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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 68
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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14. Übrigens ging man hiebei, wie das im Glücke der Fall zu sein pflegt, sehr saumselig und ungeschäftig zu Werke. Die Römer hingegen ließ, außer der ihnen eigenen Thätigkeit, auch ihr Unglück nicht zaudern. Der Consul betrieb jedes ihm obliegende Geschäft mit Eifer: Und der Dictator Marcus Junius Pera, nachdem er die Forderungen der Götter befriedigt, und, wie gewöhnlich, bei dem Gesamtvolke darauf angetragen hatte, daß er aufsitzen lassen dürfe, nahm außer den beiden Stadtlegionen, welche im Anfange des Jahres von den Consuln geworben waren, ferner außer den ausgehobenen Sklaven und den im Picenischen und in den GallischenGallicus ager hießen damals die Ländereien zwischen den Flüssen Äsis und Rubico, die den Senonischen Galliern abgenommen und an Römische Bürger vertheilt waren, Vergl. XXIV. 10. Crevier. Feldmarken aufgebrachten Cohorten, noch ein Mittel zu Hülfe, wie es 25 in einem beinahe aufgegebenen State die äußerste Noth gebietet, wann die Pflichtmäßigkeit dem Nutzen zu weichen pflegt, und machte öffentlich bekannt: «Er wolle alle diejenigen, die das Leben verwirkt hätten, alle, welche Schulden halber verurtheilt in Haft wären, wenn sie unter ihm Kriegsdienste nehmen würden, von Strafe und Schulden freisprechen lassen.» Sechstausend solcher Menschen rüstete er mit den erbeuteten Gallischen Waffen aus, die man bei dem Triumphe des Flaminius durch die Straßen getragen hatte. Und so brach er mit einem Heere von fünfundzwanzigtausend Mann aus der Stadt auf.

Als Hannibal nach der Besitznehmung von Capua abermals auf die Gesinnung der Neapolitaner durch Verheißungen und durch Drohungen einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, führte er sein Heer in das Gebiet von Nola hinüber, mit dem Vorsatze, so wie er nicht gleich feindlich verfahren wollte, weil er die Hoffnung auf ihren freiwilligen Beitritt noch nicht aufgab, sie aber auch alle möglichen Drangsale und Beängstigungen fühlen zu lassen, wenn sie seiner Hoffnung nicht entsprächen. Der Senat und besonders die ersten Glieder desselben beharreten im Römischen Bunde mit aller Treue: das Volk war, wie das gewöhnlich der Fall ist, ganz für die neue Veränderung und für den Hannibal, und sah im Geiste schon die zu besorgende Verheerung der Ländereien und die mancherlei drückenden und empörenden Übel, die es in der Belagerung zu erdulden haben würde. Auch fehlte es an Ermunterern zum Abfalle keinesweges. Dem Senate, welcher schon besorgen mußte, er werde sich bei offenen Maßregeln der aufstehenden Menge nicht widersetzen können, gelang es in der Stille, durch scheinbare BegünstigungClam, secunda simulando, dilationem.] – Ich folge dieser von Stroth angenommenen Lesart. Das Wort secunda hat die besten Msc. für sich. das Übel aufzuschieben: er gab vor, er sei dem Übertritte zum Hannibal nicht abgeneigt, allein noch nicht über die Bedingungen einig, unter welchen man sich der neuen Verbindung und Freundschaft überlassen 26 wolle. Da er hierdurch Zeit gewann, schickte er eilends Gesandte an den Römischen Prätor Claudius Marcellus, der mit seinem Heere bei Casilinum stand, und unterrichtete ihn von der großen Gefahr, in welcher sich der Nolanische Stat befinde: das Land sei schon in Hannibals und der Punier Händen; die Stadt werde es, wenn keine Hülfe komme, nächstens auch sein. Nur dadurch, daß der Senat dem Volke seine Bereitwilligkeit zugestanden habe, abzufallen, sobald es wolle, habe er es noch bewirkt, daß es sich mit dem Abfalle nicht übereilt habe. Marcellus, der den Nolanern ihr Lob ertheilte, hieß sie unter eben dem Scheine bis zu seiner Ankunft die Sache hinhalten; und bis dahin sich weder von den Verhandlungen mit ihm, noch von einer Hoffnung auf Römische Hülfe das Mindeste merken zu lassen. Er brach von Casilinum nach Calatia auf, und kam vermittelst eines Übergangs über den Strom Vulturnus, durch das Gebiet von Saticula und Trebula, auf jener Seite von Suessula, über die Gebirge nach Nola.

15. Kurz vor der Ankunft des Römischen Prätors verließ der Punische Feldherr das Nolanische Gebiet, und ging in die Nähe von Neapolis, an das Meer hinab, nicht ohne den Wunsch, sich einer Seestadt zu bemächtigen, wo die Schiffe aus Africa sicher einlaufen könnten. Als er aber vernahm, daß Neapolis ein Römischer Oberster besetzt habe, – dieser war Marcus Junius Silanus, den die Neapolitaner selbst hereingerufen hatten – zog er, da er Neapolis eben so, wie Nola, aufgab, vor Nuceria. Diese Stadt brachte er nach längerer Einschließung unter öfteren Stürmen und vergeblichen Versuchen, bald die Bürger, bald die Vornehmen zu gewinnen, endlich durch Hunger zur Übergabe, mit dem Versprechen, jeden mit Einem Rocke und ohne Waffen abziehen zu lasen. Darauf bot er, weil er im Anfange gegen alle Italier, mit Ausnahme der Römer, der Gütige scheinen wollte, allen denen, welche bleiben und bei ihm Kriegsdienste nehmen würden, Belohnungen und Ehrenstellen an. Allein es ließ sich keiner durch diese Aussicht 27 halten. Sie verliefen sich Alle, wohin jeden entweder geknüpftes Gastrecht, oder zufälliger Antrieb führte, in die Städte Campaniens, meistens nach Nola und Neapolis. Gegen dreißig Senatoren, und gerade alle die Vornehmsten, die auf Capua gegangen waren, wandten sich, da man sie hier deswegen abwies, weil sie dem Hannibal ihre Thore verschlossen hätten, nach Cumä. Die Beute in Nuceria wurde den Soldaten überlassen; die Stadt geplündert und verbrannt.

Im Besitze von Nola sah sich Marcellus nicht sowohl durch seine Truppen gesichert, als durch die gute Gesinnung der Großen. Der Bürgerstand machte ihm Sorgen, und vorzüglich Lucius Bancius, der sich durch seine Beistimmung zu dem versuchten Abfalle und aus Furcht vor dem Römischen Prätor gedrungen fühlte, entweder seine Vaterstadt zu verrathen, oder, wenn es ihm hierzu an Gelegenheit fehlen sollte, zum Hannibal überzugehen. Er war ein feuriger junger Mann und unter den Bundesgenossen seiner Zelt beinahe der angesehenste Ritter. Bei Cannä war er in einem Haufen Erschlagener halbtodt gefunden, und Hannibal, der ihn unter milder Pflege heilen ließ, hatte ihn sogar mit Geschenken nach Hause entlassen. Erkenntlich für dies Verdienst um ihn hatte er den Hannibal zum Herrn und Besitzer von Nola machen wollen: und die Spannung und Unruhe, mit welcher er die zu bewirkende Statsveränderung betrieb, blieb dem Prätor nicht unbemerkt. Da er nun entweder durch Hinrichtung unschädlich gemacht, oder durch Wohlthat gewonnen werden mußte, so wollte Marcellus einen tapfern und brauchbaren Bundesgenossen lieber zu sich herüberziehen, als ihn bloß dem Feinde genommen haben, ließ ihn rufen und sagte nach einer freundlichen Anrede: «Daß du unter deinen Landsleuten viele Neider haben müssest, läßt sich schon daraus leicht abnehmen, daß mir noch kein geborner Nolaner je davon gesagt hat, wie zahlreich deine Auszeichnungen im Kriege waren. Wer aber in einem Römischen Lager gedient hat, dessen Tapferkeit kann nicht im Dunkel bleiben. Ihrer viele, die mit 28 dir zugleich im Dienste standen, lassen mich erfahren, was für ein Mann du bist, und wie großen und wiederholten Gefahren du zur Erhaltung und Ehre des Römischen States dich aussetztest; und wie du in der Schlacht bei Cannä nicht eher aufhörtest zu fechten, bis du beinahe verblutet, unter dem Gewühle über dich hinstürzender Männer, Rosse und Waffen begraben lagst. Fahr also fort,» setzte er hinzu, «so brav zu sein. Bei mir kannst du jeder Ehre, jeder Belohnung entgegen sehen: und je öfter du um mich sein wirst, je inniger wirst du überzeugt werden, daß dir dieser Umgang zur Ehre und zum Vortheile gereiche.» Und nun beschenkte er den über diese Zusagen erfreuten jungen Mann mit einem auserlesenen Pferde, rief dem Schatzmeister zu, ihm fünfhundert SilberdenareEtwa 150 Gulden Conv. M. auszuzahlen, und gebot seiner Wache, so oft er zu ihm kommen wolle, ihn einzulassen.

16. Diese Leutseligkeit des Marcellus versetzte den jungen Mann aus seinem Trotze in eine so milde Stimmung, daß sich nachher unter allen Bundsgenossen keiner der Sache Roms kräftiger und treuer annahmQuum Hannibal ad portas.] – Ich mußte meiner Überzeugung nach hier die Interpunction ändern; den Satz quum Hannibal etc. mit dem vorigen zusammenhängen und hinter spectaret ein Punctum setzen. Wenn hier stände, Marcellus sub adventum. h. intra m. se receperat, so könnte die alte Abtheilung unangefochten bleiben. Allein da es heißt: quum Hannibal ad portas esset, so kann die Zeit sub adventum eius nicht als nachfolgend gedacht werden, noch weniger also das recepit se sub adventum hostium Marcellus intra muros. Geht aber mit Marcellus ein neues Punctum an, so ist es unnöthig, das tempus in recepit zu ändern. Eben so macht es Crevier XXIV. 15, 7., als selbst Hannibal vor den Thoren stand – denn er hatte sein Lager von Nuceria wieder nach Nola verlegt – und die Nolanischen Bürger von neuem einem Abfalle entgegen sahen. Marcellus zog sich gegen die Ankunft der Feinde in die Mauern zurück, nicht aus Mistrauen auf seinen Stand im Lager, sondern um denen, welche nur darauf warteten, die Stadt verrathen zu können – und ihrer waren nur zu viele – die Gelegenheit zu benehmen. Von nun an stellten sich die Linien auf beiden Seiten, 29 die Römische zum Schutze Nola's vor dessen Mauern, die Punische vor ihrem Lager. Darüber kam es zwischen der Stadt und dem Lager zu kleinen Gefechten, und zwar mit wechselndem Erfolge; da die Heerführer denen, welche ohne Plan in kleiner Anzahl sich herausforderten, eben so wenig steuern, als zur allgemeinen Schlacht das Zeichen geben wollten. Bei dieser fortdauernden Stellung beider Heere meldeten die vornehmsten Nolaner dem Marcellus: «Es komme zwischen ihren Bürgern und den Puniern zu nächtlichen Unterredungen: und jene hätten sich vorgenommen, wenn das ausgerückte Römische Heer von den Thoren abzöge, den schweren Nachzug und das Gepäck zu plündern, dann die Thore zu schließen und die Mauern zu besetzen, um sofort, wenn ihr Verhältniß und ihre Stadt von ihnen selbst abhinge, statt der Römer die Punier einzulassen.»Marcellus, der bei dieser Mittheilung den Nolanischen Senatoren mit Lobeserhebungen dankte, entschloß sich, ehe noch eine Bewegung von innen ausbräche, eine Schlacht zu wagen. An den drei zum Feinde führenden Thoren stellte er sein Heer in drei Abtheilungen zum Treffen, ließ das Gepäck nachfolgen, und die Holzknechte, Marketender und zum Gefechte Unbrauchbaren mußten Schanzpfähle tragen. An dem mittelsten Thore gab er seinen tapfern Legionen und der Römischen Reuterei ihren Platz, an den beiden Thoren zur Seite den Neugeworbenen, den Leichtbewaffneten und der Reuterei der Bundsgenossen. Den Nolanern wurde verboten, sich den Mauern und Thoren zu nähern; und dem Gepäcke eine eigne Bedeckung zugegeben, um es so, während die Legionen das Treffen beschäftigte, vor jedem Anfalle zu sichern. So standen sie innerhalb der Thore in Schlachtordnung.

Den Hannibal, der so, wie seit mehreren Tagen, bis tief in den Tag schlagfertig in Linie gestanden hatte, nahm es anfangs Wunder, daß eben so wenig ein Römisches Heer ausrückte, als auf den Mauern ein Bewaffneter sich sehen ließ. Dann schickte er, in der Vermuthung, seine Unterredungen möchten den Römern 30 verrathen sein, und ihre Besorgniß sie in der Stadt zurückhalten, einen Theil seiner Soldaten mit dem Befehle ins Lager zurück, alle zum Sturme auf die Stadt nöthigen Werkzeuge sogleich an die Spitze des Heeres zu liefern; nicht ohne die sichere Erwartung, daß während seines Andringens auf die Zögernden das Volk in der Stadt einen Aufstand erregen werde. Indem nun Alle im Vordertreffen, zu ihren verschiedenen Verrichtungen sich vertheilend, durch einander eilten und die Linie sich gegen die Mauer in Bewegung setzte, ließ Marcellus nach plötzlich geöffnetem Thore die Trompeten blasen, zugleich ein Schlachtgeschrei erheben, und das Fußvolk voran, ihm nach die Reuterei, in möglichst heftigem Ansturze, auf den Feind hervorbrechen. Schon hatten sie Schrecken und Verwirrung genug in das Mitteltreffen hineingetragen, als aus den beiden Thoren zur Seite die Legaten Publius Valerius Flaccus und Cajus Aurelius auf die feindlichen Flügel hervorstürzten. Die Marketender und Holzknechte und der übrige dem Gepäcke als Bedeckung zugegebene Schwarm verstärkten das Geschrei, so daß die Punier, denen der Feind hauptsächlich seiner geringen Anzahl wegen verächtlich war, plötzlich ein großes Heer zu sehen glaubten. Kaum wage ich es, zu behaupten, was einige berichten, daß zweitausend achthundert Feinde blieben, und die Römer nicht über fünfhundert verloren. Mag der Sieg so groß, oder kleiner gewesen sein, so wurde an diesem Tage wenigstens eine große, ich möchte fast sagen, in diesem Kriege die größte That bewerkstelligt: denn vom Hannibal nicht besiegt zu werden, war dasmal für die Sieger eine schwerere Aufgabe, als späterhin die, ihn zu besiegen.

17. Als Hannibal nach vereitelter Hoffnung, Nola zu gewinnen, sich auf Acerrä zurückgezogen hatte, stellte Marcellus sogleich bei verschlossenen Thoren und vertheilten Wachen, welche niemand aus der Stadt lassen durften, auf dem Gerichtsplatze eine Untersuchung über diejenigen an, welche sich mit den Feinden in geheime Unterredungen eingelassen hatten, ließ über siebzig des 31 Verraths schuldig befundene mit dem Beile enthaupten und erklärte ihre Güter für dem Römischen Stat verfallen: und nachdem er die Regierung der Nolaner ihrem Senate übergeben hatte, brach er mit seinem ganzen Heere auf und nahm in einem oberhalb Suessula aufgeschlagenen Lager seinen Stand. Hannibal, der bei seinem zuerst angestellten Versuche, die Einwohner von Acerrä zur freiwilligen Übergabe zu bereden, sie unbeweglich fand, schritt nun zur Einschließung und Bestürmung. Allein die Acerraner hatten mehr Muth als Gegenkraft. Wie sie also ihre Mauern umpfählen sahen, flüchteten sie, aus Verzweiflung, die Stadt behaupten zu können, ehe noch die feindlichen Ringwerke sich schlossen, da sie durch die offen gelassenen oder unbesetzt gebliebenen Stellen des Walles in später Nacht sich durchschlichen, auf gangbaren und ungangbaren Wegen, wo eigne Wahl oder Verirrung jeden hinführte, in solche Städte Campaniens, über deren Beharrlichkeit auf ihrer Partei sie völlig gewiß waren.

Als dem Hannibal, nachdem er Acerrä geplündert und verbrannt hatte, die Nachricht gebracht wurde, die Besatzung zu Casilinum suche den Römischen Dictator mit den neuen Legionen an sich zu ziehen, so führte er, damit nicht bei einer solchen Nähe des feindlichen Lagers selbst Capua unruhig würdeNe quis – – Capuam quoque recurrat.] – In dieser verunglückten Stelle, die Drakenborch so gegeben hat, wie er sie fand, lieset der Codex Puteanus: ne quis – Capuae quoque orere currunt. Ich dachte an: ne quis – Capuae quoque terror incuteretur. Weil aber Gronov lieset entweder: ne quid – Capuae quoque moveretur, oder ne quis – Capuae quoque oreretur motus (ich wünschte lieber metus) so habe ich ungefähr nach Gronovs Sinne übersetzt., sein Heer vor Casilinum.

Casilinum war damals von fünfhundert Pränestinern und einigen wenigen Römern und Latinern besetzt, welche die Nachricht von der Cannensischen Niederlage hieher getrieben hatte. Als sie nämlich nach zu spätem Aufbruche aus ihrer Heimat – denn die Werbung war zu Präneste nicht auf den bestimmten Tag beendet gewesen – zu Casilinum vor dem Gerüchte von jener 32 Niederlage angekommen waren; so veranlassete sie, da sie in Vereinigung mit andern Römern und Bundsgenossen in einem ziemlich starken Kohre von Casilinum weiter zogen, die Nachricht von der Cannensischen Schlacht, wieder nach Casilinum umzukehren. Da sie hier eben so sehr bei den Campanern in Verdacht, als vor ihnen in Furcht, und unter gegenseitiger Aufmerksamkeit auf die zu umgehenden, oder auf die zu legenden Schlingen, mehrere Tage hingebracht hatten, und nun schon als völlig gewiß erfuhren, daß Capua seines Übertritts wegen unterhandle und den Hannibal aufnehme; so ermordeten sie bei Nacht diejenigen Bürger, die ihnen verdächtig warenSatis pro certo hab uere, interfectis nocte.] – Duker und Crevier bemerken beide aus Cap. 19. daß nicht alle Casiliner von der Römischen Besatzung getödtet wurden, sondern daß sie in Vertheidigung der halben Stadt den Römern sogar behülflich waren. Hierzu kommt, daß die meisten Msc. und Edd. habuere lesen, viele habere, eins haberent. Ich glaube, haberent und habuere sind beide recht, und Livius habe so geschrieben: satis pro certo haberent; quos suspectos habuere, interfectis nocte oppidanis etc. Die Lesart habere entstand, weil der Abschreiber an das habe von haberent, die Endigung re von habuere anhängte, und das dazwischen stehende dann ausfallen mußte., und bemächtigten sich der Stadt, so weit sie diesseit des Vulturnus liegt; denn von diesem wird sie getheilt: und aus ihnen bestand die Römische Besatzung zu Casilinum. Hierzu gesellte sich noch eine Perusinische Cohorte von vierhundert und sechzig Mann, die ebenfalls auf jene Nachricht, wie wenig Tage zuvor die Pränestiner, ihre Zuflucht nach Casilinum nahmen. Und so war die Mannschaft zur Behauptung eines so kleinen Platzes, den noch dazu auf Einer Seite der Strom deckte, ungefähr stark genug; ja der Mangel an Getreide machte, daß der Menschen nur zu viel zu sein schienen.

18. Als sich Hannibal der Stadt schon näherte, schickte er die Gätuler mit ihrem Obersten, Namens Isalcas, vorauf, und hieß sie, wenn man sich auf eine Unterredung einließe, die Einwohner zuerst mit guten Worten zur Öffnung der Thore und Einnahme einer Besatzung bereden; wenn sie aber im Trotze beharreten, Gewalt gebrauchen, und versuchen, ob sie auf irgend einer Seite in die 33 Stadt eindringen könnten. Als sie an die Mauern rückten, glaubten sie wegen der herrschenden Stille, die Stadt sei menschenleer; und der fremde Oberste, in der Meinung, man habe sie aus Furcht geräumt, wollte schon die Thore einschlagen lassen und die Schlösser sprengen, als aus den plötzlich sich öffnenden Thoren die beiden in dieser Absicht inwendig schon gestellten Cohorten mit lautem Getöse hervorstürzten und unter den Feinden eine große Niederlage anrichteten. Selbst Maharbal, der nach diesem unglücklichen Versuche des Vortrabes mit einem größeren Haufen besserer Truppen anrücken mußte, konnte dem Ausfalle der Cohorten nicht widerstehen. Endlich mußte sich Hannibal, der ihnen vor den Mauern sein Lager entgegenstellte, darauf einlassen, gegen eine so kleine Stadt und gegen dies kleine Kohr alle seine Mittel und Truppen aufzubieten. Und da er ihnen mit seinem rings um die Mauern aufgestellten Kreise zusetzte und gegen sie anstürmte, verlor er mehrere und zwar die besten seiner Leute, die man ihm von der Mauer herab und von den Thürmen erschoß. Einmal hatte er sie, da sie sogar einen Ausfall wagten, durch einen vorgeschobenen Trupp Elephanten beinahe abgeschnitten, und er trieb sie nach einem für ihre geringe Anzahl bedeutenden Verluste in voller Verwirrung in die Stadt zurück. Es würden noch mehr gefallen sein, wenn nicht die Nacht dem Gefechte ein Ende gemacht hätte. Am folgenden Tage beseelte Hannibal die sämtlichen Belagerer mit neuem Eifer, hauptsächlich dadurch, daß er einen goldenen Mauerkranz als Preis aussetzte, und er selbst, als ihr Oberfeldherr, den Eroberern Sagunts, die er einzeln und insgesamt an Cannä, an den Trasimenus, an den Trebia erinnerte, aus der zögernden Belagerung eines elenden flach gelegenen Örtchens einen Vorwurf machte. Nun wurden auch Annäherungshütten und Erdgänge angelegt: allein es fehlte hier zur Vereitlung jedes feindlichen Unternehmens weder an Tapferkeit noch an Gewandtheit. Gegen die Annäherungshütten legten die Römischen Bundsgenossen Außenwerke an; die feindlichen Erdgänge 34 gruben sie durch Quergänge ab, und wußten jedem offenbaren und geheimen Versuche zu begegnen; bis endlich Hannibal aus Scham von der Unternehmung abstand, und um nicht den Schein zu haben, als sei das Ganze aufgegeben, nach Befestigung seines Lagers und mit Hinterlassung eines mäßigen Kohres, nach Capua in die Winterquartiere zog.

Hier legte er, den größern Theil des Winters über, sein Heer in die Häuser, das bei aller wiederholten und langen Abhärtung gegen jede menschliche Noth, doch mit dem Wohlleben unbekannt und unverträglich war. Eben den Leuten also, welche kein Druck der Noth überwältigt hatte, wurden die gar zu guten Tage und die übermäßigen Vergnügungen verderblich, und dies um so viel mehr, je begieriger sie sich nach der Ungewohnheit in dieselben hineinstürzten. Denn durch Schlaf, Wein, Gastereien, Unzucht, Bäder und eine mit jedem Tage behaglichere Unthätigkeit wurden sie an Körper und Geist so entnervt, daß nachher mehr ihre ehemaligen Siege sie deckten, als wirkliche Stärke, und ihrem Feldherrn von Kennern der Kriegskunst dies zum größeren Fehler angerechnet wird, als daß er sie nicht sogleich nach der Cannensischen Schlacht vor Rom führte. Denn durch jene Zögerung konnte er den Sieg bloß verschoben zu haben scheinen, durch diesen Misgriff sich selbst die Kraft zum Siege geraubt zu haben. Und in der That fand sich, gleich als bräche er von Capua mit einem andern Heere auf, nirgend mehr eine Spur der alten Zucht. Theils kehrten sie wieder um, meistens in liederliche Verbindungen verwickelt; theils wurden sie, als sie nun wieder unter Zelten ausdauern mußten, und der Marsch nebst andern Beschwerlichkeiten des Kriegerlebens an die Reihe kam, gleich den jüngsten Soldaten ohnmächtig und muthlos: auch verlief sich, so lange der Sommerfeldzug dauerte, ein großer Theil ohne Urlaub von den Fahnen; und der Schlupfwinkel für solche Ausreißer war jedesmal Capua.

19. Übrigens rückte Hannibal, als der Winter schon nachließ, mit seinem Heere aus den Winterquartieren 35 wieder vor Casilinum. Hier hatte man freilich die Bestürmung so lange ausgesetzt; allein bei der fortwährenden Einschließung litten die Bürger und Besatzung den äußersten Mangel. Im Römischen Lager hatte Tiberius Sempronius den Oberbefehl, weil der Dictator, die Götterleitung zu erneuern, nach Rom gereiset war. Den Marcellus, der eben so den Belagerten zu Hülfe zu kommen wünschte, hielten in Nola theils der stark angeschwollene Vulturnus fest, theils die Bitten der Einwohner und Acerraner, die von den Campanern, sobald die Römische Besatzung sich entfernte, zu fürchten hatten. Gracchus, der bei Casilinum bloß still saß, unternahm nichts, weil ihn der Dictator ausdrücklich gewarnt hatte, sich in seiner Abwesenheit auf Nichts einzulassen, obgleich von Casilinum Dinge gemeldet wurden, die auch der höchsten Ausdauer zu schwer werden mußten. Man wußte, daß sich verschiedene, der Qual des Hungers zu entgehen, in den Strom gestürzt hatten, daß sie sich ohne Waffen auf die Mauern stellten, und sich unbedeckt den Geschossen zum Ziele darboten. So empfindlich dies dem Gracchus war, so konnte er doch nichts weiter thun, da er gegen des Dictators Befehl keine Schlacht wagen durfte (er sah aber, ohne Gefecht ließ sich kein Getreide geradezu hineinschaffen) und heimlich es hineinzubringen sich nicht hoffen ließ, als daß er aus den Dörfern rund umher Korn zusammenfahren, dieses auf eine Menge Fässer laden und der Obrigkeit nach Casilinum hineinsagen ließ, sie möchten die mit dem Strome kommenden Fässer auffangen. In der nächsten Nacht, als sie Alle dem Strome und der von dem Römischen Boten ihnen gemachten Hoffnung entgegen sahen, kamen auf dem Flusse die in seiner Mitte fortgeschwemmten Fässer angeschwommen; und das Getreide wurde unter Alle zu gleichen Theilen ausgegeben. So ging es am folgenden, auch am dritten Tage wieder. Bei Nacht erfolgte die Absendung und die Ankunft: nur dadurch blieben sie den feindlichen Posten unentdeckt. Nun aber trieb der durch anhaltende Regengüsse reißender gewordene Strom in seitwärts 36 auslaufenden Strudeln die Fässer an das von den Feinden besetzte Ufer. Hier wurde man sie gewahr, da sie in dem am Ufer wachsenden Weidengesträuche hangen geblieben waren. Es wurde dem Hannibal gemeldet, und seitdem genauer Acht gegeben, so daß ihnen von allem, was der Vulturnus der Stadt zuführen sollte, nichts entgehen konnte. Und doch fing man zu Casilinum Wallnüsse, die bei dem Römischen Lager in den Strom geschüttet wurden und mitten in seinem Bette geschwommen kamen, mit Flechtwerk auf. Zuletzt stieg die Noth so hoch, daß sie sich daran machten, Riemen und von den Schilden gerissene Häute zu kochen und zu essen, sich nicht vor Mäusen und allen andern Thieren ekelten, und alle Arten von Kräutern und Wurzeln unten am Erddamme der Mauer ausrodeten: ja, da die Feinde jeden Grasfleck außerhalb der Mauer umgepflügt hatten, warf man von oben Rübesamen hinein, so daß Hannibal ausrief: «So lange soll ich noch vor Casilinum liegen, bis daraus Rüben werden?» Und Er, der vorher von keiner Unterhandlung hatte hören wollen, verstand sich nun endlich dazu, einen Antrag wegen Loskaufung der Freigebornen anzunehmen. Der Preis, zu dem man übereinkam, betrug für Jeden sieben Unzen GoldesNach Crevier etwa 182 Gulden unsrer Conv. M.. Nach erhaltener eidlichen Versicherung ergaben sie sich; wurden bis zu völlig berichtigter Zahlung in Verwahrung genommen, und dann der Zusage gemäß nach Cumä entlassen. Dies ist mehr begründet, als daß man sie bei ihrem Abzuge durch nachgeschickte Reuterei habe niederhauen lassen. Sie waren größtentheils Pränestiner. Von fünfhundert und siebzig Mann, welche dort als Besatzung gestanden hatten, nahm Schwert und Hunger beinahe die Hälfte weg: die übrigen kamen mit ihrem PrätorManicio.] – Ich mache es mit diesem Manicius, wie man es ehedem mit dem Agellius machte: 1) weil Livius nachher eine Inschrift citirt, und in den Inschriften pflegt der Vorname nicht zu fehlen. Vergl. VI. 29. a. Ende; 2) weil Livius selbst B. XLIV. einen L. und einen Cn. Anicius anführt; 3) weil der von Drakenb. erwähnte M. Manicius oder Mannicius oder Manucius des Petronius theils keine historische Glaubwürdigkeit, theils keine critische Gewißheit hat. 4) Auch hat Pighius in seinen Annalen im J. 505 einen Q. Anicius Praenestinus u. im J. 506 einen M. Anicius. Marcus 37 Anicius – er war vorher Schreiber gewesen – wohlbehalten in Präneste wieder an. Hiervon gab ehemals sein Standbild die Anzeige, das ihm auf dem Markte zu Präneste errichtet, und unter der umhüllenden Toga gepanzert war, mit verschleiertem Haupte: so wie auch drei Bilder, und dabei auf einer Kupferplatte die Inschrift: «Marcus Anicius habe sie vermöge seines Gelübdes für die Errettung der Soldaten dargebracht, welche zu Casilinum in Besatzung gestanden.» Dieselbe Inschrift befand sich auch unter drei Bildern, die im Tempel der Fortuna aufgestellt waren.

20. Die Stadt Casilinum gab Hannibal den Campanern zurück, nachdem er sie mit einer Besatzung von siebenhundert Mann aus seinem Heere belegt hatte, damit sie nicht nach dem Abzuge der Punier von den Römern angegriffen würde. Den Pränestinischen Soldaten sprach der Römische Senat einen doppelten Sold zu und fünfjährige Freiheit vom Dienste. Da ihnen auch zum Lohne ihrer Tapferkeit das Bürgerrecht ertheilt wurde, nahmen sie den Tausch nicht an. Die Nachrichten über das Schicksal der Perusiner haben für uns mehr Dunkles, weil uns hierüber weder ein Denkmal bei ihnen selbst, noch ein Römischer Statsbefehl Licht giebt.

Damals wurden auch die Einwohner von Petelia, die vor andern Bruttiern dem Römischen Bunde treu geblieben waren, nicht bloß von den Carthagern, als damaligen Besitzern des Landes, sondern auch von den übrigen Bruttiern, weil sie es nicht mit ihnen gehalten hatten, angegriffen. Da sich die Peteliner gegen diese drohenden Stürme nicht stark genug fühlten, so schickten sie Gesandte nach Rom, sich Hülfe zu erbitten. Diese erregten durch ihre Bitten und Thränen – denn auf den erhaltenen Bescheid, daß sie sich selbst berathen möchten, ergossen sie sich im Vorsale des Rathhauses in wehmüthige Klagen – bei den Vätern und bei dem Volke ein 38 allgemeines Bedauren. Und als die Väter vom Prätor Manius Pomponius zum zweitenmale hierüber befragt wurden, gaben sie ihnen, da die angestellte Übersicht ihrer sämtlichen Statskräfte sie zu dem Geständnisse zwang, daß für so entfernte Bundsgenossen jetzt bei ihnen keine Hülfe zu haben sei, die Erklärung, sie möchten nach Hause gehen, und da sie ihrer Bundestreue völlig Genüge geleistet hätten, unter den jetzigen traurigen Umständen ihre Maßregeln für die Zukunft selbst nehmen. Auf diesen den Petelinern erstatteten Bericht ihrer Gesandten ergriff ihren Senat im ersten Augenblicke eine so große Betrübniß und Verzagtheit, daß Ein Theil der Meinung war, jeder müsse sich retten, wohin er könne und die Stadt preisgeben; ein anderer: da man von den alten Bundsgenossen verlassen sei, müsse man sich an die Bruttier anschließen und durch diese an den Hannibal ergeben. Doch behielt die Partei die Oberhand, welche dafür stimmte, nichts übereilt und aufs Gerathewohl zu thun, sondern die Sache von neuem zu überlegen. Nach genommener Frist bewirkten am folgenden Tage die Bessergesinnten im Senate, da die Bestürzung sich schon mehr gelegt hatte, daß die Stadt mit ihren Mauern, nach Einbringung der sämtlichen Vorräthe vom Lande, in Vertheidigungsstand gesetzt wurde.

21. Ungefähr um eben diese Zeit liefen zu Rom Briefe aus Sicilien und Sardinien ein. Der zuerst im Senate verlesene, des Proprätors Titus Otacilius, meldete aus Sicilien: «Der Prätor Publius Furius sei mit seiner Flotte aus Africa zu Lilybäum angekommen; sei aber selbst wegen seiner schweren Wunde in größter Lebensgefahr. Soldaten und Seeleute bekämen auf den Zahlungstag weder Sold noch Getreide; man wisse auch nicht, woher man es nehmen solle. Er empfehle den Vätern dringend, beides baldmöglichst zu übersenden: auch möchten sie ihm, wenn es ihnen gefällig sei, einen von den neuen Prätoren zum Nachfolger geben.» Fast dasselbe schrieb in Rücksicht des Soldes und Getreides der Proprätor Aulus Cornelius Mammula aus 39 Sardinien. Beide bekamen die Antwort: Es sei nichts da, wovon man schicken könne. Sie möchten selbst für ihre Flotten und Heere Rath schaffen. Titus Otacilius, der sich durch Abgeordnete an den Hiero, des Römischen Volkes vorzüglichen Helfer, wandte, erhielt von ihm so viel Geld, als er zum Solde nöthig hatte, und auf sechs Monate Getreide. Für den Cornelius legten die Städte der Bundsgenossen in Sardinien reichlich zusammen. Auch zu Rom wurden wegen Geldmangel auf den Vorschlag des Bürgertribuns Marcus Minucius drei Bankherren ernannt: Lucius Ämilius Papus, welcher Consul und Censor gewesen war, Marcus Atilius Regulus, welcher zweimal Consul gewesen war, und Lucius Scribonius Libo, damaliger Bürgertribun. Auch weiheten, als ernannte Zweiherren, die Atilier, Marcus und Cajus, den Tempel der Eintracht, welchen Lucius Manlius als Prätor gelobet hatte. Ferner wurden drei Oberpriester gewählt, Quintus Cäcilius Metellus, Quintus Fabius Maximus und Quintus Fulvius Flaccus, in die Stelle des verstorbenen Publius Scantinius, und des Consuls Lucius Ämilius Paullus und des Quintus Älius Pätus, welche beide in der Cannensischen Schlacht gefallen waren.

22. Nachdem die Väter die durch eine Reihe von Niederlagen herbeigeführten Verluste, so weit menschliche Klugheit reichte, wieder ersetzt hatten, nahmen sie endlich auch Rücksicht auf sich selbst, auf ihr menschenleeres Rathhaus und die geringe Anzahl derer, die im Statsrathe zusammenkamen. Denn seit den Censorn Lucius Ämilius und Cajus Flaminius war keine Senatorenwahl angestellt, obgleich die verlornen Schlachten so viele Senatoren und außerdem seit fünf Jahren eigne Sterblichkeit diesen und jenen weggerafft hatten. Als der Prätor Manius Pomponius – denn der Dictator war nach dem Verluste von Casilinum schon zum Heere abgegangen – dies auf einstimmige Anforderung zum Vortrage brachte, so sagte Spurius Carvilius, nachdem er in einer langen Rede nicht bloß über die Verarmung der Bürger, sondern auch über den Mangel an solchen geklagt hatte, aus 40 welchen Senatoren gewählt werden könnten, er müsse, wenn man den Senat ergänzen und das gesammte Latium noch enger mit Rom verbinden wolle, gar sehr dazu rathen, aus jeder Latinischen Völkerschaft zweien Senatoren, falls es die Römischen Väter genehmigten, das Bürgerrecht zu ertheilen und sie an die Stelle der Verstorbenen in den Senat aufzunehmen. Dieser Vorschlag fand bei den Vätern eine eben so ungünstige Aufnahme, als ehemals die Forderung der Latiner selbst; und da die Äußerungen ihres Unwillens im ganzen Rathhause laut wurden, und vorzüglich Titus Manlius sich vernehmen ließ: «Es fehle auch jetzt noch nicht an einem Manne aus jenem Stamme, aus welchem einst ein Consul auf dem Capitole gedrohet habe, jeden Latiner, den er im Rathhause erblicken würde, mit eigner Hand zu ermorden;» so sagte Quintus Fabius Maximus: «Noch nie sei im Senate irgend ein Gegenstand mehr zur Unzeit in Anregung gebracht, als jetzt dieser bei so schwankenden Gesinnungen und so unzuverlässiger Treue der Bundsgenossen berührte Punkt, der sie obenein noch reizen müsse. Eine so unüberlegte Äußerung eines Einzelnen müsse durch die Verschwiegenheit Aller vernichtet werden; und habe man je auf dem Rathhause irgend Etwas als Geheimniß oder Heiligthum zu verschweigen gehabt, so habe man dies vor allen andern zuzudecken, zu verheimlichen, zu vergessen, und als nie gesagt anzusehen.» Und so kam die Sache nicht weiter zur Sprache. Man beschloß, einen gewesenen Censor, und zwar den ältesten von den jetztlebenden gewesenen Censorn, zum Dictator ernennen zu lassen, um durch ihn die Senatorenwahl zu bewerkstelligen, und gab Befehl, zur Ernennung des Dictators den Consul Cajus Terentius kommen zu lassen. Als dieser aus Apulien mit Hinterlassung seines Kohrs in starken Tagereisen nach Rom zurückgeeilt war, ernannte er in der nächsten Nacht, wie es Sitte war, vermöge eines Senatsschlusses den Marcus Fabius Buteo auf sechs Monate zum Dictator ohne Magister Equitum.

23. Kaum hatte dieser mit seinen Lictoren die 41 Rednerbühne bestiegen, so erklärte er: «Er könne es eben so wenig billigen, daß man zwei Dictatoren auf einmal habe, was noch nie geschehen sei, als daß er Dictator ohne Magister Equitum sei; eben so wenig, daß man die Gewalt eines Censors einem Einzigen und zwar demselben Manne zum zweitenmale anvertraut, als daß man einem Dictator, wenn er nicht zur Kriegsführung ernannt sei, den Oberbefehl auf sechs Monate gegeben habe. Er wolle diese durch Schicksal, Zeitumstände und Noth herbeigeführten Übertreibungen wieder beschränken. Denn Einmal werde er keinen von denen aus dem Senate stoßen, welche von den Censorn Cajus Flaminius und Lucius Ämilius in den Senat aufgenommen wären: er werde bloß die Namen in die neue Liste umschreiben und vorlesen lassen, um nicht das Urtheil und die Entscheidung über den guten Namen und die Aufführung eines Senators einem Einzelnen anheim gestellt sein zu lassen: zum andern werde er die Plätze der Verstorbenen so besetzen, daß man sehen solle, er habe einem Stande vor dem andern, nicht aber einem Manne vor dem andern einen Vorzug eingeräumt.» Als er die Namen der alten Senatoren hatte verlesen lassen, nahm er nun zuerst diejenigen in die Stellen der Verstorbenen auf, welche nach den Censorn Lucius Ämilius und Cajus Flaminius ein Adelamt bekleidet hatten, aber noch nicht in den Senat aufgenommen waren, und zwar danach, wie jeder zuerst gewählt war: dann nahm er die, welche Bürgerädilen und Bürgertribunen, oder Quästoren gewesen waren: dann von denen, welche noch kein Amt bekleidet hatten, diejenigen, welche in ihrem Hause aufgehängte feindliche Rüstungen vorzeigen konnten, oder mit einem Bürgerkranze beschenkt waren. Als er so mit großem öffentlichen Beifalle hundert und siebenundsiebzig in den Senat aufgenommen hatte, legte er sogleich seine Dictatur nieder, und stieg als Privatmann, da er auch seinen Lictoren geboten hatte, von ihm abzutreten, von der Rednerbühne herab: dann mischte er sich in den Haufen derer, die in ihren eigenen 42 Angelegenheiten erschienen waren, so daß er absichtlich die Zeit hinbrachte, um nur nicht Schuld zu sein, daß das Volk, um ihn zu begleiten, vom Gerichtsplatze abträte. Und dennoch erkaltete über sein Zögern die öffentliche Theilnahme nicht; sondern in zahlreichem Gefolge begleitete man ihn nach Hause. In der folgenden Nacht ging der Consul wieder zum Heere ab, ohne es dem Senate angezeigt zu haben, damit ihn dieser nicht der Wahlgeschäfte wegen in der Stadt zurückhielte.

24. Der Senat also beschloß auf die gleich Tags darauf vom Prätor Manius Pomponius geschehene Anfrage, dem Dictator schreiben zu lassen, er möge, wenn er es mit dem allgemeinen Besten vereinbar fände, mit dem Magister Equitum und dem Prätor Marcus Marcellus zur Consulnwahl nach Rom kommen, damit sich die Väter durch ihre Aussage über die Lage des Stats belehren und den Umständen nach ihre Maßregeln nehmen könnten. Die Geforderten alle erschienen, nachdem sie ihre Legionen unter dem Oberbefehle ihrer Legaten zurückgelassen hatten. Der Dictator, der von sich selbst wenig und mit Bescheidenheit sprach, wandte einen großen Theil seines Ruhms dem Magister Equitum Tiberius Sempronius Gracchus zu, und setzte einen Wahltag an, um an diesem den Lucius Postumius, der damals den Angelegenheiten Galliens vorstand, in seiner Abwesenheit zum drittenmale und den Tiberius Sempronius Gracchus, den damaligen Magister Equitum und Curulädil, zu Consuln wählen zu lassen. Dann wurden Marcus Valerius Lävinus, Appius Claudius Pulcher, Quintus Fulvius Flaccus, Quintus Mucius Scävola zu Prätoren gewählt. Nachdem der Dictator die Wahl der Obrigkeiten besorgt hatte, kehrte er nach Teanum in die Winterquartiere zu seinem Heere zurück, mit Hinterlassung seines Magisters Equitum zu Rom, damit dieser, der in wenig Tagen sein neues Amt antreten mußte, wegen der auf das nächste Jahr zu werbenden und aufzustellenden Heere den Senat befragen könne.

Gerade als man hiermit beschäftigt war, wurde eine neue Niederlage gemeldet, da das Schicksal für dieses 43 Jahr eine auf die andere häufte. Der zum neuen Consul bestimmte Lucius Postumius sei in Gallien mit seinem Heere niedergehauen. Es war ein ungeheurer Wald – bei den Galliern hieß er Litana – durch welchen er mit seinem Heere ziehen wollte. Am Wege durch diesen Wald zur Rechten und zur Linken hatten die Gallier die Bäume so eingesägt, daß sie, unangerührt, standen, allein vom Übergewichte eines mäßigen Stoßes sanken. Postumius hatte zwei Legionen Römer, und am Obermeere so viel Bundsgenossen geworben, daß er mit fünfundzwanzigtausend Mann in das feindliche Gebiet eingerückt war. Da die Gallier den Wald am Rande der Außenseite umstellt hatten, so stießen sie, als der Zug sich in den Paß hineingelassen hatte, die äußersten eingesägten Bäume um, die dann, weil der eine auf den andern ohnehin unhaltbaren und kaum noch am Stamme hängenden fiel, unter ihrem Zusammensturze von beiden Seiten Waffen und Mann und Roß begruben, so daß kaum zehn Menschen entrannen. Denn da die meisten von den Baumstämmen und Bruchstücken der Äste erschlagen wurden, so ward auch die übrige Menge durch das plötzliche Unglück außer Fassung, von den Galliern, welche den ganzen Paß bewaffnet umstellt hatten, niedergehauen; so daß nur wenige von einer so großen Anzahl Gefangene wurden, die auf ihrer Flucht nach der Brücke des Flusses von dem Feinde, der die Brücke schon besetzt hatte, abgeschnitten wurden. Hier blieb Postumius, der alles daran setzte, sich nicht gefangen nehmen zu lassen, im Gefechte. Die der Leiche des Feldherrn ausgezogene Rüstung und sein abgehauenes Haupt brachten die Bojer im Jubelaufzuge in den heiligsten von ihren Tempeln. Nachdem sie den Kopf ausgenommen hatten, legten sie den Schädel nach ihrer Sitte mit Gold aus: er diente ihnen, als heiliges Gefäß bei Feierlichkeiten zur Opferschale, und der Priester und die Tempelvorsteher tranken daraus. Auch war für die Gallier die Beute nicht geringer, als der Sieg. Denn war gleich das Vieh großentheils durch den Sturz des Waldes getödtet, so fanden sie doch die 44 übrigen Sachen, die durch keine Flucht zerstreuet waren, in der ganzen Länge des zu Boden liegenden Heerzuges ausgebreitet.

25. Als die Bürger auf die Nachricht von dieser Niederlage mehrere Tage in so großer Bestürzung gewesen waren, daß endlich der Senat, – weil die Kaufladen nicht anders, als herrschte nächtliche Stille in der Stadt, geschlossen blieben, – den Ädilen den Auftrag gab, in der Stadt herumzugehen, die Kaufladen öffnen und Rom nicht länger ein Bild der allgemeinen Betrübniß sein zu lassen: so versammelte Tiberius Sempronius den Senat, und tröstete die Väter und ermahnte sie: «Sie, die dem niederschmetternden Schlage von Cannä nicht erlegen wären, möchten bei kleineren Unglücksfällen den Muth nicht sinken lassen. Wenn nur gegen die Carthager und Hannibal Alles gut ginge, wie er hoffe, daß es gehen werde, so könne man den Gallischen Krieg eben so sicher liegen lassen, als verschieben, und es werde schon einmal von den Göttern und vom Römischen Volke abhängen, jene Bosheit zu bestrafen. Jetzt sei der Punische Krieg nebst den Heeren, durch die man ihn führen wolle, der Gegenstand, den man erwägen und betreiben müsse.» Nun war er der erste, der über Fußvolk und Reuterei, über Bürger und Bundsgenossen im Heere des Dictators, Auskunft gab. Dann legte Marcellus den Betrag seiner Truppen vor. Wie viele unter dem Consul Cajus Terentius in Apulien ständen, erfragte man von denen, die es wissen könnten. Und doch sah man die Möglichkeit nicht, wie man den consularischen Heeren für einen so wichtigen Krieg die gehörige Stärke geben wolle. Also beschloß man, den Aufforderungen einer gerechten Rache ungeachtet, Gallien für dies Jahr aufzugeben. Des Dictators Heer bestimmte man dem Consul. Von Marcells Heere sollten diejenigen, die bei Cannä geflohen wären, nach Sicilien übergesetzt werden und dort so lange dienen, als in Italien Krieg sei. Dorthin solle man auch aus des Dictators Legionen den Ausschuß von Schwächlingen entfernen, ohne ihnen eine 45 Dienstzeit zu bestimmen, es sei denn, daß einer die gehörige Zeit der Dienstjahre habe. Dem andern Consul, der in die Stelle des Lucius Postumius nachgewählt würde, bestimmte man zwei Stadtlegionen, und beschloß, ihn sobald zu wählen, als es sich ohne Hintansetzung des Götterwillens thun lasse. Außerdem sollten je eher je lieber zwei Legionen aus Sicilien abgerufen werden; aus diesen könne dann der Consul, dem die Stadtlegionen zufielen, sich so viele Soldaten aussuchen, als er nöthig fände. Dem Consul Cajus Terentius solle die Feldherrnstelle noch ein Jahr gelassen, und das zur Deckung Apuliens ihm anvertraute Heer durchaus nicht verkleinert werden.

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