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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 79
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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22. Die Nachrichten von diesen Niederlagen, welche zu Rom eine über die andre einliefen, bewirkten freilich allgemeine Trauer und Bestürzung; doch machten sie, weil die Consuln auf dem Hauptpunkte bis dahin glücklich waren, einen minder tiefen Eindruck. An die Consuln schickte man den Cajus Lätorius und Marcus 210 Metilius als Abgeordnete mit der Bestellung, sie möchten die Reste jener beiden Heere sorgfältig sammeln, und zu verhindern suchen, daß sie sich nicht aus Furcht und Verzweifelung, wie es nach der Cannensischen Niederlage der Fall gewesen sei, an die Feinde auslieferten; auch sollten sie die Ausreißer vom Heere der angekauften Sklaven wieder aufsuchen lassen. Eben dies Geschäft bekam auch Publius Cornelius, welchem auch die Werbung aufgetragen war: und er machte in allen Marktflecken und auf den Sammelplätzen bekannt, daß eine Aufsuchung der angekauften Sklaven vorgenommen und diese wieder zu den Fahnen geliefert werden sollten. Dies Alles betrieb man mit der angestrengtesten Sorgfalt. Dem Consul Appius Claudius, der an der Mündung des Vulturnus den Decimus Junius, zu Puteoli den Marcus Aurelius Cotta zu Befehlshabern mit der Anweisung ernannt hatte, so wie aus Hetrurien und Sardinien Schiffe anlandeten, das Getreide sofort ins Lager zu liefern, fand nach seiner Zurückkunft vor Capua, daß sein Amtsgenoß zu Casilinum damit beschäftigt sei, zum Angriffe auf Capua Alles herüberzuschaffen und in Stand zu setzen.. Darauf gingen sie beide an die Einschließung der Stadt, und ließen auch den Prätor Claudius Nero von Suessula aus dem Claudischen Lager hieher rufen. Auch er zog sich also, nachdem er zur Behauptung des Platzes eine mäßige Besatzung zurückgelassen hatte, mit allen seinen übrigen Truppen nach Capua herunter. So standen um Capua drei Feldherrnzelte; und drei Heere, die auf entgegengesetzten Seiten das Werk begannen, machten sich daran, die Stadt mit Wall und Graben zu umziehen, sie legten in mäßigen Zwischenräumen Schanzen an, und fochten auf mehreren Punkten zugleich mit den Campanern, als sie die Anlagen stören wollten, mit solchem Erfolge, daß sich diese zuletzt auf ihre Thore und Mauern beschränkten. Ehe aber die Werke Zusammenhang bekamen, schickten sie Gesandte an Hannibal, welche darüber klagen mußten, daß er Capua im Stiche gelassen und so gut als an die Römer abgegeben habe; und ihn 211 beschwören sollten, ihnen als nicht mehr bloß umstellten, sondern schon umschanzten, wenigstens jetzt noch zu Hülfe zu kommen. Den Consuln schrieb der Prätor Publius Cornelius, «ehe sie Capua durch Werke einschlössen, möchten sie den Campanern erklären, daß es jedem von ihnen freistehen solle, Capua zu verlassen und sein Eigenthum mitzunehmen. Wer vor dem funfzehnten März herausginge, sollte frei sein und alles Seinige behalten. Nach jenem Tage würde jedermann, er möge herauskommen, oder darinnen bleiben, als Feind angesehen werden.» Der Antrag wurde den Campanern gethan, und von ihnen so geradezu abgewiesen, daß sie noch oben ein Schmähungen und Drohungen ausstießen.

Hannibal hatte in der Hoffnung, sich der Tarentinischen Burg durch Gewalt, oder durch List zu bemächtigen, seine Legionen von Herdonea nach Tarent geführt. Als ihm diese fehlschlug, bog er seitwärts gegen Brundusium, weil er glaubte, man werde ihm diese Stadt verrathen. Als er auch hier die Zeit vergeblich aufwandte, trafen die Campanischen Gesandten unter Klagen und Bitten zugleich bei ihm ein. Hannibal antwortete ihnen in einem hohen Tone: «Seine Ankunft habe schon einmal der Belagerung ein Ende gemacht, und auch jetzt würden die Consuln sie nicht bestehen.» Die Gesandten, mit dieser Hoffnung entlassen, konnten kaum wieder in die Stadt kommen, weil sie schon mit einem doppelten Graben und Walle umgeben war.

23. Gerade als die Aufführung des Pfahlwalles um Capua am eifrigsten betrieben wurde, erreichte die Belagerung von Syracus ihr Ende, welches außer der Thätigkeit und Tapferkeit des Feldherrn und des Heeres, auch durch Verrath von innen bewirket ward.

Marcellus nämlich, im Anfange des Frühlings noch unschlüssig, ob er dem Kriege die Richtung auf Agrigent gegen den Himilco und Hippocrates geben, oder ob er die Einschließung von Syracus fortsetzen sollte, wenn er gleich einsah, daß eine von der Land- und Seeseite unüberwindliche Stadt so wenig durch Sturm als durch 212 Hunger zu erobern sei, da die Zufuhr der Lebensmittel von Carthago aus beinahe frei war; forderte doch, um nichts unversucht zu lassen, die zu ihm übergegangenen Syracusaner auf, – es befanden sich aber im Römischen Lager einige der vornehmsten Männer, die man um die Zeit des Abfalls von den Römern, weil sie den neuen Maßregeln nicht beistimmeten, vertrieben hatte – durch Unterredungen mit Leuten von ihrer Partei die Gesinnungen zu erforschen und ihnen zu versprechen, wenn sie Syracus übergäben, sollten sie als freie Leute nach ihren Gesetzen leben. Die Unterredungen ließen sich aber nicht möglich machen, weil bei dem Verdachte gegen die Gesinnung so vieler Mitbürger die Besorgniß und selbst die Blicke Aller darauf gerichtet waren, jedem Anschlage dieser Art auf die Spur zu kommen. Ein einziger Sklave dieser Vertriebenen, den sie wie einen Überläufer in die Stadt gehen ließen, und der sich nur an Einzelne wandte, brach diesen Gesprächen zuerst die Bahn. Dann ließen sich Einige in einem Fischerkahne mit Netzen zudecken, fuhren so zum Römischen Lager herum und besprachen sich mit den Übergegangenen. Eben so machten es zu wiederholten Malen bald diese, bald Andere. Zuletzt waren ihrer gegen achtzig. Und da schon Alles zur Übergabe verabredet war, wurden sie sämtlich auf die von einem gewissen Attalus dem Epicydes gemachte Anzeige – er that das aus Unwillen darüber, daß man ihn nicht in das Geheimniß gezogen hatte – unter Martern hingerichtet.

An die Stelle dieser vereitelten Hoffnung trat bald nachher eine andere. Ein gewisser Damippus, ein Lacedämonier, der von Syracus an den König Philippus gesandt wurde, war von Römischen Schiffen aufgebracht. Theils war dem Epicydes sehr daran gelegen, den Mann auszuwechseln, theils war Marcellus nicht abgeneigt, weil es die Römer schon damals auf eine Verbindung mit den Ätolern anlegten, deren Bundesgenossen die Lacedämonier waren. Die Abgeordneten, welche über seine Auswechselung in Unterhandlung treten sollten, fanden einen Ort am Hafen der Trogilier, nahe an dem Thurme, 213 der der Wieselfang hieß, am meisten in der Mitte und für beide Theile am gelegensten. Nach öfterer hier gehaltenen Zusammenkunft meldete ein Römer, der bei näherer Ansicht der Mauer ihre Höhe nach einem muthmaßlichen Überschlage ausmaß, – denn er konnte die Steine zählen und in Gedanken die vordere Höhe eines jeden berechnen – und jetzt zu finden glaubte, daß sie bei weitem niedriger, als er und Andre bisher gemeint hatten, und selbst auf mittelmäßigen Leitern zu ersteigen sei, dem Marcellus seine Entdeckung. Marcellus hielt sie der Beachtung nicht unwerth. Weil aber dieser Stelle nicht beizukommen war, die eben um dieser Rücksicht willen so viel sorgfältiger bewacht wurde., so sah man sich nach einer Gelegenheit um. Und diese bot sich durch einen Überläufer, welcher aussagte, das Fest der Diana werde drei Tage hinter einander begangen, und weil es bei der Belagerung an manchem Andern fehle, so würden die Gastgebote durch reichlicheren Weingenuß gefeiert: diesen habe Epicydes dem gesamten Bürgerstande durch eine Spende möglich gemacht, welche durch die Vornehmsten unter die Bezirke vertheilt sei. Als Marcellus dies erfuhr, besprach er sich mit einigen seiner Obersten, und nachdem er durch sie zur Ausrichtung und Unternehmung eines so wichtigen Vorhabens die tauglichsten Hauptleute und Soldaten ausgesucht und Leitern in aller Stille zusammengebracht hatte, ließ er den Übrigen durch Lagerbefehl bekannt machen, sie sollten bei Zeiten sich gehörig stärken und schlafen legen, weil sie in der Nacht zu einer Unternehmung aufbrechen müßten. Als die Zeit dazusein schien; wo die Belagerten nach ihren noch bei hellem Tage angegangenen Gastereien schon von Wein überfüllt im ersten Schlafe liegen mußten, ließ er die Soldaten von Einer Fahne die Leitern nehmen, und etwa gegen tausend Bewaffnete in einer schmalen Linie ganz in der Stille an jenen Ort führen. Als die Ersten ohne alles Geräusch und Lärm hinaufgestiegen waren, folgten die Andern der Reihe nach, da die Kühnheit der Vorangegangenen auch den minder Entschlossenen Muth machte.

214 24. Schon hatten die tausend Bewaffneten einen Theil der Stadt gewonnen, als die übrigen TruppenQuum ceterae admotae.] – Einige wollen hier lieber ceteri admoti lesen und das que hinter pluribus weglassen. Stroth meint, man müsse ein im Sinne liegendes cohortes zu Hülfe nehmen, doch sei die Auslassung dieses Wortes eine Härte. Sollte nicht die Ähnlichkeit der Abkürzungen ctae und cpae, oder die Ähnlichkeit der Worte ceterae und copiae Schuld daran sein, daß das letztere hier ausgelassen wurde? Ich läse die Stelle gern so: quum ceterae copiae admotae: pluribusque scalis in murum etc. anrückten; und schon erstiegen sie die Mauer auf mehrern Leitern, indem man ihnen ein Zeichen vom Hexapylon aus gab, wohin man, ohne Einem Menschen zu begegnen, gekommen war, weil ein großer Theil, der auf den Thürmen geschmauset hatte, entweder vom Weine eingeschlafen war, oder halbtrunken noch zechte. Man tödtete nur einige, die man auf ihrem Lager überfiel. Erst in der Nähe vom Hexapylon wurde die Gewalt durch Sprengung eines Pförtchens laut: schon war aber von der Mauer das verabredete Zeichen mit der Trompete gegeben; und zugleich ging man auf allen Seiten nicht mehr verstohlen, sondern mit offenbarer Gewalt zu Werke, weil man bis Epipolä, einen stark besetzten Ort, gekommen war, und die Feinde mehr geschreckt, als getäuscht werden mußten. Und sie ließen sich schrecken. Denn sobald man den Klang der Trompeten und das Geschrei derer vernahm, welche die Mauern und einen Theil der Stadt im Besitze hatten, so flohen die Wachen in der Meinung, es sei schon Alles besetzt, zum Theile auf der Mauer weiter, theils sprangen sie von der Mauer oder stürzten im Gewühle der Zusammengeschreckten herab. Bei dem Allen war ein großer Theil mit dem fürchterlichen Unglücke noch unbekannt, entweder weil sie Alle im Rausche und tiefem Schlafe lagen oder weil in einer Stadt von so weitem Umfange das, was in Einem Theile vorging, nicht so vernehmlich nach allen Seiten hinüberscholl. Gegen Morgen setzte sie Marcellus, der nach Erbrechung des Hexapylums mit allen Truppen einrückte, sämtlich in Bewegung und in die Noth, zu den Waffen zu greifen und ihrer fast schon eroberten Stadt, wo 215 möglich, zu Hülfe zu kommen. Epicydes, der von der Insel – sie heißt bei ihnen Nasos – mit einem fortgerafften Haufen anrückte, und gar nicht daran zweifelte, die wenigen etwa durch Nachlässigkeit der Wachen über die Mauer Gestiegenen bald hinauszuwerfen, der sogar die in der Bestürzung ihm entgegen sprengenden mit den Worten anließ: Sie vermehrten nur den Lärmen und machten in ihren Angaben die Sache größer und fürchterlicher, als sie wirklich sei; wandte bald, da er um Epipolä Alles voll Waffen sah, ohne etwas weiter zu thun, als daß er den Feind durch einige Schüsse beunruhigte, mit seinem Zuge nach Achradina um, nicht so sehr aus Furcht vor der Übermacht und Menge der Feinde, als daß bei dieser Gelegenheit ein geheimer Plan im Innern ausbrechen möchte, und er dann bei dem Auflaufe die Thore von Achradina und der Insel verschlossen fände.

Als Marcellus nach seinem Einzuge in die Mauern fast die schönste aller damaligen Städte von den höhern Gegenden aus überblickte, soll ihn theils die Freude über eine so wichtige vollbrachte That, theils der uralte Ruhm der Stadt, zu Thränen gerührt haben. Die in Grund gebohrten Flotten der Athenienser, die beiden großen mit ihren beiden weltberühmten Feldherren vertilgten Heere, stellten sich seinem Geiste dar; die vielen, von dieser Stadt mit Carthago geführten, für ihre Feindinn so mißlichen, Kriege; ihre so vielen und so mächtigen Zwingherren und Könige; vor allen Hiero, theils als König aus der neuesten Zeit, theils über alles Andre, was eigner Werth und Glück ihm beschied, durch seine Verdienste um den Römischen Stat so ausgezeichnet. Da ihm dies Alles vor die Seele trat, und ihn der Gedanke ergriff, daß dies vor ihm liegende Ganze, wenn jetzt die Stunde des Unglücks geböte, in Flammen stehen und in Asche zurückkehren werde, so schickte er, ehe er mit den Fahnen gegen Achradina anrückte, die Syracusaner, welche, wie oben gesagt, bei den Römischen Truppen ihre Sicherheit gefunden hatten, vorauf, damit sie durch friedliche Vorstellungen die Feinde bewegen mochten, diese Stadt zu übergeben.

216 25. Allein die Thore und Mauern von Achradina waren meistens mit Überläufern besetzt, welche bei einer unterhandelten Übergabe keine Begnadigung hoffen durften: und sie litten keine Annäherung an die Mauer, keine Unterredung. Marcellus also, wie er die Unthunlichkeit seines Anschlages sah, gab den Truppen Befehl, sich gegen den Euryalus zurückzuziehen. Dies ist ein vom Meere abwärts gelegener Hügel an der äußersten Ecke der Stadt; er beherrscht die in die Felder und in die Mitte Siciliens führende Heerstraße, und gewährt durch seine Lage den Vortheil, alle Zufuhr auffangen zu können. Den Oberbefehl in dieser Festung hatte der vom Epicydes hieher gelegte Argiver, Philodemus. Sosis, einer von den Mördern des Tyrannen, der vom Marcellus an ihn geschickt und nach einer langen Unterredung unter einem leeren Vorwande auf eine andre Zeit wiederbestellt wurde, meldete dem Marcellus, der Mann habe sich Bedenkzeit genommen, Da er aber einen Tag nach dem andern aufschob, bis Hippocrates und Himilco mit ihren Lagern und Heeren in die Nahe kämen, und dann erwarten konnte, daß das zwischen Mauern eingeschlossene Römische Heer, sobald er jene in die Festung einnähme, aufgerieben werden müsse; so schlug Marcellus, wie er sah, daß der Euryalus ihm nicht überliefert werde und daß er auch nicht zu erobern stehe, zwischen Neapolis und Tycha – so heißen diese Städten gleichenden Theile der Stadt – sein Lager auf, zugleich aus Besorgniß, er werde seine beutelustigen Soldaten, wenn er sich auf die bewohnteren Gegenden einließe, nicht von der Zerstreuung zurückhalten können. Hier fanden sich unter dem Schutze der heiligen Binde und andrer Umhüllungen Gesandte von Tycha und Neapolis mit dem Antrage bei ihm ein, er möge nur nicht morden und brennen lassen. Nachdem Marcellus über dies, mehr im Tone der Bitte, als der Forderung vorgebrachte Gesuch Kriegsrath gehalten hatte, so ließ er nach der einstimmigen Meinung aller Mitglieder den Soldaten bekannt machen: «Es solle sich Keiner an einem Freigebornen vergreifen: alles 217 Übrige solle ihnen als Beute gehören.» Das Lager mußte sich an einer Mauer hinter dem FachwerkeCastraque tectis parietum.] – Tectis parietum ist gegen allen Sinn: es müßte ja heißen tectorum parietibus. Auch verwirft Duker mit Recht das que hinter Castra. Er sagt: Oratio scabra est. nam edixitcastraque septastationes disposuit non cohaerent. Stroth ist ungewiß, ob er Castra obiectu parietum pro muro septa, oder Castra obiectis parietibus pro muro septa lesen soll. Drakenborch giebt die Stelle ganz auf. Wenn man sich erinnert, daß in den Msc. die Silbe con so oft durch einen Zug ausgedrückt wird, der ungefähr unsrer Zahl 9 gleich kommt, und daß dieser leicht für ein que bedeutendes q. angesehen werden konnte, so findet man vielleicht meinen Vorschlag Castra contextis parietum pro muro septa nicht zu gewagt. Unter contexta parietum (welches so, wie summa montium für summi montes, nichts anders ist, als contexti parietes) verstehe ich dann das Fach- und Flechtenwerk oder Ständerwerk der Häuserwände, oder die im Verbande stehenden Wände selbst. Bei Virgil heißt das Trojanische Pferd equus, trabibus contextus acernis. der Häuserwände schützen. An seine Thore, die gegen die Straßen der Stadt hin sich öffneten, vertheilte er Posten und Truppen, um es, während die Soldaten umherliefen, vor Angriffen zu sichern. Auf das gegebene Zeichen zerstreuten sich die Soldaten zum Plündern; doch enthielten sie sich, selbst bei Erbrechung der Thüren und dem allgemeinen Getöse des Schreckens und Getümmels, alles Mordens. Des Raubens aber war kein Ende, bis sie alle während eines vieljährigen Wohlstandes in den Häusern aufgehäuften Güter herausgeholt hatten.

Unterdeß übergab auch Philodemus, der sich, als ihm alle Hoffnung auf Hülfe schwand, das Versprechen geben ließ, daß man ihn, ohne sich an ihm zu vergreifen, zum Epicydes abziehen lassen wolle, mit Abführung seiner Truppen den Römern den Hügel. Gerade als das Getümmel der zum Theile eroberten Stadt die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog, segelte Bomilcar, der unter Begünstigung einer Nacht, in welcher die Römische Flotte des Sturmes wegen sich in tiefem Wasser nicht vor Anker legen konnte, mit fünfunddreißig Schiffen aus dem Syracusanischen Hafen abfuhr, ohne daß ihm jemand das Meer streitig machte, auf die Höhe, ließ dem Epicydes und den Syracusanern fünfundfunfzig Schiffe zurück, und nachdem er die Carthager über die mißliche Lage der Dinge zu Syracus unterrichtet hatte, kam er in wenig Tagen mit hundert und zwanzig Schiffen wieder, vom Epicydes, wie es hieß, durch ansehnliche Geschenke aus Hiero's Schatze hierzu vermocht.

218 26. Durch Eroberung und Besetzung des Euryalus hatte sich Marcellus der Einen Sorge entledigt, daß nicht etwa ein feindliches ihm im Rücken in die Festung aufgenommenes Kohr seine von Mauern eingeschlossenen und beengten Truppen beunruhigen möchte. Darauf umschloß er mit drei an vortheilhaften Stellen angelegten Lagern Achradina, in der Hoffnung, bei den Umlagerten einen völligen Mangel an allen Bedürfnissen zu bewirken. Nachdem man sich mehrere Tage lang auf den Posten von beiden Seiten ruhig verhalten hatte, so veranlaßte die unerwartete Ankunft des Hippocrates und Himilco, daß die Römer auf allen Punkten sogar die Angegriffenen wurden. Denn theils unternahm Hippocrates, der sich am großen Hafen verschanzt hatte, auf ein der Besatzung von Achradina gegebenes Zeichen, einen Sturm auf das alte Römische Lager unter dem Crispinus, theils that Epicydes einen Ausfall auf die Posten des Marcellus; und die Punische Flotte legte sich zwischen der Stadt und dem Römischen Lager an den Strand, damit Marcellus dem Crispinus keine Hülfe nachschicken könne. Und doch war der Auflauf, den die Feinde veranlaßten, größer als der Kampf. Denn den Hippocrates trieb Crispinus nicht bloß von den Verschanzungen ab, sondern er verfolgte ihn sogar auf seiner eiligen Flucht; und den Epicydes wies Marcellus in die Stadt zurück. Ja man schien sogar auf die Zukunft den Vortheil erreicht zu haben, daß man von unerwarteten Ausfällen der Feinde nichts zu fürchten hatte. Hierzu kam noch die Pest, ein Übel, welches beiden Theilen gemein und groß genug war, ihre Gedanken von allen Entwürfen des Krieges abzuziehen. Denn in der herbstlichen Jahrszeit und in einer an sich ungesunden Gegend hatte die unerträgliche Hitze fast auf alle Körper in beiden Lagern, wiewohl noch weit mehr in dem außerhalb als in der Stadt, einen nachtheiligen Einfluß. Und anfangs erkrankten und starben sie nur durch Schuld der Jahrszeit und des Ortes; nachher machte selbst die Pflege und Berührung der Kranken die Seuche allgemeiner, so daß Jeder, der einmal befiel; entweder verabsäumt und aufgegeben dahinstarb, oder seine Wärter und Pfleger, von demselben Gifte der Krankheit angesteckt, mit sich ins Grab riß; daß man täglich Leichen und Tod vor Augen hatte und rund um sich her Tag und Nacht das Jammern hörte. Zuletzt wurden die Herzen durch Gewöhnung an das Übel so unempfindlich, daß man den Gestorbenen nicht nur keine Thränen, keine schuldige Todtenklage widmete, sondern sie nicht einmal hinausschaffte oder begrub, so daß die entseelten Körper vor den Augen derer, die denselben Tod erwarteten, über einander lagen; und die Todten die Kranken, die Kranken die Gesunden nicht bloß durch die Furcht, sondern auch durch Fäulniß und todbringenden Geruch zu Grunde richteten; ja, um lieber durch das Schwert zu sterben, fielen Einige ganz allein die feindlichen Posten an. Doch wüthete die Pest weit stärker im Punischen Lager, als unter den Römern, welche sich während der langen Einschließung von Syracus schon mehr an die hiesige Luft und an die nasse Witterung gewöhnt hatten. Bei dem feindlichen Heere verliefen sich die Sicilianer, sobald sie sahen., daß an dem ungesunden Orte die Krankheit um sich greife, jeder in seine nahe Stadt: die Carthager hingegen, die nirgends eine Zuflucht hatten, starben samt ihren Feldherren Hippocrates und Himilco völlig aus. Marcellus hatte, als das Übel so heftig wurde, seine Truppen schon in die Stadt herübergeführt, und der Schutz der Häuser und Schatten stellte die Kranken wieder her. Doch auch im Römischen Heere wurden von dieser Pest Viele hingerafft.

27. Da die Punische Landmacht vertilgt war, schafften diejenigen Sicilianer, welche des Hippocrates Soldaten gewesen waren, in zweiIn haud magna oppida.] – Das Wort zwei habe ich in der Übersetzung deswegen hinzugethan, weil Livius nachher sagt: alterum – alterum. Durchaus nöthig ist es freilich nicht, im Grundtexte das Wort duo nach in einzuschieben. Doch leugne ich nicht, da Drakenb. (Index voc. Numeralia) Beispiele angiebt, daß III und M mit einander von den Abschreibern verwechselt werden, daß ich vermuthe, daß auch hier das N im Worte in oder das H im folgenden haud, Schuld gewesen sein könne, daß die Zahl II wegfiel. eben nicht große, aber 220 durch Lage und Befestigung sichere Städte – die eine liegt dreitausend, die andre funfzehn tausend Schritte von Syracus – aus ihren Städten Lebensmittel zusammen und zogen Hülfsvölker an sich. Unterdeß hatten auch die Vorstellungen Bomilcars zu Carthago, wo er zum zweitenmale mit seiner Flotte angelangt war, und von der Lage der Bundesgenossen eine solche Schilderung machte, daß man hoffen konnte, durch neue Hülfe nicht nur sie selbst zu retten, sondern auch die Römer in der noch nicht ganz eroberten Stadt zu umringen, die Wirkung gehabt, daß man ihm Vorräthe aller Art auf eine Menge von Lastschiffen mitgab und auch seine Flotte verstärkte. Bei seiner Abreise von Carthago mit hundert und dreißig Kriegs- und siebenhundert Lastschiffen hatte er zur Überfahrt nach Sicilien ganz günstige Winde. Eben so warenSed iidem venti superare.] – Auf Bomilcars Überfahrt von Carthago nach Sicilien war der ihm günstige Wind der West. Und über das Vorgebirge Pachynum hinauszukommen, konnte er sich keinen bessern wünschen. Folglich können wir nicht unter iidem venti, qui Pachynum superare prohibebant, den Westwind verstehen, um so viel weniger, da wir gleich nachher aus der Besorgniß des Epicydes sehen, daß der Wind, der den Bomilcar nicht bei Pachynum vorbeisegeln ließ, der Ostwind war. Da in den Msc. (man sehe Drakenborchs Index) item, idem, itidem, iidem so oft verwechselt werden, so lese ich hier mit Einschaltung eines einzigen T statt iidem lieber itidem; und so habe ich übersetzt. Dem gar zu gewissenhaften Critiker, der auch dies T ohne Msc. nicht aufnehmen will, könnte ich vorschlagen, das Wort iidem als Adjectiv im Sinne seines adverbii zu nehmen; wie etwa in der Vorrede des Livius: in quam civitatem tam serae (dem Sinne nach tam sero) avaritia luxuriaque immigraverint, oder wie XXI. 21. si cetera prospera (für prospere) evenissent. Dann würde iidem venti so viel bedeuten, als sic venti, eodem modo, (wie XXVII. 22. Idem et Tubulo) itidem venti. Doch auch alsdann kommen wir, wenigstens dem Sinne nach, wieder auf mein vorgeschlagenes itidem zurück. es aber auch die Winde, welche ihn jetzt verhinderten, über Pachynum hinauszukommen. Da die Annäherung Bomilcars zuerst durch ihren Ruf, dann durch ihre unvermuthete Zögerung, bei Römern und Syracusanern wechselsweise Freude und Furcht erregte, so schiffte Epicydes aus Besorgniß, die Punische Flotte möchte, wenn derselbe 221 Ostwind, welcher jetzt wehete, mehrere Tage anhielte, nach Africa zurücksegeln, zum Bomilcar und überließ Achradina den Anführern der Miethsoldaten. Ihn, der mit den Vordertheilen seiner Schiffe Africa zugekehrt stand, und vor einem Seetreffen sich fürchtete, nicht sowohl, weil er an Stärke oder Schiffszahl der Schwächere gewesen wäre – denn hierin war die Überlegenheit auf seiner Seite – sondern weil der Wind der Römischen Flotte günstiger war, als der seinigen, bewog dennoch Epicydes endlich, sein Glück in einer Seeschlacht zu versuchen. Auch Marcellus, um nicht bei seiner Beschränkung auf eine feindliche Stadt zugleich zu Wasser und zu Lande angegriffen zu werden – denn er sah, daß die Sicilianer ein Heer aus der ganzen Insel zusammenbrachten, und daß eine Punische Flotte mit reichen Vorräthen im Anzuge sei – entschloß sich, obgleich an Schiffszahl der Schwächere, den Bomilcar nicht zu Syracus ankommen zu lassen.

Zwei einander beobachtende Flotten standen in der Gegend des Vorgebirges Pachynum, als wollten sie, sobald sie bei ruhigem Meere die Höhe gewinnen könnten, zusammentreffen. Wie also der seit mehreren Tagen stürmende Ostwind sich jetzt legte, setzte sich Bomilcar zuerst in Bewegung, und anfangsCuius prima classis.] – Ich finde dies bei Andern den Worten nach durch dessen erstes Geschwader oder die vordere Linie seiner Flotte übersetzt. Man sieht aber nicht, warum dieser hier besonders erwähnt werde, da von der hinteren Linie, als Gegensatze zum vorigen, nichts gedacht wird. Darum sagt auch Duker: Quae est illa prima classis? an pars, quae prima e portu vel statione egressa fuerat? Vix puto: nam classem totan intelligi, videntur ostendere sequentia. Er will deswegen – ich glaube sehr richtig – statt prima lieber primo gelesen haben. Dagegen sagt Stroth: prima, i. e. prior quam Romana [dagegen ist das den Augenblick vorhergegangene prior Bomilcar movit, worin das prior quam Romana, wie es Stroth erklärt, schon liegt] ipsa Latinitate τὸ prima requirente. Nam si scripsisset primo, ut doctiss. Dukerus volebat, aliud respexisset sermo; quasi primo altum petere visa, deinde in portum reversa esset classis. Stroth hätte meiner Meinung nach in den letzten Worten Recht, wenn das primo hier auf petere sich bezöge. Es bezieht sich aber auf visa est (scil. Romanis). Anfangs schien es den Römern, als wollte Bomilcar darum in die hohe See gehen, damit er um das Vorgebirge herum käme: nachher aber ging er ganz davon. Ich lese also nach Dukers Vorschlage prim o, nicht prim a. schien seine Flotte deswegen die Höhe zu suchen, um so viel leichter um das Vorgebirge 222 hinaus zu kommen. Allein als Bomilcar die Römischen Schiffe auf sich heransegeln sah, nahm er – man weiß nicht, was ihn so plötzlich in Furcht setzte, seinen Lauf in die hohe See, und nachdem er nach Heraclea den Befehl hatte abgehen lassen, daß auch die Frachtschiffe von dort nach Africa zurückgehen sollten, segelte er an Sicilien vorüber nach Tarent. Epicydes, dem auf einmal seine so große Hoffnung fehlgeschlagen war, schiffte, um nicht in die Belagerung einer großentheils schon eroberten Stadt zurückzukehren, nach Agrigent, mehr in der Absicht, den Ausgang abzuwarten, als von hieraus etwas zu unternehmen.

28. Als im Lager der Sicilianer die Nachrichten einliefen, Epicydes habe sich aus Syracus fortgemacht, die Carthager hätten die Insel verlassen und den Römern zum zweitenmale so gut als geräumt, so schickten sie, nachdem sie sich zuvor über die Gesinnung der Belagerten unterrichtet hatten, Gesandte an den Marcellus. Da man hier beinahe darüber Eins wurde, daß Alles, was irgendwo den Königen gehört habe, den Römern gehören, alles Übrige aber nebst ihrer Freiheit und Verfassung den Sicilianern verbleiben solle, so sagten sie denen, welchen Epicydes die Geschäfte übertragen hatte, in einer Unterredung, zu der sie diese herausgerufen hatten, «Das Sicilianische Heer habe sie zugleich an den Marcellus und an sie abgesandt, damit Alle zugleich, die Belagerten sowohl als die Nichteingeschlossenen, ihr Schicksal mit einander theilen, und die Einen nicht etwa Bedingungen für sich allein machen möchten.» Als sie von diesen eingelassen waren, um ihre Verwandten und Gastfreunde einmal zu sprechen, so vermochten sie diese, denen sie ihre schon mit dem Marcellus abgeschlossenen Verträge mittheilten, durch die ihnen gemachte Hoffnung ihres eignen Heils, dahin, daß sie ihnen behülflich waren, des Epicydes Stellvertreter, den Polyclitus, Philistus und Epicydes (Sindon genannt) zu überfallen. Als sie diese getödtet, die Einwohner zur Versammlung gerufen, und in die Klage über die Hungersnoth eingestimmt hatten, die schon oft unter diesen in der Stille des Gegenstand des Murrens gewesen war, so behaupteten 223 sie: «Bei der Menge der Übel, von denen sie bedrängt wären, dürften sie doch ihr Schicksal nicht anklagen, weil es selbst von ihnen abhinge, wie lange sie solche ertragen wollten. Syracus zu belagern, wären die Römer aus Liebe zu den Syracusanern veranlasset, nicht durch Haß. Denn nur als sie gehört hätten, Hippocrates und Epicydes, Hannibals und späterhin des Hieronymus Trabanten, hätten die Regierung an sich gerissen, nur dann erst hätten sie den Krieg eröffnet, und die Belagerung der Stadt unternommen, um die Tyrannei ihrer Bedrücker, nicht die Stadt selbst, zu erstürmen. Nun aber Hippocrates von der Pest weggerafft, Epicydes von Syracus abgeschnitten, auch die von ihm angestellten Obersten getödtet, und die Carthager aus dem Besitze Siciliens zu Wasser und zu Lande gänzlich vertrieben wären; was die Römer nun noch für einen Grund haben sollten, den Wohlstand von Syracus nicht eben so eifrig zu wünschen, als wenn Hiero, dies Muster der Anhänglichkeit an Rom, selbst noch lebte? Folglich stehe weder der Stadt, noch ihren Bewohnern irgend eine andere Gefahr bevor, als die sie sich selbst bereiten würden, wenn sie es versäumten,Nullam deinde fore) simul libertas.] – Ich folge der Interpunction und Lesart, welche Stroth aufgenommen hat, ob sie gleich für den Übersetzer mehr Schwierigkeit hatte. – und so günstig, wie in diesem entscheidenden Zeitpunkte, werde die Gelegenheit nie wieder kommen – sich mit den Römern in dem Augenblicke auszusöhnen, in welchem ihnen der erste Strahl der Errettung von ihren übermüthigen Tyrannen aufgegangen sei.»

29. Diese Rede fand außerordentlichen Beifall bei Allen, doch beschlossen sie, ehe sie Gesandte ernennten, zuvor Prätoren zu erwählen. Darauf wurden aus der Zahl der Prätoren selbst Abgeordnete an den Marcellus geschickt. Das Haupt der Gesandschaft sprach: «Wir Syracusaner waren es nicht, die in jener ersten Zeit von euch abfielen, sondern das that Hieronymus, der gegen euch lange so frevelhaft nicht war, als gegen uns; eben so wenig hat nachher den durch die Ermordung des 224 Tyrannen wiederhergestellten Frieden irgend ein Syracusaner gestört, sondern das thaten die Trabanten der Tyrannei, Hippocrates und Epicydes, nachdem sie uns theils durch Furcht, theils durch List unterdrückt hatten. Auch kann niemand behaupten, daß es für uns eine Zeit der Freiheit gegeben habe, die nicht zugleich die Zeit des Friedens mit euch gewesen wäre. Wenigstens haben wir uns, sobald wir durch Ermordung derer, welche Syracus unterdrückt hielten, unsre eignen Herren geworden sind, sogleich eingefunden, um unsre Waffen abzuliefern, uns selbst, unsre Stadt und Mauern zu übergeben, und uns jedes Schicksal gefallen zu lassen, das ihr uns auferlegen werdet. Die Ehre, die berühmteste und schönste der Griechischen Städte erobert zu haben, haben die Götter dir beschieden, Marcellus. Was wir je zu Lande und zu Meere Denkwürdiges verrichtet haben, schließt sich an den Ruhm deines Sieges. Könntest du es wünschenswerther finden, daß man die Größe der von dir eroberten Stadt der Sage zuglaube, als daß sie selbst vor dem Anblicke der Nachkommen dastehe? Nein. WohinQuo quisque terra.] – Ich kann dem Gefühle nicht widerstehen, daß hier – es ist ja eine Rede – das Feuer des Redners durch die eingeschobene Parenthese und durch die bis habendas tradas? fortgesetzte Frage gelähmt werde. Dies scheinen auch Crevier und Stroth gefühlt zu haben. Sie verwerfen die zu lang gedehnte Frage, aber nicht bloß am Schlusse bei tradas? sondern auch schon im ersten Satze bei spectaculo esse? Ich interpungire so: Famaene credi velis, qu. u. a te c. s., quam p. q. eam spectaculo esse? Quo quisque t. q. m. venerit, nunc n. de Ath. Carth. tropaea, nunc t. de nob. ostendat; incolumesque Syracusas familiae, vestrae – – – habendas tradas. Hiernach geht mit Quo quisque die Antwort auf die, meiner Meinung nach, bei spectaculo esse? geendigte Frage an, so wie ich übersetzt habe. Crevier und Stroth und Andre lesen Famae ne credi velis, ohne Frage, und Stroth stützt diese Behauptung auf das folgende Ne plus apud vos etc. Allein eben darum, weil Livius nachher mit dem verbietenden Ne den Satz anfängt, würde auch im Anfange das Ne besser vor famae stehen. So anstößig es uns hier sein müßte, wenn er nachher sagte: Plus ne apud vos statt ne plus apud vos, eben so anstößig ist mir das Famae ne credi velis statt Ne famae credi velis. Darum behält auch Drakenborch Famaene als Frage bei. Dagegen hat er, wie mich dünkt, unrecht, wenn er nun diese Frage bis über die Parenthese ausdehnt und erst bei tradas? damit endigt. Crevier nimmt das quo quisque – – venerit für ita, ut, quicumque in eam terra, qui cumque mari venerint, eis urbs ostendat, nunc nostra etc. Drakenborch zieht das quo richtiger zu venerit, will aber ostendat von dem auf die Tropäen hinzeigenden Fremden verstehen. Nach meiner Meinung ist der Sinn der: Quo i. e. quocumque, quemcumque in locum urbis, [Achradinamne an Tychen, Neapolin, Epipolas, Nasumve, ad quaecumque fora, templa, theatra, porticus arcusve triumphales] hospes seu terra, seu mari veniens accesserit, ibi urbs nostra ei ostendat tropaea etc. ac tu [potius, quam urbem deleri velis,] Syracusas illas celeberrimas – – familiae vestrae – – sub tutela habendas tradas. der 225 Fremde – vom Lande, von der See aus – den Fuß setzt, da müsse sie ihm hier die Denkmale unsrer Siege über Athen und Carthago, dort der deinigen über uns zeigen: und du müssest an dem von dir erhaltenen Syracus deinem Stamme ein dem Schutze des Marcellischen Namens anbefohlnes Pflegekind hinterlassen. Das Andenken des Hieronymus darf bei euch nicht über das des Hiero den Ausschlag haben. Er war weit länger euer Freund, als jener euer Feind: von Hiero's Wohlthaten ward euch der volle Genuß; die Tollheit jenes schlug nur zu seinem eigenen Verderben aus.

In Rücksicht auf die Römer hatten sie keine Fehlbitte, keine Unsicherheit zu fürchten. Unter ihnen selbst gab es der blutigen Auftritte und Gefahren desto mehr. Die Überläufer, die sich ihrer Auslieferung an die Römer versahen, flößten dieselbe Furcht auch den Miethsoldaten ein. Sie griffen zu den Waffen, hieben zuerst die Prätoren nieder, vertheilten sich dann, zum Gemetzel unter den Syracusanern, mordeten in der Wuth jeden, der ihnen vorkam, und wo sie zugreifen konnten, plünderten sie. Darauf ernannten sie, um nicht ohne Anführer zu sein, sechs Obersten, drei zu Befehlshabern in Achradina, drei für die Insel. Nach endlich gestilltem Auflaufe, als die Miethsoldaten durch Nachfrage in Erfahrung brachten, was man eigentlich mit den Römern unterhandelt habe, sahen sie, wie es wirklich stand, daß ihr Verhältniß von dem der Überläufer ganz verschieden sei.

30. Gerade jetzt kamen vom Marcellus die Gesandten zurück, welche ihnen aus einander setzten, daß sie sich durch ungegründeten Verdacht hätten aufbringen lassen, und daß die Römer auch nicht einen einzigen Grund wüßten, sie zur Strafe zu ziehen.

Unter den drei Obersten in Achradina war ein 226 Spanier, Namens Mericus. An ihn wurde im Gefolge der Gesandten absichtlich einer von den Spanischen Hülfstruppen hineingeschickt, der es sein Erstes sein ließ, sobald er den Mericus allein fand, ihm die Lage zu schildern, in welcher er Spanien verlassen habe: und er war erst neulich dorther gekommen. «Dort sei Alles den Römischen Waffen unterwürfig. Er könne ja, wenn er etwas Dankenswerthes leiste, unter seinen Landesleuten der erste Mann sein, er möge nun lieber auf Römischer Seite fechten, oder in sein Vaterland zurückgehen wollen. Hingegen, wenn er sich lieber länger belagern lasse, was er dann, zu Lande und zu Wasser eingeschlossen, für Aussichten haben könne?»

Auf diese Vorstellungen ließ Mericus mit der nächsten an den Marcellus abzuschickenden Gesandschaft seinen Bruder mitgehen. Dieser, der durch eben jenen Spanier ohne die Andern zum Marcellus geführt wurde, ließ sich von ihm die Zusage geben, verabredete mit ihm den der Sache zu gebenden Gang und kam nach Achradina zurück. Da fing Mericus an, um sich bei jedermann außer allen Verdacht einer Verrätherei zu setzen: «Dies Ab- und Zugehen der Gesandten gefalle ihm durchaus nicht. Man müsse so wenig jemand annehmen, als absenden; und damit die Wachen so viel sorgfältiger in Acht genommen würden, müßten die bedenklichen Stellen unter die Obersten vertheilt werden, so daß Jeder für die Aufsicht über seinen Bezirk verantwortlich sei.» Über diese Vertheilung der Plätze waren Alle seiner Meinung: ihm selbst bestimmte das Los die Gegend vom Quelle Arethusa bis zur Mündung des großen Hafens. Er sorgte dafür, daß die Römer dies erfuhren. Marcellus also ließ in der Nacht ein bemannetes Lastschiff im Taue eines Vierruderers an das Ufer von Achradina schleppen und die Soldaten in der Gegend des Thores landen, welches nahe am Quelle Arethusa liegt. Als dies um die vierte Nachtwache geschehen war, und Mericus die ans Land gesetzten Soldaten der Verabredung gemäß in das Thor gelassen hatte, that Marcellus am frühen 227 Morgen mit allen seinen Truppen einen Angriff auf die Mauern von Achradina, so daß er nicht allein die Besatzung von Achradina auf sich richtete, sondern auch die Truppen aus der Insel scharenweise mit Verlassung ihrer Posten herbeiliefen, um den Sturm der andringenden Römer abzuschlagen. In diesem Getümmel mußten einige Schnellruderer, die schon vorher bemannet und hieher herumgefahren waren, ihre Truppen auf der Insel aussetzen, welche durch ihren unvermutheten Angriff auf die halbbesetzten Posten und offengelassenen Pforten des Thores, durch welches so eben die Soldaten dorthin gelaufen waren, ohne großen Kampf die in der Verwirrung von ihrer weggeeilten Besatzung preisgegebene Insel eroberten. Auch zeigten die Überläufer unter Allen die wenigste Festigkeit oder Ausdauer zum Standhalten, da sie, selbst nicht ohne Mistrauen gegen ihre eigene Partei, mitten im Kampfe davonliefen. Als Marcellus erfuhr, daß die Insel erobert, ein Theil von Achradina von den Seinigen besetzt und Mericus mit seinen Truppen zu ihnen gestoßen sei, ließ er zum Rückzuge blasen, damit die königlichen Schätze, deren Ruf die Wahrheit noch überstieg, nicht geplündert werden möchten.

31. Darüber, daß er die Soldaten in ihrer Hitze zurückhielt, wurde theils den in Achradina befindlichen Überläufern Zeit und Raum zur Flucht gegönnt; theils schickten die endlich von ihrer Furcht erlöseten Syracusaner, die sogleich die Pforten von Achradina öffneten, Gesandte an den Marcellus, die um nichts weiter baten, als um ihr und der Ihrigen Leib und Leben. Marcellus antwortete ihnen vor einem berufenen Kriegsrathe, zu welchem er auch jene Syracusaner zog, die, durch Empörungen aus ihrer Vaterstadt vertrieben, im Römischen Lager Schutz gefunden hatten: «Die Zahl des vom Hiero den Römern seit funfzig Jahren erwiesenen Guten übersteige die des Bösen nicht, was ihnen in diesen wenigen Jahren diejenigen angethan hätten, in deren Besitze Syracus gewesen sei. Indeß sei dies meistentheils auf die zurückgefallen, die es verdient hätten; und die Störer der Verträge hätten sich selbst weit härter bestraft, als das Römische Volk es gewollt habe. Freilich halte er Syracus schon in das dritte Jahr eingeschlossen; nicht aber in der Absicht, die Stadt dem Römischen Volke zur Sklavinn zu machen, sondern damit sich nicht die Anführer der Überläufer in der Eroberung und Bedrückung derselben behaupten möchten. Was die Syracusaner hätten thun können, davon wären theils diejenigen ihrer Mitbürger ein Beweis, welche sich in Römischen Schutz geflüchtet hätten, theils sogar ein Spanischer Anführer, Mericus, welcher seinen Posten überliefert habe, und endlich der zwar späte, aber doch mannhafte Entschluß der Syracusaner selbst. Für ihn sei von allen seinen vor den Mauern von Syracus zu Wasser und zu Lande seit so langer Zeit ausgestandenen Beschwerden und Gefahren kein Genuß so groß, als der, daß er Syracus habe erobern können.»

Nun wurde zur Übernahme und Bewachung des königlichen Schatzes der Schatzmeister auf die Insel geschickt. Die Stadt wurde den Soldaten zur Plünderung preisgegeben, sobald in die Häuser derer, welche ihre Zuflucht im Römischen Lager gehabt hatten, Schutzwachen vertheilt waren. Unter den mancherlei Gräueln, welche aus Rache und Raubsucht begangen wurden, ist doch der Zufall der Nachwelt aufbewahrt, daß Archimedes, der unter einem Getümmel, so groß es nur in einer eroberten Stadt bei dem Umherstreifen der plündernden Soldaten möglich war, sich ganz in seine in den Sand gezeichneten Figuren vertieft hatte, von einem Soldaten, der ihn nicht kannte, getödtet wurde. Dies soll dem Marcellus sehr nahe gegangen sein, und er soll selbst für die Bestattung der Leiche gesorgt haben, ja der Name und das Andenken des Mannes erwarben seinen Verwandten, welche Marcellus aufsuchen ließ, Ehre und Schutz.

Etwa auf diese Art wurde die Stadt Syracus erobert, in welcher sich so viel Beute fand, als damals kaum die Eroberung der Stadt Carthago gegeben haben würde, welche doch als eigentliche Gegnerinn mit Rom im 229 Gleichgewichte stand. Wenig Tage vor der Einnahme von Syracus segelte Titus Otacilius mit achtzig Fünfruderern von Lilybäum nach Utica über. Da er vor Tage in den Hafen eingelaufen war, bemächtigte er sich der mit Korn befrachteten Lastschiffe: er ging ans Land, verheerte eine weite Gegend um Utica und brachte mancherlei Beute auf seine Schiffe. Am dritten Tage nach seiner Abfahrt von Lilybäum traf er hier wieder ein, mit einer schweren Ladung an Korn und Beute auf hundert und dreißig Lastschiffen, und schickte das Getreide sogleich nach Syracus. Wäre dies nicht so zu rechter Zeit zu Statten gekommen, so würde die Hungersnoth den Siegern eben so verderblich geworden sein, als den Besiegten.

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