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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 58
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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35. Am folgenden Tage stießen seine Truppen, weil sich die Barbaren schon nicht mehr so hitzig in die Lücke drängten, wieder zusammen, und legten den Paß nicht ohne Einbuße, doch mit größerem Verluste an Lastthieren, als an Menschen, zurück. Seitdem fielen die Bergbewohner nur noch in kleineren Haufen, und mehr nach Räuber- als nach Kriegerart, bald in den Vortrab, bald in den Nachtrab, je nachdem ihnen entweder die Gegend einen Vortheil gab, oder der Zug durch sein Fortrücken oder Nachbleiben die Gelegenheit bot. Für den großen Zeitverlust, mit welchem die Elephanten über dieSicut praecipites per artas vias magna mora agebantur.] – Wollte man diese Lesart beibehalten, und praecipites auf die Elephanten ziehen, so sieht man, wie schon Crevier erinnert, nicht ein, warum die Elephanten gerade in den viis artis die stürmenden sein sollten, da eine via arta auch zugleich plana sein kann. Dann konnte man eher per alias vias lesen wollen, da nach der von Gesner citirten Anmerkung Drakenborchs zum Sil. Ital. so oft artus und altus verwechselt werden. Allein Drakenb. führt aus seinem besten Codex, dem Florentinischen, die Lesart an: sicut per artas praecipites vias, die auch Crevier in einem Msc. fand. Diese behalte ich bei. S. Hn.  Walch, S. 83. engen steilen Wege weiter gebracht wurden, gewährten sie auch, wohin ihr Gang sie führte, dem Zuge Sicherheit vor den Feinden, weil diese, ihrer ungewohnt, zu furchtsam waren, sich ihnen zu nähern.

Am neunten Tage kam man auf den Gipfel der Alpen, meistens auf Unwegen und Irrgängen, weil sie entweder von den Wegweisern absichtlich irre geleitet wurden, oder weil sie selbst, wenn sie diesen nicht traueten, sich auf gut Glück in Thäler hineinwagten, wo sie einen Weg vermutheten. Zwei Tage hatten sie auf der Höhe ihr Standlager: so lange wurde den von Beschwerden und Gefechten ermüdeten Soldaten Ruhe gegönnt, und in dieser Zeit 457 fanden sich auch mehrere der auf den Felsen gestürzten Lastthiere, die der Spur des Zuges nachgegangen waren, wieder in das Lager. Vom Überdrusse ihres so manchfaltigen Ungemachs erschöpft sahen sie sich durch den gefallenen Schnee – denn schon hörte das Siebengestirn auf sichtbar zu sein – zu ihrem großen Schrecken überrascht. Als das Heer, das mit dem ersten Morgenlichte aufbrach, allenthalben durch hohen Schnee, verdrossen weiterzog, und Unlust und Verzweifelung aus Aller Blicken sprach, stellte sich Hannibal an die Spitze des Zuges, ließ die Soldaten auf einer vortretenden Gebirgsecke, wo man weit und breit eine Aussicht hatte, Halt machen, und zeigte ihnen die am Fuße der Alpengebirge zu beiden Seiten des Po sich hinstreckenden Gefilde, mit der Versicherung, «daß sie jetzt die Mauern, nicht Italiens allein, sondern selbst der Stadt Rom überstiegen. Von nun an gehe der Weg durch Ebenen, ja sogar bergab. Nach Einem, höchstens zwei Treffen, würden sie über die Burg und Hauptstadt Italiens als über ihr Eigenthum zu gebieten haben.» Und nun ging der Zug weiter, selbst ohne alle Versuche von Seiten der Feinde, kleine gelegentliche Belistungen abgerechnet. Indeß war der Weg hier weit beschwerlicher, als er im Hinansteigen gewesen war, weil die Alpen meistentheils auf der Italiänischen Seite zwar minder hoch, aber auch steiler sind. Fast der ganze Weg war jäh, enge und schlüpfrig, so daß sie wederIch folge Creviers Versetzung : ut neque sustinere se a lapsu possent, si qui paullulum titubassent, nec haerere afflicti vestigio suo; und bemerke nur noch, daß die beiden auf ssent sich endigenden Verba dem Abschreiber, wie so oft, Gelegenheit gaben, das Wort nec an die unrechte Stelle zu setzen. Drakenborchs Vorschlage, statt afflicti lieber affixi zu lesen, kann ich darum nicht beistimmen, weil dann sustinere se a lapsu und haerere affixum vestigio suo einerlei sagen würden, so daß Livius nicht durch nec – nec beides zu Gegensätzen hätte machen können. Si sustinere se a casu potuissent, eo ipso haesissent affixi vestigio suo. Und wenn Stroth sagt: afflicti nihil aliud significare potest, quam affixi, firmiter insistentes; so führe ich dagegen außer 58, 3. nur einige Stellen an, die Gesner schon im Thes. hat. Cic.: Statuam istius – deturbant, affligunt, comminuunt, Plaut.: Affligam te ad terram, scelus. Cic.: Afflicto et iacenti – dexteram porrexit. Idem: Scopulos, – ad quos – afflictam navem videres. In allen diesen Stellen bedeutet doch affligi ganz etwas anderes, als affigi., wenn sie einmal ins 458 Wanken kamen, sich vom Falle zurückhalten konnten, noch, wenn sie zu Boden gefallen waren, auf ihrer Stelle liegen blieben, und also Menschen und Vieh, eins über das andre, hinstürzten.

36. Nun kam man auf eine Klippe, die noch weit enger war und deren Felsenwände so gerade standen, daß kaum ein unbewaffneter Soldat, wenn er den Versuch machte und sich mit den Händen an den umher ragenden Büschen und Stämmen hielt, sich hinablassen konnte. Diese Stelle, schon vorher von Natur steil, war neulich erst durch einen Erdfall zu einer Tiefe von beinahe tausend FußRecenti lapsu terrae in pedum mille admodum altitudinem]. – Diese von. Valla vorgeschlagene, und von beiden Gronoven, von Duker, Drakenborch und Crevier gebilligte Lesart scheint mir nicht allein richtig, weil Livius die vom Polybius auf 900 angegebenen Fuß auf gegen 1000 Fuß angiebt, sondern auch, wenn gleich Stroth behauptet, sie sei nullo codicum praesidio firmata, aus der Lesart der ältesten und besten Handschriften inpeditus dumille admodum altitudinem sehr glücklich wieder hergestellt zu sein. Las der Abschreiber statt in pedum mille durch unrichtige Theilung inpe | dum | ille, so sah er sich genöthigt, zu seinem neu entstandenen ille, auch aus inpe ein Participium impeditus dazu zu schaffen. Wie sollte hier allenthalben in den besten Handschriften die Partikel dum sich finden, wenn sie nicht aus pedum entstanden wäre? und wie das Pronomen ille, wenn nicht das in von mille fälschlich zu pedu gezogen wäre? Die von Stroth wieder aufgenommene Lesart: Locus iam ante praeceps, recenti lapsu terrae impeditus, in mirandam admodum altitudinem abruptus erat, kann außerdem, daß sie sich nur aus den jüngeren und schlechteren Handschriften herschreibt, auch darum nicht Statt finden, weil das mit ihr zugleich eingeführte Wort impeditus sich in seiner Stellung mit dem folgenden abruptus nicht verträgt. Ich hätte nichts dagegen, wenn es hieße: locus, lapsu terrae abruptus in mirandam altitudinem, impeditus erat; aber umgekehrt ist es nicht möglich, daß der Ort schon durch den lapsus terrae impeditus, und nachher erst abruptus sein soll. hinabgestürzt. Als Hannibal sich wunderte, was hier den Zug aufhielte, weil die Reuterei nicht anders, als sei der Marsch zu Ende, stehen blieb, so meldete man ihm, auf dieser Klippe sei kein Durchkommen möglich. Er ging selbst hin, den Ort in Augenschein zu nehmen. Er glaubte, sich entschließen zu müssen, das Heer auf einem Umwege, wäre er auch noch so lang, durch die ungebahnten, nie betretenen Umgebungen zu führen. Hier aber war der Weg vollends unmöglich. Denn so lange der bis jetzt unberührteSuper veterem nivem intacta nova.] – So lieset Crevier statt intactam. Ich glaube, er hat Recht. Denn ob der alte, unten liegende Schnee intacta war, oder nicht, verschlägt in unserer Stelle dem Leser nichts. Daß aber der neue bis jetzt unberührt geblieben war, ist theils an sich schon zu vermuthen, weil Livius diese Gegend kurz vorher inviam nec tritam antea genannt hatte, theils mußte es hier des Gegensatzes wegen gesagt werden, weil es nachher heißt: Als er aber weggetreten war und schmolz. Für den Abschreiber gab es hier zwei Klippen. Der vorhergehende doppelte Accusativ mit super, und das auf intacta folgende n im Worte nova. neue Schnee, von mäßiger Höhe, 459 über dem alten lag, konnten sie bei ihrem Eintritte in den weichen, nicht zu hohen, Schnee leicht festen Fuß fassen. Als er aber durch den Heerzug so vieler Menschen und Thiere aus einander getreten war, gingen sie auf dem darunter stehenden nackten Eise und im fließenden Schlamme des geschmolzenen Schnees. Natürlich hatten sie hier eine schreckliche NothUt a lubrica glacie – – – corruissent – ita in levi.] – Ich halte mich in diesen schwierigen Worten ganz an die Stellung und Erklärung, die ihnen Hr.  Walch (S. 84 ff.) gegeben hat. Sie ist diese: Tetra ibi luctatio erat, ut a lubrica glacie non recipiente vestigium, et in prono citius pedes fallente: et seu manibus in assurgendo seu genu se adiuvissent, ipsis adminiculis prolapsi si iterum corruerent, nec (ne quidem) stirpes circa radicesve, ad quas pede aut manu quisquam eniti posset, erant; ita in levi tantum glacie tabidaque nive volutabantur. Iumenta secabant interdum etiamtum infimam ingredientia nivem, et prolapsa iactandis gravius in connitendo ungulis penitus perfringebant, ut pleraque, velut etc. Doch setze ich hinter Iumenta secabant interdum ein Komma, und lese dann: etiamtum infim a ingredientia niv e. Das m in infima m entstand aus dem in von ingredientia, Infima m ingredientia nive m verstehe ich nicht. mit dem schlüpfrigen Eise, auf dem kein Fußtritt haftete und dessen abschüssige Fläche den Fuß so viel eher gleiten ließ. Und stürzten sie, weil auch dann, wenn sie sich auf ihren Händen oder Knieen aufrichten wollten, selbst diese Stützen ausglitten, von neuem nieder, so gab es rund umher weder Stamm noch Wurzel, woran sie sich mit dem Fuße oder der Hand hätten aufhelfen können. So wälzten sie sich nun auf lauter glattem Eise und im zerflossenen Schnee. Die Lastthiere traten öfters durch, da sie ohnehin schon auf der untersten Schneelage gingen; und wenn sie, um sich etwa vom Falle emporzustämmen, stärker mit den Klauen aufschlugen, sanken sie völlig ein, so daß die meisten, wie in einem Fangeisen, in dem starren und hoch auffrierenden Eise stecken blieben.

37. Endlich wurde, als sich Thiere und Menschen vergeblich erschöpft hatten, auf der Höhe ein Lager 460 aufgeschlagen, wozu man den Platz nur mit größter Mühe reinigte: so viel Schnee hatte man loszugraben und wegzubringen. Nun mußten die Soldaten herbei, über diese Klippe, die einzige, über welche der Weg möglich war, Bahn zu machen: und da der Fels gebrochen werden mußte, so thürmten sie die in der Nähe gefälleten und gekappten ungeheuren Bäume zu einem gewaltigen Holzstoße auf: diesen setzten sie, bei einem sich aufmachenden heftigen Winde, der die Glut beförderte, in Brand, und machten das glühende Gestein durch aufgegossenen Essig mürbe. Den auf diese Art ausgebrannten Felsen öffneten sie mit Werkzeugen und ließen seine Höhen so sanft in mäßigen Krümmungen ablaufen, daß nicht allein die Packpferde, sondern auch die Elephanten hinabgeführt werden konnten. Vier Tage brachte man an dieser Klippe zu, während welcher die Lastthiere beinahe vor Hunger umkamen: denn die Gipfel sind gewöhnlich kahl; und haben sie einiges Futter, so verschüttet es der Schnee. Am Fuße der Gebirge giebt es Thäler, und manchen sonnigen Hügel, auch Bäche an den Waldungen, und Plätze, welche es schon eher verdienen, von Menschen gebaut zu werden. Hier schickte man die Lastthiere auf die Weide, und gab den von Anlegung der Straße ermüdeten Menschen eine dreitägige Ruhe. Von da ging es in die Ebene hinab, wo schon die Gegend und die Sitten ihrer Bewohner milder waren.

38. Ungefähr auf diese Art gelangten sie nach Italien, seit ihrem Aufbruche von Neu-Carthago, wie Einige(ut quidam auctores sunt)]. – Dieser Zwischensatz gehört nach meiner Meinung zu dem Vorhergehenden, nicht zu dem Folgenden. Denn da uns Livius selbst die Zahl der 15 Tage, in welchen Hannibal über die Alpen stieg, theilweise angegeben hatte, so würden ja die quidam auctores ihn ebenfalls mit einschließen. Die fünfzehn Tage kommen nämlich auch nach seiner Berechnung heraus, wenn man die drei letzten Ruhetage, am Fuße der schon überstiegenen Alpen nicht mitzählt. Über den bald nachher genannten Cincius vergleiche man oben Buch VII. Cap. 3. melden, im fünften Monate; nachdem sie die Alpen in fünfzehn Tagen überstiegen hatten. Wie viele Truppen Hannibal nach seinem Übergange in Italien gehabt habe, darüber sind die Schriftsteller durchaus nicht einig. 461 Nach der höchsten Angabe soll er hunderttausend Mann zu Fuß, zwanzigtausend zu Pferde gehabt haben; nach der niedrigsten, zu Fuß zwanzig-, zu Pferde sechstausend. Ich würde mich am liebsten an den Lucius Cincius Alimentus halten, weil er nach seinem eignen Berichte Hannibals Gefangener war; hätte er nicht dadurch, daß er die Gallier und Ligurier mit in die Summe zieht, die Zahl zusammengeworfen. Diese mitgerechnet, habe Hannibal – ob es mir gleich wahrscheinlicher ist, daß sie ihm nun erst zuströmten, was auch einige Schriftsteller behaupten – achtzigtausend Mann zu Fuß, zehntausend zu Pferde, nach Italien gebracht; er habe aber vom Hannibal selbst gehört, daß er nach seinem Übergange über die Rhone sechsunddreißig tausend Menschen und eine ansehnliche Menge Pferde und anderes Lastvieh verloren habe.

Als Hannibal im Gebiete der Taurineramisisse, in Taurinis, quae Gallis]. – Wenn die Erzählung hier ohne Unterbrechung zusammenhinge, so würde Livius schwerlich gleich wieder im Anfange des folgenden Cap. zu Taurinis den Zusatz machen; proximae genti, da er an unsrer Stelle eben gesagt hatte: in Taurinis, quae Gallis proxima gens erat. Allein nach Parenthesen pflegen die Lateiner, um wieder einzuleiten, ein par Worte des Vordersatzes, wenn auch etwas abgeändert, noch einmal zu setzen. Cic. Phil. II. 31. 2.: Quae cum illa legeret flens, – nun die Parenthese von 3 bis 4 Zeilen, und dann: cum mulier fleret uberius, homo misericors ferre non potuit, Plin. ep. V. 3, 5.: An ego verear (neminem viventium nominabo) sed ego verear, ne me caet.? Livius selbst XXXVIII. 55.: Ad hunc praetorem, adeo amicum Corneliae familiae, ut – es folgen 7 Zeilen Zwischensatz – – aut adeo inimicum, ut propter – es folgen wieder einige Zeilen – – caeterum ad hunc nimis aequum aut inimicum practorem reus extemplo factus L. Scipio. Mehrere Beispiele aus Cicero und Cäsar s. bei Drakenborch zu XXXXIIII. 40, 2., wo Drakenborch, was auch in unsrer Stelle der Fall ist, mit dem Beispiele aus V. Cap. 24. und 25. beweiset, daß Livius oft mehrere Punkte – – ich setze hinzu, oft ganze Reden (VIIII. Cap. 6. u. 7.) – – in Parenthesen einzuschließen pflegt. Zieht man nun die von Gronov, Drakenborch und Andern gerügten Ungereimtheiten in Erwägung, die dann entstehen, wenn man die Worte in Taurinis zu dem Vorhergehenden zieht; so wird man es mir vielleicht verzeihen, daß ich mit den Worten In Taurinis ein neues Punctum anfange, und so interpungire: In Taurinis, quae Gallis proxima gens erat, in Italiam degresso, (id quum inter omnes constet – bis ans Ende des Cap. – montani appellant.) peropportune ad principia rerum, Taurinis, proximae genti, adversus Insubres motum bellum erat. Man sehe noch B. XXII. 18, 8. 9. 10. agens cum magistro equitum, – – – haec nequicquam praemonito magistro equitum, Romam est profectus., des den Galliern nächsten Volks, nach Italien hinuntergegangen 462 war; (da hierüber Alle einverstanden sind, so wundert es mich so viel mehr, daß man darüber ungewiß ist, wo er über die Alpen gegangen sei, und daß man gewöhnlich glaubt, er sei über den Peninus gegangen, und dieseNach Gronovs Verbesserung: nomen ei iugo Alpium. Man vergl. XXXVIII. 57. am Ende. Höhe der Alpen habe davon den Namen bekommen. Cölius läßt ihn über die Höhe des Centro gehen: allein diese Pässe beide würden ihn nicht zu den Taurinern, sondern durch die Salasser des Gebirges in das Gallische Volk der Libuer herabgeführt haben. Auch ist es nicht wahrscheinlich, daß jene Wege nach Gallien damals schon offen waren: vorzüglich würde die Gegend, die zum Peninus führt, von Halbgermanischen Völkern versperrt gewesen sein. Und daß jenem Gebirge von einem Übergange der Pöner der Name beigelegt sei, wenn etwa jemand hierin einen Grund finden wollte; davon wissen die Veragrer, die Bewohner dieser Höhe, in der That nicht das Mindeste; sondern es bekam ihn von dem Gotte, den diesed ab eo]. – Ich folge der von Drakenborch und Leibnitz gebilligten Vermuthung Cupers: der für sed ab eo richtiger sed a deo lieset; um so viel sicherer, da sich in der Handschrift Lovel 5. die Lesart sed ad eo findet, und der von Sponius angeführte Stein, den man selbst auf dem großen St. Bernhardsberge gefunden hat, in seiner Inschrift den Deus Peninus nennt. Wenn Stroth glaubte, falls die Lesart a deo richtig sei, so würde Livius lieber geschrieben haben: a deo in summo vertice sacra to, Peninum etc., so muß ich gestehen, daß es mir im Gegentheile wahrscheinlicher ist, Livius habe eben der vielen Ablative wegen (a deo in summo vertice), und weil man sonst das sacrato hätte zu vertice ziehen können, die schönere Wendung in summo sacra tum vertice gewählt. Weil übrigens Drakenborch sagt: Deum illum ita vocari, quod incolae montium summitates pin vel pen vocare soliti sint, ut praeter Lipsium et Cluverum etiam docet Pontanus, so wird es mir wahrscheinlich, daß Livius, der selbst ein Oberitaliener war, und bei seinem Forschungsgeiste etwas von dieser Bedeutung des Worts Peninus gehört haben konnte, durch den Zwischensatz in summo vertice sacratum auf den Grund der Benennung hingedeutet habe, und übersetze deswegen: Weil er auf dem höchsten Gipfel u. s. w. Bergbewohner Peninus nennen, weil der auf dem höchsten Gipfel geheiligt steht.)

39. so hatten zum großen Vortheile für sein beginnendes Unternehmen die Tauriner, gerade dies erste Volk, an welches er kam, mit den InsubrenIhre Hauptstadt war Mailand. Krieg angefangen. 463 Doch konnte Hannibal sein Heer, welches jetzt, da es sich erholte, am meisten fühlte, wie viele Übel es sich vorhin zugezogen hatte, so wenig zur Hülfe des einen, als des andern Volks in die Waffen treten lassen. Die Ruhe nach der Beschwerde, der Überfluß nach dem Mangel, die Pflege nach der Unreinlichkeit und Nässe, wirkten auf die verschmutzten und fast verwilderten Körper auf mancherlei Art.

Dies bewog den Consul Publius Cornelius, mit dem Heere, das er, nach seiner Ankunft mit der Flotte zu Pisa, vom Manlius und Atilius übernommen hatte, war es gleich neugeworben und wegen der neulichen unrühmlichen VorfälleEs hatte gegen die Bojer wiederholten Verlust gehabt. Cap. 25. noch muthlos; an den Po zu eilen, um mit dem Feinde zu schlagen, ehe sich dieser erholt hatte. Allein als der Consul nach Placentia kam, war Hannibal aus seinem Standlager schon aufgebrochen, und hatte Eine Stadt der Tauriner, die Hauptstadt dieses Volks, weil sie sich nicht auf die von ihmQuia volentes in amicitiam]. – Drakenb. hält sich mit Recht an die Lesart der besten Handschriften, volen tis. In diesem volen tis liegt, was Drakenb. aus Polybius anführt, αυτοὺς εις φιλίαν προυκαλει̃το. Auch würde, dünkt mich, da in dem venire in amicitiam schon ein velle liegt, das von Crevier und Stroth aufgenommene volentes ziemlich überflüssig sein. gesuchte Freundschaft einließen, mit Sturm erobert: auch würden sich die am Po wohnenden Gallier nicht bloß aus Furcht, sondern selbst gutwillig an ihn angeschlossen haben, hätte sie nicht plötzlich die Ankunft des Consuls, als sie nur den rechten Zeitpunkt zum Abfalle erwarteten, überrascht. Und wirklich brach Hannibal aus dem Taurinischen auf, weil er hoffte, daß die Gallier in der Ungewißheit, auf welche Partei sie treten sollten, wenn er nur da wäre, auf seine Seite treten würden.

Schon standen die Heere einander fast im Gesichte, und Feldherren waren sich näher gerückt, welche beide, wenn gleich noch nicht ganz mit einander bekannt, doch schon von einer gegenseitigen Bewunderung durchdrungen waren. Denn Hannibal stand, auch bei den Römern, 464 schon vor der Zerstörung Sagunts in hohem Rufe; und daß Scipio ein vorzüglicher Mann sein müsse, urtheilte Hannibal selbst daraus, daß man diesen hauptsächlich gegen ihn ausgesucht habe. Und diese Hochachtung hatten Beide gegenseitig erhöhet; Scipio dadurch, daß er, der in Gallien Zurückgelassene, dem nach Italien herübergegangenen Hannibal jetzt gegenüber stand; Hannibal theils durch die kühne Unternehmung eines Überganges über die Alpen, theils durch die Bewerkstelligung. Doch setzte Scipio geschwinder über den Po; und als er mit seinem Lager bis an den Fluß Ticinus vorgerückt war, begann er, ehe er zur Schlacht auszog, um seine Soldaten zu ermuntern, folgende Rede.

40. «Soldaten! wenn ich jenes Heer in Linie ausrücken ließe, das ich in Gallien bei mir hatte, so wäre ich aller Anrede an euch überhoben. Denn wozu könnte es nützen, entweder jene Ritter zu ermuntern, die an der Rhone die feindliche Reuterei so ruhmvoll besiegt hatten, oder jenes Fußvolk, mit welchem ich als Verfolger gerade dieses fliehenden Feindes das Bekenntniß des Ausweichenden und dem Kampfe sich Entziehenden als einen Sieg genoß? Jetzt aber, da jene Legionen, für den Kriegsschauplatz in Spanien geworben, unter meiner Obwaltung mit meinem Bruder Cneus Scipio dort in Thätigkeit sind, wo sie es nach dem Willen des Römischen Senats und Volkes sein sollen; und ich mich selbst, um euch gegen den Hannibal und die Punier einen Consul zum Anführer zu geben, freiwillig diesem Kampfe gestellt habe, so wird der neue Feldherr seinem neuen Heere wenigstens einige Worte zu sagen haben.»

«Um euch die Art dieses Krieges und diesen Feind nicht verkennen zu lassen, muß ich euch sagen, Soldaten, ihr habt mit eben denen zu fechten, die ihr im vorigen Kriege zu Lande und zu Meere überwunden; von denen ihr seit zwanzig Jahren Steuren eingetrieben; von denen ihr Sicilien und Sardinien als Lohn des Sieges errungen habt. Folglich wird euch und ihnen im bevorstehenden Kampfe zu Muthe sein, wie Siegern und 465 Besiegten zu sein pflegt. Auch jetzt werden sie nicht fechten, weil sie Muth haben, sondern weil sie müssen; wenn ihr nicht etwa glauben wollt, daß Leute, die mit ihrem vollständigen Heere der Schlacht auswichen, nachdem sie beim Übergange über die Alpen zwei Drittel an Fußvolk und Reuterei verloren haben, – denn es sind ja beinahe mehr umgekommen, als noch am Leben – bessere Aussichten gewonnen hätten. Aber, sagt man, Wenige sind ihrer zwar, allein diese sind so munter an Geist und Körper, daß alle Tapferkeit ihrer Kraft und Stärke kaum widerstehen kann. Menschliche Gestalten, Schatten sind sie; ausgemergelt sind sie von Hunger, Kälte, Unreinlichkeit und Schmutz; an Felsen und Klippen zerstoßen und gelähmt. Außerdem sind ihnen Finger und Zehen verfroren, die Nerven vom Schnee steif, die Glieder vor Kälte erstarrt, ihre Waffen wackelig und zerbrochen, ihre Pferde lahm und elend. Mit solch einer Reuterei, und solch einem Fußvolke werdet ihr fechten; die letzten Überbleibsel der Feinde, nicht die Feinde, werdet ihr vor euch haben. Und ich fürchte nichts mehr, als daß, wenn ihr gefochten habt, schon die Alpen den Hannibal besiegt zu haben scheinen werden. Doch vielleicht wollte es die Schicklichkeit so, daß einem Kriege mit einem bundbrüchigen Feldherrn und Volke die Götter selbst, ohne alles menschliche Zuthun, den Anfang und den Ausschlag gaben, und wir, die wir nächst den Göttern die Beleidigten sind, nach diesem ihm gegebenen Anfange und Ausschlage ihn endigen mußten.»

41. «Ich fürchte nicht, daß jemand glauben werde, ich redete in diesem hohen Tone, um euch Muth zu machen, in der That aber sei mir dabei ganz anders ums Herz. Es stand mir ja frei, mit meinem Heere auf den mir angewiesenen Kriegsschauplatz, nach Spanien zu gehen, wohin ich schon abgegangen war, wo ich nicht nur an meinem Bruder einen Theilnehmer meiner Entwürfe und Begleiter in der Gefahr, sondern auch statt Hannibals lieber den Hasdrubal mir gegenüber gehabt hätte, und unstreitig einen weniger lastenden Krieg. Gleichwohl 466 landete ich, als ich mit meiner Flotte an Galliens Küsten vorbeisegelte, sobald ich von diesem Feinde hörte, sandte meine Reuterei voraus und rückte mit meinem Lager an die Rhone. Im Gefechte der Reuterei, des einzigen Theils meiner Truppen, mit welchem es mir dem Feinde beizukommen gelang, habe ich ihn geschlagen: weil ich den Zug seines Fußvolks, das mit einer fluchtähnlichen Schnelligkeit weiter getrieben wurde, zu Lande nicht erreichen konnte, so schiffte ich mich wieder ein und kam ihm, so schnell es mir bei einem solchen Umwege über Meer und Land möglich war, am Fuße der Alpen entgegen. Läßt es sich denken, daß ich diesem furchtbaren Feinde, ich, der Ausweichende, gegen alle Erwartung, aufgestoßen sein sollte? oder bin ich es nicht, der ihm auf seiner Spur entgegentritt, ihn auffordert und zum Schlagen zwingt? Ich wünschte doch zu erfahren, ob die Erde seit zwanzig Jahren auf Einmal andre Carthager hervorgebracht hat, oder ob sie noch dieselben sind, die bei den Ägatischen Inseln fochten und die ihr, den Mann zu achtzehn Denaren berechnend, von Eryx abziehen ließet: ob dieser Hannibal, wie er sich rühmt, in seinen Zügen es mit dem Hercules aufnimmt, oder ob ihn sein Vater als einen dem Römischen Volke zinsbaren und steuerpflichtigen Dienstmann hinterlassen hat. Jagte ihn nicht der an Sagunt verübte Frevel in der Welt herum, so würde er wahrlich, wenn auch nicht auf sein besiegtes Vaterland, wenigstens auf sein Haus und seinen Vater zurückblicken und auf die von Hamilcars Hand geschriebenen Verträge; eben des Hamilcar, der auf unsres Consuls Befehl die Besatzung von Eryx abführte, der sich die drückenden, den besiegten Carthagern auferlegten Bedingungen heulend und jammernd gefallen lassen mußte, der sich zur Räumung Siciliens, zu baren Zahlungen an das Römische Volk verstand.»

«Deswegen wünschte ich, Soldaten, daß ihr nicht bloß mit eurem gewöhnlichen Muthe, wie gegen andre Feinde, fechten möchtet, sondern mit einer Art von 467 Unwillen und Empörung, so wie, wenn ihr plötzlich eure Sklaven gegen euch in den Waffen stehen sähet. Wir konnten sie, die in Eryx Eingesperrten, durch die schmählichste Marter, die Menschen treffen kann, durch Hunger umkommen lassen: wir konnten unsre siegreiche Flotte nach Africa hinübergehen lassen und in wenig Tagen ohne Schwertschlag Carthago vertilgen. Wir verziehen den Bittenden; wir entließen sie aus der Belagerung, machten mit den Besiegten Frieden und sahen sie, als sie nachher im Africanischen Kriege bedrängt waren, als unsre Schützlinge an. Zur Dankbarkeit kommen sie, einen wüthenden Jüngling an ihrer Spitze, und fallen unser Vaterland an.»

«Und wollte Gott! diese Schlacht würde bloß für unsre Ehre, nicht für unsre Rettung gefochten. Nicht um den Besitz Siciliens und Sardiniens, worauf es ehemals ankam, sondern für Italien habt ihr zu kämpfen, und es steht kein andres Heer uns im Rücken, welches dem Feinde, wenn wir ihn nicht besiegen, entgegen träte; auch giebt es keine Alpen weiter, die sie zu übersteigen hätten, während wir neue Truppen zusammenbringen könnten. Hier müssen wir Stand halten, Soldaten, als stritten wir vor den Mauern Roms. Jeder denke sichs jetzt, daß er mit seinen Waffen nicht bloß seine Person, sondern seine Gattinn und zarten Kinder vertheidigt, und beschränke sich nicht bloß auf diese Sorge für sein Haus, sondern rufe sich den Gedanken immer wieder in die Seele zurück, daß auf unsern Arm jetzt die Augen des Römischen Senats und Volks gerichtet sind, und daß mit unserm Wirken und unsrer Tapferkeit das künftige Schicksal jener Stadt und der Römischen Oberherrschaft in Verhältniß stehen werde.»

42. So sprach auf Seiten der Römer der Consul. Hannibal, welcher glaubte, seine Soldaten, ehe er redete, durch Handlungen ermuntern zu müssen, ließ in der Mitte seines als Zuschauer einen Kreis schließenden Heeres gefangene Bergbewohner in Fesseln aufstellen, diesen dann Gallische Waffen vor die Füße werfen und sie durch einen 468 Dollmetscher befragen: «Ob jemand Lust habe, wenn man ihm die Fesseln abnähme, und ihm, falls er siegte, Waffen und Pferd geschenkt würden, zum Zweikampfe aufzutreten.» Als sie insgesamt Schwert und Kampf verlangten und die Lose zu diesem Zwecke gemischt waren, so wünschte Jeder unter denen zu sein, die das Schicksal zu diesem Kampfe beschiede. So wie eines Jeden Los heraussprang, griff er flink, unter den ihm Glück Wünschenden vor Freude hüpfend, und in Tanzsprüngen nach seiner Landessitte, mit Hastigkeit zu den Waffen. Und als sie nun fochten, da fühlten sich nicht nur ihre Mitgefangenen, sondern auch die Zuschauer allgemein so gestimmt, daß sie die eines so schönen Todes Sterbenden eben so glücklich priesen, als die Sieger.

43. Als er sie mit diesem Eindrucke, nachdem sie mehreren Paren zugesehen, entlassen hatte, soll er vor der nun erst berufenen Versammlung so geredet haben:

«Wenn ihr dieser Stimmung, die ihr vor dem Spiegel eines fremden Loses äußertet, auch in der Würdigung eures eignen Schicksals treu bleibt; Soldaten, so ist der Sieg schon unser: denn was ihr gesehen habt, war nicht ein bloßes Schauspiel, sondern, ich möchte sagen, die bildliche Darstellung eurer Lage. Und ich weiß nicht, ob nicht euch das Schicksal mit stärkeren Zwangsmitteln und dringenderer Noth umgeben hat, als eure Gefangenen. Zur Rechten und Linken sperren uns zwei Meere die Flucht, da wir selbst nicht einmal zu dieser Flucht ein einziges Schiff im Besitze haben. Vor uns haben wir den Po, und dieser Po ist ein größerer und reißenderer Strom, als die Rhone: an unsern Rücken schließen sich die Alpen, die ihr kaum bei voller Kraft und Munterkeit überstieget. Hier, Soldaten, wo ihr zuerst an den Feind kommt, müssen wir siegen oder sterben. Und dasselbe Schicksal, welches euch die Nothwendigkeit zu fechten auferlegt hat, hält euch als Siegern Belohnungen vor, die sich die Menschen von den unsterblichen Göttern selbst nicht ansehnlicher zu wünschen pflegen. Wollten wir durch unsre Tapferkeit bloß Sicilien und Sardinien 469 wieder erobern, die man unsern Vätern entriß, so würde dieser Preis dennoch ansehnlich genug sein. So aber wird Alles, was die Römer je in so vielen Triumphen errungen und zusammengetragen haben, samt den Besitzern euer sein. Auf! zu einem so überschwenglichen Lohne greift unter dem segnenden Beistande der Götter zu den Waffen! Lange genug seid ihr auf den wüsten Gebirgen Lusitaniens und Celtiberiens, wo ihr bloß auf Heerden Jagd machen konntet, für eure so vielen Beschwerden und Gefahren ohne allen Genuß geblieben: es ist Zeit, daß ihr einträglichere und bereichernde Dienstjahre habt, und von eurer Mühe einen ansehnlichen Lohn erntet, da ihr einen solchen Zug über so viele Gebirge und Ströme und durch so viele bewaffnete Völker zurück gelegt habt. Hier hat euch das Schicksal das Ziel eurer Arbeiten beschieden; hier wird es euch die überstandnen Dienstjahre würdig vergelten.»

«Auch müsset ihr nicht glauben, daß der Sieg so schwer sei, als der große Name dieses Krieges erwarten läßt. Oft hielt ein verachteter Feind einem blutigen Kampfe Stand, und berühmte Völker und Könige wurden durch einen sehr geringen Kraftaufwand besiegt. Rechnet ihr diesen einzigen Glanz des Römischen Namens ab, was wäre dann noch, warum sie mit euch verglichen werden könnten? Ohne eurer zwanzig Jahre im Dienste, begleitet von einer solchen Tapferkeit, von einem solchen Glücke, zu erwähnen, seid ihr doch von Hercules Säulen, vom Oceane und den äußersten Gränzen der Erde, durch so viele, so trotzige Völker Spaniens und Galliens, siegend hieher gekommen. Fechten werdet ihr mit einem Heere von Neulingen, das noch in diesem Sommer von Galliern sich schlagen ließ, besiegt und eingeschlossen wurde; das seinem Feldherrn noch unbekannt ist, und den Feldherrn nicht kennt. Oder soll ich mich, der ich im Hauptzelte meines Vaters, eines so berühmten Feldherrn, ich möchte sagen, geboren, wenigstens doch erzogen bin, den Bezwinger Spaniens und Galliens, und eben so den Sieger nicht bloß der Alpenvölker, sondern, 470 was ungleich mehr ist, der Alpen selbst, mit diesem halbjährigen Anführer vergleichen, der seinem Heere entlief? Wenn ihm, noch heute, jemand die Punier und Römer ohne Fahnen vorführte, so bin ich überzeugt, er würde nicht wissen, bei welchem von beiden Heeren er Consul sei. Das ist in meinen Augen keine Kleinigkeit, ihr Soldaten, daß unter euch nicht Einer ist, vor dessen Augen ich nicht oft eine Kriegerthat vollbracht hätte, und dem ich nicht eben so, als Zuschauer und Zeuge seiner Tapferkeit, mit Bemerkung der Zeit und des Orts seine Ehrenthaten aufzählen könnte. Mit euch, die ihr unzähligemal von mir belobt und beschenkt wurdet, will ich, eurer Aller Zögling früher, als Feldherr, zur Schlachtreihe gegen Leute auftreten, die ihren Mitsoldaten eben so unbekannt, als diese ihnen fremd sind.»

44. «Wo ich meine Blicke umhergehen lasse, sehe ich Alles voll Muth und Kraft; ein Fußvolk aus Altkriegern; eins Reuterei, mit und ohne Zügel, aus den edelsten Völkern; euch Bundesgenossen, eben so treu als tapfer; in euch Carthagern die Männer, die nicht bloß um ihres Vaterlandes willen, sondern auch aus einer höchst gerechten Erbitterung kämpfen werden. Den Krieg eröffnen wir, und als die Angreifenden steigen wir nach Italien hinab, auf Kühnheit und Tapferkeit im Gefechte so viel mehr gefaßt, je mehr der Angreifende an Hoffnung und Muth vor dem sich Vertheidigenden gewöhnlich voraus hat. Außerdem befeuern und spornen unsern Muth Schmerz, Kränkung und Unwille. Ausgeliefert wollten sie uns haben, zur Todesstrafe; zuerst mich, den Feldherrn, dann euch Alle, die ihr Sagunt belagert hättet; und die Ausgelieferten würden sie mit den schmählichsten Martern belegt haben. Dies grausamste und übermüthigste Volk will allenthalben besitzen, allenthalben entscheiden. Mit wem wir Krieg, mit wem wir Frieden haben sollen, dies zu bestimmen, gebührt nach seiner Meinung ihm; es engt und schließt uns in Gränzen von Gebirgen und Flüssen ein, die wir ja nicht überschreiten sollen; und doch läßt es die Gränzen, die es setzte, selbst 471 nicht geltenUm das Gespräch zwischen den Römern und Hannibal so viel besser anzudeuten, setze ich die Buchstaben R. und H. voran.. R. Daß du nicht über den Ebro gehst! daß du dich nicht an den Saguntinern vergreifst! «H. Sagunt liegt noch am Ebro. R. Du sollst dich überhaupt nicht vom Flecke bewegen! H. Ist es nicht genug, daß du mir meine uralten Provinzen Sicilien und Sardinien nimmst? nun nimmst du auch Spanien? und räume ich dies, so wirst du nach Africa hinübergehen. Wirst, sage ich, noch hinübergehen? Schon haben sie die beiden Consuln dieses Jahrs, den Einen nach Africa, den Andern nach Spanien gehen lassen. Nirgendwo bleibt uns das Mindeste übrig, außer was wir mit den Waffen behaupten. Sie mögen die Feigen und Muthlosen sein, da sie zurückblicken können, da sie ihr eigner Boden, ihr Vaterland von der Flucht über sichere und friedliche Wege in Empfang nehmen wird: euch gebietet die Noth Helden, zu sein, und da ihr zwischen Sieg oder Tod nichts als den Abgrund in offenbarer Verzweiflung vor euch seht, entweder zu siegen, oder, sollte das Glück Anstand nehmen, lieber in der Schlacht, als auf der Flucht, den Tod willkommen zu heißen. Ist dies eure feste Überzeugung und Vorsatz, so sage ich noch einmal: Ihr habt schon gesiegt. Ein wirksameres Hülfsmittel zum Siege, als die Verachtung des Lebens, haben die unsterblichen Götter dem Menschen nicht gegebenNullum momentum ad vincendum cet. Drakenb.]. – Man sehe bei Drakenborch die mancherlei Versuche der Herausgeber, diese verunglückte Stelle zu berichtigen. Valla schlug vor: Nullum incitamentum ad vincendum. J. Fr. Gronov: Nullum momentnm ad vinc. Jak. Gronov: Nullum contemtu sui ad vinc; oder auch: Nullum eo telum ad vinc. Der letztern Lesart folgte Stroth, ob er gleich selbst lieber: Nullum contemtu mortis telum ad vinc. lesen möchte. Von dem Worte telum findet sich, wie J. Fr. Gronov meinte, in den Msc. auch nicht eine Spur, daher es Jak. Gronov und Stroth voran (nullum eo telum ad vinc.), die meisten Editoren aber ans Ende stellen, wenn sie so lesen: a diis immortalibus acrius telum datum est. Die Vorschläge der früheren Herausgeber sind meistens mit wichtigen Gründen von den späteren widerlegt. Da sich indeß Drakenborch und Stroth gegen Jak. Gronovs vorgeschlagene Lesart: Nullum eo telum nicht abgeneigt erklären, so glaube ich, sie thun dies nur aus einem Nothbehelfe: denn es geht kein Substantivum voran, worauf sich dies eo beziehen könnte; und den ganzen vorhergehenden Satz: Si hoc bene fixum omnibus destinatumque in animo est, oder das noch entferntere mortem obpetere zu dem Subjecte zu machen, das mit diesem eo in Beziehung stünde, scheint mir zu gesucht; und wenn ich es auch so erklären wollte: nullum telum hoc telo acrius datum est, so läßt sich noch fragen, worauf das hoc telo bezogen werden soll. Ich wage den Versuch, aus der ältesten Lesart mehrerer Palatinischen Handschriften, die uns Gebhard aufbehalten hat, mit denen noch andre bei Drakenb. übereinstimmen, den Text wieder herzustellen. Diese lesen so: Nullum contemtu ad vincemtum homi nem a diis imm. acrius datum est. Daß m und ui oft mit einander verwechselt werden, zeigt J. Gronov selbst in unsrer Stelle. Und daß bei contemtu ein Substantiv im Genitive weggelassen sei, ist so auffallend, daß Stroth deswegen auf die Lesart nullum contemtu mortis, Gronov auf contemtu sui verfiel: Gebhard aber sagt geradezu in der Erklärung unsrer Stelle: Dicit Hannibal, contemtu vitae ac desperatione nihil efficacius esse ad acquirendam victoriam. Dies vitae fiel zwischen nullum und contemtu aus, es mag nun uitae oder uite geschrieben gewesen sein, weil es, mit dem um in nullum und dem c in contemtu zusammengelesen, gleich viel Hauptstriche hat, so daß seine ersten Buchstaben uit von dem u und den beiden ersten Strichen des m in nullum, und das æ von dem letzten Striche des m und dem ersten Buchstaben in contemtu verschlungen wurden. Das Wort hominem aber zeigt uns die Spur, wo eigentlich das Wort telum stand. Statt homi telu (welches homini telum heißen sollte) las der Abschreiber homitem, und weil er sein homo besser decliniren zu können glaubte, hominem. Ich würde also die ganze Stelle so ordnen: Nullum vitae contemtu ad vincendum homini telum ab diis immortalibus acrius datum est. Es stände dann zwischen homini und ab diis imm. nur das einzige Wort telum, in derselben Ordnung, wie oben Cap. 43, 5. quibus ampliora homines ne ab diis quidem immortalibus optare solent..

472 45. Als auf beiden Seiten der Muth der Soldaten durch diese Ermunterungen zum Kampfe angefeuert war, schlugen die Römer eine Brücke über den Ticinus, und warfen zur Behauptung der Brücke eine Schanze daneben auf. Während den Feind diese Arbeit beschäftigte, schickte der Punische Fehlherr den Maharbal mit dem einen Flügel der Numider von fünfhundert Mann Reuterei, das Gebiet der Römischen Bundesgenossen zu verheeren. Er hieß sie der Gallier so viel als möglich schonen, und die Vornehmeren zum Abfalle auffordern. Als die Brücke fertig war, setzte sich das ins Gebiet der Insubren hinübergeführte Heer fünftausend Schritte von Victumuli. Hier hatte Hannibal sein Lager, und da er bei dem offenbar herannahenden Kampfe den Maharbal und die Reuterei eilends zurückgerufen hatte, verhieß er seinen Soldaten in der Überzeugung, daß um sie zu ermuntern nie genug gesagt und vorerinnert werden könne, vor einer berufenen Versammlung sichere Belohnungen, die sie von diesem 473 Kampfe zu hoffen haben sollten. «Er wolle ihnen Ländereien geben, in Italien, Africa, Spanien, wo sie sich Jeder wünschen möchte, und zwar abgabenfrei für den Empfänger und seine Kinder. Wer lieber Barschaft haben wollte, als Land, den werde er mit Geld befriedigen. Wer von den Bundsgenossen Carthagischer Bürger werden wolle, dem werde er dazu verhelfen. Sollten Andre lieber nach Haus zurückgehen wollen, so werde er dafür sorgen, daß sie mit keinem ihrer Landsleute in Ansehung ihrer Glücksumstände sollten tauschen wollen.» Auch den Sklaven, die ihren Herren gefolgt waren, versprach er die Freiheit, und den Herren für jeden von ihnen zwei Leibeigene. Und damit sie sich hierauf verlassen könnten, rief er, in der linken Hand ein Lamm, in der Rechten einen Kiesel haltend, den Jupiter und die übrigen Götter auf, ihn selbst eben so zu erschlagen, wie er jetzt dies Lamm erschlüge, und zerschmetterte nach dieser Anrufung mit dem Steine des Thieres Haupt. Da verlangten sie Alle, gleich als hätten sich Jedem die Götter selbst zu Bürgen seiner Hoffnung gegeben, überzeugt, daß bloß der Umstand, daß sie noch nicht föchten, die Erfüllung ihrer Hoffnungen verspäte, einmüthig und einstimmig die Schlacht.

46. Bei den Römern herrschte keinesweges eine solche Munterkeit, da sie noch dazu jetzt eben durch ungünstige Vorzeichen geschreckt waren. Denn es war nicht allein ein Wolf in das Lager gelaufen, und nachdem er Alle, die ihm aufstießen, zerrissen hatte, selbst unbeschädigt entkommen, sondern es hatte sich auch auf einem Baume, der nahe am Feldherrnzelte stand, ein Bienenschwarm niedergelassen. Scipio, der nach Beseitigung dieser Zeichen mit der Reuterei und leichten Wurfschützen ausgerückt war, um das feindliche Lager und dieIch lese mit Gronov und Crevier: profectus, ad castra hostium ex propinquo copiasque, quantae u. s. w. Auch Stroth tritt der Lesart ex propinquo, die sich wirklich in Handschriften findet, bei, lässet aber das que (das doch wegen des gleich folgenden qu in quantae so leicht ausfallen konnte) ganz weg, und eben dadurch den Satz ohne Verbindung. Stärke und Beschaffenheit der Truppen in der Nähe zu beobachten, stieß auf 474 den Hannibal, der ebenfalls mit Reuterei ausgezogen war, sich mit der Gegend bekannt zu machen. Beide blieben sich anfangs einander unentdeckt: bald aber wurde der vom Marsche so vieler Menschen und Pferde sich erhebende dicke Staub das Zeichen von der Annäherung der Feinde. Beide Züge machten Halt und schickten sich zum Treffen an. Scipio stellte die Wurfschützen und die Gallischen Reuter voran, die Römer und den Kern der Bundestruppen in den Rückhalt. Hannibal nahm die Reuterei mit Zügeln in die Mitte; seine Flügel sicherte er durch die Numider.

Kaum war das Schlachtgeschrei erhoben, so flüchteten die Wurfschützen auf ihren Rückhalt. Nun war das Gefecht in der zweiten Linie.Inter subsidia ad secundam aciem]. – Einige Kritiker sehen die Worte ad subsidia, andre die ad secundam aciem für Einschiebsel der Glossatoren an; und Eins von beiden müßte man auch ausfallen lassen, wenn man das Punctum oder Kolon vor dem Worte inde beibehalten wollte. Ich glaube, die Stelle muß nur richtig interpungirt werden, nämlich so: iaculatores fugerunt inter subsidia. Ad secundam aciem inde equitum certamen erat, aliquamdiu anceps. Und nach dieser Abtheilung habe ich übersetzt. Die Worte ad secundam aciem verbinde ich nicht mit equitum, sondern erkläre mir den Zusammenhang so: ad secundam deinde aciem certamen, quod antea equites (Poeni frenati) et pedites (iaculatores Romani) miscuerant, ad solos equites transierat, iam equitum solum erat, et ibi quidem aliquamdiu anceps. Ich gebe den Worten ad secundam aciem den Sinn: in secunda acie, wie ad urbem esse so oft nichts anders heißt, als in urbe; ad hostes esse nichts weiter, als apud hostes. Man sehe außer Ernesti Glossar. Liv. die von Drakenb. zu VII. 7, 4. gehäufte Menge vom Beispielen aus Livius selbst und Cicero, und die angeführten Stellen, wo er noch auf mehrere verweiset. die Sache der Reuterei, und eine Zeitlang unentschieden. Dann aber focht man, da so viele von den Pferden fielen, weil das eingedrungene Fußvolk die Pferde scheu machte, oder auch, wenn sie die umzingelten Ihrigen in Noth sahen, von den Pferden herabsprangen, großentheils schon zu Fuß; bis endlich die Numider, die auf den Flügeln standen, nach einer kleinen Abbeugung sich im Rücken zeigten. Hier geriethen die Römer in Bestürzung; und diese vermehrte sich noch durch die Wunde des Consuls und seine Gefahr, die aber durch die Dazwischenkunft seines Sohnes, eines damals noch reifenden Jünglings, abgewandt wurde. Dieser junge Mann wird in der Folge derselbe sein, dem die Ehre zu 475 Theile wird, diesen Krieg geendet zu haben, und der wegen seines ausgezeichneten Sieges über Hannibal und die Punier der Africaner genannt wurde.

Indeß die in voller Flucht Fortstürzenden waren hauptsächlich die Wurfschützen, die von den Numidern als erstes Glied angegriffen waren. Die übrige Reuterei brachte in geschlossener Ordnung ihren in die Mitte genommenen Consul, nicht bloß mit ihren Waffen, sondern auch mit ihren Körpern ihn schützend, ins Lager zurück, ohne irgendwo in Unordnung oder aus einander gesprengt zu weichen. Die Ehre, den Consul gerettet zu haben, theilet Cölius einem Sklaven zu, einem gebornen Ligurier. Ich möchte lieber, daß die Wahrheit sie dem Sohne zuspräche, was sich auch theils bei den meisten Geschichtschreibern findet, theils in der allgemeinen Sage erhalten hat.

47. Dies war das erste Treffen mit Hannibal, aus welchem sich beides leicht ergab, daß die Punier an Reuterei überlegen, und daß eben darum die offenen Ebenen, wie es sie zwischen dem Po und den Alpen giebt, den Römern zur Führung des Krieges nicht angemessen wären. Also ließ Scipio in der nächsten Nacht seine Truppen, die ihre Sachen ohne Aufruf zusammenpacken mußten, das Lager am Ticinus abbrechen, und eilte zum Po, um sie vermittelst der noch stehenden Schiffbrücke, die er über den Fluß geschlagen hatte, ohne alle Unordnung und Verfolgung vom Feinde, überzusetzen. Sie kamen auch früher nach Placentia, als Hannibal mit Sicherheit wußte, daß sie vom Ticinus aufgebrochen wären; doch machte er noch am diesseitigen Ufer an sechshundert Säumige, welche die Schiffbrücke nicht schnell genug abbrachen, zu Gefangenen. Selbst über diese zu gehen gelang ihm nicht, weil die ganze Schiffbrücke, sobald das Ende abgelöset war, in den treibenden Strom hinabsank. Cölius berichtet, Mago sei mit der Reuterei und dem Spanischen Fußvolke sogleich durch den Fluß geschwommen; Hannibal selbst habe weiter aufwärts an seichten Stellen des Po sein Heer, vor welchem er, um die Gewalt des Stromes zu brechen, die 476 Elephanten in Reihen aufgepflanzt habe, durchgeführt. Dies läßt sich, wenn man den Strom kennt, kaum glauben. Denn einmal ist es nicht wahrscheinlich, daß sich die Reuterei, ohne ihre Waffen und Pferde preiszugeben, durch einen so reißenden Strom habe durcharbeiten können, selbst wenn aufgeblasene Schlauche die sämtlichen Spanier hinübergetragen hätten: und dann hätte man die Untiefen des Po, wo ein Heer mit schwerem Gepäcke hätte durchgehen sollen, durch einen Umweg von vielen Tagesmärschen suchen müssen. Ich pflichte lieber den Angaben bei, daß die Punier zu einer Schiffbrücke über den Strom kaum in zwei Tagen eine Stelle fanden, und über diese die leichte Spanische Reuterei mit dem Mago voraufgehen ließen. Indeß Hannibal, den die Anhörung Gallischer Gesandschaften in der Nähe des Flusses verweilte, sein schweres Fußvolk übersetzen ließ, gelangte die mit dem Mago über den Strom gegangene Reuterei in Einem Tagesmarsche nach Placentia an den Feind. Wenig Tage nachher legte Hannibal sechstausend Schritte von Placentia ein Lager an, und zeigte sich den Tag darauf den Feinden, vor deren Augen er seine Schlachtordnung aufstellte, zum Treffen bereit.

48. In der folgenden Nacht veranlasseten im Römischen Lager die Gallischen Hülfstruppen ein Gemetzel, das aber mehr lärmend, als der Sache nach wichtig war. An zweitausend Mann Fußvolk und zweihundert Reuter hieben an den Thoren die Wachen nieder und gingen zum Hannibal über, der sie, nach einer freundlichen Anrede unter Verheißung ansehnlicher Geschenke, Jeden in seine Vaterstadt entließ, wo sie ihre Landsleute aufwiegeln sollten.

Scipio, der in diesem Gemetzel das Zeichen zum Abfalle der sämtlichen Gallier zu sehen glaubte, und daß sie durch diesen Frevel, an dem sie Alle Theil nähmen, gleichsam von Wuth befallen, zu den Waffen greifen würden, brach in der folgenden Nacht um die vierte Wache, so schwer er seiner Wunde wegen weiter zu bringen war, in aller Stille nach dem Flusse Trebiä auf, und zog in eine 477 höhere Gegend und auf Hügel, die der Reuterei den Angriff schwerer machten. Diesmal aber entkam er nicht so unbemerkt, als am Ticinus; und Hannibal würde durch seine vorausgeschickten Numider, und dann durch seine ganze Reuterei vorzüglich den Nachtrab übel zusammengeworfen haben, hätte nicht die Numider ihre Gier nach Beute seitwärts auf das ledige Römische Lager abgeleitet. Während sie hier mit Durchsuchung jedes Winkels im Lager, ohne allen diese Verspätung aufwiegenden Lohn, die Zeit hinbrachten, verloren sie den Feind aus den Händen, und tödteten, als sie schon sahen, daß die Römer über den Trebia gegangen waren und ein Lager absteckten, nur einige Verspätete, welche sie diesseit des Flusses umzingelten.

Scipio, dem die längere Beunruhigung seiner Wunde auf einem stoßenden Wege unerträglich wurde, und der auch seinen Amtsgenossen erwarten zu müssen glaubte – auch hatte er ja die Zurückberufung desselben aus Sicilien schon erfahren – verschanzte sich auf einem ausgesuchten Platze, der ihm in der Nähe des Flusses zu einem Standlager am sichersten schien. Und Hannibal, nachdem er sich in der Nähe gelagert hatte; nicht stolzer auf seinen Sieg mit der Reuterei, als in Unruhe über den Mangel, der ihm auf dem Marsche durch Feindesland, ohne alle zur Versorgung getroffene Vorkehr, mit jedem Tage drückender bevorstand; schickte ein Kohr auf Clastidium, einen Flecken, wo die Römer eine große Menge Getreides zusammengefahren hatten. Hier wurde den Puniern, als sie Sturm laufen wollten, Hoffnung zum Verrathe gemacht, und für einen geringen Preis, für vierhundert GoldstückeDie Römer hatten damals noch kein geprägtes Gold, wohl aber das durch Handel reiche Carthago. In der Berechnung giebt man dem späteren Römischen Goldstücke ungefähr den Werth von 3½ Thaler: dies betrüge hier 1400 Thaler. Crevier aber nimmt Attische Didrachmen an, das Stück zu 6 Thlr. Dies gäbe 2400 Thlr. In beiden Fällen bleibt es eine unbedeutende Summe für ein Magazin, von dem ein ganzes Heer einige Wochen lang lebt., womit sich der Befehlshaber der Besatzung, Dasius, ein Brundusiner, bestechen ließ, wurde dem Hannibal Clastidium übergeben. Dies war die Kornkammer der Punier, so lange sie am Trebia lagen. Die Gefangenen von der übergebenen Besatzung behandelte man, weil man sich anfangs in den Ruf der Gelindigkeit setzen wollte, gar nicht mit Härte.

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