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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 93
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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13. Als der Ruf dem Scipio die Aufstellung eines so großen Heeres verkündigte, schickte er in der Überzeugung, daß er einer so großen Macht bloß mit Römischen Legionen nicht gewachsen sei, wenn er ihr nicht wenigstens zum Scheine auch fremde Hülfstruppen entgegenstellte, ohne doch diesen so viel Gewicht einzuräumen, daß etwa ihre Treulosigkeit, so wie sie seinen Vater und Oheim unglücklich gemacht habe, einen bedeutenden Ausschlag bewirken könne, den Silanus an den Colcha vorauf, einen Beherrscher von achtundzwanzig Städten, um von ihm die Truppen zu Pferde und zu Fuß in Empfang zu nehmen, die er im Winter zu sammeln versprochen hatte; zog selbst nach seinem Aufbruche von Tarraco bei seinen Bundesgenossen, wie er der Reihe nach auf seinem Wege an sie kam, mäßige Verstärkungen an sich und kam nach Castulo. Hier führte ihm Silanus die Hülfsvölker zu, dreitausend Mann zu Fuß, fünfhundert zu Pferde. Von da rückte Scipio mit seinem ganzen Heere von Römern und Bundsgenossen, an Fußvolk und Reuterei zusammen fünfundvierzig tausend, nach Bäcula vor. Als sie sich lagern wollten, griffen Mago und Masinissa mit der ganzen Reuterei an, und würden sie bei der Schanzarbeit in Unordnung gebracht haben, hätte sich nicht die Reuterei, welche Scipio hinter einer hierzu sehr vortheilhaft 451 gelegenen Höhe versteckt hatte, auf den ausgebreiteten Feind geworfen. Sie trieb die Unternehmendsten, welche dicht an den Wall und auf die Schanzer vorangesprengt waren, durch den kaum begonnenen Kampf zurück: mit den Übrigen aber, welche unter den Fahnen und in Gliedern anrückten, war das Gefecht anhaltender und lange mißlich. Als aber zuerst die schlagfertigen Cohorten von den Posten, dann auch die von der Arbeit abgeführten und zur Bewaffnung aufgerufenen Truppen, als die Zahlreicheren und Geschonten die Ermüdeten ersetzten, und schon ein großer Zug in vollen Waffen aus dem Lager ins Treffen eilte, da war die Flucht der Punier und Numider entschieden. Anfangs zogen sie in Geschwadern ab, ohne die Glieder in der Bestürzung und Eile zu brechen; als aber die Römer mit Nachdruck auf die Letzten einhieben, und ihr Angriff unwiderstehlich ward, da löseten sie sich ohne Glied zu halten allenthalben, wo es Jedem am nächsten war, zur Flucht auf. Ob aber gleich durch dieses Treffen den Römern der Muth um ein Großes erhöhet, und den Feinden gemindert war, so unterblieb doch mehrere der folgenden Tage hindurch das Heransprengen der Reuterei und der Leichtbewaffneten nicht.

14. Als Hasdrubal in diesen leichten Kämpfen seine Kräfte hinlänglich geprüft zu haben glaubte, rückte er zuerst zur Schlacht aus: dann traten auch die Römer auf. Beide Linien blieben aber vor ihrem Walle aufgestellt; und da von keiner Seite der Kampf begann, so führte, weil sich der Tag schon zum Abend neigte, der Punische Feldherr zuerst, dann auch der Römische, seine Truppen ins Lager ab. Eben so ging es mehrere Tage nach einander: Hasdrubal war immer der Erste, der seine Truppen ausrücken ließ, aber auch der Erste, der seinen vom Stehen Ermüdeten das Zeichen zum Rückzuge gab. Von beiden Seiten erfolgte kein Angriff, kam kein Pfeil, ertönte kein Laut. Hier besetzten das Mitteltreffen die Römer, dort die Carthager mit Africanern untermischt, und die Bundesgenossen die Flügel: auf beiden Seiten standen Spanier auf den Flügeln. Vor der Punischen Linie 452 nahmen sich die Elephanten von weitem als Schanzen aus. Schon sprachen beiderlei Truppen in ihrem Lager darüber ab, daß sie so zum Gefechte kommen würden, wie sie gestellt wären. Beide Mitteltreffen, Römer und Punier, die eigentlichen Parteien des Krieges, würden, an Muth und Rüstung sich gleich, auf einander treffen. Als Scipio diesen festen Glauben sah, änderte er auf den Tag, an dem er schlagen wollte, Alles geflissentlich ab. Abends ließ er im Lager den Befehl herumgehen, Mann und Pferd sollten vor Tagesanbruch sich gepflegt und gefuttert haben; der Reuter sein Pferd aufgestanget und gesattelt halten. Noch war es nicht völlig hell, als er schon die ganze Reuterei mit den leichten Truppen die Punischen Posten angreifen ließ; und sogleich rückte er selbst mit den schweren Legionen so auf, daß er, gegen die sichere Erwartung seines eigenen und des feindlichen Heers, die Flügel mit Römern besetzte, die Bundesgenossen in die Mitte nahm. Wie Hasdrubal, durch das Geschrei der Reuterei geweckt, aus seinem Zelte sprang, das Getümmel vor dem Lagerwalle, die Bestürzung der Seinigen, in der Ferne die blitzenden Adler der Legionen und die Ebene voll Feinde sah, schickte er ungesäumt seine ganze Reuterei gegen die feindliche ab, zog selbst mit dem Fußvolke zum Lager heraus, änderte aber in der gewöhnlichen Weise der Stellung nicht das Mindeste.

Lange schon blieb sich das Gefecht der Reuterei auf beiden Seiten gleich; auch konnte es nicht durch sich selbst entschieden werden, weil die Geschlagenen – und dies waren sie beinahe wechselsweise – jedesmal in der Linie ihres Fußvolks eine sichere Aufnahme fanden. Als aber diese nur noch fünfhundert Schritte von einander entfernt waren, ließ Scipio nach gegebenem Zeichen zum Rückzuge die Glieder sich öffnen und die ganze Reuterei nebst den Leichtbewaffneten in die Mitte nehmen, und stellte diese in zwei Haufen vertheilt als Hintertreffen auf die Flügel. Dann ließ er, als jetzt die Schlacht beginnen sollte, die Spanier – sie standen im Mittelpunkte, mit gehaltenem Schritte aufrücken. Er selbst ließ vom 453 rechten Flügel, wo er seinen Stand hatte, dem Silanus und Marcius sagen, sie möchten ihren Flügel nach der Linken ausdehnen, wie sie ihn selbst den seinigen nach der Rechten dehnen sahen, und ihre raschesten Truppen zu Fuß und zu Pferde mit dem Feinde zusammentreffen lassen, ehe die Mittelpunkte einander erreichen könnten. So wurden auf beiden verlängerten Flügeln drei Cohorten zu Fuß und drei Geschwader Reuterei nebst den Leichtbewaffneten im Schnellschritte auf den Feind geführt, indeß die andern in schräger Richtung folgten. Die Mitte gab eine Bucht, weil die Spanier langsamer aufrückten. So waren die Flügel schon in voller Arbeit, indeß die Punischen Altkrieger und Africaner, gerade der Kern des feindlichen Heeres, noch nicht zum Pfeilschusse gekommen waren, und auch auf die Flügel, um an deren Kampfe theilzunehmen, sich nicht ausbreiten durften, wenn sie nicht den Mittelpunkt dem gegenüber ankommenden Feinde öffnen wollten. Ihre Flügel sahen sich auf zwei Seiten bedrängt: die Reuterei und die Leichtbewaffneten, die Veliten, hatten ihre Flügel herumgezogen und fielen ihnen in die Flanke, und die Cohorten drängten von vorn heran, um die Flügel von der übrigen Linie zu trennen.

15. Sie hatten also auf keiner Seite des Gefechts das Gleichgewicht, auch deswegen nicht, weil ein Schwarm Balearen und neugeworbene Spanier Römische und Lateinische Krieger zu Gegnern hatten, und weil Hasdrubals Heer mit dem fortrückenden Tage sich immer kraftloser fühlte, da es durch das frühe Getümmel überrascht und ehe es sich durch Speise gestärkt hatte, gezwungen gewesen war, eiligst zur Schlachtordnung auszurücken. Noch dazu hatte Scipio absichtlich bis tief in den Tag gezögert, um spät genug zu schlagen. Denn erst Nachmittags um Eins griff das Fußvolk die Flügel an: die Mitteltreffen kamen weit später zum Gefechte, so daß die Punier, noch ehe sie mit dem Feinde handgemein wurden, schon die Hitze der Mittagssonne, das beschwerliche Stehen unter den Waffen und dabei Hunger und Durst entkräftete. Also standen sie an ihre Schilde gelehnt. Außerdem hatten sich auch, 454 durch die geräuschvolle Art des Gefechts der Reuterei, der Absitzer und Leichtbewaffneten gescheucht, die Elephanten von den Flügeln auf das Mittelheer gestürzt. Erschöpft an Körperkraft und Muth wichen die Punier, hielten sich aber noch in Gliedern, gerade so, als zöge sich ihre Linie ungebrochen, auf Befehl des Feldherrn, zurück. Als aber jetzt die Sieger, die den Kampf sich entscheiden sahen, so viel nachdrücklicher von allen Seiten hereinstürzten und ihr Andrang unwiderstehlich ward, da gewann bei den Puniern, ob sie gleich Hasdrubal aufhalten wollte, den Weichenden in den Weg trat, und ihnen zurief: «Sie hätten im Rücken Hügel und sichere Zuflucht, wenn sie nur allmälig sich zurückzögen;» dennoch die Furcht die Oberhand über das Ehrgefühl; und da immer der dem Feinde Zunächststehende auswich, so kehrten sie bald Alle den Rücken und warfen sich auf die Flucht. Zwar machten sie anfangs, weil die Römer nicht Lust zu haben schienen, ihre Linie gerade bergan zu richten, am Fuße der Höhen Halt und suchten die Glieder wieder herzustellen; als sie aber den Feind muthig zum Angriffe heranschreiten sahen, erneuerten sie die Flucht und ließen sich im Schrecken in ihr Lager treiben. Die Römer waren nicht mehr weit vom Walle, und in dieser Hitze des Angriffs würden sie das Lager genommen haben, hätte sich nicht nach dem stechenden Sonnenscheine, so wie er zwischen regenschwangern Wolken hervorbricht, ein so gewaltiger Platzregen ergossen, daß auch die Sieger sich kaum in ihr Lager zurückziehen konnten, und einige hierin selbst einen göttlichen Wink fanden, für heute nichts weiter zu unternehmen. Waren gleich für die durch Beschwerden und Wunden erschöpften Carthager die Nacht und der Regen sehr einladend zur nöthigen Ruhe, so verstärkten sie doch, weil ihnen Furcht und Gefahr zum Säumen nicht Zeit ließ, – sahen sie doch mit dem Anbruche des Tages dem feindlichen Sturme auf ihr Lager entgegen – ihre Brustwehr durch Steine, die sie allenthalben aus den nahen Thälern zusammentrugen, um sich bei dem zu schwachen Schutze ihrer Waffen durch 455 Bollwerke zu vertheidigen. Allein der Übergang ihrer Bundesgenossen zum Feinde ließ sie doch die Flucht als sicherer dem längeren Bleiben vorziehen. Den Anfang zum Abfalle machte Attanes, Fürst der Turdetaner. Er ging mit einem großen Zuge seiner Unterthanen über: dann wurden auch zwei Festungen mit ihren Besatzungen von ihren Befehlshabern den Römern übergeben. Damit also bei dieser Stimmung zum Abfalle das Übel nicht um sich greifen möchte, brach Hasdrubal in der Stille der folgenden Nacht mit seinem Lager auf.

16. Scipio, so wie ihm in der ersten Frühe seine Posten den Abzug der Feinde meldeten, hieß der voraufgeschickten Reuterei die Fahnen folgen. Und der Zug ging so schnell, daß sie den Feind, wenn sie seiner Spur gerades Weges gefolgt wären, ohne Zweifel eingeholt haben würden. Allein sie trauten der Versicherung ihrer Wegweiser, daß ein kürzerer Weg zum Flusse Bätis führe, wo sie den Feind beim Übergange anzugreifen hofften. Da Hasdrubal den Übergang über den Fluß gesperrt fand, wandte er sich seitwärts nach dem Weltmeere. In vollem Laufe machten sich die Punier, gleich Fliehenden, davon, und dies gab ihnen vor den Römischen Legionen einen bedeutenden Vorsprung. Nur die Reuterei und die leichten Truppen, die ihnen bald in den Rücken fielen, bald auf den Flanken entgegensprengten, machten ihnen Noth und hielten sie auf: da sie indeß bei den öfteren Angriffen Halt machen, und sich bald mit der Reuterei, bald mit den Absitzern und dem Fußvolke der Hülfstruppen einlassen mußten, so kamen die Legionen nach. Nun erfolgte, schon nicht mehr eine Schlacht, sondern ein wahres Gemetzel, wie unter Viehheerden, bis endlich ihr Feldherr, selbst Aufforderer zur Flucht, sich mit beinahe sechstausend Mann Halbbewaffneter auf die nächsten Anhöhen rettete. Die Übrigen wurden niedergehauen oder gefangen. Hier legten die Punier in größter Eile auf dem höchsten Hügel ein Nothlager an, und von da herab vertheidigten sie sich gegen die vergeblichen Versuche des Feindes, an dem unersteiglichen Abhange 456 hinaufzukommen, mit leichter Mühe. Allein die Einschließung ließ sich auf einem nackten und dürftigen Boden kaum einige Tage aushalten: und so gingen Überläufer in Menge zu den Feinden. Zuletzt ließ sich der Feldherr, weil das Meer in der Nähe war, Schiffe geben, verließ in der Nacht sein Heer und floh nach Gades. Als Scipio die Flucht des feindlichen Feldherrn erfuhr, ließ er dem Silanus, um das Lager eingeschlossen zu halten, zehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde. Er selbst kehrte mit den übrigen Truppen in siebzig Tagemärschen, auf denen er der Reihe nach die Theilnahme der Fürsten und Staten für Rom untersuchte, um sie nach gehöriger Würdigung ihrer Verdienste belohnen zu können, zurück nach Tarraco. Als Scipio abgezogen war, ging auch Masinissa nach einer geheimen Unterredung mit dem Silanus, um sich bei seinen neuen Maßregeln der Folgsamkeit seines Volks zu versichern, mit einigen seiner Unterthanen nach Africa über: und war gleich jetzt die Ursache dieser schnellen Veränderung so einleuchtend nicht, so diente doch seine nachherige bis in sein spätestes Alter unerschütterliche Treue zum Beweise, daß er auch damals nicht ohne triftigen Grund gehandelt habe.

Auf den von Hasdrubal zurückgeschickten Schiffen ging nun auch Mago nach Gades. Die übrigen Punier, von ihren Feldherren verlassen, zerstreuten sich theils als Überläufer, theils als Flüchtlinge in die nächsten Städte; lauter Scharen, an Zahl eben so unbedeutend, als an Kraft.

So etwa wurden unter der Anführung und Götterleitung des Publius Scipio, im dreizehnten Jahre nach Eröffnung des Kriegs, im fünften, seitdem Publius Scipio diese Provinz und das Heer übernommen hatte, die Carthager aus Spanien getrieben. Nicht lange nachher traf Silanus mit der Nachricht, daß der Krieg zu Ende sei, zu Tarraco bei dem Scipio wieder ein.

17. Lucius Scipio wurde mit vielen vornehmen Gefangenen, die Eroberung Spaniens zu melden, nach Rom geschickt. Und während hier Jedermann die That als 457 Gegenstand der allgemeinen Wonne und des lautesten Preises feierte, sah nur Einer, der Thäter selbst, bei seinem unbefriedigten Streben nach Verdienst und wahrem Ruhme, in der Eroberung Spaniens eine kleine Probe dessen, was ihm seine Aussicht und seine Geistesgröße versprach. Schon sah er nach Africa, nach Groß-Carthago hinüber, und auf den ganzen Ruhm aus diesem Kriege vom Schicksale zu seiner Verherrlichung, zu seiner Benennung, gleichsam für ihn zusammengehäuft. In der Voraussetzung, er habe seine Voranstalten dort schon jetzt zu treffen und sich die Könige und Völker zu Freunden zu machen, beschloß er, sich zuerst an den König Syphax zu wagen. Dieser war König der Masäsyler. Die Masäsyler, Nachbaren der Mauren, haben Spanien sich gegenüber, am geradesten die Gegend von Neu-Carthago. Jetzt stand der König mit den Carthagern im Bunde: da aber Scipio glaubte, daß ihm dieser nicht wichtiger und heiliger sein werde, als den meisten Barbaren, deren Treue vom Glücke abhängt; so ließ er den Cajus Lälius als Gesandten mit Geschenken an ihn abgehen. Hierüber erfreut und in Betracht dessen, daß die Römer jetzt allenthalben Glück, die Punier in Italien Unglück, in Spanien gar nichts mehr hatten, erklärte sich der ausländische König zur Freundschaft mit Rom bereit: allein das Wort zum Abschlusse des Bundes gebe er keinem Andern, und nehme es auch von keinem Andern, als vom Römischen Feldherrn in Person. So ließ sich Lälius vom Könige nur darauf das Wort geben, daß Scipio sicher kommen dürfe, und kehrte zu diesem zurück.

Für den, der sein Augenmerk auf Africa richtete, war Syphax in jeder Hinsicht ein Mann von großem Ausschlage; der mächtigste König dieser Weltgegend, im Kriege mit Carthago schon versucht, und durch die Lage seines Reichs in Verbindung mit Spanien, von welchem jenes nur durch die schmale Meerenge geschieden ist. Da also Scipio die Sache wichtig genug fand, weil sie sich nicht anders thun lasse, sie selbst nicht ohne große Gefahr zu unternehmen, so ließ er zur Behauptung 458 Spaniens zu Tarraco den Lucius Marcius, zu Neu-Carthago, wohin er von Tarraco zu Lande in starken Märschen gegangen war, den Marcus Silanus zurück, reisete mit dem Cajus Lälius auf zwei Fünfruderern von Neu-Carthago ab und fuhr bei Windstille, meistentheils vermittelst der Ruder, und nur zuweilen mit Hülfe eines schwachen Windes, nach Africa. Es traf sich so, daß gerade jetzt der aus Spanien getriebene Hasdrubal, der mit sieben Dreiruderern im Hafen eingelaufen war, seine Schiffe schon vor Anker sich ans Land legen ließ; als auf einmal der Anblick der beiden Fünfruderer, die jeder gleich für feindliche erkannte und mit der überlegenen Macht, ehe sie noch in den Hafen liefen, nehmen zu können glaubte, dennoch weiter nichts bewirkte, als ein Getümmel und Durcheinanderlaufen der Soldaten, so wie der Seeleute, welche vergebens Waffen und Schiffe in Stand setzten. Denn die Segel, die jetzt von der Höhe her ein etwas stärkerer Wind traf, trugen die Fünfruderer schon in den Hafen, ehe die Punier die Anker lichten konnten: und im königlichen Hafen selbst es noch weiter kommen zu lassen, als zum Lärme, wagte keiner. Also stieg zuerst Hasdrubal ans Land, bald auch Scipio und Lälius; und Alle begaben sich zum Könige.

18. Syphax fand es, was es auch wirklich war, ehrenvoll für sich, daß die Feldherren der beiden mächtigsten Völker damaliger Zeit sich an Einem Tage eingefunden hatten, um Frieden und Freundschaft mit ihm zu haben. Er nöthigte beide, bei ihm abzutreten; und weil sie das Schicksal unter Ein Dach, zu einerlei Hausgöttern zusammengeführt hatte, so versuchte er es auch zur Beilegung ihrer Feindseligkeiten eine Unterredung zu vermitteln, bis ihn Scipio versicherte, er hege gegen den Punischen Feldherrn nicht die mindeste persönliche Abneigung, um etwa diese durch eine Unterredung zu tilgen; er könne sich aber auch über Statssachen ohne Vollmacht vom Senate mit einem Feinde durchaus nicht einlassen. Und weil dem Könige, damit nicht der Eine seiner Gäste von der Tafel ausgeschlossen schiene, so sehr 459 daran gelegen war, daß er sichs gefallen lassen möchte, mit Hasdrubal bei Einem Mahle zu erscheinen, so sagte er sich zu. Sie speisten also zugleich beim Könige, und weil dieser etwas darin suchte, lagen Scipio und Hasdrubal sogar auf Einem Tafelpolster. Scipio aber hatte so viel Gefälliges und in allen Stücken eine so große ihm natürliche Gewandheit, daß er nicht allein den Syphax, diesen mit Römischen Sitten unbekannten Wilden, sondern selbst seinen abgesagten Feind durch die Unbefangenheit in seinen Unterhaltungen gewann; so daß dieser laut sagte: «Der Mann habe sich durch die persönliche Bekanntschaft bei ihm in noch höhere Achtung gesetzt, als durch seine Thaten im Kriege. Auch werde ganz gewiß in Kurzem Syphax und sein Reich den Römern zu Befehle stehen: so habe dieser Mann darauf ausgelernt, die Herzen zu gewinnen. Man habe also in Carthago nicht nachzufragen, wie Spanien habe verloren gehen können, sondern darauf zu denken, wie man sich Africa erhalte. Nicht zur Lustreise, nicht um liebliche Küsten zu befahren, habe sich ein so hoher Römischer Feldherr, mit Hinterlassung einer neueroberten Provinz, mit Hinterlassung seiner Heere, auf zwei Schiffen nach Africa gewagt, in ein feindliches Land, in die Gewalt eines Königs, den er nicht kenne, sondern im Anschlage auf die Eroberung Africa's. Schon längst gehe er damit in Gedanken um, und äußere seine Unzufriedenheit laut, daß nicht schon jetzt, wie Hannibal in Italien, so Scipio in Africa den Krieg führe.» Nach geschlossenem Bündnisse mit Syphax reiste Scipio aus Africa ab, und erreichte, von wechselnden und meistens stürmischen Winden auf offenem Meere umgetrieben, am vierten Tage den Hafen von Neu-Carthago.

19. Hatte gleich Spanien vom Punischen Kriege Ruhe, so zeigte sich es doch offenbar, daß einige Staten im Bewußtsein ihrer Schuld, sich mehr aus Furcht, als aus Anhänglichkeit an Rom, ruhig verhielten. Die bedeutendsten, aber auch die strafbarsten darunter waren Illiturgi und Castulo. Die Einwohner von Castulo, die mit 460 Rom zur Zeit seines Glücks im Bunde standen, waren nachher, als die Scipione mit ihren Heeren niedergehauen wurden, zu den Puniern abgefallen. Die Illiturgitaner hatten als Verräther und Mörder der Flüchtlinge, die sich aus jenem Unglücke zu ihnen retteten, ihren Abfall noch durch Frevel verschlimmert. Härte gegen diese Völker würde gleich bei Scipio's Ankunft, bei den wankenden Gesinnungen der Spanier, freilich verdient, aber nicht rathsam gewesen sein. Allein da ihm jetzt bei der allgemeinen Ruhe die Zeit der Bestrafung gekommen zu sein schien, so schickte er den Lucius Marcius, den er von Tarraco berief, mit dem dritten Theile der Truppen zum Angriffe auf Castulo ab; er selbst traf mit dem übrigen Heere beinahe in vier Tagemärschen vor Illiturgi ein. Die Thore waren geschlossen, und Alles in Verfassung und Bereitschaft, sich des Sturmes zu erwehren: so völlig hatte bei ihnen das Bewußtsein, das ihnen sagte, was sie verdient hatten, die Stelle der Kriegserklärung vertreten. Deswegen leitete auch Scipio die Anrede an seine Soldaten etwa so ein: «Durch die Schließung ihrer Thore gäben diese Spanier selbst zu erkennen, was sie zu fürchten berechtigt wären. Deswegen müsse auch der Sturm gegen sie mit weit regerem Grolle ausgeführt werden, als gegen die Carthager selbst. Denn mit diesen streite man fast ohne Erbitterung um Oberherrschaft und Ruhm: an jenen aber müsse man die Strafe der Treulosigkeit, der Grausamkeit und des Frevels vollziehen. Die Zeit sei gekommen, für die schändliche Ermordung ihrer Kampfbrüder, und für eine, wenn die Flucht auch sie hieher verschlagen hätte, auch auf sie angelegte Bosheit Rache zu üben, und durch ein nachdrückliches Strafexempel für alle Zeiten die Warnung aufzustellen, daß sich niemand einfallen lasse, ein Römischer Bürger oder Soldat, in welcher Lage sich dieser auch befinde, sei ihm zur Mishandlung preisgegeben.»

Durch diese Aufforderung des Feldherrn angefeuert, theilten sie unter die rottenweise Erlesenen die Sturmleitern aus, und mit getheiltem Heere, so daß die eine 461 Hälfte den Unterfeldherrn Lälius an der Spitze hatte, setzten sie die Stadt durch einen doppelten Angriff, von zwei Seiten zugleich, in Schrecken. Den Einwohnern gebot nicht etwa ein Hauptfeldherr, oder mehrere ihrer Vornehmen, sondern die Furcht ihres eigenen bösen Gewissens die muthigste Vertheidigung der Stadt. Sie wußten es selbst, und Einer rief es dem Andern zu, daß es hier darauf abgesehen sei, Rache, nicht Sieg, zu ernten. Es komme also nur auf die Stelle an, wo Jeder seinen Tod finde; ob sie lieber im Streite und in der Schlachtreihe, wo das Kampfglück unparteiisch zuweilen auch den Besiegten wieder aufrichte und den Sieger niederwerfe, oder später, nach Verbrennung und Zertrümmerung ihrer Vaterstadt, vor den Augen ihrer gefangenen Gattinnen und Kinder, unter Schlägen und Ketten, nach Erduldung der schmählichsten und empörendsten Mishandlungen ihren Geist aufgeben wollten. Und so leisteten denn nicht bloß das kriegerische Alter, nicht die Männer allein, sondern auch Weiber und Kinder eine thätigere Hülfe, als ihr Muth und ihre Körperkraft sie versprach: sie reichten ihren Vertheidigern die Geschosse, trugen den Arbeitern an der Mauer die Steine zu. Hier galt es nicht bloß die Freiheit, die nur tapfern Männern die Brust stählt; sondern die schmählichste Hinrichtung, und der kläglichste Tod Aller schwebte ihnen vor Augen. Ihren Muth erhöhete der Wetteifer in Übernehmung der Beschwerden und Gefahren, und schon ihr gegenseitiger Anblick. Daher begann auch der Kampf mit einer solchen Wuth, daß selbst dies Heer von Unterjochern des gesamten Spaniens, durch die Mannschaft einer einzigen Stadt mehrmals von den Mauern abgeschlagen, bei diesem ihm gar nicht ehrenvollen Gefechte in Verlegenheit kam. Als Scipio dies bemerkte, gab er von der Besorgniß, durch die vereitelten Anstrengungen der Seinigen möge den Feinden der Muth wachsen und seinen Soldaten die Lust vergehen, auf den Gedanken geleitet, er selbst müsse Hand anlegen und einen Theil der Gefahr übernehmen; den Befehl, bei dem er seine Soldaten den Vorwurf der Feigheit hören 462 ließ: «Man solle ihm Leitern bringen; und drohete, wenn die Andern zu muthlos wären, so werde er selbst hinansteigen.» Schon war er nicht ohne große Gefahr an den Fuß der Mauer gekommen, als die für ihren Feldherrn besorgten Soldaten von allen Seiten ein Geschrei erhoben und zugleich an mehrern Stellen Leiter bei Leiter angeschlagen wurde. Und eben so drang von der andern Seite Lälius heran. Da unterlag die Anstrengung der Belagerten. Die Vertheidiger wurden geworfen, die Mauer gewonnen. Ja in diesem Getümmel wurde auch die Burg gerade von der Seite, wo sie unersteiglich schien, erobert.

20. Denn indeß die Belagerten auf die Vertheidigung solcher Stellen aufmerksam waren, wo sich Gefahr zeigte, und die Römer da hinanstiegen, wo die Möglichkeit den Sturm gestattete, bemerkten die Africaner, welche damals als Überläufer unter den Römischen Hülfsvölkern standen, daß gerade die steileste Gegend der Stadt, weil sie als überaus hoher Felsen gesichert war, eben so wenig durch irgend ein Werk befestigt, als mit Vertheidigern besetzt sei. Mit ihrem leichten, im Hinanschwingen sehr geübten Körper, und mit eisernen Nägeln versehen, fingen sie, wo die hervorstehenden Ungleichheiten der Klippe es möglich machten, an zu steigen. Kamen sie auf gar zu steile und glatte Stellen des Felsen, so machten sie sich durch die in mäßigen Zwischenräumen eingeschlagenen Nägel gleichsam eine Treppe, und da die Ersten den Nachfolgenden die Hand reichten, die Letzten aber die Voransteigenden stützten, so gelangten sie auf den Gipfel. Mit Geschrei rannten sie von da herab in die von den Römern schon gewonnene Stadt. Und nun sah man, daß Rachsucht und Haß den Ort bestürmt hatten. Niemand dachte daran, Gefangene zu machen, niemand an Beute, obgleich Alles zur Plünderung offen stand. Unbewaffnete eben so wie Bewaffnete, Weiber so gut wie Männer hieben sie nieder: die Rache ging in ihrer Grausamkeit bis zur Ermordung der Unmündigen. Dann warfen sie Feuer in die Häuser, und was nicht hatte verbrennen können; zerstörten sie: so angelegen 463 ließen sie sichs sein, selbst die Spur der Stadt zu vertilgen und die Erinnerung an den feindlichen Wohnort zu vernichten.

Von hier führte Scipio das Heer vor Castulo, eine Stadt, welche nicht bloß zusammengelaufene Spanier, sondern auch die nach ihrer Zerstreuung sich hier sammelnden Reste des Punischen Heeres besetzt hatten. Der Ruf vom Unglücke der Illiturgitaner war der Ankunft des Scipio vorausgegangen. Schrecken und Verzweiflung hatte sich seitdem ihrer bemächtigt; und da sich, in ganz verschiedenem Verhältnisse beider Theile zu den Römern, jeder, ohne Rücksicht auf den andern, zu retten suchte, so bewirkte zuerst der schweigende Verdacht, dann die offenbare Mishelligkeit zwischen den Carthagern und Spaniern eine Trennung. Den letzten rieth Cerdubellus geradezu zur Übergabe. Befehlshaber der Punischen Hülfstruppen war Himilco. Ihn und die Stadt überlieferte Cerdubellus, nach insgeheim erhaltener Zusage der Verzeihung, den Römern. Hier waren die Sieger schonender. Theils hatten jene nicht so viel verbrochen; theils hatte die freiwillige Übergabe die Erbitterung um ein Großes gemildert.

21. Von hier wurde Marcius abgeschickt, diejenigen Barbaren, die etwa noch nicht bezwungen waren, zur Unterwürfigkeit zu bringen. Scipio kehrte nach Neu-Carthago zurück, den Göttern seine Gelübde zu bezahlen, und die Faustfechterspiele zu geben, die er als Leichenfeier zur Ehre seines Vaters und Oheims veranstaltet hatte. Das Schauspiel dieses Fechtkampfes gewährten nicht etwa Leute einer solchen Classe, aus welcher die Fechtmeister sie aufzustellen pflegen, von Sklaven, oder denen, die ihr Leben verkaufen. Die Fechtenden sämtlich leisteten diesen Dienst freiwillig und unbezahlt. Denn Einige waren von ihren Fürsten geschickt, um von der ihrem Volke eigenen Tapferkeit eine Probe abzulegen: Andre erboten sich selbst zum Kampfe, aus Gefälligkeit gegen den Feldherrn: noch Andre bewog Wetteifer und Lust sich zu messen zur Herausforderung, und die Geforderten, sie 464 nicht auszuschlagen. Einige, welche ihre Streitigkeiten durch Auseinandersetzung nicht hatten schlichten können oder wollen, ließen nach getroffener Übereinkunft, daß der streitige Besitz dem Sieger anheimfallen solle, das Schwerdt entscheiden. Auch thaten dies nicht bloß Leute von geringer Herkunft, sondern Angesehene und Vornehme; selbst Corbis und Orsua, zwei Brudersöhne, die um die Regierung ihrer Stadt, Namens Ibes, stritten, fanden sich an, ihre Sache mit dem Schwerdte auszumachen. Corbis war der Ältere; allein Orsua's Vater, der von seinem älteren Bruder bei dessen Tode die Regierung bekommen hatte, war zuletzt Regent gewesen. Als sie Scipio durch Vorstellungen auseinandersetzen und ihre Erbitterung besänftigen wollte, sagten Beide, das hätten sie ihren gemeinschaftlichen Verwandten schon abgeschlagen, und würden unter Göttern und Menschen keinen andern Richter erkennen, als den Mars. Da sie Beide, der Ältere auf seine Stärke, der Jüngere auf seine blühende Jugend trotzend, bei dem Wunsche, lieber im Kampfe zu fallen, als einer vom andern abhängig zu sein, von einer so heftigen Wuth nicht abzubringen waren; so gewährten sie dem Heere einen gleich auffallenden Anblick und Beweis, was für ein mächtiges Übel unter den Sterblichen die Herrschsucht sei. Durch Waffenübung und List siegte der Ältere über die vermessene Starke des Jüngeren ohne Mühe. An diesen Schaukampf der Fechtenden schlossen sich die übrigen Leichenspiele, so gut man sie darnach, daß die Anstalten theils in einer Provinz, theils im Lager getroffen wurden, nur haben konnte.

22. Indeß hatten die Unternehmungen durch Scipio's Unterfeldherren ihren Fortgang. Dem Marcius ergaben sich nach seinem Übergange über den Strom Bätis, der bei den Einwohnern Certis heißt, zwei mächtige Städte ohne Kampf. Eine Stadt, Astapa hieß sie, hatte es immer mit Carthago gehalten: doch war dies kein so gerechter Grund zur Erbitterung gegen ihre Bürger, hätten sie nicht gegen die Römer einen tödtlichern Haß gehegt, als selbst der Krieg gebot. Ihre Stadt war weder durch die Lage, 465 noch durch Werke so fest, daß sie darauf hätten trotzen können; allein der Hang der Einwohner zum Straßenraube hatte sie verführt, in die angränzenden Länder der Römischen Bundsgenossen Einfälle zu thun und die abstreifenden Römischen Soldaten, Marketender und Kaufleute aufzuheben. Einmal hatten sie auch die für den Durchzug durch ihr Gebiet, das für eine kleine Zahl zu unsicher war, mitgegebene stärkere Begleitung in einem Hinterhalte umzingelt und, weil sie durch ihre Stellung im Vortheile waren, niedergehauen. Als das Heer zum Angriffe auf die Städte anrückte, verabredeten sich die Einwohner, ihrer Frevel sich bewußt, bei der Unsicherheit der Übergabe an einen so erbitterten Feind, und ohne von ihren Mauern oder Waffen ihre Rettung hoffen zu können, zu einer scheußlichen und unmenschlichen That gegen sich selbst und die Ihrigen. Sie bestimmten einen Platz auf dem Markte, ihre besten Kostbarkeiten hier zusammenzutragen. Über den aufgeschütteten Haufen mußten ihre Weiber und Kinder sich setzen: sie thürmten Holz umher auf, bewarfen es mit Reisbündeln, und gaben funfzig jungen Kriegern den Auftrag: «So lange der Ausgang des Gefechts noch ungewiß sei, sollten sie auf diesem Platze als Bedeckung ihre Habe und die Personen, die ihnen noch theurer wären, als ihre Habe, bewachen. Sahen sie ihr Unglück entschieden und die Stadt auf dem Punkte, erobert zu werden; so könnten sie überzeugt sein, daß Alle, welche sie jetzt ins Treffen gehen sähen, auch ihren Tod im Gefechte selbst zu finden wüßten. Dann bäten sie sie bei allen Göttern des Himmels und der Unterwelt, eingedenk der Freiheit, die an diesem Tage entweder durch ehrenvollen Tod, oder durch ehrlose Sklaverei ihr Ende nehmen müsse, nichts übrig zu lassen, woran der ergrimmte Feind seine Wuth ausüben könne. Feuer und Schwert hätten sie in Händen. Es sei besser, die vom Tode nicht zu Rettenden durch treue Freundeshand vernichten, als den höhnenden Feind mit ihnen sein grausames Spiel treiben zu lassen.» Diese Aufforderungen verstärkten sie durch die schrecklichsten Verwünschungen 466 gegen den, der sich etwa durch Hoffnung oder Weichlichkeit von seinem Vorsatze ableiten ließe.

In fortstürzendem Zuge brachen sie mit gewaltigem Getöse aus den geöffneten Thoren. Es war ihnen kein Posten von hinreichender Stärke entgegengestellt, weil sich nichts weniger fürchten ließ, als daß sie es wagen würden, aus ihren Mauern hervorzukommen. Nur wenige Geschwader Reuterei und die leichten Truppen, zu diesem Zwecke eiligst aus dem Lager abgeschickt, kamen ihnen entgegen. Das Gefecht war durch die Wuth im Angriffe mehr heftig als durch gehörige Aufstellung geordnet. Die Reuterei, die sich dem Feinde zuerst entgegengeworfen hatte, trug, als sie geschlagen wurde, den Schrecken unter ihre leichten Truppen, und das Gefecht würde sich unter den Lagerwall gezogen haben, wenn nicht die festen Legionen, so wenig Zeit sich zu stellen sie auch hatten; in gerader Linie aufgerückt wären. Und selbst hier geriethen die Glieder auf eine Zeitlang in Verlegenheit, weil der Feind blind vor Wuth, ohne Wunden und Waffen zu scheuen, mit rasender Kühnheit hereinstürzte. Dann aber hemmten diese Altkrieger, gegen die Anläufe der Unbesonnenheit standfest, durch ihr Gemetzel unter den Vordersten den Andrang der Nachfolgenden. Und als sie gleich nachher bei ihrem Versuche, selbst einzubrechen, niemand weichen, sondern sie Alle, jeden zum Tode auf seiner Stelle, verschworen sahen, dehnten sie ihre Linie – und dieses konnten sie bei ihrer Truppenmenge sehr leicht – umfaßten die feindlichen Flügel und machten die in die Runde um sich Hauenden bis auf den Letzten nieder.

23. Handelte so der erbitterte Feind, und zwar da, wo er Leben gegen Leben setzte, so verfuhr er doch nach Kriegsrecht gegen Bewaffnete und sich zur Wehr Setzende. Allein unmenschlicher war das Gemetzel in der Stadt, wo Mitbürger selbst den unkriegerischen wehrlosen Haufen ihrer Weiber und Kinder mordeten, die Körper meistens noch halblebend auf den angezündeten Holzstoß warfen, Blut in Bächen die auflodernde Flamme erstickte, und sie 467 selbst zuletzt, vom kläglichen Morde der Ihrigen erschöpft, sich mit ihren Waffen mitten in die Glut hineinstürzten. Schon war der Mord vollbracht, als die Römer vom Siege dazukamen. Und anfangs stutzten sie, durch den Anblick einer solchen Unmenschlichkeit in Staunen gesetzt. Als sie aber nachher mit der dem Menschen eigenen Gier das zwischen den zusammengeworfenen Sachen hervorblitzende Gold und Silber aus dem Feuer reißen wollten, wurden Manche von der Flamme ergriffen, Andere von dem anschlagenden Broden gesengt, weil die Vordersten, bei dem großen Gewühle der Nachdrängenden, nicht zurückweichen konnten. So wurde Astapa, ohne Beute für die Soldaten, mit Feuer und Schwert vertilgt. Marcius, an den sich alles Übrige in dieser Gegend aus Furcht ergab, führte sein siegreiches Heer nach Neu-Carthago zum Scipio zurück.

In denselben Tagen kamen Überläufer von Gades, mit dem Versprechen, die Stadt, die darin liegende Punische Besatzung und deren Befehlshaber nebst der Flotte zu überliefern. Mago war dort nach seiner Flucht stehen geblieben; und vermittelst einiger auf dem Weltmeere gesammelten Schiffe hatte er nicht unbeträchtliche Verstärkungen theils jenseit der Meerenge von der Africanischen Küste, theils aus den nächsten Gegenden Spaniens durch den Unterfeldherrn Hanno an sich gezogen. Nach gegenseitiger Zusage zwischen den Überläufern und Römern wurde sowohl Marcius mit Cohorten ohne schweres Gepäcke, als Lälius mit sieben Dreiruderern und einem Fünfruderer, dorthin geschickt, um zu Lande und zu Wasser nach gemeinschaftlichem Plane zu wirken.

24. Eine schwere Krankheit, die den Scipio befiel, von der aber die Nachrichten noch schlimmer lauteten, weil bei der dem Menschen eigenen Sucht, Gerüchte wissentlich zu nähren, ein Jeder das, was er gehört hatte, vergrößerte, brachte die ganze Provinz, vorzüglich die entlegnern Gegenden, in Gährung; und es zeigte sich, welch einen Schwall von Unruhen sein wirklicher Verlust erzeugt haben würde, da schon das leere Gerücht so große 468 Stürme erregte. Die Bundsgenossen blieben nicht bei ihrer Treue, das Heer nicht in seiner Pflicht. Mandonius und Indibilis, deren Erwartung eben darum völlig unbefriedigt blieb, weil sie sich nach Vertreibung der Carthager den Thron von Spanien versprachen, boten ihre Unterthanen auf – diese waren die Lacetaner(Lacetani autem erant) et iuventute.] – Weil Livius dem Indibilis an mehrern andern Stellen die Ilergeten zu Unterthanen giebt, so findet man es anstößig, daß hier ganz allein die Lacetaner genannt werden. Darum wollte Crevier statt autem lieber et Ilergetes lesen. Allein mit Recht nimmt Drakenb. das autem der Parenthese in Schutz. Ich lese: (Lacetani autem erant et Ilergetes) et iuventute, und glaube dazu drei Gründe zu haben. 1) Daß Livius hier beide Völker angegeben haben müsse sieht man aus Cap. 34. wo Mandonius in seiner Abbitte selbst sagt: quum – non Ilergetes modo et Lacetani, sed castra quoque Romana insanierint. 2) Vielleicht ließ der eine oder andre Abschreiber die Worte et Ilergetes mit Vorsatz weg, weil ihm, wenn er in die Parenthese bloß die drei Worte nahm, Lacetani autem erant, nachher die Worte et Ilergetes mit et iuventute Celtiberorum nicht zusammenpassen wollten. 3) Andre ließen sie darum ausfallen, weil sie bei dem ersten et (Ilergetes et) iuventute schon bei dem zweiten zu sein glaubten, und mit iuventute fortfuhren. Livius wählte, wenn ich nicht irre, die Parenthese Lacetani autem erant et Ilergetes hier gerade deswegen, weil sich sonst die vielen Ablativi concitatis popularibus, Lacetanis et Ilergetibus, et iuventute hier gehäuft hätten, und es selbst dann, wenn er so geschrieben hätte unbestimmt geblieben wäre, ob die Worte et Ilergetibus auch zu popularibus gezogen werden, oder, mit dem Folgenden zusammengenommen, ein dem Indibilis nicht unterwürfiges Volk anzeigen sollten. und Ilergeten – riefen die jungen Celtiberer zu den Waffen und verheerten das Gebiet der Suessetaner und Sedetaner, Römischer Bundesvölker, als Feinde. Ein andrer Unsinn kam selbst unter Römern, im Lager bei Sucro, zum Ausbruche. Hier standen, die Völker diesseit des Ebro zu bewachen, achttausend Mann. Sie geriethen aber auf ihren verkehrten Sinn nicht etwa jetzt erst, als die bedenklichen Nachrichten über das Leben ihres Feldherrn einliefen, sondern schon früher durch die bei ihnen eingerissene, nach langer Unthätigkeit gewöhnliche, Zügellosigkeit; zum Theile auch dadurch, daß sie, verwöhnt, von ihrem Raube in Feindeslande mehr aufgehen zu lassen, auf friedlichem Gebiete sich schmaler behelfen mußten. Anfangs kam es nur insgeheim zu Gesprächen darüber: «Was sie unter lauter friedlichen Völkern zu thun hätten, wenn doch in der Provinz noch Krieg sei? Sei 469 aber der Krieg schon zu Ende und die Provinz bezwungen, warum sie dann nicht nach Italien zurückgebracht würden?» Auch hatten sie den Sold mit größerm Ungestüme gefordert, als es sich für die Zucht und für gesittete Soldaten schickte: die Wachen hatten sich gegen die Obersten, wenn diese die Runde machten, unanständige Ausdrücke erlaubt; Manche waren bei Nacht auf die nächsten Gegenden in Freundes Lande zum Plündern ausgegangen: zuletzt gingen sie bei Tage und ganz öffentlich ohne Urlaub von den Fahnen. Die Willkür und Anmaßung der Soldaten galt überall; die alte Einrichtung und Kriegszucht oder der Befehl der Vorgesetzten nirgend. Doch behielt das Ganze noch die Gestalt eines Römischen Lagers; aber auch dies hing bloß von ihrer Voraussetzung ab, vermöge welcher sie ihren Obersten, die gewiß von dem allgemeinen Schwindel ergriffen an Aufruhr und Abfall theilnehmen würden, bis jetzt noch die Übung der Gerichtspflege auf dem Hauptplatze gestatteten, das Losungswort von ihnen holten, der Reihe nach auf Posten und Wachen zogen, und so wie sie allem Oberbefehle die Kraft genommen hatten, gleichwohl den Schein der aufs Wort Gehorchenden dadurch beibehielten, daß sie sich selbst befehligten. Allein der Aufstand kam zum Ausbruche, sobald sie merkten, daß die Obersten dies Benehmen tadelten und misbilligten, ihnen entgegen zu arbeiten suchten und sich laut von aller zu erwartenden Theilnahme an ihrer Verblendung lossagten. Nachdem sie also die Obersten vom Hauptplatze und bald nachher aus dem Lager vertrieben hatten, übertrugen sie mit allgemeiner Beistimmung den Oberbefehl den Anführern des Aufruhrs, zwei gemeinen Soldaten, dem Cajus Albius von Cales und dem Cajus Atrius, einem Umbrier. Diese, mit den Auszeichnungen eines Obersten nichts weniger als zufrieden, streckten dreist genug die Hand nach den Ehrenzeichen des höchsten Oberbefehls, nach den Ruthenbündeln und Beilen aus, ohne daran zu denken, daß diese Ruthen und diese Beile, die sie sich zum Schrecken Anderer vortragen ließen, über ihrem Rücken, über 470 ihrem Nacken schwebten. Der fälschlich geglaubte Tod des Scipio verblendete die Leute; und wenn sich nun nächstens das Gerücht davon ausbreitete, so ergriff, wie sie gar nicht zweifelten, das Feuer des Krieges ganz Spanien: in diesem Aufruhre könnten sie dann die Bundsgenossen brandschatzen, die benachbarten Städte plündern, und wenn bei der allgemeinen Verwirrung Keinem ein Frevel zu groß sei, so würde das, was sie selbst gethan hätten, so viel weniger bemerklich sein.

25. Da sie nun von Zeit zu Zeit andere neuere Nachrichten nicht bloß von seinem Tode, sondern auch von der Beerdigung erwarteten, diese aber ausblieben und das ohne Grund entstandene Gerücht verstummete, so fingen sie an, sich nach den ersten Aussagern umzusehen: und da sich Jeder zurückzog, um lieber den Schein eines zu voreiligen Glaubens, als einer Erdichtung von solcher Wichtigkeit auf sich zu laden; da freilich überfiel die nun allein stehenden Anführer ein Schauder vor ihren eignen Ehrenzeichen; und statt des Schattenbildes von Oberbefehl, womit sie sich bekleidet hatten, sahen sie die wirkliche Macht in ihrer ganzen Stärke nächstens gegen sich im Anzuge. Als noch während dieser Betroffenheit der Aufrührer, zuerst über das Leben, bald auch über die Gesundheit des Scipio sichere Nachrichten einliefen, wurden vom Scipio selbst sieben Obersten geschickt. Ihre Ankunft bewirkte anfangs allgemeine Erbitterung. Bald aber, als sie sich ihren Bekannten, so wie sie mit ihnen zusammenkamen, durch freundliche Gespräche gefällig machten, wurde Alles friedfertiger. Indem sie nämlich anfangs von Zelt zu Zelt gingen; dann auch, wo sie auf der Hauptgasse und dem Feldherrnplatze mehrere im Gespräche beisammen sahen, redeten sie die Soldaten an, mehr im Tone derer, die darüber Auskunft haben wollten, wie sie in aller Welt zu diesem Grollen und dieser Verschüchterung hätten kommen können, als daß sie ihnen über das Geschehene Vorwürfe machten. Meistens wurde ihnen der nicht zur gehörigen Zeit gezahlte Sold als Grund angegeben: «auch habe man, da sie doch zu eben der Zeit, 471 als der Frevel der Illiturgitaner zum Ausbruche gekommen sei, nach dem Verluste zweier Feldherren und zweier Heere die Ehre Roms geschützt und die Provinz behauptet hätten, über die Illiturgitaner längst die verdiente Strafe verhängt, allein ihre Verdienste zu belohnen finde sich niemand.»

Auf diese Klagen antworteten die Obersten: «Ihre Forderung sei billig, und sie würden sie dem Feldherrn berichten. Sie wären herzlich froh, daß das Übel nicht schlimmer, nicht unheilbarer sei. Durch die Gnade der Götter sei ja eben sowohl Publius Scipio, als der Stat, im Stande, ihnen seine Schuld abzutragen.»

Scipio, mit dem Kriege vertraut, mit Stürmen des Aufruhrs unbekannt, war in nicht geringer Verlegenheit, um weder die Soldaten in ihren Fehltritten das Maß überschreiten zu lassen, noch in seinen Strafen es selbst zu überschreiten. Für jetzt, beschloß er, bei der Gelindigkeit, mit der er angefangen habe, zu bleiben, und ihnen, durch Absendung der Einforderer an die zinsbaren Staten, zur baldigen Zahlung des Soldes Hoffnung zu machen. Bald darauf ließ er den Befehl ergehen, sie sollten zur Abholung des Soldes nach Neu-Carthago kommen; wie sie am liebsten wollten, in mehrern Abtheilungen, oder Alle zusammen. Der schon von selbst erschlaffende Aufruhr sank bei der unerwarteten Ruhe der Spanischen Empörer zur völligen Stille zurück. Denn als Mandonius und Indibilis erfahren hatten, daß Scipio noch lebe, waren sie mit Aufgebung ihres Unternehmens in ihre Gränzen zurückgegangen; und nun hatten die Soldaten weder Landsmann, noch Ausländer, an den sie sich in ihrer Verblendung hätten anschließen können. Bei ihrem Haschen nach Maßregeln blieb ihnen doch keine übrig, als der, freilich nicht ganz sichere, Rückschritt von ihrem bösen Vorhaben, um sich entweder dem gerechten Zorne, oder der immer noch möglichen Gnade ihres Feldherrn zu überlassen. «Habe er doch sogar Feinden verziehen, gegen die es Leben und Tod gegolten habe. Ihr Aufstand sei ohne Wunde, ohne Blut abgegangen; sei an sich 472 selbst so arg nicht gewesen, und auch keiner so argen Strafe werth,» – ganz so, wie die Erfindungskraft jeden Menschen zur Verkleinerung seiner Fehler nur zu beredt macht. Nur darüber nahmen sie noch Anstand, ob sie zur Abholung des Soldes in einzelnen Cohorten, oder zusammen hingehen wollten. Der Beschluß fiel dahin aus, was ihnen das Sicherste schien, mit einander zu gehen.

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