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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 85
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
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40. Als um eben diese Zeit nach Verlauf eines großen Theils vom Jahre, der Consul Lävinus, den alten und neuen Bundesgenossen ersehnt, in Sicilien angekommen war, so ließ er es sein erstes und wichtigstes Geschäft sein, die Lage der Dinge zu Syracus, die bei dieser Neuheit des Friedens sich noch nicht gesetzt hatte, zu ordnen. Von da führte er seine Legionen vor Agrigent, wo allein noch Krieg zu führen war, und eine starke Carthagische 316 Besatzung lag. Und hier kam ihm das Glück zu Hülfe. Hanno nämlich war Oberfeldherr der Carthager; sie hatten aber, ihre ganze Hoffnung auf den Mutines mit seinen Numidern gesetzt. Auf seinen Streifereien durch ganz Sicilien trieb dieser von den Römischen Bundesgenossen Beute zusammen, und keiner Tapferkeit, keiner List gelang es, ihn von Agrigent abzuschneiden, oder an seinen Ausfällen, sobald er sie thun wollte, zu hindern. Dieser sein Ruhm, der jetzt schon die Ehre des Feldherrn verdunkelte, ging endlich in Haß über, so daß auch seine gelungensten Thaten dem Hanno des Thäters wegen nicht mehr erfreulich waren. Deswegen gab er zuletzt die Oberstenstelle des Mutines an seinen Sohn, in der Voraussetzung, er werde ihm mit dem Oberbefehle zugleich das Ansehen bei den Numidern nehmen. Gerade das Gegentheil. Die alte Liebe zum Mutines erhöhete er noch dadurch, daß er sich selbst verhaßt machte: und jener verschmerzte die empörende Zurücksetzung nicht, sondern ließ sogleich durch geheime Boten dem Lävinus die Übergabe von Agrigent antragen. Als man ihm durch diese seine Annahme zugesichert und den Gang der Sache verabredet hatte, nahmen die Numider, die sich des zum Meere führenden Thors nach Vertreibung oder Niedermetzelung der Wache bemächtigten, die zu diesem Zwecke abgeschickten Römer in die Stadt auf. Und schon ging ihr Zug unter großem Lärmen in die Mitte der Stadt und nach dem Markte, als Hanno in der Meinung, es sei bloß ein Auflauf und eine Meuterei der Numider, wie das schon früher der Fall gewesen war, zur Dämpfung des Aufruhrs dorthin rückte, Aber freilich, als er eine in der Ferne für bloße Numider zu große Menge erblickte und ihm das wohlbekannte Kriegsgeschrei der Römer zu Ohren drang, begab er sich, noch ehe er sich auf Schußweite näherte, auf die Flucht, nahm den Epicydes in seine Begleitung auf und kam mit Wenigen, zum Hinterthore hinausgelassen, an das Meer. Hier trafen sie zum Glücke ein kleines Fahrzeug, überließen den Feinden das seit so vielen Jahren streitig gemachte Sicilien, und setzten nach Africa über. Die übrigen nicht wenigen 317 Carthager und Sicilianer, die, ohne eine Gegenwehr zu versuchen, sich blindlings auf die Flucht warfen und die Ausgänge gesperrt fanden, wurden an den Thoren niedergehauen. Nach Einnahme der Stadt ließ Lävinus die Mitglieder der Regierung zu Agrigent mit Ruthen peitschen und mit dem Beile enthaupten. Die übrigen, wie auch die Beute, verkaufte er. Das sämtliche Geld schickte er nach Rom.

Als der Ruf von diesem Unglücke der Agrigentiner durch Sicilien erscholl, so fiel auf einmal Alles den Römern zu. Durch Verrath gewannen sie in kurzer Zeit zwanzig Städte; sechs nahmen sie durch Sturm; gegen vierzig ergaben sich freiwillig. Nachdem der Consul den Oberhäuptern dieser Städte, jedem nach Verdienste, ihre Belohnung oder Bestrafung hatte angedeihen lassen; nachdem er ferner die Sicilianer gezwungen hatte, endlich die Waffen niederzulegen und sich ganz mit Ackerbau zu beschäftigen, so daß die Insel nicht bloß zur Ernährung ihrer Bewohner ergiebig genug sein müßte, sondern auch einem Mangel in Rom und Italien abhelfen könnte, wie sie schon oft in solchen Verlegenheiten gethan hatte: so nahm er noch von Agathyrna einen Haufen unstätes Gesindels mit sich nach Italien hinüber. Es waren viertausend Menschen, ein Gemisch von allen möglichen Zusammengelaufenen, von Vertriebenen; Verschuldeten und meistentheils Todesverbrechern, die schon früher, als sie noch in ihren Städten und unter Gesetzen lebten, und auch noch nachdem sie ein ähnliches Schicksal unter mancherlei Veranlassungen in Agathyrna zusammengeworfen hatte, von Straßenraub und Dieberei sich ernährten. Theils hielt es Lävinus für zu unsicher, auf einer Insel, die sich so eben nach dem neuen Frieden wieder zu einem Ganzen vereinigte, solche Menschen als einen Zunder neuer Unruhen zurückzulassen; theils konnten sie sich den Rheginern, denen ein solcher in Räuberzügen geübter Haufe erwünscht kam, durch Verheerung des Bruttierlandes nützlich machen. Und so wurde der Krieg, so weit er Sicilien betraf, in diesem Jahre beendet.

318 41. In Spanien ertheilte Publius Scipio, der mit dem Anfange des Frühlings die Schiffe ins Meer ließ und die Hülfstruppen der Bundsgenossen vermittelst einer Bekanntmachung nach Tarraco beschied, der Flotte und den Lastschiffen Befehl, von hier nach der Mündung des Ebro zu steuren. Als er hier auch die Legionen aus den Winterquartieren sich hatte sammeln lassen, ging er selbst mit fünftausend Mann Bundesgenossen zum Heere. Nach seiner Ankunft hielt er, weil er hauptsächlich den alten, nach so harten Niederlagen noch übrigen, Soldaten etwas Angenehmes sagen wollte, vor einer berufenen Versammlung folgende Rede:

«Vor mir hat noch nie ein neuer Feldherr seinen Soldaten, noch ehe er von ihren Diensten Gebrauch machte, gerechten und verdienten Dank abstatten können. Mich aber hat das Schicksal euch schon verpflichtet, ehe ich die Provinz oder das Lager zu sehen bekam; einmal durch die liebevolle Gesinnung, die ihr meinem Vater und Oheime im Leben und im Tode bewieset; zum andern dafür, daß ihr den durch eine so schwere Niederlage verlornen Besitz der Provinz sowohl dem Römischen State, als mir, ihrem Nachfolger, durch eure Tapferkeit ungeschmälert erhalten habt. Da wir aber jetzt durch die Gnade der Götter darauf denken können und damit beschäftigt sind, nicht, daß wir in Spanien bleiben wollen, sondern daß kein Punier darin bleibe, nicht, daß wir, an den Ufern des Ebro aufgepflanzt, die Feinde vom Übergange abhalten, sondern daß wir als die Angreifenden hinübergehen und den Krieg auf die andre Seite tragen; besorge ich, diese Maßregel möchte Einem und dem Andern unter euch theils für den gebliebenen Eindruck der neulich erlittenen Niederlagen, theils für meine Jahre zu groß und zu gewagt scheinen. In keinem menschlichen Herzen können unsre unglücklichen Schlachten in Spanien weniger erlöschen, als in dem meinigen. Denn mir fielen Vater und Oheim innerhalb dreißig Tagen, als sollte in meiner Familie Leiche auf Leiche folgen. Schlägt aber, ich möchte sagen, die Verwaisung und Einsamkeit 319 meines Hauses meinen Geist nieder, so läßt mich dagegen das Glück meines Volks und seine Tapferkeit am Erfolge für das Ganze nicht verzweifeln. Durch eine Art von Verhängniß ist uns das Los beschieden, daß wir in allen wichtigen Kriegen als die Besiegten siegen mußten. Ich übergehe die alten, einen Porsenna, die Gallier, die Samniten: laßt mich mit den Punischen Kriegen anfangen. Wie viele Flotten, wie viele Feldherren, wie viele Heere gingen im ersten Kriege verloren? Wozu soll ich derer aus diesem Kriege erwähnen? Bei allen Niederlagen war ich entweder selbst zugegen, oder war da, wo ich fehlte, von Allen der Einzige, der sie am tiefsten fühlte. Trebia, der Trasimenus, Cannä, was sind sie anders, als Denkmale erschlagener Römischer Heere und Consuln? Dazu kam der Abfall Italiens, Siciliens dem größern Theile nach, und Sardiniens. Und dann noch die letzte Noth und Angst – ein Punisches Lager, das zwischen dem Anio und Roms Mauern stand, und Hannibal, der sich als Sieger beinahe in den Thoren zeigte. Unter den Trümmern dieses Einsturzes stand allein der hohe Muth des Römischen Volks unverkümmert und unerschüttert. Er war es, der Alles zu Boden geschlagene wieder aufrichtete und emporhob. Ihr, Soldaten, waret unter allen die ersten, die dem nach unserm Unglücke bei Cannä gegen die Alpen und Italien heranschreitenden Hasdrubal – und hätte er sich mit seinem Bruder vereinigt, so gäbe es jetzt niemand mehr, der Römer hieße – unter der Anführung und Götterleitung meines Vaters euch entgegenstelltet; und eure glücklichen Thaten hier ließen uns das Unglück auf jener Seite ertragen. Jetzt geht durch die Gnade der Götter in Italien und Sicilien Alles gesegnet und glücklich und mit jedem Tage erfreulicher und herrlicher. In Sicilien sind Syracus, Agrigent, erobert, die Feinde von der ganzen Insel vertrieben, und die wiedergenommene Provinz steht unter der Hoheit des Römischen Volks. In Italien ist Arpi wieder unser, Capua erobert. Hannibal, der den ganzen Weg von Rom in eiliger Flucht zurücklegte, in den äußersten 320 Winkel des Bruttierlandes hineingedrängt ist, bittet die Götter um keine größere Wohlthat, als daß sie ihn ohne Einbuße den feindlichen Boden räumen und abziehen lassen. Soldaten! was würde sich weniger schicken, als wenn ihr damals, wie die Niederlagen sich auf einander häuften, und die Götter selbst, ich möchte sagen, auf Hannibals Seite standen, hier mit meinen beiden Vätern – laßt sie mich auch durch diese ehrenvolle Benennung einander gleichstellen! – das wankende Glück des Römischen Stats aufrecht erhalten hattet; und gerade ihr wolltet jetzt, weil dort Alles gesegnet und erfreulich steht, den Muth verlieren? Und selbst die neulichen Unfälle, möchten sie eben so ohne Nachweh für mich, als für euch, sich gewandt haben! Eben die unsterblichen Götter, die Beschützer der Römischen Oberherrschaft, sie, auf deren Eingebung sich alle Centurien erklärten, daß man den Oberbefehl mir geben solle, verkündigen uns jetzt durch ihre Andeutungen, durch den Flug ihrer Vögel und selbst durch Erscheinungen im Traume lauter Freude und Glück. Und mein eigner Sinn, bis jetzt mein gültigster Prophet, sagt mir vorher, Spanien sei unser; bald werde alles, was Punier heißt, hier ausgerottet, Meere und Länder auf schimpflicher Flucht bedecken. Was der Geist aus sich selbst ahnet, eben das geht auch aus untrieglichen Vernunftgründen hervor. Die von jenen gemishandelten Bundesgenossen flehen durch Gesandte um unsern Schutz. Drei Feldherren, unter sich so uneinig, daß beinahe einer vom Andern abfallen möchte, haben ihr dreifach getheiltes Heer in die geschiedensten Länder verschleppt. Dasselbe Schicksal bricht über sie herein, das neulich uns beugte. Denn sie werden so von ihren Bundsgenossen verlassen, wie wir vorher von den Celtiberern, und sie haben ihre Heere getrennt, gerade so, wie dies meinem Vater und Oheime so verderblich wurde. Ihre innere Uneinigkeit wird sie sich nicht vereinigen lassen, und einzeln werden sie uns nicht widerstehen können.»

«Gönnet ihr mir, Soldaten, dem Namen der Scipione 321 eure Liebe, dem Sprößlinge eurer Feldherren, der gleichsam aus dem abgehauenen Stamme wieder aufschießt. Wohlan, ihr alten Krieger, führet das neue Heer und den neuen Feldherrn über den Ebro, führet sie hinüber in Länder, die ihr mehrmals unter einer Menge tapfrer Thaten durchzogen habt. Bald hoffe ich es dahin zu bringen, daß ich euch, so wie ihr jetzt an mir die Ähnlichkeit mit meinem Vater und Oheime im Gesichte, in der Miene und in körperlichen Grundzügen wiederfindet, eben so an Geist, an Biedersinn und Tapferkeit ein zum Sprechen getroffenes Nachstück ihres Urbildes geben kann, so daß Jeder sagen soll, sein Feldherr Scipio sei ihm wieder aufgelebt oder von neue, geboren.»

42. Als er durch diese Rede den Muth der Soldaten entflammt hatte, ließ er zur Bedeckung dieser Gegend den Marcus Silanus mit dreitausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde zurück, und ging mit den sämtlichen übrigen Truppen – es waren aber fünfundzwanzig tausend zu Fuß und zweitausend fünfhundert zu Pferde – über den Ebro. Da ihm hier einige riethen, weil sich die Punischen Heere auf drei so weit aus einander gelegene Gegenden vertheilt hätten, das nächste anzugreifen, so beschloß er doch aus Besorgniß, sie dadurch Alle nach dem Einen Punkte hinzuziehen, und dann mit seinem Heere allein so vielen nicht gewachsen zu sein, in dieser Frist Neu-Carthago zu belagern, eine Stadt, die theils an sich sehr reich, theils jetzt mit allen Kriegsvorräthen der Feinde angefüllt war; – denn hier hatten sie ihre Waffen, ihre Kriegscasse und die Geisel des gesamten Spaniens: – die außerdem zur Überfahrt nach Africa sehr bequem liegt, und noch dazu an einem Hafen, der für jede noch so große Flotte geräumig genug, und ich möchte wohl sagen, so weit die Spanische Küste an unser Meer stößt, der einzige ist. Wohin der Marsch gehe? wußte von den Übrigen niemand, außer Cajus Lälius. Ihn, der mit der Flotte herumgehen mußte, hatte er angewiesen, seine Fahrt so einzurichten, daß die Flotte, so wie sich die Landmacht zeigte, in den Hafen liefe. In sieben 322 Tagen kam man vom Ebro zu Lande und zu Wasser zugleich vor Carthago an. Auf der Nordseite der Stadt errichtete man ein Lager, und deckte es, weil die Stirn durch die Natur gesichert war, im Rücken durch einen Wall.

Die Lage von Neu-Carthago[heute Cartagena] ist übrigens diese. Der Meerbusen, der, etwa in der Mitte der Spanischen Küste, hauptsächlich dem Südwestwinde gegenüber liegt, zieht sich zweitausendOppositus et quingentos passus introrsus retractus, paullo plus passuum.] – Wenn der Hafen nur 500 Schritte lang und kaum etwas breiter sein soll, so widerspricht Livius der obigen Behauptung, daß er für jede noch so große Flotte geräumig gewesen sei. Auch dem Po1ybius, aus welchem schon Sigonius und Crevier Vorschläge zur Berichtigung des Textes gethan haben. Ich vermuthe, nach ihren Angaben, daß hier in den Msc. stand: oppositus, ∞ ∞ & quingentos passus introrsus retractus, paullo plus ∞ passuum in latitudinem patens. Das letzte s in oppositus, oder auch die Abbreviatur 9 und das folgende & ließen, wie Drakenb. so oft bemerkt, die beiden ∞ ∞ (bis mille) wegfallen, so wie nachher das s von plus Schuld war, daß die Zahl ∞ vor den Worten passuum in latitudinem wegfiel. Um den Livius nicht mit sich selbst im Widerspruche zu lassen, habe ich nach diesen Vorschlägen übersetzt. fünfhundert Schritte weit in das Land hinein und erstreckt sich etwas über tausend Schritte in die Breite. Eine kleine Insel, die dem Busen in der Mitte seiner Mündung von der Seeseite vorgebreitet ist, sichert den Hafen vor jedem Winde, den Südwest ausgenommen. Vom Innersten des Busens läuft eine Landzunge aus, gerade die Anhöhe, auf welche die Stadt gebauet ist, die gegen Osten und Süden vom Meere eingefaßt wird; gegen Westen aber schließt sie ein stehender See, der sich auch etwas nordwärts erstreckt, von abwechselnder Tiefe, je nachdem das Meer Fluth oder Ebbe hat. Eine Erdenge, etwa zweihundert funfzig Schritte breit, verbindet die Stadt mit dem festen Lande. So wenig Mühe eine Verschanzung auf dieser Seite gemacht hätte, so zog der Römische Feldherr dennoch hier keinen Wall, entweder um sein Selbstvertrauen dem Feinde durch Nichtachtung zu zeigen, oder um bei den öfteren Angriffen auf die Stadtmauer den Rückweg offen zu behalten.

43. Als er die übrigen erforderlichen Anlagen vollendet hatte, gab er auch den Schiffen im Hafen, als wollte er auch eine Belagerung von der Seeseite erwarten 323 lassen, ihre Stellung; und nachdem er bei seiner Durchfahrt durch die Flotte den Schiffshauptleuten eingeschärft hatte, auf die Nachtwachen mit Sorgfalt zu achten, weil ein belagerter Feind anfangs allenthalben Alles versuche; so hielt er nach seiner Rückkunft ins Lager, um den Soldaten Auskunft über seinen Entschluß zu geben, warum er den Feldzug mit einer Belagerung eröffne, und sie zugleich durch ermunternde Darstellungen die Eroberung hoffen zu lassen, vor dem versammelten Heere folgende Rede:

«Wenn jemand glaubt, man habe euch, Soldaten, bloß zum Angriffe auf eine einzige Stadt hieher geführt, so berechnet er eure Mühe richtiger, als euren Gewinn. Denn ihr werdet wirklich nur die Mauern einer einzigen Stadt bestürmen, allein in dieser Einen Stadt das ganze Spanien erobert haben. Hier sind die Geisel aller berühmten Könige und Völker, welche in dem Augenblicke, da sie in eure Hände fallen, Alles, was jetzt den Carthagern gehorcht, an uns übergeben werden. Hier ist der ganze Geldschatz der Feinde, ohne welchen sie den Krieg nicht führen können, weil sie Miethsoldaten füttern; der aber uns, um die Barbaren zu unsern Freunden zu machen, höchst brauchbar sein wird. Hier sind ihre Wurfgeschütze, ihre Waffen, ihr Schiffsgeräth und alle ihre Kriegsvorräthe, die euch reichlich versorgen und zugleich den Feind entblößen werden. Außerdem werden wir Herren der schönsten und reichsten Stadt, mit ihrer äußerst vortheilhaften Lage an einem herrlichen Hafen, von wo aus alle Erfordernisse des Krieges zu Wasser und zu Lande uns zugeführt werden können. So viel uns selbst das Alles werth sein muß, so nehmen wir doch dem Feinde dadurch noch weit mehr. Denn dies ist ihre Burg, ihr Kornboden, ihre Schatzkammer, ihr Zeughaus, kurz die Niederlage von Allem. Von hier geht die gerade Fahrt nach Africa; hier ist zwischen den Pyrenäen und Gades der einzige Flottenstand; von hieraus ist Africa dem gesamten Spanien furchtbar. Doch ich sehe euch ja schon gerüstet und gestellt: so 324 lasset uns mit gesamter Kraft und gutes Muthes zum Sturme auf Neu-Carthago übergehen.»

Da ihm ihr einstimmiges Geschrei mit einem: Recht so! antwortete, so führte er sie gegen Carthago ein. Und nun gab er Befehl zum Sturme zu Lande und zu Wasser.

44. Als Mago, der Punische Befehlshaber, den Feind die Belagerung zu Lande und zu Wasser eröffnen sah, so traf auch er unter seinen Truppen die Anordnung zur Gegenwehr. Zweitausend Bürger stellte er den Feinden auf jener Seite entgegen, wo das Römische Lager stand: mit fünfhundert seiner Soldaten besetzte er die Burg, mit fünfhundert eine gegen Osten gelegene Anhöhe der Stadt: die übrige Menge erhielt Befehl, aufmerksam auf Alles, dahin zu eilen, wo ein Geschrei oder sonst ein unerwarteter Vorfall sie hinrufen würde. Jetzt öffnete er das Thor und ließ jene ausrücken, die er auf der zum feindlichen Lager führenden Straße aufgestellt hatte.

Die Römer zogen sich, so wollte es ihr Feldherr, ein wenig zurück, um während des Kampfes selbst jeder nachrückenden Unterstützung näher zu sein. Anfangs hielten beide Theile gleiche Linie; dann aber trieben die wiederholten Verstärkungen aus dem Lager die Feinde nicht nur in die Flucht, sondern drangen den Fortstürzenden so hitzig nach, daß sie, allem Anscheine nach, ohne das Zeichen zum Rückzuge mitten im Gewühle der Flüchtenden in die Stadt eingebrochen wären. Die Verwirrung war im Treffen nicht größer gewesen, als jetzt in der ganzen Stadt. Viele Posten wurden vor Bestürzung und Fluchteile aufgegeben, und die Mauern standen verlassen, weil jeder, wo er am nächsten konnte, heruntergesprungen war. Als Scipio, der sich auf den sogenannten Mercurshügel begeben hatte, die Mauern an vielen Stellen von Vertheidigern entblößt sah, ließ er sogleich Alle aus dem Lager zur Bestürmung der Stadt sich aufmachen und Leitern herbringen. Er ging selbst, indem ihm drei handfeste Jünglinge ihre Schilde vorhielten – denn alle Arten von Geschoß kamen schon in Menge von den Mauern geflogen – an die Stadt, ermunterte, traf die 325 zweckmäßigsten Anordnungen, und was den Muth der Soldaten zu entflammen das Wichtigste war, er stand als Zeuge und Zuschauer der Tapferkeit oder Feigheit eines Jeden da. So stürzten sie Wunden und Pfeilen entgegen; und keine Mauern, keine obenstehenden Bewaffneten konnten sie abhalten, wetteifernd hinanzusteigen. Zu gleicher Zeit begann auch von den Schiffen aus der Sturm auf jene Seite der Stadt, wo sie das Meer bespült. Indeß was sich hier anwenden ließ, war mehr Lärm, als Ernst. Indem sie anlegten, theilweise die Leitern und Soldaten aussetzten, und Jeder, wo es ihm am nächsten war, ans Land zu steigen sich tummelte, hinderte vor Eilfertigkeit und Wetteifer Einer den Andern.

45. Unterdessen hatten auch die Punier ihre Mauern völlig wieder mit Vertheidigern besetzt, und Geschosse hatten sie, bei einem so großen aufgehäuften Vorrathe, in vollem Überflusse zur Hand. Allein weder Männer, noch Waffen, noch sonst etwas gewährte der Mauer stärkeren Schutz, als diese sich selbst. Nur einzelne Leitern kamen ihrer Höhe gleich, und je höher jede war, desto schwächer war sie auch. Da also immer der, der oben stand, auf die Mauer nicht kommen konnte, und doch Andre nachstiegen, so brachen die Leitern schon von der Last; und selbst wenn sie standen, stürzte mancher zur Erde herab, weil ihnen in der Höhe der Schwindel vor die Augen trat. Allenthalben sanken Menschen und Leitern, und selbst durch den Erfolg wuchs auf Seiten der Feinde Muth und Thätigkeit, als das Zeichen zum Abzuge ertönte; wovon sich die Belagerten nicht nur für jetzt Ruhe nach so schwerem Kampfe und so großer Anstrengung versprachen, sondern auch für die Zukunft die Gewißheit, daß man ihre Stadt mit Leitern und im Ringsturme nicht erobern werde; die Anlage von Werken aber habe theils ihre Schwierigkeiten, theils werde sie ihren Feldherren Zeit geben, ihnen zu Hülfe zu kommen.

Kaum aber schwieg das vorige Getöse, als Scipio andern noch kraftvollen, ungebrauchten Truppen befahl, den Müden und Verwundeten die Leitern abzunehmen, 326 und dem Sturme mehr Ernst zu geben. Er selbst aber nahm, als ihm der Eintritt der Ebbe gemeldet wurde, – denn er hatte durch Fischer von Tarraco, welche den stehenden See theils auf leichten Kähnen, theils, wo diese sitzen blieben, auf den seichten Stellen watend durchkreuzt hatten, in Erfahrung gebracht, daß man hier zu Fuß leicht an die Mauer kommen könne; – fünfhundert Mann mit sichEo secum armatos.) – Crevier bemerkt, da Livius in der Stelle des folgenden Cap. wo er von diesen Truppen redet, sie bloß durch die Benennung die Fünfhundert kenntlich macht, daß er die Zahl schon vorher, nämlich an unsrer Stelle angegeben haben müsse. Und wie höchst wahrscheinlich ist es nicht, daß bei der Schreibart EODSECVM das D wegen der Ähnlichkeit mit dem voraufgehenden O wegfiel.) an diese Stelle. Es war beinahe Mittag, und außerdem, daß das Wasser schon von selbst mit der sinkenden Fluth den Zug zum Meere nahm, gab auch ein sich erhebender strenger Nordwind dem abfließenden See mit der Ebbe einerlei Richtung, und hatte die Untiefen so seicht gemacht, daß den Römern das Wasser an einigen Stellen bis an den Nabel reichte, an andern kaum die Knie überstieg. Scipio, der das, was Aufmerksamkeit und Nachdenken ihn wahrnehmen ließ, einem Wunderwerke und den Göttern zuschrieb, die das Meer zu einem Durchgange für die Römer abziehen ließen, dem See es entführten und ihnen bis jetzt von keinem menschlichen Fuße betretene Wege öffneten, forderte sie auf, unter Neptuns Anführung ihren Weg zu verfolgen und mitten durch den See gegen die Mauern fortzuschreiten.

46. Auf der Landseite hatten die Stürmenden schwere Arbeit; und die Mauer wurde ihnen nicht bloß durch ihre Höhe nachtheilig, sondern auch dadurch, daß die Feinde die herankommenden Römer auf beiden Flügeln zum Schusse unter sich hatten, so daß diese sich im Hinansteigen mehr auf den Seiten bedrohet sahen, als von vorne. An jener Stelle hingegen wurde den Fünfhunderten nicht nur der Durchgang durch den See, sondern auch das Ersteigen der Mauer leicht gemacht: denn theils war hier die Befestigung nicht ausgeführt, weil man sie durch die Lage und den See hinlänglich geschützt hielt, theils 327 fanden sie hier keinen Posten, keine Wache gegen sich, weil sich Alle mit ihrer Hülfe dorthin gewandt hatten, wo die Gefahr sich zeigte. Als sie die Stadt ohne Widerstand erstiegen hatten, eilten sie im schnellsten Laufe jenem Thore zu, wo der ganze Kampf sich gesammelt hatte. Und auf diesen waren nicht nur die Gedanken, sondern die Augen und Ohren aller Kämpfenden, aller ihnen Zusehenden und Ermunterung Zurufenden so ganz gerichtet, daß keiner von der Eroberung der Stadt in ihrem Rücken früher etwas merkte, bis von hinten Pfeile unter sie flogen und sie auf zwei Seiten Feinde vor sich hatten. Jetzt brachte die Furcht die Vertheidiger außer Fassung. Zugleich von innen und außen brach man an dem Thore, und gleich nachher, da man die Thorflügel, um jede Sperrung beim Einrücken unmöglich zu machen, zerhauen hatte, stürzten die Truppen in die Stadt. Viele stiegen auch über die Mauern herein, und diese vertheilten sich nach allen Seiten zum Gemetzel unter den Einwohnern. Hingegen die volle Linie, die zum Thore eingerückt war, zog unter ihren Befehlshabern in Reihe und Glied mitten durch die Stadt auf den Hauptplatz. Als Scipio hier bemerkte, daß die Fliehenden zwei Wege einschlugen, die Einen nach dem Hügel gegen Osten, der mit fünfhundert Mann besetzt war; die Andern nach der Burg, wohin sich auch Mago fast mit der ganzen von der Mauer vertriebenen Mannschaft geflüchtet hatte; so schickte er einen Theil seiner Truppen zur Eroberung des Hügels ab, und mit einem andern zog er selbst vor die Burg. Der Hügel wurde im ersten Sturme genommen; und da Mago, welcher anfangs die Burg vertheidigen wollte, Alles umher voll Feinde und nirgends einige Hoffnung sah, so ergab er sich ebenfalls mit der Burg und der Besatzung. Bis zur Übergabe der Burg wurde in der ganzen Stadt das Gemetzel allenthalben fortgesetzt, und keines Erwachsenen, wo man ihn fand, geschont. Dann aber wurde auf ein gegebenes Zeichen dem Blutvergießen ein Ende gemacht; die Sieger gingen ans Plündern, und ihre Beute war in jeder Art sehr beträchtlich.

328 47. An Freigebornen männlichen Geschlechts belief sich die Zahl der Gefangenen auf zehntausend. Von diesen ließ Scipio diejenigen, welche Bürger von Neu-Carthago waren, frei und gab ihnen die Stadt und alles Ihrige, was ihnen der Krieg gelassen hatte, zurück. Der Handwerker fanden sich an zweitausend: diese erklärte er für Kammerknechte des Römischen Stats mit der Hoffnung einer baldigen Freilassung, wenn sie bei den Handreichungen zum Kriege in ihrem Dienste Eifer bewiesen. Den übrigen Haufen junger Einwohner und tüchtiger Sklaven gab er zur Ergänzung seiner Ruderer auf die Flotte, die er mit acht eroberten Schiffen vermehrt hatte. Von dieser Menge waren die Geisel der Spanier ausgeschlossen, für welche man eben so große Sorge trug, als wären sie Kinder der Bundsgenossen. Auch erbeutete man einen ansehnlichen Vorrath an Kriegsgeräth; hundert und zwanzig der größten Catapulten, zweihundert einundachtzig kleinere; an großen Ballisten dreiundzwanzig, an kleinern zweiundfunfzig; große und kleine Skorpione, Schutz- und Angriffswaffen in beträchtlicher Anzahl, und vierundsiebzig Fahnen. Ferner wurde eine ansehnliche Menge Gold und Silber dem Feldherrn eingeliefert: der goldenen Schalen waren zweihundert sechsundsiebzig, fast alle ein Pfund schwer; an verarbeitetem und gemünztem. Silber achtzehntausend dreihundertUngefähr 571,872 Gulden Conv. M. Pfund, und silberne Gefäße in großer Zahl. Dies Alles wurde dem Schatzmeister Cajus Flaminius zugewogen und zugezählt. An Weizen fanden sich vierzigtausend Maß, an Gerste zweihundert und siebzigtausend. Im Hafen wurden dreiundsechzig Lastschiffe erstiegen und genommen, einige mit ihren Ladungen an Getreide, Waffen, auch Kupfer und Eisen, Segeltuch und Pfriemengras, und anderem zur Ausrüstung einer Flotte erforderlichen Bedarfe; so daß bei einem so großen Gewinne an Kriegsvorräthen Carthago selbst bei weitem der kleinste war.

48. Noch zu dem Tage führte Scipio, der die Stadt 329 dem Cajus Lälius und den Seesoldaten zu bewachen gab, die Legionen selbst in ihr Lager zurück, und hieß die durch alle Arten in Einem Tage bestandener Kriegsarbeiten ermüdeten Soldaten – sie hatten in Linie gefochten, hatten im Sturme auf die Stadt sich so vielen Beschwerden und Gefahren ausgesetzt, hatten nach der Eroberung mit den auf die Burg Geflüchteten, selbst in Rücksicht des Standorts im Nachtheile, den Kampf fortgesetzt – sich zu Gute thun. Am folgenden Tage brachte er vor den zusammen berufenen Land- und Seetruppen zuerst Preis und Dank den unsterblichen Göttern dar, insofern sie ihn nicht bloß in Einem Tage in den Besitz der reichsten aller Spanischen Städte gesetzt, sondern auch zuvor die Schätze beinahe von ganz Africa und Spanien in ihr zusammengehäuft hätten, um den Feinden nicht das Mindeste übrig zu lassen, und ihm und seinen Römern Alles im Überflusse zu geben. Dann ertheilte er der Tapferkeit der Soldaten ihr Lob, daß kein Ausfall der Feinde, keine Höhe der Mauern, keine Unbekanntschaft mit den Tiefen des Sees, nicht die Festung auf hohem Hügel, nicht die so stark verschanzte Burg sie habe abschrecken können, allenthalben hinüberzusteigen und durchzubrechen. Ob er nun gleich Allen Alles zu verdanken habe, so gebühre doch die Auszeichnung des Mauerkranzes dem, der die Mauer zuerst erstiegen habe. Wer sich dieser Belohnung würdig achte, solle sich melden. Es meldeten sich zwei; Quintus Trebellius, Hauptmann in der vierten Legion, und Sextus Digitius, ein Seesoldat: und der Streit unter ihnen selbst war minder heftig, als der Parteigeist, der bei den Truppen, unter welchen jeder stand, in Anregung kam. Für die Seesoldaten sprach Cajus Lälius, Befehlshaber der Flotte; für die von der Legion Marcus Sempronius Tuditanus. Als Scipio, weil der Streit beinahe zum Aufruhre gedieh, erklärt hatte, er wolle ihnen drei Worthalter geben, welche nach untersuchter Sache und Abhörung der Zeugen entscheiden sollten, wer die Stadt zuerst erstiegen habe, so setzte er den Beiständen der Parteien; dem Cajus Lälius und Marcus 330 Sempronius, einen parteilosen Dritten, den Publius Cornelius Caudinus an die Seite, und befahl diesen drei Worthaltern die Sitzung anzufangen und die Sache zu untersuchen. Da sie aber nun noch mit so viel heftigerem Streite betrieben wurde, weil man jene Männer von so hohem Range, bisher nicht sowohl Beistände, als vielmehr Beschränker des Parteigeistes, hatte abtreten lassen, so kam Cajus Lälius aus der Sitzung zum Scipio auf die Richterbühne und meldete ihm: «Die Parteien kennten kein Maß, keine Zurückhaltung mehr; es sei nahe dabei, daß sie handgemein würden. Wenn es aber auch nicht zur Gewaltthätigkeit komme, so gebe doch das Benehmen in der Sache ein höchst verwerfliches Beispiel, insofern man sich den Preis der Tapferkeit durch Betrug und Meineid zuzueignen suche. Auf der einen Seite ständen die Soldaten der Legion, auf der andern die von der Flotte, bereit, bei allen Göttern zu beschwören, mehr; was sie für Wahrheit halten wollten, als was sie dafür erkenneten, brächten den Fluch des Meineids nicht bloß auf sich und ihr eignes Haupt, sondern auch auf ihre Fahnen, auf die Adler, und entweiheten den heiligen Soldatenschwur. Er habe ihm dies von Seiten des Publius Cornelius und Marcus Sempronius melden sollen.»

Scipio, der dem Lälius dankte, berief eine Versammlung und erklärte: «Er finde es völlig erwiesen, daß Quintus Trebellius und Sextus Digitius die Mauer zugleich erstiegen hätten; also schenke er Jedem von ihnen für seine Tapferkeit den Mauerkranz.» Nun belohnte er auch die Übrigen, dem Verdienste und der Tapferkeit eines Jeden gemäß; vor allen Andern setzte er den Befehlshaber der Flotte Cajus Lälius durch Ehrenbezeugungen aller Art sich selbst gleich und beschenkte ihn mit einem goldenen Kranze und dreißig Opferstieren.

49. Darauf ließ er die Geisel der Spanischen Staten vor sich rufen. Ihre Zahl mag ich nicht bestimmen, weil ich sie bei Einigen fast auf dreihundert, bei Andern siebenhundert fünfundzwanzig angegeben finde. Eben so wenig einstimmend sind die Geschichtschreiber über andre 331 Punkte. Die Punische Besatzung giebt der eine auf zehn-, der andre auf sieben-, noch ein Andrer nur auf zweitausend an. Bei einigen findet man zehntausend Gefangene, bei andern über fünfundzwanzigtausend. Die Zahl der erbeuteten großen und kleinen Skorpione würde ich auf sechzig bestimmen, wenn ich mich an einen Griechen, den Geschichtschreiber Silenus, halten wollte; hingegen nach dem Valerius von Antium auf sechstausend große und dreizehntausend kleine: so hält man auf keiner Seite im Lügen Maß. Nicht einmal über die Feldherren ist man eins. Die meisten sagen, Lälius habe die Flotte geführt; einige aber, Marcus Junius Silanus. Valerius von Antium nennt den Befehlshaber der Punischen Besatzung, der sich an die Römer ergeben habe, Arines; nach andern Schriftstellern war es Mago. Weder über die Zahl der eroberten Schiffe, noch über den Betrag des Goldes und Silbers, und des gelöseten Geldes sind sie einig. Soll man sich durchaus für diesen oder jenen erklären, so bleiben immer die Angaben der Mittelzahl die wahrscheinlichsten.

Scipio also, der die Geisel hatte rufen lassen, hieß sie gleich zuerst sämtlich gutes Muthes sein. «Sie seien dem Römischen Volke anheim gefallen, welches die Menschen lieber durch Wohlthun als durch Furcht mit sich verkette, und die auswärtigen Völker lieber durch Treue und Bündniß mit sich vereinigt, als in trauriger Knechtschaft sich unterwürfig sehe.» Als er sich die Namen von ihren Staten hatte angeben lassen, sah er in der Reihe der Gefangenen nach, wie viele jedem Volke gehörten, und ließ dann in ihre Heimat sagen, daß Jeder kommen könne, die Seinigen wieder in Empfang zu nehmen. Waren gerade von einigen Städten Gesandte gegenwärtig, so gab er diesen die Ihrigen auf der Stelle zurück: die übrigen übergab er dem Schatzmeister Cajus Flaminius zu gütiger Behandlung.

Da warf sich mitten aus dem Haufen der Geisel eine hochbejahrte Frau, die Gemahlinn des Mandonius – er war ein Bruder des Königs der Hergeten, Indibilis332 dem Feldherrn weinend zu Füßen, und fing an ihn zu beschwören, er möge doch die Wartung und Behandlung der Frauenzimmer den Aufsehern dringend empfehlen. Als Scipio versicherte, es solle ihnen an nichts fehlen: «Darauf kommt es uns so sehr nicht an: denn was wäre in einer Lage, wie diese, nicht genügend? Eine andre Sorge ängstet mich, wenn ich auf die Jugend dieser Mädchen hinblicke; denn ich selbst bin über die Gefahr, als Weib zu leiden, hinaus.» In Jugend und Schönheit blühend standen die Töchter des Indibilis und Andere von gleichem Range um sie her, welche Alle sie als eine Mutter verehrten. Da sprach Scipio: «Schon meiner und der Römischen Kriegszucht zu Liebe würde ich dahin sehen ., daß bei uns nichts entweihet werde, was irgendwo heilig ist. Mir hieraus jetzt noch eine angelegentlichere Sorge zu machen, fordert mich eure Tugend und Würdigkeit auf, die ihr auch nicht einmal im Unglücke des weiblichen Anstandes vergesset.» Darauf übergab er sie einem Manne von bewährter Sittenreinheit, und hieß sie mit eben der Achtung und Bescheidenheit behandeln, als wären sie Gattinnen oder Mütter von Gastfreunden.

50. Dann wurde ihm von den Soldaten eine erwachsene Jungfrau als Gefangene vorgeführt, von so außerordentlicher Schönheit, daß sie, wo sie ging, aller Augen auf sich zog. Scipio, der sie um ihr Vaterland und um ihre Ältern befragte, erfuhr unter andern, daß sie mit einem der vornehmsten jungen Celtiberier verlobt sei: er hieß Allucius. Sogleich ließ er die Ältern und den Bräutigam von Hause kommen, und da er unterdessen hörte, daß dieser sterblich in seine Braut verliebt sei, so wandte er sich, als der Bräutigam vor ihn kam, in seiner Anrede noch angelegentlicher an ihn, als an die Ältern. «Um uns bei dieser Unterredung so viel weniger durch Zurückhaltung zu binden, rede ich als Jüngling in dir den Jüngling an. Weil ich, – als deine gefangene Braut von unsern Soldaten vor mich gebracht war, ich dann hörte, daß du sie innig liebtest, und ihre 333 Schönheit es mich glauben hieß, – selbst den Wunsch hegte, man möchte eben so – falls ich mir jetzt ein solches jugendliches Vergnügen und vollends eine erlaubte und rechtmäßige Liebe gestatten dürfte, und nicht der Stat meine ganze Seele beschäftigte – auch mir eine aufmerksame Liebe für meine Braut zu Gute halten; so will ich auch, was mir vergönnt ist, deine Liebe begünstigen. Deiner Braut wiederfuhr bei uns dieselbe Achtung, wie bei deinen Schwiegerältern, ihren eignen Ältern: sie wurde dir so aufgehoben, daß sie dir als ein unentweihtes, meiner und deiner würdiges, Geschenk übergeben werden konnte. Die einzige Belohnung bedinge ich mir zur Gegengabe: Sei des Römischen States Freund! Und wenn du glaubst, ich sei ein braver Mann, wie ihn diese Völker schon früher in meinem Vater und Oheime gekannt haben, so sage ich dir: Es giebt der Männer, wie wir, unter Roms Bürgern noch viele, und man kann dir jetzt kein Volk auf Erden nennen, das du dir und den Deinigen weniger zum Feinde, und lieber zum Freunde wünschen möchtest.»

Durchdrungen zugleich von Beschämung und Freude, und Scipio's Rechte festhaltend, rief der junge Mann alle Götter an, ihm statt seiner zu vergelten, weil er dazu, nach seiner Empfindung und Scipio's Verdienste um ihn, durchaus nicht vermögend genug sei. Nun wandte sich Scipio an die Ältern und Verwandten der Jungfrau. Sie, denen die Tochter unentgeltlich wiedergegeben ward, zu deren Loskaufung sie reichlich Gold mitgebracht hatten, drangen mit der Bitte in den Scipio, dies von ihnen als Geschenk anzunehmen, indem sie versicherten, sie würden ihm dafür eben so innig Dank wissen, als für die Rückgabe der ungekränkten Jungfrau. Scipio, der ihnen auf eine so dringende Bitte die Annahme zusagte, ließ das Gold zu seinen Füßen hinstellen, rief den Allucius näher und sprach: «Zu der Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, kommt noch dies Brautgeschenk von mir:» hieß ihn dann das Gold hinnehmen und als sein Eigenthum ansehen. Unter Freuden über 334 diese Geschenke und Ehrenbezeugungen in seine Heimat entlassen, verbreitete Allucius unter seinen Landesleuten Scipios verdientes Lob: «Da sei ein junger Mann gekommen, ein wahres Ebenbild der Götter, der Alles durch Waffen nicht kräftiger, als durch Güte und Wohlthaten besiege.» Und so stellte er sich, nach vollendeter Werbung unter seinen Schützlingen, mit tausend vierhundert Mann auserlesener Reuter in wenig Tagen beim Scipio wieder ein.

51. Scipio, der den Lälius so lange bei sich behielt, bis er mit dessen Zuziehung über die Gefangenen, über die Geisel und die Beute seine Verfügungen getroffen hatte, schickte ihn, wie Alles in gehöriger Ordnung war, auf einen dazu bestimmten Fünfruderer, auf welchem er auch die Gefangenen, den Mago und etwa fünfzehn zugleich mit ihm zu Gefangenen gemachte Senatoren einschiffte, als Boten seines Sieges nach Rom: er selbst aber verwandte die wenigen Tage, die er noch zu seinem Aufenthalte in Carthago bestimmt hatte, zur Übung seiner See- und Landtruppen. Am ersten Tage machten die Legionen in ihren Waffen auf eine Länge von viertausend Schritten Schwenkungen im Eilschritte: am zweiten ließ er sie vor den Zelten ihre Waffen in Stand setzen und putzen: am dritten Tage lieferten sie einander ordentliche Treffen, aber mit Fechthölzern, und schossen mit vorne beknauften Wurfspießen: am vierten war Rasttag; am fünften wieder Heerschwenkung unter den Waffen. Diese Ordnung der Arbeit und der Ruhe beobachteten sie, so lange sie sich in Carthago aufhielten. Die Ruderer und Seesoldaten, die bei stillem Meere auf die Höhe fahren mußten, versuchten in vorgestellten Seetreffen die Schnelligkeit ihrer Schiffe. Diese Übungen vor der Stadt zu Lande und zu Wasser stählten Körper und Geist zum Kriege. Die Stadt selbst ertönte von Anfertigung der Kriegsgeräthe, zu welcher die Handwerker aller Art in der öffentlichen Werkstatt eingeschlossen wurden. Der Feldherr selbst zeigte sich allenthalben gleich aufmerksam. Bald war er auf der Flotte und bei dem SeegefechteIn classe ac navali.] – Ich setze nach Hrn. Walch das durch Verwechselung mit dem folgenden eratnunc ausgefallene Wort certamine wieder hinzu., bald machte er die Übungen der Legionen mit, bald wandte er seine Zeit auf Besichtigung der Arbeiten, welche in den Werkstätten, im Zeughause, auf den Werften eine Menge von Handwerkern täglich mit großem Eifer betrieb. Nachdem er dies Alles so eingeordnet, die Mauern, wo sie gelitten hatten, wieder ausgebessert und die Truppen zum Schutze der Stadt angewiesen hatte, brach er nach Tarraco auf, und wurde schon unterweges von vielen Gesandschaften angegangen. Zum Theile fertigte er sie noch auf seinem Zuge mit der Antwort ab, zum Theile verschob er diese bis auf Tarraco, wohin er die sämtlichen alten und neuen Bundesgenossen zu einer Versammlung beschieden hatte. Und ungefähr alle diesseit des Ebro wohnenden Völker fanden sich hier ein, einige sogar vom jenseitigen Kriegsschauplatze.

Die Carthagischen Feldherren suchten anfangs das Gerücht von der Eroberung Carthago's zu unterdrücken: nachher, wie die Sache zu bekannt wurde, um sie verheimlichen oder ableugnen zu können, stellten sie sie als unbedeutend vor. «Durch Überraschung, und man möchte sagen, durch das Diebesglück eines einzigen Tages, habe man eine einzige Stadt Spaniens weggehaschet. Stolz auf den Preis einer solchen Kleinigkeit habe der übermüthige Jüngling seiner übertriebenen Freude den Anstrich eines großen Sieges gegeben. Wann er aber hören werde, daß drei Feldherren, drei siegreiche feindliche Heere gegen ihn anrückten, dann würden ihm bald die Trauerfälle seines Hauses wieder ins Andenken kommen.» So ließen sie sich gegen die Menge verlauten, so wenig sie es sich selbst bergen konnten, wie viel sie durch den Verlust von Carthago in jeder Hinsicht an Stärke verloren hatten.

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