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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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14. Als die neuen Consuln – Quintus Fabius Maximus war es zum vierten- und Publius Decius Mus zum. drittenmale – mit einander verabredeten, daß sich der eine die Samniten, der andre die Hetrusker zu seinen Feinden wählen solle, ferner, wie viele Truppen für diesen oder jenen Kriegsschauplatz hinreichend sein würden, und wer von ihnen beiden zu dem einen, oder zu dem andern Kriege der paßlichere Feldherr sein möchte: so wandte die Anzeige der Gesandten von Sutrium, von Nepete und Falerii, daß die Völkerschaften Hetruriens in ihren Versammlungen auf einen zu erbittenden Frieden antrügen, den ganzen Sturm des Krieges gegen Samnium. Um sich die Zufuhr zu erleichtern und den Feind in größerer Ungewißheit zu lassen, von welcher Seite der Angriff geschehen werde, schlugen die aufbrechenden Consuln mit ihren Legionen zwei Wege gegen Samnium ein, Fabius durch das Soranische Gebiet, Decius durch das Sidicinische. Als sie die feindlichen Gränzen betraten, zogen sie unter ausgebreiteter Plünderung einher. Doch weiter noch, als sie selbst verheerten, breiteten sich ihre Späher aus. Daher entging es ihnen nicht, daß die Feinde bei Tifernum in einem versteckten Thale in Bereitschaft standen, sie von der Höhe herab, sobald sie hereingerückt wären, zu überfallen. Fabius, der sein Gepäck in Sicherheit brachte, und ihm eine mäßige Bedeckung gab, rückte 339 nach einer an seine Soldaten erlassenen Erinnerung, jetzt den Kampf zu erwarten, in geschlossener Stellung gegen den ihm schon bekannt gemachten Hinterhalt der Feinde heran. Da entschlossen sich die Samniten, die ihren unvermutheten Überfall vereitelt sahen, weil es nun doch zur offenen Entscheidung kommen mußte, ebenfalls, lieber zum Angriffe in einer ordentlichen Schlacht. Sie zogen in die Ebene herab und überließen sich, mit mehr Entschlossenheit, als Erwartung, dem Glücke. Gleichwohl zeigten sie sich; entweder weil sie den ganzen Kern der Mannschaft aus den sämtlichen . Samnitischen Völkerschaften zusammengezogen hatten, oder weil die Gefahr, Alles zu verlieren, ihren Muth erhöhete; selbst in dieser offenen Schlacht als sehr furchtbare Gegner.

Als Fabius sah, daß der Feind auf keiner Seite wich, hieß er die beiden Kriegstribunen, seinen Sohn, Maximus, und den Marcus Valerius; mit denen er ins Vordertreffen hervorgesprengt war, sich zu den Rittern begeben und ihnen vorstellen: «Wenn sie sich je eines Falls erinnerten, wo die Reuterei zum Besten des Stats wirksam gewesen sei; so möchten sie auch heute ihre Kräfte aufbieten, den Ruhm ihres Standes ungekränkt zu erhalten. Gegen das kämpfende Fußvolk stehe der Feind unbeweglich: alle übrige Hoffnung beruhe auf dem Angriffe der Reuterei.» Auch überhäufte er die jungen Männer selbst namentlich, gegen beide gleichartig, sowohl mit Lobsprüchen, als Verheißungen. Um aber, wenn auch dieser versuchte Einbruch mislingen sollte, da; wo Gewalt keine Hülfe schaffte, durch List zu wirken, hieß er den Legaten Scipio das Vordertreffen der ersten Legion aus der Linie herausziehen, und so heimlich als möglich zum nächsten Gebirge herumführen: beim Hinansteigen immer dem Auge verdeckt, sollte er mit seinem Zuge die Höhe gewinnen und dem vorwärts gekehrten Feinde sich plötzlich im Rücken zeigen.

Die Reuterei, welche unter Anführung der beiden Tribunen plötzlich an die Spitze der Linie gesprengt kam, verursachte bei den Feinden eine nicht viel größere 340 Unordnung, als bei den Ihrigen. Gegen die anstürzenden Geschwader stand die Schlachtordnung der Samniten unbeweglich, und ließ sich nirgend vertreiben oder durchbrechen. Nach diesem fruchtlosen Versuche zogen sich jene, die nun ihren Platz hinter den Fahnen bekamen, aus dem Gefechte. Da wuchs den Feinden der Muth; und die vordere Schlachtreihe hätte einem so langen Kampfe und der durch Selbstvertrauen steigenden Überlegenheit nicht widerstehen können, wenn nicht auf Befehl des Consuls die zweite Linie in die erste nachgerückt wäre. Die hier auftretende neue Kraft brachte die schon eindringenden Samniten zum Stehen, und die plötzlich vom Gebirge mit Geschrei sich erhebenden Fahnen schreckten den Muth der Samniten durch eine Besorgniß, die doch nur Täuschung zum Grunde hatte. Denn theils schrie Fabius laut, sein Mitconsul Decius komme an, theils riefen die Soldaten, jeder von eigner Freude begeistert, «Der andre Consul ist da! die Legionen kommen!» und der den Römern zu ihrem Vortheile vorgespiegelte Wahn, erfüllte die Samniten mit Flucht und Bestürzung, da sie vorzüglich der Gedanke schreckte, von einem zweiten, noch ungeschwächten, unangerührten Heere überwältigt zu werden. Auch war das Gemetzel, weil sie sich allenthalben zur Flucht zerstreueten, nach Verhältniß eines so wichtigen Sieges, geringer. Dreitausend vierhundert wurden niedergehauen, an dreihundert und dreißig gefangen genommen; dreiundzwanzig Fahnen erbeutet.

15. Zu den Samniten würden vor der Schlacht die Apulier gestoßen sein, wenn ihnen nicht der Consul Publius Decius bei Maleventum ein Lager entgegengestellt, und als es ihm gelang, sie zum Treffen herauszulocken, sie geschlagen hätte. Auch hier war die Flucht größer, als die Einbuße. Zweitausend Apulier wurden niedergehauen; und Decius, ohne diesen Feind weiter zu achten, führte seine Legionen nach Samnium. Hier nun verwüsteten zwei consularische Heere, die sich nach entgegengesetzten Seiten ausbreiteten, fünf Monate lang Alles umher. Die Zahl der Plätze in Samnium, auf denen Decius sein 341 Lager gehabt hatte, belief sich auf fünfundvierzig; des andern Consuls auf sechsundachtzig. Hier blieben nicht bloß die Spuren von Wall und Graben, sondern weit auffallendere Denkmale, ich meine die der Verwüstung rund umher, und der verheerten Provinzen. Fabius eroberte auch die Stadt Cimetra. Hier wurden zweitausend vierhundert Bewaffnete zu Gefangenen gemacht, und an vierhundert und dreißig blieben im Gefechte. Nach seiner Abreise von hier nach Rom zur Haltung des Wahltages, eilte er, dies Geschäft abzuthun. Als die zuerst aufgerufenen Centurien sämtlich den Quintus Fabius zum Consul ernannten, so suchte Appius Claudius, der sich um das Consulat bewarb, ein unternehmender, nach Selbstwichtigkeit strebender Mann, um sich zu dem Amte, und zugleich den Patriciern wieder zu beiden Consulstellen zu verhelfen, durch seinen und des ganzen Adels Einfluß es zu erzwingen, daß er mit dem Quintus Fabius zum Consul ernannt würde. Anfangs weigerte sich Fabius fast mit den nämlichen Gründen, die er im vorigen Jahre angeführt hatte. Da umringte der ganze Adel seinen Stuhl, und bat ihn, das Consulat dem Schmutze des Nichtadels zu entheben, und theils dieser Würde, theils den patricischen Geschlechtern den alten Glanz wiederzugeben. Fabius ließ Stille gebieten, und besänftigte die erpichten Wähler durch eine Rede, in der er sich zwischen beiden Parteien in der Mitte hielt. Er sagte, «er würde dazu mitgewirkt haben, die Namen zweier Patricier annehmen zu dürfen, wenn er nur sähe, daß Jemand anders Consul werden solle, als er selbst. So aber werde er durchaus nicht, den Gesetzen zuwider, zum ärgerlichsten Anstoße für Alle, als Vorsitzer der Wahlversammlung auf sich selbst Rücksicht nehmen,» So wurden Lucius Volumnius, ein Bürgerlicher, und Appius Claudius zu Consuln gewählt, ein schon in ihrem vorigen Consulate zusammen aufgestelltes Par. Fabius mußte sich vom Adel nachsagen lassen, er habe in Appius Claudius nicht gern einen Amtsgenossen haben wollen, der ihn in der Beredsamkeit und Statskunst unleugbar überträfe,

342 16. Nach Beendigung des Wahlgeschäfts wurden die alten Consuln angewiesen, mit Verlängerung ihres Oberbefehls auf sechs Monate, den Krieg in Samnium zu führen. Also auch im folgenden Jahre, unter den Consuln Lucius Volumnius, Appius Claudius, setzte Publius Decius, der als Consul von seinem Amtsgenossen in Samnium zurückgelassen war, jetzt als Proconsul seine Verheerungen in diesem Lande so lange fort, bis er das Heer der Samniten, welches sich nirgends in ein Treffen einließ, aus ihren eignen Gränzen trieb. Die Verjagten zogen nach Hetrurien, und in der Voraussetzung, daß sie den so oft durch Gesandschaften umsonst gemachten Versuch, mit einem so großen Heere unter den Waffen, wenn ihre Bitten mit Drohungen begleitet wären, so viel wirksamer betreiben würden, drangen sie auf eine Versammlung der Oberhäupter Hetruriens. Als diese sich eingefunden hatten, setzten sie ihnen aus einander, «wie viele Jahre sie nun schon für ihre Freiheit mit den Römern kämpften. Sie hätten Alles versucht, den schweren Sturm dieses Krieges aus eignen Kräften zu bestehen: sie hätten bei ihren Nachbaren, Völkern ohne großes Gewicht, um Hülfstruppen nachgesucht: da sie den Krieg nicht länger hätten aushalten können, hätten sie das Römische Volk um Frieden gebeten: sie hätten den Krieg erneuert, weil ihnen der Friede in Dienstbarkeit drückender geworden sei, als bei Freiheit der Krieg, Jetzt beruhe ihre einzige noch übrige Hoffnung auf den Hetruskern. Diese seien ihnen als das Volk bekannt, das durch Waffen, Volksmenge und Reichthum das mächtigste in Italien sei. Zu Nachbarn habe es die bei Schwert und Waffen Gebornen, diese freilich von Natur Allen, vorzüglich aber dem Römischen Volke aufsätzigen Gallier, die in ihrer Behauptung, Rom erobert und gegen Gold freigegeben zu haben, keine Pralerei begingen. Hätten die Hetrusker den Muth, den ehemals Porsena und ihre Vorfahren gehabt hätten, so könne es nicht fehlen, die Römer müßten sich genöthigt sehen, das ganze Land diesseit der Tiber zu räumen, und, statt sich eine unerträgliche Alleinherrschaft 343 über Italien zu erkämpfen, für ihre eigne Rettung fechten. Ein Samnitisches Heer, zu ihrem Dienste bereit, mit Waffen und Geld versehen, sei jetzt schon hier, und werde ihnen augenblicklich folgen, selbst wenn sie es zu einem Angriffe auf die Stadt Rom führen wollten.»

17. Während dieser Großsprechereien und Aufwiegelungen wüthete in ihrer Heimat der Römische Krieg. Denn kaum hatte Publius Decius durch seine Kundschafter den Abzug des Samnitischen Heeres erfahren, so berief er einen Kriegsrath. «Wozu, sprach er, dies Herumschwärmen im Lande, um Ein Dorf nach dem andern zu bekriegen? Warum gehen wir nicht auf Städte und Mauern? Samnium wird von keinem Heere mehr gedeckt. Sie haben ihr Gebiet geräumt und sich selbst mit der Landesverweisung belegt.» Da Alle ihm beistimmten, zog er zur Belagerung von Murgantia, einer starken Festung: und die Liebe zum Feldherrn, und die Hoffnung einer größern Beute, als von den Plünderungen auf dem Lande, beseelte die Soldaten mit solchem Muthe, daß sie in Einem Tage die Stadt mit stürmender Hand eroberten. Zweitausend einhundert Samniten wurden hier im Gefechte umringt und gefangen genommen, und außerdem große Beute gemacht. Damit diese nicht durch schweres Gepäck das Heer belästigen möchte, ließ Decius die Soldaten zur Versammlung rufen. «Wolltet ihr euch mit diesem einzigen Siege, sprach er, oder bloß mit dieser Beute begnügen lassen? Hättet ihr nicht Lust, eure Hoffnungen mit eurer Tapferkeit in Verhältniß zu setzen? Die sämtlichen Städte der Samniten und alle ihre in den Städten zurückgelassene Habe sind euer; habt ihr doch ihre in so vielen Treffen geschlagenen Legionen zuletzt aus dem Lande gejagt. Verkauft den Plunder und lasset den Gewinn die Kaufleute locken, eurem Zuge zu folgen. Ich will euch von Zeit zu Zeit mehr zu verkaufen schaffen. Jetzt lasset uns gleich vor Romulea gehen, wo eurer ohne größere Arbeit größere Beute wartet.» Sie verkauften die Beute, und forderten selbst den Feldherrn auf, sie vor Romulea zu führen. Ohne Werke anzulegen, ohne 344 Geschütz aufzuführen, stiegen sie auch hier, sobald sie angerückt waren, durch keine Gegenwehr von den Mauern zurückgewiesen, Jeder an der ihm nächsten Stelle, auf schleunig angeschlagenen Leitern zu den Werken hinan. Die Stadt wurde erobert und geplündert. An zweitausend dreihundert Feinde fielen; sechstausend wurden gefangen genommen, und der Soldat machte große Beute. Nachdem er auch diese, wie die vorige, hatte verkaufen müssen, ließ er sich, ob ihm gleich nicht die mindeste Ruhe vergönnt wurde, dennoch mit größter Bereitwilligkeit vor Ferentinum führen. Hier aber gab es mehr Arbeit und Gefahr. Theils wurden die Mauern mit der größten Tapferkeit vertheidigt; theils war der Ort durch Werke und Lage gedeckt: und dennoch siegte der Soldat, weil er auf die Beute rechnen konnte, über Alles. Auf dreitausend Feinde fielen an den Mauern: die Beute gehörte dem Soldaten,

Der größte Theil der Ehre von der Eroberung dieser Städte wird in einigen Jahrbüchern dem Maximus beigelegt. Nach ihren Berichten that den Angriff auf Murgantia Decius, auf Ferentinum aber und Romulea Fabius. Andre schreiben dies Verdienst den neuen Consuln zu; wieder Andre nicht beiden, sondern nur dem Einen, dem Lucius Volumnius, weil durch das Los der Krieg in Samnium ihm beschieden gewesen sei.

18. Während dieser Thaten in Samnium – wer sie auch verrichtet und geleitet haben mag – erhob sich aus vielen Völkern abermals in Hetrurien, ein fürchterlicher Krieg gegen die Römer, welchen der Samnit, Gellius Egnatius, einleitete. Fast alle Tusker hatten sich für diesen Krieg entschieden: ihr Beispiel hatte die nächsten Völkerschaften Umbriens angesteckt, und durch gebotenen Sold gewann man auch Gallische Hülfsvölker. Dieser ganze Völkerhaufe sammelte sich am Lager der Samniten. Da diese plötzliche Schreckensnachricht in Rom einlief, als der Consul Lucius Volumnius schon mit der zweiten und dritten Legion und funfzehntausend Bundesgenossen nach Samnium aufgebrochen war, so beschloß man, den Appius 345 Claudius je eher je lieber nach Hetrurien abgehen zu lassen. Ihm folgten zwei Römische Legionen, die erste und vierte, und zwölftausend Bundesgenossen. Er schlug in der Nähe des Feindes sein Lager auf. Indeß wurde mehr dadurch gewonnen, daß man zeitig genug ankam, einige sich schon zum Kriege anschickenden Völker Hetruriens durch den Schrecken des Römischen Namens niederzuhalten, als weil hier irgend eine Unternehmung des Consuls geschickt genug angelegt, oder völlig gelungen wäre. Er lieferte viele Gefechte, durch Ort und Umstände im Nachtheile: mit jedem Tage vermehrte die Hoffnung des Feindes Übergewicht; und es durfte nicht lange währen, so schwand das Zutrauen der Soldaten zum Feldherrn, des Feldherrn zu den Soldaten. In drei Jahrbüchern finde ich, daß er einen Brief habe abgehen lassen, seinen Amtsgenossen aus Samnium an sich zu ziehen. Doch mag ich dies nicht alsIch folge Crevier's Vermuthung: piget tamen certum ponere. Die Lesart incertum entstand entweder aus dem unmittelbar vorhergehenden n im Worte tamen, oder daraus, daß tn (die Abbreviatur für tamen) für in angesehen wurde. So führt Drakenb. XXXII. 25, 9. statt omnem tamen casum die Lesart an: omnem in casum, und verweiset auf seine Note zu IX. 38, 10. Gewißheit aufstellen, da gerade hierüber die Consuln des Römischen Volks, Männer, die diese Würde schon zum zweitenmale bekleideten, einander widersprachen; denn Appius leugnete, ihm geschrieben zu haben, Volumnius hingegen behauptete, durch des Appius Brief herbeigerufen zu sein. Volumnius nämlich hatte in Samnium schon drei kleine Festungen erobert, in welchen an dreitausend Feinde getödtet und etwa halb so viele gefangen genommen wurden: er hatte die Unruhen der Lucaner, die unter Anführung gemeiner und dürftiger Leute entstanden waren, durch den mit dem alten Heere dorthin geschickten Proconsul Quintus Fabius, unter der eifrigsten Theilnahme der Vornehmen, unterdrückt. Jetzt ließ er den Decius zur Verheerung des feindlichen Landes zurück, und zog selbst mit seinen Truppen zu seinem Amtsgenossen nach Hetrurien, wo ihn bei seiner Ankunft Alle mit Freuden empfingen. Nach dem, was dem Appius sein 346 Bewustsein sagte, war es, glaube ich, nicht ganz unrecht, daß er aufgebracht wurde, falls er nicht geschrieben hatte: hatte er aber Hülfe verlangt, so war es unedel und undankbar, es jetzt zu leugnen. Da er ihm vor die Thür entgegen ging und kaum von seiner Seite den Gruß erwiederte, sprach er: «Ist ein Unglück vorgefallen, Lucius Volumnius? Wie stehen die Sachen in Samnium? Was veranlaßte dich, aus deiner Provinz herauszugehen?»Volumnius antwortete: «in Samnium stehe Alles gut: er sei auf einen Brief von ihm gekommen. Sollte dieser untergeschoben, und er selbst in Hetrurien nicht nöthig sein, so wolle er sogleich umkehren und abziehen.» – «Geh in Gottes Namen,» sprach Appius: «hier hält dich niemand: denn es ist ungereimt, wenn du dort vielleicht deinem Kriege kaum gewachsen bist, daß du hier dich rühmen willst, Andern zu Hülfe gekommen zu sein.» – «Das wolle GottIch folge hier Crevier's Interpunction: bene Hercules verteret, so daß das Comma vor und hinter Hercules wegfällt, dem von Drakenb. in der Note zu dieser Stelle angeführten Dii bene vertant! gemäß. verhüten!» erwiederte jener. «Es sei ihm lieber, die Mühe vergeblich gehabt zu haben, als wenn sich irgend etwas ereignet hätte, wodurch Ein consularisches Heer für Hetrurien unzulänglich geworden wäre.»

19. Als die Consuln schon von einander schieden, traten die Legaten und Tribunen aus dem Appischen Heere um sie herum. Einige baten ihren Feldherrn, «er möge die Hülfe seines Amtsgenossen, die man ihrerseits würde haben suchen müssen, doch jetzt, da sie ihm freiwillig angeboten würde, nicht abweisen.» Noch mehrere traten dem abgehenden Volumnius in den Weg und beschwuren ihn: «Nicht über einen unerlaubten Streit mit seinem Amtsgenossen das Beste des Stats aufzuopfern. Sollte sich ein Unglück ereignen, so würde es mehr dem verlassenden, als dem verlassenen Theile zur Last gelegt werden. Die Sache sei dahin gediehen, daß alle Ehre und Schande des glücklichen oder unglücklichen Erfolgs in Hetrurien dem Lucius Volumnius vermacht sei. Niemand werde 347 nachfragen, welcher Worte sich Appius bedient habe, sondern, wie es dem Heere ergangen sei. Vom Appius freilich werde er entlassen; allein der Stat und das Heer hielten ihn zurück; er möge nur die Wünsche der Soldaten auf die Probe stellen.» Unter solchen Warnungen und Betheurungen zogen sie die sich fast sperrenden Consuln zur Versammlung fort. Hier wurden längere Reden gehalten, fast desselben Inhalts, der vorhin den Gegenstand des Wortwechsels zwischen den Wenigen ausmachte. Und da sich Volumnius bei dem Rechte auf seiner Seite, selbst gegen die hohe Beredsamkeit seines Amtsgenossen gerade nicht als den Unberedten zeigte, und Appius spöttisch sich äußerte: «Sie müßten es ihm Dank wissen, daß aus dem Stummen und Sprachlosen sogar ein beredter Consul geworden sei; im ersten Consulate, vollends in den ersten Monaten, habe er den Mund nicht aufthun können, und jetzt sage er ganze Reden voll gefälliger Schmeicheleien auf»: so antwortete Volumnius: «Wie viel lieber wäre es mir, du hättest von mir tapfre Thaten gelernt, als ich von dir zierliche Reden!» Zuletzt that er ihm einen Vorschlag, welcher entscheiden sollte, «nicht, wer von ihnen beiden der bessere Redner sei; denn darum sei es dem State nicht zu thun; sondern der bessere Feldherr. Die beiden Kriegsprovinzen seien jetzt Hetrurien und Samnium. Er lasse ihn wählen, welche er wolle; und werde mit seinem Heere, sei es in Hetrurien oder in Samnium, seine Sache schon führen.» Da forderten die Soldaten, durch ein erhobenes Geschrei: «Beide möchten mit einander den Hetruskischen Krieg übernehmen.» Als Volumnius diesen Sinn der Eintracht bemerkte, sprach er: «Da ich Einmal die Meinung meines Amtsgenossen unrichtig verstanden habe, so soll es wenigstens meine Schuld nicht sein, wenn ich über euren Willen ungewiß bliebe. Erkläret mir durch euer Geschrei, ob ihr wollt, daß ich bleiben oder abziehen soll.» Und nun erhob sich ein so gewaltiges Geschrei, daß es die Feinde aus ihrem Lager rief, die geschwind die Waffen ergriffen und in Schlachtordnung traten. Volumnius ließ ebenfalls die Trompeten 348 blasen und die Fahnen ausrücken. Nur Appius soll bei sich angestanden haben: denn er sah, er selbst möchte schlagen, oder sich ruhig verhalten, so werde der Sieg das Werk seines Amtsgenossen sein: endlich soll auch er seinen Legionen, aus Furcht, sie möchten ebenfalls dem Volumnius folgen, auf ihr Pochen das Zeichen gegeben haben. Den Vortheil der Stellung hatte von beiden Linien eigentlich keine. Denn theils war der Samnitische Feldherr, Gellius Egnatius, mit einigen Cohorten auf Futterholung ausgegangen, und seine Soldaten ließen sich mehr aus eigner Aufwallung, als von irgend einem Oberen geführt oder befehligt, auf das Treffen ein: theils wurden die Römischen Heere weder beide zugleich aufgeführt, noch hatten sie die gehörige Zeit, sich zu stellen. Volumnius griff schon an, ehe Appius den Feind erreichte. Daher geschah auch der Angriff nicht in gerader Linie: auch ließ das Schicksal, als wollte es diesmal unter den einander gewohnten Feinden einen Tausch treffen, die Hetrusker gegen den Volumnius auftreten, und die Samniten, die wegen der Abwesenheit ihres Feldherrn eine Weile zauderten, gegen den Appius. Mitten im hitzigsten Gefechte soll Appius, so daß man ihn im Vordertreffen mit gen Himmel gehobenen Händen stehen sah, folgende Worte gebetet haben: «Bellona, wenn du uns heute Sieg giebst, ja so verheiße ich dir einen Tempel.» Nach diesem Gebete that er es, als hätte ihn die Göttinn begeistert, sowohl seinem Amtsgenossen, als seinem eignen HeereNach Drakenborch, Gronov und Crevier, denen auch Wagners Übersetzung folgt, ist exercitus hier der Genitiv, und des Appius eignes Heer gemeint, dem er allein, als der Zauderer, bisher an Tapferkeit nachgestanden habe. Daß sein Heer es dem andern (Volumnischen) Heere an Tapferkeit gleich gethan habe, wie Große und Ostertag übersetzen, davon sagt Livius, so wie die Worte jetzt dastehen, nichts. Und meine Vermuthung, daß in der alten Lesart adaequavit die Spur des richtigern alt9 equavit (alterius aequavit) vorhanden sei, möchte zu gewagt sein: sonst läge hierin der verlangte Sinn: et exercitus (Appii) virtutem alterius (i. e. Volumniani exercitus) aequavit. an Tapferkeit gleich. Die Feldherren leisteten die Pflichten der Befehlshaber, und ihre Soldaten beeiferten sich, den Sieg nicht auf dem andern Flügel früher anfangen zu 349 lassen. Also wurde der Feind geworfen und gejagt, der ohnehin nur mit Mühe einer größern Macht Stand hielt, als mit der er gewöhnlich zu fechten hatte. Dadurch, daß die Römer dem Weichenden nachdrangen und den Geschlagenen verfolgten, trieben sie ihn bis an sein Lager. Hier wurde durch die Dazwischenkunft des Gellius und der Samnitischen Cohorten das Gefecht auf einige Zeit wieder lebhaft. Als aber auch diese bald geschlagen waren, machten sich die Sieger schon an die Bestürmung des Lagers; und da Volumnius selbst auf ein Thor den Angriff that, und Appius dadurch, daß er zu wiederholtenmalen den Namen der Siegerinn Bellona erschallen ließ, den Muth der Soldaten anfeuerte, so brachen sie über Wall und Graben hinein. Das Lager wurde erobert und geplündert: die gewonnene Beute war groß und wurde dem Soldaten gelassen. Siebentausend dreihundert Feinde fielen; zweitausend einhundert und zwanzig wurden gefangen.

20. Während sich unter beiden Consuln die ganze Römische Macht angelegentlicher auf den Krieg mit den Hetruskern warf, brachen in Samnium neue Heere zur Plünderung des Römischen Gränzgebietes auf, zogen durch das Vescinische nach Campanien und in das Falernerland herüber und machten außerordentliche Beute. Volumnius, der in starken Märschen auf Samnium zurückkehrte, – denn schon ging der dem Fabius und Decius verlängerte Oberbefehl zu Ende – wandte sich auf den Ruf von diesem Samnitischen Heere und dessen Plünderungen im Campanischen, seitwärts, um die Bundsgenossen zu schützen. Als er in das Calenische kam, sah er theils die frischen Spuren der Verheerung selbst, theils erzählten ihm die Calener: «Die Feinde schleppten eine solche Menge Beute mit sich, daß sie sich kaum als Heerzug aufstellen könnten; deswegen sprächen auch ihre Anführer laut davon, man müsse sogleich den Weg nach Samnium nehmen, um, nach dort abgelegtem Raube, in den Feldzug zurückzugehen, nicht aber ein so belastetes Heer einem Gefechte aussetzen.» Fehlte es gleich diesen Aussagen nicht an Wahrscheinlichkeit, so schickte er dennoch, um 350 so viel sicherere Kundschaft einzuziehen, hier- und dorthin Ritter aus, um von den zerstreuten, in die Dörfer schwärmenden Plünderern einige aufzuheben. Durch Ausfragen erfuhr er von diesen: «Der Feind stehe am Flusse Vulturnus; er werde um die dritte Nachtwache aufbrechen; der Marsch gehe nach Samnium.» Hinlänglich hierüber belehrt zog er weiter, und legte sich in eine solche Entfernung von den Feinden, daß sie nur nicht durch zu große Nähe seine Ankunft erfuhren, er sie hingegen bei ihrem Abzuge aus dem Lager überfallen konnte. Lange vor Tage rückte er dem Lager näher und schickte einige, der Oskischen Sprache Kundige, ab, um zu erspähen, was jetzt im Werke sei. Da sich diese bei der Unordnung des nächtlichen Aufbruchs leicht unter die Feinde mischten, so brachten sie in Erfahrung, daß die Fahnen schwach besetzt schon ausgerückt wären, die Beute und die Bedeckung der Leute jetzt auszögen, in unscheinbarer Haltung, jeder nur mit der Fracht seines Eigenthums beschäftigt, ohne allen gemeinschaftlichen Plan mit den Übrigen, ohne bestimmte Leitung von oben. Dies schien ihm der günstigste Augenblick zum Angriffe: auch war der Tag schon im Anbrechen. Also ließ er die Trompeten blasen und fiel auf den Zug der Feinde. Die Samniten, mit ihrer Beute beschwert und nur einzeln bewaffnet, verdoppelten zum Theile ihre Schritte und trieben die Beute vorwärts, zum Theile machten sie Halt; und ungewiß, ob es sicherer sei, weiter zu gehen, oder ins Lager umzukehren, wurden sie in ihrer Unschlüssigkeit niedergemacht. Auch hatten die Römer den Wall schon erstiegen, und Mord und Getümmel war im Lager allgemein. Der Zug der Samniten war, außer dem feindlichen Getümmel, auch durch den plötzlichen Aufstand der Gefangenen in Verwirrung gerathen. Diese, zum Theile ungefesselt, banden die Gefesselten los; zum Theile nahmen sie die auf das Gepäck gebundenen Waffen weg, und so bewirkten sie, unter den Zug gemischt, ein Getümmel, welches fürchterlicher war, als das Treffen selbst. Nun aber bestanden sie eine denkwürdige That. Sie wagten einen Angriff auf den 351 Feldherrn Stajus Minacius, als er an die Glieder ritt und sie ermunterte; jagten die bei ihm befindlichen Reuter aus einander, nahmen ihn in die Mitte, und schleppten ihn gefangen auf seinem Pferde zum Römischen Consul. Durch diesen Lärmen wurde der Vortrab der Samniten wieder umgerufen, und das schon aufgegebene Gefecht begann von neuen, konnte aber nicht länger fortgesetzt werden. An sechstausend Mann blieben auf dem Platze; zweitausend fünfhundert wurden zu Gefangenen gemacht, unter diesen waren vier Obersten. Dreißig Fahnen wurden erbeutet; und was den Siegern das Erfreulichste war, siebentausend und vierhundert Gefangene und die Menge des den Bundsgenossen geraubten Gutes gewann man wieder. Durch eine Bekanntmachung wurden die Eigenthümer eingeladen, ihre Sachen auszusuchen und in Empfang zu nehmen. Was bis zu einem angesetzten Tage keinen Herrn gefunden hatte, blieb dem Soldaten, der aber seine Beute verkaufen mußte, um für nichts Anderes, als für seine Waffen, Sinn zu haben.

21. Zu Rom hatte jene Plünderung Campaniens große Bestürzung veranlasset, und gerade in denselben Tagen war aus Hetrurien die Meldung eingelaufen, das ganze Hetrurien, welches, nach dem Abzuge des Volumnischen Heers von dort, in die Waffen getreten sei, und Gellius Egnatius, der Samnitische FeldherrIch folge der von Drakenborch gebilligten Verbesserung Gronovs (welcher voca re und sollicita re statt des Passivums lieset) und Drakenborchs Erklärung, nach welcher die Hetrusker mit Egnatius im Bunde den Galliern das Geld bieten; wodurch Duker's Einwendung gehoben wird., riefen nicht nur die Umbrier zum Aufstande, sondern wiegelten auch durch große Geldsummen die Gallier auf. Durch diese Nachrichten in Schrecken gesetzt, ließ der Senat einen Gerichtsstillstand ankündigen und eine Werbung aus allen Classen von Leuten halten: nicht nur Freigeborene oder im Dienstalter Stehende wurden beeidigt, sondern auch aus denen, die schon über die Jahre waren, wurden Cohorten errichtet, und Söhne der Freigelassenen in die Centurien eingereihet. Auch dachte man darauf, die Stadt 352 in Vertheidigungsstand zu setzen, und der Prätor Publius Sempronius hatte die Leitung des Ganzen. Indeß von einem Theile der Sorgen entlud den Senat der Brief des Consuls Lucius Volumnius, aus welchem man ersah, daß er die Plünderer Campaniens geschlagen und verjagt habe. Also wurden dieses Sieges wegen dem Consul zu Ehren feierliche Dankgebete angeordnet, der Gerichtsstillstand nach einer Dauer von achtzehn Tagen aufgehoben, und das Dankfest sehr vergnügt gefeiert. Darauf nahm man es in Überlegung, wie man der von den Samniten verheerten Gegend eine Bedeckung geben möchte. Man beschloß also, zwei Pflanzungen in das Vescinische und Falernische auszuführen: die eine an die Mündung des Flusses Liris; sie bekam den Namen Minturnä: die andre sollte im Vescinischen Gebirgwalde sein, wo er das Falernische berührt, da wo die Griechische Stadt Sinope gestanden haben soll, die nachher von den Römischen Anbauern Sinuessa genannt wurde. Die Bürgertribunen bekamen den Auftrag, den Prätor Publius Sempronius durch einen Beschluß des Bürgerstandes zur Ernennung der Dreiherren zu bevollmächtigen, welche den Anbauern jene Plätze anzuweisen hätten: doch hielt es schwer, Leute zu finden, die sich als Pflanzer einzeichnen ließen, weil sie ihrer Meinung nach so gut als auf einen feststehenden Posten in einer unsichern Gegend, nicht aber auf Landbesitzungen, ausgesandt wurden.

In der Besorgung dieser Dinge unterbrachen den Senat die immer zunehmende Wichtigkeit des Hetruskischen Krieges, und die wiederholten Briefe des Appius mit der Warnung, die Bewegungen jener Gegend nicht zu vernachlässigen. «Vier Völker vereinigten ihre Waffen, die Hetrusker, Samniten, Umbrier, Gallier. Schon hätten sie an zwei verschiedenen Stellen sich gelagert, weil Ein Platz eine so große Menge nicht fassen könne.» Aus diesen Gründen und zugleich des Wahltags wegen, dessen Zeit herannahete, wurde der Consul Lucius Volumnius nach Rom zurückgerufen; der dann, noch ehe er die Centurien zur Stimmensammlung aufforderte, vor dem zur 353 Versammlung berufenen Volke sich weitläufig über die Größe des Hetruskischen Krieges ausließ. «Schon damals, als er dort mit seinem Amtsgenossen gemeinschaftlich gewirkt habe, sei der Krieg so umfassend gewesen, daß er weder von Einem Feldherrn, noch mit Einem Heere habe geführt werden können. Nachher, so heiße es, wären die Umbrier noch hinzugekommen und ein ungeheures Heer von Galliern. Sie möchten nicht vergessen, daß sie am heutigen Tage in ihren Consuln Heerführer gegen vier Völker zu wählen hätten. Er würde, wenn er nicht darauf rechnete, daß die einstimmige Wahl des Römischen Volks Den zum Consul ernennen werde, den man unstreitig für den größten aller jetzigen Feldherren halte, ihn sogleich zum Dictator ernannt haben.»

22. Niemand zweifelte daran, daß Alle einmüthig sich für den Quintus Fabius bestimmen würden; und wirklich ernannten auch die zuerst stimmende und alle nach ihr zunächst aufgerufenen Centurien ihn mit dem Lucius Volumnius zum Consul. Des Fabius Erklärung lautete, wie vor zwei Jahren: dann aber, als er durch die Einstimmung Aller sich überwunden sah, endigte sie mit der Bitte um den Publius Decius, als Amtsgenossen. «Hierin werde sein Alter eine Stütze finden. In der Censur und in zwei mit ihm verwalteten Consulaten habe er die Erfahrung gemacht, daß es zur Aufrechthaltung des Statsbesten kein stärkeres Mittel gebe, als eine einträchtige Amtsverbindung. An einen neuen Genossen des Oberbefehls könne sein alternder Geist sich jetzt kaum noch gewöhnen: aber einem Manne von ihm schon bekannter Denkart werde er sich zu gemeinschaftlichen Überlegungen leichter mittheilen können.»

Dieser Rede gab der Consul seinen Beifall, theils durch die dem Publius Decius ertheilten verdienten Lobsprüche, theils dadurch, daß er auseinander setzte, welche Vortheile bei der Leitung der Angelegenheiten im Felde aus der Eintracht der Consuln entsprängen, und welch ein großer Nachtheil aus ihrer Uneinigkeit; und wie nahe man neulich über seines Amtsgenossen Streit mit ihm der 354 augenscheinlichsten Gefahr gewesen sei; ferner durch seine Aufforderungen an den Decius und Fabius, «Eines Sinnes und Eines Herzens mit einander zu leben. Außerdem wären sie Männer, die zum Kriege geboren wären; durch Thaten groß; in Wortkämpfen und Zungengefechten ungeübt. So wären sie zu Consulaten gerade die rechten Männer. Den Schlauen hingegen und Gewandten, den Rechtsverständigen und Rednern, von des Appius Claudius Schlage, müsse man den Vorsitz in der Stadt und im Gerichte geben, und sie zu Prätoren wählen, um Recht zu sprechen.»

Unter solchen Vorträgen war der Tag verstrichen. Am folgenden richtete man sich bei der Consuln- und Prätorwahl nach dem Vorschlage des Consuls. Zu Consuln wurden Quintus Fabius und Publius Decius gewählt, zum Prätor Appius Claudius; alle ohne ihr Beisein. Auch dem Lucius Volumnius wurde durch einen Senatsschluß und auf ein Erkenntniß des Bürgerstandes der Heeresbefehl auf ein Jahr verlängert.

23. In diesem Jahre ereigneten sich viele Schreckzeichen. Ihre Drohungen abzuwenden, verordnete der Senat zweitägige Andachtsübungen. Den dazu nöthigen Opferwein und den Weihrauch gab der Stat. Die Aufzüge beider Geschlechter zu den Tempeln waren sehr zahlreich. Eine Auszeichnung bekam dieses Betfest durch einen unter den Frauen von Stande in der Capelle der Adlichen Keuschheit vorgefallenen Streit: diese steht am Ochsenmarkte neben dem runden Herculestempel. Die Frauen hatten die an den bürgerlichen Consul Lucius Volumnius verheirathete Patricierinn, Virginia, des Aulus Tochter, weil sie von den Adlichen ausgeheirathet hatte, bei dem Gottesdienste nicht zulassen wollen. Der kurze Wortwechsel hierüber stieg durch die weibliche Reizbarkeit zu einem leidenschaftlichen Streite, in welchem Virginia mit Recht sich rühmte, sie habe den Tempel der Adlichen Keuschheit als eine Adliche, als eine keusche Frau betreten, die nur Einmal geheirathet habe, und zwar den, dem sie als Jungfrau übergeben sei; auch habe sie sich ihres Gatten, 355 oder seiner Ämter und Thaten nicht zu schämen. Diesen edelmüthigen Worten gab sie durch eine ausgezeichnete Handlung noch höheren Werth. In ihrem Hause auf der Langenstraße – hier wohnte sie – sonderte sie so viel Raum ab, als zu einer mäßigen Capelle hinreichte, errichtete hier einen Altar, ließ die angesehenen Bürgerinnen einladen, klagte ihnen ihre Beleidigung von den Patricierinnen und sprach: «Diesen Altar weihe ich der bürgerlichen Keuschheit, und fordere euch auf, den Wetteifer, der die Männer dieses States in der Tapferkeit beseelt, unter uns Frauen in der Keuschheit stattfinden zu lassen, und euch zu bestreben, daß der Ruf diesem Altare, wo möglich, eine noch reinere Verehrung und von noch keuscheren Weibern zuspreche, als jenem.» Der Dienst an diesem Altare hatte fast dieselbe Einrichtung, wie an jenem älteren, so daß auch hier nur Frauen von Range, von bewährter Keuschheit und die nur Einmal verheirathet waren, das Recht zu opfern hatten. Als aber späterhin die Besorgung desselben auch Entweiheten, nicht bloß von Stande, sondern auch Weibern aus allen Gassen preisgegeben war, gerieth er zuletzt in Vergessenheit.

In diesem Jahre brachten die beiden Ogulnier, Cneus und Quintus, als Curulädilen, die Anklage mehrerer Wucherer vor das Volk. Von den Strafgeldern, die sie aus dem Vermögen der Verurtheilten in die Statscasse zogen, ließen sie auf dem Capitole eherne Schwellen legen, in Jupiters Allerheiligstem ein Silbergeschirr zu drei Tischen, auf der Kuppel den Jupiter im vierspännigen Wagen, und bei dem Ruminalischen Feigenbaume die Bildnisse der an der Wölfinn saugenden Kinder, der beiden Erbauer Roms, aufstellen, ferner den Fußsteig vom Campenischen Thore bis zum Marstempel mit Quadersteinen pflastern. Auch veranstalteten die Bürgerädilen Lucius Älius Pätus und Cajus Fulvius Curvus, gleichfalls von Strafgeldern, welche sie von verurtheilten Pächtern öffentlicher Weideplätze eingetrieben hatten, feierliche Spiele und stellten im Tempel der Ceres goldne Opferschalen auf.

356 24. Nun traten Quintus Fabius zum fünften- und Publius Decius zum viertenmale das Consulat an, die nun zum drittenmale als ConsulnDie gedrungene Kürze der Lateinischen Sprache erlaubte dem Livius, durch das Präsens: consulatum incunt, tribus consulatibus collegae, beides zugleich auszudrücken, daß sie nämlich in zwei Consulaten schon Collegen gewesen waren, und es heute zum drittenmale wurden. Man muß also hier nicht übersetzen: Welche in drei Consulaten Collegen gewesen waren: denn das waren sie noch nicht gewesen. Ja sie erlebten den Ablauf gerade dieses dritten gemeinschaftlichen Consulatjahres nicht, weil sich Decius schon vorher in der Schlacht nach dem Beispiele seines Vaters freiwillig in den Tod gab. S. die folgende Anmerkung. und schon vorher als Censorn Amtsgenossen waren; Männer, die ihr Thatenruhm, so groß er war, nicht höher hob, als ihre Eintracht. Damit aber auch diese nicht ununterbrochen bliebe, mußte ein Streit, meiner Meinung nach mehr unter ihren Ständen, als unter ihnen selbst, eintreten; weil die Patricier dahin strebten, daß dem Fabius Hetrurien außer der Regel zum Kriegsschauplatze angewiesen würde, die Bürgerlichen hingegen dem Decius zuredeten, auf die Verlosung zu dringen. Wenigstens kam es darüber im Senate zum Streite, und weil hier Fabius die Oberhand behielt, wurde die Sache an das Gesamtvolk gebracht. Vor der Versammlung ließen sie sich als Kriegsmänner, die mehr auf Thaten, als auf Reden fußten, nur auf wenig Worte ein. Fabius sagte: «Es sei unbillig, daß unter dem Baume, den er gepflanzt habe, ein Anderer die Früchte lese. Er habe den Ciminischen Wald geöffnet und durch unwegsame Gebirgspässe dem Kriege Roms den Weg gebahnt. Warum man ihn in seinen Jahren aufgefordert habe, wenn man Willens gewesen sei, den Krieg unter einem andern Feldherrn zu führen?» Er äußerte nicht undeutlich die anzügliche Klage, «daß er sich also doch einen Gegner, nicht aber einen Gehülfen im Oberbefehle gewählt habe; und dem Decius müsse das Glück ihrer dreimaligenNach meiner Übersetzung würde man den ausgelassenen Schluß dieser Beschuldigung etwa so ergänzen können: «und darum habe Decius sie beide zu diesem Glücke nicht zum viertenmale kommen lassen wollen.» Meine Vorgänger übersetzen diese Stelle so: «Daß Decius über die drei einträchtig mit einander geführten Consulate mißvergnügt sei.» Allein das dritte Consulat hatten Fabius und Decius noch nicht geführt, sondern erst heute angetreten. Auch sagt Livius nicht consulatibus tribus, sondern collegiis tribus. Und da er in unserm Cap. oben gesagt hatte: tribus consulatibus censuraque collegae, und im 22sten von eben diesen beiden Männern censura duobusque consulatibus simul gestis, so kann er auch an unsrer Stelle sich nicht so vergessen, daß er unter den 3 collegiis die 3 Consulate allein verstünde, da nach seiner wiederholten Erklärung die Censur mit darunter gehört. Aus eben diesem Grunde glaube ich auch, daß Crevier das Wort invidisse unrichtig erklärt habe. Seine Note lautet so: Invidisse] Noluisse Decium, tertio tum in consulatu collegas eadem concordia inter se agere: qua duos iam consulatus simul gessissent. Folglich nimmt Crevier bei dem Worte invidisse Rücksicht auf das dritte eben angetretene Consulat, und läßt den Livius sagen, Decius habe (nach des Fabius Beschuldigung) dem dritten Consulate das Glück oder den Ruhm nicht gönnen wollen, welche die beiden vorigen von der Eintracht der beiden Consuln gehabt hätten. Dann aber hätte Livius, da in den collegiis tribus auch die Censur schon begriffen sein muß, sagen müssen: invidisse collegiis quatuor, oder quarto collegio. Ich glaubte also, das invidisse nicht auf das noch neue, eben erst eintretende Consulat, sondern auf die beiden vorigen und die Censur zugleich beziehen zu müssen, und wünsche, den Sinn des Livius, dem ich freilich bei dieser prägnanten Kürze des Ausdrucks mit einigen Worten mehr zu Hülfe kommen mußte, getroffen zu haben. Daß übrigens dem Worte invidere der ihm hier gegebene Sinn nicht fremd, sondern gerade der gewöhnlichste sei, beweiset gleich die von Gesner im Thesaurus zuerst aufgeführte Bedeutung: rebus secundis alterius dolere. Eintracht im Amte zu groß geschienen haben.»357 Am Schlusse sagte er: «Er verlange weiter nichts, als daß sie ihn, wenn sie ihn dieses Postens würdig achteten, zu demselben absenden möchten. Er habe sich hierin dem Gutachten des Senats überlassen, und werde sich auch der Entscheidung des Gesamtvolkes unterwerfen.»

Publius Decius hingegen beklagte sich über die Ungerechtigkeit des Senats. «Die Väter hätten, so lange es ihnen möglich gewesen sei, alle Kräfte aufgeboten, den Zutritt zu hohen Ämtern dem Bürgerstande zu wehren. Seitdem sich aber das Verdienst durch sich selbst das Recht erkämpft habe, daß ihm, in welcher Classe es angetroffen werde, die Ehrenämter nicht entgehen dürften, sei man darauf bedacht, nicht bloß die Wahlstimmen des Volks, sondern selbst die Entscheidung des Loses ungültig zu machen und sie zur Begünstigung der Macht einiger Wenigen ausschlagen zu lassen. Alle Consuln vor ihnen hätten um ihre Posten geloset: jetzt ertheile der Senat dem Fabius seinen Posten ohne Los. Geschehe es, um den Fabius zu ehren, so habe dieser um ihn und um 358 den Stat so viele Verdienste, daß er selbst den Ruhm eines Quintus Fabius begünstigen wolle, sobald dieser nur nicht durch seine Verunglimpfung strahlen solle. Wer aber daran zweifeln könne, daß man alsdann, wenn der einzige gefährliche und schwierige Krieg dem Einen Consul ohne Los übertragen würde, den Andern für überflüssig und untauglich halten müsse? Fabius rühme sich seiner Thaten in Hetrurien. Auch Publius Decius wünsche, sich rühmen zu können, und werde vielleicht das Feuer, welches jener so verschüttet zurückgelassen habe, daß es so oft zu einer neuen unerwarteten Feuersbrunst aufschlage, völlig löschen. Übrigens wolle er Ehrenämter und Belohnungen seinem Amtsgenossen aus Achtung für dessen Alter und Würde gern überlassen: sobald es aber der Gefahr, sie zu verlieren, oder einem Kampfe um sie gelte, weiche er gutwillig weder jetzt noch künftig. Und sollte er weiter nichts bei diesem Streite gewinnen, so werde er wenigstens das erreichen, daß über Volkseigenthum das Volk selbst verfüge, nicht aber der Senat es parteiisch verschenke. Er bitte den allmächtigen Jupiter und die unsterblichen Götter, daß sie nur dann das Los zwischen ihm und seinem Amtsgenossen unparteiisch entscheiden lassen möchten, wenn sie ihm bei der Führung des Krieges gleiche Tapferkeit mit jenem und gleiches Glück verleihen wollten. So sei es wenigstens an sich billig, und des Beispiels wegen nöthig: auch erfordere es die Ehre des Römischen Volks, daß seine Consuln Männer wären, deren jedem man die Führung des Hetruskischen Krieges mit Recht anvertrauen könne.»

Fabius, ohne eine weitere Bitte an das Volk hinzuzufügen, als daß die Bezirke, ehe sie zur Stimmensammlung in die Schranken gerufen würden, den aus Hetrurien eingelaufenen Brief des Prätors Appius Claudius sich vorlesen lassen möchten, schied aus der Wahlversammlung. Und mit eben so großer Einstimmung des Gesammtvolks, als des Senats, wurde der Oberbefehl in Hetrurien, ohne zu losen, dem Fabius zuerkannt.

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