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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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38. Nach beendeter Werbung verweilten die Consuln noch einige Tage, die Ankunft der Bundestruppen aus den Stämmen Latiums abzuwarten. Diesmal wurden die Soldaten, was nie vorher geschehen war, von ihren Obersten eidlich in Pflicht genommen, daß sie auf Befehl der Consuln sich stellen, und ohne deren Befehl nie aus einander gehen wollten. Denn bis dahin war es bloß bei der Dienstweihe geblieben; und wenn die Soldaten zusammengekommen waren, sich in ihre Rotten zu zehn oder zu hundert Mann einreihen zu lassen, so schwur die Reuterei rottenweise zu zehn-, das Fußvolk zu hundert Mann frei willig unter sich, sie wollten nie als Flüchtlinge, als Furchtsame davongehen, nie ihre Schar verlassen, außer um ihr Gewehr zu nehmen, Schanzpfählenisi teli sumendi, aut petendi]. – Drakenborch sagt: Quum inter sumere et petere telum nihil intersit, Clariss. Crevier. legendum putat repetendi, scil. ex hostium acie. Mich dünkt aber, es gehöre ja unter die Fälle, in welchen dem Soldaten erlaubt sein mußte, nicht in ordine zu bleiben, durchaus auch der, dessen Liv. VIII. 38. erwähnt: id vero, circumfuso undique equitatu, ut vallum peteretur, opusque inciperet, fieri non poterat. Ich lese also so: nisi teli sumendi, VALLI petendi, et aut hostis feriendi aut civis servandi caussa. Wenn das V in Valli erloschen war, so blieb für den Abschreiber fast nichts übrig, als statt alli aut zu lesen. Noch mehr: Für ihn war die Kürze des Übergangs ohne Copula anstößig, und die aut boten sich ihm in der Nähe in Menge dar. zu holen, 563 und entweder auf den Feind einzuhauen oder einen der Ihrigen zu retten. Dieser freiwillige Verein der Soldaten unter einander wurde von den Obersten in eine gesetzmäßige eidliche Verpflichtung verwandelt.

Ehe die Truppen aus der Stadt aufbrachen, unterhielt der Consul Varro das Volk durch öftere in einem hohen Tone gehaltene Reden, in denen er gerade heraussagte: «Der Krieg sei von den Adlichen nach Italien hereingerufen, und werde im Herzen des States festsitzen, wenn er mehrere Fabier zu Feldherren hätte. Er wolle ihm gleich denselben Tag ein Ende machen, an dem er den Feind zu sehen bekäme.»

Sein Mitconsul Paullus hielt nur Eine Rede, den Tag vor seinem Aufbruche aus der Stadt; die freilich mehr Wahrheit, aber weniger Beifall im Volke hatte, und in der er sich weiter keinen Ausfall gegen den Varro erlaubte, als diesen: «Er wundre sich, wie irgend ein Feldherr, ehe er noch sein eignes oder das feindliche Heer, die Lage der Örter, die Beschaffenheit der Gegend kenne, schon jetzt aus seinem Gesichtskreise inLocatus in urbe.] – Jak. Gronov, Duker, Perizonius und Crevier empfehlen statt locatus das von Muretus vorgeschlagene togatus. Es ist nicht zu leugnen, daß togatus einen schönen Gegensatz zu armato machen würde. Allein so viele Stellen auch Jak. Gronov und Duker anführen, in denen togati und armati beim Livius Gegensätze sind, so fragt doch die Kritik: Muß denn Livius in jeder Stelle diese regelrechten Gegensätze machen? Muß man nicht dann auch, wie Crevier wirklich thut, die beiden Worte in urbe, als ein Glossem von togatus, ausstreichen? Giebt Verschönerung ein Recht, einen richtigen Sinn zu verdrängen? Ich folge also lieber dem älteren Gronov und Drakenborchen, welche die Conjectur des Muretus als Conjectur anführen. der Stadt ersehen wolle, was er zu thun haben werde, wenn er unter den Waffen stehe; und wie er sogar den Tag vorherbestimmen könne, an dem er sich mit dem Feinde in eine förmliche Schlacht einlassen wolle. Mit Entwürfen, welche ohnehin mehr von den Umständen den Menschen, als von den Menschen den Umständen geliehen würden, 564 wolle er sich zum voraus, so lange sie noch unreif wären, nicht befassen; wenn nur nach seinem Wunsche das mit Vorsicht und Überlegung Unternommene den gehörigen Erfolg habe. Die Unbesonnenheit sei, außerdem daß sie thöricht sei, auch bis dahin noch die Unglückliche gewesen.» So viel ließ sich schon von seiner eigenen Stimmung erwarten, daß er die sicheren Maßregeln den raschen vorziehen werde; und damit er hierin so viel standhafter beharren möchte, sprach ihm, wie man erzählt, als er eben ausrückte, Quintus Fabius Maximus folgende Worte zu:

39. «Hättest du, Lucius Ämilius, entweder, was ich lieber wünschte, einen dir ähnlichen Amtsgenossen, oder wärest du deinem Amtsgenossen ähnlich, so könnte ich meine Rede sparen. Denn als zwei gute Consuln würdet ihr, auch ohne meine Worte, in allen Stücken dem Besten des Stats gemäß handeln, wie es sich von euch erwarten ließ: und als zwei schlechte würdet ihr weder meine Worte zu Ohren, noch meinen Rath zu Herzen nehmen. So aber wird meine Rede, wenn ich auf der einen Seite deinen Amtsgenossen, auf der andern in dir einen so würdigen Mann erblicke, mit dir allein zu thun haben; da ich sehe, daß du umsonst der rechtschaffne Mann und Bürger sein wirst, wenn der Stat auf der andern Seite schlecht bestellt sein sollte. Dann werden schlimme und gute Maßregeln gleiche Rechte und Gewalt haben. Denn du irrest, Lucius Paullus, wenn du einem geringeren Kampfe mit dem Cajus Terentius entgegensiehst, als mit dem Hannibal. Ich möchte fast sagen, der Widersacher, der dich in diesem hier erwartet, ist schlimmer, als in jenem der Feind. Mit jenem wirst du nur in Linie, mit diesem an allen Orten und zu allen Zeiten zu kämpfen haben: und den Hannibal und seine Legionen wirst du mit deiner Reuterei, mit deinem Fußvolke bestreiten; aber Varro wird dich als Anführer mit deinen eigenen Soldaten bestürmen. Schon der Vorbedeutung wegen möchte ich dich nicht gern an den Cajus Flaminius erinnern. Und dennoch äußerte der seine 565 Wuth nur erst als Consul, auf dem Schauplatze des Krieges und bei dem Heere: bei diesem aber spukt es, schon ehe er sich ums Consulat bewirbt, dann bei der Bewerbung ums Consulat, und auch jetzt noch, da er Consul ist, ehe er noch ein Lager oder einen Feind zu sehen bekommt. Und was meinst du, wird der, der schon jetzt durch seine Prahlereien von Gefechten und Schlachten so viele Gewitter unter Bürgern im Friedenskleide aufsteigen lässet, dort in der Mitte der Bewaffneten beginnen, dort, wo an die Worte die That sogleich sich anschließt? Wenn denn der Mensch, was er uns als seinen Vorsatz ankündigt, sich den Augenblick auf das Schlagen einläßt, so sind entweder die Kriegskunst, diese Art des Krieges und dieser Feind mir unbekannte Dinge, oder es wird irgend ein Ort durch unsre Niederlage noch berühmter, als der Trasimenus. So sehr es zur Unzeit sein würde, mich gegen einen Einzelnen zu rühmen, und ob ich gleich lieber in Verachtung des Ruhms das Ziel überschreiten möchte, als in der Sucht nach Ruhm; so spricht doch hier die Sache. Die einzige Richtung, die wir dem Kriege mit Hannibal geben können, ist die, die ich ihm gegeben habe. Dies lehrt nicht nur der Erfolg – er ist der Lehrmeister der Thoren –; sondern gerade diese Richtung selbst, die immer unveränderlich blieb und bleiben wird, so lange die Umstände dieselben sind. Wir führen den Krieg in Italien, auf unserm Grunde und Boden. Rings umher haben wir allenthalben Mitbürger und Bundsgenossen. Sie helfen uns aus mit Waffen, Fußvolk, Reuterei, Zufuhr, und werden uns aushelfen. Diesen Beweis der Treue haben sie in unserm Unglücke schon gegeben. Uns macht die Zeit mit jedem Tage geübter, vorsichtiger, standhafter. Hannibal hingegen steht in einem fremden, in Feindes Lande; wo Alles um ihn her gegen ihn ist und ihm auflauert, fern von seiner Stadt, fern von seinem Vaterlande: Friedliches für ihn giebt es weder zu Lande, noch zur See: keine Städte nehmen ihn auf, keine Mauern: nirgends findet er, was zu ihm gehörte: er lebt vom Raube für diesen Tag: kaum 566 hat er noch von jenem Heere, mit dem er über den Ebro ging, den dritten Theil: der Hunger nahm ihm mehr Leute, als das Schwert: und selbst für diese Wenigen reichen die Lebensmittel nicht mehr zu. Zweifelst du nun noch, ob wir durch Stillsitzen ihn bezwingen werden, der mit jedem Tage kraftloser wird? der keine Zufuhr, keinen Ersatz, kein Geld hat? Wie lange habe ich ihn vor Geroniums, einer elenden Schanze Apuliens, als vor Carthago's Mauern – – –tamquam pro Carthaginis moenibus – –]. – In so gefälligem Lichte hier beim ersten Anblicke die von Gronov vorgeschlagene Aposiopese , und ein verschwiegenes cum lusi oder detinui mir von jeher erschien, so glaubte ich doch zuweilen, sie möchte für den Historiker zu lebhaft, fast theatralisch, sein. Und Valla, Gronov selbst und Perizonius stellten aus dem folgenden Sed, wie es schien, so glücklich, das verloren gegangene sedet wieder her, daß ich kaum noch zweifelte, die Lesart des Perizonius: pro Carthaginis moenibus sedet? Sed ne adversus te quidem etc. sei die einzig wahre. Allein nach genauerer Prüfung des Zusammenhangs werfe ich mich doch wieder in Gronovs Arme, und glaube, die Aposiopese sei hier nothwendig. Denn da Hannibal noch immer vor Geroniums Mauern still sitzt, auch jene Zeit über, als an Fabius Platze die Consuln Servilius und Atilius in Fabius Geiste sich ihm entgegengestellt hatten, auf diesem Flecke hatte bleiben müssen, so gehörte das Verdienst, daß Hannibal noch immer hier sitzt (sedet), nicht dem Fabius allein, sondern auch den beiden auf ihn folgenden Consuln. (Man vergl. Cap. 23, 9. 24, 5 u. 10. 32, 1 u. 4.) Folglich kann Fabius, wenn er gesagt hätte: pro Geronii moenibus sedet, nicht fortfahren: «Doch ich will meine That nicht rühmen.» Er konnte den Paullus nicht auf das Verdienst der spätern Consuln verweisen, wenn er das Stillsitzen Hannibals als sein eignes Verdienst ihnen schon vorweggenommen hatte. Allein sehr gut kann er in diesem Zusammenhange, wie mich dünkt, ein: ich habe ihn dort hingehalten verschweigen, und den Paullus dann auf die beiden Consuln hinsehen heißen, die es eben so gemacht hatten, als er selbst.? Doch auch nicht einmal Dir ganz allein will ich mein Beispiel anpreisen. Bedenk aber, wie ihn die letzten Consuln, Cneus Servilius und Atilius geäffet haben. Dies, Lucius Paullus, ist der einzige Weg der Rettung, den dir aber mehr deine Mitbürger erschweren und anfechten werden, als der Feind. Denn deine eignen Soldaten werden mit den feindlichen einerlei Willen haben. Varro, der Römische Consul, wird dasselbe wünschen, was Hannibal als feindlicher Befehlshaber wünscht. Du allein also mußt zwei Feldherren widerstehen, und wirst ihnen widerstehen, wenn du gegen das Gerücht und gegen das Gerede der 567 Leute gehörig fest stehst, wenn weder der nichtige Ruhm eines Amtsgenossen, noch deine eigene unwahre Nachrede auf dich Eindruck macht. Nur zu oft leidet, nach dem Sprichworte, die Wahrheit eine Verdunkelung, aber sie erlischt nie. Wer Ruhm verachten konnte, erlangt den ächten. Mögen sie aus dir, wenn du der Vorsichtige bist, den Furchtsamen machen, aus dem Überlegenden den Trägen, aus dem Kriegserfahrnen den Feigen. Mir ist es lieber, wenn der weise Feind dich fürchtet, als wenn unverständige Mitbürger dich loben. Wagst du Alles, so wird Hannibal dich verachten: unternimmst du nichts auf gut Glück, so wird er dich fürchten. Auch fordere ich dich nicht auf, Nichts zu thun, sondern dich bei deinem Thun von der Überlegung, nicht vom Glücke, leiten zu lassen. Alles muß jedesmal von dir abhängen, Alles auf deiner Seite sein: du mußt immer in den Waffen, immer aufmerksam bleiben; weder deinen Vortheil versäumen, noch dem Feinde den seinigen bieten. Nur nichts beeilt! und Alles wird dir deutlich und entschieden: Übereilung ist unvorsichtig und blind.»

40. In dem, was der Consul hierauf erwiederte, äußerte er in der That wenig frohe Aussichten, insofern er freilich die Wahrheit dessen, was Fabius gesagt habe, nicht aber die Leichtigkeit der Ausführung zugab. «Wenn einem Dictator sein Magister Equitum schon zu viel geworden sei, wie dann ein Consul sich gegen einen aufrührischen und unbesonnenen Amtsgenossen wirksam und geltend erhalten könne? Er sei den Flammen der Volksverdammung in seinem vorigen Consulate kaum als der Gesengte entgangen. Er wünsche, daß Alles glücklich gehen möge. Sollte sich aber ein Unfall ereignen, so werde er sein Haupt lieber den Waffen der Feinde darbieten, als den richtenden Stimmen ergrimmter Mitbürger.» Gleich nach dieser Unterredung soll Paullus ausgerückt sein, von den Ersten der Väter begleitet. Dem bürgerlichen Consul gab sein Bürgerstand das Geleit, das sich mehr durch den vollen Haufen, als durch seine Würde, auszeichnete.

568 Als sie nach ihrer Ankunft im Lager die neuen und die alten Truppen durch einander gesteckt hatten, ließen sie, nach Anlegung eines doppelten Lagers, wovon das neue kleinere dem Hannibal näher stand, das alte aber den größeren Theil des Heeres mit den sämtlichen Kerntruppen enthielt, von den Consuln des vorigen Jahres den Marcus Atilius, der Alters wegen um Entlassung bat, nach Rom zurückgehen, den Servilius Geminus aber setzten sie im kleineren Lager über eine Römische Legion mit zweitausend Mann Bundsgenossen zu Fuß und zu Pferde.

Hannibal, ob er gleich die feindlichen Truppen um die Hälfte verstärkt sah, hatte dennoch über die Ankunft der Consuln eine außerordentliche Freude. Denn es war nicht nur von den auf Einen Tag geraubten Lebensmitteln nichts mehr übrig, sondern es gab auch nicht einmal eine Gegend mehr, wo er sie hätte nehmen können, da man rund umher bei der Unsicherheit des platten Landes, alles Getreide in die Festungen gefahren hatte, so daß bei ihm, wie man nachher erfuhr, der Vorrath von Getreide kaum noch auf zehn Tage zureichte, und die Spanier schon aus Mangel übergehen wollten, wenn man den Eintritt dieses Zeitpunkts abgewartet hätte.

41. Allein der Planlosigkeit des einen Consuls und seiner vorschnellen Art sich zu bestimmen gab selbst das Verhängniß dadurch einen Nahrungsstoff, daß es in einem bei Zurücktreibung der Plünderer sich ereignenden Zusammentreffen, welches mehr durch das Herbeistürzen der Soldaten, als nach getroffener Vorkehrung oder auf Befehl der Feldherren erfolgte, die Punier völlig den Kürzern ziehen ließ. Es blieben ihrer an tausend siebenhundert, da die Römer mit ihren Bundsgenossen nicht über hundert verloren. Aus Furcht vor einem Hinterhalte trat Consul Paullus, der an diesem Tage den Oberbefehl hatte, – denn sie wechselten sie nach Tagen – seinen in Unordnung nachsetzenden Siegern in den Weg, so unwillig auch Varro lärmte und schrie, man habe den Feind aus den Händen gelassen; man hätte dem Kriege, wenn man nicht zurückgeflohen wäre, ein Ende machen können.

569 Hannibal nahm diesen Verlust gerade nicht zum höchsten auf; ja er glaubte vielmehr, die Verwegenheit des dreisteren Consuls und vorzüglich der jungen Soldaten sei dadurch gleichsam gekörnet. Auch kannte er das ganze Verhältniß bei den Feinden so gut, als sein eigenes; wußte, daß zwei ungleiche und uneinige Männer an der Spitze standen, daß im Heere beinahe zwei Drittel der Soldaten Neulinge waren. Da er also jetzt zu einem Hinterhalte einen schicklichen Ort und Gelegenheit zu haben glaubte, so ließ er in der nächsten Nacht sein Lager, aus dem ihm die Soldaten mit nichts, als mit den Waffen beladen, folgen mußten, mit allerlei Vorräthen von Stats- und Privateigentum stehen, barg hinter den nächsten Höhen zur Linken sein aufgestelltes Fußvolk, zur Rechten die Reuterei, und ließ das Gepäcke als mittleren Zug durch das Thal gehen, um so den Feind zu überfallen, wenn er mit der Plünderung eines nach der Flucht seiner Besitzer für verlassen geachteten Lagers beschäftigt sei und sich belastet habe. Es mußten viele Wachtfeuer im Lager brennen bleiben, um es wahrscheinlich zu machen, daß er, um nur auf der Flucht einen größern Vorsprung zu gewinnen, die Consuln durch den beibehaltenen Schein eines Lagers, so wie er voriges Jahr den Fabius getäuscht hatte, in ihrer Stellung habe festhalten wollen.

42. Als es Tag wurde, erregten zuerst die eingezogenen Posten, dann, als man näher heranging, die ungewöhnliche Stille, Verwunderung. Als man sich von der Räumung völlig vergewissert hatte, so strömte im Römischen Lager Alles mit der Nachricht zu den Feldherrnzelten hin, der Feind sei geflohen, so übereilt geflohen, daß er bei stehenden Zelten sein Lager verlassen habe; auch habe er, seine Flucht so viel besser zu verdecken, viele Feuer zurückgelassen. Nun erhob sich ein Geschrei, man solle Befehl zum Aufbruche geben, man solle sie anführen, dem Feinde nachzusetzen und sogleich das Lager zu plündern. Und der eine Consul war ganz, wie einer von den lärmenden Gemeinen. Paullus sagte einmal über das andre, man müsse sich vorsehen und auf seiner Hut sein. Endlich, 570 als er weder dem Aufruhre, noch dem Wortführer des Aufruhrs, auf andre Art steuren konnte, schickte er den Obersten der Reuterei, Marius Statilius, mit einem Lucanischen Geschwader auf Kundschaft. Als dieser, so wie er sich den Thoren näherte, die Übrigen außerhalb der Werke hatte halten lassen, so ging er selbst mit zwei Rittern in den Wall, und als er Alles sorgfältig erspähet hatte, meldete er zurück: Es sei gewiß eine Falle: die zurückgelassenen Feuer fänden sich nur auf der gegen den Feind liegenden Lagerseite: die Zelte ständen offen und alle Sachen von Werth lägen zum Hinnehmen da; auch habe er hin und wieder in den Lagergassen herumliegendes Silber bemerkt, als wenn es zum Plündern hingeworfen sei.

Was hier gemeldet wurde, um die Raubgier zu schrecken, entzündete sie. Und da die Soldaten ein Geschrei erhoben, sie würden, wenn man ihnen den Aufruf versagte, ohne Führer hingehen, so fehlte es auch an einem Führer durchaus nicht: denn sogleich gab Varro das Zeichen zum Aufbruche. Da aber dem Paullus bei seinem geflissentlichen Zögern auch die Hühner bei der Vogelschau das Ausrücken untersagten, so ließ er seinem Amtsgenossen, als er eben mit den Fahnen zum Thore hinauszog, diese Abmahnung entgegenstellen. So verdrießlich dies dem Varro war, so fühlte er sich doch durch das neuliche Unglück des Flaminius, und durch den im ersten Punischen Kriege denkwürdig gewordenen Verlust des Consuls Claudius zur See, von heiliger Furcht ergriffen. Fast möchte ich sagen, an diesem Tage waren es die Götter selbst, die das über den Römern schwebende Verderben, wo nicht abwandten, doch verschoben. Denn als die Soldaten dem Befehle des Consuls, ins Lager wieder einzurücken, nicht gehorchen wollten, mußte es sich so fügen, daß gerade an diesem Tage zwei Sklaven, der eine eines Formianischen, der andre eines Sidicinischen Ritters, die unter den Consuln Servilius und Atilius beim Futterholen den Numidern in die Hände gefallen waren, ihren Herren wieder zuliefen, und vor den Consuln aussagten, Hannibals ganzes Heer stehe auf jener Seite der nächsten Berge 571 im Hinterhalte. Daß sie so zur rechten Stunde eintrafen, dies setzte die Befehle der Consuln wieder in Kraft, da die nach Gunst haschende Sucht des Einen gleich anfangs bei den Soldaten durch seine strafbare Nachsicht das Band der Ehrfurcht für ihn gelöset hatte.

43. Als Hannibal sah, daß sich die Römer zwar vorschnell genug in Angriff gesetzt hatten, aber nicht auf Gerathewohl zum Ziele der Entscheidung fortschritten, so ging er, da seine List ohne Erfolg entdeckt war, in sein Lager zurück. Mehrere Tage hier zu bleiben, machte der Mangel an Getreide unmöglich, und nicht bloß bei den Soldaten, die aus einem Zusammenflusse aller Völker gemischt waren, sondern selbst bei dem Feldherrn erneuerte sich mit Jedem Tage der Gedanke, sich ein andres Verhältniß zu geben. Denn da sie anfangs nur murrend, dann geradezu mit lauten Stimmen den schuldigen Sold forderten: zuerst über knappes Auskommen, zuletzt über Hungersnoth klagten; und es ruchtbar wurde, daß die Miethsoldaten und vorzüglich die aus Spanien zum Übergehen entschlossen wären: so soll Hannibal selbst zuweilen damit umgegangen sein, sich nach Gallien zu flüchten und mit Zurücklassung des sämtlichen Fußvolks sich mit dem berittenen Heere davonzumachen. Bei diesen Entwürfen und Gesinnungen in seinem Lager entschloß er sich, von hier in Apuliens wärmere und eben darum zur früheren Ernte sich eignende Gegenden aufzubrechen, zugleich auch, um seinen Wankelmüthigen, je weiter er sich vom Feinde zurückzöge, das Überlaufen desto mehr zu erschweren. Er zog in der Nacht ab, da er eben so mehrere Feuer anlegen und zum Scheine einige Zelte stehen ließ, damit sich die Römer, aus Furcht vor einer List, wie neulich, festhalten lassen sollten. Als aber eben der Lucaner, Statilius, der die ganze Gegend über das Lager hinaus und jenseit der Berge auskundschaftete, mit der Nachricht zurückkam, man habe den Zug der Feinde in der Ferne gesehen, so wurde nun über die Verfolgung des Feindes Kriegsrath gehalten. Da die Meinung beider Consuln eben so ausfiel, wie sie vorher immer gestimmet hatten, dem Varro aber beinahe Alle beipflichteten, dem Paullus niemand, den vorjährigen Consul Servilius ausgenommen, so brachen sie nach dem Beschlusse der meisten Stimmen, von der Übermacht des Verhängnisses gedrängt, nach Cannä auf, das sie durch jene Niederlage der Römer berühmt machen sollten.

Nahe bei diesem Flecken hatte Hannibal sein Lager aufgeschlagen, mit dem Rücken gegen den Südostwind, der auf jenen vor Dürre brennenden Gefilden den Staub in Wolken fortführt. Dies war theils für das Lager an sich schon wohlthätig, theils mußte es vorzüglich dann von wichtigem Vortheile sein, wenn sich die Schlachtlinien stellten, insofern die Punier, abgewandt vom Winde, der ihnen nur in den Rücken blies, mit einem Feinde fechten konnten, der vom entgegenströmenden Staube geblendet ward.

44. Als die Consuln, die auf gehörig geprüften Wegen dem Hannibal folgten, nach Cannä kamen, wo sie den Feind vor sich sahen, so verschanzten sie sich fast in eben der Entfernung, wie bei Geronium, in zwei Lagern, auf welche sie die Truppen wieder eben so vertheilten. Zu dem Strome Aufidus, der in der Nähe beider Lager floß, kamen die Wasserholer, wie es sich für jeden nach seinem Standorte thun ließ, wiewohl nicht ohne Gefechte. Doch die Römer im kleineren Lager, welches jenseit des Aufidus stand, holten das Wasser mit weniger Störung, weil das jenseitige Ufer keinen feindlichen Posten hatte.

Hannibal, der jetzt hoffen konnte, die Consuln würden ihm in diesen zu einem Gefechte mit der Reuterei geschaffenen Gegenden – und hierin bestand ja seine unüberwindliche Stärke – eine Schlacht bieten, stellte seine Linie auf und ließ den Feind durch die vorsprengenden Numider fordern. Sogleich gerieth das Römische Lager von neuem durch den Aufstand der Soldaten und durch die Zwietracht der Consuln in Bewegung; da Paullus dem Varro die Unbesonnenheit eines Sempronius und Flaminius, Varro hingegen das jedem feigen und unthätigen Feldherrn vorleuchtende Beispiel des Fabius hinwarf, und Götter und Menschen zu Zeugen rief, «daß er nicht Schuld 573 daran sei, wenn Italien zu Hannibals Eigenthume verjähre, daß ihn sein Amtsgenoß wie eingeschnürt festhalte; daß den erbitterten und kampfbegierigen Soldaten das Schwert und die Waffen genommen würden:» indeß jener betheuerte: «wenn die zu einer unberathenen und unvorsichtigen Schlacht hingeopferten und preisgegebenen Soldaten nicht glücklich sein sollten, so werde er der völlig Schuldlose, aber Theilnehmer jedes Erfolges sein: es stehe zu wünschen, daß die, die jetzt so fertig und keck mit der Zunge wären, in der Schlacht eben so kraftvolle Arme zeigten.»

45. Während die Zeit mehr unter Zänkereien als Beratschlagungen verging, schickte Hannibal aus seiner Linie, die er bis tief in den Tag aufgestellt erhalten hatte, als er sich jetzt mit den übrigen Truppen in das Lager zurückzog, die Numider über den Fluß, um die Wasserholer aus dem kleineren Römischen Lager anzugreifen. Als sie den ungeordneten Haufen schon bei ihrem ersten Auftritte auf das Ufer durch ihr Geschrei und Getümmel gescheucht hatten, so jagten sie auch auf den vor dem Walle aufgestellten Posten und beinahe an die Thore selbst. Von einem bloß lärmenden Hülfskohre sogar ein Römisches Lager bedroht zu sehen, dies fanden die Römer so empörend, daß sie sogleich über den Fluß gegangen und zur Schlacht aufgetreten sein würden, wenn nicht der einzige Umstand sie zurückgehalten hätte, daß heute die Reihe des Oberbefehls an Paullus war. Am folgenden Tage also steckte Varro, dem heute der Oberbefehl zukam, ohne bei seinem Mitconsul anzufragen, das Zeichen zur Schlacht aus, und führte die Truppen in Schlachtordnung über den Fluß: und Paullus folgte, weil er dem Unternehmen zwar seinen Beifall, nicht aber seine Unterstützung versagen durfte.

Als sie über den Fluß gegangen waren, zogen sie auch die Truppen an sich, die sie im kleineren Lager gehabt hatten, und stellten ihre Linie so, daß sie auf dem rechten Flügel – dieser war näher am Flusse – der Römischen Reuterei ihren Platz gaben; dann ihrem Fußvolke: 574 den linken Flügel besetzte nach außen hin die Reuterei der Bundsgenossen, nach innen ihr Fußvolk, welches sich in der Mitte an das Römische Fußvolk schloß. Die Wurfschützen und die übrigen leichtbewaffneten Hülfstruppen machten das Vordertreffen aus. Die Consuln nahmen die Flügel, Terentius den linken, Ämilius den rechten. Dem Servilius Geminus gaben sie die Leitung der Schlacht in der Mitte.

46. Hannibal, der mit Tagesanbruche nach Voraufsendung der Balearen und übrigen Leichtbewaffneten über den Fluß ging, stellte seine Truppen nach eben der Ordnung in Linie, in der er sie herübergeführt hatte. Die Gallische und Spanische Reuterei neben dem Ufer auf den linken Flügel, der Römischen Reuterei gegenüber. Den rechten Flügel gab er der Numidischen Reuterei, nachdem er die Mitte so durch das Fußvolk gedeckt hatte, daß auf beiden Ecken Africaner standen, und zwischen diese die Gallier und Spanier in die Mitte gepflanzt waren. Die Africaner hätte man größtentheils für eine Römische Linie halten sollen; so waren sie gewaffnet, da ihnen zwar auch die Schlacht am Trebia, größtentheils aber die am Trasimenus diese Waffen gegeben hatte. Die Schilde der Gallier und Spanier waren ungefähr von gleicher Form; ihre Schwerter aber sich ungleich und unähnlich: das Gallische sehr lang und ohne Spitze; dieses – der Spanier ist gegen seinen Feind mehr auf Stich, als auf Hieb gewöhnt – leicht durch seine Kürze und mit einer Spitze. Auch gab wirklich dem übrigen Äußern dieser Völker Körpergröße sowohl, als Aufzug etwas Furchtbares. Die Gallier waren bis auf den Nabel nackend; die Spanier standen da in leinenen mit Purpur verbrämten Leibröcken, die vom reinsten Weiß glänzend waren. Die Zahl des gesammten Fußvolks, welches dasmal in Linie stand, betrug vierzigtausend; die Reuterei zehntausend. Anführer auf den Flügeln waren, auf dem linken Hasdrubal, auf dem rechten Maharbal: das Mitteltreffen führte Hannibal selbst mit seinem Bruder Mago. Die Sonne war beiden Theilen, entweder weil sie sich geflissentlich so stellten, 575 oder ohne Absicht so zu stehen kamen, zur Seite gleich vortheilhaft, da die Römer gegen Mittag, die Punier gegen Mitternacht standen. Der Wind – die Einwohner jener Gegend nennen ihn Vulturnus – der sich den Römern entgegen aufmachte, nahm ihnen durch den vielen Staub, den er ihnen ins Gesicht wälzte, die Aussicht,

47. Nach erhobenem Schlachtgeschreie brachen die Hülfsvölker hervor und das Gefecht begann zuerst unter den Leichtbewaffneten: dann ließ sich auch der linke Flügel der Gallischen und Spanischen Reuter mit dem rechten Römischen ein, aber gar nicht so, wie Reuterei zu fechten pflegt: denn sie mußten mit gegen einander gekehrten Vorderreihen zusammentreffen, weil sie in ihrer geraden gegenseitigen Richtung hier der Fluß, dort die Linie des Fußvolks beschränkte, ohne ihnen zu einem Seitenausfalle den mindesten Raum zu lassen. Als die Pferde standen und zuletzt im Gedränge sich festschoben, umfaßte ein Mann den andern und zog ihn vom Pferde. Schon hatte sich der Kampf großentheils in ein Gefecht zu Fuß verwandelt: doch focht man mehr mit Erbitterung, als Ausdauer und die geschlagenen Römischen Ritter nahmen die Flucht.

Gegen das Ende des Kampfes zu Pferde begann auch die Schlacht der Fußvölker. Anfangs hielten die Gallier und Spanier, dem Feinde gleich an Stärke, wie an Muth, im Gliede Stand: aber endlich drangen die Römer nach langer und wiederholter Anstrengung in gerader Linie und dicht geschlossener Stellung hinein in den feindlichen Keil, welcher, zu dünn gestellt und eben darum ohne die gehörige Kraft, aus der übrigen Linie hervorragte. Dann setzten sie den weggedrängten und voll Bestürzung sich Zurückziehenden nach, und da sie in Einem Vorrücken durch den vor Schrecken eiligst zurückstürzenden Haufen mitten in die feindliche Schlachtordnung drangen, so kamen sie zuletzt ohne Widerstand an das Hintertreffen der Africaner, die rechts und links auf zurückgelehnten Flügeln standen, weil der Mittelpunkt der Linie, auf dem die Gallier und Spanier gestanden hatten, einen bedeutenden 576 Vorsprung gehabt hatte. Als dieser geschlagene Keil zuerst die Vorderreihe zur geraden Linie ausglich, dann durch das Nachdrängen der Römer in der Mitte einen Bogen gab, so hatten sich die Africaner schon zu beiden Seiten als die Ecken aufgestellt, überflügelten nun die Römer, die unvorsichtig in die Mitte hineinstürzten, und es währte nicht lange, so hatten sie durch Ausdehnung ihrer Flügel den Feind auch im Rücken eingeschlossen. Und nun traten die Römer, ohne vom ersten Gefechte Vortheil zu haben, indem sie die Gallier und Spanier fahren lassen mußten, auf welche sie schon von hinten eingehauen hatten, auch gegen die Africaner in den Kampf, der nicht allein deswegen ungleich war, weil sie als Eingeschlossene gegen ihre Umgebung, sondern auch als Ermüdete mit frischen und kraftvollen Truppen zu fechten hatten.

48. Auch auf ihrem linken Flügel, wo die Reuterei der Bundsgenossen gegen die Numider stand, waren die Römer schon zum Treffen gekommen, das anfangs einen zögernden Gang nahm und mit einer Punischen List begann. An fünfhundert Numider, die außer ihren gewöhnlichen Schutz- und Angriffswaffen, unter den Panzern Dolche versteckt hielten, sprangen, als sie unter dem Scheine von Überläufern, die Schilde auf den Rücken haltend, von ihrer Linie herübergesprengt kamen, plötzlich von den Pferden, und da sie Schild und Wurfspieß den Feinden zu Füßen warfen, ließ man sie ins Glied und führte sie zu den Letzten, mit dem Befehle, im Rücken des Heeres zu bleiben. Und bis auf allen Punkten die Schlacht allgemein wurde, standen sie ruhig da. Als aber das Gefecht aller Herzen und Augen beschäftigte, da fielen sie, indem sie sich der Schilde bemächtigten, die allenthalben zwischen den Haufen der Erschlagenen auf dem Boden lagen, die Linie der Römer von hinten an, und bewirkten dadurch, daß sie ihnen durch die Rücken stachen oder die Kniekehlen abhieben, ein gewaltiges Gemetzel und eine noch weit größere Bestürzung und Unordnung.

577 Da auf einigenQuum alibi terror ac fuga, alibi – – Hasdrubal, qui ea parte].– Das erste alibi geht auf die beiden Römischen Flügel. Auf dem linken, dessen Livius zuletzt erwähnt hatte, war pavor ac tumultus (terror) durch die zum Scheine übergegangenen 500 Numider entstanden. Auf dem rechten war fuga; nach Cap. 47. pulsique Romani equites terga vertunt. Das zweite alibi geht auf das von den Puniern eingeschlossene Haupttreffern der Römer. Was Livius an unsrer Stelle malam spem nennt, nannte er Cap. 47. pugnam iniquam, quod inclusi adversus circumfusos, fessi cum recentibus pugnabant. Allein der Nachsatz: Hasdrubal, qui ea parte etc. wird von allen Editoren für eine verwahrlosete, aufgegebene Stelle erklärt, der man, bis ihr bessere Handschriften helfen, nur durch Vermuthungen Hülfe leisten kann. Gronov und Crevier geben aus Polybius die Hauptumstände an, die uns in Stand setzen müssen, hier zu urtheilen. Hasdrubal nämlich, der auf dem linken Punischen Flügel die Gallische und Spanische Reuterei commandirte, rieb den vom Consul Paullus befehligten rechten Flügel der Römer, auf dem ihre Ritter standen, so völlig auf, daß nur sehr Wenige entkamen. Dann geht er zum rechten Punischen Flügel hinüber, wo nach Livius Maharbal (nach Polybius Hanno) die Numider commandirte, bringt durch seine Ankunft die Römische Bundesreuterei ihres linken Flügels zum Weichen, und schickt ihnen die Numider nach. Nun hat er selbst Zeit, mit seiner Gallischen und Spanischen Reuterei den Africanern im Punischen Mitteltreffen zu Hülfe zu kommen. Er vertheilt hier seine Reuterei allenthalben, und nun werden die schon vorher eingeschlossenen, jetzt noch auf mehreren Punkten von Reuterei angefallenen Römer völlig niedergehauen. Widersprach nun Livius in unserer Stelle nur dem Polybius, so könnte man das als zwei verschiedene Aussagen zweier Erzähler ansehen, ohne den Einen nach dem Andern modeln zu wollen. Allein so wie die Stelle durch Schuld der Abschreiber vor uns liegt, widerspricht Livius mehrmals sich selbst auf die gröbste Art, wie schon Gronov u. Crevier zeigen. 1) Hasdrubal, qui ea parte praeerat, subductos ex media acie cet. Hasdrubal hatte ja, nach Liv. selbst, nicht mediam aciem, sondern den linken Flügel; folglich kann es nicht von ihm heißen: qui ea parte praeerat, subductos ex media acie cet. Wenn Gronov lesen will: qua parte (st. qui ea parte) praeerat, subductos ex media acie, so hebt dies den Widerspruch nicht im mindesten. Wozu also diese Änderung? 2) Wie kann Hasdrubal, gesetzt er hätte die mediam aciem befehligt, hier die Numider wegziehen, wo sie, nach Liv. selbst, nicht standen? Sie standen ja unter Maharbal, auf dem rechten Punischen Flügel. Darum will Gronov die Worte subductos ex media acie ganz wegstreichen; Perizonius wenigstens das Wort media. 3) Wozu soll Hasdrubal das Gallische und Spanische Fußvolk (pedites) sich an die Africaner im Mitteltreffen anschließen lassen? Mit diesen stand es ja schon anfangs, nach Livius selbst, als Cuneus, dann als gerade Linie, in Verbindung, und zuletzt als eine von den Römern ins Hintertreffen zurückgedrängte Fronte, von der die Africaner die beiden einschließenden Seiten ausmachten. Dieser letzte Widerspruch ist nach Gronov und Crevier am leichtesten gehoben. Sie lesen statt Gallos Hispanosque pedites geradezu: G. H.  equites, und Drakenborch nennt diese Verwechselung errorem librariis consuetum, die z. B. Buch 37. Cap. 40. in Einem Cap. mehrmals gefunden wird. Vielleicht hieß dieser §. im Livius ungefähr so: Quum alibi terror ac fuga, alibi pertinax in mala iam spe praelium esset; Hasdrubal, qui ea parte, qua vicerat, relicta, in dextrum cornu transierat, quum eius adventu superior etiam factus esset Maharbal, qui ea parte praeerat, subductos ex impedita acie Numidas, quia segnis eorum cum adversis pugna erat, ad persequendos passim fugientes mittit: Hispanos et Gallos equites iam Afris prope fessis, caede magis quam pugna, adiungit. Durch die Ähnlichkeit der Stellen: esset; Hasdrubal qui ea parte und esset Maharbal, qui ea parte fiel die dazwischen liegende Zeile, die den Aufschluß und Zusammenhang des Ganzen geben muß, aus. Aus ipedta konnte, wenn der Fuß des p erloschen war, statt inpedita leicht media gelesen werden. Und daß pedites in equites verwandelt werden muß, lehrt die Sache selbst, wenn auch diese Verwechselung nicht so häufig wäre, als ich aus Drakenb. oben gezeigt habe. Um den Autor nicht mit sich selbst in mehrern Widersprüchen auftreten zu lassen, übersetze ich nach meiner Interpolation, die ich aber durch Cursiv auszeichne. Für die Richtigkeit der Sachen steht, wie schon gesagt, Polybius ein.Punkten der Schlacht Schrecken und Flucht herrschte, auf einem andern der Kampf unter 578 schlechten Aussichten hartnäckig anhielt, schickte Hasdrubal, der von jenem Flügel, auf welchem er gesiegt hatte, zum rechten hinübergezogen war, sobald Maharbal, welcher hier den Oberbefehl hatte, durch seine Ankunft das Übergewicht erhielt, die Numider, die er aus ihrer beschränkten Linie wegzog, weil sie, bei ihrer Art zu fechten, auf einen gegenüber aufgepflanzten Feind zu unwirksam waren, nach allen Gegenden zur Verfolgung der Fliehenden ab, und ließ seine Spanische und Gallische Reuterei sich an die Africaner anschließen, die fast mehr vom Niederhauen, als vom Fechten ermüdet waren.

49. Auf der andern Seite der SchlachtParte altera pugnae Paullus – occurrit – Hannibali]. – Livius widerspricht sich hier nicht, wenn er den Consul, den er uns im Anfange der Schlacht auf dem rechten Flügel der Römer zeigte, jetzt im Mitteltreffen gegen Hannibal auftreten läßt. Polybius sagt ausdrücklich, Paullus habe, obgleich sein Flügel niedergehauen wurde, sich gerettet (wir wissen aus Livius: durch seine Verwundung gleich im Anfange der Schlacht), und da er gesehen, daß die Entscheidung der Schlacht bloß noch vom Widerstande der Legionsoldaten (zu Fuß) abhänge, habe er auch noch zuletzt seine Pflicht thun wollen, sei zum Mitteltreffen hingeritten, habe noch mit eigner Hand Feinde erlegt u. s. w. Hatte Livius, wie ich am Schlusse des vorigen Cap. angenommen habe, zuletzt von den Numidern des rechten Punischen Flügels geredet, so ist die Stelle, die Paullus an der Seite seines niedergehauenen rechten Flügels im Mitteltreffen einnahm, sehr richtig pars altera pugnae, nämlich die linke Seite des Punischen Hauptkohrs, in welchem Hannibal sich befand, wo es im Anfange der Schlacht seinen linken Flügel zur Seite gehabt hatte. trat Paullus, wiewohl er gleich im Anfange des Gefechts durch einen Schleuderwurf schwer verwundet war, dennoch mehrmals in dicht geschlossener Schar dem Hannibal entgegen, und stellte das Treffen auf mehreren Punkten wieder her, da ihn Römische Ritter deckten, die aber zuletzt ihre Pferde 579 abgaben, weil der Consul zu ohnmächtig wurde, sein Pferd zu lenken. Da soll Hannibal dem, der ihm meldete, der Consul habe die Ritter absitzen lassen, gesagt haben: «Noch besserQuam mallem cet.]. – In Hannibals Ironie liegt ein zwiefacher Sinn: 1)  Jenes Mittel wird ihm doch nichts helfen; 2) durch dieses ersparte er uns noch die Mühe des Niederhauens. Nach Plutarch sagt er gerade das Gegentheil: Hoc mallem, quam si vinctos mihi traderet. Dem feinen Hannibal, so wie er sich nachher in Carthago gegen den Scipio und Antiochus zeigt, scheint mir, was ihn Livius sagen läßt, angemessener., wenn er sie mir gebunden lieferte!» Das Gefecht dieser Ritter zu Fuß war so, wie wenn dem Feinde der Sieg schon gewiß ist; da die Besiegten lieber auf der Stelle sterben, als fliehen wollten, die Sieger hingegen, auf die Verzögerer ihres Sieges ergrimmt, niederhieben, was sie nicht zurücktreiben konnten. Doch brachten sie die noch übrigen Wenigen, die von Anstrengung und Wunden erschöpft waren, zum Weichen. Nun zerstreuten sich Alle, und wem es möglich war, der suchte wieder an sein Pferd zu kommen, um zu entfliehen. Cneus Lentulus, ein Oberster, sah im Vorbeireiten den Consul mit Blut bedeckt auf einem Steine sitzen, und sprach: «Lucius Ämilius, du, dessen sich die Götter als des einzigen am Unglücke des heutigen Tages Unschuldigen erbarmen müssen, besteig, da auch dudum et tibi]. – Wenn ich dies et tibi recht verstehe, so verräth es bei aller Kürze den Sinn des muthvollen Patrioten, der selbst nach einer Niederlage bei Cannä den Stat noch nicht verloren giebt. Es läge dann hierin der Gedanke: Cape equum, dum tibi quoque, non rei publicae solum, aliquid virium superest. Um so viel passender ist des Consuls Antwort: Macte virtute. noch nicht ganz der Kraftlose bist, mein Pferd; ich kann dich mit mir nehmen und schützen. Gieb dieser Schlacht nicht durch den Tod eines Consuls ein schwarzes Abzeichen. Auch ohne dies haben wir der Thränen und der Trauer genug!»

Der Consul antwortete: «Bleib dieser edlen Gesinnung treu, Cneus Cornelius! laß aber die kurze Zeit, in der du noch den Händen der Feinde entkommen kannst, nicht unter vergeblichem Bedauren verstreichen. Auf! melde den Vätern insgesamt, sie möchten die Römische Hauptstadt verwahren, und noch, ehe der siegende Feind 580 ankommt, durch Truppen sichern; und dem Quintus Fabius insbesondre: Lucius Ämilius sei seinen Lehren im Leben treu gewesen und selbst noch im Tode treu. Mich laß hier unter meinen hingestreckten Kriegern den Athem aushauchen, damit ich nicht nöthig habe, entweder auch nach meinem zweiten Consulate als Beklagter dazustehen, oder gegen meinen Mitconsul als Kläger aufzutreten, um durch die Anklage eines Andern meine eigne Unschuld zu retten.» Sie hatten eben ausgeredet, da stürzten, zuerst ein Haufe fliehender Römer, dann die Feinde heran, die den Consul, ohne zu wissen, wen, unter Pfeilen begruben. Mit dem Lentulus flog sein Pferd mitten durch das Getümmel. Und nun wurde die Flucht allgemein.

Siebentausend erreichten das kleine Lager, zehntausend das große, fast zweitausend den Flecken Cannä selbst; die aber sogleich von Carthalo und seiner Reuterei, weil keine Werke den Flecken schützten, umzingelt wurden. Der andre Consul, der sich durch Zufall, oder absichtlich, keinem Zuge der Fliehenden anschloß, erreichte mit etwa siebzig Rittern Venusia. Vom Fußvolke sollenQuadraginta millia pedi tum.] – In der Summe des gefallenen Fußvolks folge ich mit Crevier und Drakenborch der Lesart der besten, der Puteanischen Handschrift: XXXXV.D. pedi tes, für welche auch der Florentinische Codex, und die Excerpta Pithöi, diese durch XXXV pedi tes, jener durch XLV pedi tes zu stimmen scheinen, so daß, weil sie pedi tes, nicht pedi tum lesen, bei ihnen das D dagestanden haben muß, und nur wegen des folgenden P wegfiel. Vergl. Cap. 54 am Anfange. – Bei dem Verluste der Reuterei folge ich der von Drakenb. angegebenen Lesart des Eutropius, der in seinem Livius nicht duo, sondern tria millia fand. Die Sache selbst spricht hier, wenn auch die Buchstabenkritik schweigt. Der rechte Römische Flügel war von Hasdrubal am Flusse (denn seine Leute gaben keinen Pardon; Polyb. II. 115.) fast ganz vernichtet. Der kleine Rest, der sich mit Consul Paullus an das Mitteltreffen schloß, wurde hier wieder umzingelt und bis auf Wenige niedergehauen. Vom andern Flügel hieben die Numider die Meisten nieder (Polyb. II. 116.); und eben dieser Polybius sagt uns II. 117, daß sich von 6000 Rittern nur 70 mit Varro nach Venusia (so sagt auch Livius) und 300 in andre Städte retteten. Ist es nun glaublich, daß von 6000 (nach Polybius Angabe) oder nach Andern von 9000 nur 2700 gefallen sein sollten? Hierzu kommt, daß Livius selbst an drei Stellen (Buch XXII. Cap. 59. u. C. 60. und XXV, 6.) die Gebliebenen theils auf 50,000, theils über 50,000 angiebt. Dieser Summe kommt man dann am nächsten, wenn man zu den 45,500 Mann Fußvolk 3700 Reuter rechnet, also 49,200 herausbringt. fünfundvierzig tausend fünfhundert, von der Reuterei 581 dreitausend siebenhundert gefallen sein, und zwar von Bürgern und Bundesgenossen beinahe gleichviel; hierunter auch beide Quästorn der Consuln, Lucius Atilius und Lucius Furius Bibaculus; einundzwanzig Obersten; einige, die schon Consuln, Prätoren oder Ädilen gewesen waren; unter diesen Cneus Servilius Geminus und Marcus Minucius, der im vorigen Jahre Magister Equitum und einige Jahre früher Consul gewesen war; ferner achtzig Senatoren, oder die doch solche Ämter bekleidet hatten, aus denen sie in den Senat genommen werden mußten, allein zum freiwilligen Dienste unter die Legionen gegangen waren. Gefangen genommen waren im Treffen selbst dreitausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde.

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