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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 95
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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38. So viel geschah in Spanien unter der Anführung und Götterleitung des Publius Scipio. Er selbst ging, nachdem er die Provinz dem Lucius Lentulus und Lucius Manlius Acidinus übergeben hatte, mit zehn Schiffen nach Rom zurück. Als ihn der Senat außerhalb der Stadt im Tempel der Bellona vorließ, setzte er seine Verrichtungen in Spanien aus einander, wie oft er förmliche Schlachten geliefert, wie viele feindliche Städte er erstürmt, wie viele Völker er der Römischen Landeshoheit unterworfen habe. Nach Spanien hin sei er gegen vier Feldherren, gegen vier siegreiche Heere gegangen, und habe im ganzen Reiche keinen Carthager zurückgelassen. Die Hoffnung des Triumphs als Belohnung für diese Thaten äußerte er mehr versuchsweise, als um sie ernstlich zu verfolgen, weil bekanntlich bis auf diesen Tag noch niemand triumphirt hatte, der als kriegführender Feldherr nicht zugleich in obrigkeitlichem Amte stand. Nach Entlassung des Senats zog er in die Stadt und ließ vor sich her vierzehntausend dreihundert und zweiundvierzigEtwa 448,186 Gulden Conv. M. Pfund Silber und eine große Menge Silbermünze in die Schatzkammer tragen.

Darauf hielt Lucius Veturius Philo den 493 Versammlungstag zur Consulnwahl und alle Centurien ernannten unter lauten Äußerungen des Wohlwollens den Publius Scipio zum Consul. Als Amtsgenoß wurde ihm Publius Licinius Crassus, der Hohepriester, zugegeben. Es findet sich aufgezeichnet, daß dieser Wahltag zahlreicher besucht sei, als irgend einer während dieses Krieges. Von allen Orten her hatten sich die Leute gesammelt, nicht bloß ihre Stimme abzugeben, sondern auch um den Publius Scipio zu sehen; sie strömten haufenweise theils zu ihm ins Haus, theils zu seinem Opfer auf das Capitol, als er dem Jupiter die in Spanien im Gelübde verheißenen hundert Stiere darbrachte; ihr Sinn sagte ihnen zu, so wie Cajus Lutatius den vorigen Punischen Krieg geendigt habe, so werde den gegenwärtigen Publius Cornelius endigen; so wie er die Punier aus ganz Spanien vertrieben habe, so werde er sie aus Italien vertreiben: und gleich als wären sie mit dem Kriege in Italien schon fertig, bestimmten sie ihm Africa zum Schauplatze seiner Thaten. Darauf wurde Prätorenwahl gehalten. Zwei wurden gewählt, welche jetzt Bürgerädilen waren, Spurius Lucretius und Cneus Octavius; zwei noch Unbeamtete, Cneus Servilius Cäpio und Lucius Ämilius Papus.

Als Publius Cornelius Scipio und Publius Licinius Crassus im vierzehnten Jahre dieses Punischen Krieges das Consulat antraten, wurden ihnen als Consuln die Plätze ihrer Bestimmung angewiesen; dem Scipio, ohne darum zu losen, Sicilien, da es ihm sein Amtsgenoß überließ, weil diesen als Hohenpriester die Besorgung der gottesdienstlichen Geschäfte in Italien zurückhielt; dem Crassus das Bruttierland. Darauf wurden die Bestimmungen der Prätoren verloset. Den Cneus Servilius traf die Gerichtspflege in der Stadt; Ariminum – so nannte man damals Gallien – den Spurius Lucretius, Sicilien den Lucius Ämilius, den Cneus Octavius, Sardinien. Es folgte eine Senatssitzung auf dem Capitole. Hier wurde auf Antrag des Publius Scipio durch einen Senatsschluß bewilligt, daß er die Spiele, die er in Spanien bei dem Aufstande der Soldaten im Gelübde 494 verheißen hatte, von dem Gelde anstellen sollte, das er selbst in den Schatz geliefert hatte.

39. Jetzt führte er die Gesandten der Saguntiner dem Senate vor. Der Älteste von ihnen sprach: «Gehen gleich keine Leiden, versammelte Väter, über die hinaus, die wir, um euch unsre Treue bis in den Tod zu bewähren, erduldet haben; so sind doch eure und eurer Feldherren Verdienste um uns so groß, daß wir selbst unser vielfaches Unglück uns nicht leid sein lassen. Unserntwegen nahmet ihr den Krieg auf euch: schon ins vierzehnte Jahr führet ihr den übernommenen mit einer solchen Beharrlichkeit, daß ihr mehrmals, bald selbst in die höchste Gefahr geriethet, bald die Carthager darein versetztet. Als ihr selbst in Italien einen so schrecklichen Krieg und einen Hannibal als Feind vor euch hattet, schicktet ihr euren Consul mit einem Heere nach Spanien, als wolltet ihr sogar die Trümmer unsres Schiffbruchs sammeln lassen. Die beiden Cornelier, Publius und Cneus, haben seit ihrem Eintritte in die Provinz nie aufgehört, Alles zu thun, was uns vortheilhaft und unsern Feinden nachtheilig sein konnte. Vor allen Dingen stellten sie unsre Stadt wieder her; führten unsre durch ganz Spanien verkauften Mitbürger durch umhergeschickte Leute, welche sie zusammensuchen mußten, aus der Sklaverei der Freiheit wieder zu. Als wir schon nahe daran waren, nach dem traurigsten Schicksale ein wünschenswerthes zu genießen, fanden Publius und Cneus, die Cornelier, obgleich eure Feldherren, doch zu größerer Trauer für uns, als für euch, ihren Tod. Da freilich glaubten wir, nur dazu aus den verschiedensten Gegenden auf unsern alten Wohnort zurückgeschleppt zu sein, um abermal zu Grunde zu gehen und eine zweite Zerstörung unserer Vaterstadt zu erleben; und daß man zu unserm Verderben nicht gerade eines Feldherrn oder Heeres von Carthago bedürfe; daß wir schon von den Turdulern, unsern alten Feinden, die auch unsre frühere Zerstörung herbeigeführt hatten, vertilgt werden könnten: als ihr auf Einmal, ohne daß wir 495 es hoffen konnten, Ihn, den Publius Scipio, uns sandtet. Wir schätzen uns vor allen Saguntinern höchst glücklich, daß wir ihn als erklärten Consul gesehen haben, und unsern Mitbürgern wiedersagen können: So haben wir Ihn gesehen, ihn, auf dem unsre ganze Hoffnung und Wohlfahrt beruhet. Er war es, der, bei seinen Eroberungen so vieler feindlichen Städte in Spanien, die Saguntiner allenthalben aus der Zahl der Gefangenen ausgesucht, in ihre Vaterstadt zurückschickte; der endlich Turdetanien diese Macht, deren Feindseligkeit gegen uns so weit geht, daß bei ihrem Bestande Sagunt nicht stehen kann, durch seinen Krieg so herunterbrachte, daß es nicht nur uns, – fern sei alle sträfliche Überhebung! – selbst unsern Nachkommen nicht weiter furchtbar sein kann. Wir sehen deren Stadt zerstört, denen zu Gefalle Hannibal Sagunt zerstört hatte. Wir erheben Abgaben von ihrem Boden, die uns durch den Ertrag nicht erfreulicher sind, als durch die Vergeltung. Euch für diese Wohlthaten, die wir selbst von den unsterblichen Göttern nicht größer hoffen, noch wünschen konnten, Dank abzustatten, haben Senat und Volk von Sagunt uns zehn Gesandte hieher geschickt; zugleich, euch dazu Glück zu wünschen, daß ihr diese Jahre über euren Krieg in Spanien und Italien so geführt habt, daß ihr Spanien, nicht bis an den Ebro, sondern bis an die durch den Ocean bestimmte Weltgränze euren Waffen unterworfen, und von Italien dem Punier nichts als den Fleck gelassen habt, den sein Lagerwall umschließt. Wir haben Befehl, dem allmächtigen Jupiter, dem Schutzgotte der Capitolinischen Burg, nicht allein dafür Dank zu sagen, sondern auch diesen goldenen Kranz, wenn ihr es erlauben würdet, als Geschenk für den verliehenen Sieg auf dem Capitole niederzulegen. Um diese Erlaubniß ersuchen wir euch; auch darum, den Begünstigungen, welche eure Feldherren uns gewährt haben, durch euer Machtwort, wenn es euch so gefällig sein sollte, Gültigkeit und Dauer zu ertheilen.»

Der Senat antwortete den Saguntinischen 496 Gesandten: «Sagunts Zerstörung und Wiederherstellung werde allen Völkern ein Beweis auf beiden Seiten gehaltener Bundestreue sein. Daß die Römischen Feldherrn Sagunt wieder hergestellt und die Saguntiner Bürger aus der Sklaverei befreiet hatten, daran hätten sie recht gethan, dem gebührenden Gange und des Senates Willen gemäß; und was sie ihnen sonst noch Gutes erzeigt haben möchten, sei Alles nach den Wünschen des Senats geschehen. Ihr Geschenk auf dem Capitole niederzulegen, solle ihnen gestattet sein.» Dann erfolgte der Befehl, den Gesandten Wohnung und Ehrenbewirthung zu geben und einem Jeden nicht unter310 Gulden Conv. M. zehntausend Ass als Geschenk zu reichen. Nun erhielten die übrigen Gesandschaften Vortritt und Gehör im Senate. Auch gab man den Saguntinern auf ihre Bitte, so weit es sich mit Sicherheit thun lasse, sich in Italien umsehen zu dürfen, Wegweiser mit und schrieb an die Städte, sie möchten diese Spanier freundschaftlich aufnehmen. Nun kam es zu Vorträgen, welche den Stat, die Werbungen und Bestimmung der Kriegsplätze betrafen.

40. Weil man sich allgemein damit trug, Africa sei dem Scipio ohne Los als neuer Kriegsschauplatz zugedacht, weil ferner er selbst, mit einem mäßigen Ruhme schon nicht mehr zufrieden, behauptete, er sei nicht bloß zur Führung, sondern zur Beendigung des Krieges zum Consul ernannt; dies aber sei nicht anders möglich zu machen, als wenn er selbst mit dem Heere nach Africa hinüberginge; er auch gerade heraussagte, wenn ihm der Senat entgegen sei, so werde er die Sache durch das Gesamtvolk betreiben, so trat, da diese Maßregel bei den Ersten der Väter durchaus keinen Beifall fand, und die übrigen aus Furcht oder Gefälligkeit nicht laut werden mochten, Quintus Fabius Maximus, als er seine Stimme abgeben sollte, mit folgenden Worten auf:

«Ich weiß es, versammelte Väter, es scheint Vielen unter euch so, als befasseten wir uns heute mit einer 497 schon abgemachten Sache, und als würde der einen vergeblichen Vortrag thun, der über die Bestimmung Africa's zum Kriegsschauplatze seine Meinung als über eine noch unentschiedene Frage abgeben wollte. Allein Einmal weiß ich nicht, wie Africa dem Consul, diesem übrigens tapfern und tüchtigen Manne, schon als Standort überwiesen sein kann, da es weder vom Senate als diesjähriger Standort anerkannt, noch vom Gesamtvolke dafür erklärt ist. Ist es das aber; nun, so handelt nach meinem Bedünken der Consul unrecht, wenn er, nach schon abgethaner SacheQui de re transacta.] – Ich folge Hrn. Walchs Vorschlage, statt qui de lieber quippe zu lesen., durch den sich gegebenen Schein, sie zur Sprache zu bringen, den ganzen Senat zum Besten hat, nicht bloß den einzelnen Senator, der über die als Gegenstand der Berathschlagung aufgestellte Frage, so wie die Reihe an ihn kommt, sein Gutachten abgiebt. Ja ich sehe vorher, daß ich mich, wenn ich dieser Eilfertigkeit nach Africa überzugehen, meine Zustimmung versage, einem zwiefachen Scheine aussetzen werde: Einmal dem einer mir eigenthümlichen Zauderhaftigkeit, welche die jüngeren Männer immerhin sogar Furchtsamkeit und Saumseligkeit nennen mögen, so lange ich darüber nicht unzufrieden sein kann, daß man immer die Maßregeln Anderer beim ersten Anblicke scheinbarer, die meinigen durch die Erfahrung bewährter fand. Zum Andern dem, als arbeitete ich neidisch dem mit jedem Tage wachsenden Ruhme des tapfersten Consuls entgegen. Rettet mich von diesem Verdachte weder mein geführtes Leben und meine Handlungsart, noch die Dictatur nebst fünf Consulaten und des im Kriege und Frieden erworbenen Ruhms eine solche Fülle, daß mir der Ekel davor näher liegt, als der Wunsch danach; so soll mich wenigstens mein Alter freisprechen. Wie kann ich der Nebenbuhler dessen sein, der nicht einmal so alt ist, als mein Sohn? In meiner Dictatur, in der Blüte meiner Kräfte, im Laufe der wichtigsten Thaten, hat niemand weder im Senate, noch vor dem Volke ein 498 Wort von mir gehört, wodurch ich es zu hindern gesucht hätte, daß eben der Magister Equitum, der mein Ankläger war, nicht im Oberbefehle – so unerhört dies bis dahin war – mir gleichgesetzt würde. Ich wollte es lieber durch Thaten, als durch Worte, dahin bringen, daß eben der nach andrer Urtheile mir gleich Gestellte, in kurzem durch sein eigenes Geständniß mir vor sich selbst den Vorzug geben sollte: und nun, nachdem ich längst durch alle Statsämter durchgegangen bin, sollte ich mir Nebenbewerbungen und Wettkämpfe mit einem Manne von den blühendsten Jahren zum Ziele setzen? wahrscheinlich in der Absicht, mir, der ich schon des Lebens, nicht bloß des Thatenthuns müde bin, Africa, wenn es ihm abgeschlagen würde, zum Schauplatze meiner Thaten geben zu lassen! Nein! mit dem Ruhme, den ich mir erworben habe, will ich leben und sterben. Ich wehrte dem Hannibal den Sieg, damit ihr, die ihr jetzt in der Blüte eurer Kräfte seid, ihn auch solltet besiegen können.»

41. «Das aber mußt du mir billig verzeihen, Publius Cornelius, daß ich, der ich meinen eigenen Ruf bei den Leuten nie höher hielt, als das Beste des Stats, auch deinem Ruhme vor dem allgemeinen Besten nicht den Vorrang gebe: mag auch immerhin, wenn wir entweder gar keinen Krieg in Italien, oder hier einen Feind vor uns hätten, durch dessen Besiegung nicht der mindeste Ruhm zu erwerben stände; der Mann, der dich in Italien zurückhalten wollte, gesetzt er thäte es auch zum Besten des Ganzen, den Schein auf sich laden, als habe er dir zugleich mit dem Kriege den Stoff zum Ruhme entreißen wollen. Wenn aber ein Feind wie dieser, wenn ein Hannibal mit seinem vollen Heere schon ins vierzehnte Jahr Italien belagert hält, wird dir dann, Publius Cornelius, der Ruhm nicht genügen, diesen Feind, der uns die Ursache so vieler Leichen, so vieler Niederlagen war, als Consul aus Italien getrieben zu haben, und eben so die Ehre von der Beendigung dieses Punischen Krieges zu ernten, wie Cajus Lutatius 499 vom vorigen? Oder wollen wir annehmen, daß Hamilcar als Feldherr den Hannibal, daß jener Krieg den jetzigen übertreffe, oder daß jener Sieg herrlicher und ruhmvoller war, als dieser – wenn es nur der Himmel verleihet, daß wir ihn unter deinem Consulate erfechten! – für uns werden wird? Möchtest du lieber einen Hamilcar aus Drepana und Eryx herausgenöthigt, oder einen Hannibal mit seinen Puniern aus Italien vertrieben haben? Du selbst, so sehr du es auch lieber mit einem schon erworbenen, als noch zu hoffenden Ruhme hältst, würdest dich doch nicht so gern der Befreiung Spaniens, als Italiens, rühmen wollen. Noch ist Hannibal nicht so weit, daß ein Feldherr, der einen andern Krieg lieber wählt, sich nicht eher den Schein zuziehen sollte, ihn gefürchtet, als ihn verachtet zu haben. Warum machst du dich also nicht an diesen Krieg, und giebst ihm, ohne dich auf solche Umwege einzulassen, daß du lieber darauf hoffest, Hannibal solle dir folgen, wenn du nach Africa übersetztest, gerades Weges die Richtung dorthin, wo Hannibal steht? Du strebst nach jenem ausgezeichneten Preise, den Punischen Krieg geendet zu haben? Der Natur nach geht das voran, daß man sein Eigenthum rettet, ehe man hingeht, fremdes anzutasten. Erst muß Friede in Italien sein, ehe Krieg in Africa wird; und erst müssen wir uns der Furcht entledigen, ehe wir durch Angriff Andre schrecken. Kann Beides unter deiner Anführung und Götterleitung geschehen, so erobere, wenn du hier den Hannibal besiegt hast, dort Carthago. Mußt du einen von beiden Siegen neuen Consuln überlassen, so wird doch der erste nicht allein wichtiger und ruhmvoller, sondern auch die Ursache des folgenden sein. Denn für jetzt – außerdem daß die Schatzkammer zwei Heere zugleich in Italien und in Africa auf so weit geschiedenen Punkten nicht ernähren kann; außerdem, daß uns zur Erhaltung der Flotten, zur Bestreitung der anzuschaffenden Zufuhren nichts übriggeblieben ist – ich bitte dich, wem leuchtet nicht auch die Gefahr ein, in die wir uns 500 wagen? Man sage nicht: Den Krieg in Italien wird Publius Licinius führen und den in Africa Publius Scipio. Wie? wenn aber – mögen alle Götter die Vorbedeutung abwenden! auch schaudert mich davor, dies auszusprechen: allein Einmal Geschehenes kann wieder geschehen – wie? wenn Hannibal als Sieger gegen die Stadt heranzöge, sollen wir dann erst dich unsern Consul aus Africa holen lassen, wie etwa den Quintus Fulvius von Capua? Wie? ist das Kriegsglück nicht auch in Africa mißlich? Laß dir die Beispiele deines Stammes zur Lehre dienen; deinen Vater und Oheim, die innerhalb dreißig Tagen eben da samt ihren Heeren fielen, wo sie durch so große Thaten zu Wasser und zu Lande den Namen des Römischen Volks und den eures Geschlechts bei den auswärtigen Völkern verherrlicht hatten. Der Tag würde mir zu kurz, wenn ich die Könige und Feldherren aufzählen wollte, die zu ihrem und ihrer Heere größtem Nachtheile zu dreist auf feindlichen Boden übergingen. Die Athener, ein so statskluges Volk, ließen den Krieg im Lande hinter sich, gingen auf Antrieb eines eben so thätigen als edeln jungen Mannes mit einer großen Flotte nach Sicilien über und stürzten in einer einzigen Seeschlacht ihren blühenden Stat auf ewig ins Unglück.»

42. «Warum gehe ich auf Geschichten des Auslandes und des hohen Alterthums zurück? Gerade dieses Africa und Marcus Atilius, dies ausgezeichnete Beispiel für beide Fälle des Glücks, sollten uns zur Warnung dienen. Wahrhaftig, Publius Cornelius, wenn du erst vom hohen Meere aus Africa erblicken wirst, dann werden dir deine beiden Spanien nur als ein Spiel, nur als ein Spaß, erscheinen. Denn was wäre dort und hier sich gleich? Dorthin segeltest du auf friedlichem Meere, die Küste von Italien und Gallien entlang; gingst mit deiner Flotte nach Emporiä, einer Bundesstadt; führtest dein ausgeschifftes Heer durch lauter völlig sichere Gegenden zu Römischen Bundesgenossen und Freunden nach Tarraco; von Tarraco ging der Weg durch Römische Posten; am Ebro fandest du deines Vaters und 501 Oheims Heere, nach dem Verluste ihrer Feldherren und selbst durch ihr Unglück noch muthvoller; Lucius Marcius dort war freilich nur ein im Drange, nur durch die Stimmen der Soldaten vorerst gewählter Anführer, übrigens, wenn ihn Abkunft und die gehörige Amtsbekleidung gehoben hätte, in jeder Kriegskunst den berühmtesten Feldherren gleich; man ließ dir zu dem Sturme auf Neu-Carthago alle mögliche Ruhe, da von drei Punischen Heeren auch nicht Eins seinen Bundesgenossen zu Hülfe kam. Alles Übrige, so wenig ich es verkleinern will, ist doch in keinem Stücke mit dem Kriege in Africa zu vergleichen, wo nicht Ein Hafen für unsre Flotte offen, kein Gebiet mit uns in Frieden, kein Stat mit uns im Bunde, kein König unser Freund ist, und uns die Stelle fehlt, auf der wir stehen bleiben, zu der wir weiterschreiten könnten. So weit du um dich blickst, ist Alles Feind und feindselig. Oder trauest du dem Syphax und den Numidern? Laß es genug sein, ihnen Einmal getraut zu haben. Nicht immer hat Leichtgläubigkeit so viel Glück: und der Betrüger begründet sich bei uns in Kleinigkeiten als der Vertrauenswerthe, um uns dann, wenn es der Mühe werth sein wird, zu seinem größern Vortheile zu täuschen. Ihren bewaffneten Feinden gingen dein Vater und Oheim nicht eher in die Hände, als nach der Treulosigkeit der verbündeten Celtiberer; und dir selbst wurden Mago und Hasdrubal, die feindlichen Heerführer, nicht so gefährlich, als Indibilis und Mandonius, die du in Schutz genommen hattest. Kannst du Numidern trauen, du, der du den Abfall deiner Truppen erfahren mußtest? Freilich gönnen sowohl Syphax, als Masinissa, sich selbst das Übergewicht in Africa lieber, als den Carthagern; aber doch den Carthagern eher, als jedem Andern. Jetzt werden sie von Schelsucht und allen möglichen Veranlassungen zu Streitigkeiten gespornt, weil alle Furcht von außen her ihnen fern genug ist. Aber laß sie Römische Waffen, laß sie ein ausländisches Heer erblicken: zusammenlaufen werden sie, als wollten sie einen Brand 502 löschen, der sie Alle trifft. Ganz anders vertheidigten dieselben Carthager Spanien, und ganz anders werden sie die Mauern der Vaterstadt vertheidigen, die Tempel ihrer Götter, Altar und Herd, wenn beim Auszuge zur Schlacht die bange Gattinn sie begleitet und die kleinen Kinder ihnen in den Weg treten. Und wie dann, wenn nun die Carthager in sicherm Vertrauen auf die Beistimmung von Africa, auf die Treue ihrer verbündeten Könige, auf ihre Mauern, sobald sie Italien von dir und deinem Heere unbeschützt sehen, selbst angriffsweise entweder ein neues Heer aus Africa nach Italien senden, oder dem Mago, von dem wir schon wissen, daß er nach seiner Abfahrt von den Balearen an der Küste der Alpinischen Ligurier kreuzt, den Befehl geben, sich mit Hannibal zu vereinigen? Offenbar haben wir dann denselben schrecklichen Auftritt wieder, den wir neulich hatten, als Hasdrubal nach Italien herüberstieg, weil du, der du mit deinem Heere nicht bloß Carthago, sondern ganz Africa sperren willst, ihn dir aus der Hand nach Italien hattest entschlüpfen lassen. Du wirst sagen: Den habe ich ja besiegt! Um so viel weniger wünschte ich, und das in Rücksicht auf dich, nicht auf den Stat allein, du hättest einem Besiegten nicht den Weg nach Italien gestattet. Laß uns Alles, was für dich und Roms Oberherrschaft zum Glücke ausschlug, deinen Maßregeln zuschreiben; alles Mislungene als Wechselfälle des Kriegs und als Schickung abrechnen; so hält das Vaterland und ganz Italien, je glücklicher und tapferer du bist, in dir einen solchen Beschützer so viel fester. Du selbst kannst nicht in Abrede sein, daß da der Hauptpunkt und eigentliche Sitz des Krieges sei, wo Hannibal steht: Denn du erklärst ja laut, daß du darum nach Africa übersetzen willst, um den Hannibal dorthin zu ziehen. Es mag also hier, oder dort geschehen, genug du wirst mit Hannibal dich einlassen müssen. Solltest du nun wohl, ich bitte dich, in Africa und allein, stärker sein, als hier, wo du dein und deines Mitconsuls Heer bei einander hast? Beweisen dir die Consuln 503 Claudius und Livius, selbst durch ihr noch so neues Beispiel nicht, was das für einen Unterschied macht? Ferner, was gäbe wohl dem Hannibal eine größere Überlegenheit an Waffen und Truppen? der äußerste Winkel des Bruttierlandes, wo er schon so lange vergeblich von Hause aus Unterstützung fordert, oder die Nähe von Carthago, und ganz Africa mit ihm im Bunde? Was ist das für ein Entschluß, es lieber da zur Entscheidung kommen zu lassen, wo man selbst an Truppen um die Hälfte schwächer und der Feind so vielmal stärker ist, als wo man mit zwei Heeren gegen Eines zu kämpfen hat, das schon durch so viele Schlachten und durch einen so langwierigen und beschwerlichen Dienst entkräftet ist? Bedenk, wie wenig dein Entschluß dem deines Vaters gleiche. Er war als Consul nach Spanien abgegangen, und kehrte aus seiner Provinz nach Italien zurück, um dem von den Alpen herabsteigenden Hannibal zu begegnen: und du machst dich fertig, da Hannibal in Italien steht, Italien zu verlassen; nicht weil du das für dem State heilsam, sondern für dich selbst für ehrenvoll und rühmlich hältst: gerade so, als damals, da du ohne durch ein Gesetz, oder durch einen Senatsschluß befehligt zu sein, deine Provinz und dein Heer im Stiche ließest, und als Oberbefehlshaber des Römischen Volks das Wohl des Stats und die Würde des Oberbefehls, welche beide in deiner Person gefährdet wurden, zwei Schiffen anvertrautest. Meines Erachtens, versammelte Väter, wurde Publius Cornelius für den Stat und für uns, nicht sich selbst zu eignen Absichten, zum Consul ernannt; und unsre Heere haben wir zum Schutze Roms und Italiens aufgebracht, nicht aber um sie von den Consuln auf königlichen Fuß nach hohem Gutdünken in jeden Welttheil hinüberführen zu lassen.»

43. Als Fabius durch diese den Zeitumständen angemessene Rede, eben so sehr auch durch sein Ansehen und den seit Jahren bewährten Ruf seiner Vorsicht einen großen Theil der Senatoren, hauptsächlich die älteren, gewonnen hatte, und ihrer mehrere sich für die Maßregel 504 des Greises, als für den kühnen Entwurf des Jünglings erklärten; soll Scipio so etwa geredet haben:

«Quintus Fabius selbst, ihr versammelten Väter, hat im Anfange seiner Rede nicht unbemerkt gelassen, daß seine ausgesprochene Meinung dem Verdachte einer Verkleinerungssucht Raum gebe. So wenig ich selbst zu dieser Beschuldigung eines so großen Mannes Muth genug habe, so ist doch dieser Verdacht, ich weiß nicht, ob durch Schuld des Vortrags, oder der Sache selbst, nichts weniger als weggeräumt. Denn um den Vorwurf eines Neides von sich abzuwälzen, hat er in seinem Vortrage seinen Amtsführungen und dem Rufe seiner Thaten eine Höhe gegeben, als ob ich zu besorgen hätte, daß sich auch jeder noch so Niedrige mit mir in einen Wettstreit einlassen möchte, und nicht vielmehr der, der eben darum, weil er über Andere ragt, wohin auch, ohne dessen Hehl zu haben, mein Bestreben geht, die Absicht haben kann, sich von mir nicht erreichen zu lassen. Sich selbst hat er so ganz als den mit Ehrenämtern übersättigten Greis aufgestellt, und mich noch unter die Jahre seines Sohns herabgesetzt, als ob sich der Wunsch nach Ruhm nicht über die Spanne des menschlichen Lebens erstreckte, und sein Hauptaugenmerk nicht auf unser Andenken und auf die Nachwelt hinüberreichte. Je größer der Geist, je eher muß ihm, meiner Überzeugung nach, das begegnen, daß er sich nicht bloß den berühmten Männern seiner, sondern aller Zeiten, anpasset. Und ich läugne nicht, daß ich deinen Ruhm, Quintus Fabius, nicht bloß zu erreichen, sondern – mit deiner gütigen Erlaubniß sei es gesagt – wenn ich kann, auch zu übertreffen wünsche. So mußt du weder gegen mich, noch ich gegen Jüngere gesinnet sein, daß wir es nicht gern sähen, wenn irgend Jemand ein solcher Bürger wird, wie wir: denn das wäre ja ein Nachtheil nicht bloß für die, denen wir dies misgönneten, sondern für den Stat und fast für das ganze menschliche Geschlecht.»

«Er hat nicht ungerügt gelassen, wie groß die Gefahr für mich sein würde, wenn ich nach Africa 505 übersetzte, so daß er der Besorgnißvolle nicht allein um den Stat und um das Heer, sondern auch für meine Person zu sein schien. Woher kommt denn auf Einmal diese Sorge für mich? Als mein Vater und Oheim gefallen, ihre beiden Heere so gut als zusammengehauen, beide Spanien verloren waren; vier Punische Heere und vier Feldherren sich Alles durch Schrecken und Gewalt unterworfen hatten; bei der Nachfrage nach einem Feldherrn für diesen Krieg sich niemand sehen ließ; sich namentlich dazu zu melden, außer mir niemand den Muth hatte, und das Römische Volk mir in einem Alter von vierundzwanzig Jahren den Oberbefehl übertrug: warum rügte damals niemand meine Jugend, die Übermacht der Feinde, die Schwierigkeit dieses Krieges, die Niederlage, die meinen Vater und Oheim so eben betroffen hatte? Haben wir etwa jetzt in Africa ein größeres Unglück erlitten, als damals in Spanien? Oder haben sie jetzt größere Heere in Africa stehen, mehrere und geschicktere Feldherren, als damals in Spanien standen? Oder war mein Alter damals zur Führung des Krieges reifer, als jetzt? Oder eignet sich ein Krieg, in welchem Carthago der Feind ist, eher in Spanien, als in Africa? Freilich! nachdem die vier Punischen Heere besiegt und verjagt, so viele Städte durch Sturm erobert oder durch Furcht zur Übergabe gezwungen sind; Alles bis zum Oceane hin, so viele Könige, so viele wilde Völker, sich unterworfen haben; das ganze Spanien so gewonnen ist, daß auch nicht eine Spur von Krieg zurück blieb: jetzt ist es leicht, meine Thaten zu verkleinern; wahrhaftig eben so leicht, als es nach meiner siegreichen Rückkehr zu Africa sein wird, Alles das zu verkleinern, was man jetzt, um mich zurückzuhalten, durch die Darstellung zu einer Größe hebt, die ihm den Schein des Schrecklichen geben muß. Er sagt, Africa sei unzugänglich; nicht ein einziger Hafen stehe uns offen. Er führt die Gefangennehmung des Marcus Atilius in Africa an, gerade als wäre es dem Marcus Atilius gleich bei seinem Eintritte in Africa so widrig 506 gegangen; und erinnert sich nicht daran, daß selbst diesem unglücklichen Feldherrn doch die Hafen in Africa offen standen, daß er im ersten Jahre die herrlichsten Thaten verrichtete, und wenns ihm die Carthagischen Heerführer hätten thun sollen, bis ans Ende unbesiegt geblieben wäre. Mit diesem Beispiele also wirst du mich durchaus nicht schrecken. Wenn wir jene Niederlage im jetzigen, nicht im vorigen Kriege, wenn wir sie in diesen Tagen, nicht vor mehr als vierzig Jahren erlitten hätten, warum sollte ich deswegen weniger nach Africa übergehen, weil Regulus dort in Gefangenschaft gerieth, als nach Spanien, weil hier meine Scipione getödtet wurden? Dann würde ich doch den Lacedämonier Xanthippus nicht zu größerem Glücke für Carthago geboren sein lassen, als mich selbst für mein Vaterland; und selbst der Gedanke, daß die Tapferkeit eines einzigen Menschen einen so großen Ausschlag geben könne, würde mir ein so viel höheres Selbstvertrauen geben. Doch wir sollen uns ja auch von den Athenern belehren lassen, daß sie, mit Verabsäumung des Kriegs im Lande, auf gut Glück nach Sicilien übergegangen sind. Wenn wir denn Einmal Zeit haben, uns Griechische Geschichtchen vorzuerzählen, warum kommst du nicht auf die, daß Agathocles, König von Syracus, in dem langen Kriege, in welchem die Punier Sicilien verheerten, durch seinen Übergang gerade in dieses Africa, den Krieg in das Land hinüberspielte, von dem er ausgegangen war?»

44. «Allein wozu ist es nöthig, durch alte und ausländische Beispiele daran zu erinnern, wie vortheilhaft es ist, als der Angreifende den Feind in Besorgniß zu setzen, und mit Entfernung der Gefahr von sich selbst den Gegner auf den Punkt der Entscheidung zu ziehen? Kann es irgend ein auffallenderes und gegenwärtigeres Beispiel geben, als Hannibal ist? Ob wir fremdes Gebiet verheeren, oder unser eignes verbrennen und zerstören sehen, macht einen großen Unterschied. Wer die Gefahr bringt, ist unternehmender, als wer sie abwehrt. Außerdem ist uns Manches schrecklicher, weil wir nicht 507 damit bekannt sind. Unsers Feindes stärkere und schwächere Seite müssen wir dadurch näher kennen lernen, daß wir ihm ins Land gehen. Hannibal hatte es nicht erwartet, daß in Italien so viele Völker zu ihm übergehen würden, als nach dem Unglücke bei Cannä zu ihm übertraten: wie viel weniger können sich die Carthager, diese treulosen Bundsgenossen, diese drückenden und übermüthigen Tyrannen, irgendwo in Africa Treue und Zuverlässigkeit versprechen? Ferner, selbst von unsern Bundesgenossen verlassen, standen wir durch eigene Kraft, durch Römische Truppen. Die Carthager wissen nichts von heimischer Stärke; sie haben Miethlinge für Sold, Africaner und Numider, zum Abspringen vom Worte die leichtfertigsten Geschöpfe. Werde nur von hieraus kein Hinderniß gemacht, so sollt ihr die Nachrichten, daß ich übergegangen bin, daß Africa in Kriegesflammen steht, daß Hannibal an seiner Abfahrt arbeitet, daß Carthago eingeschlossen ist, zu gleicher Zeit bekommen. Sehet erfreulichern und öfteren Meldungen aus Africa entgegen, als ihr aus Spanien empfingt. Zu diesen Hoffnungen berechtigen mich das Glück des Römischen Stats, die Götter als Zeugen des vom Feinde entweiheten Bundes, die Könige Syphax und Masinissa, auf deren Treue ich mich so verlassen werde, daß ich gegen ihre Untreue gesichert bin. So Manches, was uns jetzt in der Ferne nicht deutlich ist, wird der Krieg selbst aufklären: und darin eben liegt ja die Tüchtigkeit des Mannes und des Feldherrn, dem sich bietenden Glücke nicht zu entstehen und die Handreichungen des Zufalls in seinen Plan zu verflechten. Allerdings werde ich zum Gegner den haben, den du mir bestimmst, Quintus Fabius, den Hannibal: allein ich will lieber der sein, der ihn sich nachzieht, als der von ihm sich zurückhalten laßt. Zwingen will ich ihn, in seinem Lande zu fechten, und Carthago soll ein würdigerer Preis des Sieges sein, als die halbzerstörten Schanzen der Bruttier. Das aber leisten zu können, daß der Stat, während ich hinübersegle, mein Heer in Africa ausschiffe, mit 508 meinem Lager gegen Carthago vorrücke, nicht hier gefährdet werde; was du, Quintus Fabius, leisten konntest, als der Sieger Hannibal ganz Italien durchschwärmte; bedenk, ob es nicht Schmähsucht sein würde, jetzt, da Hannibal zusammengeschüttelt und beinahe entkräftet ist, dies dem Consul Publius Licinius, einem der tapfersten Männer abzusprechen; der bloß darum auf das Los über einen so entfernten Wirkungskreis sich nicht einläßt, um nicht als Hoherpriester bei den gottesdienstlichen Verrichtungen zu fehlen. Wenn aber auch der Krieg auf diesem von mir vorgeschlagenen Wege um nichts früher beendet würde, so gehörte sichs doch für die Würde des Römischen Stats und für unsern Ruf bei den auswärtigen Königen und Völkern, daß wir nicht bloß Muth zu haben scheinen, Italien zu vertheidigen, sondern auch unsre Waffen nach Africa zu tragen; daß es nicht Glaube und Volksgespräch wird: Was Hannibal sich unterstanden habe, das unterstehe sich von den Römischen Feldherren keiner; und im ersten Punischen Kriege, als man nur um Sicilien gekämpft habe, sei Africa so oft von unsern Heeren und Flotten angegriffen; jetzt aber, da man um Italien kämpfe, habe Africa Frieden. Endlich muß das so lange geplagte Italien sich erholen, und Brand und Verheerung nun auch in Africa an die Reihe kommen. Lieber lassen wir ein Römisches Lager an Carthago's Thoren ragen, als daß wir noch einmal die feindlichen Werke vor unsern Mauren sehen. Der Sitz des ferneren Krieges sei Africa; dorthin sollen sich Schrecken und Flucht, Plünderung der Dörfer, Abfall der Bundesgenossen und jedes andre Unglück des Krieges wenden, das vierzehn Jahre lang über uns hereinbrach.»

«Ich begnüge mich, über die Lage des Stats und den bevorstehenden Feldzug, auch was dessen Schauplätze betrifft, über die wir uns hier berathen, meine Meinung gesagt zu haben. Meine Rede würde zu lang werden, und auch für euch ohne Beziehung sein, wenn ich, so wie Quintus Fabius, meine Thaten in Spanien verkleinerte, 509 dagegen eben so seinen Ruhm anfechten und den meinigen durch die Darstellung heben wollte. Keins von beiden werde ich thun, versammelte Väter; und ich hoffe, wenn es mir anders in irgend Einem Stücke gelingt, wenigstens so in der Bescheidenheit und Bezähmung meiner Zunge als Jüngling den Greis besiegt zu haben. In meinem Wandel und an der Spitze des Heers habe ich mich so benommen, daß ich, auch wenn ich davon schweige, gern mit eurer Meinung von mir zufrieden sein kann, der ihr so entgegenkommend Raum gegeben habt.»

45. Scipio fand nicht ganz günstiges Gehör, weil man sichs allgemein sagte, er wolle, wenn er es beim Senate nicht durchsetzte, daß ihm Africa als Wirkungskreis zuerkannt würde, die Sache vor das Gesamtvolk bringen. Darum verlangte auch Quintus Fulvius, welcher Consul viermal und Censor gewesen war, der Consul solle sich geradezu im Senate erklären, ob er den Vätern die Entscheidung über die Standplätze überlassen, nach dem, was sie verfügen würden sich richten, oder die Sache an das Gesamtvolk gelangen lassen werde. Als Scipio erklärte, er werde dem Besten des Stats gemäß handeln, da sprach Fulvius: «Ich that die Frage nicht, weil ich nicht schon gewußt hätte, wie du antworten oder verfahren würdest; da du es selbst nicht verhehlest, daß du den Senat mehr auf die Probe stellst als befragst, und wenn wir dir nicht sofort den Standort zuerkennen, den du wünschest, über den Antrag an das Volk schon mit dir eins bist. So verlange ich denn von euch, ihr Bürgertribunen, Beistand, wenn ich mich aus dem Grunde weigere, meine Meinung abzugeben, weil der Consul selbst dann, wenn man meiner Meinung beiträte, sie nicht gelten lassen will.» Nun entstand ein Wortwechsel, weil der Consul behauptete, die Tribunen dürften einen Senator von der Verbindlichkeit, nach der Aufforderung in der Reihe seine Stimme zu geben, durch ihre Einsage nicht befreien. Die Tribunen faßten ihren Ausspruch so: «Wenn der Consul die Bestimmung der Kriegsplätze dem Senate überläßt, so muß es, unsrer Meinung nach, bei dem bleiben, was 510 der Senat erachten wird, und wir werden darüber keinen Antrag an das Gesamtvolk gestatten: überläßt er sie ihm nicht, so versprechen wir dem, der darüber seine Meinung abzugeben sich weigert, unsern Beistand.» Der Consul bat sich diesen Tag aus, um mit seinem Amtsgenossen Abrede zu nehmen. Am folgenden Tage überließen sie die Sache dem Senate. Die Kriegesschauplätze wurden so bestimmt. Dem einen Consul Sicilien und dreißig Kriegsschiffe, welche im vorigen Jahre Cajus Servilius gehabt habe: auch wurde ihm freigestellt, nach Africa überzugehen, wenn er es dem Besten des States zuträglich fände. Dem andern die Bruttier und der Krieg gegen Hannibal, und hierzu das Heer des Lucius Veturius oder Quintus Cäcilius. Auch sollten diese darum losen, oder sich vergleichen, wer von ihnen Beiden die zwei Legionen im Bruttischen befehligen solle, die der Consul nicht gewählt hätte: wem dieser Platz zufiele, dem solle der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert sein. Auch den Übrigen, welche außer den Consuln und Prätoren, an der Spitze von Heeren und in Kriegsgegenden stehen sollten, wurde der Oberbefehl verlängert. Das Los, mit dem Consul gemeinschaftlich im Bruttischen den Krieg gegen Hannibal zu führen, traf den Quintus Cäcilius.

Nun feierte Scipio seine Spiele unter großem Zulaufe und Beweisen der Liebe von Seiten der Zuschauer. Die nach Delphi zur Überbringung eines Geschenks von Hasdrubals Beute abgegangenen Gesandten, Marcus Pomponius Matho und Quintus Catius, überreichten einen goldenen Kranz zweihundert Pfund6248 Gulden. Die gleich folgenden 1000 Pfund Silber sind 31,248 Gulden. schwer, und Nachbildungen von erbeuteten feindlichen Waffen, aus tausend Pfund Silber gefertigt. Scipio, der es nicht erlangt, aber auch nicht sehr betrieben hatte, eine Werbung anstellen zu dürfen, bekam die Erlaubniß, Freiwillige zuzulassen, und, weil er versichert hatte, die Flotte solle dem State keine Kosten verursachen, von den Bundesgenossen die 511 Beiträge anzunehmen; die sie ihm zur Erbauung neuer Schiffe geben wollten. Die Völker Hetruriens waren die ersten, welche sich für den Consul, jedes nach seinem Vermögen, zur Unterstützung erboten. Die Bürger von Cäre versprachen Getreide für die Seeleute und Lebensmittel aller Art; die von Populonia Eisen; von Tarquinii Leinwand zu Segeln; von Volaterrä den Bedarf zu Verstreichung der Schiffe und Getreide; von Arretium dreitausend Schilde und eben so viel Helme; an Wurfpfeilen, kurzen Spießen und langen Lanzen wollten sie die volle Zahl von funfzigtausend Stück zusammen, von jeder Art gleich viel liefern, und an Beilen, Grabscheiten, Mauerhaken, Mulden und Handmühlen soviel als vierzig Linienschiffe nöthig hätten; an Weizen hundertundzwanzig tausend Maß aufbringen, und den Ruderern und ihren Oberleuten ein Reisegeld; die von Perusia, Clusium, Rusellä Tannenholz zum Schiffbau und eine große Menge Getreide: doch nahm Scipio das Tannenholz aus den Forsten des Stats. Umbriens Völker, und außer ihnen die Bürger von Nursia, Reate, Amiternum und das ganze Sabinerland versprachen Soldaten. Die Marser, Peligner und Marruciner stellten sich haufenweise als Freiwillige für die Flotte. Die Camerten, ungeachtetCamertes, quum]. – Ich übersetze dieses quum durch ungeachtet, nach Sigonius Erklärung. Duker scheint dem Sigonius mit Unrecht zu widersprechen. Den übrigen Bundesgenossen, die nicht aequo foedere mit Rom standen, hätte der Senat befehlen können. Allein durch den Abfall selbst von zwölf eigenen Colonien (XXVII. 9.) scheu gemacht, und schon zur Härte gegen die, welche sacrosanctam vacationem hatten, ungern gezwungen (XXVII. 38.) trägt der Senat um so mehr Bedenken, von Bundesgenossen zu fodern. Er läßt es darauf ankommen, was sie aus Liebe zum Scipio geben werden. Den Camerten aber konnte er auch nicht befehlen, quia aequo foedere erant. Um so viel größer ist ihr Verdienst. sie mit Rom zu gleichen Rechten im Bunde standen, schickten eine gerüstete Cohorte von sechshundert Mann. Da zu dreißig Schiffen, zu zwanzig Fünfruderern und zehn Vierruderern die Kiele gelegt waren, betrieb Scipio selbst den Bau so eifrig, daß fünfundvierzig Tage nach Herbeiholung des Bauholzes aus den Wäldern die Schiffe ausgebaut und segelfertig auf das Wasser gebracht wurden.

512 46. Er ging mit dreißig Linienschiffen, auf die er gegen siebentausend Mann Freiwillige eingeschifft hatte, nach Sicilien ab. Auch Publius Licinius kam im Bruttischen bei den beiden consularischen Heeren an, und wählte sich von diesen das, welches der Consul Lucius Veturius gehabt hatte. Den Metellus ließ er aus dem Grunde, daß ihm an seinen Befehl gewöhnte Truppen die Unternehmungen erleichtern würden, die Legionen, die er bisher befehligt hatte, behalten. Auch die Prätoren gingen nach entgegengesetzten Richtungen auf ihre Standplätze. Desgleichen wurde den Schatzmeistern aufgetragen, weil das Geld zum Kriege fehlte, den Strich des Campanischen Gebiets, der sich vom Griechischen Graben nach dem Meere zieht, zu verkaufen: zugleich mußten sie JedenIndicio quoque permisso.] – Ich verstehe unter indicium quodque (denn ich nehme quoque nicht für auch) indicium sine discrimine, liber an servus ederet, delatum. zu der Angabe berechtigen, was für Feldmarken Campanischen Bürgern gehört hätten, damit diese unter Römisches Statseigenthum begriffen wären. Dem Anzeiger wurde der zehnte Theil vom Geldwerthe des nachgewiesenen Grundstücks zur Belohnung gesetzt. Auch bekam der Stadtprätor Cneus Servilius den Auftrag dahin zu sehen, daß jeder Campanische Bürger wirklich da wohne, wo ihm der Senatsschluß zu wohnen gestatte, und diejenigen, welche an andern Orten wohnten, zu bestrafen.

In diesem Sommer setzte Hamilcars Sohn, Mago, der die während seines Winteraufenthalts auf der kleineren Balearischen Insel ausgehobene Mannschaft eingeschifft hatte, auf etwa dreißig Kriegs- und vielen Ladungsschiffen zwölftausend Mann zu Fuß und fast zweitausend zu Pferde nach Italien über, und bemächtigte sich, weil die Seeküste durch keine Bedeckung geschützt war, durch seine überraschende Ankunft der Stadt Genua. Von da fuhr er mit seiner Flotte an die Küste der Alpen-Ligurier, um hier, wo möglich, Bewegungen zu veranlassen. Die Ingauner – sie sind ein Ligurisches Volk – führten eben mit den 513 auf Gebirgen wohnenden Epanteriern Krieg. Der Punische Feldherr also, der in der Alpenstadt Savo seine Beute absetzte, zehn Linienschiffe zu seiner eigenen Sicherheit auf der Rhede behielt und die übrigen zur Deckung der Seeküste nach Carthago zurückschickte – denn das Gerücht meldete ihm Scipio's bevorstehenden Übergang – ließ sich mit den Ingaunern, deren Freundschaft ihm lieber war, in ein Bündniß ein und ging damit um, die Bergbewohner anzugreifen. Und mit jedem Tage wuchs sein Heer, da auf den Ruf seines Namens Gallier von allen Seiten ihm zuströmten.

Diese Umstände, über welche die Väter ein Brief vom Spurius Lucretius belehrte, erregten bei ihnen die große Besorgniß, ihre Freude, vor zwei Jahren den Hasdrubal mit seinem Heere erlegt zu haben, möchte vergeblich gewesen sein, wenn sich von dorther ein neuer gleicher Krieg, nur unter einem andern Feldherrn, erhöbe. Deswegen befahlen sie dem Proconsul Marcus Livius, mit dem Heere von gewesenen Sklaven aus Hetrurien nach Ariminum vorzurücken, und gaben dem Prätor Cneus Servilius den Auftrag, wenn es seiner Meinung nach das Beste des Stats zuließe, so sollte er die Stadtlegionen unter Anführung eines Mannes, den er zu wählen habe, aus der Stadt aufbrechen lassen. Marcus Valerius Lävinus war es, der diese Legionen nach Arretium führte. Daß in denselben Tagen in der Nähe von Sardinien Cneus Octavius, der Befehlshaber dieser Provinz, gegen achtzig Punische Lastschiffe aufgebracht habe, melden Cölius und Valerius: nur waren sie nach jenem mit Ladungen von Getreide und Zufuhr für den Hannibal abgegangen; nach diesem sollten sie Beute aus Hetrurien und gefangene Bergbewohner aus Ligurien weiter nach Carthago bringen.

Im Bruttischen fiel dieses Jahr fast nichts von Bedeutung vor. Römer und Punier wurden von einer Pest heimgesucht, die beiden gleich verderblich war; doch litt das Punische Heer außer der Krankheit auch durch Hungersnoth. Hannibal stand den Sommer über in der Nähe 514 vom Tempel der Juno Lacinia; und hier errichtete und weihete er einen Altar mit einer pomphaften Angabe seiner Thaten, die er an demselben in Punischer und Griechischer Sprache eingraben ließ.

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