohne Widersetzlichkeit, in allen zu leistenden Handreichungen als die willig Folgsamen, sich schweigend zu verhalten hätten. Er selbst und Lucius Scipio würden die Fahrschiffe auf dem rechten Flügel mit zwanzig Kriegsschiffen decken; den linken eben so viele Kriegsschiffe unter dem Befehlshaber der 558 Flotte Cajus Lälius, nebst dem Marcus Porcius Cato; dieser war damals Schatzmeister. Jedes Kriegsschiff solle Ein, jedes Fahrschiff zwei Lichter haben; ihres Feldherrn Schiff werde bei Nacht an drei Lichtern kenntlich sein. Den Steuermännern befahl er, auf Emporia zu gehen. Dies ist eine äußerst fruchtbare Landschaft, und darum hat die Gegend reichen Überfluß an Allem; ihre Barbaren sind, wie auf üppigem Boden gewöhnlich, unkriegerisch; und er hoffte sie bezwungen zu haben, ehe man ihnen von Carthago zu Hülfe käme. Nachdem er ihnen diese Befehle bekannt gemacht, hieß er sie auf die Schiffe zurückgehen und am folgenden Tage in Gottes Namen auf das gegebene Zeichen die Anker lichten.

26. Schon manche Römische Flotte war aus Sicilien und selbst aus diesem Hafen abgegangen. Allein nicht bloß in diesem Kriege, – und das wäre kein Wunder; denn die meisten Flotten waren nur auf Plünderung ausgelaufen – sondern auch nicht einmal im vorigen hatte die Abfahrt irgend einer ein solches Schauspiel gewährt. Freilich wenn man bloß die Größe seiner Flotte in Anschlag brachte, so waren ehemals zwei Consuln zugleich mit zwei Heeren übergegangen, und bei jenen Flotten hatten sich fast so viele Kriegsschiffe befunden, als Scipio jetzt Ladungsschiffe hinüberführte. Allein Einmal hatten der Umstand, daß dieser Krieg in Italien geführt wurde, und die großen Niederlagen so vieler Heere, mit denen zugleich ihre Feldherren fielen, die Wirkung, daß in den Augen der Römer der eine Krieg gegen den andern, der zweite gegen den ersten, weit schrecklicher erschien. Zum Andern zog auch ein Feldherr, wie Scipio, den theils seine tapfern Thaten, theils ein gewisses ihm eigenes Glück, um seinen außerordentlichen Ruhm zu erhöhen, zum AllgepriesenenPartim suapte fortuna quadam ingentis ad incrementa gloriae celebratus]. – Diese celebritas, die manchem andern großen Manne nachtheilig wird, ihm das Entgegenarbeiten und den Neid Andrer zuzieht, gereichte dem Scipio suapte fortuna quadam ad incrementa gloriae. machten, die Aufmerksamkeit Aller auf sich; so wie auch sein Zweck bei dieser 559 Überfahrt, auf welchen sich kein Feldherr vor ihm in diesem Kriege einließ; insofern er selbst in Umlauf gebracht hatte, er gehe hinüber, um den Hannibal aus Italien hinauszuzwingen, den Krieg nach Africa überzutragen und dort zu endigen. Zu diesem Schauspiele war das ganze Gewühl nicht allein von Lilybäums Einwohnern am Hafen zusammengeströmt, sondern auch von allen Gesandschaften aus Sicilien, welche theils aus Höflichkeit sich einfanden, um sich vom Scipio zu beurlauben, theils an den Prätor der Provinz, den Marcus Pomponius, sich angeschlossen hatten. Außerdem waren auch die in Sicilien zurückbleibenden Legionen ausgerückt, ihre Waffenbrüder zu entlassen; und so wie die Flotte den ihr vom Lande aus Nachsehenden, so gewährte das ganze rund umher dicht mit Menschen besetzte Gestade den Abfahrenden ein nicht geringeres Schauspiel.

27. Als es helle war, ließ Scipio durch den Herold Stille gebieten und sprach vom Hauptschiffe herab also: «Ihr Götter und Göttinnen, die ihr die Meere und die Lande bewohnet, euch bete ich, euch flehe ich an. Möge Alles, was unter meinem Oberbefehle geschehen ist, geschiehet und noch geschehen wird, für mich, für Roms Gesamtvolk und seine Bürger, für seine Bundsgenossen und die Latiner, für Alle, die des Römischen Volks und meiner Partei, die meinem Oberbefehle und meiner Götterleitung zu Lande, zu Wasser und auf Strömen folgen, zum Heile ausschlagen! Möget ihr dies Alles gnädig unterstützen, durch segensreiches Gedeihen heben; sie selbst aber gesund und wohlbehalten, von den überwundenen Feinden als Sieger kehrend, mit Waffenraube geschmückt, mit Beute beladen und triumphirend mit mir zur Heimat zurück geleiten; uns Rache nehmen lassen an unsern Widersachern und Feinden, und mir und dem Römischen Volke die Macht verleihen, an dem State der Carthager solche Beispiele aufzustellen, als das Carthagische Volk an unserm State zu stiften geschäftig war!» Nach diesem Gebete reichte er das Opferfleisch roh, wie es Sitte ist, ins Meer hinab, und ließ 560 durch die Trompete das Zeichen zur Abfahrt geben. Da sie mit gutem ziemlich starken Winde abfuhren, so kamen sie dem Lande schnell aus dem Gesichte; auch erhob sich nach Mittag ein so dunkler Nebel, daß sich die Schiffe kaum vor dem Zusammenstoßen hüten konnten. Auf der Höhe ließ der Wind nach. Eben der Nebel dauerte die folgende Nacht, verzog sich aber nach Sonnenaufgange und der Wind ward stärker. Jetzt sahen sie Land; und gleich darauf meldete der Steuermann dem Scipio: «Africa sei nicht über fünftausend Schritte entfernt; er sehe das Vorgebirge Mercurs. Wenn er dort hinzusteuern befehle, so solle die ganze Flotte bald im Hafen sein.» Als Scipio das Land im Gesichte hatte, bat er die Götter, sie möchten ihn Africa zum Segen für den Stat und für ihn haben erblicken lassen, hieß die Segel aussetzen und weiter abwärts eine andre Anfahrt suchen. Sie gingen noch mit demselben Winde: allein der fast um eben die Zeit, wie gestern, sich erhebende Nebel entzog ihnen den Anblick des Landes und unter der Nebelhülle legte sich der Wind. Darauf machte die Nacht Alles noch unsicherer. Also mußten die Schiffe, um nicht auf einander zu stoßen, oder gegen den Strand zu laufen, sich vor Anker legen. Als es Tag wurde, erhob sich eben der Wind wieder und enthüllete ihnen nach zerstreuetem Nebel die ganze Küste von Africa. Da dem Scipio auf die Frage, wie das nächste Vorgebirge heiße, gesagt wurde, das Vorgebirge des Pulcher (des Schönen), so rief er: «Die Vorbedeutung ist gut: lenket die Schiffe darauf zu!»Dahin also fuhr die Flotte, und die sämtlichen Truppen wurden ans Land gesetzt. Daß die Fahrt glücklich gewesen sei, ohne alle Gefahr und Beunruhigung, habe ich auf das Zeugniß so vieler Griechischen und Lateinischen Schriftsteller geglaubt. Der einzige Cölius, außer daß er die Schiffe nicht in den Fluten begräbt, schildert sie uns unter allen möglichen Schrecken des Himmels und der See, läßt zuletzt die Flotte durch Sturm von Africa nach der Insel Ägimurus verschlagen werden, von da nur mit Mühe auf ihre Bahn wieder einlenken, und die Soldaten 561 von ihren beinahe gesunkenen Schiffen, ohne Geheiß des Feldherrn, auf Kähnen, gleich Schiffbrüchigen ohne Waffen in großer Unordnung sich ans Land retten.

28. Nach Ausschiffung ihrer Truppen steckten die Römer auf den nächsten Hügeln ein Lager ab. Schon hatte sich, zuerst beim Anblicke der Flotte, dann über das Getümmel der Landung, Bestürzung und Schrecken nicht bloß über die Dörfer der Küste, sondern selbst bis in die Städte verbreitet. Allenthalben hatte die Wege nicht bloß ein Gewühl von Menschen erfüllt, in welchem Züge von Weibern und Kindern sich mischten, sondern die Landleute trieben auch ihre Heerden vor sich weg: man hätte denken sollen, Africa werde auf Einmal geräumt. Den Städten selbst aber jagten sie einen größern Schrecken ein, als sie mit sich hineinnahmen; vorzüglich war in Carthago der Aufruhr beinahe so groß, als ob es schon erobert wäre. Die Bürger hatten nach den Consuln Marcus Atilius Regulus und Lucius Manlius, seit etwaPrope quinquaginta]. – Gesner giebt im Thes. dem Worte prope die Bedeutung von fere. Dann könnte es also eben so gut ein Par mehr, als ein Par weniger bedeuten. Derselbe Fall war oben Cap. 16. gleich im Anfange. Eigentlich war dies jetzt das 53ste Jahr seit jener Landung. funfzig Jahren kein Römisches Heer gesehen, nur etwa auf Plünderung ausgelaufene Flotten, die an den Küsten Truppen ausgesetzt, und wenn sie das, was ihnen zufällig aufstieß, geraubt hatten, immer wieder ihren Schiffen zugeeilt waren, ehe noch das Geschrei die Landleute zusammenrief. Um so viel größer war jetzt das Flüchten und die Bestürzung in der Stadt. Und in der That hatten sie jetzt weder ein tüchtiges Heer zu Hause, noch einen Feldherrn entgegenzustellen. Hasdrubal, Gisgons Sohn, war freilich durch Adel, Ruf, Reichthum, und jetzt auch durch seine Verwandschaft mit einem Könige bei weitem der erste Mann im State; allein sie wußten auch, daß er von eben diesem Scipio in Spanien in mehrern Schlachten besiegt und verfolgt war, und daß er als Feldherr dem Römischen Feldherrn eben so wenig gewachsen sei, als ihr zusammengerafftes Heer dem 562 Römischen Heere. Folglich ertönte allenthalben das Geschrei: Zu den Waffen! nicht anders, als ob Scipio sogleich die Stadt selbst angreifen würde: eiligst wurden die Thore geschlossen, die Mauern mit Truppen besetzt, Wachen und Posten ausgestellt, und in der nächsten Nacht blieb Alles wach. Die fünfhundert Reuter, die man am folgenden Tage ausschickte, sich an der Küste umzusehen, und die Feinde bei der Landung zu beunruhigen, stießen schon auf Römische Posten. Denn Scipio hatte nach Absendung seiner Flotte gegen Utica, ohne weit vom Meere vorzurücken, schon die nächsten Höhen besetzt und Reuterei theils auf schickliche Posten ausgestellt, theils auf Plünderung in die Dörfer gehen lassen.

29. Diese erlegte, als sie mit der Carthagischen Reuterei zum Gefechte kam, einige im Treffen selbst, die meisten aber auf der Flucht im Nachsetzen, und unter letztern auch den Anführer Hanno, einen jungen Mann von Adel. Scipio verwüstete nicht allein das Land umher, sondern eroberte auch die nächste ziemlich wohlhabende Africanische Stadt, wo außer den übrigen Gütern, die er sogleich auf Frachtschiffe laden und nach Sicilien abgehen ließ, achttausend Freigeborene und Sklaven seine Beute wurden. Doch war den Römern für den Anfang ihrer Unternehmungen nichts erfreulicher, als die Ankunft des Masinissa. Einige geben an, er sei mit nicht mehr als Zweihunderten zu Pferde, Andre, er sei mit einer Reuterei von zweitausend Mann angekommen. Doch da er unter allen Königen seiner Zeit bei weitem der größeste war und dem Römischen State so vorzügliche Dienste geleistet hat, so darf ich mir wohl für die Schilderung der mancherlei Schicksale, unter denen er sein Erbreich verlor und wiedereroberte, eine kleine Abschweifung erlauben.

Während er in Spanien für Carthago focht, starb ihm sein Vater: dieser hieß Gala. Die Regierung fiel an des Königs hochbetagten Bruder, Ösalces; so ist es bei den Numidern Sitte. Als auch bald nachher Ösalces starb, bekam der ältere von seinen beiden Söhnen, Capusa – der andre war noch sehr jung – den väterlichen 563 Thron. Da ihn aber auf diesem mehr das Erbrecht, als eigenes Gewicht bei den Unterthanen oder Macht schützte, so trat ein gewisser Mezetulus auf, der zwar auch zum königlichen Hause, aber zu einer Linie gehörte, die mit der jetzt regierenden immer in Feindschaft lebte und ihr mit wechselndem Glücke den Thron streitig machte. Durch sein großes Ansehen bei denjenigen Unterthanen, die mit dem regierenden Hause unzufrieden waren, brachte er diese zum Aufstande, schlug in offenem Felde ein Lager auf und zwang den König, sich auf eine Schlacht einzulassen und sein Reich daran zu wagen. In diesem Treffen blieb Capusa mit vielen Vornehmen, und das ganze Massylische Volk unterwarf sich der Hoheit und Regierung des Mezetulus. Doch enthielt er sich des königlichen Namens, und mit dem bescheidenen Titel eines Vormundes sich begnügend, erklärte er den vom königlichen Stamme noch übrigen unmündigen Prinzen Lacumaces zum Könige. In der Aussicht auf eine Verbindung mit Carthago vermählte er sich mit einer vornehmen Carthagerinn, einer Schwestertochter Hannibals, welche unlängst mit dem Könige Ösalces vermählt war; und erneuerte auch durch eine abgefertigte Gesandschaft das alte Bündniß mit Syphax; lauter Vorkehrungen, sich gegen den Masinissa Beistand zu verschaffen.

30. Als Masinissa hörte, daß sein Oheim gestorben, und dann, daß sein Vetter gefallen war, setzte er aus Spanien nach Mauretanien über. König der Mauren, war damals Bocchar. Auf sein flehentliches, wehmüthiges Bitten erhielt er von diesem viertausend Mauren, aber ohne ihre Begleitung in den Krieg bewirken zu können, nur zur Bedeckung auf der Reise. Als er mit diesen, nach Voraussendung eines Boten an seines Vaters und seine Freunde, an die Gränzen seines Reichs gekommen war, so sammelten sich bei ihm gegen fünfhundert Numider. Hier ließ er die Mauren, der Abrede gemäß, zu ihrem Könige zurückgehen, und war gleich die Zahl der bei ihm sich Einfindenden weit unter seiner Hoffnung, und gar nicht so, daß er mit ihr eine so große 564 Unternehmung sicher hätte wagen können, so zog er dennoch in der Voraussetzung, er werde durch Handeln und Versuchen auch an Kraft zum Handeln gewinnen, dem jungen Könige Lacumaces, der eben auf dem Marsche zum Syphax war, bei Thapsus entgegen. Voll Bestürzung floh der Zug in die Stadt: Masinissa eroberte die Stadt im ersten Angriffe, nahm diejenigen von den königlichen Truppen, die sich ergaben, unter die Seinigen und ließ die sich zur Wehr Setzenden niederhauen. Der größte Theil entkam im Getümmel mit dem Knaben selbst zum Syphax, zu welchem zu gehen ihre erste Absicht gewesen war. Der Ruf von dieser mäßigen That, die gleich anfangs mit Glück ausgeführt war, wandte die Numider dem Masinissa zu. Von allen Seiten strömten aus Dörfern und Flecken die alten Soldaten des Gala herbei und riefen den jungen Helden zur Wiedereroberung seines väterlichen Reichs. An Truppenzahl war ihm Mezetulus bei weitem überlegen. Denn theils hatte er selbst noch jenes Heer, womit er den Capusa schlug, und eine Menge derer, die er nach des Königs Falle begnadigte; theils hatte ihm der junge Lacumaces vom Syphax ansehnliche Verstärkungen zugeführt. Beim Mezetulus standen funfzehntausend Mann Fußvolk, zehntausend Mann Reuterei. Lange nicht so stark, weder zu Fuß, noch zu Pferde, lieferte ihnen Masinissa eine Schlacht. Und doch siegte theils die Tapferkeit der alten Krieger, theils der Scharfblick eines Feldherrn, der sich so oft zwischen Römischen und Punischen Waffen umgetummelt hatte. Der junge König mit seinem Vormunde und eine kleine Schar Masäsyler retteten sich auf das Carthagische Gebiet. Weil aber Masinissa, der so seines väterlichen Reiches wieder Herr geworden war, einem weit größern Kampfe mit Syphax entgegen sah, so schickte er, um sich lieber mit seinem Vetter auszusöhnen, an ihn, ließ dem Prinzen die Aussicht eröffnen, wenn er sich dem Masinissa ergäbe, so sollte er bei ihm denselben ehrenvollen Rang haben, in welchem Ösalces bei dem Gala gestanden habe; ließ auch dem Mezetulus außer der Ungestraftheit die 565 gewissenhafteste Rückgabe aller seiner Güter versprechen, und brachte sie, da sie beide ein mäßiges Glück zu Hause dem Leben im Auslande vorzogen, so angelegentlich es auch die Carthager zu hintertreiben suchten, zu sich herüber.

31. Gerade als dieses sich zutrug, war Hasdrubal bei dem Syphax. Und als der Numidische König meinte, es habe wenig Beziehung auf ihn, ob das Massylische Reich in Lacumaces oder Masinissa's Händen sei, so sagte ihm Hasdrubal: «Er täusche sich sehr, wenn er glaube, Masinissa werde sich mit derselben Macht begnügen, wie sein Vater Gala, oder sein Oheim Ösalces. Der sei mit weit größerem Muthe und Geiste ausgestattet, als irgend Einer seines Stammes. Oft habe er in Spanien Proben einer bei Menschen seltenen Tapferkeit vor Freunden und Feinden abgelegt: und Syphax sowohl, als die Carthager, wenn sie dies Feuer nicht gleich im Entstehen erstickten, würden sich demnächst von einer gewaltigen Feuersbrunst ergriffen sehen, wann sie schon mit aller Hülfe zu spät kämen. Jetzt nur sei seine Kraft noch zart und leicht zu knicken, so lange er noch an seinem kaum zusammenheilenden State zu bähen habe.» Unter beständigem Anhalten und Treiben redete er ihm ein, er müsse ein Heer an die Massylische Gränze rücken lassen, und einen gewissen Bezirk, über den es schon oft mit dem Gala nicht bloß zum Wortstreite, sondern selbst zu Treffen gekommen war, als sein unstreitiges Eigenthum vermittelst eines Lagers besetzen. Wolle ihn jemand vertreiben, und das sei gerade das Wünschenswerthe, so müsse er es zur Schlacht kommen lassen; räume man ihm den Strich aus Feigheit ein, so müsse er in das Innere des Königreiches selbst dringen: entweder würden die Massyler ohne Schwertschlag sich seiner Hoheit unterwerfen, oder ihm doch auf keine Weise im Felde gewachsen sein.» Durch diese Vorstellungen aufgeregt kündigte Syphax dem Masinissa den Krieg an, und gleich im ersten Treffen schlug er die Massyler völlig. Masinissa rettete sich vom Schlachtfelde nur mit 566 wenig Reutern auf einen Berg, der bei den Einwohnern Balbus heißt. Mehrere Familien zogen mit ihren Hütten und Heerden – diese sind ihr Geld – dem Könige nach: die übrigen Massyler sämtlich unterwarfen sich der Hoheit des Syphax.

Der Berg, den die Flüchtlinge besetzt hatten, ist reich an Gras und Wasser, und weil er so zur Viehweide taugte, so gab er auch Leuten, die von Fleisch und Milch lebten, vollkommen hinreichende Nahrung. Von hier aus wurde nun, anfangs durch nächtliche und verstohlne Ausfälle, dann durch offenbaren Straßenraub, die ganze Gegend umher unsicher: am meisten litt das Gebiet von Carthago, theils weil es hier mehr Beute gab, als im Numidischen, theils weil sich es hier mit mehr Sicherheit rauben ließ. Und schon trieben sie ihren höhnenden Unfug so ungehindert, daß sie ihren ans Meer gefahrnen Raub an Kaufleute verhandelten, die bloß darum mit ihren Schiffen anlegten; und daß mehr Carthager getödtet und gefangen genommen wurden, als zuweilen in einem ordentlichen Kriege. Hierüber beschwerten sich die Carthager beim Syphax; und bei seinem alten Grolle brachten sie ihn zu dem Entschlusse, die Überbleibsel des Krieges abzuthun. Allein für den König selbst schien es doch fast zu schimpflich, auf einen im Gebirge umherstreifenden Räuber Jagd zu machen.

32. Bocchar, einer von den königlichen Befehlshabern, ein rascher und unternehmender Mann, wurde dazu ausersehen. Man gab ihm viertausend Mann zu Fuß, zweitausend zu Pferde: und überhäuft mit versprochenen hohen Belohnungen, wenn er den Kopf des Masinissa brächte, oder gar zu einer nicht zu berechnenden Freude ihn lebendig gefangen lieferte, that er auf die Zerstreuten, sorglos sich Umtreibenden einen unvermutheten Angriff, schnitt Heerden und Menschen in großer Menge von ihrer bewaffneten Bedeckung ab, und jagte den Masinissa selbst mit Wenigen auf den Gipfel des Berges. Nachdem er von hier, als sei der Krieg so gut als geendet, nicht bloß seine Beute an gefangenen Heerden und 567 Menschen dem Könige zugeschickt, sondern auch die für den Überrest des Krieges viel zu zahlreichen Truppen zurückgesandt hatte, verfolgte er den von der Höhe herabgekommenen Masinissa nur mit fünfhundert Mann zu Fuß und zweihundert zu Pferde, und schloß ihn in einem engen Thale zwischen beiden besetzten Mündungen ein. Hier ging es schrecklich über die Massyler her. Mit nicht mehr als funfzig Reutern entriß sich ihm Masinissa durch Gebirgskrümmen, die seine Verfolger nicht kannten. Dennoch blieb ihm Bocchar auf der Spur, und da er ihn in den offenen Gefilden nahe bei der Stadt Clupea einholte, umzingelte er ihn so, daß er bis auf vier Reuter die andern sämtlich niederhieb. Und im Getümmel entschlüpfte mit diesen auch der verwundete Masinissa ihm unter den Händen. Aber die Fliehenden waren ihm noch nicht aus den Augen. Ein Geschwader von Reutern, über das ganze Feld verbreitet, zum Theile seitwärts absprengend, um den Flüchtigen entgegenzukommen, jagte fünf Feinden nach. Ein großer Strom nahm die Fliehenden auf – denn ohne Säumen hatten sie sich, von einer größern Furcht bedrängt, auf ihren Pferden hineingestürzt: – der Strudel faßte sie und führte sie quer vorüber; und da ihrer Zwei vor den Augen der Feinde vom reißenden Strudel verschlungen wurden, so hielten sie auch ihn für ertrunken. Aber die beiden übrigen Reuter stiegen mit ihm unter dem Gebüsche des jenseitigen Ufers ans Land. Hier hatte Bocchars Verfolgung ein Ende, theils weil er in den Fluß sich nicht wagte, theils weil er glaubte, er habe niemand mehr zu verfolgen. Er kehrte mit dem falschen Berichte, Masinissa sei ertrunken, zum Könige zurück: nach Carthago wurden Boten geschickt, die große Freude zu verkündigen; und in ganz Africa, so weit der Ruf von Masinissa's Tode es erfüllte, erregte er sehr ungleiche Empfindungen.

Masinissa lebte in einer verborgenen Höhle mehrere Tage lang, während er mit Kräutern seine Wunde heilte, von den Räubereien seiner beiden Reuter. Sobald die Wunde geharscht war und die Bewegung zu gestatten 568 schien, machte er sich mit unglaublicher Kühnheit auf den Weg zur Wiedereroberung seines Reichs. Und als er bei seiner Ankunft in Massylien mit nicht mehr als vierzig unterwegs gesammelten Reutern sich öffentlich kundgab, so bewirkte theils die alte Liebe zu ihm, theils die unverhoffte Freude, ihn frisch und gesund zu sehen, den man für todt gehalten hatte, eine so allgemeine Bewegung, daß sich in wenig Tagen sechstausend Bewaffnete zu Fuß, viertausend zu Pferde, bei ihm einfanden; und er nicht allein schon im Besitze seines väterlichen Reiches, sondern sogar im Stande war, das Gebiet Carthagischer Bundesvölker und das Land der Masäsyler – dies war das Reich des Syphax – zu verheeren. Da er hiedurch den Syphax zum Kriege gereizt hatte, nahm er zwischen Cirta und Hippo eine Stellung auf Gebirgshöhen, die er zu jeder Absicht benutzen konnte.

33. Syphax, dem die Sache ernsthafter wurde, als daß er sie einem Unterfeldherrn überlassen dürfte, gab seinem Prinzen, dem jungen Vermina, der mit einem Theile des Heers vorausgehen sollte, den Auftrag, den Feind, während er selbst ihn beschäftige, zu umgehen und im Rücken anzugreifen. Vermina, der den versteckten Angriff zu machen hatte, trat seinen Marsch in der Nacht an; Syphax aber zog mit seinem Lager bei hellem Tage weiter, und auf offener Straße, um auch für den genommen zu werden, der ein förmliches Treffen in Linie anbieten will. Wie seiner Rechnung nach die Zeit da war, wo die sich Herumziehenden zur Stelle sein konnten, so ließ er auch im Vertrauen auf seine Menge und auf die dem Feinde von hinten drohende List, obgleich ein mäßiger Abhang zu ihm hinanführte, seine bergaufsteigende Linie anrücken. Masinissa, vorzüglich durch den Platz gesichert, der ihm im Gefechte bei weitem den größern Vortheil gewähren mußte, stellte die Seinigen ebenfalls. Das Treffen war fürchterlich und lange unentschieden, weil Stellung und Tapferkeit der Fechtenden auf Seiten des Masinissa, allein eine mehr als zu große Überzahl auf Seiten des Syphax war. Und da diese Übermacht in zwei Haufen, theils von vorn eindrang, 569 theils von hinten sich herumgezogen hatte, so gab sie dem Syphax den entschiedenen Sieg: und die hier von vorn, dort vom Rücken her Eingeschlossenen behielten nicht einmal einen offenen Ausweg zur Flucht. So wurden die Übrigen, Fußvolk und Reuterei, niedergehauen, oder gefangen genommen: nur gegen zweihundert Reuter, welche Masinissa um seine Person gesammelt und als Geschwader in drei Haufen getheilt hatte, forderte er mit Angabe des Orts, wo sie aus der Zerstreuung sich zusammenfinden wollten, auf, sich durchzuschlagen. Er selbst brach auf dem Punkte, den er sich gesetzt hatte, mitten unter den feindlichen Pfeilen durch. Die beiden andern Geschwader blieben stecken: das eine ergab sich muthlos den Feinden, das andre wurde bei seinem hartnäckigeren Widerstande mit Pfeilen überströmt und niedergeschossen. Den Vermina, der ihm beinahe an der Ferse hing, brachte er, dadurch, daß er in beständigen Abbeugungen auf neue Seitenwege ihm entschlüpfte, endlich so weit, daß er vor Überdruß und Verzweiflung vom Verfolgen abstand. Und so kam er mit sechszig Reutern bei der kleinern Syrte an. In der Gegend zwischen der Punischen Landschaft Emporia und dem Volke der Garamanten brachte er die ganze Zeit bis zur Ankunft des Cajus Lälius und der Römischen Flotte irr Africa unter dem herrlichen Bewußtsein zu, die Wiedereroberung seines Erbreichs so oft gewagt zu haben. Dies macht mich geneigt, lieber zu glauben, daß sich Masinissa mit einer mäßigen, als mit einer starken Bedeckung von Reuterei auch nachher beim Scipio eingefunden habe: denn jener angebliche Heerhaufen bezeichnet den Herrscher, meine kleine Schar hingegen stimmt zu der Lage des Flüchtlings.

34. Die Carthager, die nach dem Verluste ihres Reutereigeschwaders und seines Obersten eine andere Reuterei durch neue Werbung aufstellten, gaben ihr den Sohn Hamilcars, Hanno, zum Anführer. Mehreremale beriefen sie den Hasdrubal und Syphax durch Briefe, durch Boten und zuletzt sogar durch Gesandte. Dem Hasdrubal befahlen sie, zur Rettung seiner beinahe eingeschlossenen 570 Vaterstadt heranzuziehen; den Syphax baten sie, Carthago und dem ganzen Africa zu Hülfe zu kommen. Scipio hatte damals bei Utica, beinahe tausend Schritte von der Stadt, sein Lager, das er vom Meere, wo es einige Tage mit der Flotte in Verbindung geblieben war, hieher verlegt hatte. Hanno, dem man eine Reuterei gegeben hatte, die bei weitem nicht stark genug zu einem Angriffe auf den Feind war, ja nicht einmal, das Land gegen Plünderungen zu decken, ließ es sein erstes Geschäft sein, durch Werbungen seine Reuter zu verstärken; und ohne die aus andern Völkern abzuweisen, nahm er doch meistens Numider – in Africa die Reuterei vom besten Schlage – in Sold. Schon hatte er an viertausend beisammen, als er eine Stadt, Namens Saläca, besetzte, in einer Ferne von beinahe funfzehntausend Schritten vom Römischen Lager. Als dies dem Scipio gemeldet wurde, rief er: «Eine Reuterei in Sommerquartieren unter Dach und Fach! Mögen ihrer noch Mehrere sein, wenn sie solch einen Anführer haben.» Und da er so viel weniger säumen zu müssen glaubte, je unthätiger jene zu Werke gingen, so hieß er den Masinissa, der mit der Reuterei vorangehen mußte, an die Stadtthore sprengen und den Feind zu einer Schlacht herauslocken. Wenn dann der ganze Schwarm herausstürzte und ihm so sehr im Gefechte zu viel würde, daß er nicht ohne Gefahr länger widerstehen könne, so möchte er sich allmälig zurückziehen; er wolle zur rechten Zeit bei dem Gefechte sich einstellen. Nachdem er nur die Zeit abgewartet hatte, die seiner Rechnung nach der Voraufgegangene dazu nöthig hatte, die Feinde herauszulocken, folgte er mit der Römischen Reuterei, und rückte, unter dem Schutze der Höhen, welche ihm sehr willkommen die Seitenwände des sich krümmenden Weges machten, unbemerkt weiter.

Masinissa, der bald als der Drohende, bald als der Furchtsame, entweder bis an die Thore sprengte, oder sich zurückzog, lockte die Feinde, die der gegebene Schein von Furcht kühn machte, zur Verfolgung auf gut Glück heraus. Noch waren sie nicht alle ausgerückt, und ihr Anführer 571 hatte seine vielfache Noth, die Einen halbschlafend und berauscht dahin zu bringen, daß sie die Waffen zur Hand nahmen und die Pferde aufstangeten; den Andern in den Weg zu treten, daß sie nicht zerstreuet, ohne Glied, ohne Ordnung und Fahnen zu allen Thoren hinausliefen. Zuerst nahm Masinissa die zu dreist Herausjagenden in Empfang; bald aber, als Mehrere zugleich in dichter Schar zu den Thoren herausströmten, hielten sie ihm das Gleichgewicht; zuletzt, wie schon ihre ganze Reuterei am Kampfe Theil nahm, konnte er ihnen nicht länger widerstehen. Doch warf sich Masinissa nicht in gestrecktem Laufe auf die Flucht, sondern unter allmäligem Weichen ließ er ihre Angriffe an sich kommen, bis er sie zu den die Römische Reuterei deckenden Hügeln zog. Die hier hervorbrechenden Reuter, selbst noch bei voller Kraft und auf frischen Pferden, umzingelten den Hanno und seine von Fechten und Verfolgen ermüdeten Africaner; und Masinissa, der schnell mit seinen Pferden umlenkte, trat wieder zum Gefechte auf. Beinahe tausend, die sich so viel weniger zurückziehen konnten, weil sie am weitesten vorauf gewesen waren, wurden mit ihrem Führer Hanno abgeschnitten und niedergemacht: von den Übrigen, die hauptsächlich durch den Tod ihres Anführers geschreckt in voller Flucht davonjagten, machten die Sieger, die ihnen dreitausend Schritte weit nachsetzten, noch außerdem an zweitausend Reuter entweder zu Gefangenen oder hieben sie nieder. Unter diesen befanden sich, was man als gewiß erfuhr, nicht weniger als zweihundert Carthagische Ritter, und einige von ausgezeichnetem Vermögen und Adel.

35. Es traf sich so, daß gerade an dem Tage, an welchem dieses vorfiel, die Schiffe, welche die Beute nach Sicilien gebracht hatten, mit Lebensmitteln zurückkamen, als wären sie von einer Ahnung zur Abholung einer zweiten Beute hergeführt. Daß zwei Carthagische Befehlshaber gleiches Namens in zwei Gefechten der Reuterei geblieben sind, wird nicht von allen Schriftstellern angegeben. Vermuthlich wollten sie sich hüten, sich eine zweimalige Erzählung desselben Umstandes entschlüpfen zu 572 lassen. Cölius dagegen und Valerius sagen auch, Hanno sei gefangen genommen.

Scipio belohnte die Obersten und Ritter, nach eines Jeden Verdienste, vor Allen den Masinissa, durch auszeichnende Geschenke. Er legte in Saläca eine starke Besatzung, brach mit dem übrigen Heere auf und nachdem er nicht allein durch Plünderung aller Gegenden, in die er nur kam, sondern auch durch Erstürmung einiger Städte und Flecken den Schrecken des Krieges weit verbreitet hatte, kehrte er sieben Tage nach seinem Aufbruche mit einem langen Zuge von Gefangenen, weggetriebenen Heerden und aller Art von Beute in sein Lager zurück und entließ die Flotte abermals mit feindlichem Raube schwer beladen. Nun richtete er mit Aufgebung aller kleinern Züge und Plünderungen seine ganze Kriegsmacht auf die Belagerung von Utica, um für die Folge an dieser Stadt, wenn er sie erobert hätte, einen Standpunkt seiner Unternehmungen zu haben. Zu gleicher Zeit mußten auf der Seite, wo die Stadt vom Meere bespült wird, von der Flotte die Seesoldaten, und von einer beinahe an die Mauern stoßenden Höhe das Landheer anrücken. Wurfgeschütze und Maschinen hatte er theils mitgebracht, theils waren sie ihm mit der Zufuhr aus Sicilien nachgeschickt; und in der Waffenschmiede, wo er eine Menge Arbeiter dieser Art beisammen hielt, wurden neue gefertigt. Die auf allen Seiten von einem so gewaltigen Sturmdrange umschlossenen Uticenser hatten ihre ganze Hoffnung auf die Carthager gesetzt, und die Carthager die ihrige auf den Hasdrubal, wenn er anders den Syphax zur Thätigkeit vermöchte: allein für die Sehnsucht der Hülfsbedürftigen setzte sich Alles zu langsam in Bewegung. Hatte gleich Hasdrubal durch die strengste Werbung gegen dreißigtausend Mann zu Fuß und dreitausend zu Pferde zusammengebracht, so wagte er es doch nicht, vor des Syphax Ankunft sein Lager dem Feinde näher zu rücken. Syphax kam mit funfzigtausend Mann zu Fuß, zehntausend zu Pferde: und sogleich brach er von Carthago auf und lagerte sich nicht weit von Utica und den Verschanzungen der Römer. Ihre Ankunft hatte 573 wenigstens die Wirkung, daß Scipio, der beinahe seit vierzig Tagen in der Belagerung von Utica alles Mögliche vergebens versucht hatte, unverrichteter Sache abzog. Und weil der Winter schon nahete, so legte er auf einer Landspitze, die vermittelst eines schmalen Bergrückens mit dem festen Lande im Zusammenhange sich ziemlich weit ins Meer erstreckt, sein Winterlager an, und umschloß auch den Standort der Schiffe mit demselben Walle. Er ließ die Legionen sich mitten auf der Höhe lagern: am nördlichen Ufer hatten die auf den Strand gebrachten Schiffe und die Seetruppen ihren Platz, in dem gegen Süden zu dem andern Ufer ablaufenden Thale die Reuterei. Dies waren die Verrichtungen in Africa bis zum Ende des Herbstes.

36. Außer dem allenthalben aus den geplünderten nahen Dörfern zusammengefahrenen Getreide und den aus Sicilien und Italien gelieferten Zufuhren brachte ihm auch der Proprätor Cneus Octavius einen ansehnlichen Getreidevorrath aus Sardinien vom Prätor Tiberius Claudius, dessen Provinz dies war; und es wurden nicht allein die schon angelegten Vorrathshäuser gefüllt, sondern auch neue gebaut. Nur an Kleidung fehlte es seinem Heere: und Octavius bekam den Auftrag, bei dem Prätor anzufragen, ob man nicht aus jener Provinz welche anschaffen und überschicken könne. Auch dies wurde ohne Anstand besorgt, und in kurzem waren zwölfhundert Oberkleider und zwölftausend Brusttücher geschickt.

In dem Sommer, in welchem dies in Africa verrichtet wurde, schlug der Consul Publius Sempronius, dessen Standort das Bruttische war, selbst auf dem Marsche in einem unvorbereiteten Treffen mit Hannibal. Die Truppen fochten mehr in Zügen, als in Linie. Die Römer waren die Geschlagenen, und vom Heere des Consuls blieben in diesem – ich möchte lieber sagen: Auflaufe, als Treffen, an zwölfhundert Mann. In voller Unordnung gingen sie in ihr Lager zurück; doch wagten die Feinde keinen Angriff auf dieses. Der Consul aber, der in der Stille der nächsten Nacht von hier aufbrach, stieß mit seinen Truppen zum Proconsul Publius Licinius, dem er durch einen 574 vorausgeschickten Boten hatte sagen lassen, er möchte sich mit seinen Legionen nähern. So zogen zwei Feldherren und zwei Heere wieder gegen den Hannibal. Man nahm keinen Anstand, sich zu schlagen, weil dem Consul seine verdoppelte Stärke, den Puniern ihr jüngster Sieg Muth machte. Seine eignen Legionen führte Sempronius als Vordertreffen auf; in das Hintertreffen stellten sich die Legionen des Publius Licinius. Im Anfange der Schlacht gelobte der Consul dem Glücke der Erstgebornen einen Tempel, wenn er am heutigen Tage die Feinde schlüge. Sein Wunsch ward ihm gewährt. Die Punier wurden besiegt und flohen: sie verloren über viertausend Mann: etwas weniger als dreihundert wurden gefangen genommen, vierzig Pferde und elf Fahnen erbeutet. Durch dies unglückliche Gefecht muthlos gemacht führte Hannibal sein Heer nach Croton ab.

Damals hielt der Consul Marcus Cornelius auf der andern Seite Italiens Hetrurien, wo fast Alles dem Mago und einer durch ihn zu bewirkenden Umwälzung entgegen sah, nicht sowohl durch die Waffen, als durch sein gerichtliches Verfahren in Schrecken. Bei diesen Untersuchungen nahm er dem Senatsschlusse gemäß nicht die mindeste Rücksicht auf Stand: und so waren zuerst viele vornehme Hetrusker, die wegen des Übertritts ihrer Völkerschaften entweder selbst zum Mago gereiset gewesen waren; oder an ihn geschickt hatten, in Person verurtheilt. Späterhin ließen die, welche abwesend verdammt wurden, weil sie sich im Bewußtsein ihrer Schuld selbst mit der Verbannung bestraften, mit Entziehung ihrer Person den strafenden Richter sich bloß an ihre einzuziehenden Güter halten.

37. Während dieser Verrichtungen der Consuln auf entgegengesetzten Punkten, lasen zu Rom die Censorn Marcus Livius und Cajus Claudius das Verzeichniß der Senatoren vor. Quintus Fabius Maximus wurde abermals als Erster Mann abgelesen. Sieben wurden übergangen; doch war keiner darunter, der den Thronsessel schon bekleidet gehabt hätte. Die in Pacht gegebene Erhaltung 575 der Statsgebäude betrieben sie mit Strenge und größter Gewissenhaftigkeit. Die Anlegung einer Straße vom Ochsenmarkte bis zum Tempel der Venus, der öffentlichen Schausitze dort herum und eines Tempels der Großen Mutter auf dem Palatium gaben sie in Verding. Auf den Salzverkauf legten sie eine neue Abgabe. Zu Rom und in ganz Italien galt das Maß Salz ein Sechstel Ass. Nach ihrem Verdinge mußte das Salz in Rom zu demselben Preise gegeben werden, zu einem höheren in den Marktflecken und Versammlungsörtern, und andrer Orten zu andern Preisen. Diese Auflage hielt man allgemein für das Werk des Einen Censors, der auf das Volk erbittert sei, weil es ihn ehemals durch einen ungerechten Spruch verurtheilt habe: man glaubte auch, daß er mit dem Salzpreise vorzüglich jene Bezirke belastet habe, durch deren Zuthun er verdammet sei. Er bekam davon den Zunamen: Livius der Salzkrämer. Den Schatzungsschluß feierten die Censorn später, weil sie erst an die Standorte der Heere herumschickten, um die Zahl der in jedem dienenden Römischen Bürger zu erfahren. Mit diesen war die Zahl der Geschatzten zweihundert vierzehntausend Köpfe. Geschlossen wurde die Schatzung vom Cajus Claudius Nero. Darauf ließen sie sich, was vorher noch nie geschehen war, die Schatzungslisten der zwölf Pflanzstädte einreichen, welche die Censorn jener Pflanzstädte selbst ablieferten; um in den Statsrechnungen eine Urkunde darüber zu haben, wie viele Truppen jene stellen könnten, wie hoch sich ihr baares Vermögen belaufe.

Nun ging die Schatzung der Ritter vor sich; und gerade hatten beide Censorn ein Pferd vom State. Als die Reihe an den Pollischen Bezirk kam, dessen Liste den Namen des Marcus Livius enthielt, und der Herold Anstand nahm, den Censor selbst vorzufordern, sprach Nero: «Rufe den Marcus Livius her!» und entweder aus einem Überreste von alter Feindschaft, oder mit einer unzeitig zur Schau getragenen Strenge sich brüstend, hieß er den Marcus Livius sein Pferd verkaufen, weil er durch einen Volksspruch verurtheilt sei. Eben so befahl auch Marcus 576 Livius, als er an den Arniensischen Bezirk und an den Namen seines Amtsgenossen kam, dem Cajus Claudius, sein Pferd zu verkaufen, und das aus zwei Gründen, Einmal, weil er gegen ihn ein falsches Zeugniß abgelegt, zum Andern, weil er es bei der Aussöhnung mit ihm nicht ehrlich gemeint habe. So gab es hier, nicht ohne Nachtheil eigner Ehre, einen unanständigen Wettstreit, die Ehre des Andern zu beschmutzen. Als Cajus Claudius beim Abgange von seiner Censur den Eid auf die Gesetze abgelegt hatte und in die Urkundenkammer hinaufging, setzte er unter die Namen derer, die er als Steuersassen hinterließ, auch den Namen seines Amtsgenossen. Nachher ging Marcus Livius auf die Kammer und setzte, außer dem Mäcischen Bezirke, der ihn nicht verdammt, also auch nicht als Verurtheilten zum Consul oder Censor ernannt habe, das ganze Römische Volk, alle vierunddreißig Bezirke, als Steuersassen an, weil sie ihn unschuldig verurtheilt, weil sie ihn nach der Verdammung zum Consul und zum Censor gemacht hätten, und weil sie nicht leugnen könnten, daß sie entweder Einmal in ihrem Urtheilspruche, oder Zweimal in ihrer Wahl Unrecht gethan hätten. Unter den vierunddreißig Bezirken werde sich denn auch Cajus Claudius als Steuersasse befinden: sonst würde er, wenn er ein Beispiel gefunden hätte, daß man Einen und denselben Mann zweimal als Steuersassen ansetzen könne, den Cajus Claudius namentlich als Steuersassen angesetzt haben. Der Wettstreit der Censorn, sich gegenseitig zu beschimpfen, war ärgerlich: allein die Rüge des Wankelmuths am Volke war der Censorwürde und dem Ernste jener Zeiten angemessen. Da man auf die Censorn übel zu sprechen war, so setzte ihnen beiden der Bürgertribun Cneus Bäbius, der jetzt eine Gelegenheit zu finden glaubte, an ihnen groß zu werden, einen Klagetag vor dem Gesamtvolke. Damit nicht künftig die Censur von der Stimmung des Volks abhängig sein möchte, so vereinigten sich die Väter und schlugen die Sache nieder.

38. In diesem Sommer eroberte der Consul im Bruttischen Clampetia mit Sturm: Consentia und Pandosia 577 und andre minder namhafte Städte unterwarfen sich freiwillig. Deswegen beschloß man auch, als jetzt die Zeit der Wahlversammlungen herannahete, lieber aus Hetrurien, wo es keinen Krieg gab, den Consul Cornelius nach Rom zu berufen. Unter seinem Vorsitze wurden Cneus Servilius Capio und Cajus Servilius Geminus zu Consuln gewählt. Darauf ging die Prätorenwahl vor sich. Gewählt wurden Publius Cornelius Lentulus, Publius Quinctilius Varus, Publius Älius Pätus, Publius Villius Tappulus. Diese beiden wurden Prätoren, da sie noch Bürgerädilen waren. Nach vollendeten Wahlen ging der Consul zum Heere nach Hetrurien zurück.

Die in diesem Jahre verstorbenen und an deren Stelle gewählten Priester waren folgende. Tiberius Veturius Philo wurde als Eigenpriester des Mars in die Stelle des im vorigen Jahre verstorbenen Marcus Ämilius Regillus gewählt und eingeführt: und in die Stelle des gewesenen Vogelschauers und gottesdienstlichen Zehnherrn Marcus Pomponius Matho wählte man zum Zehnherrn den Marcus Aurelius Cotta, zum Vogelschauer den Tiberius Sempronius Gracchus, einen noch sehr jungen Mann, was damals bei Übertragung der Priesterämter sehr selten geschah. Die Curulädilen Cajus Livius und Marcus Servilius Geminus stellten in diesem Jahre ein goldnes Viergespann im Capitole auf. Auch gaben sie die Römischen Spiele zwei Tage nach einander. AuchIdem per biduum]. – Drakenb. hat zwar Idem im Texte beibehalten, weiset aber selbst die Stelle nach, wo er idem mit item verwechselt fand. Da auch einige Mss. iterum haben, so wird die Lesart item dadurch so viel annehmlicher. die Bürgerädilen Publius Älius und Publius Villius stellten zwei Tage lang die Bürgerspiele an, und mit den Spielen war Jupitern zu Ehren ein heiliges Mahl verbunden.

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