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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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17. Die Väter setzte indeß der Wettstreit um den Thron und der Wunsch, ihn zu besitzen, in Thätigkeit. Freilich gab es noch keine Parteien, für irgend einen Einzelnen, weil in einem neuen Volke Keiner so sehr über die Andern hervorragte: allein die Stämme führten diesen Streit. Die von Sabinischer Abkunft wollten einen König aus ihrer Mitte gewählt wissen, damit sie nicht Gefahr liefen, weil nach des Tatius Tode von ihrer Seite kein König gewesen war, selbst bei gleichen Bundesrechten die Besetzung des Throns zu verlieren. Die ursprünglichen Römer hatten eine Abneigung gegen jeden fremden König. Bei so verschiedenen Gesinnungen wollten doch alle von, einem Könige beherrscht sein, weil sie die Süßigkeit der 32 Freiheit noch nicht gekostet hatten. Endlich fingen die Väter an zu fürchten, es möchte, bei der gereizten Stimmung der vielen umliegenden Städte, irgend eine auswärtige Macht den Stat ohne Oberhaupt, das Heer ohne Führer, angreifen. Es sollte also Einer die Oberstelle haben; und doch wollte Keiner sichs gefallen lassen, dem Andern nachzustehen. Also vereinigten sich die hundert Väter dahin, daß sie sich in zehn Decurien theilten, und für jede Decurie Einen wählten, der dem Ganzen vorstehen sollte. Es regierten also immer Zehn: die Zeichen der höchsten Würde und die Beilträger hatte Einer. Auf fünf Tage war diese Regentschaft beschränkt, und kam der Reihe nach an Jeden; und diese Zwischenzeit ohne König dauerte ein ganzes Jahr. Sie bekam den jetzt noch üblichen Namen Zwischenregierung von der Sache selbst.

Nun aber wurden die Bürger laut: Ihre Sklaverei sei vervielfältigt; man habe ihnen, statt Eines, hundert Herren gegeben! und sie schienen Keinen länger über sich dulden zu wollen, außer einen König, und zwar einen von ihnen selbst gewählten. Als die Väter sahen, daß dies im Werke sei, machten sie sich, in der Überzeugung, daß sie das freiwillig anbieten mußten, was sie doch verloren haben würden, die Bürgerschaft noch dadurch verbindlich, daß sie ihnen die höchste Verfügung in der Sache überließen, ohne doch im mindesten von ihren Rechten mehr wegzugeben, als sie selbst für sich behielten. Sie fertigten nämlich den Schluß aus, daß, wenn das Volk einen König ernannt habe, dieß alsdann gültig sein sollte, wenn die Väter es bestätigten. Und noch jetzt üben sie dieses Recht bei in Vorschlag gebrachten Gesetzen und obrigkeitlichen Wahlen; wiewohl ihm alle Kraft genommen ist. Denn ehe noch das Volk zum Stimmengeben schreitet, geben die Väter, auf den noch ungewissen Ausgang des Volkstages ihre Bestätigung schon zum voraus. Damals aber sprach der Zwischenkönig zu der von ihm berufenen Versammlung: «Glück, Heil und Segen zu eurem heutigen Werke, ihr Quiriten! Wählet einen König! So haben es die Väter für gut erachtet. Wählet ihr einen, der würdig ist, für den 33 Zweiten nach Romulus zu gelten, dann werden die Väter ihn bestätigen.» Dies fand unter den Bürgern so großen Beifall, daß sie, um den Vätern im Beweise des Wohlwollens nicht nachzustehen, bloß auf den Beschluß und die Erklärung sich beschränkten: Der Senat solle durch seinen Beschluß Rom einen König geben.

18. Die Rechtschaffenheit und Gottesfurcht des Numa Pompilius stand damals in großem Rufe. Er wohnte in der Sabinischen Stadt Cures und war in allen göttlichen und menschlichen Rechten so erfahren, wie es in jenem Zeitalter irgend jemand sein konnte. Als seinen Lehrer giebt man, weil sich kein anderer findet, fälschlich den Samier Pythagoras an, von dem es doch gewiß ist, daß er mehr als hundert Jahre später, als Zeitgenoß des Römischen Königs Servius Tullius, unten an Italiens Küste, etwa zu Metapontum, Heraklea und Kroton, einen Zufluß von jungen lehrbegierigen Zuhörern gehabt habe. Und gesetzt, er wäre mit dem Numa gleichzeitig gewesen, wie hatte sein Ruf, der von jenen Gegenden bis zu den Sabinern hätte durchdringen müssen, oder vermittelst welcher Sprache, jemand vermögen können, sich aufzumachen, um von ihm zu lernen? oder womit hätte dieser Einzelne sich schützen sollen, um durch so viele in Sprache und Sitten verschiedene Völker hieher zu gelangen? Ich halte es für wahrscheinlicher, daß er sich aus eigner Stimmung den Leitungen der Tugend hingegeben habe, und nicht sowohl durch Wissenschaften des Auslandes gebildet worden sei, als in der düstern und strengen Zucht der alten Sabiner, eines Volkes, das ehemals zu den unverdorbensten gehörte.

Als die Väter den Numa nennen hörten, so wagte es keiner von ihnen, obgleich die Sabiner ein Übergewicht zu bekommen schienen, wenn man den König aus ihnen nahm, weder sich, noch einen andern seines Anhangs, oder sonst einen der Väter oder Mitbürger einem solchen Manne vorzuziehen. Einstimmig beschlossen sie, dem Numa Pompilius den Thron anzubieten. Als man ihn nach Rom berufen hatte, ließ er, so wie Romulus bei Erbauung der Stadt durch den Vogelflug zur Regierung gelangt war, auch 34 über sich die Götter befragen. Er wurde also von einem Seher (Augur, Beobachter des Vogelflugs), zu dessen Ehre man nachher das Auguramt zu einem öffentlichen und bleibenden Priesterthume erhob, auf die Burg geführt und setzte sich, gegen Mittag gewandt, auf einen Stein. Der Vogelschauer setzte sich mit verhülltem Haupte ihm zur Linken, in der Rechten einen krummen Stab ohne Knoten; ein solcher Augurstab wurde Lituus (Seherstab) genannt. Er nahm die Aussicht über die Stadt und über das Feld, und wie er nach Anrufung der Götter, die Himmelsgegenden von Morgen bis Abend bezeichnet hatte, nannte er Mittag die rechte, Mitternacht die linke Seite. Als Gränze zwischen beiden steckte er in Gedanken ein Ziel, sich gegenüber, so weit seine Augen reichten. Darauf nahm er den Seherstab aus der rechten in die linke Hand, legte die Rechte auf Numa's Haupt und betete so: «Vater Jupiter, wenn es dein heiliger Wille ist, daß dieser Numa Pompilius, dessen Haupt ich jetzt berühre, König zu Rom werde, so wollest du uns untriegliche Zeichen innerhalb der Gränzen offenbaren, die ich bezeichnet habe.» Dann bestimmte er wörtlich, welche Vögel und wie sie geflogen kommen sollten, und als sie erschienen waren, stieg Numa, als erklärter König, von der Schauhöhe herab.

19. Auf diese Art zum Throne erhoben, nahm er sich vor, an der neuen durch Gewalt und Waffen begründeten Stadt, durch einzuführende Rechte, Gesetze und Sitten ein zweiter Stifter zu werden. Weil er aber einsah, daß die im Waffendienste Verwilderten bei ferneren Kriegen sich hieran nicht würden gewöhnen können, so baute er ihnen, in der Überzeugung, den Trotz seines Volks durch Entwöhnung von den Waffen besänftigen zu müssen, unten an der Gasse Argiletum, einen Janustempel, als Merkmal des Friedens und Krieges. Geöffnet sollte er anzeigen, der Stat sei in den Waffen; geschlossen, man habe mit allen umliegenden Völkern Friede. Zweimal ist er nachher, seit Numa's Regierung, geschlossen gewesen. Einmal, als unter dem Consulate des Titus Manlius der erste Punische Krieg geendigt war: zum zweitenmale – und dies zu 35 erleben, hatten die Götter unserm Zeitalter aufbehalten – nach der Schlacht bei Actium, durch den, vom Cäsar Augustus als Oberfeldherrn, zu Lande und zu Wasser erworbenen Frieden.

Wie also Numa, der sich die Freundschaft aller benachbarten Völker durch Bündnisse und Verträge gesichert hatte, diesen Tempel schloß, so war für die Römer jede von außen zu besorgende Gefahr beseitigt. Damit nun ihr Muth, welchen bisher Furcht vor den Feinden und Kriegszucht in Ordnung gehalten hatte, sich dieser Ruhe nicht überheben möchte, so ließ er es seine vorzüglichste Sorge sein, ihnen Furcht vor den Göttern einzuflößen; ein Mittel, das auf eine unerfahrne und in jenen Zeiten noch rohe Menge die kräftigste Wirkung haben mußte. Weil sie aber ohne Aufstellung irgend eines Wunderbaren die Herzen nicht so tief durchdrungen haben würde; so gab er vor, er habe nächtliche Zusammenkünfte mit der Göttinn Egeria; von ihr berathen, könne er die gottesdienstlichen Einrichtungen so treffen, wie sie den Göttern am gefälligsten waren, und für jede Gottheit die schicklichsten Priester anstellen.

Auch theilte er gleich anfangs das Jahr nach dem Mondeslaufe in zwölf Monate; und weil der Mond keinen vollen Monat von dreißig Tagen giebt, sein Jahr also gegen ein volles Jahr, dessen Ablauf sich nach der Sonnenbahn richtet, in einem Rückstande von mehrern Tagen bleibt, so glich er diesen durch eingeschobene Schaltmonate aus, so daß jedesmal nach vier und zwanzig Jahren die Tage wieder auf eben dem Punkte der Sonnenbahn, von dem sie ausgegangen waren, mit dem Ablaufe der sämtlichen Jahre zutreffen mußtenDas Römische Jahr hatte unter Romulus nur 10 Monate gehabt, sechs von 30 und vier von 31 Tagen; also zusammen 304 Tage. Mit dem Laufe des Mondes traf es nicht überein, da Romulus, statt 27⅓ Tage für den Mond zu berechnen, seine Monate zu 30 oder 31 Tagen angenommen hatte: und an den 365 Tagen eines Sonnenjahrs fehlten ihm 61 Tage, oder 2 Monate. Folglich waren die Römer unter ihm mit ihrem Calender in drei Jahren um ein halbes Jahr zurück, und hatten, wenn ich mich nach unsrer Berechnung des bürgerlichen Jahres ausdrücken darf, wenn am Ende des dritten Jahrs Weihnachtswetter und die kürzesten Tage sein sollten, statt dessen Johanniswitterung und die längsten Tage.

Die Griechen halfen sich etwas besser. Ihr Mondenjahr hatte in 12 Monaten (zu 29 u. 30 Tagen) 354 Tage. Dem Romulus hatten jährlich 61 Tage gefehlt ; ihnen fehlten am vollen Sonnenjahre. nur 11¼. In 8 Jahren brachte dies 90 Tage, darum mußten sie alle 8 Jahre am Ende derselben, 90 Tage einschieben, aus welchen sie 3 Schaltmonate machten, jeden zu 30 Tagen. Hier unsre und ihre Rechnung von 8 Jahren:

Wir 365 Tage des Sonnenjahrs  |  die Griechen 354 Tage des Mondjahrs
8 mal  |  8 mal
 | 
2920  |  2832
u. in 8 Jahren 2 Schalttage  |  3 Schaltm. à 30 = 90
 | 
2922  |  2922

Romulus war alle 3 Jahre gegen das Sonnenjahr um ein halbes Jahr zurück; die Griechen doch nur alle 8 Jahre um die 90 Tage oder ein Vierteljahr. Gleichwohl hatten auch sie, wenn sie, nach unsrer Art zu reden, Weihnachtswetter und die kürzesten Tage hätten haben müssen, etwa Michaeliswitterung und Tag und Nacht gleich. Da sie aber alle 8 Jahre diese Lücke durch die eingeschalteten 90 Tage (oder 3 Monate) ausfüllten, so waren sie mit dem ersten Tage des neunten Jahrs wieder in Ordnung, bis am Ende des zweiten Octenniums durch den Rückstand eines ganzen Vierteljahres die Abweichung abermals auffallend wurde.

Diesem Übel abzuhelfen nahm Numa statt der 354 Tage des Griechischen Calenders auf sein Jahr 355 Tage. In 8 Jahren hatte er gegen die Rechnung der Griechen freilich nicht viel, aber doch schon 8 Tage gewonnen; und noch mehr beförderte er die Übereinkunft des bürgerlichen Jahres mit dem wirklichen dadurch, daß er in dem ersten Octennium nicht so, wie die Griechen, 90 fehlende Tage auf Einmal hinten anhängte; sondern er vertheilte diese 90 Tage in 4 Schaltmonate, zwei zu 22, und zwei zu 23 Tagen, und schaltete alle zwei Jahre einen gleichen oder ungleichen Monat wechselsweise nach dem 23sten Febr. ein. Eben so machte er es im zweiten Octennium. Dadurch hatte er nun für das dritte Octennium bei weitem den großen Rückstand nicht mehr; er hatte nicht nöthig, so wie die Griechen, auch diesmal 90 Tage einzuschieben, sondern brauchte nur 66 Tage einzuschalten, weil seine in den 24 Jahren zugelegten 24 Tage die Summe der 90 auf 66 herabgesetzt hatten. Und auch diese 66 Tage schob er wieder nicht auf Einmal hinten an, sondern schaltete sie schon während des Ablaufs dieser letzten 8 Jahre als drei Schaltmonate, jeden zu 22 Tagen, ein. Numa hatte also die 90 Tage der Griechen besser vertheilt, und war dadurch wenigstens dieser größeren Unregelmäßigkeit ausgewichen, daß er nicht jedesmal am Ende der 8 Jahre in der Witterung und in den Tag- und Nachtlängen um ein Vierteljahr zurückblieb. Statt daß die Griechen mit den 2832 Tagen ihres Octenniums am Ende jedesmal gegen unsre richtige Summe von 2922 Tagen um 90 Tage zurück waren, hatte Numa in jedem der beiden ersteren Octennien 2840 + 90 = 2930 Tage, also nur in jedem 8 Tage zuviel, und diesen Überschuss nahm er im dritten Octennium durch die 9 - 24 = 66 wieder zurück. Hier die Berechnung nach den 24 Jahren:

Wir 365 T.  |  die Griechen 354 T.  |  Numa 355 T.
24 mal  |  24 mal  |  8 mal
 |   | 
1460  |  1416  |  1stes Octenn. 2840
730  |  708  |  4 Schaltmon. 90 wechselnd alle 2 J.
zu 22 u. 23 T.
 |   | 
8760  |  8496  |  2930
Schalttage 6  |  90  |  2tes Octenn. 2840
 |  90  |  4 Schaltmon. 90 eben so wechselnd
zu 22 u. 23 T.
8766  |  90  | 
 |   |  5860
 |  8766  |  3tes Octenn. 2840
 |   |  3 Schaltmon. 66 alle 2 J. zu 22 T.
eingeschaltet.
 |   | 
 |   |  8766
.

36 Weil es auch in Zukunft von Nutzen sein konnte, mit dem Volke zuweilen keine Verhandlungen anstellen zu dürfen, so theilte er die Tage in solche ein, an welchen dies verboten, oder erlaubt sein sollte.

20. Nun richtete er sein Augenmerk auf die Priesterwahl, ob er gleich sehr viele gottesdienstliche Geschäfte persönlich verrichtete, vorzüglich die, auf welche jetzt Jupiters Eigenpriester angewiesen ist. Weil es indessen glaublich war, daß in einem kriegerischen State die Könige öfter einem Romulus, als einem Numa gleichen, und in Person zu Felde ziehen würden; so ordnete er, um die 37 Versäumung der dem Könige obliegenden heiligen Gebräuche zu verhüten, für den Jupiter einen immer gegenwärtigen Eigenpriester an und verlieh ihm zu seiner Verherrlichung eine auszeichnende Kleidung und einen königlichen Thronsessel. Noch zwei andre Eigenpriester gab er diesem zu, einen für den Mars, den andern für den Quirinus. Für die Vesta stellte er erlesene Jungfrauen an, ein ursprünglich Albanisches, und der Familie des Erbauers Romulus nicht fremdes Priesterthum. Damit sie ihrem Tempel eine ununterbrochene Aufsicht widmen könnten, setzte er ihnen vom State einen Gehalt aus: auch machte er sie durch 38 ihren unverheiratheten Stand und andre feierliche Vorrechte ehrwürdig und heilig. Ferner wählte er zwölf Salier (Tanzpriester) zum Dienste des Mars Gradivus (des Schreitenden Mars), gab ihnen einen gestickten Leibrock zum Ehrenkleide, und über diesen Leibrock einen ehernen Brustschild. Sie sollten die Ancilien, jene vom Himmel stammenden Schilde, bei ihrem Aufzuge durch die Stadt, unter abzusingenden Liedern im Taktschritte und feierlichen Tänzen umhertragen. Zuletzt nahm er zum Oberpriester (Pontifex) einen aus den Vätern, den Numa Marcius, des Marcus Sohn, und übergab ihm mit dem gesammten Gottesdienste eine schriftliche Übersicht und Nachweisung, mit was für Opferthieren, an welchen Tagen, in welchen Tempeln Opfer gebracht und woher die dazu erforderlichen Kosten genommen werden sollten. Auch alles, was sonst noch auf öffentlichen oder Privatgottesdienst Bezug haben konnte, unterwarf er dem Gutachten des Oberpriesters; theils, damit das Volk an ihm den Mann haben möchte, bei dem es sich Raths erholen könnte; theils, um die Gerechtsame der Götter weder durch Vernachlässigung der vaterländischen, noch durch Aufnahme fremder Gebräuche stören zu lassen. Ferner sollte der Oberpriester nicht bloß über die Verehrung der Himmlischen Auskunft geben, sondern auch über die den Verstorbenen zu erweisende letzte Ehre und über die Beruhigungsopfer der Seelen; auch was für Wunderzeichen, sie möchten durch einen Wetterstrahl oder sonst durch eine Erscheinung offenbaret sein, als gültig angesehen und ausgesöhnt werden sollten. Um alles dies dem Sinne der Götter abfragen zu können, weihte er auf dem Aventinus dem Jupiter Elicius (Abfrage-Jupiter) einen Altar und befragte diesen Gott vermittelst des Vogelflugs, was für Wunderzeichen als solche anzusehen wären.

21. Erkundigungen und Ausrichtungen dieser Art waren es, zu denen jetzt das gesammte Volk von Gewaltthaten und Kriegen überging. Theils gewannen sie durch diese Thätigkeit Beschäftigung für ihren Geist; theils flößte die ununterbrochene innige Rücksicht auf die Götter durch den Glauben, daß an dem Thun und Lassen der 39 Menschen eine überirdische Gottheit Antheil nehme, ihren Herzen eine solche Frömmigkeit ein, daß das Gefühl für Treue und Eid auf die Leitung der Bürger fast eben so wirksam war, als die Furcht vor Gesetzen und Strafen. Und indem sich so die Römer ihrerseits nach dem Wandel ihres Königs, als dem vorzüglichsten Muster, bildeten, ging auch die bisherige Meinung der benachbarten Völker, daß nicht sowohl eine Stadt, als vielmehr ein Lager mitten unter ihnen angelegt sei, um den Frieden aller zu stören, in eine solche Ehrerbietung über, daß sie es für gewissenlos hielten, sich an einem State zu vergreifen, der sich so ganz dem Dienste der Götter gewidmet habe.

In der Mitte eines Haines ergoss aus einer schattigen Höhle ein Quell sein rinnendes Wasser. Weil sich Numa sehr oft ohne Zeugen, als zum Besuche seiner Göttinn, dahin begab, so weihete er ihn den Camenen (Musen), welche hier, wie er sagte, mit seiner Gemahlinn Egeria Zusammenkünfte hielten. Auch widmete er der Treue einen eignen Tempel und eine jährliche Feierlichkeit. Zu diesem Heiligthume mußten ihre Eigenpriester auf einem zweispännigen Wagen unter einem gewölbten Verdecke fahren und bei Verrichtung des Opfers die Hand bis an die Finger eingehüllt haben. Sie sollten dadurch anzeigen, daß man die Treue verwahren und ihren Wohnsitz selbst in unsrer Rechte heilig halten müsse. Noch viele andre Opfer ordnete er an und weihete zu ihrer Ausrichtung Plätze, welche die Oberpriester die Argeischen nennen. Doch unter allen seinen Werken war dies das größte, daß er während seiner ganzen Regierung den Frieden eben so glücklich zu schützen wußte, als sein Reich.

So brachten zwei auf einander folgende Könige, beide auf verschiedenem Wege, jener durch Krieg, dieser durch Frieden, den Stat in Aufnahme. Romulus hatte sieben und dreißig, Numa drei und vierzig Jahre regiert.

Jetzt war der Stat nicht bloß der kraftvolle; die Künste des Krieges und Friedens im Vereine gaben ihm auch ihre mildernde Stimmung.

22. Mit Numa's Tode trat wieder eine 40 Zwischenregierung ein. Dann ermahnte das Volk den Tullus Hostilius, den Enkel jenes Hostilius, der sich am Fuße der Burg in der Schlacht gegen die Sabiner so rühmlich auszeichnete, zum Könige. Er war nicht allein dem vorigen Könige ganz unähnlich, sondern auch noch kriegerischer, als Romulus. Theils spornte Jugend und Stärke seinen Muth, theils der vom Großvater ihm angestammte Ruhm. Weil seiner Meinung nach der Stat durch die Ruhe in Kraftlosigkeit verfiel, so suchte er auf allen Seiten Stoff zum Kriege. Da fügte es sich, daß einige Römische Landleute auf Albanischem und Albaner dagegen auf Römischem Boden plünderten. Zu Alba regierte damals Cajus Cluilius. Die Gesandten, welche Genugthuung fordern sollten, gingen von beiden Seiten fast zugleich ab. Tullus hatte den seinigen gemessenen Befehl ertheilt, sich auf nichts eher einzulassen, als ihre Aufträge. Er vermuthete nicht ohne Grund, der König von Alba werde die Genugthuung versagen; dann sei die Kriegserklärung rechtmäßig. Die Gesandten von Alba betrieben ihre Sache nicht so angelegentlich. Weil Tullus sie sehr gefällig und gastfrei bewirthete, so waren auch sie bei dem königlichen Mahle nicht die Ungeselligen. Unterdeß waren die Römischen Gesandten die ersten gewesen, welche Genugthuung gefordert und dem Albanischen Könige auf seine Weigerung den dreißigsten Tag zum Anfange des Krieges bestimmt hatten. Mit dieser Nachricht kamen sie wieder zum Tullus. Nun ließ Tullus die fremden Gesandten vor, um sie über den Zweck ihrer Sendung zu vernehmen. Sie, mit dem ganzen Vorgange unbekannt, brachten lange Entschuldigungen vor: «Wenn sie im mindesten etwas sagen sollten, was dem Könige Tullus misfällig sein könnte, so würde ihnen dies sehr leid thun: sie müßten aber ihren Befehlen Folge leisten. Sie wären gekommen, auf Erstattung des Geraubten anzutragen. Sollte diese nicht erfolgen, so wären sie zur Kriegserklärung befehligt.» Da sprach Tullus: «Saget eurem Könige, Roms König fordere die Götter auf, alles aus diesem Kriege erwachsende Elend dasjenige Volk treffen zu lassen, welches zuerst die 41 Gesandten mit ihrem Gesuche um Genugthuung abgewiesen habe.»

23. Mit dieser Meldung kamen die Gesandten nach Alba zurück. Von beiden Seiten bot man alle Kräfte zu einem Kriege auf, der einem Bürgerkriege sehr ähnlich war, beinahe zwischen Vätern und Söhnen. Denn beide Völker waren Trojanischer Abkunft; weil Lavinium von Troja, von Lavinium Alba, vom Albanischen Königsstamme Rom seinen Ursprung hatte. Doch gab der Ausgang diesem Kriege eine minder traurige Wendung, insofern es zu keinem Treffen kam und bloß, nach Abbrechung der Gebäude in der Einen Stadt, beide Völker zu Einem verbunden wurden.

Die Albaner fielen zuerst mit einem großen Heere ins Römische Gebiet. Eine Meile von Rom schlugen sie ihr Lager auf und umzogen es mit einem Graben. Er hat noch einige hundert Jahre von ihrem Heerführer der Cluilische Graben geheißen, bis durch die Länge der Zeit mit der Sache auch der Name verschwand. In diesem Lager starb der Albanische König Cluilius: an seine Stelle wählten die Albaner einen Dictator, den Mettus Fuffetius.

Tullus, voll Muth, noch mehr bei diesem Todesfalle des Königs, und nicht ohne die Bemerkung zu äußern, daß die sichtbare Einwirkung der Götter, die an dem Oberhaupte sich zuerst gezeigt habe, das ganze Albanische Volk für den ungerechten Krieg zur Strafe ziehen werde, machte sich dadurch zum angreifenden Theile, daß er sein Heer vor dem Albanischen Lager in einer Nacht vorbeiführte und selbst ins Albanische einfiel. Dies nöthigte auch den Mettus zum Aufbruche. Er rückte auch so nahe an den Feind, als möglich. Von da schickte er einen Gesandten voraus und ließ den Tullus wissen: «Ehe sie schlügen; wünsche er sich mit ihm zu unterreden. Wenn sich Tullus darauf einlassen wolle, so wären seine Vorschläge gewiß von der Art, daß sie den Römern eben so wichtig sein müßten, als den AlbanernTullus, ohne den Antrag zu verwerfen, so unwichtig er ihm auch war, ließ zur Schlacht ausrücken. Gegenüber traten auch die Albaner auf. Als beide Heere gereihet dastanden, schritten die Feldherren, von Einigen der Großen begleitet, in die Mitte.

42 Da begann der Albaner: «Beleidigungen und die abgeschlagene, vertragsmäßig geforderte, Erstattung des Geraubten, sind, nach der Aeußerung unsres Königs Cluilius, wenn ich nicht irre, die Ursache dieses Krieges; und du, Tullus, wirst gewiß dieselbe Sprache führen. Sollen wir aber lieber reden, was Wahrheit ist, als was die Angabe scheinbar macht, so ist der eigentliche Sporn, der zwei verwandte und benachbarte Völker zur Ergreifung der Waffen trieb, die Begierde, über einander zu herrschen. Ob mit Recht oder Unrecht, entscheide ich nicht. Diese Betrachtung mußte der anstellen, der den Krieg anfing: mich haben die Albaner an ihre Spitze gestellt, ihn zu führen. Nur dies Einzige, Tullus, möchte ich dir zu beherzigen geben: Wie groß die Macht der Hetrusker sei, die uns, und dich vorzüglich, umschlingt, weißt du um so viel genauer, je näher ihr ihnen seid. Zu Lande sind sie mächtig; zur See die Oberherren. Verlaß dich darauf, sie werden, wenn du jetzt das Zeichen zur Schlacht giebst, an dem Kampfe unserer Heere bloß darum ihr Auge weiden, um über den müden und entkräfteten – Sieger so gut, als Besiegten – herzufallen. Haben sich die Götter noch nicht von uns abgewandt, so laß uns, weil wir doch einmal, mit unsrer gewissen Freiheit unzufrieden, auf dem mißlichen Kampfplatze der Oberherrschaft und Dienstbarkeit erschienen sind, einen Weg einschlagen, auf welchem ohne großen Verlust, und ohne vieles Blut auf beiden Seiten, entschieden werden könne, welches von beiden Völkern des andern Herr sein soll.» War Tullus gleich, auf Antrieb seines Muths sowohl, als aus Hoffnung zum Siege, der minder Nachgiebige, so misfiel ihm doch der Vorschlag nicht. Man dachte von beiden Seiten einem solchen Auswege nach und fand ihn, weil das Verhängniß selbst der Ausführung den Stoff unterlegte.

24. Es dienten eben in jedem der beiden Heere Drillingsbrüder, an Jahren und Stärke einander nicht ungleich. Daß sie Horatier und Curiatier geheißen haben, darin kommt man überein; und nicht leicht ist eine Begebenheit des Alterthums bekannter. Gleichwohl bleibt man in einer 43 so kundigen Thatsache über die Namen in Ungewißheit, zu welchem Volke nämlich die Horatier, zu welchem die Curiatier gehört haben sollen. Beide werden von Geschichtschreibern beiden Völkern zugerechnet: doch finde ich mehrere, welche die Römischen Brüder Horatier nennen, und ich glaube ihnen folgen zu müssen.

Die Könige stellten ihren Drillingen vor, «sie möchten diesen Kampf der Entscheidung für ihr Vaterland eingehen. Auf wessen Seite der Sieg stehen werde, auf der werde künftig die Oberherrschaft sein.» Sie waren gleich bereit. Zeit und Ort wurden bestimmt.

Ehe sie kämpften, wurde zwischen den Römern und Albanern ein Vertrag geschlossen, des Inhalts: Welches Volkes Bürger in diesem Kampfe siegen würden, das sollte des andern guter friedlicher Oberherr sein. Solche Verträge werden, jeder unter andern, Bedingungen geschlossen, übrigens alle auf die nämliche Weise. Der damalige – und er ist der älteste, von dem wir Nachricht haben – soll auf die Art geschlossen sein. Der Bundespriester fragte den König Tullus: «Genehmigst du es, König, daß ich mit dem Eidesvater des Albanischen Volks einen Bund schließe?» Als der König es genehmigte, sprach Jener weiter: «So verlange ich von dir, o König, den heiligen Rasen.» Der König sprach: «Nimm dazu reines Gras.» Der Bundespriester holte sich von der Burg das reine Gras. Dann fragte er den König wieder: «König, machst du mich zum königlichen Boten des Römischen Volks der Quiriten? auch mein Geräth und meine Begleiter?» Der König antwortete: «In so weit weder mir, noch dem Römischen Volke der Quiriten Nachtheil daraus erwachse, mache ich dich dazu.» Bundespriester war Marcus Valerius. Dieser machte den Spurius Fusius zum Eidesvater, dadurch, daß er ihm Haupt und Haar mit dem geweiheten Grase berührte. Der Eidesvater wird zur Leistung des Eides ernannt, oder, welches einerlei ist, zur Bekräftigung des Vertrages; und das thut er mit vielen Worten, zu deren Mittheilung, wie sie in langer Formel lauten, hier der Ort nicht ist. Wenn er 44 dann die Vergleichspunkte abgelesen hat, spricht er: «Höre, Jupiter! höre, Eidesvater des Albanischen Volks! höre du, Volk von Alba! So wie dieses öffentlich von Anfang bis zu Ende von diesen Tafeln oder Wachse verlesen worden ist, sonder arge List, und so wie es allhie heutiges Tages völlig richtig verstanden worden ist, also will auch von bemeldeten Artikeln das Römische Volk nicht zuerst abgehen. Sollte es nach öffentlichem Schlusse in böslicher Absicht zuerst davon abgehen, so wollest du, Jupiter, desselbigen Tages das Römische Volk eben so treffen, als ich heute auf dieser Stelle dieses Schwein treffen werde; und triff du es so viel kräftiger, je kräftiger du das kannst und vermagst.» Nachdem er so gesprochen, gab er einem Schweine mit einem rohen Kiesel einen Schlag. Die Albaner ließen ebenfalls die Ablesung ihrer Formeln und ihre Eidesleistung durch ihren Dictator und ihre Priester vollziehen.

25. Nach geschlossenem Vertrage griffen, der Übereinkunft gemäß, die Drillinge zu den Waffen. Unter den Ermunterungen der Ihrigen auf beiden Seiten, welche ihnen vorstellten, daß jetzt die vaterländischen Götter, das Vaterland und ihre Ältern, und alle Bürger zu Hause und im Heere nur auf ihre Waffen, nur auf ihre Hände blickten, traten sie mitten im Platze zwischen beiden Heeren auf; kühn durch eignen Muth; voll vom Zurufe der Ermunternden. Beide Heere hatten sich vor ihrem Lager aufgestellt, frei von aller persönlichen Gefahr, aber nicht von Besorgniß. Galt es doch jetzt die Oberherrschaft ihres States, die von der Tapferkeit und dem Glücke dieser Wenigen abhing. Kein Wunder, daß sie, voll Erwartung und Ungewißheit, ihre ganze Aufmerksamkeit auf ein Schauspiel hefteten, das nichts weniger, als belustigend war.

Jetzt wurde das Zeichen gegeben. Mit gegen einander gekehrten Waffen brachen von beiden Seiten, gleich Schlachtreihen, die drei Jünglinge auf einander ein, vom Geiste großer Heere beseelt. Weder hier, noch dort, dachte Einer an eigne Gefahr. Die Herrschaft oder Dienstbarkeit ihres States war es, die ihnen vor der Seele 45 schwebte, und das Schicksal des Vaterlandes, das so auf ihm bleiben werde, wie sie es jetzt ihm gäben. Als beim ersten Angriffe die Waffen erklangen und die zückenden Schwerter blitzten, durchbebte die Zusehenden ein heftiger Schauder; und so lange der Sieg noch auf keine Seite sich neigte, schien jeder Laut, jeder Athemzug in ihnen erstorben. Jetzt waren sie schon im Handgemenge: man sah nicht bloß Wendungen der Körper, unentscheidende Streiche und Waffengetümmel; auch Blut und Wunden zeigten sich. Da stürzten vor den drei schon verwundeten Albanern zwei Römer, einer über den andern, sterbend nieder. Erhob bei ihrem Falle das Albanische Heer ein Freudengeschrei, so verließ die Römischen Legionen, durch die Gefahr ihres von drei Curiatiern umstellten Einzigen voll Entsetzen, schon alle Hoffnung, aber noch nicht die Besorgniß. Zum Glücke hatte er noch keine Wunde, und so wie er allein Dreien zugleich nicht gewachsen war, so war er jedem Einzelnen überlegen. Um ihren Angriff zu trennen, nahm er die Flucht, in der Erwartung, daß sie ihn so verfolgen würden, wie es Jedem seine schwächende Wunde gestatten werde. Schon war er eine ziemliche Strecke von dem Platze, wo sie gefochten hatten, entfernt, da sah er sich um und wurde gewahr, daß sie, Einer weit hinter dem Andern, ihm folgten, und der Erste nicht mehr fern war. Auf diesen rannte er mit großem Ungestüme zurück, und während das Albanische Heer den Curiatiern zuschrie, sie sollten ihrem Bruder zu Hülfe eilen, hatte der siegende Horatius den Feind erlegt und flog in das zweite Gefecht. Vom lauten Geschreie der Römer – Wie wenn bei unsern Kampfspielen dem schon Aufgegebenen seine Partei unerwartet ihren Beifall erneuet – fühlte sich ihr Krieger gehoben; und er selbst eilte, den Kampf zu enden. Ehe noch der Andre – und er war nicht weit mehr – dazu kommen konnte, wurde er auch mit dem zweiten Curiatier fertig. Nun waren, in gleicher Streiterzahl, nur Mann gegen Mann noch übrig; aber an Muth so ungleich, als an Kräften. Der Eine trat bei seinem wundenfreien Körper, nach seinem doppelten Siege mit 46 Überlegenheit zum dritten Kampfe auf: der Andre schleppte, matt von seiner Wunde, matt vom Laufe, sich näher: schon durch den Tod seiner vor ihm liegenden Brüder besiegt, konnte er sich seinem Sieger nur überliefern. Kampf war das nicht mehr. Frohlockend sprach der Römer: «Zwei habe ich den Geistern meiner Brüder geopfert: den Dritten opfre ich der Entscheidung dieses Krieges, um die Römer zu Herrschern über Alba zu machen.» Von oben herab stach er ihm, der kaum die Waffen noch halten konnte, das Schwert in die Gurgel. Wie er da lag, zog er ihn aus. Unter Jubelgeschrei und Glückwünschen empfingen die Römer ihren Horatius; mit so viel größerer Freude, je mißlicher die Sache gestanden hatte.

Nun schritten beide Völker zur Bestattung der Ihrigen, mit sehr ungleichen Empfindungen: denn die Einen hatten ihre Herrschaft erweitert, die Andern sahen sich in fremde Hand gegeben. Die Gräber haben noch den Platz, wo Jeder fiel: die beiden Römischen neben einander, nach Alba zu; die drei Albanischen näher nach Rom, aber von einander entfernt, wie sie auch gefochten hatten.

26. Ehe die Völker von einander schieden, fragte Mettus beim Könige Tullus an, was er vermöge des Vertrages zu befehlen habe. Tullus befahl ihm, seine Mannschaft unter den Waffen zu behalten: er werde sich ihrer im Falle eines Krieges mit den Vejentern, bedienen. Dann wurden die Heere nach Hause abgeführt.

An der Spitze der Römer ging Horatius, prunkend mit der dreifachen Kampfbeute. Vor dem Capenischen Thore kam ihm seine unverheirathete Schwester entgegen, die mit Einem der Curiatier verlobt war; und wie sie auf ihres Bruders Schulter den Kriegsrock ihres Bräutigams erkannte, den sie selbst gewirkt hatte, riß sie ihr Haar los und rief mit Thränen ihren todten Bräutigam bei Namen. Dies Gewinsel seiner Schwester bei seinem Siege, bei der so lauten allgemeinen Freude, weckte dem hochsinnigen Jünglinge den Zorn. Er zog sein Schwert und durchstieß sie mit den strafenden Worten: «Geh hin mit deiner unzeitigen Liebe zu deinem Bräutigame, die du 47 deiner Brüder, der todten und des lebenden, vergaßest! deines Vaterlandes vergaßest! Und so fahre künftig jede, die – eine Römerinn – den Feind betrauert!» Väter und Volk erkannten das Schreckliche der That; allein sein neues Verdienst trat vor sein Verbrechen. Doch schleppte man den Übelthäter vor Gericht zum Könige. Der König, um einen so ernsthaften, dem Volke unangenehmen Rechtsgang, oder auch die davon abhängige Todesstrafe, von sich abzulehnen, ließ das Volk zur Versammlung berufen und sprach: «Ich ernenne Duumvirn (Zweiherren), die nach dem Gesetze den Horatius über öffentlichen Mord richten sollen.» Das Gesetz lautete fürchterlich: «Die Duumvirn sollen auf öffentlichen Mord richten. Thut der Thäter von den Duumvirn Ansprache, so soll man es auf den Erfolg der Ansprache ankommen lassen. Wird der Spruch der Duumvirn bestätigt, so sollst du ihm das Haupt verhüllen, ihn mit einem Stricke an den Unglückspfahl binden; sollst ihn peitschen innerhalb der Ringmauer, oder außerhalb der Ringmauer.» Als die nach diesem Gesetze gewählten Duumvirn, überzeugt, daß sie ihn nach einem Gesetze dieses Inhalts auch dann nicht lossprechen könnten, wenn er unschuldig wäre, ihn verdammt hatten, so sprach der Eine von ihnen: «Publius Horatius, ich erkenne gegen dich auf öffentlichen Mord. Beilträger, geh und bind ihm die Hände!» Der Beilträger machte sich an ihn und warf ihm den Strick um. Da rief Horatius, nach Anleitung des Tullus, der dem Gesetze eine mildere Deutung gab: «Ich thue Ansprache!» Und nun kam es auf den Gang der Ansprache vor dem Volke an. Hier blieben die Herzen nicht ungerührt; am wenigsten, als der Vater Publius Horatius öffentlich erklärte, «er glaube, seine Tochter sei mit Recht getödtet. Wenn dem nicht also wäre, so würde er selbst, nach dem väterlichen Rechte, wider seinen Sohn verfahren haben.» Dann flehete er: «Sie möchten ihn, den sie eben noch mit trefflichen Kindern gesegnet gesehen hätten, doch nicht kinderlos machen.» Zugleich umarmte der Greis den Jüngling, wies auf die den Curiatiern abgenommenen Spolien 48 hin – sie waren an der Stelle befestigt, die noch jezt der Horatische Pfeiler heißt – und rief: «Den ihr eben noch, ihr Qniriten, im Schmucke und Jubel des Sieges aufziehen sahet, den wolltet ihr unter dem Schultergalgen, gebunden, Schläge und Marter leiden sehen? Von diesem empörenden Schauspiele würden selbst die Albaner die Augen abwenden. Geh, Beilträger! binde die Hände, die eben noch bewaffnet dem Römischen Volke die Herrschaft erkämpften! Geh, verhülle das Haupt dem – Befreier dieser Stadt! Bind ihn an den Unglückspfahl! Peitsche ihn! willst du innerhalb der Ringmauer? nur unter jenen Waffen und Spolien der Feinde! oder außer der Ringmauer? nur diesseit der Curiatischen Gräber! Könnt ihr doch den Jüngling nirgends hinführen, wo ihn nicht Denkmale seiner Ehre gegen eine so unwürdige Todesstrafe in Schutz nähmen!» Diesen Thränen des Vaters, und selbst des Jünglings sich in aller Gefahr gleich bleibenden Fassung konnte das Volk nicht widerstehen. Es sprach ihn los, mehr aus Bewunderung seiner Tapferkeit, als nach dem Rechte der Sache. Um indeß einen so offenbaren Mord wenigstens durch eine Art von Sühne büßen zu lassen, ward dem Vater auferlegt, die Sühne für seinen Sohn auf gemeine Kosten auszurichten. Der Vater stellte gewisse Reinigungsopfer an, deren Beobachtung nachher der Horatischen Familie übertragen wurde, und zog quer über die Straße einen Balken, unter welchem er den Jüngling mit verhülltem Haupte als unter einem Galgen weggehen ließ. Dieser Galgen, der immer auf öffentliche Kosten erneuert wird, ist noch zu sehen, und heißt der Schwesterbalken. Der Horatia wurde auf der Stelle, wo sie erstochen niedersank, ein Grabmal von Quadern errichtet.

27. Der Friede mit Alba war nicht von langer Dauer. Der große Haufe verargte es dort dem Dictator, daß er das Schicksal des States von drei Soldaten habe entscheiden lassen. Seine wankelmüthige Sinnesart verschlimmerte sich dadurch., und weil er mit seinem treuen Rathe nicht glücklich gewesen war, so wollte er nun die Gunst seiner Bürger durch schlechte Mittel wieder gewinnen, Wie 49 vorher im Kriege Frieden, so suchte er jetzt im Frieden Krieg; und weil er sah, daß die Seinigen mehr Muth als Kraft hatten, so wiegelte er zur Führung eines öffentlich angekündigten Krieges andre Völker auf: dem seinigen ließ er bei anscheinender Bundestreue den Weg der Verrätherei offen. So wurden die Fidenaten, eine Römische Pflanzstadt, welche die Vejenter mit in diesen Anschlag zog, durch den versprochenen Übergang der Albaner dahin vermocht, zu einem Kriege gegen Rom die Waffen zu ergreifen. Nach dem öffentlich erklärten Abfalle der Fidenaten zog Tullus, sobald er den Mettus mit seinem Heere von Alba zu sich entboten hatte, gegen die Feinde. Er setzte über den Anio und lagerte sich bei dessen Zusammenflusse mit der Tiber. Zwischen dieser Gegend und der Stadt Fidenä war das Heer der Vejenter über die Tiber gegangen. Sie standen also auch in der Schlacht neben dem Strome, auf dem rechten Flügel; auf den linken stellten sich die Fidenaten, näher nach dem Gebirge zu. Tullus richtete seine Römer gegen die Vejenter; den Albanern gab er ihren Platz gegen den Fidenaten über. Der Albanische Heerführer war eben so unentschlossen, als treulos. Er konnte es nicht über sich erhalten, zu bleiben, noch auch, offenbar überzugehen: er zog sich allmälig gegen das Gebirge. Wie er seiner Meinung nach weit genug bergan gerückt war, ließ er die ganze Linie sich richten; dann, immer noch unschlüssig, um nur Zeit zu gewinnen, die Glieder sich entwickeln. Seine Absicht war, mit seiner Macht derjenigen Partei den Ausschlag zu geben, für welche sich das Glück erklären werde.

Den zunächst stehenden Römern, als sie die Blöße sahen, die der Abzug der Bundesgenossen ihrem Flügel gab, war dies anfangs unerklärlich. Ein Ritter sprengte von hier mit der Botschaft, daß die Albaner weggingen, zum Könige. In der Bestürzung gelobte Tullus, zwölf Salische PriesterSiehe oben beim Numa, Cap. 20 zu stiften, und den Göttern der Schreckensblässe und Bestürzung jedem ein Heiligthum. Den 50 Ritter aber hieß er mit einem so lauten Verweise, daß die Feinde ihn hören mußten, ins Gefecht zurückkehren. «Es sei sehr unnöthig, darüber bestürzt zu werden. Den Befehl, sich herum zu schwenken und den Fidenaten in den offnen Rücken zu fallen, habe er selbst den Albanern gegeben.» Zugleich befahl er ihm, die Reuterei die Lanzen richten zu lassen. Sie that es und benahm dadurch einem großen Theile des Römischen Fußvolks die Hinsicht auf das abziehende Heer der Albaner; und die es gesehen hatten, fochten, in der Einbildung, es stehe so um die Sache, wie sie es von ihrem Könige gehört hatten, so viel muthiger. Der Schrecken ging auf die Feinde über. Sie hatten die Worte des Königs deutlich gehört; und sehr viele Fidenaten verstanden Latein, weil sie mit gebornen Römern zur Ergänzung der Pflanzerzahl angestellt waren. Damit sie nun nicht, wenn die Albaner plötzlich von den Anhöhen auf sie einbrächen, von ihrer Stadt abgeschnitten würden, nahmen sie die Flucht. Tullus setzte ihnen nach, verjagte den Flügel der Fidenaten völlig, und kehrte so viel muthvoller auf die Vejenter zurück, die über die Flucht ihres linken Flügels voll Bestürzung waren. Sie hielten seinen Angriff eben so wenig aus, aber die Rettung ins Freie wehrte ihnen der Strom, den sie im Rücken hatten. Wie sich also ihre Flucht hieher zog, so rannten sie theils, mit schimpflicher Wegwerfung ihrer Waffen, blindlings ins Wasser, theils standen sie zögernd am Ufer, und ehe sie für Flucht oder Gefecht sich entschieden, waren sie niedergemacht. In keiner der vorigen Schlachten hatten die Römer einen härteren Kampf gehabt.

28. Das Albanische Heer, bis dahin Zuschauer des Gefechts, kam nun herab in die Ebene. Mettus wünschte dem Tullus Glück zur Besiegung der Feinde: Tullus war in seiner Antwort eben so freundlich gegen Mettus. Die Albaner, sagte er, möchten unter göttlichem Segen ihr Lager mit dem Römischen vereinigen, und auf den folgenden Tag setzte er ein Musterungsopfer an. Mit Tagesanbruch, als die gewöhnlichen Vorkehrungen zum Opfer getroffen waren, ließ er beide Heere zur Versammlung 51 entbieten. Die Herolde, die vom äußersten Ende anfingen, beriefen die Albaner zuerst. Und sie selbst stellten sich aus Neugierde, den Römischen König öffentlich reden zu hören, ihm so nahe als möglich. Das Römische Fußvolk, der Bestellung gemäß bewaffnet, umringte sie: und die Hauptleute hatten den Bescheid, jeden Befehl ungesäumt zu vollstrecken. Nun fing Tullus an.

«Römer! konnte je der früheren Feldzüge Einer euch auffordern, euren Dank zuerst den unsterblichen Göttern, und dann eurer eignen Tapferkeit darzubringen, so that dies die gestrige Schlacht. Wir haben mit den Feinden nicht eigentlicher zu kämpfen gehabt, als mit der Verrätherei und Treulosigkeit unserer Bundesgenossen – einen weit schwerern und gefährlichern Kampf! Soll ich euch nicht in irrigem Wahne lassen, so höret! Ohne mein Wissen zogen sich die Albaner auf das Gebirge. Nie hatte ich so etwas befohlen: Klugheit war es, daß ich mich stellte, es befohlen zu haben. Euch mußte ich es unbekannt bleiben lassen, daß man euch verließ, wenn ich euch nicht muthlos machen wollte: die Feinde mußte die Besorgniß umgangen zu werden, mit Schrecken und Flucht erfüllen. Doch diese meine Rüge trifft nicht die Albaner alle. Sie folgten ihrem Führer, so wie ihr gethan haben würdet, wenn ich euch auf einen Seitenweg hätte ablenken wollen. Mettus dort ist der Führer dieses Zuges; Mettus eben so der Anstifter dieses Krieges; Mettus der Störer des Bundes zwischen Rom und Alba. Stelle ich nicht an ihm ein ausgezeichnetes Beispiel den Sterblichen zur Warnung auf, so müsse künftig jeder andre sich solche Thaten erlauben.» Jetzt umstellten bewaffnete Hauptleute den Mettus. Der König blieb in seinem Vortrage. «Glück? Heil und Segen erwachse für das Römische Volk, für mich und euch, ihr Albaner, aus meinem Entschlusse, das ganze Albanische Volk nach Rom überzuführen; ihrem Bürgerstande unser Bürgerrecht zu ertheilen, ihre Häupter unserm Adel einzuverleiben, und Eine gemeinschaftliche Stadt, Einen gemeinschaftlichen Stat zu gründen. So wie ehemals der Stat von 52 Alba aus Einem in zwei Völker zerfiel, so mag er sich nun wieder auf Eines zurückführen lassen.»

Die Albanische Mannschaft, ohne Waffen, von Bewaffneten umgeben, beobachtete, während er sprach, bei, so verschiedener Stimmung, gleichwohl von Einer gemeinschaftlichen Furcht gehalten, eine tiefe Stille. Darauf fuhr Tullus fort: «Mettus Fuffetius, wenn du noch lernen könntest, wie man Treue und Bündnisse hält, so würde ich dir mit Schonung deines Lebens diesen Unterricht haben angedeihen lassen. Weil aber deine Sinnesart unheilbar ist, nun so lehre du die Menschenkinder durch deine Todesstrafe, das heilig halten, was du entweihet hast. So wie jüngst dein Herz, getheilt zwischen Fidenä und Rom, hier und dort war, so sollst du jetzt deinen Leib zur Zertheilung nach allen Seiten hergeben.» Er ließ zwei vierspännige Wagen heranfahren und den Mettus quer ausgespannt zwischen die Gestelle binden: die Pferde jagten nach entgegengesetzter Richtung aus einander und schleppten den Zerrissenen, so wie die Körperstücke in den Banden hängen blieben, an jedem Wagen fort. Alle wandten von einem so gräßlichen Schauspiele die Augen ab. Dies ist das erste und letztemal, daß die Römer eine Todesstrafe auf eine Art vollzogen, die die Gesetze der Menschlichkeit vergaß. Sonst können wir uns rühmen, daß bei keinem Volke gelindere Strafen eingeführt sind.

29. Nach Alba war unterdeß schon Reiterei voraufgeschickt, das Volk nach Rom herüberzuholen. Jetzt wurden auch die Fußvölker hingeführt, die Stadt zu schleifen. Wie diese in die Thore rückten, so entstand freilich kein solcher Aufruhr und Schrecken, wie bei Eroberung einer Stadt, wenn der Feind die Thore gesprengt, die Werke durch den Mauerbrecher niedergeworfen, oder die Burg mit stürmender Hand erstiegen hat, und Feindesgeschrei und Waffengetümmel in allen Gassen, die ganze Stadt mit Mord und Brand erfüllt. Trauriges Schweigen und stummer Gram fesselten Aller Herzen so enge, daß sie – 53 vorPrae metu. – Ich sehe nicht ein, warum ich mit Walch, Lindau oder Müller von dieser Lesart abgehen sollte. Denn war gleich metus die Ursache dieses silentii und der maestitiae, so blieb doch auch metus die Begleiterinn von beiden. Eben weil sie stumm und traurig vor Furcht waren, so hörte ja bei diesem Schweigen und dieser Traurigkeit die Furcht, daß nun der Augenblick der Zerstörung eintrete, noch nicht auf; und so konnte Livius sehr richtig sagen: prae metu obliti etc. ohne der Entschuldigung zu bedürfen, daß er an einer so dichterischen Stelle (Lit. Zeit. 1818. Nr. 190. Seite 685) caussam pro effectu gesetzt habe. Ich nehme also auch meine Muthmaßung prae fletu zurück, ob sie gleich dem prae metu näher käme, und sich durch das nachher folgende integrabant lacrimas vielleicht unterstützen ließe. Angst unfähig, darauf zu denken, was sie da lassen, was sie mitnehmen sollten – außer aller Fassung, unter gegenseitig wiederholten Fragen, bald in ihren Thüren stehen blieben, bald in den Häusern, um sie dasmal zum letztenmale zu sehen, auf und nieder liefen. Wie aber jetzt die Reuterei den Befehl zur Räumung ihnen schon dringender zurief, schon aus entlegenen Theilen der Stadt das Krachen der einstürzenden Gebäude herüberscholl, und ein aus mehrern Gegenden aufgestiegener Staub alles wie mit einer hergeführten Wolke bezog: da nahmen sie in der Eile, so viel Jeder konnte, mit sich; traten mit Hinterlassung ihrer Haus- und Schutzgötter und des Dachs, unter dem sie geboren und erzogen waren, auf die Gasse, fanden sie schon mit einem aneinanderhängenden Zuge von Wandernden bedeckt, und der Anblick ihrer Mitbürger erneute unter wechselseitigem Mitleiden ihre Thränen. Die Stimme der Klage wurde laut, vorzüglich der weiblichen, wenn sie vor ihren ehrwürdigen, nun von Bewaffneten besetzten Tempeln vorübergingen und ihre Götter wie in Feindes Hand verlassen mußten.

Nach dem Abzuge der Albaner aus der Stadt machten die Römer allenthalben die öffentlichen und Privatgebäude dem Erdboden gleich, und die Stunde des Schicksals übergab ein Werk von vierhundert Jahren – so lange hatte Alba gestanden – der Zerstörung und den Trümmern. Doch blieben die Tempel der Götter auf ausdrücklichen Befehl des Königs verschont.

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