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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 80
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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32. In Spanien vereinigten die Römischen Feldherren in diesem Sommer, nachdem hier beinahe seit zwei Jahren nichts Merkwürdiges geschehen, und der Krieg mehr durch Einleitungen, als mit den Waffen, geführt war, nach dem Aufbruche aus den Winterquartieren ihre Truppen. Hier hielten sie Kriegsrath, und alle Stimmen waren darin einig, da man bis jetzt nur darauf hingewirkt habe, den Hasdrubal von seinem Zuge nach Italien zurückzuhalten, so sei es nun Zeit, auf die Beendigung des Krieges in Spanien zu denken: und hierzu hielten sie sich durch den Zuwachs an Truppen stark genug, den ihnen das Aufgebot von zwanzigtausend Celtiberern in diesem Winter gegeben hatte. Der Punischen Heere waren drei. Hasdrubal, Gisgons Sohn, und Mago standen beinahe fünf Tagemärsche von den Römern in einem gemeinschaftlichen Lager. Näher war Hamilcars Sohn, Hasdrubal, in Spanien der alte Feldherr. Er hatte sein Heer bei einer Stadt, Namens Anitorgi. Ihn wollten die Römischen Feldherren zuerst aufreiben, und sie hatten die Hoffnung, hierzu überflüssig stark zu sein. Die einzige Sorge blieb ihnen, der andre Hasdrubal und Mago mochten sich, durch seine Besiegung muthlos gemacht, in abgelegene Waldungen und Gebirge zurückziehen und den Krieg verlängern. In der Meinung, so am Besten zu thun, wenn sie mit getheilten Heeren den 230 gesammten Spanischen Krieg zugleich umfasseten, trafen sie die Theilung unter sich so, daß Publius Cornelius an Römern und Bundesgenossen zwei Drittel des Heers gegen den Mago und Hasdrubal mitnehmen, Cneus Cornelius hingegen an der Spitze des übrigen Drittels vom alten Heere und der Celtiberer den Krieg gegen den Barcinischen Hasdrubal führen sollte. Nachdem sich beide Feldherren und Heere zugleich auf den Weg gemacht hatten, auf dem sie die Celtiberer vorangehen ließen, schlugen sie bei der Stadt Anitorgi im Angesichte der Feinde, von denen ein Strom sie schied, ihr Lager auf. Hier blieb Cneus Scipio mit den vorhin benannten Truppen stehen, und Publius Scipio ging nach der ihm bestimmten Seite des Feldzuges ab.

33. Als Hasdrubal bemerkte, daß das Heer im Lager der Feinde an Römern so schwach sei und daß ihre ganze Hoffnung auf den Celtiberischen Hülfsvölkern beruhe, so trug er, bekannt mit der Treulosigkeit der Barbaren überhaupt und vorzüglich aller jener Völker, unter denen er seit so vielen Jahren focht, bei der Leichtigkeit sich zu verständigen, da es in beiden Lagern Spanier in Menge gab, den Anführern der Celtiberer eine große Summe unter der Bedingung an, ihre Truppen hier wegzuziehen. Auch war das in ihren Augen keine so unerhörte That. Denn man unterhandelte ja nicht mit ihnen, daß sie die Waffen gegen die Römer kehren sollten, und noch dazu wurde ihnen jetzt eine Summe, die ihnen selbst zur Führung des Krieges genügt hätte, bloß dazu gegeben, keinen Krieg zu führen: und so wie die Ruhe überhaupt, so war noch mehr die Rückkehr in die Heimat und der Genuß, die Seinigen und sein Eigenthum zu sehen, dem gemeinen Soldaten willkommen. Also wurde der große Haufe eben so leicht gewonnen, als die Anführer: selbst nicht einmal Furcht vor den Römern, deren so wenige waren, konnte hier stattfinden, wenn diese sie etwa mit Gewalt hätten zurückhalten wollen. Davor also werden sich Römische Feldherren immer zu hüten und diese Beispiele in der That als warnende 231 Belehrungen anzusehen haben, sich nie so sehr auf fremde Hülfsvölker zu verlassen, daß ihr Lager nicht noch an innerer Stärke und an eigenthümlichen Truppen eine Überlegenheit behalte. Plötzlich brachen die Celtiberer mit ihren Fahnen auf und zogen ab, ohne den Römern, welche nach der Ursache fragten und sie beschwuren hier zu bleiben, weiter etwas zu antworten, als, sie würden durch eigenen Krieg abgerufen. Als Scipio sah, daß sich die Bundesgenossen weder durch Bitten, noch durch Gewalt halten ließen, daß er eben so wenig ohne sie dem Feinde gewachsen sei, als sich mit seinem Bruder wieder vereinigen könne, und daß sich jetzt weiter nichts zur Rettung thun lasse, so beschloß er, so weit als möglich zurückzugehen, wobei er sein ganzes Augenmerk nur darauf richtete, sich nirgendwo in freiem Felde mit dem Feinde einzulassen, der schon über den Fluß gegangen und den Abziehenden beinahe immer an der Ferse war.

34. In eben den Tagen wurde Publius Scipio von einem gleichen Schrecken, von noch größerer Gefahr, durch einen neuen Feind bedrängt. Der junge Masinissa, welchen Roms Freundschaft nachher so berühmt und mächtig gemacht hat, war damals Bundesgenoß der Carthager. Dieser warf sich dem ankommenden Publius Scipio gleich jetzt mit seiner Numidischen Reuterei entgegen, und kam auch nachher Tag und Nacht beständig als der Angreifende wieder, fing nicht bloß die Zerstreuten auf, die sich auf Holz- und Futterholungen weiter vom Lager entfernten, sondern er setzte auch dadurch, daß er dicht an das Lager heranritt, und oft mitten in die Posten hineinsprengte, nicht ohne großes Getümmel Alles in Unruhe. Oft hatte man durch seinen plötzlichen Angriff sogar bei Nacht an den Thoren und Wällen vollauf zu thun, und den Römern blieb auch keine Stelle, keine Zeit, von Furcht und Besorgniß frei. Und da sie auf ihr Lager zurückgedrängt, aller Nothwendigkeiten beraubt, sich beinahe schon in einer förmlichen Einschließung befanden, und diese offenbar noch enger werden mußte, sobald Indibilis, der Sage nach mit siebentausend fünfhundert 232 Suessatanern schon im Anzuge, sich mit den Puniern vereinigte; so faßte Scipio, dieser behutsame und vorsichtige Feldherr, in der dringenden Noth den allerdings gewagten Entschluß, in der Nacht dem Indibilis entgegen zu gehen und wo er ihm aufstoßen würde, mit ihm zu schlagen. Nachdem er also, mit Hinterlassung einer mäßigen Bedeckung und des Unterfeldherrn Titus Fontejus als Befehlshabers im Lager, abgegangen war, traf er mit den ihm entgegen kommenden Feinden zusammen. Freilich fochten sie hier mehr in Scharenzügen, als in Schlachtreihen: und dennoch hatten die Römer, so viel in diesem wilden Gefechte möglich war, die Oberhand. Allein plötzlich brach auch die Numidische Reuterei, welche nach Scipio's Meinung sie nicht bemerkt haben sollte, sie aber jetzt auf den Flügeln umringte, zu ihrem großen Schrecken auf sie ein. Kaum hatten sie sich auf den neuen Kampf mit den Numidern eingelassen, so kamen, als dritter Feind, noch die Punischen Feldherren dazu, die ihnen, als sie schon im Gefechte standen, im Rücken nachgekommen waren. Und nun sahen sich die Römer allenthalben von der Schlacht umringt, ohne zu wissen, gegen welchen Feind zuerst, und nach welcher Seite zusammendrängend sie den Durchbruch versuchen sollten. Hier wurde dem fechtenden, seine Leute ermunternden, und wo die Noth am größten war, sich aussetzenden Feldherrn die rechte Seite mit einer Lanze durchbohrt; und kaum sah der Keil von Feinden, der auf die um ihren Anführer sich zusammendrängenden Römer eingebrochen war, den Scipio entseelt vom Pferde sinken, so sprengte er unter einem Freudengeschrei mit der Nachricht durch die ganze Linie: Der Römische Feldherr sei gefallen. So wie dieser Ausruf überall sich verbreitete, galten auch unfehlbar die Feinde schon für Sieger, die Römer für die Besiegten. Mit. dem Verluste des Feldherrn begann auch sogleich das Flüchten aus der Linie. Allein so wenig Schwierigkeit esAuxilia haud difficilis res erat.] – Ich vermuthe, Livius habe geschrieben: inter – – – alia auxilia res haud difficilis erat. Darüber, daß die Abschreiber auxiliares zusammenlasen, welches sie mit alia nicht reimen konnten, ließen sie res ausfallen. Man sehe Gronovs, Creviers und Drakenborchs Meinungen über diese Stelle bei letzterem. machte, Numider 233 und andre leichtbewaffnete Hülfsvölker zu durchbrechen, so war es auch kaum möglich, einer so zahlreichen Reuterei, und Fußvölkern, die den Pferden an Schnelligkeit gleich kamen, zu entlaufen: und auf der Flucht fielen der Römer beinahe mehr, als in der Schlacht. Es würde niemand davon gekommen sein; allein da sich der Tag schon tief zum Abend neigte, so wurde die Nacht ihre Retterinn.

35. Die Punischen Feldherren, die ohne Säumen von ihrem Glücke Gebrauch machten, trieben ihr Heer, dem sie kaum die nöthige Erholung gestatteten, gleich nach der Schlacht in Eilmärschen zum Hasdrubal, Hamilcars Sohne, mit der gewissen Hoffnung, wenn sieNon dubia spe, quum copias coniunxissent.] –– Die Worte quum copias, welche Stroth in den Text wieder aufgenommen hat, fehlen fast in allen Msc. Hingegen coniunxissent, woraus Gronov quum iuncti essent machen wollte, haben sie alle. Ich vermuthe, daß wegen des voraufgegangenen SPE die folgenden beiden Wörtchen SI SE ausgefallen sind. So sagte Livius Cap. 34. §. 6. Si se Indibilis – – – Poenis coniunxisset. sich vereinigten, den Krieg beendigen zu können. Als sie hier ankamen, brachen Heere und Heerführer vor Freude über den eben erfochtenen Sieg und in der gewissen Erwartung eines zweiten nicht minder wichtigen, in laute Glückwünsche aus, einen so großen Feldherrn mit seinem ganzen Heere aufgerieben zu haben. Bei den Römern war zwar die Nachricht von diesem großen Verluste noch nicht angekommen, allein es herrschte unter ihnen ein trauriges Schweigen und eine stille Ahnung, wie sie unser Herz zuweilen ergreift, wenn es vom nahenden Unglücke eine Vorempfindung hat. Der Feldherr selbst fühlte sich, außerdem daß er sich von seinen Bundesgenossen verlassen und die feindlichen Truppen so sehr verstärkt sah, durch Vermuthung und Nachdenken mehr zum Argwohne eines erlittenen Verlustes, als zu irgend einer erfreulichen Aussicht gestimmt. «Denn wie hätte sonst Hasdrubal und Mago, wenn sie nicht mit ihrem Kriege fertig waren, 234 ihr Heer ohne Widerstand dort abführen können? Wie sei es aber sonst möglich, daß sein Bruder ihnen nicht hinderlich gewesen oder doch auf dem Fuße gefolgt sei, um wenigstens, wenn er die Vereinigung der Feldherren und der Heere nicht habe abwenden können, eben so mit seinem Heere zu seinem Bruder zu stoßen?» Von diesen Sorgen geängstet hielt er es für jetzt für das einzige Rettungsmittel, sich so weit als möglich zurückzuziehen, und wirklich ließ er in Einer Nacht, so lange die Feinde von nichts wußten und eben darum still lagen, einen beträchtlichen Weg hinter sich. Mit Anbruch des Tages, sobald sie den Abzug ihres Feindes gewahr wurden, fingen sie die Verfolgung in Märschen an, so schnell sie ihnen möglich waren. Noch vor Nacht langten die Numider unter Angriffen, bald im Rücken, bald auf den Seiten, an. Die Römer machten Halt, und deckten ihren Zug so gut als möglich; doch ermunterte sie Scipio, so viel sie mit Sicherheit könnten, zugleich zu fechten und weiter zu rücken, ehe das Fußvolk sie einhole.

36. Allein da sie unter wechselndem Fortziehen und Anhalten in ziemlicher Zeit nur unbedeutend weiter kamen, und die Nacht schon hereinbrach, so rief Scipio seine Leute vom Gefechte zurück und führte sie, als er sie gesammelt hatte, einen Hügel hinan, der zwar keine völlige Sicherheit gewährte, am wenigsten einem von Schrecken befallenen Heere, der aber doch höher war, als die Gegend umher. Das Fußvolk, welches sich hier um sein nebst der Reuterei in die Mitte genommenes Gepäck herumstellte, hielt anfangs ohne Schwierigkeit die Angriffe der heransprengenden Numider zurück: nachher aber, als drei Feldherren mit drei ordentlichen Heeren in vollem Anzuge erschienen, und es einleuchtend war, daß die Römer ohne Verschanzung mit den Waffen allein zur Behauptung des Platzes zu schwach sein würden, so fing ihr Feldherr an sich umzusehen und darauf zu sinnen, wie er es möglich machen wolle, einen Wall umher aufzuführen. Allein der Hügel war so nacket und der Boden so spröde, daß sich hier weder Gebüsch, um Pfähle zu hauen, noch ein zum 235 Rasenstechen, oder zur Führung eines Grabens oder sonst zur Anlage irgend eines Werkes taugliches Erdreich finden ließ: auch nicht Eine Stelle war durch Natur so steil oder abschüssig, daß sie dem Feinde den Zugang oder das Heransteigen erschwert hätte: das Ganze erhob sich allmälig zu einer sanften Höhe. Um indeß doch einen Anschein von Wall vor sich zu haben, legten die Römer um sich her einen Kreis von ihren Packsatteln an mit dem darauf festgebundenen Gepäcke, welches sie zur gewöhnlichen Höhe gleichsam aufmauerten, doch so, daß sie da, wo es an Satteln zum Bollwerke fehlte, alle möglichen Bündel im Haufen vor sich aufbanseten.

Als die Punischen Heere ankamen, rückte ihr Zug zwar ohne Schwierigkeit die Höhe hinan, allein die neue Art von Verschanzung fesselte sie anfangs gleich einer Wundererscheinung, ob ihnen gleich ihre Führer von allen Seiten zuriefen: «Warum sie Halt machten, und dies Spielwerk, welches Weiber oder Knaben kaum aufzuhalten vermöchte, nicht aus einander rissen und hinnähmen? Sie hätten den hinter sein Gepäck sich verkriechenden Feind so gut als gefangen.» So verächtlich forderten ihre Feldherren sie auf. Übrigens war es so leicht eben nicht, die ihnen entgegengethürmten Lasten zu überspringen, oder sie loszubrechen, oder die festgepackten und in das Gepäcke selbst vergrabenen Sattel aus einander zu hauen. Lange machte ihnen dies zu schaffenTardatis diu quum amolita obiecta.] – Allen Herausgebern sind diese vier Participia tardatis und armatis, amolita und obiecta anstößig; vorzüglich, glaube ich, die beiden letzten. Da aber in mehrern Msc. statt tardatis sich traducti ohne s findet, im Florent. traditis ibi –: in keinem einzigen amolita, sondern in den meisten amoliti, in Einem wirklich amolitis; so lese ich so: Tardati sunt diu. Quum amolitis obiecta onera armatis dedissent viam etc.. Sobald aber das weggeräumte Packwerk sie mit den Waffen eindringen ließ, und dies an mehreren Stellen geschah, war auch das Lager auf allen Seiten erobert: die Wenigen wurden von den Vielen, Muthlose von Siegern, allenthalben niedergehauen. Doch ein großer Theil der Soldaten, der in die nahen Wälder entfloh, rettete sich in das Lager des Publius Scipio, 236 welchem der Unterfeldherr Titus Fontejus vorstand. Cneus Scipio soll, nach einigen Berichten, auf dem Hügel beim ersten Angriffe der Feinde gefallen sein, nach andern sich mit Wenigen auf einen Thurm in der Nähe des Lagers geflüchtet haben. Um diesen habe man Feuer gelegt und ihn so durch Verbrennung der Thorflügel, die man mit aller Gewalt nicht erbrechen konnte, erobert, und alle darin befindlichen samt dem Feldherrn niedergehauen. Cneus Scipio verlor sein Leben im achten Jahre nach seiner Ankunft in Spanien, neunundzwanzig Tage nach dem Tode seines Bruders. Die Traurigkeit über ihren Verlust war zu Rom nicht größer, als in ganz Spanien. Bei ihren Mitbürgern ging sogar ein Theil des Schmerzes um sie auf die eingebüßten Heere, auf die verlorene Provinz und auf das Unglück des States ab. In beiden Spanien hingegen beweinte und vermißte man sie in ihrer Person; doch den Cneus noch inniger, insofern er dort den Oberbefehl noch länger gehabt, das Wohlwollen früher in Beschlag genommen, und der Erste gewesen war, der von der Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit der Römer eine Probe gegeben hatte.

37. Als das Heer vertilgt und die Spanischen Provinzen verloren schienen, gab ein einziger Mann der schlimmen Sache eine bessere Wendung. Bei diesem Heere stand Lucius Marcius, des Septimus Sohn, ein Römischer Ritter; dabei ein muntrer junger Mann, von weit größerem Muthe und Geiste, als der Stand, in welchem er geboren war, erwarten ließ. Seinen hohen Fähigkeiten war die Zucht des Cneus Scipio zu Hülfe gekommen, unter der er seit so vielen Jahren in allen Künsten des Krieges gebildet war. Aus den von der Flucht aufgesammelten Soldaten und einigen abgeführten Besatzungen hatte er ein nicht unbedeutendes Heer zusammengebracht und es dem Unterfeldherrn des Publius Scipio, dem Titus Fontejus zugeführt. Allein an Ansehen und Ehre bei den Soldaten hatte der Römische Ritter so sehr den Vorzug, daß diese – als man in dem diesseit des Ebro befestigten Lager nach gemeinschaftlichem Beschlusse zur Ernennung eines 237 Feldherrn über beide Heere eine Wahlversammlung von Soldaten hielt, während welcher immer einer den andern auf den Wachen und Posten ablösete, bis sie sämtlich nach der Reihe gestimmt hatten – alle ohne Ausnahme den Oberbefehl dem Lucius Marcius übertrugen. Die ganze folgende Zeit, so kurz sie war, wurde auf Befestigung des Lagers und Anfuhr von Lebensmitteln verwandt, und die Soldaten vollzogen jeden Befehl nicht nur mit Eifer, sondern auch ohne alle Verzagtheit. Allein als sie jetzt hörten, Hasdrubal, Gisgons Sohn, sei in der Absicht, die Überbleibsel des Krieges zu vertilgen, über den Ebro gegangen und schon in der Nähe, und nun das Zeichen zur Schlacht vom neuen Feldherrn aufgesteckt sahen, da brachen sie alle bei der Rückerinnerung, was für Feldherren sie noch kurz zuvor gehabt hätten, und mit welchem Vertrauen auf Anführer und Truppen sie sonst immer zur Schlacht aufgetreten wären, auf einmal in Thränen aus und schlugen sich vor die Stirn: einige streckten unter Klagen über die Götter die Hände gen Himmel; andre warfen sich zur Erde und riefen jeder seinen Feldherrn bei Namen. Auch ließ sich ihre Wehklage nicht stillen, obgleich jeder Hauptmann die Soldaten seiner Rotte zu ermuntern suchte, und Marcius selbst bald sie tröstete, bald ihnen verweisend zurief: «Warum sie sich lieber zu weibischen und unnützen Thränen erniedrigten, statt daß sie mit ihm zu ihrer eignen und des States Vertheidigung den Muth stählen und ihre Feldherren im Tode nicht ungerächet lassen sollten:» als plötzlich Geschrei und Trompetenklang erscholl; denn die Feinde waren schon nahe vor dem Walle. Da rannten sie, indem plötzlich ihre Trauer in Grimm überging, nach ihren Waffen, stürzten wie von Wuth entflammt zu den Thoren hin und warfen sich auf den nachlässig und unordentlich herankommenden Feind. Die Überraschung jagte sogleich den Puniern Schrecken ein: voll Verwunderung, wie nach beinahe gänzlicher Vertilgung des Heers so viele Feinde, so schnell sich aufgemacht haben könnten, wie die Geschlagenen und in die Flucht Gejagten zu dieser Kühnheit, zu diesem Selbstvertrauen kämen, wer nach dem 238 Falle zweier Scipione noch Feldherr sein könne, wer das Lager befehlige, wer das Zeichen zur Schlacht gegeben habe: über alles dies Unerwartete ohne Aufschluß und staunend, zogen sie sich anfangs zurück, und als sie durch einen kräftigen Andrang geworfen wurden, kehrten sie den Rücken. Und nun würde entweder für die Flüchtigen das Gemetzel schrecklich, oder für die Verfolgenden der Ausfall gewagt und mißlich geworden sein, hätte nicht Marcius schleunig das Zeichen zum Rückzuge gegeben, und dadurch daß er den Seinigen an der Spitze entgegentrat, einige sogar selbst zurückhielt, ihrer fortstürzenden Linie Einhalt gethan. Dann führte er sie noch in ihrer vollen Begierde nach Gemetzel und Blut in das Lager zurück.

Als die Carthager, die anfangs flüchtig genug vom feindlichen Walle zurücksprengten, sich von niemand verfolgt sahen, gingen sie in der Meinung, die Römer hätten aus Furcht Halt gemacht, nun wieder voll Verachtung und in langsamem Schritte ihrem Lager zu. Das Lager selbst bewachten sie mit gleicher Nachlässigkeit. Denn war gleich der Feind in der Nähe, so dachten sie ihn sich doch als Überbleibsel zweier vor wenig Tagen von ihnen vertilgten Heere. Da aus diesem Grunde bei den Feinden Alles die Nachlässigkeit selbst war, so ließ sich Marcius, als man es ihm meldete, auf einen Plan ein, der dem ersten Anscheine nach mehr unbesonnen als unternehmend war; selbst einen Angriff auf das feindliche Lager zu thun, weil er es für leichter hielt, das Lager des einzigen Hasdrubal zu erstürmen, als, wenn sich die drei Heere und die drei Feldherren abermals vereinigten, sein eigenes zu vertheidigen; zugleich auch, um entweder durch den glücklichen Erfolg den erlittenen Schaden zu heilen, oder wenn er ja zurückgeschlagen würde, sich wenigstens durch den zuvorkommenden Angriff bei den Feinden aus der Verachtung zu setzen.

38. Weil er es aber nöthig fand, sich gegen die Soldaten darüber auszulassen und sie sogar aufzufordern, damit nicht der völlige Mangel an Vorbereitung und der Aufstand bei Nacht und noch dazu ein in ihrer Lage nicht zu erwartenderEtiam non suae fortunae consilium.] – Ich nehme mit Perizonius consilium für den Nominativ, weil ich glaube, die Worte non suae nicht auf den Marcius, sondern auf die Soldaten ziehen zu müssen: denn das vorhergehende subitares. und nocturnus terror kann ja nur auf die Soldaten gehen, nicht auf den Marcius, der mit dem, was sein Werk war, nicht unbekannt sein, nicht davon überrascht werden konnte. Auch geht ja die Lateinische Gedankenfolge so: Alloquendos tamen milites ratus, ne subita res et nocturnus terror, etiam non suae fortunae consilium (eos) perturbaret etc. Sollte consilium hier der Accusativ sein, so würde Livius turbaret gesagt haben. Consilium turbatur, milites perturbantur. Plan sie um alle Fassung brächte; so redete er sie in einer berufenen Versammlung so an:

«Sowohl meine kindliche Liebe zu unseren Feldherren im Leben und im Tode, als unserer Aller gegenwärtige Lage können es Jedem glaublich machen, daß mir die jetzige Befehlshaberstelle, so ehrenvoll für mich durch eure Würdigung, in der That sehr drückend und beunruhigend sein müsse. Zu einer Zeit, in der ich meiner selbst, wenn die Furcht den Gram nicht übertäubte, kaum mächtig genug sein würde, für mein bekümmertes Herz einige Tröstungen aufzufinden, bin ich gezwungen, auf eurer Aller Bestes zu denken, und, was in Traurigkeit gerade am schwersten wird, ich ganz allein: und selbst dann nicht einmal, wenn ich darauf denken soll, wie ich diese Überbleibsel zweier Heere dem Vaterlande möchte retten können, ist es mir zu Gemüthe, mein Herz von dem festsitzenden Grame abzurufen. Die schmerzhafte Erinnerung ist immer wieder da; die Scipione beide halten mich Tag und Nacht in Sorgen und Schlaflosigkeit: sie wecken mich oft durch den Gedanken aus dem Schlafe, daß ich sie, daß ich ihre seit acht Jahren in diesen Landen unbesiegten Krieger, eure Kampfgenossen, daß ich den Stat nicht ungerächet lassen darf; und fordern mich auf, an ihre Zucht, an ihre Einrichtungen mich zu halten; und so wie bei ihrem Leben niemand ihren Befehlen folgsamer gewesen sei, als ich, so auch nach ihrem Tode das in jedem Falle als das Beste zu wählen, wovon ich am festesten überzeugt sei, daß auch sie hier so gehandelt haben würden. Auch ihr, Soldaten, dächte ich, müßtet ihnen nicht, gleich Ausgestorbenen, unter Wehklagen und 240 Thränen nachtrauern; – sie leben ja und wirken durch den Ruhm ihrer Thaten; – sondern ihr müsset jedesmal, so oft euch, [im Begriffe zu fechten, und wer auch euer Anführer sein mag.]Quotiescumque occurret.] – Nach der Ordnung der Gedankenfolge des Textes heißt es: quotiescumque memoria Scipionum vobis occurret, vos ita praelia inire velim, veluti si eos – – videatis. Da ist also das Schlachtanfangen eine Folge der Erinnerung an die Scipione. Wie kann aber Marcius seinen Soldaten zumuthen, daß sie jedesmal, wenn ihnen ihre verstorbenen Feldherren einfallen, in die Schlacht gehen sollen? Wie? wenn sie nun gegen keinen Feind ständen? oder gar, wenn Friede ist? sollen sie bei der Erinnerung an die Scipionen Krieg anfangen? Meiner Meinung nach mußte es heißen: so oft ihr zur Schlacht gehet, so erinnert euch ihrer, und fechtet so, als ob ihr sie etc. Ich glaube, Livius habe geschrieben: sed quotiescumque pugnaturis, duce quocumque, occurret memoria illorum, velut si etc. Die ähnlichen Endungen in quoties cumque und duce quocumque waren Schuld, daß die Abschreiber die dazwischen stehenden Worte pugnaturis, duce quocumque ausfallen ließen. Alsdann wäre pugnaturis (vobis) der zu occurret gehörige Dativ der hier fehlte; ferner läge im videatis eos ein so viel stärkerer Gegensatz von duce quocumque; und in den Worten duce quocumque steckte ein verschwiegenes etiam me duce. «Mag euch führen, wer da will, (selbst nur ein Ritter, wie ich jetzt) so denkt nicht an ihn, nicht an mich, sondern an die Scipione: als ob ihr sie [nicht den ducem quemcumque, nicht mich] euch Muth einsprechen, euch das Zeichen geben sähet.» ihr Andenken begegnet, so in die Schlachten gehen, als ob ihr sie euch Muth einsprechen, euch das Zeichen geben sähet. Und gewiß bewirkte keine andere Erscheinung, als die ihrige, dadurch daß sie euren Augen und euren Seelen vorschwebte, am gestrigen Tage das denkwürdige Gefecht, in welchem ihr den Feinden den Beweis gegeben habt, daß nicht zugleich mit den Scipionen Alles, was Römer heißt, ausgestorben sei; sondern daß die Kraft und Tapferkeit dieses Volks, da sie im Unglücke von Cannä nicht versank, sich gewiß aus jedem Sturme des Schicksals emporarbeiten werde. Jetzt, da ihr so viel aus eignem Triebe gewagt habt, möchte ich wohl den Versuch machen, wie viel ihr, aufgefordert von eurem Anführer, wagen würdet. Denn es war gestern, als ich euch von der fortreißenden Verfolgung des in Unordnung fliehenden Feindes durch mein Zeichen zurückrief, nicht meine Absicht, euren Muth zu brechen, sondern ihn für euren größern Ruhm und für ein sich darbietendes Glück zu sparen, damit ihr demnächst als die Vorbereiteten Unbesorgte, als die 241 Bewaffneten Wehrlose, ja sogar im Schlafe Liegende im günstigsten Zeitpunkte überfallen könntet. Und die Hoffnung auf diese Gelegenheit, ihr Soldaten, hege ich nicht etwa, ohne Grund zu haben, sondern weil sie aus der Sache selbst hervorging. Auch ihr würdet, wenn euch jemand fragen sollte, wie eurer so Wenige gegen so Viele, ihr, die Besiegten, gegen die Sieger euer Lager behauptet hättet, gewiß nichts anders antworten, als gerade weil ihr dies befürchtet hättet, hättet ihr Alles durch Werke gehörig gedeckt gehabt, und wäret selbst bereit und schlagfertig gewesen. Und so verhält es sich. Die Menschen sind gegen keinen Schlag weniger gesichert, als den das Glück sie nicht fürchten läßt; weil allemal unsre unbeachtete Seite auch die unbewachte, und offene ist. Nichts in der Welt fürchten unsre Feinde jetzt weniger, als daß wir, so eben noch selbst die Eingeschlossenen und Umstürmten, ihr Lager als die Angreifenden bestürmen könnten. Lasset uns unternehmen, was als Unternehmung von unsrer Seite nicht denkbar ist. Eben darum, weil es so äußerst schwer scheint, wird es äußerst leicht sein. Um die dritte Nachtwache will ich euch in aller Stille hinführen. Ich weiß durch sichere Erkundigungen, daß sie keine Ordnung in ihren Wachen, keine gehörigen Posten haben. Schon der Ton eures Feldgeschreies in ihren Thoren und der erste Sturm werden das Lager erobern. Dann richtet mir unter den von Schlaf Betäubten, durch das überraschende Getümmel Besinnungslosen, auf ihren Schlafstellen wehrlos Überfallenen das Blutbad an, von welchem gestern abgerufen zu werden euch so empfindlich war. Ich weiß, mein Plan scheint gewagt. Allein in dringender Noth und bei schmaler Hoffnung ist immer die kräftigste Maßregel die sicherste; weil wir dann, wenn wir im entscheidenden Augenblicke des im Vorüberfluge sich darbietenden günstigen Zeitpunkts im mindesten gesäumt haben, hinterher den unbenutzten vergebens zurückwünschen. Nur eins ihrer Heere steht in der Nähe«: zwei sind nicht weit entfernt: und ihr habt schon eure Stärke mit der 242 ihrigen gemessen. Lassen wir Einen Tag verstreichen, sind wir nach dem Rufe von unserm gestrigen Ausfalle nicht mehr die Verächtlichen, so laufen wir Gefahr, daß sich die Feldherren alle, die Truppen alle, vereinigen. Werden wir dann drei Feldherren, drei feindlichen Heeren, gewachsen sein, denen ein Cneus Scipio mit dem vollständigen Heere nicht gewachsen war? So wie unsre Feldherren durch die Theilung ihrer Truppen unglücklich wurden, so können auch die Feinde, getrennt und getheilt, zu Grunde gerichtet werden. Einen andern Weg der Unternehmung giebt es für uns nicht. So lasset uns denn auf nichts weiter warten, als auf den günstigen Zeitpunkt der nächsten Nacht. Gehet unter dem gnädigen Beistande der Götter, und thut euch zu gute, um bei voller Kraft und Wirksamkeit mit eben dem Muthe in das feindliche Lager einzubrechen, mit dem ihr das eurige vertheidigt habt.»

Der neue Vorschlag vom neuen Feldherrn machte ihnen Freude; und je kühner er war, je mehr gefiel er ihnen. Die übrige Tageszeit brachten sie hin, die Waffen in Stand zu setzen und sich zu gute zu thun, und den größeren Theil der Nacht wandten sie zum Schlafen an. Mit der vierten Nachtwache brachen sie auf.

39. Über das nächste Lager hinaus standen in einer Entfernung von sechstausend Schritten noch andre Punische Truppen. Ein hohles, von Bäumen dichtes Thal war dazwischen. Beinahe in der Mitte dieser Waldung wurde mit Punischer Schlauheit eine Römische Cohorte und Reuterei versteckt. Als man so den Zwischenweg gesperrt hatte, wurden die übrigen Truppen in aller Stille gegen die nächsten Feinde geführt. Und da an den Thoren kein Posten, auf dem Walle keine Wache stand, so zogen sie ohne irgend einigen Widerstand, wie in ihr eignes Lager, völlig ein. Nun erschallen die Trompeten und das Feldgeschrei erhebt sich. Hier hauen sie die halbschlafenden Feinde nieder, dort werfen sie Feuer auf die mit dürrem Strohe gedeckten Hütten; Andre besetzen die Thore, um die Flucht zu sperren. Feuer, Geschrei, 243 Gemetzel, Alles zugleich, läßt die Feinde, wie ihrer Sinne beraubt, nichts hören, nichts veranstalten. Wehrlos gerathen sie unter bewaffnete Scharen; einige rennen nach den Thoren, andre springen, weil sie die Wege gesperrt finden, über den Wall; und so wie sich jeder davon macht, eilt er sofort dem andern Lager zu, wo Alle von der aus dem Hinterhalte hervorbrechenden Cohorte und Reuterei umzingelt und insgesamt niedergehauen werden. Wiewohl wenn auch einer diesem Gemetzel entronnen wäre, so eilten doch die Römer nach Eroberung des näheren Lagers in solchem Fluge zu dem zweiten hinüber, daß ihnen kein Bote des Unglücks voraufkommen konnte. In diesem nun fanden sie, weil es vom Feinde so viel weiter entfernt lag, und weil gegen Morgen viele auf Futter- und Holzholungen, manche auch zum Plündern ausgegangen waren, die Vernachlässigung und Unachtsamkeit in allen Stücken noch größer; auf den Posten bloß die Gewehre hingestellt, die Soldaten ohne Waffen auf der Erde sitzen und liegen, oder außerhalb des Walles und vor den Thoren auf- und abgehen. Auf diese Sorglosen und Unachtsamen hieben jetzt, noch heiß vom eben bestandenen Kampfe und durch ihren Sieg gehoben, die Römer ein. Also war an den Thoren aller Widerstand unmöglich. Aber hinter denselben erhob sich, als auf das erste Geschrei und Getümmel der Zulauf aus dem ganzen Lager sich sammelte, ein heftiger Kampf: und er würde lange gedauert haben, wenn nicht der Anblick der blutigen Römischen Schilde den Puniern den Beweis von der Niederlage des ersten Heers und dadurch Bestürzung mitgetheilt hätte. In diesem Schrecken wandten sie sich Alle zur Flucht, und da sie, bis auf die, welche das Gemetzel übereilte, allenthalben, wo nur ein Weg war, hinausstürzten, so blieb ihr Lager den Siegern. So wurden in Zeit von Nacht und Tag unter Anführung des Lucius Marcius zwei feindliche Lager erobert.

Claudius, welcher die Jahrbücher des Acilius aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hat, giebt die Anzahl der gebliebenen Feinde auf siebenunddreißig 244 tausend, die der Gefangenen auf tausend achthundert und dreißig und den Betrag der Beute sehr groß an; in dieser habe sich auch ein silberner Schild, hundert und achtunddreißig Pfund schwer, mit dem Bilde des Hasdrubal Barcas befunden. Valerius von Antium sagt, nur Mago's Lager sei erobert und siebentausend Feinde getödtet: in der zweiten Schlacht habe man nur in einem Ausfalle mit dem Hasdrubal gefochten, und zehntausend getödtet, viertausend dreihundert und dreißig zu Gefangenen gemacht. Piso schreibt, als Mago den weichenden Unsrigen zu hitzig nachgesetzt habe; habe er durch einen Hinterhalt fünftausend Mann verloren. Alle lassen dem Marcius als Anführer große Ehre. Ja Einige erhöhen seinen wirklichen Ruhm durch Erzählungen von Wundern. Während seiner Rede sei ihm vom Haupte, ohne Empfindung für ihn, aber zum großen Entsetzen der umstehenden Soldaten, eine Flamme aufgelodert: auch soll sich als Denkmal seines Sieges über die Punier der Schild, unter dem Namen: der Marcische, mit Hasdrubals Bildnisse bis auf den Brand des CapitolsIm Jahre Roms 669 unter den Consuln Scipio und Norbanus. In dieser vermuthlich zufälligen Feuersbrunst verbrannten auch die Sibyllinischen Bücher. in diesem Tempel befunden haben.

Nun hielt man sich in Spanien eine Zeitlang ruhig, weil beide Theile nach so großen gegenseitig zugefügten und erlittenen Niederlagen Anstand nahmen, etwas Entscheidendes zu wagen.

40. Während dieser Ereignisse in Spanien ließ Marcellus, der nach der Eroberung von Syracus alles Übrige in Sicilien mit einer so großen Rechtschaffenheit und Reinheit in Ordnung gebracht hatte, daß er nicht bloß seinen Ruhm, sondern auch die Ehrfurcht gegen den Römischen Stat erhöhete, die Zierden dieser Stadt, die Statuen und Gemälde, woran Syracus einen Überfluß hatte, nach Rom abführen. Freilich war das Alles feindliche Beute, und nach dem Kriegsrechte Eigenthum geworden; allein eben daraus entstand auch die Bewunderung 245 Griechischer Kunstwerke, und diese Dreistigkeit, alles Heilige und Unheilige ohne Unterschied zu plündern, welches nachher die Römischen Götter selbst und gerade zuerst diesen vom Marcellus so herrlich geschmückten TempelWahrscheinlich in den Bürgerkriegen. Stroth. traf. Denn sonst besahen sich immer die Fremden in den beiden vom Marcellus am Capenischen Thore geweiheten Tempeln wegen der vortrefflichen Prachtstücke dieser Art, von denen aber jetzt nur noch ein sehr kleiner Theil vorhanden ist.

Fast aus allen Städten Siciliens fanden sich nun beim Marcellus Gesandschaften ein. So wie sie ungleiche Sache hatten, hatten sie auch ungleiches Schicksal. Diejenigen, welche vor der Eroberung von Syracus entweder nicht abgefallen, oder zur Verbindung mit Rom zurückgekehrt waren, wurden als treue Bundesgenossen angesehen und behandelt; die sich aber nach der Eroberung von Syracus aus Furcht ergeben hatten, mußten als Besiegte vom Sieger sich Gesetze geben lassen. Doch fanden sich für die Römer in der Gegend von Agrigent nicht unbeträchtliche Reste des Krieges; Epicydes nämlich und Hanno, als die vom bisherigen Kriege noch übrigen Feldherren, und ein dritter, neuer, welchen Hannibal in des Hippocrates Stelle geschickt hatte, ein Libyphönicier von Abkunft aus Hippo – er hieß bei seinen Landsleuten Mutines – ein unternehmender Mann und als Zögling Hannibals mit allen Regeln des Krieges bekannt. Epicydes und Hanno übergaben ihm die Numidischen Hülfstruppen. Mit diesen durchstreifte er das feindliche Gebiet dergestalt, und stellte sich, um die Bundesgenossen in ihrer Treue zu erhalten, oder wo diesem und jenem in der Noth zu helfen war, immer so richtig ein, daß er bald seinen Namen über ganz Sicilien verbreitete, und die Anhänger der Carthagischen Partei auf niemand so große Hoffnung setzten, als auf ihn. Die beiden Feldherren also, der Punische und der Syracusanische, seit einiger Zeit bloß auf die Mauern von Agrigent beschränkt, 246 wagten sich jetzt, ich sage nicht, auf Mutines Rath, aber doch im Vertrauen auf ihn, aus den Mauern hervor und schlugen am Flusse Himera ihr Lager auf. Gleich auf die Nachricht hiervon setzte sich Marcellus mit seinen Truppen in Bewegung und nahm beinahe viertausend Schritte von den Feinden seine Stellung, um ihr Verfahren und ihre Plane abzuwarten. Allein Mutines setzte über den Fluß, bewirkte durch seine Angriffe auf die feindlichen Posten Schrecken und Auflauf, und ließ ihm zum Warten und Überlegen weder Gelegenheit noch Zeit; ja den folgenden Tag jagte er die Römer beinahe in einem ordentlichen Treffen in ihre Verschanzungen. Da ihn nun ein im Lager ausgebrochener Aufstand der Numider, von denen auch beinahe dreihundert nach Heraclea Minoa weggingen, von hier abrief, um sie wieder zu besänftigen und zurückzuholen, so soll er bei seiner Abreise die andern Feldherren ernstlich gewarnt haben, in seiner Abwesenheit sich mit dem Feinde nicht einzulassen. Dies verdroß beide, den Hanno am meisten, weil ihm der Ruhm des Mannes schon lange Kummer machte. «Ein Mutines, ein halber Africaner, wolle ihm, einem Carthagischen, von Senat und Volk ausgesandten Feldherrn, seine Gränzen anweisen.» Er brachte den Epicydes, trotz seines Sträubens, zu der Einwilligung, daß sie über den Fluß setzten und in Linie ausrückten. «Denn wollten sie den Mutines erwarten,» sagte Hanno, «und die Schlacht fiele glücklich aus, so werde sicher Mutines die Ehre davontragen.»

41. Da nun gab Marcellus, der es sich zur Schande rechnete, wenn er diesen von ihm selbst zu Lande und zu Wasser besiegten Feinden auswiche, da er den auf den Sieg bei Cannä fußenden Hannibal von Nola zurückgeschlagen habe, sogleich seinen Soldaten Befehl, zu den Waffen zu greifen und auszurücken. Als er sein Heer stellte, kamen zehn Numider zu Pferde in vollem Laufe aus der feindlichen Linie angesprengt und meldeten, ihre Landsleute würden, theils in Folge jenes Aufstandes, in welchem dreihundert aus ihrer Anzahl nach Heraclea 247 weggegangen wären, theils weil sie ihren Obersten gerade vor dem Tage der Schlacht von beiden seinem Ruhme entgegen arbeitenden Feldherren weggeschickt sahen, in der Schlacht sich ruhig verhalten. Die sonst so treulose Nation hielt diesmal Wort. Folglich wuchs nicht nur den Römern der Muth, als schleunig durch alle Glieder bekannt gemacht wurde, der Feind werde von seiner Reuterei, vor der sie sich am meisten fürchteten, im Stiche gelassen; sondern die Feinde geriethen auch in Schrecken, da sich ihnen, außerdem daß gerade ihre größte Stärke sie nicht unterstützte, noch die Furcht aufdrängte, zugleich von ihrer eignen Reuterei angegriffen zu werden. Also kostete es hier nicht vielen Kampf. Das erste Geschrei beim Angriffe entschied. Als die Numider, die während des Zusammentreffens ruhig auf den Flügeln stehen blieben, die Ihrigen den Rücken kehren sahen, so nahmen sie nur an ihrer Flucht auf eine Strecke als Begleitung Theil: wie sie aber sahen, daß sich der ganze Zug in voller Bestürzung nach Agrigent wende, verliefen sie sich, um sich nicht belagern zu lassen, in die nächsten Städte umher. Viele tausend Menschen wurden getödtet und gefangen, und acht Elephanten. Dies war Marcell's letzte Schlacht in Sicilien. Er ging von hier als Sieger nach Syracus zurück.

Schon war das Jahr beinahe zu Ende. Also befahl der Senat zu Rom, der Prätor Publius Cornelius solle den Consuln vor Capua schriftlich anzeigen, während Hannibal weit entfernt sei, und bei Capua nichts von großem Belange vorgenommen werde, möge der Eine von ihnen, wenn sie es für gut fänden, zur Wahl der neuen Obrigkeiten nach Rom kommen. Nach Empfange des Briefes verglichen sich die Consuln so, daß Claudius die Wahlen zu Stande bringen, Fulvius vor Capua bleiben solle. Unter des Claudius Vorsitze wurden Cneus Fulvius Centumalus und Publius Sulpicius Galba, des Servius Sohn, ob er gleich noch kein adliches Amt bekleidet hatte, zu Consuln ernannt. Darauf erwählte man zu Prätoren den Lucius Cornelius Lentulus, 248 Marcus Cornelius Cethegus, Cajus Sulpicius, Cajus Calpurnius Piso. Den Piso traf die Gerichtspflege in der Stadt, den Sulpicius Sicilien, den Cethegus Apulien, den Lentulus Sardinien. Den Consuln wurde der Heerbefehl auf ein Jahr verlängert.

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