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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 52
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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25. Nun liefen fast alle Dienstfähigen bei dem 359 Consul zusammen, und Jeder wollte sich annehmen lassen: so groß war die Begierde, unter diesem Feldherrn Dienste zu thun. Umströmt von diesem Schwarme begann er: «Ich bin gesonnen, nur viertausend Mann zu Fuß und sechshundert zu Pferde anzunehmen. Die sich von euch heute und morgen bei mir melden, sollen mit mir ziehen. Es liegt mir mehr daran, Alle bereichert wiederzubringen, als den Krieg mit vielen Truppen zu führen.»

Nach seinem Aufbruche mit diesem angemessenen Heere, das so viel mehr Vertrauen und Hoffnung hegte, je weniger man seine Größe nöthig gefunden hatte, nahm er seinen Weg gegen die Stadt Aharna, in deren Nähe die Feinde standen, zum Lager des Prätors Appius. Wenige tausend Schritte diesseits begegneten ihm die Holzholer unter einer Bedeckung. Als diese die Gerichtsdiener voraufgehen sahen, und die Ankunft des Consuls Fabius hörten, bezeigten sie unter Freude und Jubel den Göttern und dem Römischen Volke für die Sendung dieses Feldherrn ihren Dank. Als sie den Consul von allen Seiten begrüßten, fragte Fabius: «Wohin sie jetzt gingen.» Und auf ihre Antwort: «Sie gingen, Holz zu holen» erwiederte er: «Was sagt ihr da? habt ihr kein umpfähltes Lager?» Als sie ihm entgegenriefen: «Sogar mit einem doppelten Pfahlwerke, und mit einem Graben: und dennoch sind wir in großer Angst;» sprach er: «So habt ihr ja Holz in Menge. Kehret wieder um und reißet das Pfahlwerk nieder.» Sie kehrten zurück ins Lager und setzten hier durch Niederreißung des Walls die im Lager gebliebenen Soldaten und den Appius selbst in Bestürzung. Dann sagte für sich Einer dem Andern, sie thäten es auf Befehl des Consuls Quintus Fabius.

Am folgenden Tage brach er von hier mit dem Lager auf, entließ den Prätor Appius nach Rom, und seitdem hatten seine Römer nirgendwo ein stehendes Lager. Er sagte, es sei nicht gut, daß ein Heer an Einem Orte still liege: durch Märsche und Ortsveränderungen werde es so viel regsamer und gesunder. Ihre Märsche waren so stark, als der noch nicht abgelaufene Winter es gestattete. Gleich 360 im Anfange des Frühjahrs ging er selbst mit Zurücklassung der zweiten Legion bei Clusium, welches damals den Zunamen das Camertische hatte, und des Lucius Scipio, den er an Prätors Statt über das Lager setzte, nach Rom zurück, um über den Krieg Rücksprache mit dem Senate zu nehmen; sei es nun aus eigener Bewegung, weil sich ihm jetzt der Krieg in einer bedeutendern Größe zeigte, als er ihm auf das bloße Gerücht zugetrauet hatte; oder durch einen Senatsschluß zurückgerufen: denn ich finde beides angegeben. Nach Einigen fällt der Schein, seine Abrufung bewirkt zu haben, auf den Prätor Appius Claudius, insofern dieser im Senate und vor dem Volke, wie er das schon immer durch seine Briefe gethan hatte, die Gefahr des Hetruskischen Krieges durch die Behauptung vergrößerte: «Ein Feldherr und Ein Heer werde gegen vier Völker nicht hinlänglich sein. Möchten diese entweder in Vereinigung dem Einen zusetzen, oder den Krieg getheilt führen, so sei doch immer zu fürchten, daß der Eine nicht Alles zugleich bereichen könne. Er habe dort nur zwei Römische Legionen zurückgelassen, und an Fußvolk und Reuterei seien nicht volle fünftausend Mann mit dem Fabius nachgekommen. Seiner Meinung nach müsse der Consul Publius Decius je eher je lieber zu seinem Amtsgenossen nach Hetrurien abgehen, und der Krieg in Samnium dem Lucius Volumnius übertragen werden. Wolle aber der Consul lieber in die ihm bestimmte Provinz gehen, so müsse Volumnius dem Consul in Hetrurien ein vollständiges consularisches Heer zuführen.» Da diese Rede des Prätors auf einen großen Theil Eindruck machte, so soll Publius Decius gerathen haben, die ganze Sache so lange unentschieden zu lassen und dem Quintus Fabius nicht vorzugreifen, bis er entweder selbst, sobald es sich mit dem Besten des States vereinigen lasse, nach Rom käme, oder einen seiner Unterfeldherren schickte, der dem Senate darüber Auskunft gäbe, von welchem Umfange der Krieg in Hetrurien sei, und welch eine Truppenzahl und wie viele Feldherren er erfordere.

361 26. Als Fabius nach Rom kam, hielt er sowohl im Senate, als da er vor dem Volke erschien, eine so gemäßigte Rede, daß man wohl sah, er vergrößere den Ruf des Krieges eben sowenig, als er ihn verkleinere, und sei bei seiner Bereitwilligkeit, sich einen zweiten Feldherrn neben sich gefallen zu lassen, mehr gegen die Besorgniß anderer der Nachsichtige, als wegen Abwendung seiner eigenen oder der öffentlichen Gefahr in Sorgen. «Wollten sie ihm indeß einen Gehülfen im Kriege, einen Mitfeldherrn, zugeben, wie er dann des Consuls Publius Decius vergessen könne, den er in so vielen gemeinschaftlichen Amtsführungen bewährt gefunden habe? Keinen Andern wünsche er mit sich lieber in Verbindung zu sehen. Stehe ihm Publius Decius zur Seite, dann habe er Truppen genug und nie der Feinde zu viel. Sollte aber seinem Amtsgenossen eine andre Anstellung lieber sein, ja dann möchten sie ihm zum Gehülfen den Lucius Volumnius geben.»

Volk und Senat, und eben so der Mitconsul, überließen Alles dem Gutbefinden des Fabius; und da sich Publius Decius zu Beidem bereit erklärte, nach Samnium, oder nach Hetrurien zu gehen, so wurde die Freude und das Frohlocken so groß, daß man zum Voraus in Gedanken den Sieg feierte, und den Consuln schon den Triumph, nicht erst die Führung des Kriegs zuerkannt zu haben glaubte. Einige Geschichtschreiber lassen, wie ich sehe, den Fabius und Decius gleich nach dem Antritte ihres Consulats nach Hetrurien abgehen, ohne im mindesten zu erwähnen, daß die Amtsgenossen, wie ich erzählt habe, über ihre Bestimmung geloset und sich gestritten hätten. Andre hingegen lassen sich an der Darstellung dieser Streitigkeiten noch nicht begnügen. Sie machen noch eine Zugabe mit allerlei Beschuldigungen, welche Appius gegen den abwesenden Fabius an das Volk gebracht haben soll; mit einer hartnäckigen Widersetzlichkeit des Prätors gegen den anwesenden Consul, mit noch einem andern Streite der beiden Amtsgenossen, da Decius es habe durchsetzen wollen, daß jeder die ihm durch das 362 Los beschiedene Bestimmung behalten solle. Erst von dem Zeitpunkte an, wo die beiden Consuln zu Felde gehen, ist wieder Einheit in der Erzählung.

Ehe aber die Consuln in Hetrurien eintrafen, kamen die Senonischen Gallier mit einem ungeheuern Schwarme bei Clusium an, um dort die Römische Legion und das Lager anzugreifen. Scipio, der hier den Oberbefehl hatte, zog seine Linie, um seiner geringen Truppenzahl durch die Stellung zu Hülfe zu kommen, an einem Hügel bergan, der zwischen der Stadt und dem Lager stand. Allein da er in der Überraschung den Weg nicht gehörig ausgekundschaftet hatte, so führte ihn dieser gerade auf die Anhöhe, welche der Feind, der sie von einer andern Seite erstieg, schon besetzt hatte. So wurde die Legion im Rücken angegriffen, und da der Feind von allen Seiten einbrach, in die Mitte genommen. Einige melden auch, sie sei hier so aufgerieben, daß nicht einmal ein Bote ihres Unglücks übrig blieb, und die Consuln, die schon nicht weit mehr von Clusium waren, hätten die Nachricht davon nicht eher erhalten, bis sie die Gallischen Reuter vor Augen gehabt hätten, welche die Köpfe der Erschlagenen den Pferden vor die Brust gehängt oder auf Lanzen gesteckt hatten, und in Gesängen nach ihrer Art frohlockten. Nach Andern sollen dies Umbrier, und keine Gallier, auch die Niederlage nicht so groß gewesen sein: und der Proprätor Scipio soll den, mit dem Legaten Lucius Manlius Torquatus auf Futterholung ausgegangenen, umringten Truppen aus dem Lager Hülfe gebracht, die siegenden Umbrier im erneuerten Gefechte geschlagen und ihnen Gefangene und Beute wieder abgenommen haben. Es ist wahrscheinlicher, daß diese Niederlage ein Werk der Gallier, nicht der Umbrier war, weil der Ansturz der Gallier, wie freilich schon oft, vorzüglich doch in diesem Jahre, Rom in Schrecken setzte. Deswegen wurden auch, außerdem daß beide Consuln mit vier Legionen und einer großen Römischen Reuterei, ferner mit tausend Mann auserlesener Ritter, welche Capua zu diesem Kriege stellte, und mit einem Heere von Bundsgenossen und Latinern zu diesem 363 Kriege auszogen, welches noch größer, als das Römische, war; noch zwei andre Heere in der Nähe der Stadt gegen Hetrurien aufgestellt, eins im Falisker, das andre im Vaticanischen Felde. Cneus Fulvius und Lucius Postumius Megellus wurden beide befehligt, als Proprätoren, in diesen Gegenden ihren Stand zu nehmen.

27. Nachdem die Consuln über den Apenninus gegangen waren, gelangten sie im Gebiete von Sentinum an den Feind. Hier schlugen sie in einer Entfernung von beinahe viertausend Schritten ihr Lager auf. Nun hielten die Feinde Berathschlagungen und kamen dahin überein, nicht alle in Ein Lager sich zusammenzuthun, auch sich nicht zugleich auf eine Schlacht einzulassen. Den Samniten wurden die Gallier, den Hetruskern die Umbrier zugegeben; der Tag zur Schlacht bestimmt; die Schlacht selbst den Samniten und Galliern übertragen, und während des Kampfes sollten die Hetrusker und Umbrier das Römische Lager angreifen. Diese Anschläge vereitelten drei Clusinische Überläufer, welche heimlich in der Nacht zum Consul Fabius übergingen, und nach gegebener Auskunft über die Entwürfe der Feinde mit Geschenken entlassen wurden, um von Zeit zu Zeit jeden neuen Entschluß, so wie sie ihn in Erfahrung brächten, ihm zu hinterbringen. Die Consuln schrieben dem Fulvius und Postumius, sie möchten beide, jener aus dem Faliskischen, dieser aus dem Vaticanischen, gegen Clusium vorrücken und das feindliche Gebiet, so arg sie könnten, verheeren. Der Ruf von dieser Verheerung setzte die Hetrusker zum Schutze ihres Landes aus dem Sentinatischen in Marsch. Nun eilten die Consuln, in Abwesenheit jener es zur Schlacht zu bringen. Zwei Tage nach einander forderten sie den Feind durch Gefechte auf: an beiden Tagen geschah nichts Erhebliches. Wenige fielen auf beiden Seiten, und eigentlich wurde der Muth nur zu einer förmlichen Schlacht gereizt, ohne eine Entscheidung des Ganzen zu bewirken. Am dritten Tage rückte man mit allen Truppen in die Ebene. Als die Heere in Schlachtordnung standen, lief eine vom Wolfe verfolgte Hirschkuh, auf ihrer Flucht 364 aus dem Gebirge, über die Felder zwischen beide Heere hinab. Nun wandten die Thiere ihren Lauf, in entgegengesetzter Richtung, die Hindinn zu den Galliern ein, der Wolf gegen die Römer. Dem Wolfe gab man zwischen den Gliedern offenen Weg: die Hindinn schossen die Gallier nieder. Da rief ein Römischer Soldat im Vordertreffen: «Dorthin ziehen sich Flucht und Tod, wo ihr das der Diana heilige Wild liegen sehet. Auf unsrer Seite aber blieb der Sieger, der dem Mars heilige Wolf unverletzt und unentweihet, und hat uns an unsre Abkunft vom Mars und an unsern Stifter erinnern wollen.» Auf dem rechten Flügel standen die Gallier; auf dem linken die Samniten. Gegen die Samniten stellte Quintus Fabius auf seinem rechten Flügel die erste und dritte Legion auf; gegen die Gallier auf dem linken Decius die fünfte und sechste. Die zweite und vierte standen unter dem Proconsul Lucius Volumnius in Samnium. Beim ersten Zusammentreffen focht man mit so völlig gleichen Kräften, daß die Römer, wenn die Hetrusker und Umbrier mit zugegen gewesen wären, allenthalben, wo diese den Ausschlag gegeben haben würden, sei es in der Schlacht, oder im Lager, die Geschlagenen sein mußten.

28. Ob aber gleich die Hoffnung des Sieges noch beiden Theilen gehörte, und das Glück es noch nicht bemerklich gemacht hatte, auf welche Seite es das Übergewicht geben würde, so war doch der Gang der Schlacht auf dem linken Flügel von dem auf dem rechten ganz verschieden. Die Römer unter Fabius erwehrten sich des Kampfes mehr, als daß sie ihn betrieben, und das Gefecht wurde bis tief in den Tag hinein nur hingehalten. Der Feldherr war überzeugt, daß die Samniten und Gallier im ersten Angriffe die Überlegenen waren; daß es genug sei, sie hierin aufzuhalten; daß den Samniten bei längerer Dauer des Gefechts der Muth allmählig sinke; daß überdies die Körperkraft der Gallier, in Beschwerden und Hitze aller Ausdauer unfähig, sich auflöse; daß sie den Kampf mit mehr als Männerkraft eröffneten, und schwächer als Weiber ihn endeten. Folglich sparte er seinen 365 Soldaten die vollen Kräfte für jenen Zeitpunkt auf, in welchem sich der Feind gewöhnlich besiegen ließ.

Decius, durch Jugend und Lebhaftigkeit des Muthes hitziger, strömte gleich im Anfange des Streites die ganze Fülle seiner Kraft aus; und weil ihm das Gefecht des Fußvolks nicht rasch genug ging, so setzte er die Reuterei in Angriff. Vom tapfersten Geschwader der Jünglinge umschlossen, bat er sie, als die Ersten der Jugend mit ihm zugleich in den Feind einzuhauen. «Sie würden doppelten Ruhm ernten, wenn der Sieg vom linken Flügel, und zwar von der Reuterei ausginge.» Und zweimal warfen sie die Gallische Reuterei. Als sie zum drittenmale etwas weiter vorgesprengt waren und schon mitten unter den Scharen der feindlichen Reuter fochten, wurden sie von einem Kampfe überrascht, der ihnen seiner Art nach neu war. Auf Kriegswagen und Karren stehend kam der bewaffnete Feind unter einem gewaltigen Getöse von Rossen und Rädern heran und machte die eines solchen Getümmels ungewohnten Pferde der Römer scheu. Die schon siegende Reuterei stob, als hätte sie ein Gespenst gesehen, betäubt aus einander; die fortstürzenden Rosse und Reuter streckte die besinnungslose Flucht zu Boden. Dadurch geriethen auch die Ordnungen des Fußvolks in Verwirrung; unter den heranstürzenden Pferden und den durch die Glieder fortgerissenen Wagen wurden in den beiden ersten Linien Viele zertreten: und die Linie der Gallier, die bei der unter den Feinden bemerkten Unordnung sogleich hereinbrach, ließ ihnen keine Zeit sich zu erholen und sich wieder zu setzen. Decius schrie: «Wohin sie flöhen? Was sie durch die Flucht zu gewinnen hofften?» er trat den Weichenden in den Weg; er rief die Fortströmenden zurück. Als er sie durch nichts in ihrer Bestürzung aufhalten konnte, sprach er unter namentlicher Anrufung seines Vaters Publius Decius: «Warum ergebe ich mich nicht gleich in die auf mich vererbte Bestimmung? Es ist unsrem Stamme beschieden, zur Abwendung der Gefahren die Sühnopfer des Stats zu sein. Bald will ich der Erde und den Geistern der Todten die Legionen der 366 Feinde mit mir zum Opfer darbringen.» Nach diesen Worten befahl er dem Oberpriester Marcus Livius, dem er, als er sich in das Treffen begab, geboten hatte, nicht von seiner Seite zu weichen, ihm die Formel vorzusprechen, durch welche er sich und die Legionen der Feinde für das Heer des Römischen Volks der Quiriten dem Tode weihen müsse. Er erhielt die Weihe mit eben dem Gebete und in eben dem Anzuge, in welchem sie sich sein Vater Publius Decius bei Veseris im Latinischen Kriege hatte geben lassen. Er fügte der gewöhnlichen Formel noch die Worte hinzu: «Schrecken und Flucht, Mord und Blut, den Zorn der himmlischen und unterirdischen Götter lasse ich vor mir hergehen: trage den Fluch der Vernichtung mit mir auf der Feinde Fahnen, Waffen und Wehren hinüber; und Verderben trifft die Gallier und Samniten mit mir auf Einer Stelle;» und nach diesen über sich und die Feinde herabgerufenen Verwünschungen spornte er sein Roß in die Linie der Gallier, wo er sie am gedrängtesten sah, und fand unter den auf ihn gerichteten Waffen der Feinde, denen er selbst entgegenstürzte, den Tod.

29. Von nun an schien die Schlacht kaum noch das Werk der Menschen zu sein. Die Römer hatten ihren Feldherrn verloren, und statt, wie wohl sonst, sich dadurch schrecken zu lassen, hörten sie auf zu fliehen und Erneurung des Kampfes war ihr Wunsch. Die Gallier, und vorzüglich der Haufe, der die Leiche des Consuls umstand, schossen wie betäubt ihre nicht mehr treffenden Pfeile vergeblich ab: Andre standen erstarrt da, ohne Sinn für Gefecht, oder Flucht. Auf jener Seite hingegen rief der Oberpriester Livius, welchem Decius die Lictoren übergeben und den Rang eines Prätors ertheilt hatte: «Die Römer hätten gesiegt: der Tod ihres Consuls habe sie gerettet. Die Gallier und Samniten wären der Mutter Erde und den Todtengeistern vermacht. Decius ziehe und rufe ihr mit ihm zugleich dem Tode geweihtes Heer sich nach: und überall herrsche bei den Feinden Verblendung der Hölle und Geisterscheu.» Indem dieser Flügel das Treffen wieder herstellte, stießen Lucius 367 Cornelius Scipio und Cajus Marcius mit aufgesparten Truppen aus dem Hintertreffen auf Befehl des Consuls Fabius zu ihm, der sie seinem Amtsgenossen zur Unterstützung geschickt hatte. Hier bekamen sie mit der Nachricht, wie Publius Decius geendet habe, die kräftigste Aufforderung für das allgemeine Wohl Alles zu wagen. Da nun die Gallier mit vor sich hingepflanzten Schilden in geschlossenem Gliede feststanden, und der Kampf gegen sie Fuß an Fuß unthunlich war, so wurden auf Befehl der Legaten die Wurf pfeile, welche zwischen beiden Heeren hingeworfen lagen, vom Boden gesammelt und gegen die Schildwand der Feinde abgeschossen; und da diese meistentheils die Schilde, von den Wurf spießenDie Veruta hatten eine längere, runde Spitze, nicht die dreieckige, wie Sagittae und Pila. aber auch manche die Körper durchbohrten, so wurde ihr Keil geworfen, so daß ein großer Theil ohne Wunde wie bedonnert niederstürzte. So hatte das Glück auf dem linken Flügel der Römer gewechselt.

Auf dem rechten hatte Fabius anfangs, wie vorhin gesagt ist, den Tag mit Zögern hingebracht: als aber das Geschrei der Feinde, ihr Andrang und ihre Schüsse nicht mehr dieselbe Kraft verriethen; so hieß er, sobald er den Obersten der Reuterei den Befehl ertheilt hatte, ihre Geschwader auf die Seite der Samniten herumzuziehen, um ihnen auf ein gegebenes Zeichen im möglichst heftigen Ansturze in die Flanke zu fallen; sein Fußvolk allmälig anrücken und den Feind verdrängen. Als er keinen Widerstand, sondern offenbare Ermattung sah, so nahm er nun erst die sämtlichen bis auf diesen Punkt gesparten Truppen vom Hintertreffen mit sich, ließ das Fußvolk sich in Eilschritt setzen und gab der Reuterei das Zeichen, auf den Feind einzubrechen. Diesen Angriff hielten die Samniten nicht aus: sie rannten in vollem Laufe dicht am Heere der Gallier vorbei ihrem Lager zu und ließen ihre Waffengenossen auf dem Punkte der Entscheidung im Stiche. Die Gallier standen in geschlossnem Gliede hinter 368 ihrer Schildwand. Da befahl Fabius, der jetzt den Tod seines Amtsgenossen erfuhr, einem Geschwader Campanier von etwa fünfhundert Rittern, sich aus der Linie um die Gallier herumzuziehen und sie im Rücken anzugreifen; dem zweiten Treffen der dritten Legion aber, diesen zu folgen, und wo sie das Heer der Feinde vom Angriffe der Reuterei in Unordnung gerathen sähen, hineinzudringen und die Geschreckten niederzuhauen. Er gelobte dem Jupiter Sieger einen Tempel und die feindlichen Waffen, und eilte selbst dem Lager der Samniten zu, auf welches der gescheuchte Schwarm hingedrängt wurde. Dicht unter dem Walle machten die durch das Gewühl der Ihrigen Ausgeschlossenen, weil die Thore eine solche Menge nicht aufnehmen konnten, einen Versuch zu fechten. Hier fiel Gellius Egnatius, der Samnitische Feldherr. Nun wurden die Samniten in ihre Verschanzungen hineingetrieben, das Lager nach einem kurzen Gefechte genommen und die Gallier im Rücken umzingelt. Fünfundzwanzig tausend Feinde sollen an dem Tage gefallen, achttausend gefangen sein. Aber der Sieg hatte auch Blut gekostet. Vom Heere des Publius Decius blieben siebentausend Mann, von dem des Fabius tausend zweihundert. Nachdem Fabius einige ausgeschickt hatte, die Leiche seines Amtsgenossen aufzusuchen, verbrannte er, dem Jupiter Sieger zu Ehren, die auf einen Haufen gesammelten Waffen der Feinde. Den Leichnam des Consuls konnte man an dem Tage, weil er von Haufen über ihm zusammengestürzter Gallier bedeckt lag, nicht auffinden. Am folgenden Tage wurde er gefunden und unter vielen Thränen der Soldaten gebracht. Mit Aussetzung aller andern Geschäfte beging Fabius die Begräbnißfeier seines Amtsgenossen sehr ehrenvoll und mit der verdienten Lobrede.

30. Auch in Hetrurien ging der Krieg unter dem Proprätor Cneus Fulvius in eben diesen Tagen nach Wunsch; und außer dem ungeheuren Schaden, den man dem Feinde durch Verheerung seines Landes zufügte, wurde auch ein Sieg erfochten. Über dreitausend Perusiner und Clusiner wurden getödtet und an zwanzig Fahnen erbeutet. Der Zug 369 der Samniten, deren Flucht durch das Pelignische ging, wurde von den Pelignern umzingelt, und von fünf Tausenden an tausend niedergehauen.

Der Ruhm des Tages, zu dem die Schlacht im Sentinatischen Gebiete vorfiel, ist immer noch groß, wenn man auch bei der Wahrheit stehen bleibt. Einige aber haben durch Vergrößerungen die Glaubwürdigkeit überschritten, da nach ihrer Angabe im feindlichen Meere vierzigtausendWo der Autor mehrere Zahlen nennt, da geben auch die Abschreiber den Critikern Anlaß zu Klagen. Daß in den angegebenen 40,000 keine Übertreibung liegen könne, hat schon Crevier bemerkt, der aus Cap. 26 darthut, daß die Römer selbst in dieser Schlacht, wo nicht ganz, doch beinahe so stark gewesen sein müssen, und aus dem vorigen Cap. anführt, daß 25,000 Feinde auf dem Platze blieben und 8000 gefangen genommen wurden. Folglich muß doch ein Heer, das so Viele hergab, an 40,000 stark gewesen sein, und auch darum dürfte diese Zahl dem Livius keine Übertreibung scheinen. Vielleicht könnte die letzte Silbe in pedi tum ein darauf folgendes cen tum haben verloren gehen lassen. Allein es lassen sich hier noch mehr Schreibfehler vermuthen, worunter ich vor allen die Worte trecentos triginta zähle. Wenn diese so genaue Angabe die Zahl der gefallenen Feinde meldete, so könnte man sagen, die Römer hatten Zeit, sie auf dem Schlachtfelde zu zählen. Allein bei einem zur Schlacht aufgestellten Heere kannte man doch wohl an die, denen man selbst die Übertreibung zu Gute halten wollte, die Frage thun: Wer gab euch die Listen der feindlichen Heereszahl, die die Gallischen Horden vielleicht selbst nicht wußten? – Ohne Beistimmung von Handschriften läßt sich in solchen Stellen auch kaum durch Conjecturen helfen. Sollten sich einmal in einer die Worte so gestellt finden: in hostium exercitu peditum centum quadraginta millia armatos, triginta equitum et sex millia, mille carpentorum scripsere fuisse; so könnte dies vielleicht die richtigere Lesart sein. dreihundert und dreißig Mann zu Fuß, sechstausend zu Pferde und tausend Wagen gewesen sein sollen; nämlich mit Einschluß der Umbrier und Tusker, welche sie gleichfalls bei der Schlacht zugegen sein lassen. Und um auch die Truppen der Römer zu vergrößern, geben sie den Proconsul Lucius Volumnius den Consuln zum Nebenfeldherrn, und mit seinem Heere den Legionen der Consuln eine Zugabe. Den meisten Jahrbüchern zufolge gehört dieser Sieg den beiden Consuln allein.

Lucius Volumnius war indessen in Samnium thätig und schlug das Heer der Samniten, das er auf das Gebirge Tifernus getrieben hatte, ohne sich durch die Schwierigkeit des Angriffs abschrecken zu lassen, völlig in die Flucht. Quintus Fabius, der das Heer des Decius in 370 Hetrurien ließ und seine Legionen zur Stadt führte, hielt einen Triumph über die Gallier, Hetrusker und Samniten: die Soldaten folgten seinem Triumphzuge. In ihren kunstlosen Liedern priesen sie den herrlichen Tod des Publius Decius eben so hoch, als den Sieg des Quintus Fabius, und weckten das Andenken an die That seines Vaters, die sie in Hinsicht des Erfolgs für den Stat und für ihn selbst dem Verdienste des Sohns an die Seite setzten. Aus der Beute wurden jedem Soldaten zweiundachtzigUngefähr 1⅔ Thaler unsres Conventionsgeldes. Kupferass gegeben, ein Feldrock und eine Weste; Belohnungen, welche dem damaligen Krieger keinesweges verächtlich waren.

31. Bei diesem Erfolge war dennoch in Samnium und in Hetrurien noch kein Friede. Denn theils war auf Betrieb der Perusiner, sobald der Consul sein Heer abgeführt hatte, der Krieg wieder erneuert; theils kamen die Samniten in das Vescinische und Formianische Gebiet und von einer andern Seite in das Äserninische und die am Flusse Vulturnus belegene Gegend auf Plünderung herab. Gegen diese schickte man den Prätor Appius Claudius mit des Decius Heere. In dem von neuem aufgestandenen Hetrurien erlegte Fabius viertausend fünfhundert Perusiner und nahm an tausend siebenhundert vierzig gefangen, für deren Loskaufung man von jedem dreihundert und zehn AssUngefähr 6½ Thaler. bekam: die ganze übrige Beute ließ man dem Soldaten. Die Legionen der Samniten, deren einem Theile der Prätor Appius Claudius, dem andern der Proconsul Lucius Volumnius nachzog, trafen im Gebiete von Stella zusammen. Hier lagerten sich also die SamnitenGronov und Drakenborch sind an dieser Stelle darin eins, daß man statt Samnitium legiones omnes lesen müsse Samnitium omnes. Auch haben sie die Mehrzahl der Handschriften für sich. alle, und Appius und Volumnius vereinigten sich. Es erfolgte eine Schlacht, voll der höchsten Erbitterung, weil auf der einen Seite der Groll gegen die den Krieg so oft Erneuernden zum Sporne ward, auf der 371 andern die letzte Hoffnung Alles wagte. Folglich blieben von Seiten der Samniten sechzehntausend dreihundert, und zweitausend siebenhundert wurden gefangen genommen: und vom Römischen Heere fielen zweitausend siebenhundert. Dies in Ansehung des Krieges so glückliche Jahr wurde durch eine Seuche drückend und durch seine Schreckzeichen beunruhigend. Denn theils lief die Nachricht ein, daß an verschiedenen Orten ein Erdbeben gewesen sei, theils sollten im Heere des Appius Claudius Viele vom Blitze erschlagen sein: und man schlug deswegen die Bücher nach. In diesem Jahre belegte Quintus Fabius Gurges, des Consuls Sohn, mehrere Frauen vom Stande, die er in einer Klage vor dem Gesamtvolke der Unzucht überführte, mit einer Geldstrafe. Von diesen Geldern ließ er der Venus den Tempel erbauen, der neben der Rennbahn steht.

Noch immer sehe ich Kriegen der Samniten entgegen, die ich nun schon ununterbrochen durch vier Bücher und durch einen Zeitraum von sechsundvierzig Jahren, seit dem Consulate des Marcus Valerius und Aulus Cornelius, die zuerst in Samnium eindrangen, verfolge. Ohne mich jetzt auf die Niederlagen beider Völker in so vielen Jahren, und auf die überstandnen Mühseligkeiten einzulassen, denen gleichwohl jener ausdauernde Muth nicht unterlag, so waren doch die Samniten, nur im vorigen Jahre, im Gebiete von Sentinum, im Pelignerlande, am Tifernus, in den Ebenen von Stella, bald mit ihren Legionen allein, bald mit andern in Verbindung, von vier Römischen Heeren und vier Feldherren geschlagen; hatten einen der berühmtesten Feldherren ihres Volks verloren; sahen ihre Kampfgenossen, die Hetrusker, Umbrier, Gallier, eben so unglücklich, als sie selbst waren; konnten sich weder durch eigene, noch durch fremde Hülfe länger halten: und standen dennoch nicht vom Kriege ab. So ungern entsagten sie der selbst mit Unglück vertheidigten Freiheit, und wollten lieber besiegt werden, als den Sieg unversucht lassen. Was müßte manDrakenborch scheint mit Recht das non vor pigeat zu verwerfen, weil es seine besten Handschriften nicht haben; und giebt, nach Weglassung des non, den Sinn so: Oratio per interrogationem concepta indicabit, neminem esse debere, quem eius pigeat. Ich glaube, man müsse das quinam (was für einer? qualis?) nicht in dem Sinne von quisnam (quis? wer?) nehmen. Ich vermuthe, daß eben diese Verwechselung des richtigen quinam mit quisnam die Veranlassung geworden sei, das non hier einzuschieben. In den Wörterbüchern, selbst im Thes. Gesn. sind quinam und quisnam in ihren Bedeutungen nicht gehörig geschieden. Und doch sagt Horazens Quisnam igitur liber? Quisnam igitur sanus? ganz etwas anderes, als bei Liv. IX. 17. ut quaerere libeat, quinam (qualis tandem) eventus Romanus futurus fuerit, si cum Alexandro etc. und Sil. IX. 641. Quaenam autem mentis, vel quae discordia fati? oder auch im adverbio Quinam? für quali oder quo modo? (Parei Lex. crit.) Nach meiner Meinung hieße also das Quinam sit ille? so viel, als Qualis (quam iners, quam impatieni taedii) sit ille, etc. von dem 372 Geschichtschreiber und Leser denken, wenn sie über diesen langwierigen Kriegen ermüdeten, denen selbst die Kriegenden nicht erlagen?

32. Auf den Quintus Fabius und Publius Decius folgten die Consuln Lucius Postumius Megellus und Marcus Atilius Regulus. Beiden wurde Samnium als ihr Standort angewiesen, weil das Gerücht sagte, daß die Feinde drei Heere angeworben hätten, mit deren Einem sie wieder nach Hetrurien, mit dem andern wieder auf Plünderung nach Campanien zögen, und das dritte zum Schutze ihrer eigenen Gränzen aufstelleten. Den Postumius hielt eine Krankheit in Rom zurück: Atilius brach sogleich auf, um die Feinde, so wie es die Väter haben wollten, noch ehe sie ausrückten, zu überfallen. Hier trafen sie, als wäre es verabredet, in einer Gegend auf einander, die es den Römern eben so wenig erlaubte, in Samnium einzurücken, noch weniger also, dort zu plündern, als den Samniten, sich von hier auf die ruhigen Länder und Besitzungen der Römischen Bundesgenossen herauszuziehen. Als nun Lager gegen Lager aufgeschlagen stand, wagten die Samniten, was kaum die Römer nach ihren vielen Siegen gewagt haben würden – so viel wirkt die Verzweiflung in ihrer höchsten Unbesonnenheit – und stürmten das Römische Lager. Und wenn gleich ein so kühnes Unternehmen seinen Zweck nicht erreichte, so war es doch nicht ganz ohne Erfolg. Ein tief in den Tag 373 hinein dauernder Nebel war so dicht, daß er das Tageslicht unwirksam machte, weil er nicht allein alle Aussicht über den Lagerwall, sondern selbst den in der Nähe auf einander Treffenden, den gegenseitigen Anblick benahm. Im Vertrauen auf ihren hiedurch gleichsam verschleierten Überfall kamen die Samniten schon vor Anbruch des Tages, den noch dazu die dicke Luft zurückhielt, bis an den Römischen Posten, der in aller Muße am Thore Wache hielt. Die Überraschten hatten so wenig den Muth, sich zu wehren, als die Kraft. Der Angriff geschah im Rücken des Lagers, am Hinterthore: also wurde das Zelt des Schatzmeisters erstürmt, wobei der Schatzmeister Lucius Opimius Pansa fiel. Nun rief Alles: Zu den Waffen!

33. Der Consul, durch den Lärm, geweckt, befahl zwei Cohorten Bundesgenossen, einer Lucanischen und einer Suessanischen, die gerade die nächsten waren, das Hauptzelt zu decken, und führte seine Legionen rottenweise in der Querstraße des Lagers auf. Kaum gehörig bewaffnet traten sie in Reihe und Glied, und entdeckten den Feind mehr durch sein Geschrei, als mit ihren Augen: auch ließ sich seine Stärke nicht bestimmen. Ungewiß, wie es um sie selbst stände, wichen sie anfangs und ließen ihn in die Mitte des Lagers vordringen. Hier leisteten sie auf die wiederholte laute Frage des Consuls: «Ob sie über den Wall hinausgetrieben, hinterher ihr eignes Lager angreifen wollten,» nach erhobenem Geschreie den ersten Widerstand; rückten vorwärts, stürmten auf den Feind ein, trieben ihn, als er Einmal wich, eben so furchtbar, als sie begonnen hatten, vor sich hin, und schlugen ihn zum Thore hinaus aus dem Walle. Zum Ausrücken und Verfolgen zu vorsichtig, – denn bei dem trüben Tage mußten sie auf allen Seiten Hinterhalte fürchten – zogen sie sich, mit der Befreiung ihres Lagers zufrieden, in den Wall zurück, nachdem sie dem Feinde fast dreihundert getödtet hatten. Von dem Römischen Vorposten, von der Wache und von denen, die bei dem Zelte des Schatzmeisters überfallen waren, blieben gegen zweihundert und dreißig.

374 Dies nicht ganz mislungene Wagestück erhöhete den Samniten den Muth: sie wehrten den Römern nicht allein das weitere Vorrücken mit dem Lager, sondern auch jede Futterholung auf Samnitischem Boden, und diese gingen zum Futterholen rückwärts in das befreundete Gebiet von Sora. Der Ruf von diesen Vorfällen, der mit größerem Lärmen, als die Sache verdiente, in Rom einlief, nöthigte den kaum genesenen Consul Lucius Postumius, aus der Stadt aufzubrechen. Nachdem er den Soldaten Sora zum Sammelplatze angewiesen hatte, weihete er vor seinem Abzuge in eigner Person der Siegsgöttinn den Tempel, dessen Bau er als Curulädil aus den Strafgeldern hatte besorgen lassen. Nach erfolgtem Aufbruche zum Heere zog er, von Sora aus, nach Samnium zu seinem Amtsgenossen ins Lager. Und als die Samniten aus Mistrauen in ihre Kräfte, wenn sie zwei Heeren widerstehen sollten, sich von dort zurückzogen, trennten sich die Consuln nach entgegengesetzten Seiten zu Plünderungen des Landes und Angriffen auf die Städte.

34. Postumius versuchte in der Unternehmung auf Milionia anfangs Sturm und Gefecht. Als dies nicht nach Wunsch gelang, gewann er die Stadt durch Werke und Annäherungshütten, die zuletzt sich an die Mauer lehnten. Hier wurde nach Eroberung der Mauer von zehn Uhr Vormittags bis etwa um zwei in allen Theilen der Stadt gefochten, und zwar lange mit ungewissem Erfolge. Endlich wurden die Römer Meister von der Stadt. Dreitausend zweihundert Samniten wurden niedergehauen, und außer der übrigen Beute hatte man viertausend zweihundert Gefangene. Von da wurden die Legionen vor Ferentinum geführt, welches die Einwohner mit allem ihrem Eigenthume, so viel sie wegbringen und forttreiben konnten, bei Nacht durch das jenseitige Thor in aller Stille räumten. Natürlich rückte der Consul bei seinem Anzuge gleich in der gehörigen Stellung und Rüstung an die Mauern, als ob er hier einen gleichen Kampf, wie vor Milionia, erwartete; dann aber, als er in der Stadt allgemeine Stille, und weder Bewaffnung noch Männer auf den Thürmen und Mauern bemerkte, that er der Begierde der Soldaten, in die verlassene Stadt einzubrechen, Einhalt, um sie nicht, ohne darauf gefaßt zu sein, in einen versteckten Hinterhalt fallen zu lassen. Er hieß zwei Geschwader Latinischer Bundesgenossen um die Mauern herumreiten und Alles untersuchen. Die Ritter sehen ein und das andre Thor, welche in Einer Gegend einander nahe waren, offen und auf den Wegen dort heraus die Spuren von der nächtlichen Flucht der Feinde. Sie reiten langsam näher an die Thore und sehen aus ihrem sichern Standorte den Durchgang auf geraden Straßen ungehindert: sie melden dem Consul, die Stadt sei geräumt; dies erhelle unbezweifelt aus der allgemeinen Stille, aus den frischen Spuren der Flucht und den umher liegenden in der nächtlichen Eile zurückgelassenen Sachen. Auf diesen Bericht zog der Consul nach jener Seite der Stadt herum, wo sich ihr die Ritter genähert hatten, und da er nicht weit vom Thore Halt machte, hieß er fünf Ritter in die Stadt hineinreiten. «Drei sollten, wenn sie eine mäßige Strecke vorgerückt wären und Alles sicher fänden, bei einander stillhalten; zwei aber ihm Bericht erstatten.» Als diese zurückkamen und meldeten, sie wären so weit vorgerückt, daß sie die Umsicht nach allen Seiten gehabt hätten: es herrsche weit und breit Stille und Menschenleere, so zog der Consul sogleich mit den leichten Cohorten in die Stadt; die übrigen hieß er unterdessen ein festes Lager aufschlagen. Als die eingerückten Soldaten die Hausthüren erbrachen, fanden sie nur einige Betagte und Kranke, und was sonst schwer fortzubringen war, zurückgelassen. Dies nahm man weg, und erfuhr von den Gefangenen, «daß sich mehrere Städte umher nach gemeinschaftlicher Verabredung zur Flucht entschlossen hätten: ihre Mitbürger wären um die erste Nachtwache abgezogen. Nach ihrer Meinung müßten die Römer die andern Städte eben so menschenleer finden.» Die Gefangenen hatten die Wahrheit gesagt. Die verlassenen Städte nahm der Consul in Besitz.

35. Dem andern Consul, Marcus Atilius, wurde der Krieg bei weitem so leicht nicht. Als er seine Legionen 376 nach Luceria führte, welches laut Nachrichten von den Samniten belagert wurde, kam ihm der Feind an der Lucerinischen Gränze entgegen. Hier gab die Erbitterung beiden Theilen gleiche Kräfte. Das Treffen war wechselnd und mißlich, seinem Ausgange nach aber trauriger für die Römer, theils, weil es ihnen etwas Ungewohntes war, besiegt zu werden, theils, weil sie, als man von einander abließ, es weit empfindlicher fühlten, als im Gefechte selbst, wie groß auf ihrer Seite die Überzahl an Verwundeten und Gebliebenen war. Folglich erhob sich im Lager eine Bestürzung, die gewiß, wenn sie die Fechtenden befallen hätte, eine große Niederlage zur Folge gehabt haben würde. Selbst jetzt hatten sie eine ängstliche Nacht, weil sie glaubten, daß die Samniten jeden Augenblick das Lager angreifen würden, oder daß man am frühen Morgen mit den Siegern werde schlagen müssen.

Auf Seiten der Feinde war der Verlust kleiner, der Muth nicht größer. Sobald es tagte, wollten sie ohne Kampf abziehen. Es führte aber nur Ein Weg von dort, und zwar an den Feinden vorüber. Als sie diesen einschlugen, sah es nicht anders aus, als zögen sie gerades Weges zur Bestürmung des Lagers heran. Der Consul hieß die Soldaten zu den Waffen greifen und ihm vor den Walle hinaus folgen. Den Legaten, Tribunen und Obersten der Bundesgenossen gab er Anweisung, was für jeden von ihnen zu thun sei. Alle versicherten: «Sie würden freilich Alles thun; allein die Soldaten wären muthlos. Sie hätten die ganze Nacht unter Wunden und Ächzen der Sterbenden durchwacht. Wäre der Feind vor Tage gegen das Lager angerückt, so würden sie, nach der allgemeinen Bestürzung zu urtheilen, die Fahnen verlassen haben; jetzt würden sie nur durch Scham von der Flucht zurückgehalten: übrigens nähmen sie sich ganz, als Besiegte.» Da der Consul nach diesem Berichte es für nöthig hielt, selbst herumzugehen und den Soldaten zuzureden, so that er, wo er solche fand, die mit der Bewaffnung zögerten, die verweisende Frage: «Was ihnen diese Unthätigkeit, diese Unlust, helfen könne? Der Feind 377 werde ins Lager kommen, wenn sie ihm nicht vor das Lager entgegen gingen; und sie würden für ihre Zelte fechten müssen, wenn sie für ihren Wall nicht fechten wollten. Bewaffnet und kämpfend könnten sie doch den Sieg noch hoffen. Wer aber unbewaffnet und wehrlos den Feind erwarten wolle, müsse sich Tod oder Sklaverei gefallen lassen.» Auf diese Vorwürfe und Verweise antworteten sie: «Die gestrige Schlacht habe es ihnen gethan; ihre Kräfte, ihr Blut seien erschöpft. Der Feind zeige sich in größerer Anzahl, als er gestern gehabt habe.» Unterdeß kam der Zug näher, und da sie bei der geringeren Entfernung schon deutlicher sehen konnten, so behaupteten sie Alle, die Samniten hätten schon die Schanzpfähle bei sich, und es sei offenbar, daß sie das Lager umpfählen wollten. Da rief der Consul: «Das sei doch vollends unerhört, wenn man sich eine solche Schmach und Beschimpfung von einem so feigen Feinde gefallen ließe. So sollen wir uns noch dazu in unserm Lager einschließen lassen?» sagte er; «um lieber schimpflich durch Hunger, als, wenn es sein müßte, mit dem Schwerte in der Hand mit Ehren zu sterben? Möchten die Götter kein Unglück daraus entstehen lassen, wenn Jeder von ihnen thäteNach Dukers und Drakenborchs Wunsche habe ich das que hinter facerent weggelassen. Dii bene verterent! facerent, quod se dignum etc., was er seiner würdig achte. Consul Marcus Atilius werde, wenn ihm sonst niemand folge, auch allein den Feinden entgegen gehen, und lieber in den Reihen der Samniten fallen, als ein Römisches Lager umpfählen sehen.» Die Legaten, Tribunen, alle Geschwader der Reuterei, und die Hauptleute der ersten Rotten erklärten sich für den Consul. Da griffen die Soldaten, von Scham besiegt, mit Unlust zu den Waffen; mit Unlust gingen sie aus dem Lager: in einem langen unzusammenhängenden Zuge, traurig und fast schon als Geschlagene, rückten sie gegen den Feind auf, dessen Besorgniß und Muthlosigkeit nicht kleiner war. Denn kaum erblickten die Samniten die Römischen Fahnen, so verbreitete sich 378 von der Spitze ihres Zuges bis zu den Letzten der laute Ruf: «Da kämen die Römer heraus, wie man gefürchtet habe, den Abmarsch zu wehren. Jeder Ausweg, selbst zur Flucht, sei unmöglich. Hier auf der Stelle müsse man entweder fallen, oder die Feinde hinstrecken und über ihre Leichen hinaussteigen.»

36. Sie warfen ihre Bündel auf Einen Haufen zusammen, und Jeder stellte sich unter den Waffen in seinem Gliede auf. Schon war zwischen beiden Linien nur noch ein kleiner Raum, und sie standen voll Erwartung da, daß vom Feinde der Angriff geschähe, vom Feinde das Geschrei erhoben würde. Beiden Theilen fehlte es zum Fechten an Muth. Und beide würden wohlbehalten und ohne Schwertschlag jeder seines Weges gezogen sein, wenn sie nicht gefürchtet hätten, daß dem Weichenden der Andre nachsetzen würde. Unwillkürlich begann unter Heeren voll Abneigung und Unlust mit einem dumpfen, unterbrochenen Geschreie ein kaltes Gefecht, das keinen von seiner Stelle trieb. Da sandte der Römische Consul, um etwas Leben hineinzubringen, einige aus der Reuterei genommene Geschwader dazwischen; und da diese meistentheils von ihren Pferden sanken und die Übrigen in Unordnung geriethen, so brachen theils die Samniten, um die Gestürzten niederzumachen, theils die Römer, um den Ihrigen beizustehen, aus der Linie hervor. Darüber wurde das Gefecht einigermaßen lebhafter; allein weit rascher und auch in größerer Anzahl rannten doch die Samniten herbei; und die Reuterei jagte in der Verwirrung mit ihren scheuen Pferden selbst die ihr zu Hülfe Gekommenen nieder. Nun wandte die ausbrechende Flucht die ganze Römische Linie ab. Und schon hieben die Samniten den Fliehenden in den Rücken, als der Consul, der zum Lagerthore voraussprengte, einen Posten Reuterei davor pflanzte, ihm befahl, jeden dem Walle Zueilenden, er möchte Römer, oder Samnit sein, als Feind anzusehen, und unter diesen ihnen zugerufenen Drohungen den zum Lager fortstürzenden Seinigen in den Weg trat. «Wohin, Soldat?» rief er: «auch hier wirst du Waffen und Männer finden, 379 und so lange dein Consul lebt, nicht anders, als siegend, das Lager betreten! Wähle nun, ob du lieber gegen Bürger, oder gegen Feinde fechten willst!» Bei diesem Worten des Consuls umschwärmten die Ritter das Fußvolk mit drohender Lanze und geboten ihm, zum Gefechte umzukehren. Und nun kam dem Consul außer seiner Tapferkeit auch das Glück zu statten: denn die Samniten drangen nicht nach, sondern ließen ihnen Raum, sich zu schwenken und die Linie vom Lager ab wieder gegen den Feind zu richten. Da ermunterte Einer den Andern wieder zum Gefechte; die Hauptleute drangen mit den Fahnen, die sie den Fähnrichen wegrissen, ein, und zeigten den Ihrigen, wie schwach und weitschichtig in aufgelösten Gliedern der Feind herankomme. Zu gleicher Zeit erhob der Consul die Hände gen Himmel und gelobte mit lauter Stimme, so daß ihn Jeder hören mußte, dem Jupiter Standgeber einen Tempel, wenn das Römische Heer wieder Stand halten und in erneuertem Treffen die Legionen der Samniten werfen und besiegen würde. Da bot von allen Seiten Alles seine Kraft auf, die Schlacht wieder herzustellen; Anführer und Soldaten, Fußvolk und Reuterei insgesamt: ja auch die waltende Gottheit schien auf die Sache Roms gnädig herabzublicken; so leicht wurde der Ausschlag errungen und die Feinde vom Lager zurückgetrieben. Bald waren sie auch wieder auf den Platz gedrängt, wo die Schlacht begonnen hatte. Hier, wo ihnen der Haufe ihres zusammengeworfenen Gepäcks im Wege lag, blieben sie, im freien Schritte gehindert, hängen; dann umschlossen sie die Bündel, um ihre Habe nicht plündern zu lassen, mit einem Kreise von Fechtenden. Um so mehr bedrängte sie von vorn das Fußvolk, im Rücken die herumgezogene Reuterei. So wurden sie in der Mitte niedergehauen und gefangen genommen. Die Anzahl der Gefangenen betrug siebentausend und zweihundert, welche Alle entkleidet unter dem Jochgalgen durchziehen mußten. Die Getödteten werden auf viertausend achthundert angegeben. Aber auch den Römern war dies kein erfreulicher Sieg. Als der Consul den erlittenen Verlust dieser zwei Tage nachzählen 380 ließ, ergab sich die Summe von siebentausend zweihundert Vermißten.

Während dieser Begebenheiten in Apulien mislang den Samniten ein Versuch, den sie mit ihrem zweiten Heere auf Interamna machten, eine Römische Pflanzstadt an der Latinischen Heerstraße: und als sie nach ausgeübter Plünderung theils die übrige Beute von Menschen und Vieh unter einander, theils die gefangenen Pflanzbürger vor sich hintrieben, stießen sie auf den Consul, der als Sieger von Luceria zurückkam. Und sie verloren nicht allein ihre Beute wieder, sondern auch sie selbst, in einem gedehnten und beladenen Zuge ohne alle Haltung, wurden niedergehauen. Der Consul, der durch einen Aufruf die Eigenthümer zur Anerkennung und Empfangnahme ihrer Sachen nach Interamna zurückkommen und sein Heer dort stehen ließ, ging zum Wahltage nach Rom. Sein Antrag auf die Ehre eines Triumphs wurde abgelehnt, theils weil er so viele tausend Soldaten verloren, theils die unter dem Jochgalgen durchgeschickten Gefangenen ohneVermuthlich ist die Strothische Ausgabe nach der Ernestischen von 1769 abgedruckt, in welcher das kleine Wort sine, das ohnehin von niemand angefochten wird, durch einen Druckfehler ausfiel. weitere Verpflichtung entlassen hätte.

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