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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 70
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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38. Als während dieser Begebenheiten im Lucanischen und Hirpinischen, die fünf Schiffe, welche die aufgefangenen Macedonischen und Punischen Gesandten nach Rom bringen sollten, auf ihrer aus dem Obermeere fast um die ganze Küste Italiens bis ins Untermeer gemachten Fahrt vor Cumä vorbeisegelten, und man nicht gewiß wußte, ob sie Feinden oder Freunden gehörten, so schickte ihnen Gracchus Schiffe von seiner Flotte entgegen. Als man nach gegenseitiger Erkundigung auf jenen Schiffen hörte, daß zu Cumä der Consul sei, so landeten sie bei Cumä, und die Gefangenen wurden vor den Consul gebracht und die Briefe abgeliefert. Nachdem der Consul Philipps und Hannibals Brief gelesen hatte, schickte er alles versiegelt zu Lande an den Senat: die Gesandten ließ er zu Schiffe hinbringen. Da nun fast an Einem Tage Briefe und Gesandte zu Rom eintrafen, und in dem angestellten Verhöre die mündliche Aussage mit der schriftlichen übereinstimmte, so geriethen die Väter anfangs in große Besorgniß, da sie sich von einem lastenden Kriege mit Macedonien bedrohet sahen, während sie schon dem Punischen beinahe erlagen. Doch weit entfernt, sich von 67 dieser Besorgniß niederbeugen zu lassen, dachten sie vielmehr sogleich darauf, durch einen zuvorkommenden Angriff diesen Feind von Italien abzuhalten. Nachdem sie die Gefangenen hatten in Fesseln legen und deren Begleiter öffentlich verkaufen lassen, befahlen sie, die Flotte von fünfundzwanzig Schiffen, die unter dem Oberbefehle des Publius Valerius Flaccus stand, mit den zweiten fünfundzwanzigAd naves XXV etc. ] – Ich lese diese Stelle mit Perizonius und Crevier so: Ad naves XXV. quibus P. Val. praef. praeerat, viginti quinque parandas alias decernunt, und zwar so, daß ich dies parandas statt paratas aufnehme. Was die ersten XXV. betrifft, so hatte uns Livius selbst Cap. 32 gesagt, XXV. naves P. Valerio Flacco datae sunt, quibus oram maritimam inter Brundusium et Tarentum etc. Er kann also diese Flotte hier, wenn ich so sagen soll, nicht anders citiren, als unter der Firma der 25 dem P. Valerius gegebenen Schiffe. Er darf aber auch bei seiner ausdrücklichen Angabe, einmal von triginta und nachher von quinquaginta, nicht fürchten, daß seine Leser etwa aus den 25 ersten, zu welchen einschließlich die zurückgegangenen 5 gehören, und aus den 25 zweiten eine Flotte von 55 Schiffen herauszählen werden, da er uns selbst gesagt hat, daß Valerius von seinen 25 ersten Schiffen 5 mit den gefangenen Gesandten vorerst nach Rom geschickt habe, und diese ihm auch jetzt als zu seinen ersten 25 gehörend wiedergegeben werden. Valerius blieb immer Oberbefehlshaber auch über die 5 nur einstweilen nach Rom geschickten Schiffe. – Die Lesart paratas wollte Gronov in parari verwandeln, Drakenborch das ganze Wort wegstreichen. Da aber dieser oben in Cap. 35 bei den Worten sacrificatum ad Hamas gezeigt hat, wie leicht dies aus sacrificádum entstehen konnte, und an mehrern Stellen auf die Menge ähnlicher Fälle verweiset, so erlaube ich mir auch hier die Vermuthung, daß die Lesart paratas, die auch des folgenden comparatis wegen nicht bleiben kann, aus parádas entstanden sei. noch zu bauenden, zu verstärken. Als diese gebaut und in See gelassen waren, und man die fünf Schiffe, auf denen die aufgefangenen Gesandten gekommen waren, wieder hatte dazu stoßen lassen, gingen diese dreißig Schiffe von Ostia nach Tarent ab; und Publius Valerius erhielt den Befehl, wenn er die zu Tarent unter dem Legaten Lucius Apustius stehenden ehemaligen Truppen des Varro eingeschifft hätte, mit seiner Flotte von funfzig Schiffen nicht bloß die Küste Italiens zu decken, sondern sich auch über den Macedonischen Krieg Gewißheit zu verschaffen. Wären Philipps Maßregeln mit den Briefen und Aussagen der Gesandten übereinstimmend, so solle er den Prätor Marcus Valerius schriftlich davon benachrichtigen, und dieser dann, wenn 68 er nach Abgabe seines Heers an den Legaten Lucius Apustius zur Flotte nach Tarent gegangen sei, je eher je lieber nach Macedonien übersetzen, und alles aufbieten, den Philipp in seinem Reiche festzuhalten. Zu den Kosten der Flotte und des Macedonischen Krieges bestimmte man die Gelder, welche man nach Sicilien an den Appius Claudius geschickt hatte, um sie dem Könige Hiero zurückzuzahlen: diese ließ der Legat Lucius Apustius nach Tarent herüberholen. Mit diesen schickte Hiero zweimalhunderttausend Maß Weizen und hunderttausend Maß Gerste.

39. Während dieser Vorbereitungen und Verfügungen von Seiten der Römer fand das aufgebrachte Schiff, welches mit den nach Rom geschickten ging, unterweges Gelegenheit, zum Philipp zu entkommen: dadurch erfuhr er, daß seine Gesandten mit den Briefen aufgefangen waren. Weil er nun nicht wußte, was seine Gesandten mit dem Hannibal verabredet hatten und was ihm dessen Gesandten mitgetheilt haben würden, so ließ er eine zweite Gesandschaft mit den nämlichen Aufträgen abgehen. Die Gesandten an Hannibal waren Heraclitus mit dem Beinamen Scotinus, Crito von Beröa und Sositheus aus Magnesia. Diese brachten ihre Aufträge glücklich hin und zurück. Allein der Sommer ging zu Ende, ehe sich der König in Bewegung setzen und etwas unternehmen konnte: von solcher Wichtigkeit war die Wegnahme des einzigen Schiffs mit den Gesandten für den Aufschub dieses den Römern bevorstehenden Krieges.

Auch in der Gegend von Capua waren jetzt beide Consuln in Thätigkeit, da Fabius nach endlicher Beseitigung der bösen Zeichen über den Vulturnus gegangen war. Die zu den Puniern übergetretenen Städte Compulteria, Trebula und Saticula eroberte Fabius mit Sturm, und machte die dortigen Besatzungen Hannibals und sehr viele Campaner zu Gefangenen. Zu Nola hielt es wieder, wie voriges Jahr, der Senat mit den Römern, der Bürgerstand mit Hannibal, und es fehlte nicht an geheimen Anschlägen, die Vornehmen zu ermorden und die 69 Stadt zu verrathen. Um diesen keinen Fortgang zu verstatten, nahm Fabius, der sein Heer zwischen Capua und Hannibals auf Tifata stehendem Lager hindurch führte, seine Stellung oberhalb SuessulaSuper Vesuvium. ] – Der Vesuv liegt von Nola und dem Claudischen Lager viel zu weit südlich, noch mehr aber würde sich Fabius entfernt haben, wenn er sich sogar jenseits desselben gelagert hätte. Ich lese also mit Cluner, Gronov und Crevier, der die Stellen Cap. 17. 32. 46. 48 zum Beweise anführt, super Suessulam. In dem gleich folgenden lese ich nach Hrn.  Walchs Berichtigung (S. 96.) Marcellum propraetorem. statt M. proconsulem. im Claudischen Lager, und schickte von hier den Proprätor Marcus Marcellus, mit den Truppen, welche dieser bei sich hatte, zur Besatzung nach Nola.

40. Auch in Sardinien brachte der ProprätorT. Manlium praetorem. ] – Crevier giebt hier dem Manlius und Cap. 41. dem Otacilius statt des Titels Prätor den eines Proprätors, weil beide jetzt nicht mehr Prätoren waren. Duker und Drakenb. erklären sich dagegen, weit Livius auch an andern Stellen die vorjährigen Prätoren, oder auch die es vor 5 und 3 Jahren gewesen waren, noch praetores nenne. Bei dem Otacilius kann dies gelten, denn er war erst vor 2 Jahren Prätor gewesen. Allein unser Manlius war schon vor 9 Jahren Consul gewesen und seitdem nicht wieder vom Volke zum Prätor gewählt. Er kann also auch an unsrer Stelle nicht wirklicher praetor sein, sondern nur pro praetore cum imperio in Sardiniam missus. Und da hier 3 Handschriften ausdrücklich propraetorem lesen, so folge ich dem Crevier, dem auch Perizonius beistimmt. Titus Manlius die Unternehmungen wieder in Gang, die seit der schweren Krankheit des Prätors Quintus Mucius liegen geblieben waren. Dadurch, daß Manlius, um den Krieg zu Lande zu führen, die Kriegsschiffe bei Carales hatte auf das Ufer ziehen lassen und die Seeleute bewaffnet, auch die Truppen vom Prätor übernommen hatte, stellte er ein Heer von zwanzigtausend Mann Fußvolk und tausend zweihundert Reutern auf. Als er mit dieser Stärke an Reuterei und Fußvolk in das feindliche Gebiet gerückt war, schlug er nicht weit von Hampsicora's Lager das seinige auf. Hampsicora war eben zu den Pelz-SardiniernAls Bewohner der kalten Gebirge trugen sie Pelze. abgegangen, um zur Verstärkung seiner Truppen ihre junge Mannschaft zu bewaffnen. Sein Sohn, Namens Hiostus, hatte den Oberbefehl im Lager: in einem Treffen, auf welches er sich aus jugendlichem 70 Übermuthe unbesonnen einließ, wurde er geschlagen und in die Flucht gejagt. An dreitausend Sardinier blieben in dieser Schlacht; beinahe achthundert wurden Gefangene. Das übrige Heer, welches anfangs auf der Flucht in Feldern und Waldungen umherirrte, rettete sich nachher in die Hauptstadt jener Gegend, Namens Cornus, wohin dem Gerüchte zufolge ihr Anführer geflohen war. Und der Krieg in Sardinien würde mit dieser Schlacht zu Ende gewesen sein, wäre nicht unter Hasdrubal die Punische Flotte, die an die Balearischen Inseln verschlagen gewesen war, für die zu erneurende Stimmung zum Kriege zu rechter Zeit eingetroffen. Auf den Ruf von einer gelandeten Punischen Flotte zog sich Manlius nach Carales zurück. Dies gab dem Hampsicora Gelegenheit, sich mit den Puniern zu vereinigen. Hasdrubal, der nach Ausschiffung seiner Truppen und Zurücksendung seiner Flotte nach Carthago von Hampsicora geführt in das Gebiet der Römischen Bundsgenossen auf Plünderung eingerückt war, würde bis Carales vorgedrungen sein, wenn nicht Manlius dadurch, daß er ihm mit dem Heere entgegen ging, seiner ausgebreiteten Verheerung Gränzen gesetzt hätte. Anfangs standen sie, Lager gegen Lager, in mäßiger Entfernung; dann folgten Ausfälle und leichte Gefechte von wechselndem Ausgange: endlich traten sie in Reihen, und fochten, Heer gegen Heer, vier Stunden lang in einer ordentlichen Schlacht. So leicht sich gewöhnlich die Sardinier besiegen ließen: so lange verzögerten die Punier die Entscheidung: endlich, als rund um sie her die Sardinier niedergehauen waren oder flohen, wurden auch sie geschlagen. Allein als sie jetzt die Flucht ergriffen, umzingelte sie der Römische Feldherr durch Schwenkung des Flügels, mit dem er die Sardinier geschlagen hatte. Und nun erfolgte mehr ein Gemetzel, als ein Gefecht. Zwölftausend Feinde , Sardinier und Punier zusammen, wurden getödtet, beinahe dreitausend und siebenhundert gefangen, und siebenundzwanzig Fahnen erbeutet.

41. Was diese Schlacht vorzüglich berühmt und 71 denkwürdig machte, war die Gefangennehmung des Feldherrn Hasdrubal und zweier Carthagischer Edlen, des Hanno und Mago. Mago, aus dem Barcinischen Geschlechte, war mit Hannibal nahe verwandt: Hanno hatte die Sardinier zur Empörung vermocht und war unstreitig der Anstifter dieses Krieges. Aber auch durch das Unglück der Sardinischen Feldherren kam die Schlacht in nicht geringeren Ruf. Denn Hiostus, der Sohn des Hampsicora, blieb im Treffen; und als Hampsicora, den auf der Flucht nur wenige Reuter begleiteten, in dieser traurigen Lage auch den Tod seines Sohns erfuhr, nahm er in der Nacht, um sein Vorhaben vor jedem darauf zukommenden Verhinderer zu sichern, sich selbst das Leben. Die übrigen fanden wieder, wie vorhin, ihren Zufluchtsort in der Stadt Cornus, welche aber Manlius, als er sie mit seinem siegreichen Heere angriff, in wenig Tagen einnahm. Auch die übrigen Städte, welche zum Hampsicora und den Puniern übergetreten waren, ergaben sich, nachdem sie Geisel gestellt hatten. Als er einer jeden nach Maßgabe ihrer Kräfte oder ihrer Schuld Geld- und Getreidelieferungen auferlegt hatte, führte er sein Heer nach Carales zurück. Als er hier die Kriegsschiffe flott gemacht und die mit ihm herübergeschifften Truppen wieder eingeschifft hatte, segelte er nach Rom und meldete den Vätern die Bezwingung Sardiniens: die eingetriebenen Gelder lieferte er den Schatzmeistern; das Getreide den Ädilen, die Gefangenen an den Prätor Quintus Fulvius. Da um eben diese Zeit der ProprätorT. Otacilius praetor. ] – Ich habe oben zu Cap. 40 gesagt, daß ich Dukers und Drakenborchs Gründe ehre, womit sie in ähnlichen Stellen die Lesart praetor vertheidigen, wo eigentlich propraetor hätte stehen sollen. Da aber auch hier zwei Mss. Otacilius propr. lesen, so nehme ich mit Gronov, Perizonius und Crevier diese Lesart hier als richtig an. Titus Otacilius, der mit einer Flotte von funfzig Schiffen von Lilybäum nach Africa übergesetzt war und das Carthagische Gebiet verheert hatte, von hier nach Sardinien steuerte, wohin dem Rufe nach Hasdrubal neulich von den Balearen übergegangen war, so stieß er auf diese nach Africa zurücksegelnde Flotte, und da es auf der 72 Höhe zu einem leichten Gefechte kam, nahm er ihr sieben Schiffe samt ihren Seeleuten ab: die Übrigen warf die Furcht, gleich einem Sturme, aus einander. Gerade in diesen Tagen landete auch Bomilcar mit den von Carthago geschickten Ergänzungstruppen, Elephanten und Vorräthen zu Locri. Appius Claudius, der in der Absicht, ihn unvermuthet zu überfallen, mit seinem Heere unter dem Scheine, als wolle er in seiner Provinz die Runde machen, schleunig nach Messana ging, setzte mit der Fluth nach Locri über. Allein schon war Bomilcar von hier zum Hanno in das Bruttische abgegangen, und die Locrer schlossen den Römern die Thore. Appius, der mit großen Anstalten nichts gethan hatte, ging nach Messana zurück. In diesem Sommer that Marcellus von Nola aus, welches er besetzt hielt, häufige Einfälle in das Gebiet der Hirpiner und der Samniten von Caudium, und verwüstete alles mit Feuer und Schwert so arg, daß er dadurch bei den Samniten das Andenken an die ehemaligen Verheerungen erneuerte.

42. Deswegen wurden ungesäumt von beiden Völkern zugleich Gesandte an Hannibal geschickt, welche ihn so anredeten:

«Anfangs, Hannibal, standen wir als Feinde des Römischen Volks für uns allein da, so lange unsre Waffen, unsre Kräfte uns schützen konnten. Als unser Vertrauen auf diese schwand, schlossen wir uns an den König Pyrrhus an: von ihm im Stiche gelassen bequemten wir uns aus Noth zum Frieden, und hielten in diesem beinahe sechzig Jahre aus, bis auf die Zeit, da du nach Italien kamst. Deine Tapferkeit freilich und dein Glück, nicht weniger aber deine außerordentliche Leutseligkeit und Güte gegen unsre Mitbürger, die du als deine Gefangenen uns znrücksandtest, haben uns so für dich eingenommen, daß wir uns, so lange du, unser Freund, lebst und in deiner Kraft dastehst, nicht nur vor keinen Römern, sondern nicht einmal – wenn der Ausdruck nicht sündlich ist – vor der Ungnade der Götter, fürchten würden. Aber wahrhaftig, nicht bloß 73 bei deiner vollen Kraft und deinen Siegen, sondern sogar in deiner Gegenwart – beinahe könntest du die Wehklage unsrer Gattinnen und Kinder hören, und unsre Häuser brennen sehen, – sind wir in diesem Sommer mehreremal so ausgeplündert, daß bei Cannä Marcus Marcellus, nicht Hannibal, gesiegt zu haben scheint, und die Römer die hohe Sprache führen, du seist, – gleichsam nur zu Einem Stiche lebendig genug, – nachdem du den Stachel stecken gelassen habest, jetzt der Erstorbene. Fast ganzer hundert Jahre haben wir mit dem Römischen Volke Krieg geführt, ohne von einem fremden Feldherrn oder Herrn unterstützt zu werden, außer daß Pyrrhus zwei Jahre lang mehr durch unsre Truppen seine Macht verstärkte, als durch seine Stärke uns vertheidigte. Ich will mich unsres Glücks nicht rühmen, daß wir zwei Consuln und zwei consularische Heere unter dem Jochgalgen durchziehen ließen, und anderer für uns erfreulichen oder ruhmvollen Ereignisse. Aber selbst was uns damals Hartes und Widriges begegnete, können wir dir eher ohne Unwillen erzählen, als was wir jetzt erleben. Große Dictatoren, jeder mit seinem Magister Equitum, immer zwei Consuln mit zwei consularischen Heeren zogen in unsre Gränzen ein, und rückten nie anders auf Plünderung aus, als nach eingezogener Kundschaft, und ausgestelltem Rückhalte, und in Reihe und Glied. Jetzt sind wir die Beute eines einzigen ProprätorsNunc proprii unius. ] – Ich halte Hrn. Walchs Vorschlag für durchaus annehmenswerth, propraetoris, statt proprii zu lesen, theils wegen des schönen Gegensatzes zu magni dictatores und bini consules, theils weil meiner Ansicht nach zu der Abkürzung PROPR. das folgende u im unius dem Abschreiber die angehängten ii hergab. und einer selbst zum Schutze Nola's zu schwachen Besatzung. Nicht einmal in geschlossener Schar, sondern nach Art der Straßenräuber, schwärmen sie in unserm Gebiete; sorgloser, als wenn sie auf Römischem Boden umherstreiften. Der Grund davon ist theils der, daß du selbst dich unsrer nicht annimmst, theils, daß unsre Jugend, welche uns schützen würde, wenn sie zu Hause wäre, sämtlich unter deinen 74 Fahnen dient. Ich müßte weder dich, noch dein Heer, kennen, wenn ich nicht glaubte, daß es Dem, von dem ich so viele Römische Linien besiegt und zu Boden geworfen weiß, ein Leichtes sei, unsre ohne alle Fahnen schwärmenden Plünderer zu vertilgen, die sich immer dahin verlaufen, wo die Hoffnung, zu plündern, so vergeblich sie ist, jeden hinlockt. Sie müssen schon eine Beute für wenige Numider werden, und durch dein uns geschicktes HülfskohrEt Nolae ademerit. ] – Stroth folgt der Lesart ademer is und der Erklärung des Pithöus, nach welcher praesidium missum auf die von den Römern unter Marcellus nach Nola geschickte Besatzung gezogen wird. Er beruft sich dabei auf die kurz vorhergehende Stelle: Nunc proprii unius et parvi ad tuendam Nolam praesidii praeda sumus. Allein da die Gesandten schon vorher dies praesidium als in voller Thätigkeit geschildert hatten, wie kämen sie dazu, es erst hier praesidium missum zu nennen? Hatten sie früher gesagt, daß dies Kohr von Nola aus ganz Samnium ausplündere, warum erwähnen sie hier dessen, daß es nach Nola geschickt sei? Außerdem muß man dann auch in Gedanken zu dem missum ein Nolae hinzusetzen, wie mich dünkt, nicht ohne Zwang: und dieser wird dadurch noch härter, weil man dann unter praesidium Nolae ademeris die Nola schützende Besatzung oder ein Hülfskohr, und unter praesidium nobis ademeris ein Kohr angreifender, plündernder Feinde verstehen, also praesidium in doppeltem Sinne nehmen müßte. Auch Drakenb. urtheilt über diese Erklärung des Pithöus: Non satisfacit. Ich lese mit Drakenb. ademer it, und beziehe, wie er, das praesidium missum auf die Hülfe, die sich die Samniten von Hannibal erbitten. Dies um so viel lieber, weil Hannibal gleich im Anfange des folgenden Cap. den Bittenden einen Vorwurf daraus macht: Omnia simul facere Samnites; indicare clades suas, et petere praesidium, et queri se indefensos. Also muß doch wohl in der Rede des Samnitischen Gesandten eines praesidii mittendi erwähnt sein. Und das geschieht an unsrer Stelle. Dann hängt praesidiumque missum nobis sehr gut zusammen. Läse man praesidioque misso, so könnte freilich das in allen Mss. befindliche ademeris bestehen, dann aber müßte man die Lesart der besten und fast aller Mss. praesidi umque miss um verlassen. verliert sie Nola zugleich; wenn du anders uns, die du des Bundes mit dir würdig achtetest, jetzt, da du uns in deine Obhut genommen hast, auch deines Schutzes nicht unwürdig hältst.»

43. Hierauf erwiederte Hannibal: «Die Hirpiner und Samniten thäten Alles auf einmal: sie meldeten ihre Verluste; sie bäten um Hülfstruppen, und klagten, daß man sie unbeschützt gelassen und vernachlässigt habe. Zuerst hätten sie die Anzeige thun sollen: dann hätten sie Recht gehabt, um Hülfe zu bitten; und zuletzt, wenn sie diese nicht erhalten hätten, dann erst 75 hätten sie sich beschweren dürfen, daß sie vergeblich um Hülfe gebeten hätten. Er werde sein Heer nicht auf das Gebiet der Hirpiner und Samniten führen, damit nicht auch er ihnen zur Last falle; sondern in die nächsten Gegenden der Römischen Bundsgenossen. Durch deren Verheerung werde er theils seine Soldaten bereichern, theils den für sich selbst besorgten Feind von ihnen weit entfernen. Was den Römischen Krieg betreffe, so werde er, wenn die Schlacht am Trasimenus die am Trebia, wenn die bei Cannä wieder die am Trasimenus an Ruf übertreffe, auch das Andenken der Schlacht von Cannä durch einen größern und glänzendern Sieg verdunkeln.» Mit dieser Antwort und ansehnlichen Geschenken entließ er die Gesandten. Als er, nach Hinterlassung eines mäßigen Kohrs auf Tifata, mit dem übrigen Heere aufgebrochen war, zog er gerade auf Nola. Eben dahin kam auch Hanno aus dem Bruttierlande mit den von Carthago mitgebrachten Ergänzungstruppen und Elephanten.

Als Hannibal in der Nähe ein Lager bezogen hatte, fand er bei seinen Erkundigungen Alles ganz anders, als ihm die Gesandten seiner Bundesgenossen gesagt hatten. Denn Marcellus unternahm durchaus nichts, wobei er sich auf Gerathewohl dem Glücke oder dem Feinde überlassen hatte. Er war auf Plünderung ausgegangen, aber nicht ohne Kundschaft, unter starker Bedeckung und nach Sicherung des Rückzuges: und in Allem war er, als hätte er den Hannibal selbst vor sich, auf seiner Hut und gefaßt. Jetzt, sobald er die Ankunft des Feindes gewahr wurde, beschränkte er seine Truppen auf die Stadt; die Nolanischen Senatoren hieß er auf den Mauern die Runde machen und nach allen Seiten die Unternehmungen des Feindes erspähen. Mit zweien von ihnen, dem Herennius Bassus und Herius Pettius, ließ sich Hanno, welcher sie bei seiner Ankunft vor der Stadtmauer zu einem Gespräche eingeladen hatte, zu dem sie mit Marcells Bewilligung hinausgingen, durch einen Dollmetscher in Unterredung ein. Er erhob Hannibals Tapferkeit und Glück; 76 dagegen riß er des Römischen Volkes Hoheit, als zugleich mit seinen Kräften veraltend, in den Staub herab. «Gesetzt aber, beide wären sich noch, wie ehemals, gleich; so müßten dessenungeachtet Leute, welche die Erfahrung gemacht hätten, wie drückend die Römische Regierung ihren Verbündeten, und wie schonend Hannibal sogar gegen alle Gefangenen von Italischem Stamme sei, eine Verbindung und Freundschaft mit den Puniern wünschenswerther finden, als mit den Römern. Wenn beide Consuln mit ihren Heeren bei Nola ständen, so würden sie doch dem Hannibal eben so wenig gewachsen sein, als sie es bei Cannä gewesen wären: geschweige denn, daß ein einziger Prätor mit ein Par neugeworbenen Soldaten Nola sollte schützen können. Es sei wichtiger für sie selbst, als für den Hannibal, ob Nola durch Sturm, oder durch Übergabe, sein werde: denn sein müsse es werden, wie ihm Capua und Nuceria geworden sei: allein der Unterschied zwischen Capua's und Nuceria's Lose könne den Nolanern, die beinahe in der Mitte von beiden wohnten, nicht unbekannt sein. Schon der Vorbedeutung wegen möge er sie nicht daran erinnern, was die Stadt nach einem Sturme zu erwarten haben werde: lieber wolle er sich ihnen verbürgen, daß niemand anders, als sie selbst, wenn sie mit der Stadt Nola den Marcellus und seine Besatzung übergäben, die Bedingungen festsetzen solle, auf welche sie sich der Verbindung und Freundschaft mit Hannibal überlassen wollten.»

44. Hierauf antwortete Herennius Bassus: «Schon seit vielen Jahren bestehe zwischen den Völkern von Rom und Nola eine Freundschaft, welche sich keiner von beiden Theilen bis auf den heutigen Tag habe gereuen lassen: und hätten sie ja mit dem Glücke ihre Verbindung abändern sollen, so sei doch für sie diese Änderung jetzt zu spät; denn wenn sie sich dem Hannibal hätten ergeben wollen, so hätten sie keine Römische Besatzung hereinrufen müssen. Sie theilten mit denen; die zu ihrem Schutze sich eingefunden hätten, 77 Wohl und Weh, und würden es bis auf den letzten Augenblick mit ihnen theilen.» Diese Unterredung vernichtete Hannibals Hoffnung, sich Nola's durch Verrätherei zu bemächtigen. Nun umstellte er die Stadt mit einem Truppenkranze, um von allen Seiten zugleich zu den Mauern hinanzustürmen. Kaum sah ihn Marcellus unter den Mauern ankommen, als er mit seinen innerhalb des Thores gestellten Truppen unter großem Getümmel hervorbrach. Im ersten Angriffe wurden mehrere überrascht und niedergehauen: als hierauf Alles bei den Fechtenden zusammenlief, und beide Theile an Stärke sich gleich wurden, begann ein fürchterliches Gefecht; und es würde seinen Platz unter den denkwürdigsten erhalten haben, hätte nicht ein unter heftigen Stürmen sich ergießender Platzregen die Fechtenden geschieden. So zogen sich beide, da für heute der Kampf unbedeutend blieb und ihren Muth nur gereizt hatte, die Römer in die Stadt, die Punier in ihr Lager zurück. Dennoch waren von den gleich anfangs durch den Ausfall überraschten Puniern nicht wenigerCeciderunt haud plus quam triginta.] – Cap. 43, 7. macht Crevier bei den Worten cauta provisaque fuerunt die Anmerkung: Fortasse: fuerant. Und Drakenb. billigt dies. Dort ist aber, weil das voraufgeschickte plqpf. ierat die verflossene Zeit hinlänglich angedeutet hatte, meiner Meinung nach das perfectum fuerunt richtig, wodurch die in dieser verflossenen Zeit anhaltende Fortdauer bezeichnet wird: denn die Folgen von Marcells vorsichtigen Maßregeln waren ihm jetzt noch heilsam. An unsrer Stelle aber müßte, wenn ich nicht irre, cecider ant gelesen werden, weil sich das perfectum occiderunt nicht als fortlaufende Zeit an das voraufgegangene receperunt anschließen kann, sondern die Zeit des cecider ant vor der des receperunt schon als verflossen gedacht werden muß. – In den hier angegebenen Zahlen folge ich der aus den besten Handschriften und Drakenborchs Vermuthung zusammengesetzten Lesart: Poenorum – – – ceciderunt (lieber ceciderant) haud plus (ich möchte fast glauben, daß dies plus aus mg [minus] entstanden sei) quadringenti, Romani L. Ich bin ungewiß, zu welcher Periode das tamen den Gegensatz machen soll. Bezieht es sich auf das entferntere atrox coepit esse pugna, memorabilisque inter paucas fuisset, so wäre gegen den Nachsatz tamen haud plus nichts zu erinnern. Geht es aber als adversativa auf das unmittelbar zunächst gesagte, auf commisso modico (tantum) certamine atque irritatis (tantum) animis – se receperunt, so müßte der Nachsatz mit tamen haud minus gemacht werden. Doujat will freilich haud plus quam triginta beibehalten, und von den Puniern weniger, als von den Römern gefallen sein lassen. Dem aber widerspricht Marcells Aussage im Anfange des folgenden Cap. victis ante diem tertium etc. als vierhundert gefallen; von 78 den Römern funfzig. Der anhaltende Regen dauerte die ganze Nacht durch bis den folgenden Morgen um neun Uhr. Also beschränkten sich beide Theile, so kampflustig sie waren, für heute auf ihre Verschanzungen. Am dritten Tage schickte Hannibal einen Theil seiner Truppen im Gebiete von Nola auf Plünderung aus. Als dies Marcellus gewahr wurde, rückte er sogleich mit seinen Truppen zur Schlacht aus; und Hannibal lehnte sie nicht ab. Zwischen der Stadt und dem Lager waren etwa tausend Schritte. Auf diesem Raume – denn rund um Nola sind lauter Felder – trafen sie zusammen. Das von beiden Seiten erhobene Geschrei rief auch von den in die Dörfer auf Plünderung ausgegangenen Cohorten die nächsten in das schon angefangene Treffen zurück. Auch verstärkten die Nolaner die Römische Linie. Doch hieß sie Marcellus, der ihnen ihr Lob ertheilte, den Rückhalt bilden und die Verwundeten aus der Linie wegtragen, allein am Gefechte nicht Theil nehmen, wenn er ihnen nicht ein Zeichen gäbe.

45. Das Treffen war zweifelhaft; und die Feldherren boten eben so im Ermahnen alle ihre Kräfte auf, wie die Soldaten im Fechten. Marcellus forderte die Seinigen auf: «Feinden, über welche sie vorgestern den Vortheil gehabt, welche sie vor wenig Tagen von Cumä verscheucht hätten, und die in vorigem Jahre ebenfalls unter seiner Anführung, nur mit andern Truppen, vor Nola weggeschlagen wären, keine Ruhe zu lassen. Sie wären nicht einmal alle in der Schlacht zugegen: plündernd streiften sie im Lande umher: aber auch die Fechtenden wären durch Campanische Schwelgerei ausgemergelt, und hätten sich durch Wein und Huren und durch Besuchung aller schlechten Winkel den ganzen Winter über zu Grunde gerichtet. Jenes Feuer, jene Lebhaftigkeit habe sie verlassen: verschwunden sei die Körper- und Geisteskraft, mit der sie die Höhen der Pyrenäen und Alpen überstiegen hätten: von jenen Männern fechte nur noch der Überrest, der kaum seine Waffen und eignen Glieder tragen könne. Capua sei Hannibals Cannä 79 geworden. Hier sei alle kriegerische Tapferkeit, hier die Kriegszucht, hier sein Ruhm zu früherer Zeit, hier seine Hoffnung auf die Zukunft erloschen.»

Während Marcellus durch diese den Feinden schimpfliche Rüge den Muth seiner Soldaten belebte, brach Hannibal gegen jene in noch weit härtere Vorwürfe aus: «Die Waffen freilich und die Fahnen erkenne er noch für dieselben, die er am Trebia und Trasimenus, und zuletzt bei Cannä gesehen und gehabt habe. Aber wahrlich habe er ganz andre Soldaten in die Winterquartiere nach Capua geführt, und ganz andre wieder herausgebracht. Mit aller Anstrengung bestehet ihr, die ihr euch nie von zwei consularischen Heeren aufhalten ließet, jetzt kaum einen Römischen Legaten und den Kampf mit Einer Legion und ihrenAtque alae. ] – Stroth giebt hier dem Worte ala die gewöhnliche Bedeutung: Römische Reuterei, und belegt diese mit Stellen aus Livius. Eben so gültig sind die von Crevier angeführten Stellen, wo unter ala die Bundestruppen (und hauptsächlich zu Fuß) verstanden werden. Da beides an sich richtig ist, so fragt sich nur, welches für unsre Stelle das Schicklichere sei. Da Hannibal hier verkleinern will, so muß er, meiner Meinung nach, unter den nachher erwähnten tirone milite ac Nolanis subsidiis keine andre verstehen, als die er vorher legionem unam atque alam genannt hatte. Denn sonst vermehrt er ja hier die Anzahl der Feinde, wenn wir ihn außer der legio una atque ala, die seinen Soldaten unwiderstehlich sein sollen, noch andre (tirones ac Nolanos) aufstellen lassen, und würde dadurch selbst die Rechtfertigung seinen Puniern gleichsam in den Mund legen. Ich folge also hier lieber Crevier's Erklärung. Bundestruppen? Muß uns Marcellus mit seinen Neulingen und Helfern aus Nola ungestraft schon zum zweitenmale zum Kampfe fordern? Wo fänd' ich ihn, der – mein ächter Soldat – dem vom Pferde herabgerissenen Consul Cajus Flaminius den Kopf abhieb? wo ihn, der bei Cannä den Lucius Paullus erlegte? Sind jetzt eure Schwerter abgestumpft, oder eure Rechten erlahmt? oder was für ein Ungethüm waltet hier? Die ihr sonst gewohnt waret, als kleine Zahl die Menge zu besiegen, ihr haltet jetzt als Mehrzahl kaum Wenigen Stand? Ihr vermaßet euch, in Worten tapfer, Rom zu erobern, wenn euch jemand hinführen wollte. Freilich, das ist auch eine leichtere AufgabeEnim minor est res. ] – Nach Gronov, Crevier, Stroth und den besten Mss. – Auch XXXIV. 32, 13. soll nach Gronov und Stroth Enim im Anfange der Periode stehen. Dort aber hat Drakenb. gute Gründe, das At enim nicht verdrängen zu lassen; und dann wäre unsre Stelle die einzige, wo Livius mit Enim anfinge. Vermuthlich hat darum Drakenb. auch hier dies Enim verworfen, und sich das von Valla vorgeschlagene En nunc gefallen lassen. Sollte Enim nicht ächt sein, so würde ich es doch lieber in En hic, als in En nunc verändern. Dann würde vielleicht der Zusammenhang: En! hic minor est res: hic experiri vim virtutemque volo, dem Redner noch angemessener sein: und hic den beiden Buchstaben im (von Enim) wenigstens eben so nahe kommen, als das sich gleichfalls bloß auf Conjectur gründende nunc. Die Uebersetzung würde dann etwa so lauten: «Wohlan! hier habt ihr eine leichtere Aufgabe: hier will ich von eurer Kraft etc.». Hier will ich von eurer Kraft, von eurer 80 Tapferkeit, eine Probe sehen. Erobert Nola, eine Stadt in der Ebene, die keinen Fluß, kein Meer zum Schutze hat. Von hier will ich entweder euch, mit Beute und Siegesgewinn aus einer so reichen Stadt beladen, führen, wohin ihr wollt, oder von euch mich führen lassen.»

46. Allein den Puniern Fassung zu geben, schlugen weder gute, noch böse Worte, an. Da sie von allen Seiten zurückgedrängt wurden, und den Römern der Muth wuchs, weil nicht bloß ihr Feldherr sie ermunterte, sondern auch die Nolaner durch ihr Geschrei, den Zeugen ihres Beifalls, ihren Eifer zum Kampfe befeuerten, so nahmen sie die Flucht und wurden in ihr Lager zurückgejagt. Marcellus führte seine Römer, ob sie gleich begierig waren, es zu stürmen, nach Nola zurück, unter lauten Freudensbezeigungen und Glückwünschen sogar der Bürgerclasse, die es vorher mehr mit den Puniern gehalten hatte. Von den Feinden fielen an diesem Tage über fünftausend; sechshundert wurden Gefangene, neunzehn Fahnen erbeutet und zwei Elephanten: vier tödtete man in der Schlacht. Von den Römern blieben nicht völlig tausend. Den folgenden Tag verwandte man in einem schweigend bewilligten Waffenstillstande auf Beerdigung der von beiden Seiten in der Schlacht Gefallenen. Die den Feinden abgezogenen Waffen verbrannte Marcellus, wie er dem Vulcan gelobet hatte. Drei Tage nachher gingen, vielleicht als Beleidigte, oder auch in Hoffnung eines freundlicheren Dienstes, tausend zweihundert und zweiundsiebzig Reuter, theils Numider, theils Spanier, 81 zum Marcellus über. Ihre Tapferkeit und Treue kam den Römern mehrmals in diesem Kriege zu statten. Nach geendigtem Kriege wurde den Spaniern in Spanien, den Numidern in Africa, zur Belohnung ihrer Tapferkeit, ein Grundstück als NiederlassungLocus datus est. ] – Ich folge dieser von Stroth unter Beistimmung der meisten Mss. aufgenommenen Lesart, um so lieber, da Gronov aus der lex Thoria die Worte citirt: quemve agrum locum, de eo agro loco, qui publicus pop. Romani etc.angewiesen.

Nachdem Hannibal den Hanno nebst den mit diesem gekommenen Truppen in das Bruttische zurückgeschickt hatte, zog er von Nola in die Winterquartiere Apuliens und lagerte sich um Arpi. Quintus Fabius, der auf die Nachricht von Hannibals Abzuge nach Apulien sogleich von Nola und Neapolis Getreide in das Lager oberhalb Suessula zusammenfahren ließ, die Werke in Stand setzte und eine Besatzung zurückließ, die den Platz während der Winterquartiere behaupten könnte, verlegte selbst sein Lager näher nach Capua und verheerte das Campanische mit Feuer und Schwert, bis endlich die Campaner sich gezwungen sahen, bei allem Mistrauen auf eigne Kraft, aus den Thoren zu rücken und ein Lager vor der Stadt im Freien zu befestigen. Sie hatten sechstausend Mann untaugliches Fußvolk: mit ihrer Reuterei konnten sie mehr ausrichten, und neckten deswegen den Feind durch Angriffe zu Pferde. Unter den vielen vornehmen Campanischen Rittern war einer, Cerrinus Jubellius, mit dem Zunamen Taurea. Er gehörte zu Capua unter die Römischen Bürger und war unter allen Campanern bei weiten der tapferste Ritter, so daß ihm, als er noch unter den Römern diente, der einzige Römer, Claudius Asellus, an Ritterruhme gleich kam. Jetzt also fragte TaureaHunc Taurea. ] – Ich lese mit Hrn. Walch (S. 139) Tunc Taurea., als er lange vor den feindlichen Geschwadern, sie durchspähend, auf und ab geritten war, endlich nach erwinkter Stille, wo Claudius Asellus sei, und warum er nicht jetzt, da er sonst so oft mit ihm in Worten über den Vorzug in der Tapferkeit gestritten habe, 82 die Entscheidung vom Schwerte nehme, und entweder seinen Sieger ausgezeichnete Prunkstücke gewinnen lasse, oder, selbst Sieger, sie erbeute.

47. Asellus, der auf die ihm ins Lager gebrachte Nachricht nur so lange Anstand nahm, bis er sich bei dem Consul erkundigt hatte, ob er gegen einen fordernden Feind außer dem Gliede fechten dürfe, setzte sich, auf erhaltene Erlaubniß, sogleich in die Waffen; und so wie er vor die Posten hinausgeritten war, rief er den Taurea bei Namen und forderte ihn auf, sich mit ihm zu messen, wo er wolle. Schon hatte sich eine Menge Römer, diesem Kampfe zuzusehen, vor ihrem Lager aufgestellt: auch die Campaner erfüllten als Zuschauer nicht bloß den Wall ihres Lagers, sondern auch ihre Stadtmauer. Da beide schon vorher durch muthvolle Äußerungen dem Kampfe ein höheres Ansehen gegeben hatten, so jagten sie jetzt mit eingelegter Lanze gegen einander. Unter neckendem Getummel auf freiem Platze verlängerten sie nun den Kampf ohne einander zu verwunden. Da sprach der Campaner zu dem Römer: «Das wird ein Kampf für die Pferde, und nicht für die Reuter, wenn wir nicht vom Felde in diesen Hohlweg hinabreiten. Dort, wo der Raum jede Abschweifung versagt, müssen wir einander vor die Klinge kommen.» Beinahe ehe jener ausredete, setzte Claudius schon mit seinem Pferde in den Weg hinab. Taurea, muthiger in Worten, als in der That, rief: «Ei mit Erlaubniß! warum nicht gar den Wallach in denCantherium in fossa. ] – So kann, wie Stroth richtig bemerkt, das Sprichwort lauten, wenn von einem die Rede sein soll, der schon in der Noth steckt. Als Warnung, sich nicht hineinzubegeben, muß es heißen: Minime cantherium in foss am. Stroth nimmt hier zu in fossam ein ausgelassenes deiiciam zu Hülfe. Auch lesen hier mit der Florentinischen noch acht andre Handschriften in foss am. Graben?» Worte, die nachher in ein ländliches Sprichwort übergegangen sind. Als Claudius, der in dem Wege weit hinunter ritt, ohne auf einen Feind zu treffen, wieder auf das Feld herausgekommen war, schalt er auf die Feigheit seines Feindes und kehrte, von lauten Freudensbezeigungen und Glückwünschen als Sieger 83 begleitet, ins Lager zurück. An die Erzählung von diesem Ritterkampfe knüpfen einige Jahrbücher noch einen Umstand, der wenigstens wunderbar klingt: über die Wahrheit desselben bleibt von meiner SeiteIch lese mit Drakenborch quam vera sit, communis per me existimatio est. jedem sein Urtheil freigestellt. Als Claudius den in die Stadt flüchtenden Taurea verfolgt habe, sei er in das offene feindliche Thor hineingeritten, und durch das entgegengesetzte, während die Feinde über das Wunder staunten, unversehrt entkommen.

48. Seitdem stand man einander ruhig gegenüber, ja der Consul zog sich mit seinem Lager zurück, damit die Campaner die Sat bestellen möchten; auch vergriff er sich an den Campanischen Feldern nicht eher, als bis die Sat schon so hoch im Kraute war, daß sie Futter geben konnte. Dies ließ er in das Claudische Lager oberhalb Suessula zusammenfahren und legte hier seine Winterquartiere an. Dem Proconsul Marcus Claudius befahl er, wenn er zu Nola die zur Behauptung der Stadt nöthigen Truppen zurückbehalten hätte, die übrigen nach Rom zu entlassen, damit sie den Bundsgenossen keine Beschwerde und dem State keine Kosten machten. Nachdem auch Tiberius Gracchus seine Legionen von Cumä nach Luceria in Apulien geführt hatte, so schickte er von hier den Prätor Marcus Valerius mit dem Heere, welches dieser zu Luceria gehabt hatte, nach Brundusium mit dem Auftrage, die Küste des Sallentinischen Gebiets zu decken und in Hinsicht auf Philipp und den Macedonischen Krieg die nöthigen Maßregeln zu treffen.

Am Ende des Sommers, in welchem laut meiner Erzählung dieses vorfiel, meldete ein von den Scipionen, Publius und Cneus, eingelaufener Brief, was für große und glückliche Thaten sie in Spanien verrichtet hatten, daß es aber an Geld zum Solde für das Heer, an Kleidung und Getreide, und den Seeleuten an AllemVergl. den Schluß dieses Capitels. fehle. Was den Sold betreffe, so wollten sie, wenn die 84 Schatzkammer zu arm sei, es möglich zu machen suchen, daß sie ihn von den Spaniern nähmen; das Übrige aber müsse nothwendig von Rom geschickt werden, sonst lasse sich weder das Heer, noch die Provinz länger erhalten. Als der Brief verlesen war, fand sich niemand, der nicht die Wahrheit der Angaben und die Billigkeit der Forderungen eingestanden hätte: allein dabei fiel ihnen aufs Herz, «was für große Heere zu Lande und zu Wasser sie zu halten hätten und wie groß die neue nächstens auszurüstende Flotte sein müsse, wenn der Macedonische Krieg zum Ausbruche käme. Sicilien und Sardinien, welche vor dem Kriege Steuern geliefert hätten, ernährten jetzt kaum die zu ihrer Behauptung dort stehenden Heere. Jetzt treibe man die Kosten lediglich durch die Abgaben herbei: allein gerade die Anzahl derer, welche die Abgaben entrichteten, sei durch die großen Niederlagen der Heere, theils am Trasimenischen See, theils bei Cannä, vermindert: wenn man die noch übrigen Wenigen mit so vielfachen Zahlungen belaste, so würden sie einer andern Noth erliegen. Folglich müsse der Stat, da er sich mit barem Gelde nicht retten könne, durch Credit sich retten. Der Prätor Fulvius müsse in der Versammlung auftreten, dem Volke die Verlegenheit des States aufdecken, und diejenigen, die durch Übernahmen vom State ihr Vermögen vergrößert hätten, auffordern, dem State, der sie reich gemacht habe, durch gestattete Frist zu helfenUt rei p. – tempus commodarent. ] – So habe ich nach Creviers Erklärung, ohne ad, den Sinn auszudrücken gesucht. Mit ad würde es heißen: Auf einige Zeit Vorschuß zu thun., und die dem Spanischen Heere nöthigen Lieferungen unter der Bedingung zu übernehmen, daß ihnen, sobald die Schatzkammer Geld habe, vor allen andern gezahlt würde.» Der Prätor zeigte dies der Versammlung an und zugleich den Tag, an welchem er die Lieferung der dem Spanischen Heere nöthigen Kleidungsstücke und Kornvorräthe, und was außerdem noch für die Seesoldaten erforderlich sei, verdingen wolle.

85 49. Als dieser Tag gekommen war, fanden sich zur Übernahme neunzehn Menschen in drei Gesellschaften an, und machten folgende zwei Bedingungen. Erstlich, daß sie, so lange sie dem State auf diese Art dienten, vom Kriegsdienste frei wären. Zweitens, wenn sie die Ladungen eingeschifft hätten, daß alsdann alle Gefahr von Seiten der Feinde oder eines Sturmes der Stat zu tragen habe. Nachdem ihnen beides zugestanden war, schlossen sie ab und die Ausgaben des Stats wurden von Privatleuten bestritten. Dies war die Gesinnung, so groß die Vaterlandsliebe, die gleichsam der Reihe nach durch alle Stände ging. So hochherzig man sich zur Übernahme verstanden hatte, so lieferte man auch den Heeren alles mit größter Treue, und nicht anders, als ob sie, wie sonst, aus einer reichen Schatzkammer verpflegt würden.

Als diese Zufuhren ankamen, belagerten Hasdrubal und Mago und Hannibal, Bomilcars Sohn, die Stadt Illiturgi wegen ihres Übertritts zu den Römern. Die Scipione, die zwischen diesen drei Lagern durch, unter hartem Kampfe und großem Verluste der sich widersetzenden Feinde, in die Stadt ihrer Bundesgenossen eindrangen, führten ihr Getreide zu, woran sie Mangel litt, und nachdem sie die Bürger ermuntert hatten, eben so muthvoll ihre Mauer zu vertheidigen, als sie das Römische Heer für sie hätten fechten sehen, zogen sie zum Angriffe gegen das größte der drei Lager, wo Hasdrubal den Oberbefehl hatte. Hier sammelten sich aber auch die beiden andern Feldherren und Heere der Carthager, weil sie einsahen, daß das Ganze von diesem Punkte abhänge. Also erfolgte das Gefecht vermittelst eines Ausfalls aus ihren Lagern. Sechzigtausend Feinde standen an diesem Tage in der Schlacht, und sechzehntausend Römer. Dennoch war der Sieg so wenig unentschieden, daß die Römer mehr Feinde erlegten, als sie selbst Leute hatten, über dreitausend Gefangene machten, beinahe tausend Pferde, neunundfunfzig Fahnen und sieben Elephanten erbeuteten, da sie schon fünf im Treffen getödtet hatten. Auch eroberten sie noch an dem Tage alle drei Lager. 86 Nach dem Entsatze von Illiturgi wurden die Punischen Heere zur Belagerung von Intibili geführt, da sie Ergänzungstruppen aus ihrer Provinz bekommen hatten, welche, wenn es nur Beute oder Sold gab, so kriegslustig war, als irgend eine, und jetzt an Mannschaft Überfluß hatte. In einer abermaligen Schlacht hatte der Kampf für beide Theile wieder eben den Erfolg. Über dreizehntausend Feinde wurden getödtet, über zweitausend gefangen, zweiundvierzig Fahnen genommen und neun Elephanten. Nun aber gingen auch fast alle Völker Spaniens zu den Römern über, und es waren in diesem Sommer weit wichtigere Thaten in Spanien verrichtet, als in Italien.

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