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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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45. Als Servius den Stat durch die Erweiterung der Stadt gehoben und das ganze Innere in eine für Krieg und Frieden dienliche Verfassung gebracht hatte, so legte er es darauf an, um nicht jeden Zuwachs mit den Waffen zu erkämpfen, Roms Oberherrschaft durch Klugheit zu erweitern und zugleich der Stadt eine Zierde mehr zu verschaffen. Schon damals stand der Tempel der Diana zu Ephesus in großem Rufe, und das Gerücht sagte, die Staten Asiens hätten ihn gemeinschaftlich erbauet. Da Servius in den Gesellschaften der vornehmsten Latiner, mit denen er angelegentlich, von Seiten des Stats und für sich, Gastrecht und Freundschaft geknüpft hatte, dieser Eintracht und verbündeten Gottesverehrung lauten Beifall gab, so brachte er es durch wiederholte Vorstellungen dahin, daß die Völkerschaften Latiums mit dem Römischen Volke gemeinschaftlich der Diana einen Tempel zu Rom baueten. Hierin lag das Bekenntniß, daß Rom ihre Hauptstadt sei, worüber schon so viele Kriege geführt waren. Zwar hatte es den Anschein, als hätten die sämtlichen Latiner, nach so vielen unglücklichen im Kriege gemachten Versuchen, diesen Gedanken aufgegeben: und gleichwohl schien sich Einem von den Sabinern das Glück anzubieten, als einzelner Mann die Oberherrschaft wieder auf sein Volk zu bringen. Ein Hausvater im Sabinerlande, heißt es, hatte in seinem 77 Viehstande eine Kuh gezogen, von vorzüglicher Größe und Schönheit. Die Hörner sind mehrere Menschenalter hindurch über dem Eingange des Dianentempels, als Denkmal des Wunderthiers, angeheftet gewesen. Man nahm die Sache für das, was sie war, für ein Wunderzeichen; die Wahrsager prophezeihten dem State, dessen Bürger diese Kuh der Diana opfern würde, die Oberherrschaft über die andern, und diese Weissagung war auch an den Vorsteher des Dianentempels gelangt. Sobald der Sabiner einen Tag zum Opfer schicklich fand, trieb er seine Kuh nach Rom zum Dianentempel und stellte sie vor den Altar. Der Römische Vorsteher, dem die durch den Ruf kundbar gewordene Größe des Opferthiers auffiel, erinnerte sich jener Weissagung und sprach zu dem Sabiner: «Fremdling, was willst du da begehen? So unheilig der Diana ein Opfer bringen? Willst du dich nicht zuvor in fließendem Wasser baden? Unten im Thale fließt die Tiber!» Der Fremde, von heiliger Furcht befallen, und nicht ohne den Wunsch, alles gehörig zu beobachten, damit der Erfolg dem Wunderzeichen entspräche, stieg vom Tempel zur Tiber hinab. Indessen opferte der Römer der Diana die Kuh, zur außerordentlichen Freude des Königs und aller Bürger.

46. Hatte Servius gleich den Thron durch Verjährung unstreitig im Besitze, so hörte er doch, der junge Tarquinius lasse sich zuweilen Äußerungen darüber entfallen, daß er ohne Geheiß des Volks regiere. Er machte sich also zuvor den Bürgerstand dadurch geneigt, daß er eine dem Feinde genommene Länderei Mann vor Mann vertheilte; und fragte nun ohne Bedenken bei dem Gesamtvolke an, ob sie darein willigten und ihren Beschluß dahin erklärten, daß er ihr König sein solle. Und er wurde mit so allgemeiner Beistimmung, wie keiner vor ihm, zum Könige erklärt. Dennoch ließ Tarquinius bei seinen Bestrebungen nach dem Throne die Hoffnung nicht sinken; vielmehr hielt er, weil er gemerkt hatte, daß die Väter mit der Vertheilung der Länderei an die Bürgerlichen nicht zufrieden gewesen waren, dies für eine Gelegenheit, den Servius so viel ernstlicher bei den Vätern zu verläumden, 78 und sich im Senate geltend zu machen: eine Aussicht, die er selbst als junger Mann mit glühender Leidenschaft verfolgte, und zu welcher seine Gemahlinn Tullia seinen rastlosen Geist auch zu Hause spornte. Denn auch die Römische Königsburg mußte ein Beispiel eines der Bühne würdigen Frevels aufstellen, damit der Abscheu gegen die Könige die Freiheit so viel früher herbeiführen möchte, und der Thronbesitz der letzte würde, der durch Frevel erzwungen war.

Dieser Lucius Tarquinius nämlich – ob er ein Sohn, des Königs Tarquinius Priscus, oder sein Enkel gewesen sei, ist nicht ganz gewiß: ich möchte ihn nach der Mehrzahl der Geschichtschreiber als seinen Sohn angeben – hatte einen Bruder gehabt, den Aruns Tarquinius, einen sanften jungen Mann. An diese beiden waren, wie oben gesagt, die beiden Tullien, des Königs Töchter, vermählt, die ebenfalls an Gemüthsart sehr ungleich waren. Das Schicksal hatte es so gefügt, daß die beiden heftigen Gemüther nicht durch die Ehe zusammenkamen, zum Glücke des Römischen Volkes, glaube ich; damit die Regierung des Servius so viel länger dauren und die Einrichtung des Ganzen fester begründet werden möchte. Der wilden Tullia machte es Qual, daß sie bei ihrem Gemahle gar keine Anlage zu Entwürfen und Wagstücken fand. Sie richtete ihr Augenmerk ganz auf den andern Tarquinius; ihn bewunderte sie. «Er,» sagte sie, «sei doch ein Mann, und zeige seine königliche Abkunft.» Sie verachtete ihre Schwester, die von ihrer Seite, da ihr doch ein Mann zu Theile geworden sei, als Frau es an Unternehmungsgeist fehlen lasse. Bald brachte die gleiche Gesinnung sie einander näher; wie gewöhnlich das Schlechte sich gern dem Schlechten anschließt: allein den Anfang, das Ganze umzustürzen, machte die Frau. An geheime Unterredungen mit einem fremden Manne gewöhnt, gestattete sie sich die schimpflichsten Ausdrücke über ihren Mann gegen seinen Bruder, über ihre Schwester gegen deren Mann. Weit glücklicher, sagte sie, würde sie ledig, und er unverheirathet geblieben sein, als sie in dieser Misheirath wären, in 79 der sie an der Muthlosigkeit Anderer dahinwelken müßten. Hätten ihr die Götter den Mann gegeben, dessen sie würdig sei, so würde sie bald die Krone bei sich im Hause gesehen haben, die sie jetzt bei ihrem Vater sehen müsse. Bald hatte sie dem jungen Manne ihre Verwegenheit eingeimpft: und Lucius Tarquinius und diese jüngere Tullia, die sich durch zwei fast an einander schließende Leichenzüge zu einer neuen Vermählung Platz gemacht hatten, wurden ein Paar, mehr vom Servius nicht gehindert, als mit seiner Zustimmung.

47. Nun vollends wurde das Alter des Tullius mit jedem Tage, mit jedem sein Thron unsicherer. Denn schon richtete dies Weib ihren Blick von dem Einen Frevel auf den andern; und Nacht und Tag ließ sie dem Manne keine Ruhe, um den verübten Bruder- und Schwestermord nicht umsonst begangen zu haben. «Es habe ihr nicht an einem gefehlt,» sagte sie, «den sie hätte ihren Gemahl nennen und mit ihm in der Stille die Dienstbarkeit tragen können. An dem habe es ihr gefehlt, der sich des Thrones würdig gehalten, sich daran erinnert hätte, daß er Prinz des Priscus Tarquinius sei, an dem, der den Thron lieber habe besitzen, als erwarten wollen. Bist du der, an den ich mich verheirathet zu haben glaube, so spreche ich in dir den Mann und den König an. Wo nicht, so stehen jetzt unsre Sachen so viel schlimmer, weil du, ohne thätiger zu werden, Blutschuld auf dich geladen hast. Warum gehst du nicht ans Werk? Du hast nicht nöthig, wie dein Vater, von Korinth aus, oder von Tarquinii, dir einen fremden Thron zu erringen. Die Götter selbst, die deines Hauses, und deines Vaters, sein Ahnenbild, seine Königsburg, und in der Burg der königliche Stuhl, und der Name Tarquinius bestimmen und rufen dich zum Throne. Oder fehlt es dir hierzu an Muth, was lässest du die Unterthanen vergeblich hoffen? warum zeigst du dich als königlicher Prinz? Zieh dich zurück nach Tarquinii oder Korinth. Sink wieder auf deinen Ursprung herab; der du deinem Bruder ähnlicher bist, als deinem Vater!» Mit diesen und ähnlichen Vorwürfen setzte sie 80 dem jungen Manne zu, und konnte selbst sich nicht darüber beruhigen, wenn Tanaquil, eine Ausländerinn, durch Geisteskraft es erzwungen habe, zweimal nach einander den Thron, dann mit ihrem Manne, dann mit ihrem Schwiegersohne, besetzen zu können, und sie, eines Königs Tochter, auf Thronbesetzung oder Entthronung nicht den mindesten Ausschlag gäbe. Von dieser weiblichen Wuth gespornt ging Tarquinius herum und schmeichelte, vorzüglich den Vätern aus den Geschlechtern vom zweiten Range. Er erinnerte sie an die Wohlthat seines Vaters; bat sie, dafür erkenntlich zu sein; lockte die Jünglinge durch Geschenke an sich; machte sich allenthalben theils durch große Verheißungen von sich, theils durch Verläumdung des Königs, Anhang. Endlich, als ihm ein Entwurf zur Ausführung reif schien, brach er, von einer Schar Bewaffneter umpflanzt, auf den Markt, und nicht ohne allgemeine Bestürzung, ließ er von hier aus, auf dem königlichen Stuhle vor dem Rathhause sitzend, durch einen Herold die Väter vor den König Tarquinius zu Rathhause fordern. Sie versammelten sich sogleich, einige, schon früher hierzu vorbereitet, andere, aus Furcht, ihr Ausbleiben könnte ihnen nachtheilig werden, von dem unerwarteten und unerhörten Auftritte erschüttert, und schon der Meinung, daß es um Servius geschehen sei. Hier fing Tarquinius an, indem er mit seinen Schmähungen von der Geburt des Servius ausholte: Ein Sklave von einer Sklavinn geboren, habe nach seines Vaters traurigem Tode, ohne den gewöhnlichen Eintritt einer Zwischenregierung, ohne angestellten Wahltag, ohne Stimmenwahl des Volks, ohne Genehmigung der Väter, den Thron, als ein Geschenk aus Weibeshand, sich zugeeignet. So geboren, so zum Könige gewählt, habe er, als Busenfreund der niedrigsten Classe, aus welcher er selbst stamme, und aus Haß gegen einen Adel, den er selbst nicht habe, den Vornehmen die Ländereien entrissen und sie unter die schmutzigsten Armen vertheilt. Alle Lasten, die vorher gemeinschaftlich gewesen waren, habe er den Ersten des Stats aufgebürdet; habe die Schatzung eingeführt; um den 81 Wohlstand der Reicheren dem Neide darzustellen, und für sich einen Vorrath zu wissen, von dem er nach Belieben den Bettlern Spenden machen könne.

48. Servius, durch die dringende Nachricht aufgeschreckt, kam noch während dieser Rede dazu, und rief schon vom Eingange des Rathhauses laut: «Tarquinius! was soll das bedeuten? Wie kannst du dich erkühnen, bei meinem Leben die Väter zu berufen? oder auf meinem Stuhle zu sitzen?» Als jener trotzig erwiederte: «Er behaupte den Stuhl seines Vaters als Thronerbe, der als Königssohn weit gerechtere Ansprüche darauf habe, als ein Sklave: lange genug habe dieser seine Herren verhöhnt, ohne daß man seiner Frechheit habe beikommen können –» so erhoben die Anhänger beider Parteien ein Geschrei, das Volk lief zum Rathhause, und man sah vorher, die Krone würde dessen sein, der den Platz behauptete. Da faßte Tarquinius, der jetzt selbst aus Noth das äußerste wagen mußte, an Jugend und Stärke dem Servius weit überlegen, ihn in der Mitte, trug ihn zum Rathhause hinaus und warf ihn die Treppe hinab auf die untersten Stufen. Dann ging er ins Rathhaus zurück, den Senat beisammen zu halten. Die Diener und Begleiter des Königs nahmen die Flucht. Er selbst, fast ohne Leben, wollte sich mit seinem halb entseelten Gefolge in seinen Pallast retten; allein, wie er schon an das Ende der Cyprischen Gasse gekommen war, holten des Tarquinius Abgeschickte den Fliehenden ein und mordeten ihn. Daß Tullia ihrem Manne zu dieser That gerathen habe, glauben Viele, weil sie so ganz zu ihrem übrigen Frevel stimmt. Dies wenigstens weiß man gewiß, daß sie in ihrem Prachtwagen auf den Markt gefahren kam, und ohne die Versammlung von Männern zu scheuen, ihren Mann aus dem Rathhause rief, und die erste war, die ihn mit der Anrede: König! begrüßte. Als sie mit der Weisung von ihm, einem solchen Auflaufe zu enteilen, auf ihrem Rückwege nach Hause an das Ende der Cyprischen Gasse kam, wo neulich noch der Dianentempel stand, und den Wagen, um auf den Esquilischen Hügel zu fahren; rechts auf die 82 Urbische Höhe einlenken hieß, wollte der Kutscher vor Schrecken nicht weiter, hielt die Zügel an und zeigte seiner Gebieterinn den Servius, der ermordet im Wege lag. Hier wird die scheußliche und unmenschliche That gemeldet, deren Denkmal noch jetzt der Name der Gasse ist, – sie heißt die Frevelgasse; – wo Tullia, so erzählt man, sinnlos und von den Rachgöttinnen des an Mann und Schwester verübten Mordes gejagt, mit ihrem Gespanne über ihres Vaters Leiche fuhr, und an den blutigen Rädern, ja selbst als die Bespritzte voll Flecken, ihren Antheil an Blut und Vatermord zu ihren und ihres Mannes Hausgöttern hineintrug, bei deren Zorne sie sich von einem so schlechten Regierungsantritte demnächst einen ähnlichen Ausgang versprechen mußten.

Servius Tullius hat vier und vierzig Jahre regiert, und so, daß auch einem guten, sich selbst beschränkenden Thronfolger die Nacheiferung schwer geworden sein würde. Seinen Ruhm erhöhet auch das noch, daß seine Regierung die letzte gerechte und gesetzmäßige war. Und selbst diese, so sanft. und gezügelt sie war, wollte er dennoch, wie einige Geschichtschreiber anführen, bloß weil sie Alleinherrschaft war, niederlegen, hätte ihn nicht an der Ausführung des Entwurfs, sein Vaterland frei zu machen, die verruchte That der Seinigen gehindert.

49. Von nun an regierte Lucius Tarquinius, dem seine Thaten den Beinamen der Harte gegeben haben. Denn er, der Schwiegersohn, versagte seinem Schwiegervater das Begräbniß, mit der Äußerung: Auch Romulus sei unbegraben verfault. Die Vornehmsten der Väter; die seiner Meinung nach den Servius begünstigt hatten, ließ er umbringen. Ferner, weil er sichs bewußt war, daß man von ihm selbst das Beispiel der frevelhaften Thronbesteigung gegen ihn anwenden könne, umpflanzte er seine Person mit Bewaffneten. Denn sein Recht auf den Thron gründete sich bloß auf Gewalt, da er eben so wenig vom Volke zum Könige ernannt, als von den Vätern bestätigt war. Hierzu kam, daß er seinen Thron, weil er auf Liebe der Unterthanen nicht rechnen konnte, durch Furcht sichern mußte. 83 Damit diese auf Mehrere wirken möchte, hielt er die Untersuchungen auf Leib und Leben, ohne Zuziehung Anderer, für sich allein; und unter diesem Vorwande konnte er hinrichten lassen, verbannen, mit Einziehung der Güter strafen, nicht allein wer ihm verdächtig oder misfällig war, sondern auch die, bei denen bloß seine Raubsucht sich eine Beute versprach. Da er durch diese Mittel vorzüglich die Anzahl der Väter vermindert hatte, beschloß er, niemand wieder in den Senat aufzunehmen, theils damit dieser Orden, so schwach besetzt; schon dadurch an Würde verlöre, theils es selbst weniger ungerecht fände, sich außer Thätigkeit gesetzt zu sehen. Denn er war der erste König, der die von den vorigen fortgesetzte Gewohnheit, den Senat über Alles zu befragen, aufhob, den Stat nach den Eingebungen der Seinen regierte; Krieg und Frieden, Verträge und Bündnisse, mit wem es ihm gefiel, durch sich selbst, ohne Genehmigung des Volks und Senats, einging und abstellte. Hauptsächlich machte er sich das Volk der Latiner zu Freunden, um sich bei seinen Unterthanen auch durch auswärtigen Beistand zu sichern, und mit den Vornehmsten unter ihnen knüpfte er nicht bloß Gastrecht, sondern auch Verwandschaft. Dem Octavius Mamilius zu Tusculum – er war bei weitem der Angesehenste unter allen Latinern und, wenn wir der Sage glauben, ein Abkömmling vom Ulysses und der Göttinn Circe – diesem Mamilius gab er seine Tochter zur Ehe, und durch diese Verheirathung machte er auch die vielen Verwandten und Freunde desselben zu den seinigen.

50. Schon hatte Tarquinius auf die Ersten der Latiner großen Einfluß: da bestimmte er einen Tag, auf den sie bei dem Haine der Göttinn Ferentina zusammenkommen möchten; er habe mit ihnen gemeinschaftliche Angelegenheiten abzuhandeln. Sie fanden sich zahlreich mit Tagesanbruch ein. Tarquinius selbst beobachtete zwar den Tag, kam aber erst kurz vor Sonnenuntergang. In den Unterredungen der Versammlung den ganzen Tag über war mancherlei zur Sprache gebracht. Turnus Herdonius von Aricia hatte sich gegen den ausbleibenden Tarquinius sehr heftig 84 ausgelassen. «Es sei kein Wunder, sagte er, daß man ihm zu Rom den Beinamen der Harte gegeben habe:» denn schon nannten sie ihn so, unter sich und ohne laut zu werden, allgemein. «Ob etwas härter sein könne, als so mit Allem, was Latiner heiße, sein Gespött zu treiben? Die Ersten des Volks habe er weit von ihrer Heimat herkommen lassen, und er selbst, der die Versammlung angesetzt habe, sei nicht da. Es sei nichts anders, als ein Versuch, wie viel sie sich gefallen lassen würden, um sie nachher, wenn sie sich unter sein Joch geschmiegt hätten, ihre Unterwürfigkeit fühlen zu lassen. Wem das nicht einleuchtend sei, daß er es auf Beherrschung der Latiner anlege? Hätten seine Unterthanen wohl daran gethan, ihm die Regierung über sich anzuvertrauen – wenn das anders anvertrauen zu nennen sei, und nicht vielmehr durch Vatermord an sich gerissen – so würden sich ihm auch die Latiner, und auch nicht einmal als einem Ausländer, anzuvertrauen haben. Wollten sie ihn hören, so müsse jetzt gleich Jeder nach Hause gehen und den Tag der Zusammenkunft eben so wenig beachten, als ihn der beachte, der ihn angesetzt habe.» Gerade überließ sich unter diesen und andern eben dahin zielenden Äußerungen der Parteien stiftende, verwegene Mann, der sich in seiner Vaterstadt durch solche Mittel bedeutend gemacht hatte, dem Flusse seiner Rede: da erschien Tarquinius, und der Vortrag hatte ein Ende. Alle wandten sich gegen den Tarquinius, ihn zu empfangen. Und er, von den Nächststehenden aufmerksam gemacht, daß er sich seiner Verspätung wegen zu entschuldigen habe, winkte Stille und sagte: «Vater und Sohn hätten ihn zum Schiedsrichter genommen; über die Bemühung, sie wieder auszusöhnen, habe er sich verspätet, und weil diese Angelegenheit den Tag weggenommen habe, so wolle er die bestimmte Sache morgen vornehmen.» Auch dies ließ ihm Turnus, wie erzählt wird, nicht ohne Anmerkung hingehen. «Keine Untersuchung,» sagte er, «sei kürzer, als zwischen Vater und Sohn, und könne mit wenig Worten abgethan werden. Da heiße es: Bist du nicht gleich deinem Vater gehorsam, dann Wehe dir!»

85 51. Unter diesen lauten Ausdrücken gegen den Römischen König verließ der Ariciner die Versammlung. Tarquinius, der dies weit höher empfand, als er sichs merken ließ, legte es sogleich auf den Untergang des Mannes an, auch um den Schrecken, womit er zu Hause den Muth seiner Unterthanen gebeugt hatte, den Latinern einzuflößen; und weil es hier nicht anging, ihn gradezu vermittelst Befehls hinrichten zu lassen, so stürzte er den Schuldlosen durch eine ersonnene Verläumdung. Durch einige Ariciner von der Gegenpartei des Turnus, bestach er einen von dessen Sklaven, es geschehen zu lassen, daß man in das Absteigequartier seines Herrn eine Menge Schwerter hineinschaffe. Als dies alles in der Einen Nacht bewerkstelligt war, ließ Tarquinius kurz vor Tage die vornehmsten Latiner zu sich bitten, und, dem Anscheine nach über einen unerhörten Vorfall noch außer Fassung, sagte er: «Seinem gestrigen, er möchte sagen, durch eine göttliche Vorsehung herbeigeführten Verzuge, hätten er und sie ihre Rettung zu verdanken. Man habe ihm angezeigt, Turnus sei bereit, ihn und die Ersten der sämtlichen Völkerschaften zu ermorden, um Latium allein zu regieren. Gestern in der Versammlung habe die That beginnen sollen, sei aber verschoben, weil er, der sie berufen gehabt, und auf den es am meisten abgesehen sei, gefehlt habe. Darum habe er auf ihn, den Abwesenden; die Ausfälle gethan, weil er ihm durch dies Säumen den Entwurf vereitelt habe. Wenn jene Angabe wahr sei, so lasse sich gewiß erwarten, daß er mit Tagesanbruch, sobald die Versammlung bei einander sei, von der Rotte seiner Verschwornen unterstützt, mit den Waffen erscheinen werde. Dem Gerüchte nach sei eine große Menge Schwerter bei ihm zusammengetragen. Ob dies falsch sei, oder nicht, lasse sich den Augenblick erfahren. Er bitte sie, sogleich mit ihm zum Turnus zu gehen.» Ein verdächtiges Licht warfen auf die Sache theils des Turnus heftige Gemüthsart, theils seine gestrige Rede, theils das Ausbleiben des Tarquinius, weil es glaublich wurde, daß eben darum das Blutbad verschoben sei. Sie folgten ihm, 86 zwar nicht abgeneigt, die Sache zu glauben, übrigens das Ganze für Unwahrheit zu halten, falls sich die Schwerter nicht finden sollten. Wie man ankam, umstellten den aus dem Schlafe aufgeschreckten Turnus die Wachen, und da man nach Festnehmung der Sklaven, die aus Liebe zu ihrem Herrn sich zur Wehr setzten, aus allen Winkeln des Quartiers versteckte Schwerter hervorzog, da freilich schien die Sache unläugbar. Turnus wurde in Ketten gelegt, und sogleich unter großem Auflaufe eine Versammlung der Latiner berufen. Hier wurde die Erbitterung, durch die im Kreise zur Schau gelegten Waffen, so wüthend, daß man ihn ohne alle Vertheidigung, um ihn auf eine nie gesehene Weise hinzurichten, in die Quelle des Ferentinischen Wassers stürzte und unter einer ihm aufgelegten mit Steinen belasteten Hürde ersäufte.

52. Als Tarquinius die Latiner wieder in die Versammlung gerufen und ihnen allen sein Lob ertheilt hatte, daß sie den Turnus für seinen offenbaren, zur Umwälzung des Stats entworfenen Mordanschlag mit der verdienten Strafe belegt hatten, hielt er folgende Rede. «Er könne nach einem alten Rechte verfahren, weil die Latiner sämtlich als Abkömmlinge von Alba in jenen Vertrag begriffen wären, vermittelst dessen der ganze Albanische Stat mit allen seinen Pflanzstädten seit Tullus Regierung unter Römische Oberherrschaft gekommen sei. Indessen finde er es für das gemeinschaftliche Beste gerathener, diesen Vertrag erneuren und die Latiner lieber an dem dem Römischen Volke bestimmten Glücke Theil nehmen, als sie beständig die Zerstörungen ihrer Städte und Verheerungen ihres Gebietes fürchten oder dulden zu lassen, die sie vorher unter des Ancus und nachher unter seines Vaters Regierung erlitten hätten.» Die Latiner ließen sich den Vertrag ohne großen Widerstand gefallen, hob er gleich die Römer über sie. Theils sahen sie ja die Häupter ihres Volks als Partei des Königs seiner Stimme beitreten, theils hatte so eben Turnus jeden, der sich etwa widersetzt hätte, über seine eigene Gefahr belehrt. So wurde der Vertrag erneuert, und die Dienstfähigen unter 87 den Latinern befehligt, auf einen bestimmten Tag bei dem Haine der Ferentina sich vertragsmäßig unter den Waffen zu sammeln. Als sie auf diesen Befehl des Römischen Königs aus allen Völkerschaften sich stellten, errichtete er, um sie weder unter ihren Anführern, noch unter einem abgesonderten Oberbefehle, oder unter eignen Fahnen zu lassen, aus Latinern und Römern gemischte Haufen, so daß er zwei in Einen verband, und jeden einzelnen auf zwei vertheilte; und über diese so verdoppelten Haufen setzte er seine Hauptleute.

53. War er aber im Frieden ein ungerechter König, so war er darum nicht auch ein schlechter Feldherr. Er würde vielmehr in Hinsicht auf dies Verdienst die vorigen Könige erreicht haben, wenn nicht seine Ausartung in den übrigen auch diesen Ruhm verdunkelt hätte. Er fing den Krieg gegen die Volsker an, der noch zweihundert Jahre nach ihm dauerte, und nahm ihnen die Stadt Suessa Pometia mit Sturm. Da er aus dem Verkaufe der hier gemachten Beute vierzig TalenteEin Talent ist etwas über 1000 Thaler. in Silber und Gold gelöset hatte, so nahm er sich vor, dem Tempel Jupiters eine Größe zu geben, wie sie des Oberhauptes der Götter und Menschen, der Herrscherinn Rom und der Majestät des Standplatzes selbstDes Capitols. würdig wäre, und legte das erbeutete Geld zu diesem Tempelbaue zurück. Darauf sah er sich in einen Krieg verwickelt, der wider seine Erwartung einen zögernden Gang nahm, und in welchem er sich gegen die nahe Stadt Gabii, nach vergeblichen Stürmen, und selbst nach aufgegebener Hoffnung, sie belagern zu können, weil er von ihren Mauren weggeschlagen war, zuletzt auf ein gar nicht Römisches Mittel, auf List und Betrug, einließ. Nachdem er sich den Schein gegeben, als habe er seine ganze Aufmerksamkeit, mit Beseitigung des Krieges, auf die Grundlegung zum Tempel und ähnliche Werke in der Stadt gerichtet, mußte der jüngste von seinen drei Söhnen, Sextus, als Überläufer nach Gabii gehen, und sich dort über seines Vaters unerträgliche Grausamkeit gegen 88 ihn beklagen. «Schon habe er seine Härte von Fremden gegen die Seinigen gewandt: selbst der Kinder habe er zu viel, und wolle sein Schloß eben so öde machen, als er das Rathhaus gemacht habe, um gar keinen Nachkommen, gar keinen Thronerben zu hinterlassen. Er, für seine Person, sei noch den Dolchen und Schwertern seines Vaters entronnen, und halte sich nirgends für sicher, als bei des Lucius Tarquinius Feinden. Denn, um sie nicht im Irrthume zu lassen, der Krieg drohe ihnen noch immer, den er beigelegt zu haben scheine; und bei Gelegenheit werde er sie, ehe sie sich dessen versähen, überfallen. Fände sich bei ihnen für Flehende keine Aufnahme, so wolle er ganz Latium durchirren, und dann weiter die Volsker, die Äquer, die Herniker aufsuchen, bis er endlich an Leute käme, welche menschlich genug wären, Kinder vor den grausamen und unväterlichen Henkerstrafen ihrer Väter zu schützen. Vielleicht finde er auch noch irgendwo einigen Muth zum Kriege, auch Waffen gegen einen so grausamen König und ein so übermüthiges Volk.» Da er sich den Schein gab, als ginge er, falls sie ihn nicht halten wollten, sogleich in vollem Zorne weiter, so hießen ihn die Gabier freundlich willkommen. «Er möge sich nicht wundern,» sagten sie, «wenn Jener: «eben so, wie gegen seine Unterthanen, wie gegen seine Bundsgenossen, sich endlich auch gegen seine Kinder zeige. Wenn er keinen Andern mehr habe, werde er zuletzt gegen sich selbst wüthen. Ihnen hingegen sei seine Ankunft erwünscht, und sie hofften, in Kurzem unter seiner Mitwirkung den Krieg von den Gabinischen Thoren unter die Mauren Roms zu tragen.»

54. Sie zogen ihn zu ihren Statsversammlungen. Und so sehr er sich hier über alle andere Angelegenheiten für die Meinung der älteren Gabier erklärte, die hiervon mehr Kenntniß hätten, so drang er von seiner Seite beständig auf Krieg: hierin maßte er sich eine vorzügliche Einsicht an, weil er beider Völker Kräfte kenne, und davon unterrichtet sei, wie sehr die Unterthanen die Härte des Königs haßten, die seine eignen Kinder nicht hätten ertragen 89 können. So stimmte er nach und nach die Häupter der Gabier zur Erneurung des Krieges: er selbst zog mit den tüchtigsten Jünglingen auf Beute und Streifereien aus, erwarb sich durch seine sämtlich auf Betrug berechneten Worte und Handlungen ein übel angebrachtes, aber immer steigendes Zutrauen, und wurde endlich zum Feldherrn gewählt. Als es nun öfters zwischen Rom und Gabii zu kleinen Gefechten kam, in denen gewöhnlich die Gabier, ohne zu ahnen, daß dies verabredet sei, den Vortheil hatten, so glaubten zu Gabii Hohe und Niedere um die Wette, in dem Feldherrn Sextus Tarquinius ein Geschenk des Himmels zu besitzen. Bei den Soldaten aber machte er sich dadurch, daß er sich allen Gefahren und Beschwerden gleich ihnenIch setze das Komma, welches zwischen labores und pariter steht, hinter pariter, in dem Sinne, wie in der Aeneide X. 864. Ultor eris mecum, aut aperit si nulla viam vis, Oecumbes pariter. unterzog, und die Beute freigebig vertheilte, so beliebt, daß der Vater Tarquinius nicht mächtiger in Rom war, als der Sohn in Gabii.

Wie er sich von allen Seiten zu jeder Unternehmung stark genug fühlte, schickte er einen von den Seinigen nach Rom zum Vater, mit der Anfrage: Was er nun thun solle, da ihn die Götter in Stand gesetzt hätten, in Gabii alles allein zu vermögen. Der Bote, dem man vielleicht nicht trauete, bekam keine mündliche Antwort. Der König ging, als in tiefem Nachdenken, in seinen Schloßgarten, vom Boten des Sohns begleitet, und schlug, so erzählt man, im Auf- und Abgehen, ohne ein Wort zu sagen, mit seinem Stabe immer die höchsten Mohnköpfe ab. Der Bote, des Fragens und Wartens auf Antwort müde, ging, seiner Meinung nach unverrichteter Sache, nach Gabii zurück; erzählte, was er selbst gesagt, und was er gesehen. Jener habe aus Grimm, oder Haß, oder nach der ihm eigenen Unfreundlichkeit nicht ein Wort gesprochen. Sextus, dem der Sinn und die Weisung seines Vaters in diesem stummen Räthsel nicht entging, stürzte die Häupter der Stadt, zum Theile durch Verläumdungen beim Volke, zum Theile noch leichter durch den Haß, der schon auf ihnen 90 ruhete. Viele wurden öffentlich hingerichtet: einige, bei denen die Beschuldigung nicht Schein genug gehabt haben möchte, heimlich gemordet. Einigen gestattete man die gewählte Flucht; andre wurden verwiesen, und die Güter der Entfernten sowohl, als der Hingerichteten vertheilt. Die Süßigkeit der Spenden, des Beutemachens und eignen Vortheils erstickte alles Gefühl für das Unglück des Ganzen, bis endlich der verwaisete Gabinische Stat, ohne Berather und Helfer, dem Römischen Könige ohne Schwertschlag überliefert wurde.

55. Als Tarquinius Gabii in seiner Gewalt hatte, schloß er mit dem Volke der Äquer Frieden und erneuerte den Vertrag mit den Hetruskern. Dann richtete er sein Augenmerk auf die Werke in der Stadt, deren erstes der Jupiterstempel auf dem Berge Tarpejus war, welchen er als Denkmal seiner Regierung und seines Namens hinterlassen wollte. Ihn hätten, sollte man einst sagen, zwei Tarquinius, beide als Könige, der Vater – verheißen, der Sohn – vollendet. Und damit der Platz, von allem andern Gottesdienste geräumt, ganz dem Jupiter und seinem hier zu erbauenden Tempel gehören möchte, so beschloß er, zur Entheiligung der Weihplätze und Kapellen, deren mehrere hier vom Könige Tatius, in dem entscheidenden Augenblicke der Schlacht mit Romulus, zuerst den Göttern versprochen, nachher geheiligt und auf Geheiß der Vögel geweihet waren, die Zustimmung des Vogelfluges einzuholen. Da sollen gleich bei dem angefangenen Baue dieses Werks die Götter einen Wink gegeben haben, der auf das unerschütterliche Riesengebäude des so großen Reiches deuten sollte. Denn da die Vögel die Entweihung aller übrigen Kapellen genehmigten, so versagten sie bei dem Heiligthume des (Gränzengottes) Terminus ihre Zustimmung. Diese Vorbedeutung und Anzeige durch die Vögel wurde so aufgenommen: «Die Unmöglichkeit, den Sitz des Terminus zu verrücken, und daß unter allen Göttern er allein sich aus den ihn geweihten Gränzen nicht habe wegrufen lassen, verkündige Festigkeit und Unerschütterlichkeit des Ganzen.» Diesem 91 Winke für die bleibende Dauer folgte ein anderes Wunderzeichen, die Größe der Oberherrschaft zu verkündigen. Als sie den Boden zur Grundlegung des Tempels öffneten, soll ein Menschenkopf mit unversehrtem Antlitze zum Vorscheine gekommen sein. Die Erscheinung erklärte mit leicht zu enträthselnder Deutung diese Burg für den Sitz der künftigen Oberherrschaft und für das Haupt der Welt; und so verkündigten es auch die Wahrsager, sowohl die in Rom, als jene, die man, um sich über die Sache zu berathen, aus Hetrurien berufen hatte.

Dies machte dem Könige Lust, noch mehr anzuwenden. Und so reichte die Beute von Pometia, die zur Vollendung des Werks bis zum Gipfel bestimmt war, kaum zur Grundlegung hin. So viel mehr bin ich geneigt, dem Fabius zu glauben, der ohnehin älterer Schriftsteller ist, daß dies nur vierzig Talente gewesen sind; als dem PisoFabius Pictor (s. oben Cap. 44.) lebte zu den Zeiten des zweiten Punischen Krieges, also mit Scipio Africanus dem Ältern. L. Calpurnius Piso Frugi etwa hundert Jahre später mit dem jüngern Scipio Africanus., nach dessen Angabe vierzigtausend Pfund Silbers hierzu zurückgelegt waren; eine Geldsumme, die theils aus der Beute einer einzigen Stadt, damals wenigstens sich nicht erwarten ließ, theils für die bloße Grundlage jedes noch so prächtigen Gebäudes, selbst der jetzigen, viel zu groß sein mußteIch folge den von Stroth angeführten Gründen, nicht quadringenta, sondern quadraginta zu lesen. Vierzig Talente (nach Fabius Angabe) sind etwas über 40,000 Thaler: 400 Talente wären etwas über 400,000 Thaler. Vierzigtausend Pfund Silbers hingegen (nach Piso) wären etwa 1,250,000 Gulden Conventionsgeld..

56. Um die Vollendung des Tempelbaues betreiben zu können, zu dem er aus allen Gegenden Hetruriens Werkleute hatte kommen lassen, nahm er nicht allein die öffentlichen Gelder zu Hülfe, sondern auch die Handdienste des Volks. Wurde nun gleich diese ebenfalls nicht leichte Arbeit noch eine Zugabe zu den Beschwerden der Kriegsdienste, so fand es doch der Bürger so drückend nicht, seine Hände zum Baue der Göttertempel herzugeben. Allein er wurde nachher auch bei andern, minder ehrwürdigen, aber noch weit mühsamern Bauarbeiten angestellt, die 92 Schaubänke nämlich um die Rennbahn anzulegen, und den Großen Ableitungsgraben (Cloaca Maxima), diesen Behälter aller aus der Stadt abzuführenden Unreinigkeiten, unter der Erde zu ziehen: zwei Werke, denen diese Pracht der neuern Zeit kaum ein Gegenstück geben konnte.

Nachdem er die Bürger mit diesen Arbeiten geplagt hatte, schickte er, theils damit die Volksmenge, wenn er sie nicht weiter gebrauchte, der Stadt nicht zur Last fiele, theils um durch ausgesandte Pflanzer die Gränzen seiner Herrschaft zu erweitern, Colonien nach Signia und Circeji, die einst, jenes von der Landseite, dies von der See her, die Hauptstadt decken sollten. Bei diesen seinen Beschäftigungen ereignete sich es, daß vor einer furchtbaren WundererscheinungIch folge Creviers Interpunction, welche durch das bloße Komma hinter visum die Worte portentum visum und anguis elapsus als Apposition verbindet., vor einer Schlange, die aus einer hölzernen Säule hervorschlüpfte, die erschrockenen Augenzeugen in die Königsburg flüchteten: und dies erschütterte den König lange nicht so tief durch den plötzlichen Schrecken, als es ihn mit ängstlichen Besorgnissen erfüllte. Da er also bei solchen Vorzeichen, die den Stat betrafen, gewöhnlich nur Hetruskische Wahrsager zu Rathe zog, so beschloß er, über dieses, als ein seinem Hause geltendes, Vorzeichen, das berühmteste Orakel auf Erden, das Delphische, zu beschicken: und weil er es bedenklich fand, die Antwort des Götterspruchs irgend einem Andern anzuvertrauen, so sandte er zwei seiner Söhne durch damals unbekannte Länder und noch unbekanntere Meere nach Griechenland.

Titus und Aruns machten die Reise. Als Begleiter wurde ihnen Lucius Junius Brutus mitgegeben, ein Schwestersohn des Königs, von der Turquinia, ein junger Mann von einem ganz andern Geiste, als dessen Rolle zu spielen er sich auferlegt hatte. Weil er gehört hatte, die Häupter des Stats, und unter ihnen auch sein Bruder, seien von seinem Oheime ums Leben gebracht, so nahm er sich vor, in seinem Geiste nichts, was dem Könige furchtbar, 93 in seinem Vermögen nichts zu behalten, was ihm wünschenswerth sein konnte, und sich da durch Verachtung zu sichern, wo der Schutz der Gerechtigkeit zu schwach war. Vorsetzlich also spielte er den Blödsinnigen; gab sich und das Seine dem Könige zum Raube hin, und ließ sich auch den Beinamen Brutus (der Dumme) gefallen, wenn nur jener Geist – demnächst des Römischen Volks Befreier – unter dem Deckmantel dieses Beinamens versteckt, seine Zeit abwarten könnte. Wie ihn damals die beiden Tarquinius, mehr zum Gespötte, als zur Gesellschaft, mit nach Delphi nahmen, soll er dem Apoll einen goldenen Stab, der in einen dazu ausgehöhlten von Kornelholz eingeschlossen war, als sein Geschenk dargebracht haben; ein geheimes Sinnbild seines Geistes.

Als sie anlangten und die Aufträge des Vaters ausgerichtet hatten, kam den Jünglingen die Lust, zu erfragen, auf wen von ihnen die Römische Regierung fallen werde. Tief aus der Höhle soll die Antwort erschollen sein: «Die höchste Herrschaft zu Rom wird Der haben, der zuerst von euch, ihr Jünglinge, der Mutter den Kuß reicht.» Die Tarquinier geboten das tiefste Schweigen über die Sache, damit Sextus, den sie zu Rom gelassen hatten, mit dem Orakel unbekannt, von der Regierung ausgeschlossen bliebe. Sie selbst überließen es dem Schicksale, wer von ihnen beiden, wenn sie nach Rom zurückgekommen wären, der Mutter den ersten Kuß bringen würde. Brutus, nach dessen Auslegung der Spruch der Pythia einen ganz andern Sinn hatte, fiel zum Scheine stolpernd nieder und drückte seinen Kuß der Erde auf, als der gemeinschaftlichen Mutter aller Sterblichen. Als sie nach Rom zurückkamen, rüstete man sich schon mit aller Macht zu einem Kriege gegen die Rutuler.

57. Den Rutulern gehörte die Stadt Ardea, einem Volke, das für jene Gegenden und Zeiten sehr großen Reichthum besaß: und grade dies war dem Römischen Könige ein Grund zum Kriege; weil er theils selbst, durch die öffentlichen Prachtgebäude erschöpft, sich bereichern, theils durch Zuwendung der Beute den Unwillen seiner 94 Bürger besänftigen wollte, die, außer seiner übrigen Härte, auch darum gegen seine Regierung erbittert waren, weil sie es unter ihrer Würde hielten, so lange vom Könige zu Verrichtungen der Handwerker und zu Sklavenarbeiten gebraucht zu sein.

Man machte den Versuch, Ardea im ersten Sturme zu überrumpeln. Als er mislang, setzte man dem Feinde durch Einschließung und Werke zu. Wie gewöhnlich in einem mehr zögernden, als raschen Kriege, konnte man ziemlich frei zwischen diesem Standlager und Rom ab- und zugehen, und der höhere Stand noch eher, als die Gemeinen. Die jungen Prinzen verkürzten sich öfters die Langeweile durch gegenseitige Gastgebote und Nachtschwärmereien. Einst zechten sie beim Sextus Tarquinius, wo auch Tarquinius von Collatia, des Egerius Sohn, zu Abend aß; und das Gespräch fiel auf ihre Frauen. Jeder pries die Seine außerordentlich: der Streit wurde hitziger, und Collatinus sagte: «Der Worte bedürfe es nicht; in wenig Stunden könne man sich davon überzeugen, wie weit seine Lucretia den übrigen vorzuziehen sei. Fühlen wir noch Jugendkraft in uns, warum steigen wir nicht zu Pferde, und sehen mit eignen Augen, wie unsre Weiber gesinnet sind? Darin muß jeder die bewährteste Probe finden, wie sie sich bei der überraschenden Ankunft des Mannes unserm Blicke zeigen werden.» Sie waren vom Weine warm. «Es gilt!» riefen sie alle, und auf gespornten Rossen flogen sie nach Rom. Von hier, wo sie mit der ersten Abenddämmerung eingetroffen waren, ging es fort nach Collatia, wo sie Lucretien ganz anders als die königlichen Schwiegertöchter, sich nicht durch üppige Gasterei im Kreise ihrer Gespielen die Zeit verkürzen, sondern in später Nacht bei ihrer Wollarbeit, mit ihren noch bei Licht fleißigen Mägden, in ihrem Wohnzimmer sitzen sahen. Der Preis des weiblichen Wettstreits wurde Lucretien zuerkannt. Freundlich empfing sie den ankommenden Mann und die Tarquinier. Der Mann als Sieger bat die Prinzen höflich zu Gaste. Da erwachte im Sextus Tarquinius die schnöde Lust, Lucretien gewaltsam zu 95 entehren; und ihre Schönheit, ihre bewährte Keuschheit wurden für ihn so viel Sporne.

Für jetzt aber kehrten sie von ihrer jugendlichen Nachtlust zurück ins Lager.

58. Nach Verlauf von wenigen Tagen kam Sextus Tarquinius, ohne Wissen des Collatinus, nur von Einem Sklaven begleitet, nach Collatia. Er wurde gütig aufgenommen. Wer kannte seinen Plan? Als er nach dem Abendessen in die Gastkammer geführt war, ging er, sobald er es umher sicher und Alle im tiefen Schlafe glaubte, von Liebe glühend, mit gezogenem Schwerte zur schlafenden Lucretia, hielt sie, die linke Hand ihr auf die Brust gesetzt, nieder, und sprach: «Schweig, Lucretia! Ich bin Sextus Tarquinius, mit dem Schwerte in der Hand. Du bist des Todes, so wie du einen Laut von dir giebst.» Indeß die aus dem Schlafe Auffahrende nirgends Hülfe, nur den Tod vor Augen sah, bekannte Tarquinius seine Liebe, flehete, wechselte mit Bitten und Drohungen und versuchte das weibliche Herz von allen Seiten. Wie er sie standhaft und selbst gegen Todesgefahr nicht wanken sah, ließ er mit der Furcht die Schande zugleich wirken. Wenn er sie ermordet habe, sagte er; wolle er einen erwürgten Sklaven nackend zu ihr legen, damit es heißen solle, er habe sie in diesem schmutzigen Ehebruche getödtet. Als die Begierde, in ihrem Wahne Siegerinn, den Widerstand der Tugend durch diese Drohung bezwungen hatte, und Tarquinius, stolz über seinen auf die weibliche Ehre gelungenen Sturm, wieder abgereiset war, schickte Lucretia, voll tiefen Grams über ihr schweres Unglück, denselben Boten nach Rom an ihren Vater, und nach Ardea an ihren Mann. «Sie möchten jeder mit einem treuen Freunde kommen. Dies sei nöthig; schleunig nöthig: es habe sich ein schrecklicher Vorfall ereignet.»Spurius Lucretius kam mit dem Publius Valerius, dem Sohne des Volesus; Collatinus mit dem Lucius Junius Brutus, mit dem er grade nach Rom zurückging, als ihm der Bote seiner Frau begegnete. Lucretien fanden sie tiefbetrübt auf ihrem Schlafzimmer sitzen. Bei der Ankunft der Ihrigen brach sie in Thränen aus, und als ihr Gatte sie fragte: «Ob nicht Alles gut stehe,» sprach sie: «Ganz und gar nicht! Wie kann es gut um ein Weib stehen, die ihre Ehre verloren hat? Die Spuren eines fremden Mannes sind in deinem Bette, Collatinus. Doch nur der Körper ist entweiht; die Seele ist rein; das soll mein Tod bezeugen. Gebt mir aber eure Hand, und euer Wort, daß der Ehebrecher nicht ungestraft bleiben soll. Sextus Tarquinius ist es, der – statt eines Gastfreundes ein Feind – in voriger Nacht mit Gewalt und Waffen von hier einen Genuß – mir, und, seid ihr Männer, auch ihm zum Verderben – mit sich nahm.» Alle gaben nach der Reihe ihr Wort. Sie trösteten die Seelenkranke, indem sie ihr, als einer Gezwungenen, alle Schuld abnahmen und sie dem Thäter zusprachen. «Der Geist,» sagten sie, «sei der Sündigende, nicht der Körper; und wo kein Wille gewesen sei, da sei auch keine Sträflichkeit.» – «Ihr werdet dafür sorgen,» erwiederte sie, «daß ihm sein Recht geschehe. Ich aber, spreche ich mich gleich von der Sünde rein, entziehe mich der Strafe nicht: und Keine nach mir soll, auf Lucretien sich berufend, bei Unkeuschheit das Leben behalten wollen.» Sie stieß sich den unter dem Kleide versteckt gehaltenen Dolch ins Herz, und zusammengesunken auf die Wunde, fiel sie sterbend zur Erde. Laut auf schrieen Mann und Vater.

59. Während sie sich ihrem Schmerze überließen, hielt Brutus den von Blut triefenden Dolch, so wie er ihn aus Lucretiens Wunde gezogen hatte, vor sich in die Höhe und sprach: «Bei diesem, ehe der Prinz es verunehrte, heiligreinen Blute schwöre ich, und nehme euch, ihr Götter, zu Zeugen, daß ich den Lucius Tarquinius, den Harten, mit seinem gottlosen Weibe und allen Kindern seines Stammes mit Feuer und Schwert und aller hinfort mir möglichen Gewalt verfolgen und nicht leiden will, daß weder sie, noch sonst jemand, über Rom König sei.» Dann reichte er den Dolch dem Collatinus, und so dem Lucretius und Valerius, die über die unerwartete Erscheinung staunten, wie aus dem Innern eines Brutus der neue 97 Geist hervorgehe. Sie schwuren, wie er es ihnen vorsagte, und ganz aus ihrem Schmerze zur Rache umgestimmt, schlossen sie sich an den Brutus, der gleich auf der Stelle sie zur Umstürzung des Königthumes rief. Sie trugen die Leiche der Lucretia aus dem Hause, legten sie auf den Markt und brachten, wie man denken kann, durch das Auffallende und Empörende der unerhörten Begebenheit die Menschen zusammen; und alle stimmten in die Klage über des Prinzen Frevel und Gewaltthat. Erschütternd war auf der einen Seite des Vaters tiefer Gram, auf der andern Brutus, der ihre Thränen und unnützen Klagen schalt, und sie aufforderte, wie es Männern, wie es Römern gezieme, gegen die, die sich Feindesthaten erlaubt hatten, die Waffen zu ergreifen. Freiwillig stellten sich die beherztesten Jünglinge, alle in den Waffen: die übrigen Dienstfähigen folgten ihnen. Sie ließen an den Thoren von Collatia eine angemessene Besatzung, stellten Wachen, damit niemand die königliche Familie von dem Aufstande benachrichtigen könne, und die übrigen zogen, von Brutus geführt, bewaffnet nach Rom. Wie sie ankamen, erregte die bewaffnete Schar, wohin sie zog, Bestürzung und Auflauf. Doch ließ der Umstand, daß man die Ersten der Stadt an ihrer Spitze sah, vermuthen, was es auch sei, es müsse von Bedeutung sein. Und nun bewirkte die Abscheulichkeit der That zu Rom eine eben so allgemeine Theilnahme, als vorher zu Collatia. Aus allen Gegenden der Stadt strömten die Menschen dem Markte zu. Hier fanden sie einen Herold, der das Volk vor den Obersten der Leibwache berief, welche Stelle grade Brutus damals bekleidete. Und er hielt ihnen eine Rede, aus welcher ganz andre Gesinnungen und ein ganz andrer Geist sprachen, als er sich bis dahin geliehen hatte; von der Gewaltthat und frechen Unzucht des Sextus Tarquinius, von der schändlichen Entehrung und kläglichen Entleibung der Lucretia, von der Kinderlosigkeit des (Lucretius) Tricipitinus, für den der Tod seiner Tochter nicht so empörend und schmerzhaft sein könne, als diese Ursache ihres Todes. Dann kam er auf die Harte des Königs selbst; auf das Elend und die Arbeiten der Bürger, 98 die er in auszubringende Graben und Canäle habe versinken lassen. Die Männer Roms, die Sieger aller Völker umher, habe er aus Kriegern zu Handwerkern und Steinbrechern gemacht. Er erinnerte an die traurige Ermordung des Königs Servius Tullius, an die Tochter, die auf ihrem gottlosen Wagen über des Vaters Leiche fuhr, und wandte sich auffordernd an die den Älternmord rächenden Gottheiten. Seine erbitternden Beziehungen auf diese und andre, wie ich glaube, noch schrecklichere Dinge, die der Unwille über die vorliegende That an die Hand giebt, kann sie gleich der Geschichtschreiber so leicht nicht wiedergeben, vermochten das Volk zu dem Beschlusse, dem Könige die Regierung abzusprechen, und den Lucius Tarquinius mit seiner Gemahlinn und Kindern für Landesverwiesene zu erklären. Nachdem er die Dienstfähigen, die sich freiwillig meldeten, angestellt und bewaffnet hatte, zog er selbst mit ihnen zum Lager nach Ardea, um auch dort das Heer gegen den König aufzuwiegeln: den Oberbefehl in der Stadt ließ er dem Lucretius, der schon vorher vom Könige zum Statthalter in Rom ernannt war.

In diesem Getümmel flüchtete Tullia aus dem Pallaste; verfolgt, wo sie sich sehen ließ, von den Flüchen der Männer und Weiber, welche die Göttinnen der Rache gegen die Familienmörderinn aufriefenUnter parentes werden hier Vater, Schwester, und Mannesbrüder, der auch ihr erster Gemahl war, verstanden..

60. Als die Nachrichten von dem Allen im Lager einliefen, und der König, in Bestürzung über den unerwarteten Vorfall, sich gegen Rom aufmachte, um die Unruhen zu dämpfen, nahm Brutus, sobald er dessen Annäherung entdeckte, um ihm nicht zu begegnen, einen Seitenweg, und in entgegengesetzten Richtungen kamen sie fast zu gleicher Zeit, Brutus vor Ardea, Tarquinius vor Rom. Tarquinius fand die Thore verschlossen, und seine Verbannung wurde ihm angekündigt: den Befreier der Stadt empfing das Lager frohlockend; auch hier wurden die königlichen Prinzen ausgetrieben. Zwei folgten dem Vater 99 und zogen als Landesverwiesene nach Cäre ins Hetruskerland. Sextus Tarquinius, der sich nach Gabii, gleichsam als in sein eignes Königreich, begab, fand hier von der Rache jener, deren Feindschaft er sich selbst durch seine vorigen Mordthaten und Räubereien zugezogen hatte, seinen Tod.

Lucius Tarquinius der Harte hat fünf und zwanzig Jahre regiert. Könige waren in Rom von Erbauung der Stadt bis zu ihrer Befreiung seit zweihundert vier und vierzig Jahren gewesen. Nun wurden nach der schriftlichen Verordnung des Servius Tullius von dem Stadtvorsteher auf einer nach Centurien angestellten Wahlversammlung zwei Consuln gewählt, Lucius Junius Brutus und Lucius Tarquinius Collatinus.

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