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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 83
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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14. An Beifall fehlte es dieser Rede des Virrius nicht so sehr, als an Männern, welche es über sich erhalten konnten, den Vorschlag, dem sie beistimmten, mit Entschlossenheit auszuführen. Der größere Theil des Senats, der die Hoffnung nicht aufgab, daß die oft in vielen Kriegen bewährte Gelindigkeit des Römischen Volks auch gegen sie versöhnlich sein werde, beschloß, den Römern Capua durch Gesandte zu übergeben und ließ sie abgehen. Dem Vibius Virrius folgten an siebenundzwanzig Senatoren nach seinem Hause und schmausten mit ihm; und als sie sich durch den Wein, so viel sie konnten, des Gefühls für den herannahenden schweren Schritt entschlagen hatten, nahmen sie Alle den Gifttrank. Nach aufgehobener Tafel reichten sie einander die Hand, beweinten in ihrer letzten Umarmung ihren und ihres Vaterlandes Untergang, und blieben theils, um auf einerlei Scheiterhaufen verbrannt zu werden, da, theils schieden sie in ihre Häuser. Auf die mit Speise und Wein überfüllten Blutgefäße war die Kraft des Giftes zur Beschleunigung des Todes nicht wirksam genug. Also rangen die meisten die ganze Nacht und einen Theil des folgenden Tages mit dem Tode; doch gaben sie noch Alle, ehe den Feinden die Thore geöffnet wurden, den Geist auf.

Am folgenden Tage wurde dem Römischen Lager 274 gegenüber das Jupitersthor auf Befehl des Proconsuls geöffnet. In dieses rückten eine Legion und die Geschwader von zwei Legionen mit dem Unterfeldherrn Cajus Fulvius ein. Dieser, der vor allen Dingen dafür sorgte, daß alle zu Capua befindlichen Schutz- und Angriffswaffen bei ihm abgeliefert werden mußten, und an alle Thore Posten stellte, damit niemand hinausgehen oder hinausgeschickt werden könnte, machte die Punische Besatzung zu Gefangenen; den Campanischen Senat hieß er ins Lager zu den Römischen Feldherren gehen. Als sie hier ankamen, wurden sogleich ihnen Allen Ketten angelegt, mit dem Befehle, was sie an Gold und Silber hätten, an die Schatzmeister abzuliefern. Das Gold betrug siebzigDas Gold etwa 22,000, das Silber 100,000 Gulden Conv., das Silber dreitausend zweihundert Pfund. Fünfundzwanzig Senatoren wurden nach Cales, achtundzwanzig nach Teanum in Gewahrsam gegeben: lauter solche, von denen man wußte, daß sie hauptsächlich für den Abfall von Rom gestimmet hatten.

15. Über die Bestrafung des Campanischen Senats waren Fulvius und Claudius durchaus verschiedener Meinung. Claudius hätte gern Verzeihung zugestanden: Fulvius erklärte sich für die Strenge. Darum wollte Appius die ganze Sache zur Entscheidung an den Senat nach Rom gelangen lassen; auch darum, weil die Väter billig freie Hand behalten müßten, zu untersuchen, ob nicht etwa die Campaner mit einigen von den Latinischen Bundsgenossen und von den Freistädten ein Verständniß unterhalten und durch deren Vorschub Unterstützung im Kriege gehabt hätten. «Gerade dahin,» sagte Fulvius, «müsse man es durchaus nicht kommen lassen, daß man treugesinnte Bundsgenossen durch unerwiesene Beschuldigungen kränke, und sie von der Aussage solcher Menschen abhängig mache, denen es nie darauf angekommen sei, was sie thäten, oder was sie sprächen. Er also werde diese Untersuchung niederschlagen und unmöglich machen.» Als sie nach diesen Worten aus einander 275 gingen und Appius nicht zweifelte, sein Amtsgenoß werde bei allen seinen starken Äußerungen dennoch in einer so wichtigen Sache erst einen Brief aus Rom abwarten, so gab Fulvius, um sich nicht eben dadurch in seinem Plane gehindert zu sehen, gleich bei der Entlassung des Kriegsraths den Obersten der Bundsgenossen, so wie den Kriegstribunen, Befehl, bei der Reuterei zweitausend Auserlesenen anzudeuten, daß sie sich auf das Zeichen der dritten Nachtwache bereit zu halten hätten. Da er in der Nacht mit diesem Geschwader nach Teanum aufbrach, rückte er mit Tagesanbruch ins Thor und dann gerade auf den Markt, und da schon bei dem Eintritte seiner Truppen Alles herbeiströmte, ließ er den Sicidinischen Senat fordern, und befahl ihm, die ihm in Verhaft gegebenen Campaner vorführen zu lassen. Sie wurden sämtlich vorgeführt, mit Ruthen gepeitscht und mit dem Beile enthauptet. Von da ging es in vollem Laufe nach Cales. Als er hier auf der Richterbühne saß und die vorgeführten Campaner schon an die Pfähle gebunden wurden, kam ein Ritter von Rom angesprengt und überreichte dem Fulvius einen Brief vom Prätor Cajus Calpurnius mit einem Senatsbefehle. Da durchlief von der Richterbühne aus die ganze Versammlung das Geflister: die Sache der Campaner bleibe bis zur Entscheidung der Väter unausgemacht. Fulvius, der dies vermuthete, legte den ihm eingehändigten Brief unerbrochen in den Schoß und befahl dem Ausrufer, den Scharfrichter nach dem Gesetze verfahren zu lassen. So wurde auch an denen zu Cales die Hinrichtung vollzogen. Nun las er den Brief und den Senatsbefehl, der zur Verhinderung einer geschehenen Sache zu spät kam, die er geflissentlich beschleunigt hatte, um die Verhinderung unmöglich zu machen. Schon erhob sich Fulvius vom Stuhle, da rief ihn Jubellius Taurea, der Campaner, welcher mitten durch die Stadt und durch den Haufen herangeschritten kam, laut bei Namen, und als Fulvius voll Verwunderung, was er von ihm wolle, sich wieder gesetzt hatte, sprach jener: «Laß auch mich hinrichten, damit du dich rühmen könnest, 276 einen weit tapferern Mann, als du selbst bist, getödtet zu haben.» Da Flaccus behauptete, der Mensch sei gewiß nicht bei Sinnen; bald wieder erklärte, wenn er es auch thun wolle, so verbiete es ihm ja der Senatsbefehl; so fuhr Jubellius fort: «Weil mir denn nach Eroberung meiner Vaterstadt, nach dem Verluste meiner Verwandten und Freunde, nach dem Tode meiner Gattinn und Kinder, die ich, um sie keine Unwürdigkeiten leiden zu lassen, mit eigner Hand getödtet habe, auch nicht einmal derselbe Tod werden kann, der diesen meinen Mitbürgern ward, so gewähre mir eigne Kraft von diesem verhaßten Leben Befreiung!» und da er sich hier das unter dem Kleide verborgen gehaltene Schwert gerade durch die Brust stieß, sank er sterbend vor den Füßen des Feldherrn nieder.

16. Weil sowohl das, was die Hinrichtung der Campaner betrifft, als auch mehreres Andre ganz allein auf Flaccus Gutbefinden vor sich gegangen war, so melden Einige, Appius Claudius sei um die Zeit der Übergabe von Capua gestorben. Auch eben der Taurea habe sich weder von selbst zu Cales eingefunden, noch sich mit eigner Hand getödtet; sondern als er mit den Andern an den Pfahl gebunden wurde, habe Flaccus, weil man vor Geräusch das, was jener rief, nicht gehörig verstanden habe, Stille geboten. Da habe Taurea die Worte gesprochen, deren ich vorhin erwähnte. «Er werde als tapfrer Mann von dem getödtet, der ihm bei weitem an Tapferkeit nicht gleichkomme.» Auf diese Äußerung habe der Ausrufer auf Befehl des Proconsuls den Aufruf ergehen lassen: «Scharfrichter! dem tapfern Manne giebst du einige Hiebe mehr, und verfährst mit ihm zuerst nach dem Gesetze!» Auch berichten Einige, Flaccus habe noch vor Handhabung des Beils den Senatsbefehl gelesen, weil aber auch der Ausdruck darin gestanden habe: «es werde ihm anheim gegeben, die Sache, ohne darin zu verfahren, an den Senat gelangen zu lassen,» so habe er die Auslegung so gemacht, es werde ihm anheim gegeben, was er dem Besten des Stats für angemessener halte.

277 Von Cales ging er nach Capua zurück, dann zur Übernahme von Atella und Calatia, – und auch hier bestrafte er die höchsten Statsmänner mit dem Tode. So waren an siebzig der ersten Senatoren hingerichtet: fast dreihundert der vornehmsten Campaner wurden in Kerker geworfen; die Andern, welche er in die Latinischen Bundesstädte zur Verwahrung gab, fanden ihren Tod auf mancherlei Weise: die übrige Menge Campanischer Bürger verkaufte er. Nun konnte sich also die Berathschlagung nur noch auf die Stadt und das Land erstrecken; und Einige stimmten für die Zerstörung der Stadt, weil sie so vorzüglich mächtig, nahegelegen und feindlich gesinnet sei. Allein der einleuchtende Vortheil gab den Ausschlag. Ihres Bodens wegen, welcher in jeder Art des Feldertrages unstreitig für den ersten in ganz Italien galt, ließ man die Stadt stehen, um doch den Ackerleuten einen Wohnort zu lassen. Zur Bevölkerung der Stadt mußte eine Menge von Einwohnern, Freigelassenen, Umträgern und Handwerkern darin bleiben: alles Land aber und die öffentlichen Gebäude wurden Römisches Statseigenthum. Übrigens hatte man bloß die Absicht, Capua als Stadt bewohnt und bevölkert bleiben zu lassen; allein es sollte keine Statsverfassung, keine Senats- oder Volksversammlung, keine Beamtete haben: dann werde der Haufe ohne Stadtrath, ohne Oberhaupt, und durch nichts mit einander in Verbindung, auch unfähig sein, sich zu irgend etwas zu vereinigen: zur Gerichtspflege wollte man jährlich von Rom aus einen Statthalter hinschicken. So wurde Alles, was Capua betraf, nach einem in jeder Hinsicht zu billigenden Plane beigelegt: gegen die vorzüglich Schuldigen verfuhr man mit Strenge und ohne Aufschub; die Menge der Bürger wurde ohne Hoffnung einer Rückkehr zerstreuet; man ließ nicht durch Brand und Zerstörung seine Wuth an den unschuldigen Häusern und Mauern aus; gab sich, außer dem Gewinne, bei den Bundsgenossen dadurch das Ansehen der Gelindigkeit, daß man eine so berühmte und wohlhabende Stadt unzerstört ließ, über deren Zertrümmerung ganz Campanien und 278 alle Campanien rundum begränzenden Völker geseufzt haben würden; und nöthigte dem Feinde das Geständniß ab, wie sehr es Rom in seiner Gewalt habe, treulose Bundesgenossen zu züchtigen, und wie ohnmächtig Hannibal sei, die, welche sich seinem Schutze anvertrauet hätten, zu schützen.

17. Die Römischen Väter, die sich jetzt, was Capua betraf, ihrer Sorge entledigt sahen, bestimmten dem Cajus Nero von den zwei Legionen, die er bei Capua gehabt hatte, sechstausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde, welche er selbst sich aussuchen würde, und von den Latinischen Bundesgenossen ein eben so starkes Kohr zu Fuß und achthundert zu Pferde. Mit diesem zu Puteoli eingeschifften Heere setzte Nero nach Spanien über. Als er mit der Flotte zu Tarraco angekommen war, hier die Truppen ausgeschifft, die Schiffe auf den Strand gebracht und zur Vergrößerung seines Heeres auch die Seeleute bewaffnet hatte, rückte er an den Ebro und übernahm vom Titus Fontejus und Lucius Marcius das Heer. Von da zog er gerade gegen den Feind. Hasdrubal, Hamilcars Sohn, hatte sein Lager im Ausetanischen, bei den schwarzen Steinen: so heißt diese Gegend, zwischen den Städten Illiturgi und Mentissa. Nero besetzte die Pässe dieses Forstes. Hasdrubal, um sich aus der Schlinge zu ziehen, schickte einen Herold mit dem Versprechen, wenn man ihn abziehen ließe, sein ganzes Heer aus Spanien abzuführen. Als sich der Römische Feldherr mit Freuden hierauf einließ, erbat sich Hasdrubal den folgenden Tag zu einer Unterredung, damit die Römer wegen Übergabe der Burgfesten in den Städten die Bedingungen abfassen und einen Tag festsetzen möchten, an welchem die Punier die Besatzungen abführen und ihr sämtliches Eigenthum unangefochten mitnehmen könnten. Als ihm dies bewilligt wurde, ließ er gleich beim ersten Dunkel und dann die ganze Nacht Alles, was unter seinem Heere das Schwerste war, auf jedem möglichen Wege sich aus dem Forste ziehen. Er entließ geflissentlich in dieser Nacht nicht Viele, damit 279 es der kleinen Zahl so viel leichter würde, dem Feinde in der Stille zu entgehen und sich auf den engen und beschwerlichen Pfaden hinauszumachen. Am folgenden Tage kam man zur Unterredung: da man ihn aber damit zubrachte, daß man geflissentlich Manches redete und schrieb, was nicht hieher gehörte, so wurde die Sache bis morgen ausgesetzt. Die gewonnene nächste Nacht gab ihm Zeit, noch Mehrere wegzuschicken, und auch den nächsten Tag kam man noch nicht zum Ende. So gingen mehrere Tage dem Scheine nach mit Auseinandersetzung der Bedingungen, die Nächte unter heimlichen Entlassungen aus dem Carthagischen Lager hin, und als der größere Theil des Heers gerettet war, wollte man auch das nicht halten, wozu man sich erboten hatte, und so wie mit der Noth die Lust zum Worthalten schwand, konnte man immer weniger eins werden. Schon war fast das ganze Fußvolk aus dem Forste entkommen, als mit frühem Morgen ein dicker Nebel den Wald und die Felder umher bedeckte. Hasdrubal, so wie er ihn gewahr wurde, schickte an den Nero um Aufschub der Unterredung auf den folgenden Tag; weil für den heutigen die Gesetze den Carthagern jedes ernste Geschäft untersagten. Auch jetzt argwöhnte Nero noch keinen Betrug. Hasdrubal, der sogleich nach erhaltener Bewilligung dieses Tages mit der Reuterei und den Elephanten sein Lager verließ, entkam ohne Geräusch ins Freie. Gegen zehn Uhr enthüllte der von der Sonne gescheuchte Nebel den Tag, und die Römer sahen das feindliche Lager leer. Als Claudius, dem nun endlich Punischer Betrug sich ankündigte, sich überlistet sah, machte er sich sogleich zur Verfolgung des Abziehenden auf, zur Schlacht in völliger Bereitschaft: allein der Feind wich jedem Kampfe aus, ob es gleich zwischen dem Hintertreffen des Punischen Heerzuges und dem Römischen Vortrabe zu leichten Gefechten kam.

18. Unterdessen kehrten von den Völkern in Spanien weder diejenigen zur Römischen Partei zurück, welche nach der letzten Niederlage abgefallen waren, noch traten irgend einige neue zu ihnen über. In Rom lag 280 jetzt nach der Wiedereroberung von Capua dem Senate und Volke Italien nicht inniger am Herzen, als Spanien; und man beschloß, nicht nur das Heer zu verstärken, sondern auch einen Feldherrn hinzuschicken: doch war es nicht so entschieden, wen man hinsenden solle, als daß man den mit vorzüglicher Umsicht auszusuchen habe, der da, wo zwei der größten Feldherren innerhalb dreißig Tagen gefallen waren, in beider Stelle einrücken müsse. Da der Eine den, der Andre jenen nannte, so traf man endlich die Auskunft, daß das Volk zur Wahl eines Proconsuls für Spanien zusammenkommen sollte: und die Consuln setzten den Wahltag an. Anfangs erwartete man, daß diejenigen, welche sich eines so hohen Oberbefehls würdig erachteten, sich nennen würden. Als diese Erwartung fehlschlug, da fühlte man den Schmerz über die erlittene Niederlage, und wie viel man in den beiden Feldherren verloren habe, von neuem. Traurig also und fast unfähig sich zu rathen, gingen die Bürger am Versammlungstage doch auf das Wahlfeld hinab, und ihre Beamteten ins Auge fassend blickten sie nach den Mienen der Vornehmsten herum, die sich selbst einander ansahen; und schon murreten sie laut, daß der Stat so tief gesunken und seine Erhaltung so ganz aufgegeben sei, daß auch nicht Einer den Muth habe, den Oberbefehl für Spanien anzunehmenSo interpungirt mit mir auch Hr. Ruperti. : als unerwartet Publius Cornelius, des in Spanien gefallenen Publius Sohn, jetzt in einem Alter von beinahe vierundzwanzig Jahren, mit der Erklärung, daß er darum anhalte, auf eine höhere Stelle trat, wo man ihn sehen konnte. Da jetzt Alle die Augen auf ihn wandten, so wurde augenblicklich ihr Freudengeschrei und Beifallruf der Vorbote von Glück und Segen in seiner Feldherrnstelle; und als sie darauf zur Stimmenwahl angewiesen wurden, erklärten nicht nur die sämtlichen Centurien, sondern jeder Einzelne einstimmig den Publius Scipio zum Feldherrn in Spanien. Kaum aber war es geschehen und die Aufwallung und heiße Vorliebe hatte 281 sich gelegt, als auf einmal an deren Stelle ein allgemeines Schweigen und die stille Überlegung trat, was sie gemacht hätten; ob hier nicht Zuneigung mehr gethan habe, als Vernunft. Vorzüglich stieß man sich an seine Jugend: Einigen wurde sogar bange vor dem Misgeschicke seines Hauses und dem Namen dessen, der aus zwei in Trauer versetzten Familien in Länder abgehen solle, wo er den Schauplatz für seine Thaten zwischen den Gräbern seines Vaters und Oheims finde.

19. Als er die allgemeine Ängstlichkeit und Besorgniß wahrnahm, der man sich nach einer so leidenschaftlich betriebenen Wahl überließ, lud er das Volk zu Anhörung seiner Rede, und sprach über sein Alter, über die ihm aufgetragene Feldherrnstelle und den zu führenden Krieg mit so viel Geistesgröße und Muth, daß er jenen erkalteten Eifer wieder weckte und erneuerte, und die Zuhörer mit einer festeren Hoffnung erfüllte, als sonst die Sicherheit menschlicher Zusagen und ein vernünftiges Vertrauen auf die Umstände uns gewöhnlich einflößt. Und in der That war Scipio der Mann, dem nicht bloß wirkliche Vorzüge Bewunderung erwarben, sondern der sich auch von Jugend auf eine Geschicklichkeit zu geben wußte, sie sehen zu lassen; insofern er auch seine Sache vor dem Volke fast immer durch angegebene Erscheinungen im Traume oder als durch ihm gewordene göttliche Eingebungen betrieb; entweder weil er selbst von einer Art frommer Einbildung nicht frei war, oder weil er bewirken wollte, daß man seinen Befehl und seinen Rath, als Aussprüche eines Orakels, ohne Anstand befolgte. Hierauf gleich von Anfang die Menschen hinzuleiten, besuchte er von der Zeit an, da er die männliche Toga angelegt hatte, jeden Tag, ehe er irgend ein öffentliches oder Privatgeschäft vornahm, das Capitol, ging in den Tempel, setzte sich und brachte hier mehrentheils einige Zeit allein und im Verborgenen zu. Diese Gewohnheit, die er sein ganzes Leben hindurch beibehielt, sei es absichtlich, oder ohne besondern Zweck, bewirkte bei Einigen den Glauben an die verbreitete Meinung, daß der Mann eine göttliche Abstammung habe; und 282 brachte die schon früher über Alexander den Großen verbreitete, eben so ungegründete und eben so herumgesprochene, Sage wieder in Umlauf, daß er von einer ungeheuren Schlange gezeugt sei, und daß man im Schlafzimmer seiner Mutter sehr oft die Erscheinung des Wunderthiers gesehen habe, das aber, wenn jemand darauf zugekommen, plötzlich entschlüpft und vor den Augen verschwunden sei. Nie machte er selbst den Glauben an diese Wunder lächerlich, vielmehr bestärkte er ihn durch eine gewisse Feinheit, dergleichen so wenig zu widerlegen, als geradezu zu behaupten. Mehrere Dinge dieser Art, theils wahr, theils angedichtet, setzten den jungen Mann in der Bewunderung des Volks über den Menschen hinaus, und hierauf vertraute die Bürgerschaft, als sie seinem durchaus noch nicht gereiften Alter eine solche Last von Geschäften und eine so wichtige Feldherrnstelle übertrug. Zu den Truppen, welche theils in Spanien vom alten Heere noch übrig, theils von Puteoli mit dem Cajus Nero hinübergegangen waren, gab man ihm noch zehntausend Mann und tausend zu Pferde: und der Proprätor Marcus Junius Silanus wurde ihm in seinen Unternehmungen zum Gehülfen gegeben. Als er so mit einer Flotte von dreißig Schiffen – und es waren lauter Fünfruderer – aus der Mündung der Tiber an der Küste des Tuskermeeres, an den Alpen hin den Gallischen Meerbusen entlang, und dann um das Pyrenäische Vorgebirge herumgesegelt war, setzte er die Truppen zu Emporiä, einer Stadt der Griechen – auch diese stammeten aus Phocäa – ans Land; und als er von hier nach ertheiltem Befehle, daß die Schiffe nachfolgen sollten, zu Lande nach Tarraco gegangen war, hielt er eine Versammlung der sämtlichen Bundesgenossen; denn auf das Gerücht von seiner Ankunft waren Gesandschaften aus der ganzen Provinz herbeigeströmtDie Schiffe ließ er hier auf den Strand bringen, nachdem er die vier Massilischen Dreiruderer, die ihm das Ehrengeleit gegeben, nach Hause entlassen hatte.. Nun ging er daran, den durch den Wechsel so vieler Unfälle schwankenden Gesandschaften Antworten zu ertheilen; und diese 283 gab er mit einem durch das volle Vertrauen auf seine Vorzüge so erhöheten Edelmuthe, daß ihm nicht nur kein einziges übermüthiges Wort entfiel sondern auch Alles, was er sagte, in gleich hohem Grade Verehrung und Vertrauen einflößte.

20. Nach seinem Aufbruche von Tarraco besuchte er die Staten der Bundsgenossen und die Winterquartiere des Heers; und gab den Soldaten das rühmliche Zeugniß, daß sie, von zwei so gewaltigen Schlägen nach einander getroffen, die Provinz dennoch behauptet, den Feind, ohne ihn die Früchte seiner Siege genießen zu lassen, vom ganzen Gebiete diesseits des Ebro abgehalten, und die Bundesgenossen treulich beschützt hätten. Den Marcius hatte er immer bei sich, und mit so großer Auszeichnung, daß man wohl sehen konnte, die Furcht, daß ein Andrer seinem Ruhme im Wege stehen könne, sei ihm etwas Fremdes. Darauf rückte Silanus in Nero's Platz, und die neuen Soldaten bezogen die Winterquartiere. Als Scipio Alles in Zeiten bereiset und abgethan hatte, was zu bereisen und abzuthun war, ging er wieder nach Tarraco. War Scipio's Ruf bei seinen Mitbürgern und Bundsgenossen groß, so war er es bei den Feinden nicht weniger, und hier mit einer Ahnung der Zukunft verbunden, die ihnen so viel größere Besorgniß einflößte, je weniger sie sich von dieser ohne Veranlassung bei ihnen aufgestiegenen Furcht den Grund angeben konnten. Die Winterquartiere hatten sie in entgegengesetzten Richtungen bezogen; Hasdrubal, Gisgons Sohn, bis an den Ocean und Gades; Mago mitten im Lande, größtentheils oberhalb des Gebirges von Castulo; Hasdrubal, Hamilcars Sohn, überwinterte, dem Ebro zunächst, in der Gegend von Sagunt.

Am Ende des Sommers, in welchem Capua erobert wurde, und Scipio nach Spanien kam, hatte zwar eine Punische Flotte, welche aus Sicilien nach Tarent gerufen war, um der Römischen Besatzung auf der Tarentiner Burg die Zufuhr abzuschneiden, jeden Zugang zur Burg vom Meere aus gesperret; allein durch ihr längeres Stillliegen veranlassete sie bei ihren Bundsgenossen 284 drückendern Mangel, als bei den Feinden. Denn unter dem Schutze Punischer Schiffe konnte den Einwohnern auf freiem Meere und vermittelst ihrer offenen Hafen nicht so viel Getreide zugeführt werden, als die Flotte selbst mit ihrem aus Menschen aller Art gemischten Gewimmel verzehrte; so daß sich die Besatzung der Burg, weil sie schwach war, auch ohne Zufuhr von ihren früheren Vorräthen erhalten konnte, für die Tarentiner hingegen und für die Flotte nicht einmal die Zufuhr hinreichend war. Endlich entließ man die Flotte weit froher, als man sie empfangen hatte: der Mangel aber ließ nur wenig nach, weil nun, da der Schutz zur See aufhörte, kein Getreide eingebracht werden konnte.

21. Marcus Marcellus, der im Ausgange dieses Sommers aus der Provinz Sicilien vor Rom ankam, wurde vom Prätor Cajus Calpurnius dem Senate im Tempel der Bellona vorgestellt. Als er sich hier nach Auseinandersetzung seiner Thaten, mehr in Rücksicht der Soldaten, als seiner selbst, die leise Klage erlaubt hatte, daß er nach völliger Besiegung der Provinz dennoch sein Heer nicht habe abführen dürfen, so trug er auf die Erlaubniß an, im Triumphe in die Stadt einzuziehen. Dies ward ihm nicht bewilligt. Nachdem es darüber zu vielen Worten gekommen war, ob es weniger unstatthaft sei, dem Manne, zu dessen Ehre man für die unter seiner Anführung gelungenen Unternehmungen, in seiner Abwesenheit ein Dankfest angeordnet und den unsterblichen Göttern Opfer dargebracht habe, in seiner Gegenwart den Triumph abzuschlagen; oder eben den Mann, dem der Befehl zur Abgabe des Heers an seinen Nachfolger ertheilt sei, welcher nur dann ausgefertigt werde, wenn der Krieg in der Provinz noch fortdaure, jetzt eben so, als habe er den Krieg gänzlich beendet, triumphiren zu lassen, da doch das Heer, welches jedem verdienten und unverdienten Triumphe als Zeuge beiwohnen müsse, nicht zugegen sei: so schlug man den Mittelweg ein, ihn im kleinen Triumphe in die Stadt einziehen zu lassen. Die Bürgertribunen trugen nach einem Senatsgutachten bei dem Gesamtvolke darauf an, daß Marcus Marcellus auf den Tag, an welchem er im kleinen Triumphe 285 in die Stadt einzöge, den Heerbefehl haben solle. Den Tag vor seinem Einzuge in die Stadt triumphirte er auf dem Albanischen Berge. In dem folgenden kleinern Triumphe kam er mit einer Menge voraufziehender Beute zur Stadt. Nebst einer Abbildung des eroberten Syracus lieferte er großes und kleines Wurfgeschütz und andres Kriegsgeräth aller Art, an einen langen Frieden und an königlichen Reichthum erinnernde Prachtstücke, eine Menge verarbeitetes Silber und Erz, andre Geräthschaften, kostbare Kleidungen, und viele berühmte Kunstwerke, womit Syracus, als eine der ersten Griechischen Städte geprangt hatte. Als Beweis eines Sieges über Punier zogen acht Elephanten auf. Ein nicht weniger auffallendes Schauspiel gewährten die in goldenen Kränzen voraufschreitenden Beiden, der Syracusaner Sosis und der Spanier Mericus, von denen der Erste die Römer bei ihrem nächtlichen Einbruche in Syracus geleitet, der Andre die Inselburg nebst der Besatzung verrathen hatte. Beiden gab man das Bürgerrecht und jedem fünfhundert Morgen Landes. Dem Sosis sollten diese an solchen Syracusanischen Ländereien angewiesen werden, die entweder den Königen oder Feinden des Römischen Volks gehört hätten, ferner zu Syracus nach seiner eignen Wahl eins von den Häusern, deren Eigenthümer nach Kriegsrecht hingerichtet wären; dem Mericus aber und den mit ihm übergegangenen Spaniern eine Stadt in Sicilien und ein Feldeigenthum der vom Römischen Volke Abgefallenen. Den Auftrag, ihnen Stadt und Land nach seinem Gutbefinden anzuweisen, bekam Marcus Cornelius. Auf demselben Grunde und Boden wurden auch dem Belligenes, durch den man den Mericus zum Übertritte vermocht hatte, vierhundert Morgen zuerkannt.

Nach Marcell's Abreise aus Sicilien landete eine Punische Flotte achttausend Mann Fußvolk und dreitausend Numidische Reuter. Murgantia mit seinen Umgebungen ergriff ihre Partei, und diesem Abfalle folgten Hybla, Macella und einige andre minder wichtige Städte. Auch brannten die Numider, die unter ihrem Obersten Mutines 286 ganz Sicilien durchstreiften, die Dörfer Römischer Bundsgenossen nieder. Außerdem that selbst das Römische Heer aus Erbitterung, theils weil es nicht mit seinem Feldherrn aus der Provinz abgeführt war, theils wegen der ihm untersagten Winterquartiere in Städten, seine Dienste mit Unlust, und es fehlte ihm zur Empörung mehr an einem Anstifter, als am Willen. Unter allen diesen Schwierigkeiten beruhigte der Prätor Marcus Cornelius nicht nur die Gemüther der Soldaten, bald durch Zureden, bald durch Verweise, sondern brachte auch die abgefallenen Städte sämtlich wieder zum Gehorsame. Und von diesen wies er den Spaniern, denen jener Senatsschluß eine Stadt und Acker bestimmteUrbs agerque debebatur, ex S. C. attribuit.] – Ich folge Crevier's Interpunction: urbs agerque debebatur ex senatus consulto, attribuit. Denn Murgantia gab er ihnen nicht ex senatus consulto, weil im Senatschlusse stand, ut, ubi ei videretur, urbem – eis adsignaret., Murgantia an.

22. Weil beide Consuln Apulien zum Schauplatze ihrer Kriegsführung hatten, und die Punier und Hannibal selbst schon nicht mehr so furchtbar waren, so wurden ihnen Apulien und Macedonien als die Plätze bestimmt, worüber sie zu losen hätten. Den Sulpicius traf Macedonien, und er wurde des Lävinus Nachfolger. Den Fulvius berief man zum Wahlgeschäfte nach Rom, und als er den Versammlungstag zur Consulnwahl hielt, ernannten die Jüngern in der zuerst stimmenden Centurie Veturia den Titus Manlius Torquatus und Titus Otacilius. Manlius, welcher gegenwärtig war, kam von einem großen Volkshaufen umringt – denn ein Schwarm von Glückwünschenden sammelte sich um ihn, und die Zustimmung des Volks war vorauszusehen – vor die Thronbühne des Consuls und bat, für einige Worte ihm Gehör zu geben, und die Centurie, welche ihre Stimme schon gegeben habe, wieder umrufen zu lassen. Da die Erwartung, was er zu fordern haben möge, Alle in Spannung hielt, so lehnte er seiner Augenkrankheit wegen das Amt ab. «Wenn der Steuermann und der Feldherr Alles mit fremden Augen betreiben müsse, so sei es Unbescheidenheit von ihm, zu 287 verlangen, daß man ihm Anderer Leben und Wohlfahrt anvertrauen solle. Wenn es also dem Consul nicht misfällig sei, so möge er die Jüngern von der Centurie Veturia auffordern, zur neuen Stimmengebung zu schreiten und bei der Consulnwahl den jetzigen Krieg in Italien und die Lage des Stats nicht zu vergessen. Von dem Geräusche und Getöse, was die Feinde gemacht hätten, als sie noch vor wenig Monaten an den Mauern Roms standen, habe sich ja das Ohr kaum schon erholt!» Als ihm hier die Centurie mit lebhaftem Geschreie entgegenrief, «Sie werde ihre Stimme nicht zurücknehmen, sondern dieselben Männer zu Consuln ernennen;» so sagte Torquatus: «Ich werde mich eben so wenig als Consul mit euren Sitten vertragen können, als ihr euch mit meinem Oberbefehle. Gehet wieder an die Stimmengebung, und bedenkt, daß Punier jetzt in Italien Krieg führen und daß der Heerführer der Feinde Hannibal sei.» Da bat die Centurie, theils durch das Ansehen des Mannes, theils durch die ausbrechende Bewunderung der Umstehenden bewogen, den Consul, die Älteren von der Centurie Veturia vorfordern zu lassen. «Sie wünsche mit den Bejahrteren sich zu besprechen und nach deren Gutachten Consuln zu ernennen.» Als die älteren Bürger der Veturia gefordert waren, wurde ihr Zeit gelassen, sich ohne Zeugen mit ihnen in den Schranken zu unterreden. Die Älteren sagten, man habe auf Drei Rücksicht zu nehmen. Zwei von diesen, Quintus Fabius und Marcus Marcellus, hätten schon eine Menge Ämter bekleidet; wenn sie aber durchaus irgend einen Neuen zum Consul gegen die Punier ernannt wissen wollten, so habe sich Marcus Valerius Lävinus gegen den König Philipp zu Lande und zur See durch herrliche Thaten ausgezeichnet. Auf diesen Vorschlag, Drei in Überlegung zu nehmen, schritten die Jüngern nach Entlassung der Alten wieder zur Stimmenwahl. Sie ernannten den Marcus Claudius Marcellus, dem eben jetzt die Eroberung Siciliens einen Glanz gab, und den Marcus Valerius, beide abwesend, zu Consuln; und die Centurien traten sämmtlich der abgegebenen Stimme ihrer Vorgängerinn bei.

288 Mag man jetzt über die Verehrer des Alterthums spotten. Ich wenigstens sollte glauben, wenn es irgendwo jenen Stat der Weisen gäbe, von dem die Weltweisheit mehr Träume als Kunde hat, so könnten weder seine Großen ehrwürdiger und mehr von aller Herrschsucht zurückgezogen, noch seine Volksmenge besser gesittet sein. Daß aber eine Centurie jüngerer Bürger die Alten in Rath genommen haben soll, wem sie durch ihre Stimmen den Oberbefehl zu geben habe, das ist in unsern Tagen, wo sogar die Ältern von ihren Kindern gar nicht oder kaum geachtet werden, beinahe zur Unglaublichkeit geworden.

23. Nun wurde Prätorenwahl gehalten. Publius Manlius Vulso, Lucius Manlius Acidinus, Cajus Lätorius und Lucius Cincius Alimentus waren die Gewählten. Es traf sich gerade so, daß nach Beendigung der Wahl die Nachricht einlief, Titus Otacilius, welchen das Volk, allem Anscheine nach, in seiner Abwesenheit dem Titus Manlius zum Amtsgenossen gegeben hätte, wenn nicht der gewöhnliche Gang der Wahl unterbrochen wäre, sei in Sicilien gestorben.. Im vorigen Jahre waren Apollinarische Spiele angestellt; und als der Prätor Cajus Calpurnius darauf antrug, daß man sie auch dieses Jahr beginge, fertigte der Senat den Befehl aus, daß sie auf immer gelobet sein sollten. Auch wurden in diesem Jahre mehrere Schreckzeichen gesehen und einberichtet. Auf dem Tempel der Eintracht wurde die auf dem Gipfel stehende Siegsgöttinn vom Blitze getroffen und herabgeworfen, blieb aber, ohne weiter zu fallen, an den Bildern der Siegsgöttinn hängen, welche auf dem Vorsprunge standen. Von Anagnia sowohl als von Fregellä meldete man, der Blitz habe in die Mauer und in Thore eingeschlagen; auf dem Markte zu Sudertum sollten einen ganzen Tag lang Bäche Bluts geflossen sein; zu Eretum habe es Steine geregnet, und zu Reate habe eine Mauleselinn geworfen. Die Sühne dieser Schreckzeichen wurde mit größeren Opferthieren besorgt, auch dem Volke eine Betandacht auf Einen Tag und das neuntägige Opfer anbefohlen. Es starben in diesem Jahre einige Statspriester; und neue rückten ein; in 289 die Stelle des Manius Ämilius Numida, eines Zehnherrn gottesdienstlicher Geschäfte, Marcus Ämilius Lepidus; in die Stelle des Manius Pomponius Matho, eines Oberpriesters, Cajus Livius; in die des Spurius Corvilius Maximus, eines Vogelschauers, Marcus Servilius. Weil der Tod des Oberpriesters Titus Otacilius Crassus am Ende des Jahrs erfolgt war, so fand bei ihm die Ernennung eines Nachfolgers nicht Statt. CajusC. Claudius.] – Vermuthlich soll es heißen Q. Claudius. Drakenb. führt im Register an, daß C und Q oft verwechselt werden. Um so viel eher ist des Sigonius Vermuthung anzunehmen, daß dieser Claudius mit dem XXVII. 22. zweimal genannten Q. Claudius Flamen einerlei Person sei. Wahrscheinlich blieb ihm der Zuname Flamen von dem in unserm Cap. angeführten Vorfalle. Sigonius und Pighius irren, wenn sie ihm darum den Zunamen Flamininus oder Flaminius geben wollen; allein Drakenborch, der die Unsicherheit der Vornamen kannte und darüber Beläge giebt, mußte sie auch nicht bloß (XXVII. 22.) durch die Verschiedenheit des Vornamens widerlegen wollen. Claudius, Eigenpriester des Jupiter, mußte von seinem Priesteramte abtreten, weil er bei dem Auflegen des Opferfleisches einen Fehler begangen hatte.

24. Um diese Zeit traf Marcus Valerius Lävinus, nachdem er zuvor in geheimen Unterredungen die Gesinnung der vornehmsten Ätoler erspähet hatte, mit seiner schnellsegelnden Flotte zu einer Ätolischen Volksversammlung ein, welche sie gerade in dieser Absicht schon früher bestellt hatten. Als er hier zur Beglaubigung des Römischen Waffenglücks in Sicilien und Italien die Eroberungen von Syracus und Capua als Großthaten aufgeführt und dabei behauptet hatte: «Es sei bei den Römern schon von ihren Vorfahren geerbte Sitte, ihre Bundesgenossen in Ehren zu halten, deren sie sogar Einige in ihre Bürgerschaft und zu gleichen Rechten mit sich selbst aufgenommen, Andre so gesetzt hätten, daß sie lieber Roms Bundsgenossen bleiben, als selbst Bürger werden wollten;» so versicherte er: «Die Ätoler würden noch so viel größere Achtung zu erwarten haben, weil sie unter allen Völkern jenseit des Meers die Ersten wären welche sich auf die Freundschaft mit Rom einließen. Sie hätten an Philipp und den Macedoniern 290 beschwerliche Nachbarn. Indeß habe er deren Macht und Stolz theils schon jetzt gebrochen, theils werde er diese noch so herunterstimmen, daß sie nicht allein die den Ätolern gewaltsam abgenommenen Städte wieder räumen, sondern selbst in Macedonien nicht sicher sein sollten. Auch die Acarnanen, deren Trennung von ihrem Statskörper den Ätolern so schmerzhaft sei, wolle er unter die alte Vertragsformel Ätolischer Gerechtsame und Landeshoheit zurückführen.» Diese Äußerungen und Verheißungen des Römischen Feldherrn bestätigten Scopas, der damalige Prätor des Volks, und Dorymachus, einer der Ätolischen Großen, durch ihre geltende Beistimmung, in welcher sie mit weniger Zurückhaltung und größerer Unparteilichkeit die Größe der Römischen Macht und Hoheit darstellten. Den größten Eindruck machte die Hoffnung, Acarnanien wieder zu bekommen. Also wurden die Bedingungen aufgesetzt, unter welchen sie der Freundschaft und dem Bündnisse mit Rom beitreten wollten, mit dem Anhange: «Wenn man es zufrieden sei und jene Völker selbst es wünschten, so sollten auch die Eleer, Lacedämonier, auch Attalus, Pleuratus und SkerdilädusAttalus war Asiens, die Letztern Könige der Thracier und Illyrier – an diesem Bunde gleiches Recht haben. Den Krieg gegen Philipp zu Lande sollten die Ätoler sogleich anfangen, die Römer sollten mit einer Flotte von wenigstens zwanzig Fünfruderern sie unterstützen. Bis Corcyra, von Ätolien an gerechnet, sollten von den Städten Grund und Boden, Gebäude, Mauern und Ländereien den Ätolern, alle übrige Beute den Römern gehören: auch sollten die Römer dafür sorgen, daß die Ätoler in den Besitz von Acarnanien kämen. Falls die Ätoler mit Philipp Friede machten, so sollten sie zu dem Vertrage hinzusetzen: der Friede könne nur dann gültig sein, wenn sich Philipp aller Angriffe auf die Römer, ihre Bundesgenossen und Alle, welche von diesen abhängig wären, enthielte. Eben so sollte das Römische Volk, wenn es sich durch einen Vertrag mit dem Könige vergliche, bevorworten, daß er nicht befugt sei, 291 die Ätoler und ihre Bundesgenossen zu bekriegen.» Dies waren die Punkte der Übereinkunft, welche zwei Jahre nachher zu desto größerer Unverbrüchlichkeit, als geweihete Denkmale, von den Ätolern zu Olympia, von den Römern auf dem Capitole, schriftlich niedergelegt wurden. Dies hatte sich verzögert, weil die Ätolischen Gesandten in Rom zu lange aufgehalten waren; obgleich die Unternehmungen dadurch nicht gehindert wurden. Die Ätoler ihrerseits brachen sogleich gegen Philipp los, und auch Lävinus nahm Zacynthus, – dies ist eine kleine Insel, nahe an Ätolien; sie hat nur Eine Stadt, gleiches Namens; diese erstürmte er bis auf die Burg – Öniadä und Nasus den Acarnanen weg, und räumte sie den Ätolern ein. Und weil er auch den Philipp so tief in den Krieg mit den Nachbaren verwickelt zu haben glaubte, daß dieser an Italien, an die Punier und seine Verträge mit dem Hannibal nicht denken könne, zog er sich wieder nach Corcyra zurück.

25. Den Abfall der Ätoler erfuhr Philipp, als er zu Pella überwinterte. Weil er nun mit dem Anfange des Frühjahrs gegen Griechenland aufbrechen wollte, so unternahm er, um seinem Macedonien von Seiten der Illyrier und ihrer Nachbarn durch die nun auf sie übergehende Furcht die Ruhe zu sichern, plötzlich einen Zug in die Gegend von Oricum und Apollonia, und schlug die Apolloniaten, die gegen ihn ausgerückt waren, in großer Unordnung und Bestürzung in ihre Mauern zurück. Als er die nächsten Gegenden Illyricums verheert hatte, wandte er sich mit gleicher Schnelligkeit nach Pelagonien, und nahm die Dardanische Stadt Sintia weg, weil sie in den Händen der Dardaner ein Schlüssel zu Macedonien geblieben sein würde. Nachdem er dies im Laufe abgethan, zog er, des Ätolischen und damit verbundenen Römischen Krieges eingedenk, durch Pelagonien, Lyncus und Bottiäa nach Thessalien hinab. Er glaubte, hier die Einwohner gewinnen zu können, mit ihm im Kriege gegen die Ätoler Partei zu nehmen; und nachdem er an dem Passe Thessaliens den Perseus mit viertausend Mann 292 zurückgelassen hatte, um den Ätolern den Eingang zu verwehren, zog er selbst, ehe er in wichtigere Geschäfte verwickelt wurde, mit seinem Heere nach Macedonien und von da nach Thracien und gegen die Mäder. Diese fielen gewöhnlich in Macedonien ein, sobald sie merkten, daß den König ein auswärtiger Krieg beschäftige und sein Reich ohne Bedeckung sei. Er machte den Anfang mit Verheerung ihres Gebietes bei Phragandä, und ging dann an die Bestürmung der Stadt Jamphorina, der ersten Stadt und Festung in Mädica.

Als Scopas hörte, der König sei nach Thracien gegangen und mit dem Kriege auf jener Seite beschäftigt, so ließ er die ganze Ätolische Mannschaft zum Kriege gegen Acarnanien in die Waffen treten. Gegen einen solchen Angriff schickten sich die Acarnanen, die ungleich schwächer waren, Öniadä und Nasus schon verloren und sich noch obenein von Römischen Waffen bedrohet sahen, mehr mit Wuth, als planmäßig, zum Kriege an. Nachdem sie ihre Weiber und Kinder und die Greise über sechzig Jahre in das nahe Epirus geschickt hatten, machten sich Alle von funfzehn bis zu sechzig Jahren durch einen Eid anheischig, nicht anders als siegreich heimzukehren. Jeden Eingebornen belegten sie mit dem schrecklichsten förmlich abgefaßten Fluche, wenn er irgend Einem, der aus der Schlacht als Besiegter entflohen wäre, in die Stadt, unter sein Dach, an seinen Tisch, oder bei dem Schutzgotte aufnähme; zu gleichem Zwecke setzten sie an alle auswärtigen Gastfreunde die feierlichste Beschwörung auf; und baten zugleich die Epiroten, allen ihren Landsleuten, welche in der Schlacht fallen würden, die gemeinschaftliche Decke Eines Hügels zu geben und die Beerdigten mit der Inschrift zu beehren:

«Hier liegen die Acarnanen, welche im Kampfe gegen Ätolische Gewalt und Mishandlung für ihr Vaterland fielen.»

Hiedurch mit Muth beseelt, lagerten sie sich an ihrer äußersten Gränze, da wo der Feind heranziehen mußte. Dadurch, daß sie auch den Philipp von der Größe ihrer 293 Gefahr benachrichtigten, zwangen sie den König, den Krieg, mit dem er eben beschäftigt war, liegen zu lassen, als sich Jamphorina schon ergeben hatte und ihm auch andre Unternehmungen gelangen. Die Ätoler hatten auf den Ruf von der eidlichen Verbindung der Acarnanen zuerst mit ihrem Angriffe gezögert, und die Nachricht von Philipps Anzuge nöthigte sie sogar, sich tief in ihr Land zurückzuziehen. Doch rückte Philipp, ob er gleich, um die Acarnanen nicht unterjochen zu lassen, in starken Märschen herbeigeeilt war, nur bis Dium vor und kehrte ebenfalls, auf die Nachricht vom Rückzuge der Ätoler aus Acarnanien, nach Pella zurück.

26. Als Lävinus, der mit dem Anfange des Frühjahrs von Corcyra absegelte, um das Vorgebirge Leucate herum nach Naupactum gekommen war, erklärte er seinen Vorsatz, von hier nach Anticyra zu steuern, damit Scopas und die Ätoler sich dort einfinden möchten. Anticyra liegt in Locris, wenn man in den Corinthischen Meerbusen einläuft, zur Linken; und von Naupactum war der Weg zu Lande für die Ätoler, wie für ihn zur See nur kurz. Etwa drei Tage nachher begann die Belagerung auf beiden Seiten. Der Sturm von der Seeseite war der wirksamere, theils weil die Flotte mit Wurfgeschützen und Maschinen aller Art versehen war, theils weil hier die Römer stürmten. Nach der in wenig Tagen erfolgten Übergabe wurde die Stadt den Ätolern eingeräumt, die Beute fiel nach dem Vertrage den Römern anheim. Hier meldete dem Lävinus ein Brief, er sei abwesend zum Consul ernannt, und sein Nachfolger Publius Sulpicius sei unterweges; weil ihn aber dort eine langwierige Krankheit festhielt, kam er gegen alle Erwartung erst spät nach Rom.

Marcus Marcellus, der am funfzehnten März sein Consulat antrat, eröffnete, bloß weil es Sitte war, an diesem Tage den Senat, und zwar mit der Erklärung: «Er werde in Abwesenheit seines Amtsgenossen so wenig die Lage des Stats, als die Vertheilung der Provinzen, zur Sprache bringen. Er wisse, daß sich viele Sicilianer 294 nahe bei der Stadt in den Landhäusern seiner Neider aufhielten. Ihnen die Erlaubniß zu versagen, die von seinen Feinden ausgesprengten und erdichteten Beschuldigungen öffentlich in Rom bekannt zu machen, liege so ganz und gar außer seinem Plane, daß er sie vielmehr, wenn sie nicht eine Art von Furcht heuchelten, in Abwesenheit seines Amtsgenossen sich über ihn als Consul zu erklären, jetzt gleich vor den Senat gestellt haben würde. Sobald aber sein Amtsgenoß einträfe, würde er auf nichts eher antragen lassen, als auf die Vorlassung der Siculer im Senate. Marcus Cornelius habe in ganz Sicilien, er möchte fast sagen, eine Werbung gehalten, um der Kläger gegen ihn so Viele als möglich nach Rom gehen zu lassen. Derselbe Mann habe, seinem Ruhme Abbruch zu thun, durch lügenhafte Briefe die Nachricht in der Stadt verbreitet, daß in Sicilien der Krieg noch fortdaure.» Der Consul, dem an diesem Tage die Ehre der Selbstbeherrschung zu Theile ward, entließ nun den Senat, und es schien, als würden die sämtlichen Angelegenheiten, bis zur Wiederkehr des andern Consuls zur Stadt, fast wie bei einem Gerichtsstillstande, liegen bleiben. Diese Ruhe weckte, wie gewöhnlich, ein Murren unter dem Bürgerstande. Die Leute klagten: «Der Krieg daure gar zu lange; die Ländereien um die Stadt, wo Hannibal als Feind durchgezogen sei, seien verheert; Italien werde durch die Werbungen erschöpft, und fast jährlich seien Heere niedergehauen; auch habe man zwei kriegerische Consuln gewählt, beide rasche und unternehmende Männer, die im tiefsten Frieden Krieg zu erregen fähig wären, geschweige denn, daß sie im Kriege der Bürgerschaft einige Erholung gönnen sollten.»

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